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Unglücksrabe

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Het
Debbie Fischer Franco Fabiano OC (Own Character) Oliver Dreier Phil Funke
25.09.2020
12.08.2022
92
301.472
31
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Dieses Kapitel
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06.08.2022 4.037
 
Am Montag klingelte der Wecker für Phil und Lee extra etwas früher, da sie sich die nächsten zwei Wochen nicht sehen würde wollten sie zumindest noch in ruhe miteinander Frühstücken.
Lee Tasche war bereits gepackt und  sie musste sich nur ein wenig Verpflegung für die lange Fahrt zusammenstellen. Etwas wehmütig frühstückten die beiden schweigend, in den letzten Monaten seit Lee bei Phil wohnte waren sie kaum länger als einen Tag von einander getrennt gewesen. Es würde sicher erstmal eine ziemliche Umstellung bedeuten ohne den anderen einschlafen zu müssen. Doch davon wollte Lee sich die Vorfreude auf die sicher interessante Fortbildung nicht verderben lassen, deshalb versuchte sie diese Gedanken zur Seite zu schieben und begann ein lockeres Gespräch mit Phil.
Als es Zeit für Phil war zur Arbeit zu fahren verabschiedete er sich mit einem liebevollen Kuss von ihr.

„Pass auf dich auf, lern fleißig schließlich ist das der entscheidend Kurs für deine berufliche Zukunft und vor allen hab viel Spaß!"

Meinte Phil eindringlich während seine Nasenspitze an Lees lag. Die stimmte lächelnd zu.

„Ich werd dich bestimmt vermissen."

„Ich dich sicherlich auch, aber zwei Wochen gehen flott rum erst recht wenn man so einen interessanten Kurs besucht. Wir telefonieren wenn du Zeit findest."

Lee nickte und gab ihm noch einen letzten Kuss bevor Phil los musste.
Von der Haustür aus sah sie ihm hinterher bis der schwarze SUV hinter der Kurve verschwand. Seufzend schloss Lee die Tür und ging sich erst einmal fertig machen. Dann kochte sie eine große Thermoskanne Kaffee und packte für alle Becher ein. Für den Hunger zwischendurch steckte sie einen Apfel, eine Packung Kekse und einen Müsliriegel in einen Korb. Ungeduldig wartete bis um kurz nach sieben Uhr endlich ein alter Ford Kombie vor dem Haus hielt und hupte. Lee schulterte ihre Tasche und den Korb mit der Verpflegung, dann schloss sie die Haustür hinter sich ab und warf ihre Tasche in den Kofferraum.
Achim hatte Gerda als erstes abgeholt und mit einem leisen Hallo begrüßte der schüchterne Mann sie. Gerda war da schon deutlich gesprächiger und fragte sie gleich aus, was für Fachbücher Lee mitgenommen hatte.

„Eigentlich nur das Notfall ABC das wir schon zugesendet bekommen haben. Ich denke mehr brauchen wir auch nicht."

Gerda hatte noch ihre Notizen aus den Vorlesungen zur Notfallmedizin mitgenommen auch wenn Professor Goscher bei weitem nicht mehr nach den aktuellem Stand unterrichtete wie Lee hatte feststellen müssen. Doch auch nach ihrem Disput mit dem alten Mann unterrichtete dieser weiter als wäre nichts gewesen, einzig Lees Anwesenheit war nun in diesem Modul nicht mehr erwünscht. Der Direktor hatte sie gebeten sich von Professor Goscher fernzuhalten und versprochen das ihr Modul durch die Fortbildung in Usedom abgedeckt werden würde. Als letztes holten sie Jordan ab, bevor Gerda mit dem großen Kombie auf die Autobahn in Richtung Norden abbog. Da Achim auf dem Beifahrersitz saß ernannte Gerda ihn kurzentschlossen zum Musikbeauftragten für die Hinfahrt und Achim nahm diese Aufgabe lächelnd an. Tatsächlich fand Lee seinen Musikgeschmack ziemlich gut und wippte im Takt der ersten Songs die sie noch auf den Ende der 80ger kannte.

„Gott das hört vielleicht mein Opa aber wir können doch mal was frisches hören."

