Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Schöne und der Drift King

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Het
Han Lue Neela Sean Boswell Takashi "DK" Kamata
30.09.2020
30.09.2020
1
4.027
2
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
30.09.2020 4.027
 
∂ιє ѕcнöиє υи∂ ∂єя ∂яιfт кιиg


Es war ein harter Tag für mich, als die Beerdigung an diesem Tag stattfand. Der Himmel war grau mit schweren Regenwolken über uns, die das Wasser nicht mehr halten konnte. Zwar gab es ein kleines Zelt, für die Trauergäste die sich eingefunden hatten, um während der Zeremonie nicht nass zu werden. Doch wie es schien wollten oder wussten nicht viele Leute über das traurige Ereignis Bescheid, da fast alle schwarzen Klappstühle, die dort aufgebaut waren, leer standen.
Ich für meinen Teil verschwand nicht eine Sekunde daran mich zu setzen. Ich wollte in den letzten Momenten der Reise meiner Mutter so nah wie möglich sein. Deswegen stand ich wie der Pfarrer, nur ohne Regenschirm, am Grab während er die Trauerrede verlas.

Meine Augen brannten bereits, ebenso fühlten sie sich durch die vielen Tränen, die mir über das verzerrte Gesicht rannen, total schwer und geschwollen an. Auf der einen Seite wollte ich dass der Tag endlich vorbei war, doch auf der anderen Seite wünschte ich mir die Zeit würde stehen bleiben, mit der Voraussetzung mein Herz würde dadurch ebenfalls stoppen. Durch diesen schweren Verlust wollte ich nicht mehr leben, da ich durch all das keinen Sinn mehr sah. Wo sollte ich hin? Wo sollte ich wohnen? Ich hatte nichts, da es nicht mal klar war wer mein Erzeuger ist. Womit hatte ich das alles nur verdient? Zwar hatte ich mich nicht immer wie die perfekte Tochter verhalten, doch so war nun mal das Leben. Ich war ein 10 Jähriges Mädchen und musste noch viel lernen. Nur stand nun die Frage im Raum, ob es das überhaupt wert war.

*****

Nachdem die Rede schließlich zu Ende war und der Sarg langsam aber sicher in die bereits ausgegrabene Grube, auf einem der vielen Tokioter Friedhöfe versenkt wurde, war dass das Zeichen für die wenigen Anwesenden zu gehen. Einige traten noch den Weg an, um mitgebrachte Blumen beizufügen ehe sie sich stumm von der dort drin liegenden Frau verabschiedeten, deren Reise auf Erden zu Ende war.

Mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen stand ich da und bedankte mich für jedes 'Mein Beileid' mit einem kurzen Nicken, auch wenn ich das Geschehen nur aus dem Augenwinkel heraus beobachtete. Mittlerweile konnte ich fühlen wie nass meine Haare wirklich waren, ebenso wie meine Kleider. Der Stoff war schwer und klebte regelrecht an meiner Haut. Hinzu konnte ich fühlen, wie meine Körpertemperatur sank und ich zu zittern begann. Es war Ende Oktober und die Temperaturen erreichten tagsüber höchstens 10°C.

Die letzten Leute die ans Grab traten, waren anscheinend eine wohlhabende Familie, bestehend aus einer älteren Dame japanischer Herkunft, eines hochgewachsenen Mannes mit schwarzen Filzmantel und Hut und im Schlepptau hatten sie einen Jungen, der geschätzt einige Jahre älter war als ich. Seine Haare waren kurz geschnitten und etwas abstehend, durch das hinein geschmierte Haargel. Das war der neuste Schrei der Jugend, wenn man den Teen-Magazinen oder der Fernsehwerbesendungen im japanischen TV glauben schenken konnte.

Ich wusste nicht warum, aber irgendwie hatte mich das Gesicht des Jungen in meinen Bann gezogen, da ich nun meinen Kopf hob und mehr als den Boden unter meinen Füßen sehen konnte. Doch das beruhte anscheinend nicht auf Gegenseitigkeit. Es war komisch. Ein warmes Gefühl durchzog meinen Körper nach dem Anblick der Familie und ich hatte keine Ahnung warum. Sie waren bereits gegangen und hatten schon fast den halben Weg zum Ausgang zurückgelegt, als ich plötzlich einen sanften Griff am Arm verspürte.

