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Butcher

OneshotDrama, Angst / P18 / Gen
23.09.2020
23.09.2020
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23.09.2020 6.603
 
A.N.: Was soll ich sagen- diese kleine, kranke Geschichte hat mich seit Beginn der zweiten Staffel von The Boys nicht mehr los gelassen. Wie fast immer bei mir, auf jeden Fall aber dem Tenor der Serie angemessen, wird es aus menschlicher Sicht (diesmal besonders) hässlich. Gewalt, Language, you name it. Trotzdem, hoffentlich viel Spaß beim Lesen!

Triggerwarnungen:  verbale Gewalt, häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt.




„If you think that you can handle this,
then you better know who you‘re meesing with“

                                                                                                                                              „Savages“ Royal Deluxe



„Lange nicht gesehen, Schätzchen“, sagt er und bevor du weißt, wie dir geschieht, hat er auch schon seinen Arm brutal gegen deine Brust gestoßen, vergrößert mit einem Ruck den Türspalt und verschafft sich gewaltsam Zutritt in deinen unzureichend beleuchteten Flur.
Du stolperst mehrere Schritte zurück und zitterst am ganzen Körper, reibst dir über deine Arme, die du unwillkürlich um deinen Oberkörper schlingst.
Mit seinem Fuß tritt er die Tür zurück ins Schloss und das laute Knallen dröhnt in deinem Schädel wider, gräbt sich ein dumpfes Loch in deine Eingeweide.

Er sieht sich kurz um, bevor er dir wieder grimmigen Blickes ins Gesicht sieht und eine seltsame, namenlose Angst erfasst dich.


Ist wirklich alles in Ordnung?“ Skeptisch sahst du deiner Kollegin ins Gesicht.
Du dachtest, du wärst mittlerweile die Einzige, die so spät am Abend erst den Voight-Tower verließ, da die Tiefgarage ähnlich leer wie deine Brieftasche nach den restlichen Weihnachtseinkäufen der letzten Tage war.
„Ja. Mir geht‘s gut.“ Dunkle Ränder unter den tiefliegenden Augen zierten das erstaunlich blasse Gesicht der ansonsten so strahlenden, selbstbewussten Frau und fahrig strich diese sich eine dicke Haarsträhne aus der Stirn, sah dich aber nicht direkt an.
„Oh je“, sagtest du leichthin, als dir etwas dämmerte und ihr zerknittertes Kostüm dir ins Auge fiel. „Du hast doch nicht etwa den ganzen Abend bis jetzt noch durchgearbeitet…? Übrigens, meinen herzlichen Glückwunsch zur Beförderung!“ Gerüchte verbreiteten sich trotz schärfster Diskretion auf deinem Arbeitsplatz wie ein nicht klein zu kriegender Erkältungsvirus, und zumindest bei diesem konntest du dir ziemlich sicher sein, dass es valide war. „Kopf des digitalen Marketings, wow“, schobst du noch ehrlich beeindruckt hinterher, „wirklich der Wahnsinn!“
Keine Reaktion.
„Becca?“, wagtest du vorsichtig nachzufragen, worauf plötzlich Leben in dein Gegenüber zu kommen schien.
„Nein, nein,“, sagte sie mit rauer Stimme und schüttelte ruckartig den Kopf, schluckte kurz und räusperte sich dann. „Ich, ich war bei Homelander in seinem Büro, den ganzen Tag über, weil er mit mir noch etwas über seine Social Media Accounts besprechen wollte.…“
Endlich hob sie den Blick und sah dir zum ersten Mal seit eurem Aufeinandertreffen hier unten in der Garage in die Augen. „Den ganzen Tag. Bis eben.“
Ein Stich fuhr abrupt durch deine Brust bei der Erwähnung dieses Namen des berühmtesten Superhelden überhaupt, der Kopf und unbestrittene Anführer der Sieben und ließ dich den seltsamen Ausdruck in Beccas Gesicht in Verbindung mit ihrer heiseren Stimme abrupt und gnadenlos ausblenden, etwas, wofür du dich sehr viel später noch brennend hassen solltest.
Doch nicht in diesem Moment.
In diesem Augenblick loderte nur heiß und brennend das hässliche Feuer des Neids in dir.
Was würdest du nicht alles geben, wenn Er auch nur ein einziges Mal Notiz von dir, deine bloßen lächerlich unbedeutenden Existenz genommen hätte?
Ungewollt und ohne dass du es verhindern konntest, wallte kochende, heiße Eifersucht in deinem Inneren auf.
Natürlich, die Weihnachtsfeier.
Du erinnertest dich nur zu gut.
Becca Butcher brauchte nur ein einziges Mal in einem Raum zusammen mit Homelander – und hundert anderen Personen gleichzeitig- zu verbringen und schon hatte sie sein Augenmerk auf sich gezogen.
Scheinbar im Handumdrehen und mit himmelschreiend ungerechter Leichtigkeit.
Etwas, was dir in den ganzen Zeit, die du nun schon bei Voight gearbeitet hattest, noch nie gelungen ist.
Vielleicht drei oder vier Mal hattest du die Chance gehabt, warst Ihm begegnet im Laufe euer Marketing - Campagne für das vorletzte Superheldencomic, einmal hatte Er sogar die Hand nach den rohen Entwürfen aus deiner Feder stammend ausgestreckt, jedoch seinen Blick ausschließlich auf die Zeichnungen gerichtet.
Das Herz war dir bis zum Hals geschlagen, du hattest zu atmen vergessen und in deinem Kopf formte sich bereits fieberhaft die Frage, wie du Ihn nach einem persönlichem Autogramm fragen konntest, ohne wie der letzte Vollidiot vor Ihm dazustehen. Oder deinem direkten Vorgesetzten, der ein paar Schritte schräg neben dir stand.
„Grauenhaft“, hatte Er gesagt und das Papier in seiner Faust zu einem absurd kleinem, festen Ball zerknüllt, es ihr und Steve- den Art-Director vor die Füße geworfen. „Ich klinge wie ein minderbemittelter Stuhlleiter bei den anonymen Alkoholikern, der billige Kalendersprüche rezitiert.“
In diesem Moment setzte dein Herz einen Schlag lang aus, bevor es wieder um so heftiger gegen deine Brust hämmerte.
Du hattest insgeheim bereits Kritik befürchtet, eine Sorge, die dich die halbe Nacht wachgehalten hatte, denn kein Comic, keine Zeichnung und besonders keine Worte, die man Ihm in den Mund legte, konnten annähernd an Seine Erhabenheit, an die Wirklichkeit heran kommen, und Er war ohnehin ohne jeden Zweifel erhaben; sie hatten einfach Schrott abgeliefert, jawohl, so musste es gewesen sein.
Er trat ganz nah an deinen Chef heran, ignorierte dich komplett.
„Bin ich ein verfickter Stuhlleiter, Steve?“