Beschwerte Jordan sich als ein bekannter Hit von Brian Adams durch das Auto schallte. Doch Gerda fing gut gelaunt an laut mit zu singen und auch Lee stimmte mit ein, obwohl sie eigentlich gar nicht singen konnte. Beim nächsten Hit stimmte auch Achim mit ein und das Geschimpfe von Jordan wurde lautstark übertönt bis sie irgendwann ebenfalls lachend mitsang als die Dire Straits mit Money for Nothing die Stimmung im Auto weiter anheizten.
Ausgelassen sangen sie einige Songs mit und lachten dabei während sie, dank des Berufsverkehrs nur stockend voran kamen. Nach drei Stunden fuhr Gerda auf eine Autobahnraststätte damit sie sich mal etwas die Beine vertreten konnten. Lee gab eine Runde Kaffee an ale auf und öffnete die Packung Kekse die sie eingepackt hatte. Bevor sie weiter fuhren gingen alle noch einmal schnell auf die Toilette damit sie die restliche Strecke ohne weitere Pausen durchfahren konnten.
Kurz vor 14 Uhr kamen sie endlich in Usedom an und erleichtert parkte Gerda den Wagen auf dem Parkplatz des Fortbildungszentrum der DRK. Sie wurden bereits erwartet und die nette Dame an der Rezeption gab ihnen die Zimmerschlüssel.

„Die Seminarräume sind hier im Erdgeschoss den Flur entlang und dann recht. Ihre Zimmer sind im zweiten Stock, dort drüben finden sie den Aufzug. Herr Doktor Strufe erwartet sie um 16 Uhr zu einer kurzen Begrüßung in Seminarraum 2. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und ein interessantes Seminar in unserem Hause."

Freundlich lächelte die ältere Dame sie an und die vier bedankten sich. Da sie noch etwas zeit hatten beschlossen sie zuerst ihre Hotelzimmer unter die Lupe zu nehmen und sich etwas frisch zu machen. Um 15 Uhr wollten die vier sich wieder an der Rezeption treffen, um sich noch etwas umzusehen bevor die Begrüßung mit dem Seminarleiter begann. Das große Seminarzentrum lag  unweit vom Wasser und die beiden gingen ein Stück Richtung Ostsee. Der Ort war anscheinend ein recht beliebtes Reiseziel weshalb viele Touristen unterwegs waren und das warme Sommerwetter genossen. Da sie nicht zu spät sein wollten gingen sie frühzeitig zurück zum Hotel und suchten den Seminarraum auf, den die nette Dame an der Hotelrezeption ihnen genannt hatte. Hier warteten bereits drei Männer und zwei Frauen auf den Start des Seminars. Die Stühle im Raum waren an den Rand gestellt worden und die Tische zu drei Tischgruppen zusammengeschoben. Darauf lagen jeweils eine Dummypuppe mit denen man für gewöhnlich Reanimationen oder anderen Behandlungsschritte mit geübt werden konnten.

„Die wollen ja anscheinend direkt loslegen. Super."

Meinte Jordan die sich die Dummypuppen genauer angesehen hatte.
Zwei ältere Herren im Anzug betraten den Raum und grüßten kurz. Kurz vor 16 Uhr betrat eine junge Frau und fünf weitere Männer den Saal, dann betrat ein Mann im DRK-Poloshirt den Raum und begrüßte sie gut gelaunt.

„Wie ich sehe müssten alle da sein."

Meinte der Seminarleiter nachdem er sie kurz durchgezählt hatte.

„Also ich stelle mich kurz vor, mein Name ist Moritz Blei ich bin Notarzt und Dozent beim Deutschen Roten Kreuz und freu mich das wir diesmal so eine große und bunt gemischte Truppe sind. Wenn das für sie alle in Ordnung ist duzen wir uns hier in der Gruppe, schließlich müssen wir die nächsten zwölf Tage intensiv zusammenarbeiten.
Eigentlich findet das Seminar mit maximal 8 Teilnehmern statt, aber da wir alleine durch die Universität Köln vier Studenten dabei sind die unser Seminar frühzeitig besuchen dürfen, sind wir diesmal eine recht große Truppe. Da ich aus diesem Grund vermutlich nicht die Zeit habe mich intensiv um jeden von ihnen zu kümmern, würde ich sie gerne in Gruppen einteilen und einige besonders erfahrene Notartanwärter als Vorbild zu den jeweiligen Gruppen bitte.
Also die meisten von ihnen sind vermutlich gerade in der Facharztausbildung oder studieren aktuell noch Medizin. Jemand bereits seit längerem als Mediziner tätig und nicht mehr in der Facharztausbildung oder an der Universität?"

