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2020 - the worst year ever

OneshotFreundschaft / P12
Gavin Reed RK800-51-59 Connor
22.09.2020
22.09.2020
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Hallo!

Ich bin zurück im DBH-Fandom, aber eigentlich nur für einen kurzen, knackigen Oneshot über Gavin Reed und die Liebe.
Der OS spielt, wie ihr es wohl erwartet, 2020 und wäre etwa zwei Jahre nach der Revolution einzuordnen. Kein Slash - Con und Gavin sind Kollegen. Fluff hab ich trotzdem dabei.

Alles Liebe zum Geburtstag, Lizerah!

LG
mellow :]



2020 – the worst year ever


Das beschissenste Jahr überhaupt. Da war er sich sicher. 2020 war einfach das beschissenste Jahr überhaupt!!!

Nachdenklich in seine Stoffmaske schnaubend, malte Gavin mit einem Kugelschreiber Kreise auf den Block, der auf seinem Schreibtisch lag.

Das Telefon des DPDs klingelte. Es war bereits das dritte mal. So ein nervtötendes Geräusch. Für heute wurden die Anrufe von Fowler direkt auf seinen Platz umgeleitet und es gehörte für den Vormittag zu seinen Aufgaben, diese Anrufe anzunehmen. Aber dieser Scheißandroid war ja schließlich auch noch da. Sollte der das mal machen.

„Guten Morgen, Detective Reed.“

Mürrisch senkte er den Blick, als er Connors Präsenz in seiner Nähe verspürte. „Morgen, Connor“, brummte Gavin und fuhr damit fort, runde Kreise auf den Block zu malen.

Der Android lief an ihm vorbei und setzte sich an seinen Schreibtisch am andern Ende des Raumes, wo er mit einer flinken Handbewegung den PC anwarf. Jetzt würde er mal wieder in Nullkommanichts sämtliche Daten einlesen, für dessen Aufnahme Gavin Stunden brauchen würde. Schönen Dank auch. Das würde 2020 bestimmt auch noch kommen. Androiden wie Connor würden alle hier ersetzen. Und ihn wahrscheinlich als allererstes.

Das Klingeln des Telefons war endlich verstummt. Seufzend setzte Gavin sich auf und streckte sich. Er schaute auf die Schreibtischunterlage hinab und erschrak. Ach du Scheiße. Diese Kreise sahen genauso aus, wie die leuchtenden LEDs auf den Schläfen der Androiden, von denen sich nach und nach immer mehr im DPD tummelten. Okay, sie waren ausgemalt, im Tiefblau der Kugelschreibertinte, und Gavin wusste eigentlich, was sie darstellen sollten. Es waren nicht die Androiden-LEDs, nein. Es war etwas anderes. Etwas, an das er ununterbrochen dachte, und das keine andern Gedanken in seinem Kopf zuließ.

Tief zog er die Luft ein. Diese verdammte Maske. Alles war Scheiße im Jahr 2020. Wegen diesem beschissenen Corona, aber erst Recht, seit sie weg war. Seine Liz.

Mit einer raschen Handbewegung zog er sich die Maske unters Kinn und starrte auf die beiden kugelrunden Kugelschreiberkreise auf seinem Block, an dessem oberen Rand die Aufschrift DETROIT POLICE DEPARTEMENT prangte. Dann riss er das Papier ab, knüllte es zusammen und warf es in den Mülleimer. Niemand hier sollte auch nur auf die Idee kommen, er kritzelte Androidenzeichen auf seinen Block. Niemand!

Gestresst biss er die Zähne zusammen. Luft, endlich Luft. Er bekam schon kaum mehr Luft, seit er alleine zuhause war. Sie war für ihn wie die Luft zum atmen. Und die Luft war jetzt weg. Und dann waren da noch die Masken, die ihm alle Luft nahmen.

