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Im Zeichen der Zwölfe - Lerin Gluckentann

von Liskaya
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
OC (Own Character)
27.09.2020
14.01.2022
8
27.345
4
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14.01.2022 3.172
 
Twergenhausen, ING 1035 BF

Die gewaltige Kulisse des Rondra-Tempels warf imposante Schatten über den Platz, der sich vor dem trutzigen Bau erstreckte. Die Mittagshitze ließ die Luft flimmern. Unangenehme Gerüche und vereinzelte Stimmen trug eine schwache Brise vom Hafengelände herüber – gerade weit genug, um daran zu erinnern, dass man Fisch besser nicht in der Sonne liegen ließ, jedoch nicht stark genug, um auch nur den Anflug von Kühlung zu bringen.

Lerin stand im Schatten eines Baumes, sein Blick fest auf die über dem Torbogen eingemeißelte und mit roter Farbe bemalte Löwensilhouette gerichtet. In den letzten Jahren hatte er seine Gebete oft hier draußen verrichtet, mit dem Blick auf das Antlitz des heiligen Tieres der Sturmherrin in Stein, jedoch aber kaum die Statue der göttlichen Kriegerin im Inneren des Tempels zu Gesicht bekommen. Die Verachtung, mit der Thalion Leuenkrall ihm noch immer begegnete, machte ihm zu schaffen. Es war Unrecht, doch das machte es nicht leichter. Der Geweihte war nicht das für ihn geworden, was sich Lerin damals erhofft hatte. Es war eine bittere Enttäuschung – noch immer.

Doch Lerin war an dieser auch gewachsen. Und ohne diese Auseinandersetzung mit Geweihten... hätte Jast ihn damals vielleicht nicht angesprochen. Sie hätten einander nicht kennen, vertrauen und schließlich lieben gelernt. Und vielleicht hätte Lerin auch nicht den Mut gefunden, auf eigene Faust und mit durchaus eher phexischen Methoden nach seinem Freund zu suchen, als dieser vor einigen Wochen verschwunden war. Rondras Wege waren nicht immer die einzigen, die zum Ziel führten – eine Erkenntnis, die er niemals erwartet hatte, jemals so klar vor sich zu sehen.

Doch Jast ging es gut. Mithilfe einiger Abenteurer hatte Lerin es schließlich geschafft, ihn ausfindig zu machen und denen das Handwerk zu legen, die dafür gesorgt hatten, dass sein Freund sich in seiner eigenen Heimatstadt wochenlang hatte verstecken müssen, ohne seiner Familie oder auch Lerin einen Hinweis geben zu können. Der Travia-Tempel hatte ihm einen Unterschlupf geboten und nach all der Sorge war sich Lerin nun sicher, dass seinem Freund keine Gefahr mehr drohte. Zumindest nicht von jenen, die ihm mit dem Tode gedroht hatten. Die saßen nun auf der Wache, festgesetzt von ihn und dem Hauptmann, und erwarteten ihre Verhandlung. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt – zumindest in dieser Sache.

Die Stille auf dem Platz und die sengende Hitze ließen Lerins Gedanken weiter wandern. Thalion Leuenkrall hatte einst vor Wehrheim gekämpft, als die Fliegende Festung den Weltenbrand auf das Mittelreich losgelassen hatte. Lerin hatte zahlreiche Geschichten gehört von niederhöllischem Feuer, unzähligen Dämonen der grässlichsten Art und Erdspalten, die Männer und Pferde verschluckt hatten wie die gierigen Mäuler der siebten Sphäre. Gewiss war die Sommerhitze hier kein Vergleich dazu, doch irgendwie fragte er sich, wie der Geweihte diese heißen Tage wohl verbrachte. Ob er sich manchmal, in unbedachten Momenten, zurück erinnerte an die vielen Schlachten, die er unter dem Antlitz des Götterfürsten geschlagen hatte? Gewiss - hatte er durch diese doch viel Ruhm erworben.

