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Someone new

OneshotAllgemein / P6 / Gen
29.09.2020
29.09.2020
1
1.872
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29.09.2020 1.872
 
Projekt: Schreib meine Geschichte
Buchtitel: Someone new
Autor des Originalbuches: Laura Kneidl
Zahl: 73
Link zum Projekt: https://forum.fanfiktion.de/t/68252/6#jump7383338
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Man kannte es bereits. Man kannte es, bevor man hier herkam. Hier war der Ort, an welchem man sich jeden Abend einfand und hoffte, jemanden kennen zu lernen. Doch diese Hoffnung wurde Abend um Abend zerstört. Man war einfach nicht dazu gemacht, diesem oberflächlichen bla bla zu folgen, dem zuzuhören und zu verinnerlichen.

Der Blick schweifte zum hölzernen Tresen vor einen. Dort hatte man ein Glas mit einem bunten Cocktail stehen, welchen man einfach so bestellt hatte, damit es nicht ganz so verzweifelt aussah. Doch im Endeffekt war es genau das. Verzweiflung… Verzweiflung darüber, dass es nicht mehr möglich war, über Stunden ein interessantes Gespräch aufrecht halten zu können, ohne, dass der Gegenüber nach dem Handy oder sonst was griff.

Die Augen huschten über die Menge in der Bar. Manche Personen standen auf der Bühne und sangen die Lieder in einer schrägen Tonlage mit, wieder andere tummelten sich auf der Tanzfläche und bewegten ihre Körper im Takt mit. Hin und wieder waren sogar tatsächlich Freundeskreise zu erblicken. Doch egal was und wen man auch beobachtete, nichts davon war wirklich tiefgehend. Nichts davon grenzte auch nur im Entferntesten an Ehrlichkeit oder Tiefsinn. Man empfand es alles als ernüchternd, denn man konnte diese geballte Menge an Menschen nur als eines sehen. Als schnelle Nummer. Alles, was man hier in dieser Bar erblickte war bedeutungslos und schnelllebig.

Wieder wanderte man mit den Augen durch den Raum und sah eine hübsche, junge Frau, welche gerade einen Mann ungefähr gleichen Alters zu den Toiletten zog. Was dort geschehen würde, konnte man sich denken. Man hätte für eine halbe Stunde, wenn überhaupt, Spaß. Danach würde man das Kondom entsorgen, vorausgesetzt man hatte eines benutzt, und danach ging man wieder getrennte Wege. Den Namen des Partners für die letzten dreißig Minuten hatte man nicht einmal erfragt, geschweige denn ob er oder sie verheiratet oder in einer Beziehung war. Nichts war von Bedeutung und das konnte man einfach nicht mit sich selbst vereinbaren.

Mehr als ein Kopfschütteln über die Handlung konnte man nicht aufbringen. Doch selbst war man nicht besser. Zuerst führte der Weg hierher, damit man sich mit neuen Menschen bekannt machen konnte. Auf diese euphorische und beinahe patriotische Sichtweise folgte der einfache Wunsch dem verdammten Alltagstrott zu entfliehen und schließlich wurde der gewählte Fluchtweg selbst zum alltäglichen Begleiter, denn stets saß man auf demselben Barhocker, in derselben Bar mit demselben Getränk vor der Nase.

Man erkannte mal wieder, dass der Mensch ein Gewohnheitstier war. Der Blick scannte die Personen am Tresen ab und entdeckte tatsächlich das ein oder andere bekannte Gesicht. Was diesen Leuten wohl durch den Kopf ging? Etwa ähnliche Gedanken, wie man selbst sie hatte? Oder planten sie schon die nächste Nacht mit einem vollkommen Fremden neben und über sich im Bett? Man wusste es nicht und wenn man nicht fragte, so würde man es auch nie erfahren. Doch warum sollte man einem anderen einfach so seine Pläne für den Abend erzählen? Man selbst tat es ja auch nicht.

Nein eigentlich hatte man nichts von dem getan, was man eigentlich wollte. Wie kam es überhaupt dazu, dass man jeden Abend hier saß? Es war einfach zu erklären und geradezu banal. Weil man es immer so tat. Schlicht und ergreifend, weil man nicht wusste, wo man sonst den Abend verbringen sollte, wenn man nicht in einer Einraumwohnung sitzen und das stumpfsinnige Fernsehprogramm durchsuchen wollte. Dann kam man hierher, denn zumindest hier gewann man die Illusion, ein Teil der Welt und des sozialen Miteinanders zu sein.