Eine Woche war sie jetzt schon weg, und er vermisste sie seitdem ständig. Egal, was er tat, ob er sich morgens, vor seiner Schicht, den ersten Kaffee machte, ob er diesen gemeinsam mit einer Zigarette als sein Frühstück einnahm und nach ihr Ausschau hielt – vielleicht hatte sie sich ja umentschieden, vielleicht würde sie zu ihm zurückkommen, vielleicht genau jetzt? - ob er seine Wohnung putzte, Hank Anderson anschrie oder nachts einen Umweg nach Hause über den Highway nahm, wo er viel zu schnell fuhr, um sich für einen Augenblick frei zu fühlen, ohne Maske, ohne sie, ohne Luft, und mit der Geschwindigkeit – Er vermisste sie eigentlich bei allem, was er tat.  

Erneut schellte das Telefon. Gereizt ließ Gavin seine Faust auf den Schreibtisch sinken. „Gehst du endlich mal ran?!“, bellte er zu dem Androiden rüber.

Connor hob den Kopf. Ohne die Spur einer Verärgerung fragte er: „Gehört das nicht heute zu ihrem Dienst, Detective?“

Wütend funkelte Gavin den Androiden über den Raum hinweg an. Diese schmierige Blechbüchse. Was fiel dem überhaupt ein?!

Unter dem nervtötendem Schellen des Telefons starrten die beiden einander an. Und Gavin wusste es genau: Dieser verdammte Android würde ein Prinzipiending draus machen. Connor war klar, dass er heute Telefondienst hatte. Eigentlich hatte Gavin darauf gehofft, dass der Android ihm aus einem Pflichtgefühl heraus die Beantwortung des Anrufs abnehmen würde. Die Chance, dass es wirklich wichtig war, lief gegen Null. Wahrscheinlich musste man einfach ausrichten, dass Captain Fowler heute nur über sein Diensthandy zu erreichen sei, mehr nicht. Die Notrufe gingen direkt an eine andere Hotline. Aber die Möglichkeit, dass es wichtig war, war nunmal gegeben. Connor konnte dieses Risiko doch nicht eingehen wollen. Das widersprach seiner Programmierung. Oder?

Doch das konnte er. Connor und er starrten einander an, bis das Klingeln des Telefons verstummte.

Seine Knöchel knackten, als Gavin schwer atmend die Fäuste ballte. Stress war gar kein Ausdruck dafür, was er gerade empfand. Sein Kopf war voller Gefühle. Er war mit Liz so im Einklang gewesen; ausgeglichen und manchmal fast schon glücklich. Mit ihr an seiner Seite konnte er besser schlafen. Wenn sie zusammen aßen, schmeckte ihm sogar seine Fertigsuppe ein wenig. Alles war anders, seit sie bei ihm eingezogen war. Er schlief wieder durch. Und wenn er doch mal nachts hochschreckte, sah er seine Hand im fahlen Licht des Mondscheins über das Laken gleiten und beobachtete, wie er nach ihr tastete. Und wenn er sie wieder spürte, war es, als hätte man ein noch nicht ganz aufgeladenes Handy wieder an das Ladeteil angeschlossen.

Irritiert blinzelnd rieb Gavin sich die Augen. Dieses Ladeteil fehlte ihm gerade. Er lief auf Sparflamme. Immer. Er konnte kaum seiner Arbeit nachgehen; nicht mal den Androiden niederstarren. Immer wieder dachte er an Liz.

In Connors herausfordernden Blick mischte sich der Anflug von Verblüffung. Er war es gewohnt, von Gavin Contra zu bekommen, schon seit er hier nach der Revolution fest angestellt wurde, und vor der Revolution sowieso. Lange schon hielt Gavin sich in seiner Aggression ihm gegenüber zurück; und ungefähr vor zwei Jahren, kurz nach Connors Festeinstellung an der Seite von Lieutenant Anderson, war Gavin sowieso etwas ausgeglichener geworden. Es lag nie an Connor. Da sollte der sich mal nichts drauf einbilden. Er hasste diesen Typen, und die andern Androiden fast noch mehr. Es lag einfach daran, dass Gavin wusste, dass er zuhause nicht mehr allein war. Er wusste, dass sie zuhause auf ihn warteten würde. Normalerweise. Und seitdem änderte sich nunmal alles.

Abwesend nestelte Gavin am Gummizug seiner Maske herum. Er sah sie wieder vor sich, dunkle Kreise. Alles wurde verschwommen, während er auf den Block starrte.

„Geht es Ihnen gut, Detective Reed?“ Die Stimme des Androiden drang nur dumpf an sein Ohr.