Die zwei älteren Herren die als einziges im Buisnessanzug zum Seminar erschienen waren meldeten sich beide.

„Mögen sie sich kurz vorstellen und erklären was sie beruflich genau machen?"

Bat der Dozent.
Der Ältere der beiden räusperte sich und erklärte dann mit recht nasaler Stimme das er Lungenfacharzt an der Universität Klinik Düsseldorf war und zukünftig gerne einige Stunden als Notarzt im Rettungsdienst tätig sein wollte, da der Klinikalltag ihm auf Dauer zu eintönig war. Der etwas jüngere Mann neben ihm übernahm sobald der ältere mit seiner Vorstellung fertig war.

„Mein Name ist Rudolf Kempf, ich bin seit 10 Jahren Allgemeinmediziner und in einer Gemeinschaftspraxis tätig. Nun habe ich mich dagegen entschieden eine eigene Praxis zu gründen da mir der Verwaltungsaufwand einfach zu hoch ist, da ich aber gerne noch ein wenig was nebenher machen möchte und unsere Rettungswache im Ort dringend einen Notarzt suchte, habe ich mich dazu entschieden einen Tag die Woche den NEF mit besetzten zu wollen."

Erklärte der zweite Herr im Anzug der etwas jünger als sein Kollege war.

„Sehr schön, dann nenne ich sie mal Team Veteranen und würde sie bitten dort hinten zum ersten Tisch zu gehen. Oft sind auch erfahrene Rettungssanitäter oder Notfallsanitäter die nach einige Zeit im Rettungsdienst noch ein Medizinstudium gestartet haben bei dieser Ausbildung dabei. Wie sieht es denn diesmal aus, jemand mit einschlägiger Erfahrung im Rettungsdienst?"

Neben Lee meldete sich auch Jordan und zwei der Männer sowie ein weitere Frau.

„Super, stellt ihr euch auch kurz vor? Vielleicht kann der ein oder andere von euch mich dank seiner Erfahrungen ein wenig unterstützen."

Kurz sahen diejenigen die Aufgezeigt hatten sich an, da niemand den Anfang machen wollte.

„Also mein Name ist Jordan, ich war 4 Jahre bei der Jugendfeuerwehr und habe dort die Ausbildung zum Rettungssani gemacht. Neben dem Studium habe ich immer wieder an der Wache in Köln Nord als Rettungssanitäter gearbeitet. Jetzt bin ich im vorletzten Semester meines Medizinstudiums und viel Zeit nebenher bleibt leider nicht mehr. Aber dank der Projekts Notarzt das die Uni Köln mit dem DRK gegründet hat, können wir hoffentlich bald wieder den Rettungsdienst unterstützen."

Jordan sah zu der Frau die sich neben Lee und den beiden Männern gemeldet hatte und diese übernahm das Wort lächelnd.

„Mein Name ist Claudia ich habe 6 Jahre als Notfallsanitäterin gearbeitet und mich dann doch noch für ein Medizinstudium entschieden. Aktuell mache ich die Facharztausbildung im Bereich Anästhesie und da gehört die Zusatzausbildung zum Notarzt dazu."

Die beiden Männer stellten sich kurz als Ruven und Max vor, beide hatten die Ausbildung zum Rettungssanitäter bestanden und waren wenige Monate danach an die Universität zum Medizinstudium gewechselt. Praktische Erfahrungen hatten sie daher eher wenig gesammelt. Als letztes war Lee an der Reihe die sich unter den Blicken der vielen Kursteilnehmer und des Dozenten etwas unwohl fühlte.

„Mein Name ist Lee, ich habe gerade mein Medizinstudium wieder aufgenommen das ich zwei Semester vor meinem Doktor Degree pausieren musste. Ich war sieben Jahre Armee Field Ärztin beim Army Medical Corps der British Army. Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich zur Rettungswache Köln gewechselt und habe da seither als Notfallsanitäterin gearbeitet."

Begeistert schlug der Dozent in die Hände und sah Lee mit breitem Lächeln an.