Hättest du dir nur einmal einen einzigen Moment Zeit gelassen irgendwann danach, diese Szene gedanklich noch einmal durchzuspielen und zu überdenken, wäre es dir an diesem frostigen Winterabend wohl deutlich schwerer gefallen, deine Kollegin einfach so gnadenlos abblitzen zu lassen.
Stattdessen hattest du dich in den kalten Mantel der Ablehnung gehüllt um jedes weitere Wort an dir wie an einem unsichtbaren Schutzpanzer abprallen zu lassen.
Eigentlich hättest du dich für Becca freuen sollen, der so viel unerwartete und unverdiente Aufmerksamkeit von Homelander zuteil geworden war – schließlich standen die Feiertage vor der Tür -, stattdessen aber distanziertest du dich innerlich wie äußerlich von ihr.
„Wie schön für dich“, sagtest du eisig und schlugst den Kragen deine braunen Wildledermantels noch ein Stückchen höher, tratest ein paar Schritte zurück. „Jetzt muss ich aber los. Wir sehen uns.“
Sprach‘s und mit diesen Worten hattest du dich einfach umgedreht, vor dem sichtbarem Leid in ihren Augen deine eigenen verschlossen und warst energischen Schrittes zu deinem uralten Ford-Fiesta gestapft.
Bilder waren dir dabei unvermittelt in den Kopf geschossen, absurderweise von Beccas Mann auf der Weihnachtsfeier, wie dieser ihr behutsam die Haare zurück gestrichen hatte und die Intimität dieser zärtlichen Geste dich fast zum Heulen gebracht hätte.
Erst ein umwerfend charismatischer, von der Scheitel bis zur Sohle unverschämt gut aussehender Ehemann, und dann noch Homelander, der Rebecca Saunders Buchter so völlig unverdient – kurz, aber nichtsdestotrotz- den Hof gemacht hatte.
Und Becca, wie sie gestrahlt hatte in jenem Augenblick.
Doch, du würdest sehr viel später noch brennenden Hass in dir verspüren, wann immer du an diese Szene zurück denken solltest.
Auf dich, auf Homelander und auf Beccas Ehemann.
Billy Butcher.

Du hast die Nachrichten der letzten Tage alle gesehen, jede Neuigkeit mit fassungslosem Entsetzen und nicht minder gieriger, beinahe perverser Faszination in dein Hirn gesogen, bis du letzte Nacht gegen halb drei geglaubt hast, dein Schädel würde platzen wie eine überreife Pflaume, die man mit Wucht zu Boden schleudert.
Nicht umsonst hast du dich seit gestern krank gemeldet, mittlerweile schier verrückt vor Sorge um diesen einen bestimmten Mann, über den man sich im Fernsehen derzeit so gnadenlos das Maul zerreißt.
Hassgeliebter und Gelegenheitsbekannter deinerseits, und von dem du seit Monaten nichts mehr gehört hast.
Der Mann, der sich gerade gewaltsam Zutritt in deine Wohnung verschafft hat.

Billy Butcher.

„Wa- was tust du hier?“ Deine Stimme klingt rau und heiser vor Angst und Anspannung.

Das letzte Mal, dass du Billy begegnet bist, ist eine geraume Weile her, du könntest diesen Tag in deinem Kalender nachschlagen, hast du diese Begegnung doch naiverweise wieder einmal schriftlich festgehalten mit noch naiveren, erbärmlichen Hoffnungen.
Ebenso wie eurer erstes Aufeinandertreffen nach Beccas plötzlichem Tod.