Mein Blick traf sich mit dem der älteren japanischen Frau, die mir zulächelte. Notgedrungen verzog ich mein Gesicht ebenfalls zu einem Lächeln, was aber schon gleich von einem Schwall Tränen übertüncht wurde. Ich flüchtete mich ohne Rücksicht auf Verluste in ihre Arme, auch wenn sie mir fremd war.

"Wo sind deine Angehörigen?", fragte sie mit sanfter Stimme in der Landessprache.

Für eine Weile konnte man nur das Prasseln des Regens hören, der um uns herum zu Boden fiel. Erst als ich mich einigermaßen gefangen hatte, gab ich eine Antwort von mir. "Dort unten", sagte ich mit bebender Stimme und brach somit erneut in Tränen aus.

Ich hatte niemanden mehr. Meine Mutter war die einzige Person, die ich von meiner Verwandtschaft her gekannt hatte. Ziemlich erbärmlich, wenn ich nun darüber nachdachte. Dennoch hatte die Frau, die mich geboren hat, ihr Bestes gegeben um mir ein gutes Leben zu bieten, auch wenn sie druch ihren Beruf als Nutte nur wenig Zeit für mich hatte. Sie schob jeden Tag Überstunden, um für uns beide in der Millionenmetropole sorgen zu können. Zwar war die Wohnung in der wir lebten nicht unbedingt im guten Teil der Stadt, geschweige denn groß. Trotzdem hatten wir ein Dach über dem Kopf. Das war das einzige was zählte und nichts anderes. Abgesehen von der Liebe, die wir miteinander teilten. Ich hoffte das meine Mutter nun an einem besseren Ort war und sie nicht mehr unter der lang verschwiegenen Krankheit, an der sie gestorben war, leiden musste.

"Bist du ganz alleine?", fragte die Frau und ich nickte nur, was anscheinend Grund genug war mich in meinem Zustand unter ihre Fittiche zu nehmen und sich um mich zu kümmern.

Wir entfernten uns vom Grab, nachdem ich mich schweren Herzens endgültig verabschiedet hatte und als wir ihren Anhang immer mehr entgegen traten, bemerkte ich den 'Was soll das?' Blick des Mannes, der umgedreht auf die Rückkehrer wartete.

"Lass das nur meine Sorge sein, Sohn. Das arme Ding hat niemanden, der sich um sie kümmert. Sollen wir sie auf der Straße sitzen lassen?"

"Nein, natürlich nicht", gab er sich geschlagen und schritt voran.

Die Japanerin schenkte mir erneut ein Lächeln, da ihr mein besorgtes Gesicht nicht entgangen war, das noch immer von geschwollenen Augen geschmückt war.

*****

Ich staunte nicht schlecht, als mir Einlass in das riesige traditionell gebaute Haus gewährt wurde. Riesige hölzerne Schiebetüren baten Zugang auf die fast komplett umlaufende Veranda. Im Garten befand sich ein großer Koiteich, über den eine kleine Brücke führte, von der man die großen majestätischen Goldfische aus beobachten konnte. Zudem zierte noch diverse Dekoration den idyllischen Platz hinter dem Haus. Kurz nach Ankunft wurden mir Kleider zurecht gelegt, die zwar jungenhaft waren, aber diese waren besser als gar nichts im Moment. Mir wurde ebenfalls angeboten, dass ich ein heißes Bad nehmen konnte, was ich letztendlich auch tat.

Den Rest des Tages tauschten wir gegenseitig Informationen aus, dass die Familie auch wusste mit wem sie es zu tun hatte. Zwar fühlte ich mich fürs Erste etwas fehl am Platz, was sich aber mit jedem weiteren Tag, der ins Land zog, änderte. Irgendwann wurde mir überraschender Weise mitgeteilt, dass ich adoptiert wurde und nun ein Teil der Familie Kamata war. Obwohl ich nicht darum gebeten hatte, war das Gefühl der Dankbarkeit unendlich groß. Was besseres hätte mir nicht passieren können.