Lerin hatte nun vor, seine eigene, ganz persönliche Schlacht zu schlagen. Er hatte sie lange aufgeschoben, doch nun war er an dem Punkt angelangt, da ihn das Kurzschwert seines Großvaters jeden Tag zu mahnen schien, diese Sache nicht noch länger ungeklärt zu lassen. Es traf sich gut, dass jene Abenteurer, die Jasts Verschwinden aufgeklärt hatten, nun als nächstes den Flusspiraten das Handwerk legen wollten. Sie hatten eines der Hauptverstecke der Räuber ausfindig machen können und würden am nächsten Morgen beim Bürgermeister vorsprechen, um weitere Unterstützung und Ausrüstung zu erhalten. Es waren fähige Leute unter ihnen, tapfere Kämpfer, kluge Köpfe und auch fähige Magier. Doch es würde noch mehr Hände brauchen, die Waffen trugen und sie in ihrem ehrenvollen Tun unterstützten.

Lerin hatte beschlossen, einer von diesen Unterstützern zu sein. Er würde dazu beitragen, dass diese Stadt endlich wieder Frieden fand und es den Leuten wieder besser ging. Die Erlaubnis des Hauptmannes hatte er bereits. Doch er wollte nicht einfach nur frei gestellt werden vom Dienst. Er wollte einen Schwur leisten, vor dem Götterfürsten und der Herrin Rondra. Und um dies tun zu können... musste er sich einem alten Feind stellen. Einem Feind, den er eigentlich nie hatte haben wollen.

Mit einem tiefen Atemzug setzte er sich in Bewegung und überquerte den Platz, der zu Festtagen stets voller fröhlicher Menschen und zahlreicher Stände, guter Gespräche und mitreißender Freude war. Seine Füße trugen ihn die Steinstufen hinauf bis zur Pforte, die wie gewöhnlich offen stand. Kurz tastete er nach dem Griff des Kurzschwertes, glaubte, die Hand seines Großvaters ermutigend auf der Schulter zu spüren und trat schließlich ein in die große Halle, in der tatsächlich ein wenig Kühle herrschte. Während sein Blick über die an den Wänden angebrachten Waffen, Wandteppiche mit heroischen Kampfszenen und andere rondrianische Kleinode schweifte, vernahm er aus der Richtung des Altars ein Geräusch, das ihm die Nackenhaare aufstellte: Das feine Schleifen eines Steins über eine Klinge.

Lerin erblickte den Geweihten, der in seinem weiß-roten Ornat samt Kettenhemd auf den Stufen saß, die zum Altar samt der Statue der Kriegerin hinaufführten. Hochkonzentriert und mit tadelloser Haltung bearbeitete dieser eine der Waffen, die zum Arsenal des Tempels gehörten, mit einem Schleifstein und schien scheinbar nicht zu bemerken, dass ein Besucher den Tempel betreten hatte.

Lerin fühlte Schweiß auf seinem Rücken hinabrinnen. Sicher kam dieser nicht nur von der Hitze, die in seiner Lederrüstung oft noch stärker war. Einige Schritt vom Geweihten entfernt blieb er stehen und hob die rechte Faust zum Gruß an die Brust, die Haltung aufrecht, der Blick war fest auf den Priester gerichtet. So wartete er. War es eine Minute oder mehr? Er wusste es nicht. Es war auch nicht von Belang. Und wenn Thalion ihn hier eine Stunde lang stehen ließ...

Doch nur wenige Augenblicke später hob der Geweihte den Blick und seine Hand samt Schleifstein kam zur Ruhe, nachdem sie noch einmal kurz über den frisch geschliffenen Stahl gestrichen hatte. Der harte Blick des vernarbten Kriegers lag prüfend auf ihm, so wie jedes Mal, wenn sie sich begegneten. Lerin hatte Thalion auch zu anderen jedoch noch nie anders dreinblicken sehen, daher beschloss er, dieser Sache keine weitere Bedeutung beizumessen.