Ein winziges Lädchen an der 5th Avenue, du wolltest nur schnell noch die Abendausgabe der New York Times erstehen zusammen mit einer Packung Erdnussbutter- M&M‘s, deine damaligen Favoriten.
Du konntest das Zeug tütenweise fressen.
Deine ungesunde Vorliebe für schlechte Schokolade sah man dir allerdings nicht an, da du dich an ein striktes Credo hieltest : eine Tafel am Tag und sonst nichts außer einem Tomatenbrot und einer Handvoll Trauben, und die Waage mutierte auch weiterhin über Nacht nicht zum Staatsfeind Nummer eins. Die restlichen Vitamine und Spurenelemente kamen selbstredend aus der Dose, da dir die Zeit für gesundes Kochen schlichtweg fehlte.
Echte Erste-Welt- Probleme und Kasteiung - Deluxe.
Deine eigentliche Spezialität, von der aber nur du, dein Fernsehgerät und dein Laptop bisher wussten und du tunlichst darauf achtetest, dass dies auch so blieb.
Ungeschickter Weise fiel dir beim Herausnehmen deines Portemonnaies im besagten Einkaufslädchen dein Handy aus der adrett schicken, unpraktischen Gucci - Handtasche, die viel zu viel zu klein war, kaum Platz bot für deinen ständig von dir mitgeschlepptem Hausrat, die du dir aber von deinem ersten Gehaltscheck von Vought einfach nicht verkneifen konntest.
Dachtest du damals doch noch, dass du lediglich mit den richtigen Accessoires neben deinen Leistungen punkten und schon bald dazu gehören würdest.
Als du deine Brieftasche vom Boden aufklauben wolltest, stießt du von hinten mit einem Mann zusammen, der sofort unwirsch und unangemessen aggressiv seinen Unmut über deine Dusseligkeit kund gab.
Du richtetest dich mit hochrotem Kopf auf, eine augenblickliche Entschuldigung murmelnd und sahst dem Mann ins Gesicht, an welchem dir irgendetwas in deinem Hinterkopf sofort nagend bekannt vorkam.
Dann fiel auch schon der Groschen, obwohl du im ersten Moment deinen Augen nicht trauen wolltest.
Rebecca Butchers Mann hatte sich verändert, wahnsinnig verändert - er hatte sich einen dichten Bart stehen lassen und tiefer Groll und noch tiefere Bitterkeit hatten sich merklich in seine Züge gegraben, doch es waren seine Augen, an welchen du ihn trotz alledem wieder erkannt hattest.
Auch wenn sie hart geworden waren und dunkle Schatten wie schmutzige Schliere über ihnen lagen- du hättest sie überall wiedererkannt.
So dunkel, dass sie fast schwarz wirkten und derart intensiv, dass dir ein einziger Blick von ihnen unter die Haut ging, damals, auf der Weihnachtsfeier.
Wie an jenem Tag ebenfalls, obwohl es schon eine Ewigkeit her war, dass du ihn das letzte Mal gesehen hattest.
„William?“, fragtest du und blinzeltest ein paar Mal verblüfft. „Billy- Billy Butcher?“
„Kennen wir uns vielleicht?“, schoss er statt einer Antwort unfreundlich zurück und dein Lächeln gefror auf deinen Lippen, während er sich zu seiner vollen, bedrohlichen Größe aufrichtete und deine Gestalt mit verärgertem Desinteresse und noch weniger Begeisterung musterte. „Haben wir im Vollsuff vielleicht mal miteinander gevögelt?“ Er schnaubte abfällig. „Falls ja, kann ich mich leider nicht mehr an dein Gesicht erinnern, Schätzchen, geschweige denn an deinen Namen, nichts für Ungut.“ Er schnappte sich eine Flasche Rohreiniger vom Regal zu seiner Rechten und deutete mit dem Kinn in deine Richtung. „Und nun sei so gut und geh mir nicht länger auf die verfluchten Eier und mir endlich aus dem verdammten Weg.“
Seine Worte hatten dich mehr verletzt, als es ein Messerstich in deine Eingeweide in jenem Moment vermocht hätte.
Unwillkürlich entglitt dir dein Handy abermals, fiel mitsamt deiner unverschämt teuren, unnützen Designertasche leise scheppernd zu Boden.
Energisch blinzeltest du wiederholt, diesmal, um die heißen, aufsteigenden Tränen zurück zu drängen.
„Nein, Gott nein, ich “- du holtest tief Luft, strichst dir die widerspenstigen Haare unter der dunklen Wollmütze hinter deine bereits feuerrot brennenden Ohren in dem Versuch, dich zu sammeln, brachst den Blickkontakt zu ihm ab.
Du wolltest dir keine weitere Blöße vor diesem Mann geben, um den du deine Kollegin einst heimlich beneidet hattest im wahrstem Sinne des Wortes und der nun mit Worten um sich stach wie mit Schlachtermessern, mörderisch und gezielt.
„Becca und ich“, setztest du von Neuem an und bücktest dich zu deinen auf dem dreckigen Linoleumfliesen verstreuten Utensilien, glaubtest sie hektisch vom Boden auf, bevor du dich wieder aufgerichtet hattest „wir sind - wir waren Kolleginnen. Bei Vought.“
Zutiefst beschämt zwangst du dich dennoch, ihm nun wieder ins Gesicht zu sehen. „Sie- äh- sie hat uns Beide einander kurz vorgestellt auf der Weihnachtsfeier dort im Tower, vor zwei oder -äh - drei Jahren?“
Seine Stirn legte sich in steile Falten, bevor ein plötzliches Blitzen diese schwarz anmutenden Augen für eine Wimpernschlag auf gespenstische Weise zu erhellen schien, dass du fälschlicherweise als Interesse für deine Person verbuchtest, bevor sie abermals bodenlosen Abgründe glichen.
„Bei Vought?“, fragte er nach und bückte sich nun ebenfalls, um nach einem von dir übersehenem Kugelschreiber zu greifen, ihn dir nach einem kurzen Blick darauf zurück zu geben.
Vought stand in den typischen großen, schnörkellosen Lettern darauf.
Clean, wie ihr Fachdesigner euch gerne großspurig in irgendwelchen Meetingss ausdrücktet, um euch vom gemeinem Fußvolk abzugrenzen.
„Und Sie arbeiten immer noch für den Verein?“ Seine Stimme hatte unter dem plötzlich bemüht freundlichem Ton etwas unterschwellig lauerndes, dass du aber nicht zu greifen bekamst in diesem Augenblick.
„Äh, ja, das ist richtig.“ Und obwohl du in deinem tiefsten Inneren bereist wusstest, dass er sich dennoch keinen Dreck an dich erinnerte, fuhrst du trotzdem mit aufflammender, selten dämlicher Hoffnung fort, anstatt das unverschämte, falsche Arschloch zum Teufel zu jagen, dich nochmal mit deinem vollen Namen vorzustellen.
Er stutzte vielleicht eine Sekunde, bevor er wie auf Stichwort antwortete.
„Natürlich!“ Ein breites Grinsen folgte, und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Jetzt erinnere ich mich wieder. Wer könnte so einen quirligen kleinen Rotschopf denn auch schon vergessen, was?“ Er hatte sich ein wenig nach vorne gebeugt, dir eine verirrte Locke von der Schläfe gestrichen mit einer federleichten Berührung, die absurd zart anmutete, im krassen Gegensatz stand zu seinem ganzen Gebaren vor noch nicht einmal zwei Minuten erst.
Dass er auf dein Äußeres anspielte und dir eben derart nahe gekommen war, machte dich seltsam nervös und schmeichelte dir zur gleichen Zeit unangemessen und unkluger Weise, wie du sehr wohl wusstest.
„Gut siehst du aus“, setzte er noch einen drauf und du lächeltest etwas gequält.
„Wie wär‘s“, sagte er und legte vertraulich den Arm um deine Schulter, drückte dich länger an sich, als der Anstand es gebot, „wenn wir beiden Hübschen noch einen After-Work-Cocktail in irgendeiner Bar schlürfen, und du mir ein bisschen was von deiner Arbeit bei Vought erzählst?“ Immer noch den Arm um dich geschlungen, dirigierte er dich zielstrebigen Schrittes Richtung Kasse, während er den Rohreiniger ohne Hinzusehen irgendwo wieder abstellte. „Du bist selbstverständlich eingeladen, Schätzchen.“
Dir war klar, dass an diesem bemerkenswertem Stimmungswechsel etwas gehörig faul war, aber es war schon so lange her, dass dir ein Mann ein nicht Job-bedingtes Kompliment gemacht hatte, dass du auf sein Angebot ansprangst wie ein Abstinentler auf das erste Bier seit Jahren - erbärmlich ausgehungert und Jenseits von gut und Böse.
Ein hoffnungsloser Fall, wie deine Mutter stets zu sagen pflegte.