„Perfekt! Meine Damen und Herren ich denke diese junge Frau wird ihnen sicher mehr beibringen können als ich es vermag. Das britische Army Medical Corps das sind richtige Profis die an vorderster Front mit dienen. Ich habe selber einige male Vorträge von Ärzten vom Corp mit anhören dürfen, dass sind richtige Koryphäen im Bereich der Notfallmedizin die selbst mit wenig Equipment schwerste Verletzungen in absoluten Ausnahmesituationen versorgen können. Ich freu mich wirklich dich hier im Kurs zu haben, auch wenn du hier sicher wenig neues lernen kannst. Dafür wäre es aber wirklich toll wenn du dich bereit erklären würdest einen der Teams alle praktischen Kniffe zu zeigen."

Fragend sah er sie an und Lee nickte zustimmend, schließlich zeigte sie gerne wissbegierigen Kollegen wie die wichtigen Schritte der Notfallmedizin funktionierten.

„Gut dann würde ich sagen euch alle packe ich mit in das Team Veteranen. Sorry wenn ich die Gruppe so nenne Lee, schließlich hat das für dich sicher eine etwas andere Bedeutung. Du könntest den sechs dann alles zeigen okay?"

Zusammen mit Jordan, Claudia, Max und Ruven stellte Lee sich an den hinteren Tisch an dem bereits der Lungenfacharzt und der Allgemeinmediziner warteten.
Auf Anweisung des Dozenten stellten auch die restlichen Teilnehmer sich kurz vor, die alle aktuell in der Facharztausbildung waren, im Fall von Gerda und Achim gerade noch studierten oder ihre Facharztausbildung vor wenigen Monaten beendet hatten.

„Gut, das sind erst einmal sehr viele Namen die sich keiner von uns lange merken kann. Daher habe ich auf den drei Tischen kleine Magnetschilder vorbereitet, bitte schreiben sie alle den eigenen Vornamen darauf wenn es für sie okay ist das alle sie duzen. Dann heften sie sich das Namensschild ans T-Shirt, morgen bitte nicht vergessen es wieder mitzubringen."

Es wurde kurz etwas unruhig als alle sich eines der Magnetschilder griffen und mit einen der bereitliegenden Stifte ihre Vornamen aufschrieben. Anschließend hefteten sie sich die Schilder ans T-Shirt was einiges an Fummelei bedeutete, da man den Magneten innen gegenpinnen musste.

„Super. Dann beginnen wir heute erst einmal mit einer praktischen Übung, die Theorie dazu gibt es morgen früh. Im Allgemeinen versuchen wir den theoretischen oft trockenen Stoff morgens abzuhandeln und nachmittags dazu passende praktische Teile durchzuführen. Das hält sie hoffentlich alle wach."

Kurz lachte der Dozent über seinen eigenen Witz, dann begab er sich zum vorderen Tisch und nahm den Dummy herunter.

„Stellen sie sich bitte einmal um mich herum, Lee du könntest nach meiner Erklärung dem Team "Veteranen" die Schritte an Nils zeigen, das ist euer Dummy dort auf dem Tisch."

Schnell nahm Lee den Dummy vom Tisch und legte die schwere Puppe etwas weiter von der Tuschgruppe entfernt auf den Boden. Die sechs anderen ihres Teams stellten sich um sie herum und beobachteten sie neugierig.

„So als erstes üben wir etwas, das sie zum größten Teil schon einmal machen mussten. Spätestens beim Führerschein muss jeder einen Erste Hilfe Kurs absolvieren indem auch die Reanimation gezeigt und geübt wird.
Grund zum Reanimieren ist ganz klar kein messbarer oder spürbarer Puls oder wenn ihr Patient nicht bei Bewusstsein ist und nicht eigenständig atmet. Wir prüfen bei einem bewusstlosen also nicht auf Ansprache reagierenden Patienten als erstes den Puls am Hals, anschließend gehen wir mit dem Ohr an den Mund des Patienten und prüfen ob er atmet."

Lee machte genau wie der Dozent vor wie die Lebenszeichen eines Patienten festzustellen waren. Im Anschluss erklärte der Dozent Schritt für Schritt wie die Herzdruckmassage durchgeführt werden musste und wie eine Beatmung per Ambubeutel funktionierte.
Im Anschluss sollte jeder Kursteilnehmer einmal die Herzdruckmassage durchführen und nach dreißig mal Drücken zweimal per Ambubeutel beatmen.
Aufgrund der großen Gruppen dauerte es zwei Stunden bis jeder einmal dran war.
Zufrieden fragte der Dozent nach ob es noch offenen Fragen gab, da das nicht der Fall war beendete er den Tag. Um 18:30 sollten sie sich alle im Hotelrestaurant zu Abendessen treffen.