Doch wie viel Wahrheit enthielt diese Illusion tatsächlich? Nicht wirklich viel, wenn man bedachte, dass keiner dieser Leute hier einen morgen noch beschreiben könnte, außer der Barkeeper vielleicht. Es war deprimierend und faszinierend zugleich. Auf der einen Seite wollte man hier unbedingt gesehen und in Erinnerung behalten werden. Doch auf der anderen Seite liebten die meisten es hier anonym zu bleiben. Ja sie suhlten sich regelrecht in der Unwissenheit und dem Nichtkennen, um das ausleben zu können, was sie sonst nicht konnten, denn niemand verurteilte sie hier. Wie denn auch, wenn man keinem näher stand und es auch nicht wollte? War das vielleicht der Sinn, den man für sich selbst suchte oder maß man den falschen Dingen einfach zu viel Bedeutung bei?

Was wollte man für sich selbst eigentlich mit den abendlichen Besuchen in dieser Bar erreichen? Hatte man sich darüber überhaupt jemals Gedanken gemacht? Wahrscheinlich eher weniger, aber lieber fing man damit zu spät als nie an.

Aus diesem Grund zuckten die Irden wieder zu jeder einzelnen Persönlichkeit am Tresen und beobachtetet Handlungen und Mimiken genau. Die Frau im grünen Kleid wirkte merklich traurig und wollte ihren Kummer wohl im Alkohol ertränken, denn sie hatte bereits den vierten Cocktail innerhalb von eineinhalb Stunden geleert. Ihre Augen wirkten glasig und matt. Vielleicht hatte sie jemanden verloren, der ihr viel bedeutete? Sollte man sie nicht vielleicht fragen und einfach als starke Schulter fungieren? Sich ihr Leid anhören und es mit ihr teilen, damit es nicht mehr so schwer auf ihren Schultern lastete? Natürlich… als würde man jedem Dahergelaufenen in einer Bar den Grund seiner bedrückten Stimmung verraten. Die Antwort wäre wahrscheinlich eher, dass alles gut sei und man sich nicht sorgen sollte.

Man seufzte entmutigt auf und betrachtete die nächste Person auf den Barhockern. Auch hier wieder eine junge Frau, mit blau gefärbten Haaren und angeklebten Fingernägeln. Dem Outfit und ihrem Verhalten nach war sie auf der Jagd. Besser man ließ die Finger direkt von ihr. Obwohl… was war, wenn der erste Eindruck täuschte? Vielleicht war sie ja eine ganz Liebe und man verurteilte gerade ein sensibles, tiefsinniges Mädchen aufgrund von Äußerlichkeiten? Nein, dass konnte nicht der Fall sein, denn jetzt spielte sie mit ihren Haaren, während sie sich mit dem offensichtlich etwas älteren Mann neben sich unterhielt und fast wie beiläufig die Hand über seinen Oberschenkel streichen ließ. Der erste Eindruck erwies sich sogar als richtig, als sie ihm plötzlich die Zunge in den Hals steckte und die beiden, nach ein paar geflüsterten Worten, Hand in Hand das Lokal verließen.

Auch nach dieser Beobachtung wurde das beklemmende Gefühl in der Brust größer. Egal wo man hinsah, es war überall dasselbe. War man zu altmodisch, wenn man in eine Bar ging, in der Hoffnung ein wirkliches Gespräch zu führen? Sich einfach nur nett unterhalten und einen anderen Menschen kennenlernen möchte? Oder grenzte es eher an bodenlose und unendlich weite Naivität, wenn man nicht hinter jedem Lächeln gleich eine Aufforderung zu einer schnellen Nummer sah? War man vielleicht zu spießig, wenn man Wert auf Intellekt, Intelligenz und Charakter legte? Wenn man sich ein kleines Bisschen der alten Zeiten zurück wünschte, in einer Gesellschaft, die schnelllebiger und oberflächlicher nicht sein konnte?

Mit einem schweren Seufzer stützte man das Gesicht nun in der Handfläche ab und stellte den Ellenbogen auf das blankpolierte Holz des Tresens. Ja, manchmal wünschte man sich selbst, dass man so wäre wie in den alten Zeiten. Ein bisschen mutiger, ein bisschen offener, ein bisschen… menschlicher? Wann hatte man zuletzt eine wildfremde Person angesprochen und ihr einfach mal ein Kompliment gemacht? Die Erinnerung daran lag soweit zurück, dass sie nichts weiter als eine Ahnung war, wann dies gewesen sein könnte. Eigentlich war man nicht besser, als diese Menschen hier in der Bar, die man für ihr Verhalten verurteilte. Man selbst hatte den Blick auf der Straße stets gesenkt und lief wie ein Schatten zwischen den ganzen Leuten umher. Kein Gesicht prägte sich ein, geschweige denn, dass man überhaupt einzelne Persönlichkeiten wahrnahm.

