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In Mir

von Kinon
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P16
23.09.2020
18.01.2021
19
33.769
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Scarlet

„Mom! Ich bin Zuhause!“, kündigte ich mich an als, ich gerade die Tür wieder hinter mir schloss. Wie gewöhnlich kickte ich meine Schuhe unter den Kleiderständer und warf den Schlüssel unbeachtet auf den Tresen. Sowie jeden langweiligen Tag, würde mir gleich eine gut gelaunte Mutter entgegenkommen, um mir einen Vortrag über gutes Benehmen halten und sowie jedes Mal würde ich alles über mich ergehen lassen, bis sie schließlich nachgab. Ich bereitete mich also schon mal für das unvermeidliche vor und ging zielstrebig in Richtung Küche, um wenigstens vorher noch meinen leeren Magen zu stopfen. Ich schnappte mir einen Teller, nahm Brot und Käse in die Hand und begann in der Zwischenzeit mir ein kleines Käsesandwich, zu belegen. Gedanklich zählte ich schon die Sekunden… Doch als Mom, nach 367 Sekunden immer noch nicht, für ihre tägliche Standpauke, erschienen war, hielt ich es für richtig nach ihr zu suchen. Es gab nur einen Ort an dem sie hätte sein können, sodass ihre Ohren mich nicht erreicht hätten. Ich schluckte den letzten Bissen Sandwich hinunter und ließ alles stehen und liegen. Fix griff ich nach dem Schlüssel und wollte gerade wieder die Tür aufschließen als mich am Arm etwas Kaltes packte… Für eine Sekunde blieb mein Herz stehen… ich wagte es kaum zu atmen… Der Druck um meinem Arm wurde stärker und die Kälte zerfraß mir die Haut… Ruckartig drehte ich mich um, doch was sich vor mir erblickte war pure Leere. Ich konnte immer noch mein rasendes Herz in meiner Brust schlagen hören… „Mom…“, hauchte ich in die Dunkelheit… doch keine Antwort. Verstört schüttelte ich den Kopf… Jetzt war ich also schon paranoid?! Ich wandte mich der Dunkelheit ab und schloss die Tür mit einer Umdrehung auf. Eine sanfte Brise fuhr mir durch meine langen, dunkelbraunen Haare und hinterließ mir eine leichte Gänsehaut. Ich ließ mich nicht weiter beirren und visierte den Gartenschuppen, der sich seitlich hintern unserm Haus befand. Ich machte einen großen Bogen und betrat den hinteren Teil unseres Gartens. Ein kleiner Acker erstreckte sich nur keine paar Meter weiter vom Schuppen entfernt. Ich konnte mich noch genau erinnern wie besessen Mom von dieser Idee gewesen war und keine Zeit geschindert hatte alles in die Tat umzusetzen. Nun erstreckten sich Pflanzen jeder möglichen Art von reifen Tomaten bis hin zu Petersilie. Mein Blick schweifte weiter und fiel auf den Schuppen dahinter… Angst überkam mich als ich sickerndes Blut die Tür runterquollen sah. Ich wusste ich hätte fliehen sollen doch was war… „Mom!“, brüllte ich. Mit schlotternden Knien hielt ich darauf zu. Das laute Pochen meines Herzens hing mir in den Ohren wie ein stürmischer Orkan. Als ich die Hand ausstreckte um die Klinke runterzudrücken konnte ich sehen das sie zitterte… mit Vorsicht öffnete ich die Tür. Doch das Bild was sich mir ergab Schnitt mir in mein Herz. Leblos und von Blut umgeben lag sie da... mehrere tiefe Messerstiche voll Blut stachen auf ihrem Körper hervor. Meine Augen füllten sich mit endlosen Tränen, man hatte einfach mehrfach auf sie eingestochen… sie erbarmungslos zerhackt… Ihre Augen waren weit aufgerissen doch sie zeigten keinerlei Reaktion, das sonst so schöne glänzen in ihren Augen war gänzlich von ihr gewichen. Tiefe Trauer überkam mich… Ich wollte zu ihr rennen und sie schütteln damit sie endlich aufwachte und mir sagen konnte, dass alles gut wird… doch ich konnte nicht. Ich wollte weinen… doch die Tränen flossen nicht. Ich wollte schreien ihren Namen hinausbrüllen sodass sie mich erhören würde KOMM ZURÜCK… doch etwas drückte mir mit Gewalt die Kehle zu. Eine eisige Hand schloss sich um meinen Hals… panisch rang ich nach Luft doch mir wurde die Luft abgeschnitten. Angst verwandelte sich in Planke Panik. Ich schlug um mich aber meine Fäuste trafen auf nichts… Plötzlich wurde mir der Boden unter den Füßen weggerissen. Etwas Kaltes packte mich an meinem Fußknöchel und riss mich mit voller Wucht zu Boden. Meine Finger krallten sich tief in die Erde um vergeblich Halt zu finden doch die Erde entglitt mir wie feiner Sand zwischen den Fingern. Ich versuchte vergeblich zu schreien… doch die eiskalte Dunkelheit zog mich in die Leere. Ich hörte sie meinen Namen rufen: „Scarlet!