„Lerin Gluckentann“, sprach Thalion wenige Momente später – erstaunlich leise, so kam es Lerin vor. Vielleicht holte er aber auch nur Luft und gedanklich schon weit aus für die nächste Schimpftirade...

„Euer Gnaden.“ Lerin neigte respektvoll den Kopf. Zuvor war ihm beim Gedanken daran lange bittere Galle die Kehle hochgestiegen. Doch heute fiel es ihm leichter. Er wusste, dass er sich kein Unrecht hatte zu Schulden kommen lassen. Und das Ansinnen, das ihn hierher führte, verlange ein reines Herz und keinen Unmut, der den Göttern Anlass geben könnte, seinen Schwur mit Skepsis zu betrachten. Daher hatte er sich lange vorbereitet und sich bemüht, so ruhig wie möglich diesen Weg zu gehen.

„Ich habe eine Bitte an Euch – und an die Herrin Rondra. Bitte, schenkt mir ein wenig Eurer Zeit“, fügte er daher ruhig an und wartete auf die Reaktion des Geweihten. Der Blickkontakt blieb, war nicht gerade angenehm, doch Lerin hielt stand. Und das würde er auch weiterhin.

„Sprich“, kam es knapp von Leuenkrall, der sich nun erhob und die Waffe samt Schleifstein auf den Altar legte, ehe er sich wieder zu Lerin umwandte. Kurz blitzte die Mittagssonne, die durch die hohen, bunt bemalten Fenster hereinfiel, auf der frisch geschliffenen Klinge auf. Als würde der Herr Praios ihm zeigen, dass sein gerechter Blick nun auf ihm ruhte...

„Ihr habt gewiss von den Umtrieben der Flusspiraten Kenntnis... und auch von den reisenden Streitern, die diesen auf den Fersen sind“, begann Lerin seinen Bericht. Dabei ließ er die Faust auf seinem Herzen ruhen. Es schlug nun zunehmend schneller. Doch er würde nicht weichen – egal, was der Geweihte heute wieder an Donnerhall auf ihn niederfahren ließ.

„Mir ist bekannt, dass es sehr bald einen Angriff auf ein Versteck der Piraten geben soll. Die Umtriebe dieser Bande haben nicht nur unserer Stadt, sondern vielen Siedlungen entlang des Großen Flusses schwer geschadet. Waren wurden geraubt, ganze Dörfer überfallen und geplündert, Menschen in die Sklaverei verschleppt oder auch getötet. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, Recht und Ordnung wiederherzustellen – denn dies war mein Schwur, als ich meinen Dienst hier aufnahm. Ich bitte Euch daher, mich in eine Queste zu Ehren der Herrin Rondra und den Herrn Praios aufzunehmen – auf dass ich meinen Teil dazu leiste, den Piraten das Handwerk zu legen, und zwar in Gänze.“ Lerins Stimme war fest, ebenso war es sein Blick.

Thalion Leuenkrall lauschte den Worten des jungen Wächters und schwieg. Lange schwieg er, den Blick auf den Altar gerichtet, sinnierend über diese Worte – oder aber irgendetwas anderes. Dann wandte er sich um, langsam und ruhig, und blickte dem Halbelfen in gewohnt ablehnender Manier entgegen.

„Und wieso bist du der Ansicht, dafür deinen Posten verlassen und die Bewohner dieser Stadt schutzlos zurücklassen zu können? Denkst du nicht, dein Dienst für diese Stadt ist hier und jetzt genug?“ Die eisblauen Augen des Geweihten hafteten wieder gnadenlos auf ihn, wie damals im Kampf vor dem Tempel. Dieser, vor Jahren begonnen, ging nun in eine weitere Runde. Und Lerin spürte, dass er mit diesem ehrenvollen Antrag wohl nicht weit kommen würde. In ihm brodelte es bereits, so sehr er sich auch mühte.

