Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ein Wunsch ist das Verlangen die Realität zu ändern

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Familie / P16 / Gen
Bellatrix Lestrange Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle Narzissa Malfoy Rodolphus Lestrange Severus Snape
01.10.2020
01.10.2020
1
5.466
13
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
01.10.2020 5.466
 
Ein Wunsch ist das Verlangen die Realität zu ändern

„Du hast Dich wieder selbst übertroffen, Darling“, hörte sie ihren Schwager sagen. Sie rollte mit den Augen.

„Es ist nicht so, dass Narcissa das Dinner selbst zubereitet hätte“, erwiderte sie gelassen. Narcissa war viel zu gut erzogen, um ihrer Schwester eine scharfe Antwort zu geben.

„Wo ist Rodolphus heute Abend?“, fragte Lucius und griff nach seinem Glas. Bellatrix warf ihm einen überheblichen Blick zu. Er war vor wenigen Tagen aus Askaban zurückgekehrt, zermartert, verwundet, gebrochen…ebenso wie ihr eigener Ehemann. Lucius konnte vor ihr ruhig so tun, als hätte Askaban ihm nichts anhaben können, doch sein leicht gebeugter Rücken, sein eingefallenes Gesicht und sein ausgezerrter Körper verrieten ihn.

„Das kann ich dir nicht sagen, Lucius. Aber wenn ich raten sollte, dann…“, sie ließ den Satz bewusst unvollendet.

„Bella!“, zischte ihre Schwester und machte eine leichte Andeutung mit ihrer Hand in Richtung ihres Sohnes. Draco war volljährig und wenn er auch nur ein wenig nach seinem Vater kam, dann war er längst kein naiver Junge mehr.

„Ich habe doch gar nichts gesagt, Schwesterchen“, erwiderte sie mit einem suggestiven Lächeln in Richtung ihres Neffen.

Draco presste die Lippen zusammen. Narcissa machte ein pikiertes Gesicht. Und Lucius wirkte unbeeindruckt.

„Weißt du Bellatrix, vielleicht solltest du dich besser um deinen Ehemann kümmern. Dann würde er nicht…“, er machte eine dramatische Pause, „… auf Wanderschaft gehen.“

„Oh, ich habe nicht das geringste Interesse daran irgendetwas über ihn zu wissen, geschweige denn ihn an irgendwas zu hindern, wie du sehr wohl weißt. Im Gegensatz zu meiner Schwester, habe ich meine Individualität nicht völlig eingebüßt, als ich geheiratet habe.“

„Das reicht jetzt“, mischte sich Narcissa, peinlich berührt, ein. „Wollen wir in den Salon?“

Man erhob sich um im Salon einen Digestif zu sich zunehmen. Bellatrix nahm einen Feuerwhiskey und ignorierte die Unterhaltung ihrer Schwester mit Lucius. Sie ignorierte auch Draco, als er sich für den heutigen Abend verabschiedete und seiner Mutter einen Kuss auf die Wange gab, als wäre er noch ein kleiner Junge.

Als Narcissa ihr ihren dritten Whiskey einschenkte – nicht ohne ihr vorher einen mahnenden Blick zuzuwerfen – betrachtete sie die Bilder auf dem Kaminsims. Das Abbild einer perfekten Familie. Das Abbild dessen, wogegen sie selbst rebelliert hatte. So wie sie stets rebelliert hatte, gegen jeden und alles.

Sie hatte gegen die Kleider rebelliert, die ihre Mutter ihr aussuchte. Sie hatte rebelliert, als ihr Hauslehrer, Professor Slughorn, ihr nahelegt hatte nicht am Duellier Club teilzunehmen, weil es sich für eine wohlerzogene junge Dame aus gutem Hause nicht gehörte. Und sie hatte dagegen rebelliert sich nicht in politische Themen einzumischen. Das alles sehr erfolgreich. Sie hatte ihre eigenen Kleider getragen, schwarz, ausgeschnitten, verwegen und provozierend. Sie hatte am Duellier Club teilgenommen, ihr magisches Talent so weit entfaltet, dass selbst Jungs aus höheren Klassenstufen nicht gegen sie antreten wollten und nach ihrem Abschluss hatte sie dafür gesorgt, dass die Lestranges ihr die wohl gefährlichste und beeindruckendste politische Persönlichkeit vorstellten, die es seinerzeit in der magischen Welt gab – den dunklen Lord. Und mit jeder einzelnen erfolgreichen Rebellion, hatte sie sich allmählich selbst neu erfunden. Und ihre Eltern waren zu schwach gewesen etwas dagegen zu tun. Währenddessen verstärkte sich ihre Begeisterung für den dunklen Lord.

Doch an Druella Blacks Nervenzusammenbruch war sie nicht schuld gewesen, das hatte Andromeda geschafft. Und nach Andromedas Fortgang war Cygnus Black zu gebrochen um auch nur einen wirklich ernstzunehmenden Versuch gegen die Rebellionen der ältesten Tochter zu unternehmen.

Für ihre Eltern war Rodolphus die große Hoffnung. Er wollte sie heiraten, trotz ihres widerspenstigen Wesens. Bellatrix rebellierte dieses Mal auf eine andere Art, weniger offensichtlich.