„Was tust du hier?“, wiederholst du nun deine Frage von vor ein paar Sekunden erst, in welchem sich der Mann in deinem Flur immer noch hektisch umgesehen hatte und dann ohne ein Wort oder gar einer Erklärung schnurstracks zur Wohnzimmertür läuft, diese mit einem Ruck aufstößt.
„Hey!“ Blutroter Zorn kocht in deinen Eingeweiden hoch, als Billy Butcher ohne Erlaubnis einfach so weiter in deine Wohnung, deine Intimsphäre eindringt und dich aus deiner angstvollen Erstarrung reißt.
Hektisch eilst du ihm hinterher, wobei du kurz inne hälst, als die Küchentür in deinen Augenwinkeln auftaucht und das Bild eines Messers in deinem Kopf aufploppt, dass mit Sicherheit von Vorteil für dich wäre in dieser unangenehmen, mehr als nur latent bedrohlichen Situation.
Das Veto fällt nach einer weiteren Sekunde des Zögerns zugunsten des kalten Stahls aus und du stürmst in die Küche, ziehst die schärfste und längste Klinge aus dem Messerblock hervor, bevor du vom Flur aus in dein Wohnzimmer eilst, wo Billy bereits alle Rollläden herunter und just den letzten Vorhang zuzieht nach einem letzten Blick nach draußen.
„Hey!“, stößt du noch einmal hervor und baust dich mit dem Messer in deiner Hand mitten im Raum auf. „Was zur Hölle machst du hier, verflucht? Ich habe dich nicht herein gebeten, geschweige denn eingeladen!“

Ruckartig dreht er sich zu dir um und betrachtet mit einem Stirnrunzeln das Tranchiermesser in deiner Hand.
„Vorsicht mit dem Messer, Schätzchen, sonst kommt hier Jemand vielleicht noch zu schaden.“

Diese indirekte Drohung ignorierend, tratest du mutigen Schrittes noch etwas näher in seine Richtung.
Er darf, sollte auf keinen Fall mitkriegen, dass er dir mit seinem gesamten Auftreten eine Heidenangst macht, welche aber glücklicherweise gerade ohnehin von deinem brennenden Zorn haushoch überflügelt und in die Schranken verwiesen wird.
Drei Monate.
Drei verfluchte Monate hatte er nichts mehr von sich hören lassen, kein Wort, kein Anruf, keine Textnachricht, nichts.
Absolut nichts.
Und nun dieser abartige Auftritt, mit dem er wie Tornado durch deine eigenen vier Wände wirbelt, sich ganz allgemein so benimmt, als gehöre die Wohnung ihm, einschließlich des dazugehörigen Häuserblocks.

Was.Tust.Du.Hier“, beißt du jedes einzelne Wort mit den Zähnen ab und spuckst ihm noch ein„Mistkerl?“ vor die Füße.

„Oi!“, entfährt es ihm in gespielter Entrüstung. „Begrüßt man so etwa einen alten Freund?“ Übertrieben theatralisch fasst er sich an seine Brust. „Das schmerzt, Liebchen, ganz tief hier drinnen. Weißt du, nach allem, was wir-“

„Wir sind keine Freunde!“, unterbrichst du ihn und dein Herz hämmert schmerzhaft gegen deine Rippen. „Wir sind noch nicht einmal Bekannte, Billy! Für dich war ich doch von Anfang an nur eine schnelle Nummer, an der du deinen Frust abreagieren konntest!“ Erst jetzt merkst du, wie gut es tut, deinem Herzen diesbezüglich einmal Luft zu machen und du schnaubst. „Weißt du, wie oft ich versucht habe, bei dir anzurufen, dich zu erreichen, nachdem du einfach immer wieder wie ein Dieb mitten in der Nacht abgehauen bist? Nie, wirklich nie hast du auf meine Anrufe oder SMS reagiert!" Regelrecht in Rage redest du dich. "Seit Tagen versuche ich dich jetzt schon zu erreichen! Und dann stehst du plötzlich einfach so, völlig unangekündigt vor meiner Tür und rennst mir gewaltsam die Bude ein! Aber jetzt reicht‘s, Billy! Jetzt habe ich einfach endgültig die Schnauze voll von dir! Also verschwinde auf der Stelle, bevor ich die Polizei rufe!“

„Hey“, sagt er und breitet in einer großkotzig generösen Geste die Arme aus. „Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Herzblatt, aber wenn ich nicht gerade vor beschissen, durchgeknallten Supes auf der Flucht ums nackte Überleben bin, besorge ich es dir gerne auch mal wieder so richtig ordentlich, aber im Moment -“

Weiter kommt er nicht.
Wie eine Furie bist du mit einem einzigen Satz bei ihm und schlägst ihm so fest ins Gesicht, dass deine Handfläche brennt.

Auch das tat gut.

„Ich bin keine deiner abgelegten Nutten, Billy!“, zischst du und spürst, wie das Blut nichtsdestotrotz feuerrot in dein Gesicht schießt angesichts der Bilder, die dir unangemessen von euer letzten Begegnung just durch den Kopf schießen, Auge in Auge mit Mann, der dich im Bett so hart genommen hat wie kein Einziger jemals zuvor.
Oder danach.
Es war erschreckend, anstrengend, aufreibend, beinahe schon abartig und entsetzlich erregend gewesen.
Bereits nach der ersten Nacht wusstest du, dass du süchtig warst.
Und wie jede vernünftige Person nach einem vermeintlichen Ausrutscher hattest du versucht, deiner Sucht aus dem Wege zu gehen, was nicht weiter schwer gewesen war.
Denn Billy Butcher kam und ging in den letzten Jahren bei dir lediglich sporadisch ein und aus und das auch nur nach seinem eigenen Gusto.
Zwei Dinge kehrten bei jedem seiner Besuche konstant mit ihm wieder:
Guter Sex und Vought.
Immer wieder Vought.
Die Gespräche über deinen Arbeitsplatz hingen dir bald schon zum Halse raus.
Die wirren, aber vehementen Andeutungen bösartiger Verschwörungen dort inklusive.