„Weil es nicht genug ist! Das Übel muss an der Wurzel gepackt und nicht immer nur über dem Boden abgeschnitten werden! Wenn wir alle Kräfte zusammen werfen... ist es möglich, ihnen gänzlich das Handwerk zu legen...“

Lerins Darlegung wurde jäh unterbrochen, als der Geweihte einen Schritt auf ihn zutrat und mit einem Mal mit dem bereits erwarteten Donner auf ihn herniederging, ohne auch nur die geringste Vorwarnung zu geben.

„Und DU bist der Ansicht, deine Klinge würde etwas ausrichten? Ein einfacher Wächter, Sohn eines Bauern – denkst du wirklich, gerade DU wirst das Zünglein an der Waage sein? Du überschätzt dich, Junge, auch wenn deine Tricks dich weit gebracht haben! Verblendet und vermessen bist du, und ich werde keinen Segen über eine solch selbstsüchtige Sache sprechen!“, warf der Geweihte ihm voller Verachtung entgegen.

Lerin spürte sein Herz noch schneller schlagen, hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Die tiefgrünen Augen blickten weiterhin fest in Richtung des erfahrenen Kriegers. Doch er wankte nicht. Kein Schreck fand sich in seinem Gesicht ob dieser Worte und der Lautstärke, mit dem ihm diese entgegen geschleudert wurden. Keine Regung zeigte sich auf die Unterstellungen und die offene Abneigung, die ihm der Geweihte entgegen brachte. Nun wurde das, was Kolmar stets als seine Schwäche bezeichnete, zu seiner Stärke. Er verriet keine Sekunde lang, wie es in seinem Inneren aussah. Er behielt die Karten in der Hand. Und nun würde er seine Trümpfe ziehen. Jene Trümpfe, die er in langen Gesprächen mit Jast und auch einigen der Abenteurer erkannt und in sein Blatt gemischt hatte.

„IHR seid derjenige, der verblendet ist!“, antwortete Lerin schließlich, und nun hallte auch seine Stimme von den Wänden der Wehrhalle wieder. „Was ihr als 'Tricks' bezeichnet ist Fertigkeit, die ich seit meiner Kindheit mit Schweiß und Schmerz erarbeitet habe! Ich habe mir kein Vergehen zu Schulden kommen lassen, viele ehrenvolle Bürger haben für mich gesprochen und der Götterfürst ist mein Zeuge, ich werde es nie wagen, im Angesicht der Leuin, die mir von allen Göttern Alverans die Höchste ist, zu täuschen und zu lügen! Ich besiegte Euch, einen strahlenden Helden, vor aller Augen, und Euer verletzter Stolz blendet Euch noch immer, sodass Ihr Unrecht seht, wo keines ist, und deshalb selbst unrecht handelt! Ihr wollt es nicht sehen oder könnt es nicht, es ist mir gleich!“

Lerins rechte Hand war nun herab gesunken und lag halb am Griff seines Kurzschwertes. Er wirkte nicht, als würde er es ziehen wollen – nein, es gab ihm Kraft. Der Geweihte war sichtbar überrumpelt – offenbar hatte er nicht erwartet, von dem sonst so ruhigen und besonnenen Halbelfen so angebrüllt zu werden. Erst recht nicht in seinem Tempel.

„Wie habt Ihr Euren Weg begonnen, Euer Gnaden? Waren Eure Eltern Bauern oder von Stand? Spielt das denn überhaupt eine Rolle? Würde man den Heiligen der Kirche ihre Taten aberkennen, nur weil ihre Eltern einfache Arbeit taten oder sie in einem Bauernhaus zur Welt kamen? Ihr predigt stets, es käme auf das rechte Herz eines Streiters an! Ihr versichert Euren Novizen vor aller Augen und Ohren, dass allein Rondra und ihre göttlichen Geschwister unseren Wert aufgrund unserer Taten bestimmen! Das, was ich will, ist meine Heimat zu beschützen. Und sei meine Klinge nur eine, und sei sie alt, doch sie wurde geführt von einem ehrenvollen Kämpfer, der ebenso wie Ihr für das Reich und die Menschen darin gefochten und geblutet hat! Der Schutz meiner Heimat ist der Grund für meine Anfrage, keine Selbstsucht, wie Ihr es mir vorwerft! Ich glaube, wenn Ihr wirklich so über mich denkt, dann bin ich falsch an diesem Ort. Ich werde den Schwur im Travia-Tempel leisten, im Angesicht der gütigen Mutter, die mich einst gerettet hat, sodass ich nun anderen helfen und sie beschützen kann!“