Sie hatte sich vor der Ehe, von der einzigen Person, für die sie Faszination und Respekt hegte, entjungfern lassen. Sie hatte sich dem dunklen Lord an den Hals geworfen, wie eine Dirne und er nahm sie hart und brutal, ohne Rücksicht auf ihre Jungfräulichkeit. Sie wusste, es war die Strafe dafür, dass sie ihn verführt hatte – den Mann, der sich dadurch definierte, dass er jeglichen fleischlichen Gelüsten gegenüber erhaben war. Und sie hatte die Strafe entgegengenommen, hatte sich ihm, trotz der Schmerzen und der Demütigung, entgegengestreckt. Sie wusste, dass sie es verdient hatte. Sie war kein nettes Mädchen. Das war sie nie gewesen. Selbst als kleines Mädchen hatte sie es nicht geschafft so wie Cissy zu sein. Warum es überhaupt versuchen?

Nachdem alles vorbei war, hatte er ihr erstaunlich sanft über die Wange gestrichen.

„Meine Bella, so schön, wenn du weinst…“ Die Erinnerung daran bereitete ihr ein tiefes Wohlempfinden.

Danach hatte er ihr die Ehre erteilt und ihr das Mal geschenkt, das so viel mehr Wert war, als der imposante Verlobungsring an ihrem Finger. Und er hatte begonnen ihr Privatunterricht in dunkler Magie zu erteilen. Sie hatte viel Potential, mehr als so mancher Mann, hatte er ihr gesagt.

Ihre Hochzeitsnacht endete mit einem Veilchen in ihrem Gesicht und einer aufgeplatzten Lippe. Rodolphus hatte sich, wie ein betrunkener, proletarischer Muggel an ihr gerecht. Sie ertrug es mit Stolz, so sagte sie ihm, nachdem sie ihm ihrerseits einen harten Tritt gegen seine Männlichkeit erteilt hatte.

Sie leckte sich bei dieser Erinnerung die Lippen. Niemand schrieb ihr vor wie sie sein sollte, tat ihr weh oder demütigte sie ungestraft.

*****


Seit Tagen war er nicht mehr bei ihr gewesen. Stattdessen hatte er sie vorgestern, bei der Todessersitzung gedemütigt, vor aller Augen. Sie würde ihm ihre eigene Nichte zu Füßen legen und den Werwolf dazu, wenn er es verlangte. Doch er hatte sie nicht ernst genommen, hatte sie schweigen lassen. Hatte ihre Familie lächerlich gemacht, während Snape – dieses abartige Halbblut, ungestraft zu spät kommen durfte und auch noch seinen Respekt genoss. Sie hätte Dumbledore ebenso erledigt, wie er es getan hatte!

Narcissa sorgte sich seitdem um ihren Ehemann, ließ ihn nicht aus den Augen. Was hatte ihre törichte kleine Schwester denn geglaubt? Dass seine Strafe mit einem Jahr in Askaban vorbei sein würde? Nun, ohne seinen Zauberstab, war Lucius Malfoy so viel wert wie ein Muggel. Sie sagte es Narcissa nicht, aber innerlich spürte sie Genugtuung über den tiefen Fall ihres arroganten Schwagers und vielleicht auch ein wenig über Narcissas.

Snape war der neue Liebling, die neue Nummer eins, der Vertrauenswürdigste, der neue Schulleiter…mit ihm war der dunkle Lord den ganzen Tag zusammen, schmiedete Pläne, und führte vertrauensvolle Gespräche…

Es war die Eifersucht und die Verzweiflung, die sie nach Hogwarts brachten - ohne einen Plan und ohne zu wissen, was sie eigentlich dort genau wollte, außer am liebsten Snapes Leben zu beenden.

Dumbledores – nein, Snapes Büro war leer. Es gab noch kein neues Passwort. Das Passwort von Dumbledore hatte mit dessen Tod seine Wirkung verloren. Sie stieg die Treppen hinauf und machte die schweren Eichentüren auf.

Doch es war niemand da. Das gesamte Schloss schien leer zu sein, so auch das Büro. Die neuen Sicherheitsmaßnahmen waren offensichtlich noch nicht in Kraft getreten. Niemals war man so einfach hier hineingelangt. Das kam ihr absurd vor. Vielleicht sollte sie dem dunklen Lord sagen, wie nachlässig Snape in seiner neuen Position war. Jeder konnte einfach hier hereinplatzen, herumschnüffeln und etwas stehlen.

Sie erblickte in der Ecke, zwischen all dem herumliegenden Krempel, ein über mannhohes Möbelstück, das jedoch vollständig in ein Samt-Tuch gehüllt war. Verwirrt runzelte sie die Stirn.

Impulsiv wie sie war und von Neugier gepackt, zerrte sie an dem Tuch und durch den Ruck fiel es zu Boden.

Es war ein Spiegel – nichts weiter als ein alter, riesiger und verdreckter Spiegel. Er musste noch aus Dumbledores Zeiten sein. Was sollte Snape mit einem solchem Objekt? Seine viel zu lange Nase betrachten? Wenn sie Snape gewesen wäre, hätte sie Spiegel gemieden. Vermutlich war er auch deswegen umhüllt gewesen. Sie schaute auf und erblickte eine Inschrift auf dem goldenen Rahmen. Obwohl es eindeutig lateinische Schriftzeichen waren, konnte sie es weder lesen, noch die Sprache identifizieren. Sie blickte in den Spiegel hinein und wo eben noch ihr eigenes Abbild gewesen war, stand nun eine vollkommen andere Frau!