„Was zur Hölle ist los mit dir?“ Sein Gesicht verfinstert sich merklich unter deinem feuerroten Händeabdruck und in der nächsten Sekunde schlägt er dir auch schon das Messer aus der Hand, scheinbar ohne jegliche Anstrengung.
Instinktiv weichst du zurück.
Trotz seiner alles anderen als empfindsamen Art ist er dir gegenüber noch nie handgreiflich geworden bis zu diesem Tage und sein Benehmen schockiert dich mittlerweile zutiefst, auch wenn du ihm zugegebener Maßen eben erst eine geknallt hast, zum ersten Mal in deinem Leben überhaupt Gewalt angewendet hattest.
Dennoch- erst sein gewaltsame Eindringen in deine Wohnung und nun das.
Er bückt sich kurz und hat dann dein bestes und einziges Mittel deiner Wahl zur Selbstverteidigung in seiner Rechten.
„Hast du gerade deine Scheißtage, dein verficktes PMS, oder warum benimmst du dich wie eine gottverdammte Fotze? Ich bin hier, weil ich Hilfe brauche, gottverdammt!“

Unwillkürlich ballst du die Fäuste, bringst aber vernünftigerweise wieder etwas Sicherheitsabstand zwischen euch.
„Und da kommst du zu mir?“ Hysterisch lachst du auf, es klingt wie ein schlecht getarntes, unterdrücktes Schluchzen. „Ausgerechnet zu mir? Ich habe die Nachrichten gesehen!“ Hilflos vor Zorn schüttelst du den Kopf. „Du bist ein gesuchter Mann, Billy Butcher, und ich werde nicht zögern, die Cops zu rufen, wenn du nicht sofort wieder von hier verschwindest!“
In einem Anflug von gefährlicher geistiger Umnachtung schnappst du dir ein Sofakissen und wirfst es in seine Richtung. „Na los, hau ab!“ Ein zweites Kissen fliegt in seine Richtung, prallt mit Wucht von seinem Oberkörper ab. „Verschwinde! Das kannst du doch so besonders gut!“

Mit nur wenigen, langen Schritten steht er auch schon vor dir und stößt dich mit Wucht gegen die nächste Wand.
Der Schmerz schießt heiß dein Rückgrat entlang und bevor du überhaupt reagieren kannst, packt er deinen Nacken und presst dir ohne Umschweife das Messer an deine Kehle.
Du erstarrst auf der Stelle.
„Jetzt halt mal deine mal deine verfickte Klappe und hör mir eine einzige Sekunde lang zu, wenn dir das möglich ist!“ Er beugt seinen Kopf hinunter und ist dir jetzt so nahe, dass du seinen schnaubenden, heißen Atem auf deiner Nasenspitze, deinen erhitzten Wangen spürst. „Dein verfickter Arbeitgeber ist nichts weiter als ein Verein skrupelloser, abartig reicher Wichser und deine zauberhaften Sieben nichts als miese, dreckige Laborratten.“ Er lockert seinen Griff etwas, doch die Klinge an deiner Haut gibt keinen Millimeter nach. „Und wenn du auch nur ein winziges bisschen Eier in der Hose hättest, wärst du schon vor Ewigkeiten in Voughsts Labore einsteigen, wie ich dir immer und immer wieder gesagt habe, und hättest dich endlich selbst davon überzeugt!“

Tränen der Verzweiflung ob dieser Absurdität deiner gegenwärtigen Situation schießen dir in einem heißen Schwall aus den Augen.
Immer wieder dieselbe, alte Leier, die gleiche Paranoia wie seit Jahren eurer Bekanntschaft schon.
Immer wieder Billy, wie er dich unter Druck zu setzen versuchte, bei deinem eigenen Arbeitgeber einzubrechen.

Tief und zitternd holst du in dem Bemühen Luft, wieder die Ruhe zu bewahren.
Einer von euch Beiden muss jetzt zumindest einen halbwegs klaren Kopf bekommen, sonst wird das hier gefährlich eskalieren, das weißt du mittlerweile.
„Okay, Billy“, sagst du so ruhig wie möglich und schluckst schwer gegen den kalten Stahl an deiner Kehle an. „Okay. Du- du kannst mir gerne deine Version der Geschichte erzählen, mir sagen, was wirklich passiert ist, aber bitte“, deine Stimme nimmt einen flehentlichen Ton an, du kannst nichts dagegen tun, „nimm jetzt dieses Messer weg, okay? Du machst mir eine Scheißangst, Billy! Bitte!“

Eindringlich siehst du ihm flehend ins Gesicht, und ganz langsam lässt der Druck der Klinge auf deiner nackten Haut nach.
Nach einem weiteren hämmerndem Herzschlag sinkt seine Hand mit dem Messer nach unten und er tritt einen Schritt zurück, wendet sich von dir ab.
Du atmest zittrig ein und schließt einen Moment die Augen, krallst deine Hände hinter deinem Rücken in den weißen Putz deiner Wohnzimmerwand. Spürst die feine Maserung und die Kühle, während Billy wie ein gereiztes Raubtier langsam auf und ab läuft.
„Okay“, sagst du leise und öffnest deine Lider wieder. „Okay.“ Du zwingst dich, wieder in seine Richtung zu blicken. „Was ist passiert, Billy? In was für einer Scheiße steckst du diesmal?“
Die Antwort interessiert dich ernsthaft.