Lerins Stimme blieb klar, auch wenn in seinem Inneren ein Sturm tobte. Hart warf er diese Worte, die geschliffener waren als jede Klinge in diesem Raum, dem Geweihten entgegen. Dann wandte er sich um und ging in Richtung des Ausgangs. Er war fertig mit diesem Mann. Nicht mit Rondra selbst, das hatte er nun verstanden. Denn Thalion war nur ein Mensch. Und er würde ihm nie nehmen können, was sein Großvater ihm einst mit seiner Klinge vermacht hatte...

„Bleib stehen!“ Der Befehl kam gebellt wie auf dem Exerzierplatz der Wache. Lerin straffte die Schultern, wandte sich halb um und blickte den Priester an. Dieser stand wenige Schritt hinter ihm, die Hand an der Waffe. In Thalions Blick funkelte der nackte Zorn.

„Ihr wollt Eure geweihte Waffe gegen mich richten... weil ich die Wahrheit spreche?“, antwortete Lerin kühl.

Leuenkrall knurrte hörbar. Lerin konnte die Wut des Geweihten geradezu fühlen. Seine Worte mussten Thalion schwer getroffen haben.

„Ihr seid respektlos und unverschämt...“, brachte der Geweihte hervor.

Lerin zuckte mit den Schultern. „Ich bin mit den Göttern im Reinen. Alles, worum ich bat, war Euer Segen. Ihr jedoch verachtet mich. Aus Gründen, die Euer Urteil nicht trüben sollten. Es tut mir leid, dass ich Euch in eine solche Lage brachte. Ich hätte gern von Euch gelernt.“ In diesen Worten lag keine Wut mehr – nur Enttäuschung.

Jast hatte ihm in den letzten Monaten genau dargelegt, was man in der Stadt alles über den Rondra-Geweihten wusste und warum er sich vermutlich so verhielt. Lerin hatte dieses Wissen eigentlich nicht gegen Leuenkrall verwenden wollen. Es kam ihm unehrenhaft vor... denn er würde in diesem Fall nicht besser sein und auf jemanden treten, der auf gewisse Weise am Boden lag und noch nicht wieder auf die Füße gekommen war. Seit Jahren nicht...

Mit einem Mal entspannte sich die Haltung des Geweihten. Thalion wandte den Blick ab und heftete diesen auf die Kriegerin auf dem Altar. Lerin beobachtete ihn und wandte sich dann um, um ihn allein zu lassen. Was auch immer nun kam, er würde sich allem stellen, was folgte. Und gewiss würden die Travia-Geweihten seinen Schwur annehmen – wenngleich er auch wusste, dass Mutter Jelena alles tun würde, um ihn davon abzubringen. Die Hochgeweihte war seiner Mutter so ähnlich...

„Bleib stehen“, kam es nun erneut von Thalion, doch nun leiser und mit einem ganz anderen Grundton. Lerin leistete dem Befehl Folge und drehte sich wieder um. Der Geweihte war auf die Knie gesunken und starrte zu Boden, seine Hände krallten sich in seinen rot-weißen Umhang, als würde er Halt suchen. Mit einem Mal wirkte er unglaublich einsam und irgendwie... gebrochen.

Lerin wartete auf weitere Worte, doch nichts kam. Langsam schritt er nun wieder nach vorn, stieg hinauf neben den Geweihten vor den Altar und sank ebenfalls auf die Knie. Behutsam zog er sein Kurzschwert und legte es vor den Augen der Göttin nieder, führte die Faust zum Herzen und schloss die Augen. In seinen Ohren klangen die Worte seines Großvaters. Ein Gebet an Rondra hatten sie manches Mal zusammen gesprochen. Nun war es ihm, als wäre Eugen Gluckentann bei ihnen, kniend als Dritter vor dem Altar der Leuin.