Sie trat keuchend einen Schritt zurück und zog ihren Zauberstab aus der inneren Manteltasche. Die Frau verharrte auf der Stelle und lächelte selig und glücklich. Neben ihr stand ein Mann. Schwarzhaarig, hochgewachsen und in seinen Vierzigern.

Bellatrix schloss die Augen und strich sich keuchend über ihr Haar. Das konnte nicht sein! Sie musste es sich einbilden. Dieser Mann war…

Sie machte die Augen wieder auf. Zwischen dem attraktiven Paar standen zwei Kinder. Ein hübsches Mädchen, das der Frau stark ähnelte und ein kleiner Junge, dem Mann wie aus dem Gesicht geschnitten. Neben der Frau standen Druella und Cygnus Black. Druella wirkte schön und glamourös - die Ähnlichkeit zu Narcissa war unverkennbar und seltsam schmerzvoll. Und Cygnus wirkte vital und kräftig. Beide schienen zufrieden. Dies waren Gesichter stolzer Eltern.

Erneut betrachtete sie den Mann. Seine Augen, die elegante lange Nase, die helle Haut … es war …! Aber wenn er es war, wer bei Salazar war dann die Frau? Wer war dieses Miststück, das so selig neben ihm lächelte?!

Sie trat näher und musterte die Fremde intensiv. Irgendetwas an ihren Zügen kam ihr bekannt vor. Die Augen, das herzförmige Gesicht…Es konnte nicht Andromeda sein, dafür waren die Haare etwas zu dunkel, die Augen waren anders geformt, das Kinn etwas markanter…

Die Tränen kamen unweigerlich mit der Realisierung. Es war sie selbst! Sie war diese attraktive Frau. Ihr Haar war nicht wildgelockt, wie sie es immer gewesen waren, sondern seidig und in leichten Wellen gelegt. Sie trug sie halbzurückgesteckt, wie Narcissa sie häufig trug.

Bellatrix erinnerte sich, wie sie heimlich versucht hatte ihre wilden und widerspenstigen Haare zu glätten, nachdem ihre Mutter sich so häufig beschwert hatte. Es war misslungen und ihre Schwestern hatten gelacht. Ihre Mutter hingegen hatte nur den Kopf geschüttelt, wie üblich und behauptet, man könne gegen die Blackhaare nichts ausrichten, sie müssten das Beste daraus machen… Bellatrix hatte sie danach absichtlich offen und ungebändigt gelassen, wenn sie schon keine perfekten Haare haben konnte, wie die stets perfekte Cissy, dann würde sie eben die wildeste Mähne tragen, die eine Frau nur haben konnte!

Aber im Spiegel waren sie hübsch und zurechtgemacht. Sie trug eine hübsche mehrgliedrige Perlenkette. Eine lange, elegante Robe mit einem leichten Ausschnitt. Sie hatte perfekte Zähne und eine ebenso perfekte Figur. Es gab keine Falten und keine grauen Strähnen. Sie sah aus, wie eine stolze und perfekte reinblütige Ehefrau mit zwei kleinen Kindern, ihren stolzen Eltern und einem Ehmann. Tom …

Was war das für ein Spiegel? Was wollte er zeigen? Irgendeine grausame Form von Parallelwelt, in der die Menschen das Gegenteil zu sein schienen von dem was sie in Wirklichkeit waren?

Sie kämpfte gegen sämtliche Gefühlswallungen an, die sich in ihrer Brust aufstauten. Es war schwierig zu sagen, wen sie länger anstarrte, Tom oder die andere Version ihrer selbst. Der Blick, den er der anderen Bellatrix zuwarf, war nicht abfällig oder missbilligend, mahnend oder einfach begehrend. Er war sanft und stolz. Diese Bellatrix verdiente einen solchen Blick. Sie tat nichts Falsches, sie enttäuschte ihn nie. Sie war eine gute Tochter und eine gute Mutter. Sie war sorgsam und geduldig und verfügte über alle Eigenschaften, die man weiblichen Wesen zuschrieb. Sie war sanft und nicht wild. Sie war aufopfernd und nicht egoistisch. Sie war geduldig und nicht impulsiv.

Sie kannte die Geschichte dieses Paares im Spiegel. Sie hatten sich in einem Café in der Winkelgasse kennengelernt. Er hatte sich sofort in sie verliebt und sie hatte gewusst, dass er der einzige Mann auf der Welt war, der sie glücklich machen würde. Er hatte sie schließlich aus den Klauen ihres widerlichen Verlobten gerettet. Ihre Eltern hatten ihn sofort gemocht und waren stolz auf ihre Tochter gewesen, die es mit ihrem bezaubernden Wesen geschafft hatte, sich einen solch wichtigen und attraktiven Zauberer zu angeln. Ein Jahr nach der Hochzeit hatte sie ihm einen Sohn geschenkt und ein weiteres Jahr danach eine Tochter. Er hatte bei den Geburten ihre Hand gehalten. Hatte ihr die Tränen fortgewischt und beteuert wie schön sie sei, selbst jetzt, weinend und mit schmerzverzehrtem Gesicht.