*****

Nach meiner Adoption, gefolgt von den kommenden Jahren bekam ich immer mehr Einblicke in die Familienverhältnisse. Früh wusste ich, das der Junge Takashi hieß und der Neffe bzw. der Enkel war mit dem ich mich nach kurzer Zeit angefreundet hatte. Seine Eltern starben als er noch ganz klein war, weshalb auch er bei seiner Großmutter und seinem Onkel aufwuchs, die zusammen in dem großen Haus wohnten. Der Bruder seines Vaters gehörte der japanischen Mafia, namens Yakuza, an und stand zu der Zeit ziemlich hoch im Kurs, was mir anfangs nicht ganz geheuer war. Aber es lag vielleicht auch da dran, dass ich zu dem Zeitpunkt noch ziemlich jung war und das Ganze nicht so verstanden habe. Doch je älter ich wurde, desto besser verstand ich die Umstände und ich fühlte mich etwas wohler bei der ganzen Sache.

Meiner Meinung nach, war Onkel Kamata als Privatperson total anders, als wenn er in sein Mafia Kostüm schlüpfte. Ich für meinen Teil konnte keine Unannehmlichkeiten feststellen. Hier und da wurde Takashi für sein Handeln in die Schranken gewiesen, aber das hatte er sich selbst zuzuschreiben. Irgendwann haben wir beide angefangen, uns für das Driften zu interessieren. Da Takashi schon älter war und deswegen schon einen Führerschein besaß, hatte es nicht lange gedauert bis er mit einem passenden Fahrzeug aufkreuzte. Ich für meinen Teil hab sogar manchmal die Schule geschwänzt, nur um den älteren Kids beim driften zuzusehen. Das hatte mich zwar das ein oder andere Mal in Schwierigkeiten gebracht, doch ich wurde nie wirklich dafür gestraft.

Bevor ich überhaupt so alt war, um mich für einen Führerschein einzuschreiben, begann sich zwischen mir und dem vollblütigen Japaner mehr zu entwickeln. Wir fingen an, uns romantisch zu verabreden und genossen die Zeit die wir zusammen auf einem Date verbrachten. Manchmal führte er mich sogar in sündhaft teure Restaurants aus, da er sich um Geld keine Sorgen machen musste. Und wie es der Lauf der Dinge so will, kam es schließlich auch irgendwann dazu, dass ich meine bis dato gepflegte Jungfräulichkeit verlor. Zu Beginn hatten wir regelmäßig Sex, der mir auch gefiel. Doch je mehr Zeit verging, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass Takashi sich verändert hatte.

Alles begann, als ich herausfand dass er sich beinahe jeden Tag in diesem Parkhaus aufhielt und sich mit vielen anderen zu illegalen Straßenrennen verabredete. Es dauerte nicht lange, bis ihm der Name Drift King gebührte und er mit seinem umgebauten Nissan 350z, jeden einzelnen Herausforderer zeigte wo es langging. Natürlich waren auch die anwesenden Mädels nicht abgeneigt, die ihn anhimmelten und hofften einmal mit ihm im Bett zu landen. Ich persönlich konnte es nicht sicher sagen ob er mich betrügte, doch ganz ausschließen wollte ich den Verdacht auch nicht. Jedoch hielt ich meinen Mund, um den Schein aufrecht zu erhalten.

Nachdem auch ich meinen Führerschein in der Tasche hatte, schloss ich mich der Szene auch offiziell an, weil ich immer noch ein großes Interesse am Driften hatte. Mir wurde sogar ein 2004 Mazda RX-8 zum Geburtstag geschenkt, dass ich nun selber auch mobil sein konnte. Mit Hilfe meiner Freunde, bauten wir das Fahrzeug so um dass es ebenfalls zum driften geeignet war und verpassten der Karosserie das gewisse Etwas. Einen übergehenden Farbverlauf, der von schwarz bis hellblau reichte.