Gavin rieb sich hektisch mit dem Handrücken über die Augen. Scheiße. Was?! Er durfte hier nicht heulen. Nicht wegen ihr. Nicht vor diesem verschissenen Androiden. Fuck! „Warum sollte es mir nicht gutgehen?!“, blaffte er durch den Raum und vergrub blinzelnd seine nasse Faust in der Tasche seiner Lederjacke. „Prima geht’s mir!“, fauchte er und erhob sich. Er brauchte einen Kaffee. Er musste hier weg. Der Kaffee war ein guter Vorwand, um hier wegzukommen.

Er spürte Connors fragende Blicke im Rücken und hielt schwer atmend inne. Er presste die Lider aufeinander. Nicht heulen. Alter, wo kommen wir denn da hin?! Wann hatte er das letzte mal wegen einer Frau geheult?

Er schluckte den Schmerz herunter und registrierte mit dem Anflug von Dankbarkeit, dass Connor nichts erwiderte. Woran auch immer das lag. Wahrscheinlich war Connor einfach gut programmiert. Oder vielleicht hatte der Einfluss seiner menschlichen Freundin auch so etwas wie Empathie in ihm ausgelöst. Gavin hatte die beiden schon öfter miteinander gesehen, und es beeindruckte ihn nach wie vor, dass der Android so etwas wie eine Beziehung zu einer Frau führen konnte, die darüberhinaus auch noch recht passabel aussah. Wahrscheinlich knallt er die einfach gut weg, dachte er seufzend und warf Connor über die Schulter hinweg einen prüfenden Blick zu, als er die Kaffeemaschine ansteuerte. Ja, das musste es sein. Wieso sollte man sich sonst auf einen Androiden einlassen?

„Detective Reed?“ Jetzt rief der Android ihn doch noch. Wehe, er würde noch irgendwas zu seiner Verfassung fragen. Dann würde er einfach ausrasten. Noch einmal könnte er das nicht abwenden. Er -

„Was?“, knurrte Gavin.

Das Gesicht des Androiden war unergründlich. Fast schon freundlich. „Ihre Maske“, sagte Connor mit dem Anflug eines Lächelns.

„Ach, lass mich mit dem Scheiß in Frieden“, knurrte Gavin, mehr zu sich, als zu dem Androiden. Ja, richtig, er war aufgestanden, und da war es hier seit dieser Scheißpandemie die Regel, einen Mundnasenschutz aufzuziehen, wenn man durch die Räume des DPDs lief. Aber hier war heute eh kaum jemand. Was auch immer.

Er schob sich seine Maske über die Nase und marschierte in die Teeküche. Dort angekommen beobachtete er, wie das tiefbraune Gold sich in seine Tasse ergoss. Sein Magen knurrte. Er hatte kaum mehr richtig gegessen, seit sie weg war. Er hätte das sonst alles gemacht, mit ihr, für sie, damit sie beide ein gesundes und schönes Leben miteinander hatten. Nach dem Essen würde er abspülen, und sie würden gemeinsam auf dem Sofa liegen und Fernsehen. Wie jede Nacht. Seine Hand würde ihren Rücken und ihren Bauch entlang gleiten, während sie sich an ihn schmiegte, er sie streichelte und in unregelmäßigen Abständen einen Kuss auf die Stirn drücken würde.

Erneut kniff er die Augen zusammen und atmete tief durch. Der Stoff der pinken Maske mit den Kätzchen drauf, hob und senkte sich vor seinem Mund. Hier war doch eh keine Sau. Wieso hielt er sich an die Ansagen des nervigen Androiden? Der hatte all seine Probleme nicht. Für ihn war dies ein Jahr, wie jedes andere. Seine Freundin holte ihn heute bestimmt wieder nach der Arbeit ab. Und dieses doof Corona machte dem Roboter halt auch so gar nichts aus.

Wütend riss er sich die Maske unters Kinn und nippte an dem brühend heißen Kaffee. Seine Zunge brannte. Aber er spürte wieder was. Er spürte etwas anderes als Leere, seit Liz weg war.