„Verzeih mir“, sprach Thalion schließlich leise und hob den Blick. Lerin sah eine Vielzahl von Regungen in seinem Gesicht, wobei Scham die stärkste von allen zu sein schien. Milde lächelte er und streckte die rechte Hand aus, um sie dem Geweihten zu einem versöhnlichen Handschlag zu reichen.

„Ich zürne Euch nicht. Ihr seid ein Mensch, sterblich, wie ich es bin. Ihr tragt viele Narben, von denen ich keine Kenntnis habe. Ich bin nicht im Recht, Euch zu verurteilen...“, begann er dann vorsichtig zu sprechen.

Leuenkrall lachte bitter auf. „Sterblich bist du, ja. Doch du verteilst Schellen mit der Wucht und Macht der Wahrheit des Götterfürsten.“ Es blieb noch einiges unausgesprochen, als würde der Krieger die rechten Worte nicht finden.

Lerin hatte nicht gedacht, dass seine Worte eine solche Wirkung haben würden. Doch vielleicht hatte die Herrin dieses Tempels zugleich ein eigenes Machtwort gesprochen. Eines, das nur ein Geweihter, der ein Stück ihrer göttlichen Macht in sich trug, vernehmen konnte.

„Ich bin nicht hier, um gegen Euch zu kämpfen, weder mit Worten noch mit der Klinge. Diese hebe ich mir für die Piraten auf. Ich möchte noch immer Euren Segen erhalten. Es ist mehr als nur die Bitte, gegen übles Gesindel ausziehen zu dürfen. Ich habe das Gefühl, als... würde diese Queste mein Leben verändern können. Mir endlich Antworten geben. Ich möchte die Wahrheit erfahren, mir ehrenvoll erkämpfen und ihr ins Auge blicken, um zu verstehen... Bitte, Euer Gnaden. Ihr habt die Welt brennen sehen... helft mir, ein Streiter zu sein für all jene, die das Feuer der Niederhöllen noch nicht verschlungen hat.“

Der Geweihte blickte auf Lerins Hand und ein schmales Lächeln zeigte sich auf seinen vernarbten Lippen. Mit festem Händedruck nahm er den Handschlag an und erhob sich, zog Lerin mit auf die Füße. Das Licht fiel nun durch die bunten Bleiglasfenster direkt auf sie. Lerin fühlte die Wärme, die ihm seltsamerweise noch mehr Kraft und Zuversicht gab. Als hätte er einen großen Kampf gewonnen.

Leuenkralls Blick lag auf ihm, nachdenklich und noch immer erschüttert, doch es fand sich auch Anerkennung darin. Dann nickte der Geweihte und wandte sich dem Altar zu. Auf diesem lag der geweihte Rondrakamm, den er nun an sich nahm und sich zu Lerin umwandte, hinter ihm die Statue der Kriegerin in hellem Sommerlicht, als würde sie jeden Moment als göttliche Heerführerin zu ihnen hinabsteigen und Befehle erteilen. Lerin wusste, dass dies eine reine Einbildung war... doch er würde jedem ihrer Befehle Folge leisten. Egal, wohin sie ihn führen würden.

„Knie nieder, Lerin Gluckentann“, sprach Thalion Leuenkrall leise. Nun hatte er seine feste Haltung wieder und wirkte, als würde er auch den schlimmsten Stürmen stand halten können.

Lerin tat, wie ihm befohlen. Er hob die Klinge seines Großvaters auf und bot sie dem Geweihten – und der Göttin – auf den Handflächen dar. Wieder raste sein Herz, doch nun breitete sich ein anderes Gefühl in ihm aus. Keine Furcht, kein Zorn. Es war kaum zu beschreiben. Doch er wusste, dass dies der Beginn von etwas Großem war.
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