“ Etwas rüttelte an mir… „Wach auf!“ Schlagartig riss ich die Augen auf was ich im nächsten Moment aber wieder gänzlich bereute. Grelles Licht strahlte mir entgegen und blendete mir die Sicht. Gequält kniff ich wieder die Augen zusammen und rieb mir mit dem Handrücken über meine verschlafenen Augenlider. Sah so etwa der Himmel aus? „Scarlet!“, schimpfte es wieder, „Was habe ich dir über das Schlafen im Unterricht gesagt?!“ Schlafen? Nannte man hier etwa so den Tod? Es dauerte eine Weile bis mein Verstand sich einschaltete und meine Augen sich an das Licht gewöhnten. Als mir endlich klar wurde wo genau ich mich befand musste ich heftig schlucken. Das würde kein gutes Ende nehmen… „Scarlet das war jetzt schon das fünfte Mal in dieser Woche! Konzentrier dich doch bitte einmal!“, kam es stinkig von Herrn Mustermann, dabei fuchtelte er wütend mit den Armen in der Gegend rum als wolle er eine Fliege verscheuchen. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen hätte ich das Rumgefuchtel vielleicht sogar ganz witzig gefunden. Doch stattdessen senkte ich beschämt den Kopf und kaute verlegen auf meiner Unterlippe. Ich konnte noch sehen wie Herr Mustermann verächtlich schnaubte und die Arme vor der Brust verschränkte, als wäre ich schuld daran, dass sein Unterricht so langweilig war. Mit zusammengekniffenen Augen fixierte er mich, als gehörte ich einer wilden Tierrasse an die er schnellstmöglich bändigen musste. Als ich nach einer Weile immer noch nichts sagte gab sich Herr Mustermann seufzend geschlagen. Er wollte gerade mit dem Unterricht fortfahren als ein lautes Klingeln ihn bei seiner Ansprache unterbrach. Eilends sprangen die Schüler von ihren Plätzen und drängten sich regelrecht durch die Tür als wären sie auf der Flucht. Ich packte mir meinen Schulranzen um die Schulter und wollte ihnen gerade nach als sich Herr Mustermann mit ernster Miene zu mir wandte. Seine Gesichtszüge wurden augenblicklich weich und ein trauriger Ausdruck lag in seinen Augen. Ich kannte diesen Blick… ich hatte ihn in den letzten paar Wochen schon zu oft gesehen und auch wie tröstlich wirkte… sie hatten alle Keine Ahnung. „Ich weiß du hast es momentan nicht leicht…“, entgegnete er mit so viel Mitgefühl das er mir das Gefühl gab er könnte mich verstehen. Doch woher sollte er das schon wissen?! Woher sollte er wissen wie es sich anfühlte mit nur 12 Jahren von seinem eigenen Vater verlassen worden zu sein und keine drei Jahre später verliert man auch noch das einzige Rest Glück was einem geblieben war an einem tragischen Tod! Ein fetter Kloß bildete sich in meinem Hals als ich an die Nacht zurückdachte. Ich musste schwer schlucken um nicht gleich vor meinem Lehrer in Tränen auszubrechen. Als ich mich einigermaßen wieder gefasst hatte, fuhr Herr Mustermann fort: „Der Große Verlust der eigenen Mutter ist sicherlich nicht leicht zu verkraften, aber es sind nun schon ein paar Monate vergangen und wir finden es wird langsam Zeit das du dich demnächst mit etwas mehr Interesse an den Unterricht wendest.“ Dabei sah er mir mit so traurigen Augen entgegen als wäre es eher eine Bitte statt einer Aufforderung. Der hatte ja leicht reden, er hatte nicht seine Mutter verloren! Und dann verlangte er auch noch von mir, dass ich das einfach so hinnehme nur damit ich seinem schwerfälligen Gelaber etwas mehr Aufmerksamkeit schenkte?! Schlagartig verwandelte sich tiefe Trauer in frostige Wut. Grantig spannten sich meine Muskeln an und ich ballte energisch meine Hände zu Fäusten. Herr Mustermann schien meine Wandlung zu bemerken und setzte noch schnell hinterher: „Außerdem wünsche ich um einen Termin mit Frau Weber und dir in der nächsten Woche Montag. Ich habe es ihr schon per Telefon ausgerichtet und ich bestehe darauf das du auch erscheinst.“ Damit wandte er sich von mir ab und nahm sich die Unterlagen auf seinem Schreibtisch vor. Entrüstet sah ich ihm fassungslos zu wie er ohne weitere Worte sich seinen speziellen Kugelschreiber angelte und eifrig anfing zuschreiben. Empört schüttelte ich den Kopf und stapfte aus dem Klassenraum natürlich nicht ohne die Tür hinter mir nochmal mit Gewalt zuzuschlagen. Als ich den Flur betrat strömten Massen an Schüler vorbei die mich entweder mitleidig ansahen oder mir erst gar keine Beachtung schenkten. Ich lauschte für einen kurzen Moment den vielen Schritten die vom Schulboden aus durch die Gänge wiederhallten, dann ging ich weiter.
 
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