Er war noch nicht wieder ganz an seinem Platz angekommen, da schrillte das Telefon erneut. Unter den alarmierten Augen Connors haute er die Tasse auf den Tisch, riss den Hörer ans Ohr und kläffte: „Ja?!“ Als am andern Ende nichts zu hören war, fügte er hinzu: „Detroit Police Departement, Sie sprechen mit Detective Gavin Reed, was kann ich für Sie tun?“

Er spürte Connors skeptischen Blick auf sich, als er dem Anrufer lauschte. Seine Augen weiteten sich und er schob sich die Maske wieder unters Kinn, während er versuchte, einzuordnen, worum es hier gerade ging. „Was... Feuerwehr?“, antwortete er langsam und rieb sich die Narbe auf seiner Nase. Sein Blick traf den Connors und er sagte entschieden: „Nein. Sie sind bei uns genau richtig. Mein Partner und ich sind auf dem Weg.“ Er haute den Hörer auf die Ladestation. „Androiden können klettern, oder?“, fragte er grimmig in den leeren Raum hinein, als er hastig den noch immer heißen Kaffee hinunter schüttete.

„...Ja?“, erwiderte Connor interessiert. Neugierig beobachtete er seinen Kollegen, wie dieser die Kaffeetasse zurück auf den Schreibtisch knallte und entschlossen zu ihm rüber starrte.

„Dann komm mit, ich brauch dich“, knurrte Gavin.

„Worum geht es denn?“ Connor schaute fragend zu Gavin hoch. Das war das erste mal, dass dieser ihn dazu aufforderte, mit ihm gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

„Jetzt komm halt!“, fauchte Gavin. Seine Hände zitterten unkontrolliert, seit er den Anruf angenommen hatte. „Oder lass es bleiben, was weiß ich. Was auch immer du machst, mach es schnell!“

Nie zuvor hatte Connor Gavin so verbissen und in Eile gesehen. Er folgte dem Detective, als dieser mit schnellen Schritten aus dem DPD marschierte.



Connor hatte mit vielen Reaktionen Gavins gerechnet, wenn dieser herausfand, dass es sich bei dem Anruf einfach nur um die Rettung einer Katze handelte. Aber nicht mit dem, was er an jenem Donnerstagvormittag sah.

Randy war ein alter Saufkumpane von Hank, und hatte lediglich die falsche Durchwahl gewählt, als er in Fowlers Leitung gelandet war.

Selbst Hank hatte Randy in der Vergangenheit für den Zustand seines Gartens und der dazugehörigen Laube verurteilt, aber Randy war mittlerweile so oft besoffen, dass es ein Wunder war, dass er das Telefon überhaupt richtig bedienen konnte. Das lag wohl daran, dass es noch nicht mal 12 Uhr war, und dass Randy sich von seinem Kater noch nicht so weit erholt hatte, um zum nächsten Bier zu greifen. „Randy hält nichts vom Konterbier“, hatte Hank Connor mal erklärt, als er sich selbst eines um 10 Uhr morgens aufmachte. „Dieser Idiot. Muss es selbst wissen.“ Und das musste er tatsächlich.

Aber wenn es um eines ging, war Connor streng. „Bitte ziehen Sie Ihre Maske auf, Mister Miller.“

„Junge, du kannst mich duzen, wie oft muss ich dir das noch sagen?“, erwiderte der Mann mit dem roten Bart und der Truckercap. „Du selbst kannst mich doch ohnehin nicht mit diesem Covid anstecken, oder nicht?“ Seine Augen huschten hinauf zu Gavin, der mittlerweile auf die Gartenlaube geklettert war. Das ängstliche Miauen des Kätzchens klang so herzzerreißend, dass Ava Connor bestimmt am Arm gepackt hätte und ihn dazu aufgefordert hätte, Gavin und der Mieze zu helfen. Aber für jetzt war Connor sich sicher, dass er zwar zum Klettern mitgenommen wurde, dass er diesen Moment aber ausschließlich Gavin lassen musste.

Sein Kollege war wie ausgewechselt, seit sie Randy Millers Garten betreten hatten. Unter dem strafenden Blick Connors, verzichtete er von vornherein auf eine Diskussion, als er sich die Maske über die Nase zog und durch den Garten wetzte. Fest hatte er die Augen auf das getigerte Fellknäuel im Geäst über der Laube geheftet.