„Das du so ein Profi bist hätte ich ja nicht gedacht. Nicht nur Professorenschreck sondern auch noch Notfallmedizinische Koryphäe."

Neckte Gerda sie gut gelaunt als Lee nach zwanzig Minuten das Restaurant betrat und sich neben sie an den großen Tisch setzte.
Lee lachte ging aber nicht weiter darauf ein sondern sah sich die Speisekarte an.
Sie konnten aus drei Gerichten eines auswählen und durften dazu ein Getränk ihrer Wahl bestellen. Lee entschied sich für Schweinefilet mit Klößen und bestellte dazu ein alkoholfreies Weizen.
An ihrem Tisch saßen neben ihren drei Kommilitonen auch der jüngere der beiden Ärzte, der Lee mit unverhohlener Neugierde betrachtete. Fragend sah sie ihn an als sie die musternden Blicke bemerkte und der Arzt lächelte sie freundlich an.

„Ich muss zugeben was der Dozent erzählt hat, macht mich persönlich doch etwas neugierig. Was genau haben sie bei der britischen Armee als Sanitäterin gemacht? Waren sie in einen Militärkrankenhaus stationiert?"

Lee schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von ihrem Bier bevor sie antwortete.

„Nein, ich war als Ärztin in verschiedenen Armycamps im nahen Osten stationiert. Meistens habe ich Einheiten bei Außeneinsätzen begleitet, Verletzte mit einem Trupp evakuiert oder bei Angriffen auf das Camp verwundete Kameraden versorgt. Im Irak war ich den gesamten Einsatz, der insgesamt elf Monate gedauert hat für die Krankenstation zuständig. Da ich die einzige Ärztin vor Ort war, musste ich sowohl die Notoperationen durchführen wie auch den Abtransport und das Medizinische Einsatzteam  koordinieren. Im Regelfall sind die meisten Armeestützpunkte aber durch mehrere Ärzte besetzt, sodass zwei bis drei die Krankenstation übernehmen während einer die Einsatzteams begleiten kann oder im Medizinischen Einsatzteam mitfliegt."

Anerkennend nickte der Allgemeiner während er interessiert zuhörte.

„Dann kann ich verstehen warum der Dozent so begeistert war das sie in diesem Kurs sind. Ihre Erfahrung in Sachen Notfallmedizin ist sicherlich enorm. Man könnte fast schon sagen es ist eine Schande das sie nur als Notfallsanitäterin im Rettungsdienst hatten arbeiten dürfen. Gut das sie ihr Studium jetzt beenden und bald als Notärztin in den Rettungsdienst zurückkehren, solche Leute brauchen die Wachen überall. Ich habe mich auch nur dazu entschieden noch nebenher als Notarzt zu arbeiten weil ich mitbekommen habe das es einen enormen Mangel als Notärzten gibt. Viele Wachen bekommen die Stellen nicht mehr besetzt und der NEF muss aus Kilometer entfernten Orten anreisen. Das kann schnell mal länger Dauern als nur 13 Minuten wie vorgeschrieben. Zeit die am Ende über Leben und Tod eines Patienten entscheiden kann."