Ruckartig dreht er den Kopf zu dir herum, hält abrupt inne.
„Was passiert ist, willst du wissen?“ Er schnaubt, ist sofort wieder auf 180. „Ich bin so kurz davor gewesen, diese ganze verfickte Mischpoke an ihren Eiern zu kriegen, und nun hat diese Drecksau Homelander alles daran gesetzt, mich Stück für Stück auseinander zu nehmen und zu denunzieren! Das ist los!“

Langsam stemmst du dich mit deinen Handflächen von der Wand ab und gehst auf ihn zu.
Streckst nach kurzem Zögern nur dann deine Hand nach seinem Arm aus, drückst diesen sanft, behutsam, beschwichtigend.
Eigentlich solltest du ihn spätestens jetzt im hohen Bogen aus deiner Wohnung werfen, das ist dir klar. Wenn ihn jemand hier gesehen und die Polizei benachrichtigt hat - du willst dir gar nicht ausmalen, in was für Schwierigkeiten du dann steckst.
Stattdessen scheinst du absurderweise nach wie vor seine Nähe zu suchen.
Immer noch.
Ein hoffnungsloser Fall.
„Was ist das mit dir und Homelander?“, möchtest du ehrlich wissen. „Woher kommt nur dieser unbändige Hass gegen ihn? Er versucht nichts anderes, als diese Welt jeden verdammten Tag ein winziges bisschen besser zu machen, und du-“

Ruckartig entreißt er sich deinem sanftem Griff, baut sich erneut bedrohlich vor dir auf und du weichst ein weiteres Mal unwillkürlich vor ihm zurück.
„Besser zu machen? Besser zu machen?“ Mit einer brutalen Bewegung rammt er das Messer in deinen hölzernen Couchtisch und erschrocken machst du einen Satz zur Seite.
Aggressiv fährt er sich die Haare aus der Stirn, sieht dir wieder ins Gesicht.
„Glaubst du diese verfickte PR- Scheiße etwa immer noch? Ernsthaft?“ Seine Stimme ist hart, aber erstaunlicherweise nach wie vor auf Zimmerlautstärke. Vielleicht macht er dir deshalb um so mehr Angst, der auflodernde, brennende Hass in seinen Augen. „Gott Schätzchen, ich hab dich unter deiner dümmlich- naiven- fick-mich- Lolita-Nummer immer für schlauer gehalten. Du willst wissen, was passiert ist?“


Er macht einen Schritt auf dich zu und packt so hart deine schmalen Schultern, dass es weht tu, du dich seinem Griff nicht entwinden kannst.
„Ich sag dir, was passiert ist! Dieser verfickte Bastard hat meine Becca auf dem Gewissen! Weißt du, warum meine Frau tot ist? Sie hat sich umgebracht! Homelander hat sie vergewaltigt, und sie hat sich danach umgebracht!“ Er schüttelt dich einen Moment lang hart. „Verstehst du das? Er hat sie umgebracht!“

Entsetzen fährt durch all deine Glieder, lähmt dich für einen endlos schrecklichen Moment.

Ein weiteres Mal an diesem Tag überkommt dich die Erinnerung an diesen bitterkalten Winterabend in Vouhts Tiefgarage, doch du schiebst sie mit aller Gewalt von dir.
Tief und zittrig holst du abermals Luft, kämpfst dich mit Klauen und Zähnen quälend langsam, aber erfolgreich aus deiner Erstarrung heraus.
Du greifst nach Billlys Händen, ziehst sie von deinen Schultern hinunter und weichst wiederholt vor ihm zurück.
Deine Sprache findest du als erstes wieder.
„Das kann nicht- das kann nicht sein“, stotterst du unbeholfen, maßlos entsetzt über diesen erschütternden Vorwurf, schüttelst vehement den Kopf jetzt. „Homelander würde nie, niemals einer Frau etwas derartiges antun, niemals! Unzählige, Millionen von Frauen himmeln ihn an, vergöttern ihn, ja, aber das würde er doch niemals zu seinem Vorteil ausnutzen, geschweige denn, etwas so Schreckliches tun!“ Händeringend fährst du fort, nicht wissend, wen du da eigentlich gerade mit deinem feurigem Appell wirklich überzeugen willst. „Er ist einer von den Guten, der Kopf der Sieben, um Himmels Willen! Er ist – er steht für das Gute im Menschen, eines jeden Menschen, und -“

„Er ist ein mieser, dreckiger, verfickter Vergewaltiger!“, unterbricht Billy dich mit gefährlich leiser Stimme und sein vor Zorn bebender Zeigefinger sticht wie ein Dolch nach oben in die Luft, direkt vor deiner Nase. „Nichts anderes. Willkommen in der Realität, Dornröschen. Wird verdammt nochmal Zeit, dass du endlich deine Scheißaugen aufmachst, Liebchen!“

Du spürst, wie dir alles zu entgleiten droht, an dass du dich die letzten Jahre so verzweifelt fest geklammert hast und für einen Augenblick wird dir so schwindlig, dass du glaubst, dich übergeben zu müssen.
In einer Welt, die jeden verdammten Moment davor steht, sich de facto tagtäglich selbst in die Luft zu jagen, willst du dir das einzige, strahlende Leuchtfeuer der Hoffnung partout nicht nehmen lassen, krallst dich wie ein Kind verzweifelt an sein Lieblingsspielzeug, das unverhofft ausrangiert werden soll.
Einfach so, von jetzt auf gleich.
Und obwohl die Schrammen und Dellen unübersehbar sind, entscheidest du dich trotzdem, weiterhin mit einem blinden Auge durch die Gegend zu spazieren.
Kindlich, naiv.
Sträflich naiv.

„Ich – ich glaube dir nicht!“ In deiner Stimme klingt ein schriller, hysterischer Unterton mit, aber das ist dir gleich.
Du weigerst dich, diese, Billys Wahrheit anzuerkennen, Punkt.
Manche Dinge sind einfach zu entsetzlich, als dass man ihnen Glauben schenken könnte, Glauben schenken will.
„Das glaube ich einfach nicht!“, wiederholst du vehement. „Ich habe Homelander und Becca auf der Weihnachtsfeier damals zusammen gesehen“ sprudelt es weiter aus dir heraus, bereit, dem bekanntesten und mächtigsten Superhelden der Welt augenblicklich beizuspringen (als hätte Er deine Hilfe nötig) und, du redest dich, ohne es zu merken, wortwörtlich um Kopf und Kragen. „Homelander war nichts als freundlich und überaus zuvorkommend zu euch, speziell zu Becca und sie, sie ist ja auch gleich drauf angesprungen und hat auf Teufel komm raus sofort mit ihm geflirte-“