„Es geht um meinen Kollegen“, erwiderte Connor. Beeindruckt sah er, wie Gavin nun auf den Ast zubalancierte. Er hatte ruhige und weiche Worte auf den Lippen, die Connor nicht verstand. „Wie sie wissen, ist er ein Mensch, und Menschen schützen einander gegenseitig mit dieser Maske.“

„Ist irgendwo im Haus“, krächzte Randy und rieb sich das Feinrippunterhemd, das sich um seinen stattlichen Bauch spannte. „Ich halte doch Abstand! Der trägt ja auch keine!“ Er deutete zu Gavin hoch, der seine Maske keuchend wieder unters Kinn geschoben hatte.

„Connor?! Fang!“ Für einen Moment befürchtete Connor, dass Gavin ihm die Katze zuwerfen würde, aber es war nur seine Lederjacke, die auf ihn zusegelte. Mit beeindruckender Präzision und nur kurz gelbblinkender LED fing er die Jacke auf, die Gavin ausgezogen hatte, um sich besser bewegen zu können. Die Ärmel seines hellblauen Hemdes krempelte er hoch, den Blick fest auf das braune Fellknäuel geheftet, das ihn wenige Meter entfernt so vorwurfsvoll anmaunzte, als hätte Gavin es dort persönlich hochgetragen.

„Kommen Sie klar?“, rief Connor zu Gavin hoch.

Dieser verzichtete auf eine Antwort, als er behutsam zu der Katze hinüberkletterte.

„Ist wohl ein Katzenliebhaber“, kicherte Randy.

Und das traf wohl zu. Wortlos beobachtete Connor, wie sein Kollege die Hände nach dem Tier ausstreckten und wie dieses sich meckernd von ihm anheben ließ. In stiller Faszination drückte Gavin das plüschige Wesen an sich, das sich kurz in seinen Armen wandte, dann aber bemerkenswert schnell zur Ruhe kam.

„Kennen Sie die Katze?“, rief Connor zu Gavin hoch.

Verwirrt beobachtete er, wie dieser sich nun auf des Wellblechdach setzte, das Tier an sich drückte und beruhigend auf es einredete, während er seine Hände tief im struppigen Fell des Wesens vergrub. Gavin antwortete ihm nicht. Aber das Bild, das sich ihm bot, sprach wohl für sich.

Randy deutete glucksend zu Gavin hoch. „Guck dir den an, Connor“, lachte er hustend. „Der liebt das Viech, oder?“

Connor war verblüfft darüber, mit wie viel Zuneigung Gavin sein Gesicht in das Fell der Katze drückte. Dieser Anblick befremdete und überraschte ihn. Er dachte an Ava, und daran, wie sie ihn angesehen hatte, als er vorschlug, mit ihr zusammenzuziehen. Er lernte viel derzeit; auch, wie man eine Beziehung führte, wie man verlässlich füreinander da war und eben auch... wie man liebte. Ava wusste, wie das alles ging. Wie Ava ihn angesehen hatte, war genau dieselbe Art, wie Gavin diese Katze nun ansah, und auch wenn Connor das irgendwie schön fand, hätte er angesichts dieses überflüssigen Einsatzes mit vielem gerechnet, aber damit nicht. „Ich dachte, der liebt gar nichts“, gab er leise zu.

Zu seiner Überraschung hob Gavin den Kopf. Er hatte nicht gedacht, dass sein Kollege ihn gehört hatte, aber das hatte Gavin. Die Katze fest umschlossen, sah er bedrohlich zu ihm runter. „Ach, fick dich doch!“, gab er wütend zurück. „Was weißt du schon von Liebe?!“ Wieder wandte er sich dem Tier zu, das bibbernd in seinen Armen lag, und Connor dachte: Er will mir nun also so sehr vermitteln, der alte, mürrische Griesgram zu sein, dass er mich mal wieder beschimpft. Dabei zeigt das doch einfach nur so gut, wie verletzlich dieses Tier ihn macht.

Seufzend vergrub Connor die Hände in der Hosentasche und wartete, bis Gavin mit der Katze von der Laube kletterte. Heute Abend würde er zuhause auf Ava treffen. Und er hoffte, dass sie ihn wieder so ansah, wie Gavin seine Katze angesehen hatte.