Lee stimmte zu und eine Zeit lang unterhielten die beiden sich um die schwierigen Strukturen im Rettungsdienst und wieso immer weniger Ärzte Interesse an der doch eigentlich sehr spannend Arbeit als Notarzt hatten.
Das Essen kam und damit erstarben die meisten Gespräche am Tisch, bis alle satt und zufrieden ihr Besteck wieder weglegten.
Sie unterhielten sich noch einige Zeit miteinander, bevor Lee sich verabschiedete. Sie wollte noch kurz mit Phil telefonieren, bevor sie pünktlich ins Bett gehen wollte.
Phil sah müde aus, wieder war es ein langer und anstrengender Tag in der Klinik am Südring gewesen. Doch er freute sich das Lee mit ihrer Erfahrung direkt positiv aufgefallen war und vom Dozent zur Praxisanleiterin berufen worden war.
Bevor Lee das Licht ausmachte um zu schlafen schrieb sie noch eine lange Nachricht an Paula von der sie schon seit längerer Zeit nichts mehr gehört hatte. Sie berichtete von ihren beiden Wochen an der Universität und von der Notarztzusatzausbildung die sie bereits absolvieren durfte. In einem Monate würde es für Phil und Lee bereits nach Amerika gehen wo sie Paula für zehn Tage besuchen wollten. Lee freute sich natürlich sehr ihre beste Freundin bald wieder zu sehen und konnte den Urlaub daher kaum noch erwarten.
Da in New York bei Paula bereits Mitternacht war legte Lee ihr Handy nachdem sie die Nachricht versendet hatte weg und machte die Nachtischlampe aus. Einen Wecker hatte sie schon programmiert, weshalb sie entspannt einschlafen konnte.
Früh am nächsten Morgen klingelte die Musik ihres Weckers und gut gelaunt sprang Lee aus dem Bett. Sie zog sich ihre Sportsachen an, nahm Handy und die Hotelzimmerkarte und ging erst einmal eine Runde joggen. Im Anschluss suchte sie den Fitnessbereich des Hotels auf und trainierte noch eine halbe Stunde an den Geräten. Als sie sich ordentlich ausgepowert hatte lief sie zurück in ihre Hotelzimmer, dafür sprintete sie die Treppe nach oben um sich noch einmal etwas in Schwung zu bringen. Sie ging kurz duschen und zog sich um. Mit bester Laune verließ sie das Zimmer und ging nach unten zum Frühstück. Erst wenige Seminarteilnehmer saßen am Frühstückstisch und aßen. Das Hotel hatte ein kleines Buffet aufgebaut an dem Lee sich erst einmal bediente bevor sie mit einer Tasse Kaffee und ihrem vollem Teller zum Tisch lief.

"Guten Morgen."

Grüßte sie gut gelaunt und setzte sich neben Jordan. Die sah verschlafen zu ihr herüber und verzog das Gesicht.

"Morgenmenschen eklig."

Meinte sie und Lee musste grinsen.

"Ich bin schon anderthalb Stunden wach meine Liebe."

"Was stimmt denn nicht mit dir? Früh morgens steht man nicht freiwillig zu früh auf!"

Gespielt entsetzt sah Jordan sie an und Lee lachte bevor sie sich ihrem Frühstück zuwandte.

"Also ich nutze den Morgen ebenfalls sehr gerne um eine Runde zu joggen. Morgens ist die Luft noch so angenehm und das sportliche Betätigung belebt den Geist."