Weiter kommst du nicht.
Billy hat dir mit Wucht seine Hand in die Kehle gerammt, sogleich gnadenlos zugedrückt.
„Wage es ja nie wieder, meiner Frau etwas derartiges zu unterstellen, Miststück! Willst du etwa andeuten, dass sie selbst Schuld an ihrer Vergewaltigung ist, weil sie dem Hurensohn angeblich schöne Augen gemacht hat?“ Sein heißer Atem bläst dir als hasserfülltes Schnauben ins Gesicht. „Sieht so also Solidarität unter euch Weibern aus? Kein Wunder, dass ihr Fotzen noch nie das Sagen auf diesem Scheißplaneten hattet!“
Verzweifelt versuchst du den Kopf zu schütteln, schlägst panisch nach seiner Hand, bekommst keine Luft mehr.
„Willst du etwa andeuten“, fährt er völlig ungerührt fort ob deiner lächerlich nutzlosen Befreiungsversuche und bringst sein Gesicht ganz nah an deines heran, „sie hätte den verfickten Hurensohn darum gebeten? Ihn darum gebeten, sie gegen ihren Willen durchzuficken, sie zu vergewaltigen, nur weil er so verfickt gut aussieht? Antworte mir!“
Er lockert seinen eisernen Griff gerade soweit, dass du verzweifelt röchelnd wieder etwas Sauerstoff in deine Luftröhre saugen kannst.
„Billy, so etwas habe ich doch nie- niemals gedacht und auch nicht gesagt“, krächzt du mit verzweifelter, unnatürlich rauer Stimme, „natürlich glaube ich nicht, dass Becca von Homelander vergewaltigt werden wollte, aber-“
„Kein aber, Miststück!“ Sofort drücken seine Finger wieder erbarmungslos zu, noch fester als zuvor und dein Herz hämmert in plötzlicher Todesangst gegen deine Brust wie ein panischer Vogel seine Käfigstäbe entlang nach oben flattert, Auge in Auge mit der übermächtigen Katze, die im Begriff ist, die tödlichen Krallen durch die offene Käfigtür in sein Gefieder zu rammen.

„Weißt du was?“ Abrupt lösen sich seine Finger endlich von deinem Hals. „Ich werd dir jetzt einfach mal was zeigen, Liebchen, damit du kapierst, was für einen himmelschreiend verfickten Bullshit du da gerade von dir gegeben hast!“

Mit einem Ruck lässt er von dir ab, doch bevor du auch nur panisch zurückweichen kannst, packt er in einem schraubstockartigen Griff deinen Arm und reißt dich den Flur entlang.
Du stolperst, fällst der Länge nach auf die Knie, doch Billy zieht dich erbarmungslos weiter, schleift dich bis in dein Schlafzimmer hinein.
Mit seinem schweren Stiefel tritt er die nur angelehnt Tür auf und stößt dich so brutal auf dein Bett, dass du rücklings von der Matratze abprallst.
Dann ist er auch schon über dir und reflexartig schlägst du wie eine Wilde um dich, willst dich wehren, doch er holt aus und seine Faust trifft dich wie ein Hammerschlag gegen dein Kinn.
Instinktiv reißt du vor Schmerzen die Hände über deinen Kopf und rollst du dich zusammen, willst dich so klein wie möglich machen, um ihm kaum noch Angriffsfläche zu bieten, während er sich ruckartig seines Mantels entledigt, ihn einfach zu Boden fallen lässt, die Gürtelschnalle löst und ohne Umschweife seine Hose aufknöpft.
In deinem Kopf hämmert immer wieder das Wort „nein“ wie ein Presslufthammer gegen deinen schmerzhaft dröhnenden Schädel und alles kommt dir völlig surreal vor.

Nein, nein, nein!
Das kann nicht sein, das kann nicht sein!
Was passierte hier gerade in diesem wahnsinnigen Moment?
War Billy wahnsinnig geworden?

Das ist nicht Billy Butcher, nicht der Mann, den du einmal zu kennen geglaubt hast, der Mann, mit dem du verzweifelt gerne dein Bett geteilt hast,wann immer er in seiner grenzenlosen Güte sporadisch bei dir aufgetaucht war und deine Sehnsucht nach wahrer, echter Intimität gnadenlos ausgenutzt hatte zu seinem Vergnügen, obwohl auch du jedes Mal auf deine Kosten gekommen warst.
Panischen Blickes hältst du nach deinem Handy auf dem Nachttisch Ausschau und erinnerst dich in sengend heißer Verzweiflung, dass du es im Wohnzimmer hast liegen lassen.
Learning by doing!“, sagt er hasserfüllt und beugt sich geschäftig zu dir hinunter, packt deine Füße und reißt deine Beine der Länge nach auseinander, „so viel Zeit muss sein!“
Du versuchst um dich zu treten, erneut nach ihm zu schlagen, und diesmal trifft seine Faust deinen Unterleib.
Der Schlag lässt jegliche Luft aus dir entweichen und du siehst wortwörtlich Sterne in deinem schwarz werdendem Blickfeld.
„Warst du nicht jedes Mal scharf wie eine rattige Hündin, wann immer ich bei dir in deinem erbärmlichem Leben aufgetaucht bin?“, fragt er und reißt sein T-Shirt mit einem Ruck über seinen Kopf, wirft es zur Seite. „Ist dir nicht jedes Mal schon die Brühe deinen Schlüpfer und deine Beine hinunter gesuppt ist, kaum, dass ich dir auch nur an den Arsch gepackt habe? Du konntest es nicht erwarten, von mir gefickt zu werden.“
Heiße Tränen des Schmerzes und der Scham schießen aus deinen Augen, und verzweifelt schüttelst du den Kopf. „Bitte Billy“, weinst du, „hör auf! Hör a-“
Er packt dich so fest an deinen Haaren, dass deine ganze Kopfhaut brennt, lichterloh in Flammen steht.
„Warum also jetzt auf einmal so widerspenstig, Herzblatt?“ Seine beißende Stimme trieft vor abgrundtiefer Verachtung. „Du wolltest es so, du sollst es haben! Du wolltest es doch, also kriegst du es jetzt auch!“
„Nein!“, stößt du in heller Panik hervor, als er sich auf dich stürzt, mit einem Ruck deine dünne Leggins samt Slip einfach zerreißt, deinen Körper unter seinem Gewicht begräbt.
Ruckartig stemmt er sich auf seine Ellenbogen und rammt dann brutal zwei Finger in dich hinein. Ein irrsinniger, brennender Schmerz durchzuckt deinen malträtierten Unterleib und du weißt, dass du noch niemals zuvor so grausam verletzt und misshandelt worden bist in deinem Leben, körperlich wie seelisch nicht.
Gequält schluchzt du laut auf, versuchst mit aller Kraft, ihn von dir weg- und hinunter zu schieben, aber sein Ellenbogen fährt in die Höhe und dann drückt dir sein Arm über deiner Kehle erneut die Luft ab.
„Bitt nich, Bil-! H-r a-f!“, röchelst du erbärmlich, aber er scheint es nicht einmal zu bemerken.
„Warum auf einmal so frigide, Herzblatt?“ Seine Finger bohren sich erbarmungslos tiefer in dich hinein und der Schmerz treibt dir einen heißen Schwall beißenden Salzwassers aus den Augen.
„Vielleicht gefällt es dir ja, wenn ich erst meinen Schwanz in dein wertloses Loch ramme, was meinst du? Stell dir einfach Homelanders Gesicht vor, während ich dich gleich gegen deinen Willen durchficken werde!“
„Nein“, schluchzt du verzweifelt, während du versuchst, dich von ihm zu befreien, deinen Körper unter ihm fort zu winden, es aber lediglich schaffst, endlich seinen Arm von deinem Hals zu stemmen. „Nein, nein, nein, bitte nicht, Billy“, weinst du und der Rotz läuft dir zusammen mit bitteren Tränen das Gesicht hinunter „bitte nicht, tu mir nicht weh, tu mir nicht weh, bitte, bitte, hör auf, bitte, bitte hör auf!“
Ruckartig zieht er seine Hand zurück, packt aber sogleich deine Hüften und reißt dich noch ein ganzes Stück tiefer unter ihn.
Und obwohl du wiederholst auf keuchst vor Schmerz und Furcht, übermannt dich in diesem Moment weißglühender Hass, der zusammen mit dem Instinkt und deinem Überlebenswillen die Regie übernimmt, dir ungeahnte Kräfte verleiht.
Du ballst deine Hände und trommelst mit deinen Fäusten wie eine Irre auf ihn ein, stoppst ihn für vielleicht eine halbe Sekunde, aber dann holt Billy ein weiteres Mal aus und ein Vorschlaghammer trifft deine linke Gesichtshälfte.
Es knirscht, und du kannst Blut schmecken.
Leise wimmernd liegst du noch immer unter ihm, benommen und der Ohnmacht nahe.
Dir ist kotzübel, dein Körper nur noch ein einziger großer Schmerz und du weißt in diesem Moment unwiderruflich, dass du verloren bist.
Niemand würde kommen und dich vor diesem Verrückten retten.
Niemand wird kommen.