Am Abend desselben Tages schob Gavin den Teller mit dem Katzenfutter über den Tisch. Ente. Ihr Lieblingsessen. Besorgt beäugte er das Fellknäuel, das ihm gegenüber auf dem Tisch hockte und skeptisch zu ihm herunter schaute.

Seine Tiefkühlpizza wurde unter den leeren Blicken der Katze langsam kalt. Ihr rechtes Auge war zusammengekniffen und ihr Fell über dem linken Hinterlauf verklebt. Gleich morgenfrüh würde er mit ihr zum Tierarzt gehen. Direkt nach dem Stress im Garten dieses alten Säufers, wollte Gavin ihr nicht auch noch die Behandlung zumuten. Wie konnte er das Fenster offen lassen? Wie konnte er riskieren, dass sie vom ersten Stock hinab in den Garten fiel – und sich auf sich selbst gestellt verirrte?

Laut rumorte die Waschmaschine im Schleudergang. Neben Boxershorts drehten sich auch Masken in der Trommel – ein Bild, das typisch war im Jahr 2020.

Vorsichtig streckte er die Hand aus. Die Katze wich nicht zurück, als er ihr sanft über das Ohr strich. „Eine Woche, huh?“ Sein Flüstern ging unter dem Lärm der Waschmaschine fast unter. „So lange warst du draußen?“

Sanft schob Liz ihr Köpfchen in seine große Hand. Die Augen geschlossen, ließ sie sich das erste mal seit Ewigkeiten wieder auf die Berührungen eines Menschen ein; des Menschen, der ihr der nächste war; des Menschen, auf den sie baute, auf den sie sich verlassen konnte, an den sie sich rankuschelte, wenn er schlief. Nacht für Nacht.

Gavins verbissene Gesichtszüge wurden langsam weich. Mit dem Fell an seinen Fingern, erhellte sich langsam wieder seine Welt und sein Feierabend, in dieser dunklen, leeren Wohnung.

Er zog die Hand weg und Mann und Katze schauten einander mit wachsender Zufriedenheit an. Die großen, dunklen Pupillen ihrer Augen glichen so sehr den Kreisen, die Gavin vorhin noch auf den Block gemalt hatte. Damals noch, als er dachte, sie sei weg; weg für immer. Aber nun sind sie wieder hier, zusammen. Er und Liz.

Als wolle die Katze ihm einen Gefallen tun, senkte sie den Kopf, schnupperte am Nassfutter und begann, vorsichtig ein paar Hapsen zu essen.

Gerührt lehnte sich Gavin in seinem Stuhl zurück. Er war alleine mit Liz in seiner Küche. Er hatte damit gerechnet, sie nie wieder zu sehen, und jetzt hockte sie vor ihm und genoss vorsichtig das Essen, das er ihr hingestellt hatte. Er war so erleichtert. Denn hier musste er sich nicht schämen, wenn er weinte.

Als beide fertiggegessen hatten, spülte Gavin ab und hängte die Masken zum Trocknen auf. Dass er morgen auf der Arbeit wieder eine tragen werden müsste, störte ihn gerade nicht im geringsten.

Liz sprang vom Tisch und steuerte das Sofa an. Mit einem Satz hopste sie auf ihren Platz und putzte sich. Wenn sie innehielt, dann nur, um zu gucken, wo er blieb.

Gavin lächelte, als er ihre Teller abtrocknete. Er konnte es kaum erwarten, sich neben sie zu legen, ihre plüschige, vibrierenden Wärme an seinem Bauch zu spüren und der Mieze wieder einen Kuss zwischen die Ohren zu drücken.

Als sie später am Abend unter dem tanzenden Licht des Fernsehers beinander auf dem Sofa lagen, kraulte Gavin den Bauch der Katze und genoß das Geräusch des gleichmäßigen Brummens, das von dem kleinen Wesen ausging.

Katzenschnurren, da war er sich sicher, würde immer sein Lieblingsgeräusch von allen bleiben.

Vielleicht war das Jahr 2020 doch nicht so beschissen, wie er es heute Morgen noch gedacht hatte.
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