Doch diese Erkenntnis allein reichte bei weitem nicht aus. Entweder man tat selbst etwas dagegen oder man ließ es bleiben und kehrte zurück zum Alltagstrott. Trampelte man weiter auf der Stelle oder wagte man endlich den Schritt nach vorne? Wann hatte man aufgehört, den Sprung ins kalte Wasser zu vagen und sich überraschen zu lassen, was wohl passieren würde?

Man ballte die Hand am Gesicht zur Faust. Nein, so wollte man heute nicht nach Hause gehen. Von nun an zählte nur noch der Satz „Jeden Tag eine gute Tat“ und am besten begann damit sofort! Kein Ausweichen mehr! Keine trüben Gedanken mehr und die Einstellung, dass es eh nichts werden wird und man nichts ändern konnte. Niemand kannte die Zukunft und niemand würden einem sagen können, wie etwas ausgegangen wäre, wenn man den Moment einfach verstrichen ließ.

Man schloss die Hand um den Cocktail vor sich, stand von seinem Barhocker auf und ging zu einer bestimmten Person. Das Herz schlug einem bis zum Hals und die Ungewissheit des Ausganges der folgenden Handlung pumpte Adrenalin durch Adern und Organe. Man spürte das Kibbeln in jeder einzelnen Faser, als man einen etwas älteren Mann darum bat, den Platz mit einem selbst zu tauschen. Nach einem kurzen Nicken zog der Unbekannte von dannen und man selbst setzte sich auf den eben noch belegten Barhocker, stellte sein Getränk ab und ergab sich noch einmal kurz der Angst.

Doch von Angst sollte man sich nicht beherrschen lassen und somit legte man ganz vorsichtig und schüchtern die zitternde Hand auf den Rücken der Frau im grünen Kleid und streichelte diesen etwas zaghaft. Natürlich erschrak sie bei dieser Handlung und sah einen ungläubig an. Man selbst würde wohl auch so reagieren, wenn eine fremde Person das bei einem tat. Doch man sah ihr direkt in die Augen, lächelte ein wenig und legte die Hand nun mit etwas mehr Druck auf ihre Schulter. Die Verwirrung in den Augen der Unbekannten nahm man deutlich zur Kenntnis und nach einem weiteren, kurzen Zögern sprang man nun endlich ins kalte, unendlich tiefe und unbekannte Wasser, als man sagte: „Sie sehen so traurig und niedergeschlagen aus, da wollte ich einfach nachfragen was passiert ist. Möchten Sie darüber reden?“

Man sah das pure Erstaunen in ihrem, vom weinen geröteten, Blick. Doch dann fiel sie einem in die Arme und ließ die Tränen einfach laufen. Man war sich fremd, doch diese einfache Geste und die einfachste Frage der Welt sorgte für eine leichte, emotionale Verbundenheit. Plötzlich war man nicht mehr einfach nur irgendwer, der gerade zufällig hier war. Genau in diesem Moment begann man jemand Neues kennen zu lernen und es begann mit der Frage: „Ist alles in Ordnung?“ Plötzlich war einem dieser Mensch nicht mehr egal und für den anderen war man nicht mehr einfach nur eine fremde Person, sondern die- oder derjenige, der einem zur Seite stand. Keine Fremden mehr, sondern zwei Seelen, die einander beistanden und begannen sich bekannt zu machen. Anonymität bekämpfte man nun mal nur mit Worten und Menschen konnte man nur in Gesprächen wirklich ergründen.

An diesem Abend lernte man eine junge Frau am Tiefpunkt ihres Lebens kennen und gab ihr einen kleinen Halt. Morgen sah man sich vielleicht wieder und übermorgen genauso. Wer wusste das schon? Es hatte für diese Sekunde eine bleibende Erinnerung geschaffen. Man konnte es halten oder beenden, doch das lag ganz allein bei einem selbst und würde sich zeigen. Vielleicht nicht jetzt, doch irgendwann bestimmt und ganz bestimmt würde diese einfache, gute Tat am Abend einem gleichermaßen zurückgegeben werden. Das Leben ist ein Mysterium und kein Tag ist gleich. Was man daraus macht, lag in den eigenen Händen.
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