Du bist ganz alleine.

„So fühlt es sich an, vergewaltigt zu werden!“
Sein heißer Atem versengt deinen Gehörgang, dein nasses Gesicht wie alle Höllenfeuer und du presst deine Augen zusammen, wappnest dich für das Unerträgliche, da hört es plötzlich auf, gänzlich und abrupt.
Du hältst die Luft an, traust dich nicht, weiter zu atmen, oder gar, deine Lider wieder zu öffnen.
Am ganzen Körper zitternd wie ein Junkie auf kaltem Turkey spürst du ihn weiterhin über dir, seinem massigen Körper auf deinem und du wartest auf das Unvermeidbare.
Den Dolch -, den Todesstoß.
„So fühlt es sich an, vergewaltigt zu werden“, wiederholt er mit gefährlich ruhiger Stimme, leiser dieses Mal und erhebt sich dann schlagartig von dir.

Geräuschvoll steigt er in seine Klamotten, während der Schmerz, die Scham und unendliche Erleichterung ungebremst in heißen Salzwasserflüssen deine Wangen hinunter laufen, sich in deine Haut graben, ätzend wie Säure.

„Jetzt hast du am eigenen Leib gerade mal ansatzweise erfahren, wie es Becca ergangen sein muss!“ Seine Stimme ist unerbittlich, hart und so voller Hass, den er eben erst an dir ausgelassen hatte, dass es deinen ganzen Körper schüttelt.

„Also reiß nie wieder deine verfickte Klappe gegen meine Frau im Zusammenhang mit diesem dreckigen, perversen, verfickten Super - Bastard auf!“

Du presst deine Lider derart zusammen, dass es weh tut, während du hörst, wie er sich seinen Mantel wieder überzieht, kurz inne hält und dann auf deinen Boden spuckt.

Keine halbe Minute später kannst du deine Wohnungstür vom Flur in Schloss knallen hören und weißt, dass du wieder alleine bist.

So fühlt es sich an, vergewaltigt zu werden.




In dieser Nacht dauert es lange, bis du einschlafen kannst.

Nachdem er fort war, bist du in dein Badezimmer gestürmt, hasst den Klodeckel hochgerissen und dich sofort und so lange übergeben, bis nichts mehr als schaumig bittere Galle kam.
Mechanisch bist auf zitternden Beinen durch deine Wohnung gestapft, hast alle Fenster und Türen abgeriegelt, dich unter die Dusche gestellt bis das Wasser kalt wurde und dich danach in dein Arbeitszimmer zurück gezogen, deinen schmerzenden Körper dort auf die kleine, viel zu schmale Gästecouch abgelegt.

Nicht ein einziges Mal mehr kommt dir der Gedanke wieder, die Polizei zu rufen.
Alles in dir fühlt sich taub an, trotz der Schmerzen überall auf und in deinem Körper.
Den Gedanken an Billy meidest du wie ein Penner das Obdachlosenheim.
Stattdessen beschwörst du diesmal bewusst Beccas Gesicht vor dir auf, damals in der Tiefgarage, und der Schmerz in ihren Augen sagt dir, dass es wahr ist.
Becca.
Becca Butcher, die nicht so viel Glück gehabt hat – wie du.
Bei diesem Gedanken musst du hysterisch laut auflachen, ein schrilles Lachen, dass sofort zu einem heftigen Schluchzen mutiert, und endlich kannst du wieder frei weinen.
Lässt deinen Schmerz hinaus und heulst, bis dir die Rippen weh tun.

Als du endlich in einen unruhigen Schlaf fällst, dämmert es draußen bereits.

Du träumst du von grellroten und weißblauen Blitzen, die aus den Fingern einer kleinen, zierlichen Frau zucken und erbarmungslos über die Stadt gejagt werden und alles in Brand setzen, was ihren Weg säumt.
Ihr Gesicht erkennst du nicht.
Es ist wie ausradiert, schwarz.
Gelöscht.

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