*****

Eines Tages, an einem scheinbar ganz normalen Schultag, kam plötzlich während der 1.Stunde des Tages ein dunkelblonder Kerl ins Klassenzimmer gestolpert. Sein Blick traf sich augenblicklich mit meinem und ich fand ihn auf der Stelle sympathisch. Unsere Mathelehrerin hatte den Neuen erst gar nicht bemerkt, bis sie plötzlich auf ihn aufmerksam wurde. Laut des Zettels, den sie hörbar vor sich hin las, war sein Name Sean Boswell. Wie es schien ein Gaijin, wie viele hier uns Nicht-Japaner nannten. Ich hasste dieses Wort abgrundtief, weil ich als Kind wegen meiner Herkunft ständig gehänselt wurde.

Unserer Lehrerin fiel auch sofort auf, das der neue Schüler keine Hausschuhe trug, weshalb sie ihn sofort auf die Uwabakis hinwies. Da der Neue anscheinend kein Japanisch sprach, geschweige denn verstehen konnte, stand er fürs Erste auf dem Schlauch bis ihm letztendlich ein Licht aufging und er kurze Zeit später mit seinen weiß-blauen Slippers in den Klassenraum zurück kam. Ich musste grinsen, als er mit diesem merkwürdigen Gesichtsausdruck an mir vorbei ging und seinen Platz, im hinteren Teil,  einnahm.

Für den Rest des Tages habe ich diesen Sean nicht mehr gesehen, da wir verschiedene Kurse hatten. Erst als ich später im Parkhaus eintraf, in dem bereits wieder voll die Party abging, kam er zu mir rüber und fing an sich mit mir über meinen Wagen zu unterhalten.

"Mit 'nem V8 hättest du das Problem nicht", meinte er, als er sich das leistungsstarke Herz des Mazdas ansah.

"Jungs, alles was euch interessiert ist, wer den größten Motor hat."

"Ich bin ein Mann. Das liegt mir in den Genen", sagte er bevor er fortfuhr. "So, ihr veranstaltet also Rennen mit diesen Dingern, was? Süße, kleine Spielzeuge."

Ich lachte leicht, bevor ich mich äußerte: "Weißt du was? Ich hätte dich beinahe nicht erkannt, ohne deine Slippers an."

"Meinst du Uwabaki?", fragte er belustigt. "Neela, richtig?"

"Du lernst schnell", sagte ich nur und schloss somit die Motorhaube meines RX-8.

"Wo kommst du her, wenn ich fragen darf?"

"Von hier."

"Nein, ich meine nicht wo du wohnst sondern woher du kommst?"

"Macht das einen Unterschied woher ich komme?", fragte ich, bevor mich ein komisches Gefühl überkam.

Ich hatte Takashi bereits erblickt, wie er zusammen mit seinem koreanischen Geschäftspartner Han dort drüben an einen der Autos lehnte. Es würde mich wundern, wenn die Unterhaltung mit Sean kein Aufsehen seinerseits erregen würde. Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Schon kam er angelaufen, woraufhin der mittelgroße Afroamerikaner Twinkie dazwischen ging. Er hat diesen Sean anscheinend hier angeschleppt. So wie ich meinen Freund kannte, würde das höchstwahrscheinlich ins Auge gehen.

Augenblicklich waren wir umringt von seinen Kollegen, die das Spektakel aus nächster Nähe sehen wollten. Ich versuchte ihn mit Nähe und schönen Worten zurückzuhalten, doch es brachte nichts. Takashi war manchmal zu impulsiv und machte aus einer Fliege einen Elefanten. Eigentlich brauchte er keine Bedenken haben, ich könnte ihn betrügen. Doch wer sollte ihm das sagen, wenn er nicht mal auf seine eigene Freundin hörte?

Sean und DK schaukelten sich gegenseitig so hoch, das es auf ein Rennen hinauslief. Dieser Sean hatte doch keine Ahnung, worauf er sich da eingelassen hatte. Also tat ich was eine gute Freundin tun würde: ihrem Freund gut zu sprechen und ihn als den allerbesten dastehen lassen auch wenn ich finde, dass manche es übertreiben, die ihn so in den Himmel hoben.

*****

In den kommenden Wochen kam ich immer mehr mit dem Amerikaner in Kontakt, wodurch ich herausfand, dass er gar nicht so übel war und wir gute Freunde werden konnten. Ich lud ihn zu einem gemeinsamen Drift ein, nachdem er meinte er hätte mich noch nie driften sehen. Das brachte aber noch mehr Spannung zwischen ihn und Takashi, wie ich am Montag der kommenden Schulwoche feststellen musste. Ich war geschockt, als Sean mit Schrammen einer Schlägerei im Gesicht auf dem Schulhof aufgetaucht war. Den ganzen Tag über kochte in mir die Wut, weil ich ganz genau wusste, wer dafür verantwortlich war. Das war nun ein für alle Mal Grund genug einen Schlussstrich zu ziehen.

Nach Schulschluss trugen mich meine Füße wutentbrannt in das kleine Büro meines Noch-Freundes, bevor ich ihm die Trennung auf dem Silbertablett servierte. Ich verstand nicht, wie man so eifersüchtig sein konnte. Was hatte Takashi für ein Problem? Deswegen bestätigte es sich erneut, dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte, dass schon seit geraumer Zeit in meiner Magengegend vertreten war. Zunehmend hatte ich mich in seiner Gegenwart unwohl gefühlt, weil er sich immer mehr verändert hatte, seitdem ihm der Name Drift King gehörte.

"Es ist aus!", warf ich ihm an den Kopf, während diese Schlampen an ihm hingen. Es brachte mich in Rage das zu sehen. War ich ihm etwa nicht mehr gut genug? Aber da ich die Beziehung nun eh beenden wollte, konnte es mir auch egal sein. Zudem wurmte es mich, dass mir sein blonder Affe Morimoto gefolgt war. Den Kerl würde ich am liebsten gegen die nächste Wand klatschen.

Nachdem alle Anwesenden nach draußen geschickt wurden, kam DK langsam um seinen Schreibtisch herum, bevor er sich mir näherte. In seinen Augen konnte ich sehen, dass er genau wusste worauf ich hinaus wollte und er rein gar nichts bereute, was er getan hatte.  

"Und das alles nur wegen eines Gaijins."

"Ich bin eine Gaijin!", fauchte ich, ehe ich ihn auf seine Veränderung hinwies, die er anscheinend selbst nicht mitbekommen hatte.

In den folgenden Minuten hatte ich ab einem gewissen Zeitpunkt regelrecht Angst, dass er etwas unüberlegtes tun könnte. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt, aber ich wusste dass es kein Spaziergang werden würde, sich von ihm zu trennen. Jedoch löste sich für einen Moment die Starre, die in meinen Knochen steckte, als er nichts schönes über meine tote Mutter sagte. Ich schmierte ihm eine, was ihn fast handgreiflich werden ließ. Dennoch schaffte ich es letztendlich doch noch lebend aus der Höhle des Löwen und war durch das Ganze so durch den Wind, dass ich mich, nachdem ich mich umgezogen hatte, zu Han's Werkstatt aufmachte um Trost zu bekommen. Ich wusste, dass ich Sean und die anderen dort finden würde, welche sich augenblicklich um mich sorgten, als ich mit verweintem Gesicht bei ihnen ankam.

*****

Ich konnte mir das Vorgefallene von der Seele reden, während ich mit Sean und Twinkie auf dem Podest bei einer Tasse Tee saß. Es fühlte sich gut an, wenn man mit jemanden über Probleme reden konnte. Doch wie es schien, war das Problem noch lange nicht aus der Welt geschafft als ich plötzlich unheimlich bekannte Motorengeräusche vernahm. War er hier wegen mir? Wie hatte Takashi herausgefunden, dass ich mich hierher verzogen habe?

Ich beobachtete wie die anderen das Geschehen erst aus der Ferne,  als es auf einmal ungemütlich wurde. Mein Ex-Freund ging doch nicht eiskalt auf Han los und schlug seinem Geschäftspartner mit der Faust ins Gesicht. Was war nur in ihn gefahren? Hastig rannte ich die metallene Treppe hinunter und ermahnte ihn beim Namen. Sein Blick verdunkelte sich auf der Stelle, als er mein Gesicht erblickte. Doch was dann kam, konnte niemand vorhersagen. Ich konnte es nicht glauben. Er zog eine Waffe und richtete diese auf den Koreaner, der Takashi anscheinend hintergangen hatte, was man aus der hitzigen Unterhaltung heraushören konnte. Jedoch war das kein Grund ein Menschenleben deswegen zu beenden. Sean wollte einschreiten, doch Morimoto hielt ihn zurück. Ich war starr vor Schreck. Erst als er den Schlitten der Pistole zurückzog mischte ich mich ebenfalls ein.

"Hör sofort auf!", befahl ich ihm in der Landessprache.

"Sei still!", zischte er.

Doch im selben Moment rasten die Rolltore herunter. DK war irritiert, was Han genug Zeit gab ihm die Waffe aus der Hand und sein Gegenüber niederzuschlagen. Zur gleichen Zeit wurde auch der Amerikaner Handgreiflich und schlug dem blondierten Japaner ebenfalls zu Boden. Dadurch wurde etwas verursacht, was wohl kein gutes Ende nehmen würde. Alle Anwesenden rannten kreuz und quer durcheinander, um dem ganzen Szenario irgendwie zu entgehen. In Eile stieg ich  zusammen mit Sean in den roten Evo, der dort geparkt war. Doch Morimoto stellte sich uns in den Weg und trat mit seinem Fuß gegen die Schnauze des Autos. Der Neuankömmling ließ sich davon nicht beirren und setzte das Fahrzeug ohne Rücksicht auf Verluste in Bewegung, wodurch der Widersacher rollend über das Auto geschleudert wurde.

Mit Höchstgeschwindigkeit ließen wir die Werkstatt hinter uns und trafen keine fünf Sekunden später, auf Han's Madza RX-7, der sich driftend durch die Brückenpfeiler schlängelte. Durch all das wurde eine heiße Verfolgungsjagd ausgelöst. Mir war Angst und Bange, während ich auf dem Beifahrersitz unsanft hin und her gedrückt wurde und wir irgendwann von dem goldenen Nissan 350z, dessen Fahrer Morimoto war, gerammt wurden. Sean versuchte sich weitgehend dagegen zu wehren, bis sich das Problem von selbst löste. Takashis Handlanger krachte voll Stoff mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen, das ihm zu 85% das Leben gekostet hatte.

Noch immer auf der Flucht, rasten wir durch die Tokioter Innenstadt gefolgt von einem wütenden Drift King, der wohl nicht aufgab, bis er Han eliminiert hatte. Ein weiterer seitlicher Hieb, gefolgt von vielen anderen beutelte uns im Inneren des Mitsubishi. Aber diesmal wurden diese von dem reinblütige Japaner ausgeführt. Jedoch wurde er kurzer Hand von dem orange-schwarzen Sportwagen ausgebremst, um uns Vorsprung zu geben. Dadurch eröffnete sich schon das nächste Problem.

"Sean, Sean!", machte ich ihn aufmerksam.

Die plötzlich aufgetauchte Menschenmenge, wurde durch mehrmaliges Hupen aufgefordert sich zu spalten, um einem schon fast vorprogrammierten Unglück zu entgehen. Voll konzentriert machte der Amerikaner zwei Schlenker um mehr Zeit zu gewinnen und um anschließend, gefolgt von den anderen zwei Autos, durch die ergebene Freimachung zu schlittern. Doch irgendwann wurde Sean durch einen Blick nach hinten, weil Han in Schwierigkeiten steckte, aus dem Konzept gebracht und der Wagen stieß, wenn auch nur leicht, mit einem anderen zusammen, weshalb für uns das Davonlaufen fürs Erste beendet war.

Durch einen kurzen Fehler Takashi's sah es so aus, als könnte Han entkommen. Aber das Glück war nicht auf seiner Seite. Ein silberner Mercedes traf ihn von der Seite und spießte das Auto regelrecht auf, ehe es sich durch die Wucht des Aufpralls zweimal überschlug und schon kurze Zeit später in Flammen auf ging und explodierte. Tiefe Trauer stieg in mir auf, als der brennende Wagen in mitten der kleinen Kreuzung lag. Mit einem Blick nach links konnte ich sehen, wie sich der graue Nissan 350z mit Schwung drehte, um einer möglichen Gefängnisstrafe zu entgegen. Jetzt in diesem Moment wünschte ich mir von ganzen Herzen, das Takashi geschnappt und eingebuchtet werden würde. Das hatte er verdient, doch sein Onkel würde ihn ohne mit der Wimper zu zucken freikaufen und so tun als sei nicht geschehen, auch wenn er Schuld an Han's Tod hatte.