Meinte Claudia die ebenfalls gut gelaunt und fit wirkte. Lee stimmte ihr zu und begann mit ihrem Frühstück. Auch der Rest der Truppe trudete nach und nach ein und nahm sich etwas zum Frühstück.
Bevor das Seminar begann ging Lee noch kurz auf ihr Zimmer holte ihr Seminarunterlagen und ging damit zum Seminarraum.
Pünktlich begann der Dozent Moritz mit einem Vortrag zur Reanimation. Wie er an Tag zuvor angedroht hatte beschäftigten sie sich den ganzen Vormittag mit trockener Theorie um nach dem gemeinsamen Mittagessen mit der Praxis zu beginnen. Diesmal übten sie das Intubieren und beatmen von Patienten mit dem Ambubeutel. Lee zeigte ihrer Gruppe wie sie den Tubus an Nils dem steif daliegenden Dummy einführen mussten. Zum Glück ließ der Kopf des Dummys sich wie bei einem echten Patienten überstrecken, sodass die Kehle gut einsehbar war. Sogar die Stimmbänder waren durch Kunststoffbänder nachempfunden worden, was das intubieren sehr realitätsnah gestaltete. Jeder in ihrem kleinen Team probierte nach Lees Anleitung das korrekte Intubieren aus. Bei dem ein oder anderen musste Lee ein wenig nachhelfen oder noch einmal etwas verbessern, doch insgesamt klappten die Versuche schon ganz gut.
Es machte Lee wirklich Spaß den anderen etwas zu erklären und ihr Wissen weiterzugeben.
Am Abend aßen sie wieder zusammen und unterhielten sich angeregt. Die Truppe war mit interessanten Teilnehmern besetzt weshalb es immer jemanden gab mit dem man sich über ein Thema austauschen konnte. Im Anschluss an das Essen entschied ein großer Teil der Truppe noch an den Strand zu gehen und dort ein wenig an der Ostsee entlang spazieren zu gehen. Von dem ereignisreichen Tag erschöpft gingen alle pünktlich auf ihre Zimmer und Lee telefonierte noch kurz mit Phil. Paula hatte ihr ebenfalls eine lange Antwortnachricht geschrieben. Ihre beste Freundin konnte es ebenfalls kaum erwarten Lee endlich wieder zu sehen und war ganz begeistert das Lee die Fortbildung zur Notärztin bereits jetzt machen durfte. Sie schrieb eine Antwort an Paula und legte sich dann schlafen, der Tag war ziemlich anstrengend gewesen gerade weil sie es gar nicht mehr gewohnt war den halben Tag mit Zuhören und die andere hälfte mit Übungseinheiten zu verbringen, daher schlief sie schnell ein und hatte eine ruhige und erholsame Nacht.
Auch die nächsten Tage gestalteten sich ähnlich und Lee war bei den praktischen Übungen am Nachmittag ganz in ihrem Element. Den Sonntag hatten sie zur freien Verfügung und die vier Studenten entschieden zusammen nach Stralsund zu fahren wo sie sich die schöne Innenstadt ansahen und in einer altmodischen Konditorei einen wirklich leckeren Kuchen genossen. Anschließend fuhren sie noch nach Usedom zurück und holten ihre Schwimmsachen um den Rest des Tages am Strand zu verbringen.
Die zwei Wochen vergingen wie im Flug und obwohl Lee nicht viel neues lernte da fast der gesamte Stoff bekannt war, machte es ihr unglaublich viel Spaß und die Erfahrung als Praxisanleiterin zeigte ihr das sie auch zukünftig gerne wissbegierig Menschen etwas beibringen wollte. Vielleicht würde sie etwas in der Art nach ihrem Studium als Hobby machen können, immerhin suchte das DRK immer wieder nach motivierten Dozenten für ihre Erste-Hilfe Kurse oder den Weiterbildungskursen für Sanitäter.
Die letzten beiden Tage musste jeder Kursteilnehmer einen Theorietest sowie eine praktische Übung durchführen um den Kurs zu bestehen. Für den praktischen Teil wurde ein Dummy platziert und ihnen wurden der Zustand des Patienten durchgegeben. Drei andere Teilnehmer übernahmen die Rolle der Sanitäter während der Prüfling die Rolle des Notarztes übernahm und herausfinden musste was dem Patienten fehlte.
Lee brauchte keine fünf Minuten und zu bemerken das ihre Patientin zwar eindeutige Symptome eines Herzinfarktes hatte, aber stattdessen ein Anaphylaktischer Schock vorlag. Sie gab Jordan, Gerda und Achim die ihre Sanitäter spielten die Aufgabe Adrenalin zu geben und der Dozent klatsche begeistert hinter ihr in die Hände.

"Sehr gut Lee. Da sieht man wieder jahrelange Erfahrungen ist alles, sie müssen gar nicht weiter machen ich bin überzeugt das sie eine absolut fähige Notärztin werden. Einmal wechseln bitte Jordan ist als nächstes dran."

Lee wechselte mit Jordan und übernahm die Rolle der Sanitäterin, bei der sie sich ziemlich zurück halten musste nicht automatisch schon Schritte auszuführen die Jordan als Notärztin ihr doch eigentlich erst auftragen musste.
Doch es lief sehr gut und auch die anderen drei Studenten bestanden die Abschlussprüfung.
Vom Team Veteranen das Lee angeleitet hatte, bestanden alle, auch wenn der ältere Lungenfacharzt sich etwas schwer tat und beinahe zehn Minuten in die falsche Richtung diagnostizierte. Letzen Endes merkte er doch das sein Patient einen Schlaganfall und keine Wirbelsäulenverletzung hatte und konnte seine Fehler so noch knapp ausräumen.
Am Sonntagmorgen brachen Gerda, Achim, Jordan und Lee nach einem ausgiebigen Frühstück nach Hause auf, im Gepäck vier Urkunden die sie als ausgebildete Notärzte auszeichneten.
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