„Bella, so schön, wenn du weinst…“

In den ersten Monaten ihrer Inhaftierung hatte sie diese Fantasie immer und immer wieder durchlebt und sich so häufig gefragt, warum sie ihm nicht einfach ein Kind geschenkt hatte. Und bei sich gedacht, ob es etwas ändern würde, wenn sie erstmal ein gemeinsames Lebewesen auf die Welt bringen würden, einen Erben, einen kleinen Tom. Würde er sie dann darum bitten sich scheiden zu lassen? Würde er sie dann mit anderen Augen sehen? Doch irgendwann hatten die Dementoren ihr auch die letzten Fantasien geraubt und es blieben nur noch die schlechten und traurigen Gedanken zurück, bis selbst diese irgendwann verschwanden und sie dann nur noch ein Schatten ihrer selbst war, wahnsinnig, verrückt und schließlich vor sich hin vegetierend.

*****


Er zog sie an den Haaren und sie spürte wie sie gegen die Kommode krachte. Reflexartig umfasste sie schützend ihren Bauch.

„Du bist verrückt geworden, Frau! Willst du, dass ich dich eines Tages umbringe, ist es das?!“

Während des ersten Tritts kam ihr der Gedanke, dass er recht hatte. Sie war verrückt. Verrückt genug um ihn zu hintergehen und ihm ein Kind anzuhängen. Etwas stimmte nicht mit ihr – hatte schon lange nicht mir ihr gestimmt, schon vor Askaban. Er hatte dieses Etwas gesehen. Es willkommen geheißen, es kultiviert und sie geformt, wie eine Ton-Puppe und schließlich vervollkommnet. Und sie hatte es begrüßt, es umfangen, und sich an ihn geklammert.

Er trat ein zweites Mal zu, gegen ihre Rippen. Sie verharrte still, konnte ein Aufkeuchen aber nicht verhindern. Sie hätte nicht so neugierig sein dürfen. Sie hätte nicht in den Spiegel sehen und versuchen sollen irgendetwas zu erzwingen. Aber es war einfach nicht verschwunden! Dieses verdammte Bild hatte sich in ihren Kopf eingenistet und ließ sich nicht nach hinten drücken, in ihr Unterbewusstsein, wo es hingehörte mit all den anderen Dingen.

Sie hatte immer deutlich gemacht, dass sie alles für ihn tun würde. Sie hatte mit anderen Männern geschlafen, wenn er glaubte es sei nötig um an Informationen zu kommen. Sie hatte für ihn gelogen, gemordet und schließlich auch gefoltert. Die größte Befriedigung daran war stets seine Anerkennung.

Sie war seine Mätresse, seine Dienerin, seine Anhängerin, seine Vertraute und seine Kriegerin. Warum konnte sie denn nicht seine Frau sein? Warum konnte er sie nicht lieben?

Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen wie er seinen Zauberstab aus seiner Robe beförderte. Sie wusste, was kommen würde. Der Cruciatus. Dann würde das kleine Wesen in ihrem Bauch sterben, soviel war sicher. Sie nutzte die Situation, um an ihn heran zukriechen. Es schmerzte und sie vermutete, dass er ihr mindestens eine Rippe gebrochen hatte.

„Bitte Herr. Bitte…“, Sie weinte. Sah ihn dabei von unten an, wie ein geschlagener kleiner Welpe. Kindlich und gedemütigt. Es erregte ihn, das wusste sie.

Er betrachtete sie einen Augenblick abfällig, während er sich ihr Flehen und ihre, von bitteren Tränen begleitete, Entschuldigungen anhörte.

Schließlich beugte er sich vor und sie zuckte keuchend zusammen, in der Erwartung eines Schlages. Doch stattdessen umfasste er grob ihr Kinn und zwang sie ihn direkt anzusehen.

„Das war Betrug, Bellatrix. Und keine Entschuldigung könnten das wieder richtigstellen. Die Auswirkungen des Cruciatus‘, allerdings…“

„Bitte nicht, Herr!“ Es war nicht schwer neue Tränen zu produzieren.

„Du bist keine Mutter Bellatrix. Ich dachte Du hättest in jungen Jahren erkannt, dass Du Dich für solche Dinge nicht eignest. Offenbar wirst Du im Alter nicht weiser. Aber das weibliche Geschlecht ist wankelmütig und zart. Offenbar bist Du doch nicht die Ausnahme, die ich mir erhoffte.“ Sein Ton war verachtend, aber nicht mehr wütend.

„Ich will doch nur…ich meine, ich…“

Sein Griff wurde fester und seine Nägel bohrten sich in ihre Haut. „Sag mir, was in deinem wirren Kopf vorgeht, Frau!“, zischte er.

„Ich wollte Euch nahe sein, Herr…so nahe wie man einem anderen Menschen sein kann. Ich wollte doch nur…ich wollte doch nur ein Teil von Euch mein Eigen nennen können. Ich wollte…ich wollte…“

Er lachte hämisch und dies war demütigender, als die Tritte in die Rippen. Doch sein Blick wurde etwas weicher und er betrachtete ihr tränenbenetztes Gesicht aufmerksam.

„Immer noch so schön…“

Er sagte es beinahe zärtlich und strich ihr bedacht die Tränen fort, fast wie ein Künstler, der einen schwierigen Pinselstrich vollführte. Dann führte er seine Finger an seinen Mund und benetzte seine Lippen mit ihren Tränen. Der Anblick war erregend und sie bekam, trotz ihrer Schmerzen, eine Gänsehaut. Doch bevor sie etwas sagen konnte, schlug er hart zu. Sie fiel zur Seite und hielt sich die geschundene Wange.

Ungerührt schritt er zur Tür. Dort angekommen, drehte er sich noch einmal um. „Kinder sind etwas für sterbliche Zauberer. Ich habe keinen Bedarf an einem Erben. Und wenn es Dich und Deine Arbeit für mich auch nur in irgendeiner Weise beeinträchtigt, dann…“, er musste nicht weitersprechen, damit sie wusste, was er ihr sagen wollte. Sie schloss die Augen und er verschwand aus dem Zimmer.

*****


Die Brutalität der Geburt überraschte sie. Es war ein Gewaltakt den die Natur ihrem Körper antat. Narcissa war bei ihr und eine Hebamme aus dem St. Mungos Hospital. Sie hatte sich mit voller Macht an ihrer Schwester geklammert und ihre Hand keine Sekunde losgelassen. Fast schlimmer als die Schmerzen, war das Gefühl von Verwundbarkeit.

Die Hebamme untersuchte es, während Narcissa ihrer Schwester dabei half sich ein neues Nachthemd anzuziehen. „Geht es ihm gut?“, fragte Bellatrix, die sich angestrengt zurück in die Kissen fallen ließ.

Die Hebamme drehte sich um. Sie überreichte Narcissa das Kind, damit diese es Bellatrix geben konnte. Vermutlich traute sie sich nicht ihr zu nahe zu kommen.

„Es ist ein Mädchen. Und wenn man bedenkt, dass sie einige Wochen zu früh auf die Welt gekommen ist, ist sie erstaunlich gesund und kräftig.“

„Sieh nur Bella. Wie hübsch sie ist“, sagte Narcissa und überreichte ihr das Kind. Bellatrix nahm es entgegen. Und betrachtete das kleine Wesen einen Augenblick. Es fing an sich zu winden und zu jammern. Sie fühlte sich beleidigt. Nach all den Strapazen hätte das Kind ihr zumindest ein Lächeln schenken können, statt klangvoll zu jammern.

„Sie sollten sie an die Brust anlegen“, sagte die Hebamme aus sicherer Distanz.

Es war schwieriger, als gedacht. Das Kind brauchte einige Minuten bis es die Brustwarze endlich mit seinen Lippen umschloss. Das Gefühl war befremdlich, aber zumindest gab das Baby nun Ruhe. Narcissa begleitete die Hebamme hinaus. Ob man sie nun oblivieren oder töten würde, wusste Bellatrix nicht und es war ihr auch egal.

Erneut öffnete sich die Tür und Narcissa trat wieder ein.

„Hast du dich nun für einen Namen entschieden?“

„Eigentlich wollte ich ihn Antares nennen. Ich hatte mir immer vorgestellt, ich bekomme zuerst einen Jungen“, sagte Bellatrix in Gedanken versunken.

„Ich dachte du hast nie Kinder gewollt“, erwiderte Narzissa überrascht. „Du sagtest doch, dass du ausversehen schwanger geworden bist.“

„Was? Ja, ja das ist ja auch so. Ich meine, ich habe mir während der Schwangerschaft immer einen Jungen vorgestellt“, wehrte Bellatrix ab.

„Aber Bella, gerade eben sagtest du etwas davon, dass du dir zuerst-“

„Cissy! Ich bin müde. Ich rede wirr“ unterbrach sie ihre Schwester.

„Dann sag mir wenigstens eines“, Narcissa schluckte hart und strich sich ihr Kleid glatt. „Ist Rodolphus tatsächlich der Vater?“

„Was denn? Glaubst du etwa ich bin eine dahergelaufene Schlampe, die nicht weiß, wer der Vater des Kindes ist?“

„Kein Grund vulgär zu werden, Bella. Aber du und ich wissen, dass es…, dass es auch ein anderer sein kann.“ Es war nur zu klar auf wen ihre kleine Schwester anspielte. Es war kein Geheimnis, dass Bellatrix während des ersten Krieges mit dem dunklen Lord geschlafen hatte. Und natürlich gab es wieder Gerüchte.

„Mach Dir keine Sorgen Narcissa, dieses Kind ist kein Bastard.“, erwiderte Bellatrix. In ihrem Herzen stimmte es zumindest. Und was die Realität anging…der dunkle Lord hatte ihr zu verstehen gegeben, dass niemand die Wahrheit wissen durfte – ehe er es für richtig hielt. Nur drei Personen kannten sie. Der dunkle Lord, Rodolphus und sie. Für Narcissa und Lucius war es Rodolphus‘ Kind. Für den Rest der Welt, existierte es nicht. Und Rodolphus schien es zu akzeptieren. Jedenfalls spielte er sich gern damit auf vor Lucius und Narcissa. Was mehr als erbärmlich war, wie Bellatrix fand.

Und als hätte er es gehört, trat Rodolphus nun ein. „Ich habe die Hebamme obliviert. Kann ich nun meinen Sohn sehen?“

„Es ist ein Mädchen“, erwiderte Bellatrix gereizt, „und ich bin erschöpft, Rodolphus. Komm morgen wieder.“

„Ich werde ja wohl noch mein Kind ansehen können“, erwiderte er ärgerlich und trat näher. „Ein Mädchen also. Und wie werden wir sie nennen?“

„ICH habe bereits einen Namen. Sie heißt Delphini und wenn dir das nicht passt, kannst du ja Euphemia schwängern. Sie wäre sicher glücklich darüber. Wer weiß, vielleicht gibt dir die Schlampe ja deinen ersehnten Sohn. Aber vorher würde ich lieber Thorfinn beseitigen. Ihn könnte es stören, dass du mit seiner Frau schläfst.“ Am liebsten hätte sie ihn angeschrien und ihm gesagt, dass ihn das Ganze ja wohl kaum etwas anging, aber das konnte sie vor Narcissa nicht tun.

Rodolphus‘ Blick wurde hart. „Es geht dich nichts an mit wem ich schlafe.“

Peinlich berührt stand Narcissa von ihrem Stuhl auf. „Lassen wir Bella ausruhen. Du kannst morgen wiederkommen und deine Tochter sehen.“ sie legte eine Hand auf seine Schultern und geleitete ihn aus dem Raum.

Kurze Zeit später trat Rodolphus in das Gästezimmer, das er seit seiner Flucht aus Askaban für sich beanspruchte. Euphemia saß bereits auf seinem Bett.

„Euphemia, ich habe nicht gewusst, dass Du noch da bist“, sagte er überrascht und schloss hastig die Tür. „Ist etwas passiert?“

„Ich wäre längst weg, wenn ich nicht zufällig gesehen hätte, wie Du mit einer fremden Frau, die eine St. Mungos-Uniform trug, in der Halle gestanden hättest.“

Verdammt. Da war nicht gut.

„Entweder mein Wunsch erfüllt sich und sie ist sterbenskrank und war deshalb auf den Todessersitzungen nicht anwesend in den letzten drei Monaten oder aber es erfüllt sich meine Befürchtung und sie ist schwanger.“

Ihre blauen Augen bohrten sich in seine. Und er wandte sich ab.

„Es ist kompliziert“, erwiderte er ohne sie anzusehen.

„Sie ist schwanger, oder? Nein, sie hat das Kind bereits auf die Welt gebracht. Das würde auch erklären, warum du dich den ganzen Tag schon so angespannt verhalten hast.“

„Euphemia …“, begann er.

„Schon gut. Ich vermute, es soll ein Geheimnis bleiben. Ist vermutlich auch besser so. Ihr zwei habt zu viele Feinde.“

„Ich sollte dich oblivieren, wie ich es mit der Hebamme gemacht habe.“ Er mochte Euphemia nicht lieben, aber das hieß nicht, das ihr Wohlbefinden ihm nicht wichtig war.

Sie trat an ihn heran und umarmte ihn. „Ich bin nicht wichtig genug. Der dunkle Lord wird nie erfahren, dass ich es weiß. Er kümmert sich nicht um meine Belange.“

Sie atmete seinen Geruch ein, während sie sich an ihn schmiegte. „Ich hasse dieses Kind jetzt schon. Ich nehme doch an, es ist dein Kind.“

Er packte sie am Arm und hielt sie von sich weg. „Mach dich nicht lächerlich, Euphemia. Du hast keinen Grund dieses Kind zu hassen!“

„Dann ist es nicht deins?“

Er seufzte. Es war schlimm genug, dass sie von dem Kind wusste, aber wenn herauskommen sollte, dass sie die Wahrheit kannte …

„Es ist meins. Wer sollte sonst der Vater sein?“

Sie machte sich von ihm los. „Warum denn ausgerechnet jetzt? Warum nach all den Jahren? Wenn sie ein Kind hätte haben wollen, dann hätte sie damals, im Jahr 1977 euer Kind nicht abtreiben sollen! In ihrem Alter, zu Kriegszeiten! Mich wundert es, dass der dunkle Lord es ihr überhaupt erlaubt. Man sollte meinen, dass er sie im Einsatz braucht!“

„Der dunkle Lord weiß, wie wichtig reinblütiger Nachwuchs ist…“, sagte Rodolphus.

„Du hast mir gesagt, du hättest nicht mir ihr geschlafen, seit du aus Askaban zurück bist. Du hast mich angelogen.“ Ihre Stimme wurde zittrig. Ihre Mundwinkel verzehrten sich. Jetzt sah man ihr an, dass sie auf die Fünfzig zuging. Sie machte es ihm nicht einfach. Aber er hatte keine Wahl. Wenn der dunkle Lord auch nur den Verdacht haben könnte, dass einer von seiner Vaterschaft wusste und das Rodolphus nichts dagegen getan hätte, dann…

„Ja, ich habe dich angelogen.“ Er machte zwei Schritte auf sie zu.

„Ich hätte diejenige sein sollen, die dir Kinder schenkt. Und nicht diese Frau!“

Er nahm sie in den Arm und sie ließ es zu. Er hatte Mitleid mit ihr. Es war offensichtlich, dass sie etwas für ihn empfand oder es sich einbildete. „Du hättest mich damals ehelichen sollen und nicht sie.“

„Ja, das hätte ich wohl“, erwiderte er. Aber Bellatrix war schöner, klüger und interessanter gewesen. Und das war sie immer noch. Er verachtete Bellatrix, er war eifersüchtig auf ihre Obsession zum dunkeln Lord und es hatte sehr viele Momente in ihrer Ehe gegeben in denen er sie hätte töten können, angefangen bei ihrer Hochzeitsnacht, aber selbst jetzt, empfand er kein wirkliches Bedauern. Es war lächerlich, vielleicht erbärmlich. Aber Bellatrix hatte ihm nie wirklich gehört, sich ihm nie unterworfen, ganz im Gegensatz zu Euphemia und das war das Besondere an seiner Frau und er wusste, dass es ihr mit dem dunklen Lord genau so erging, selbst jetzt, mit dem Kind. Und das war durchaus eine Genugtuung.

*****


„Was tust Du hier?!“, fragte Bellatrix, als Snape in den Salon im ersten Stock trat. Das Hauptquartier war auf das Erdgeschoss beschränkt. Das war der einzige Grund, warum Bellatrix ohne Schwierigkeiten mit ihrer Tochter in den oberen Stockwerken relativ unbeeinträchtigt herumlaufen konnte. Ihre Tochter, inzwischen zehn Tage alt, war gerade eingeschlafen und lag in Bellatrix‘ Zimmer in Dracos alter Wiege, die Narcissa aus sentimentalen Gründen tatsächlich noch auf dem Dachboden aufbewahrt hatte.

„Der dunkle Lord schickt mich. Ich soll dir das hier geben.“ Er legte mehrere Fläschchen auf den Tisch.

„Was ist das?!“

„Er will, dass du so schnell, wie möglich einsatzbereit bist. Das hier ist ein Mittel, das dir das Abstillen erleichtert.“ Er deutete auf die verschiedenen Fläschchen. „Dieses hier soll deinen Hormonhaushalt regulieren. Und dann gibt es noch das hier, das ist dafür da um entzündete Wunden zu heilen. Wenn du verstehst…“

Natürlich verstand sie. Das verdammte Kind hatte sie sprichwörtlich aufgerissen, bei seiner Geburt.

„Ich verstehe. Der dunkle Lord, will mich also wieder im Einsatz sehen, ja? Wenn er das will, soll er sich gefälligst die Mühe machen und es mir selbst sagen!“ Sie war wütend und enttäuscht. Der dunkle Lord hatte sich nur ein einziges Mal die Mühe gemacht, sich das Kind anzusehen und war ohne jeglichen Kommentar wieder gegangen. Das war am Tag nach der Geburt gewesen und nun war alles wofür er sich interessierte, dass sie kämpfen konnte!

„Ich würde ja sagen, ich richte es ihm aus. Aber erstens habe ich ihn seit vorgestern nicht gesehen und zweitens wäre die Nachricht wohl kein Notfall.“

Sie ignorierte seine Bemerkung. „Dann hat er dir alles erzählt?“, fragte sie argwöhnisch.

„Wenn du mit „alles“ meinst, dass du ein Kind auf die Welt gebracht hast von dem alle hier wohnenden Personen, außer dir und deinem Mann, glauben, dass es kein Bastard ist, dann ja – er hat mir alles erzählt. Ich habe dem dunklen Lord bereits gratuliert. Ich glaube der Mutter sendet man die besten Wünsche? Verzeihung, ich bin nicht versiert in diesen Umgangsformen.“ Sein Mund verzog sich zu einem ironischen Lächeln.

„Er hat es dir wirklich gesagt! Wie konnte er-“

„Vorsichtig Madam Lastrange, man könnte sonst auf den Gedanken kommen, dass Sie eifersüchtig sind“ unterbrach er sie ungerührt.

„Halt die Klappe, Snape!“ Sie spürte wie ihr heiß vor Wut wurde.

Er hob eine Augenbraue. „Das Fläschchen für deine Hormone solltest du zuerst zu dir nehmen. Jeden Tag ein paar Tropfen sollten reichen.“

„Du hältst dich für ach so clever, oder Severus? Du hast überhaupt keine Ahnung, was ich durchmache!“

„Ist das so? Nun, ich würde sagen, es sind selbstgemachte Leiden.“

„Du glaubst, ich wollte im Haus meines Schwagers eingesperrt sein? Ich muss mich jeden verdammt Tag verstecken! Ich muss mein Baby vor meinem Neffen geheim halten, der für die Osterferien hier ist! Ich muss mir die hämischen Blicke meines verdammten Mannes gefallen lassen, der weiterhin seine kleine Affäre mit Euphemia weiterführt. Ich bin ein Wrack! Wenn ich niese, verliere ich Urin und wenn ich uriniere, brennen Körperstellen, die nicht brennen sollten. Mir läuft dauernd die Milch aus, als wäre ich eine verdammte Kuh. Und du glaubst, dass ich das alles wollte!?“

Einen Augenblick betrachtete er sie intensiv und Bellatrix hielt ihr Okklumentik-Schild aufrecht.

„Du bist nicht die erste Person, die Dummheiten begeht und es dann bereut, nachdem sie in den Spiegel gesehen hat.“

Ihre Augen weiteten sich. „Wie-“

„Wenn man in einem Raum voller neugieriger Portraits alter Schulleiter steht, dann ist man niemals unbeobachtet. Keine Sorge, der dunkle Lord hat darauf bestanden, dass ich einen unbrechbaren Schwur leiste. Niemand, auch kein Portrait, weiß von deiner Schwangerschaft. Und den Spiegel habe ich wieder entsorgt.“

Einen Augenblick sagte Bellatrix nichts, dann trafen sich ihre Blicke erneut.

„Hast Du ebenfalls in den Spiegel gesehen?“

Er hob eine Augenbraue „Das ist wohl kaum Gegenstand der Unterhaltung.“

Ihre Augen formten sich zu schlitzen. „Weißt Du was, Snape. Ich denke du hast hineingesehen. Nicht nur einmal. Vielleicht hast du nächtelang davorgesessen und dich davon berauschen lassen, von all den Dingen, die niemals sein werden. Was ist es, was du sehnlichst begehrst? Wie häufig liegst du nachts im Bett und hängst deinen Wünschen nach?“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu und musterte ihn verachtend. „Du bist so erbärmlich, Snape.“

Er tat ihr den Gefallen nicht wütend zu werden. Er lächelte nur abschätzig. „Du bist nicht halb so undurchschaubar, wie Du denkst, Bellatrix. Der Unterschied zwischen mir und dir ist, dass ich nicht einfältig genug bin, um mir vorzumachen, man könne irgendetwas erzwingen, was unmöglich ist. Wir alle haben unerfüllbare Wünsche. Aber die wirklich Vernünftigen von uns wissen, dass selbst Zauberer nicht das unmögliche möglich machen können. Hast Du wirklich gedacht, ein Kind würde reichen, um ihn an Dich zu binden? Hast Du wirklich gedacht, du könntest als Mutter Zufriedenheit finden? Ein Wunsch ist nichts weiter als das Verlangen die Realität zu verändern. Du kannst weder dich, noch ihn ändern, noch was gewesen ist oder was jetzt ist. Jedes kleine Mädchen wünscht sich eine Prinzessin zu sein, aber sie alle müssen lernen, dass es nur ein Wunsch bleibt.“ Er wandte sich ab und schritt zur Tür. Dort blieb er einen Moment stehen und drehte sich noch ein letztes Mal zu ihr um.

„Ich mag in deinen Augen erbärmlich sein, aber was bist du dann?“

Eine Stunde später stand Bellatrix in ihrem Schlafzimmer vor der Wiege und betrachtete ihre schlafende Tochter. Narcissa hatte ihr erzählt, dass es das Schönste gewesen sei, Draco beim Schlafen zuzusehen. Sie hatte ihr auch gesagt, dass es keine Liebe gab, die so bedingungslos sei, wie die Liebe zu seinem eigenen Kind.

Doch Bellatrix spürte nichts davon. Das einzige Gefühl in ihrer Brust war Mitleid und Bedauern. Mitleid mit dem kleinen Wesen, das von seinen Eltern so wenig geliebt wurde und Bedauern darüber, dass sie es auf die Welt gebracht hatte. Wenn sie es schon nicht um seiner selbst willen liebte, dann durch den dunklen Lord, so hatte sie sich eingeredet. Aber es stimmte nicht. Der dunkle Lord hatte kein Interesse, er wollte es nicht und nun wollte Bellatrix es auch nicht.

Zart strich sie ihrer Tochter über die kleine Wange. Hatte Snape recht? War sie einfältig, weil sie nicht aufgab dem dunklen Lord gefallen und an sich binden zu wollen?

Sie runzelte sie Stirn. Ballte die Hände zu Fäusten. Nein, sie war nicht einfältig. Sie war nicht erbärmlich! Er war erbärmlich! Snape war schwach und gab sich zufrieden. Aber sie war eine Kämpferin und sie würde nicht aufhören für den dunklen Lord zu kämpfen. Für seine Gunst und seine Anerkennung. Sie war niemand, der einfach aufgab. Sie war nicht schwach! Mag sein, dass sich das Bild in dem Spiegel niemals erfüllen würde, mochte sein, dass es zu spät war sich oder ihn zu ändern. Ja, vielleicht war sie nicht das, was sie sein wollte, möglicherweise war es ihre eigene Schuld, aber sie würde den Versuch nicht aufgeben ihn auf die ein oder andere Weise für sich einzunehmen.

Ein Hauself ploppte in ihr Zimmer. Bellatrix drehte sich abrupt zu ihm um. „Was willst du?“, fragte sie gereizt.

Der kleine Elf verbeugte sich tief und wich ihrem Blick aus. „Madame, Sie wollten…Sie wollten benachrichtigt werden, falls…falls fremder Besuch kommt…“

„Wer ist gekommen?“ Sie griff zu ihrem Zauberstab.

„Es ist der Werwolf und … er scheint …also, es sieht aus, als hätte er Gefangene bei sich, Madame.“

Bellatrix‘ Augen verengten sich. „Du bleibst hier. Pass auf das Kind auf. Denk dran, mein Neffe soll noch nicht wissen, dass sie existiert. Lass ihn nicht rein. Halt die Tür verschlossen und beleg den Raum mit einem Anti-abhör-Zauber.“ Sie wartete die Antwort des Elfen nicht ab, sondern rauschte an ihm vorbei nach unten in die Halle, wo ihre Schwester dabei war, den unangekündigten Besuch zu empfangen.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast