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Löwennacht

Kurzbeschreibung
OneshotMystery, Fantasy / P6 / Gen
29.09.2020
29.09.2020
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1.261
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Dieses Kapitel
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29.09.2020 1.261
 
Vorgabe Kalenderwoche 40/2020

Prompt: Die beiden Löwenstatuen vor den Toren des Palastes waren eine beliebte Touristenattraktion. Doch jene Nacht erwachten sie zum Leben.
Projekt Wochen-Challenge
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Es soll nur ein Nachtspaziergang sein. Mehr nicht. Nur noch einmal Luft schnappen, bevor es zurück in die kalte, leere Wohnung geht. Dorthin zurück, wo niemand auf einen wartet und eine Stille herrscht, die mehr als nur unangenehm ist. Nicht einmal das Ticken der Wanduhr im Wohnzimmer kann das nagende Gefühl verdrängen, welches langsam in den Gliedern empor kriecht, wenn die vier Wände betreten werden.

Einsamkeit kann einen Menschen verändern. Sie ist dunkel und grausam. Sie sorgt für den steten und panischen Blick über die Schulter, das ständige Lauschen auf fremde Schritte. Dieses Gefühl macht Herzen hart und Seelen brüchig. Es sorgt für Verbitterung und Misstrauen, lässt Stimmen im Kopf entstehen und leise Panik den Rücken hinaufkriechen. Anders ausgedrückt, macht Einsamkeit verrückt und paranoid.
Doch der Drang diesem zu entgehen ist dieses Mal übermenschlich. Somit führt der Weg zum Löwenpalast. Auch nachts ist der Innenhof zugänglich und der Spaziergang endet vor den massiven, alten Palasttoren. Jene sind natürlich fest verschlossen.

Imposant ragt es auf, mit filigranen Motiven und Reliefen. Jedes einzelne Muster erzählt eine andere Geschichte und je dichter die Füße zum Tor gehen, umso mehr wird erkannt. Feen und Zwerge, Bäume und Riesen, sowie einfache Blumenmuster und Ranken, welche alles miteinander verbinden. Das Verständnis für die Touristen ist vorhanden, welche hier jeden Tag ein und aus gehen und sich mit den riesigen Löwenstatuen vor dem gigantischen Eingang fotografieren lassen.

Doch nun ist es still. Nur der Springbrunnen plätschert leise vor sich hin. Der sonst so belebte Ort wirkt tot und verlassen. Auch hier herrscht die Einsamkeit wie eine Königin. Aber nicht diese Erdrückende, sondern eher die des Durchatmens und Sammelns. Eben dieses Gedanken befreiende Alleinsein.

Nach ein paar Momenten des Fühlens tragen die Füße den Körper zu den majestätischen Löwen. Die Finger fahren sanft, andächtig, beinahe ehrfürchtig über Marmor und Gold. Ertastet wird jede kleinste Vertiefung und Erhebung, jedes Beben des Materials.

Wenn fest an Wunder geglaubt wird, sollen sie geschehen. Ihre Schönheit muss jedoch in der richtigen Sekunde erkannt werden. So, wie der Moment, wenn Mondlicht auf einen verlassenen Innenhof trifft und eisig silbern glänzen lässt. Wenn Marmor unter den Fingern zu seidenweichem Fell wird und die Antwort auf streichelnde Bewegungen ein Schnurren ist.

Die erste natürliche Reaktion ist ein Schrecken, die zweite Angst, wenn zwei marmorne Löwen zum Leben erwachen und die steifen Gliedmaßen ausschütteln. Doch die Anmut dieser Tiere, als sie von ihrem Podest steigen und ihre Tatzen schimmernde Farben auf dem eintönig grauen Untergrund hinterlassen, sorgt für Faszination.

Vertrieben werden die dunklen Gefühle und machen Platz für Neugierde und Staunen. Sorgen für ein wohliges Kribbeln der Aufgeregtheit.

Im Mondlicht beginnen die Löwen über den Platz zu laufen, spielen, springen und tollen. Mal vollführen sie die Aktionen übereinander, dann rollen sie sich wie lachende Kinder über den Innenhof. Auch der Brunnen bleibt nicht verschont und das kühle Nass spritzt in einem spektakulären Kaleidoskop über die steinernen Wege vor dem Palast. Wo die Tiere laufen, färben den Boden die schönsten Farben und das kalte Mondlicht verliert sich in einem malerischen Bild aus bunten Sprenkeln, Strichen und Farbergüssen.

Die Augen verfolgen das Schauspiel gebannt wie auf einer Kinoleinwand. Der Anblick sorgt für Freude und Leichtigkeit, animiert geradezu zum mitlaufen und ausgelassen sein. Er belebt die Sinne, beflügelt die Gedanken und schon tun die Füße, der Körper, was sie wollen. Plötzlich verwandelt sich die Welt von düster zu bunt und die Schritte hinterlassen ebenfalls sichtbare Fußbadrücke.

Am Eingang zum Innenhof stehen die Löwen, wartend und geduldig, bis eine Entscheidung gefallen ist. Stillstand oder Wagemut zu etwas Neuem? Die Wahl fällt nicht schwer und die Hände vergraben sich im Pelz von den beiden Königen der Tiere.
Sie beißen nicht zu, schmiegen sich der Berührung entgegen und geben durch ihre Körpersprache die Aufforderung zum Aufsitzen.

Nicht lange darüber nachdenken, sondern einfach machen. Manche Gelegenheiten kommen nie wieder! Und schon folgt der Körper der stummen Ermutigung, kuschelt sich an einen der kräftigen Tierleibe und lässt sich tragen.
Fort, weit fort laufen sie. Weg von dem Platz und dem Tor, welches die beiden Majestäten schon so lange bewachen.

Von der Melodie der Nacht umhüllt führt der Weg durch die Stadt, über den Fluss und die Dächer. Eine schillernde Tapsenspur entsteht wie ein leuchtender Wegweiser. Der Wind weht durch Haare und Mähne, erfüllt die Sinne mit Freiheit und Leichtigkeit. Er erzählt von Wundern und Sagen, bringt die Löwen in die Luft und dem Himmel ein Stück näher.

Augen werden vor Staunen weit aufgerissen, die Hände nach den Gestirnen ausgestreckt und die Farben und Eindrücke tief ins Gedächtnis aufgenommen. Der Blick wandert über die Schulter zurück und verfolgt den farbenfrohen und schillernden Schweif, den die Körper der Löwen hinterlassen und ein Lachen entkommt der Kehle. Der Laut folgt dem Wind in die Unendlichkeit und erkundet nun die Welt. Die Irden richten sich wieder nach vorn und versuchen zu erfassen, was vor ihnen erscheint.

Formen und Gestalten sind in den Himmelskörpern zu erkennen, welche mit ihren drei Besuchern zu tanzen scheinen, sie zum Feste einladen und zum Bleiben bewegen wollen. Lichter in einem unbegreiflichen Kaleidoskop und allen Farben der Farblehre leuchten auf, wirbeln umher, vermitteln den Klang von ausgelassenem Lachen und Gesang.

Die Wärme des Tieres wird bewusster wahrgenommen, das Brüllen beider gleicht Applaus und das gesamte Spektrum, die Weiten der Galaxie verstanden, bis der Wind abflaut und der Weg zurück in die Stadt führt. Das Mosaik aus Farbkleksen auf dunklem Untergrund birgt alles an Fantasie, denn sie ist es, die einen Träumen lässt und an fremde Orte bringt. Nicht die Vernunft.
Die Sprenkel verbinden sich zu Mustern und trotz des schnellen Laufs der Löwen wirkt diese dunkle Stadtkulisse plötzlich viel heller und belebter. Wie eine große Leinwand, welche bemalt und entdeckt werden will.

Langsam führen die Beine der Lebewesen zurück zum Palast. Alles hat sein Ende, auch wenn das Bleiben als angenehmer empfunden wird. Für diese Nacht soll das Abenteuer, dieser Ausflug, beendet sein.

Der Innenhof des Palastes erscheint wieder vor den Augen und der Körper gleitet vom Rücken des Tieres.
Der Blick folgt den beiden Löwen, die Finger gleiten noch einmal durch das seidige, bronzene Fell, ehe die Könige wieder ihre Throne besteigen und ihrer angestammten Aufgabe nachgehen. Der Pelz verliert an Farbe, wird erneut weiß und die gerade noch warmen, weichen Körper erstarrten und werden kalt und hart.

Die bunten Fußspuren verblassen, das silberne Mondlicht erobert sich den Platz zurück und doch scheint es so, als würde es nicht mehr ganz so kalt glitzern.
Kaum, dass das Märchen der Löwen endet und sie nun wieder aus Marmor und Gold bestehen, verneigt sich der verbliebene Körper zum Dank und die Füße tragen zurück auf die Straße. Aber statt dem gehetzten Ausdruck auf dem Gesicht, liegt dort nun ein Lächeln und Erkenntnis.
Manchmal braucht es Einsamkeit und Kälte, um Wärme und Freude erneut zu finden. Jede Emotion ist eine zweiseitige Münze, nur ist eine Perspektive manchmal etwas schwerer zu erkennen.

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„Verzeihung, aber haben Sie Interesse an diesem Bild?“
„Ja! Ich würde das Gemälde >Löwennacht< gerne kaufen. Es wirkt von allen hier im Raum am lebendigsten.“
„Eine sehr gute Wahl! Niemand, außer Ihnen, hat den Zauber des Bildes wirklich verstanden, geschweige denn konnte sich wirklich darauf einlassen.“
„Bitte duzen Sie mich. Diese Unpersönlichkeit sorgt nur für Einsamkeit und diese möchte ich im Antlitz dieser Löwen nicht verspüren. Nicht nach der Reise, auf welche sie mich mitnahmen.“
„Erzählst du mir von deinem Abenteuer?“
„Nur zu gern.“
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