Geschockt und ohne zurückzublicken rannten wir zur nächsten U-Bahn-Station, um bei Sean unterzukommen. Zumindest für heute Nacht. Aber als wir vor der Haustür warteten bis jemand öffnete, hörten wir plötzlich ein aggressives Röhren eines Motors, gefolgt von Scheinwerfern in der Ferne, die um die Ecke bogen. Konnte die ganze Sache nicht einfach ein Ende nehmen und mich aus meinem Traum aufwachen lassen? Ich wünschte mir im Moment echt nichts sehnlicher als, dass das Geschehene nur ein Albtraum war. Jedoch war das zu schön um wahr zu sein, da Takashi bereits ausgestiegen und die Waffe auf meinen neugewonnenen Freund gerichtet hielt. Dadurch wurde ich augenblicklich zurück in die Gegenwart katapultiert.

"Das würd ich an deiner Stelle nicht tun", ertönte plötzlich eine Stimme hinter uns, die anscheinend zu Seans Vater gehörte.

Dieser hatte nun Takashi im Visier und sein Gesicht sah nicht danach aus, als würde er bluffen.
Wütend und schnaubend zu gleich, weil er nicht wusste was er machen sollte, senkte der Japaner die Pistole und befahl mir ins Auto zu steigen. Zwar hielt mich der Amerikaner zurück, doch ich wollte nicht dass mehr passierte. Also gab ich klein bei und ging widerwillig mit ihm mit.

*****

Die darauffolgenden Tage machte ich gute Miene zum bösen Spiel, auch wenn ich die Beine breit machen musste. Zwar war mir nicht danach, doch das war die einzige Möglichkeit DK zurück auf den Boden der Tatsachen zu holen. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Doch als Sean eines Abends in den Räumlichkeiten eines Restaurants auftauchte, gab es für mich einen kleinen Lichtblick. Er bat Onkel Kamata um ein Rennen, was die Sache hoffentlich ein für alle Mal aus der Welt schaffen und Takashi vom Thron stoßen würde, vorausgesetzt der Herausforderer gewann.

Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, als ich in der Limousine der Yakuza den Austragungsort erreichte. Zwar bekam ich ungläubige und abwertende Blicke meiner Freunde, doch was sollte ich machen? Mir blieb nichts anderes übrig. Es brauchte die passende Gelegenheit, um den Drift King aus meinem Leben zu  streichen. Und wenn er den Kürzeren zieht, musste er ohne Widerworte die Stadt verlassen was mir letztendlich ganz Recht kommen würde.

Während des Rennens hielt ich meine Daumen innerlich gedrückt, dass Sean das Rennen für sich entscheiden würde. Ich wusste zwar, dass Takashi der Einzige bisher war, der diesen Berg bezwungen hatte. Nur gab es immer ein erstes Mal und ich war fester Überzeugung, dass heute der Tag der Wende sein würde, womit ich schließlich auch Recht hatte.

Jubelnd und kreischend rannten alle Zuschauer, die auf des Gewinners Seite standen, auf den hergerichteten 1967 Mustang Fastback zu, der als Erster durch die nicht vorhandene Ziellinie gefahren kam. Ich bahnte mir einen Weg durch die pulsierende Menge, um den Gewinner zu beglückwünschen. Nun war es mir auch schnuppe, wo der Verlierer des Rennens abgeblieben war. Für mich zählte jetzt nur eins: mein altes gegen ein neues Leben mit Sean einzutauschen, nachdem Kamata in freigesprochen hatte.
________________________________________________________________________________

Und? Hat es euch gefallen? Wenn ja, lasst mir doch ein kleines Review da ;) Lob, Kritik oder Verbesserungsvorschläge: nur her damit. Es ist alles erlaubt!
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast