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weakness and strength

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
Alexander von Falkenstein Bibi Blocksberg Dr. Eichhorn Graf Falko von Falkenstein Susanne Martin Tina Martin
21.09.2020
21.09.2020
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„Vater! Komm schnell, Harry meinte, dass es Cleopatra nicht gut geht.“
Der Graf blickte verdutzt zu seinem Sohn, der im Türrahmen stand.
„Cleopatra geht es nicht gut? Ich war gestern mit ihr ausreiten und da ging es ihr noch blendend.“ erwiderte der Graf darauf und unterschrieb seine Unterlagen, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Alexander atmete tief durch. Er konnte die Sturheit seines Vaters einfach nicht begreifen.
In dem Moment erklang von draußen ein herzzerreißendes Wiehern. Vater und Sohn sahen gleichzeitig auf in Richtung Tür. Dann drehte sich Alexander zu seinem Vater um, der bereits aufgestanden war.  Sofort lief der Graf an seinem Sohn vorbei, ohne ihn nur einmal anzusehen.
Alexander ging ihm hinterher. Schnellen Schrittes begaben sich beide zum Stall.
Der Graf öffnete die Stalltür und sah zu seinem Stallburschen, der seine geliebte Cleopatra versuchte zu beruhigen.
„Harry! Was machen Sie mit meinem Pferd?“ kam es vorwurfsvoll und auch leicht beunruhigt vom Grafen.
Harry drehte sich um. „Verzeihen Sie Herr Graf, aber als ich Cleopatra und die anderen Pferde von der Weide holte, fiel mir auf, dass sie sehr warm und unruhig ist als hätte sie Schmerzen.“
Die Stute nahm die Präsenz ihres Besitzers wahr und wurde ein wenig ruhiger, sie ließ sich dadurch besser von Harry führen. Der Graf übernahm den Strick von seinem Stallburschen und begann sich sein Pferd anzuschauen.
Auch Alexander versuchte etwas krankhaftes zu erkennen.
Cleopatra ließ Kopf und Ohren hängen, ihre Augen waren glanzlos. Behutsam strich der Graf über das Fell seiner Araber-Stute und nahm die erhöhte Körpertemperatur wahr. Er nahm den Halfter in eine Hand und mit der anderen streichelte er beruhigend ihren Hals. Mensch und Pferd sahen sich in die Augen. Es brach dem Grafen das Herz sein Lieblingspferd so sehen zu müssen und beschloss zu handeln.
„Harry, rufen Sie bitte sofort Dr. Eichhorn an und sagen Sie ihm es ist dringend.“ befahl er seinem Stallburschen. Salutierend stand Harry bereit, „Jawohl Herr Graf!“, sofort lief er aus den Stall. Alexander sah besorgt zu Pferd und Reiter. „Was denkst du, Vater?“
Der Graf hatte schon viele Pferde gehabt und diese Pferde hatten schon viele verschiedene Krankheiten. Man könnte meinen er hatte schon alles gesehen, was mit diesen Tieren passieren kann. Und man könnte meinen er wäre abgestumpft und könnte es objektiv beurteilen. Man könnte vieles annehmen, aber am Ende kommt es immer anders als man denkt.
„Ich kann es dir nicht sagen, Alexander. Gestern noch war sie munter und heute geht es ihr schlecht.  Was habe ich übersehen?“ fragte er eher sich als seinen Sohn. Noch einmal schaute er sich seine Stute besorgt an als ihm etwas ins Auge sprang. Langsam ging er an die Hinterbeine und strich über die Innenseite des rechten Hinterbeines. Cleopatra sprang erschöpft zur Seite und schnaubte verärgert.
„Ganz ruhig, meine Schöne. Ich muss mir deine Beine genauer ansehen um dir helfen zu können.“ sprach er behutsam auf sie ein. Ihr Atem beruhigte sich langsam und der Graf tastete sich noch einmal vor, die Braune blieb stehen.
„Was ist dort, Vater?“ fragte Alexander. Der Graf seufzte, „Ich denke, dass ist eine alte Wunde, die sich nun infiziert hat.“ Vater und Sohn schwiegen, beide wussten, dass eine unbehandelte Infektion tödlich enden kann.
Falko ging wieder vor und hielt an Cleopatras Kopf inne. Sie schaute ihn ruhig atmend an. Er lächelte.
„Es wird alles wieder gut.“ flüsterte er ihr zu.
Alex setzte sich auf eine kleine Bank vor die Pferdebox und beobachtete seinen Vater wie er seine Stute beruhigte. Nun hieß es warten.

Nach einiger Zeit kam der Tierarzt Dr. Robert Eichhorn durch die Stalltür.
„Gott sei Dank!“ sagte der Graf erleichtert.
„Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte, wie geht es Cleopatra?“ fragte der Tierarzt.
„Nicht so gut, ich denke sie hat Fieber.“ antworte der Hausherr.
„Ja und sie hat an der Innenseite des rechten Hinterbeins eine alte Wunde. Könnte das zusammen hängen?“ fragte Alexander ergänzend.
Dr. Eichhorn nahm sein Stethoskop und ging an Vater und Sohn vorbei.
„Das kann gut sein, ich schaue mir sie gleich mal an. Einen Moment bitte.“
Der Graf blieb weiterhin nah bei seiner Stute und beobachtete jeden ihrer Atemzüge.
Währenddessen hörte man Hufe klappern vor dem Stall. Alexander wurde just daran erinnert, dass er mit Bibi und Tina verabredet war und ging sofort raus.
Tina sah ihren Freund als erstes und lächelte. „Na, hast du nicht etwas vergessen?“
Auch die blonde Hexe Bibi musste noch etwas hineinwerfen: „Kleiner Tipp: uns!“
Beide lachten und stiegen von ihren Pferden ab.
„Tut mir leid, aber Cleopatra ist krank und wird gerade von Dr. Eichhorn untersucht. Ich konnte Vater nicht einfach alleine lassen.“ erklärte er.
Sofort fielen die Gesichter von den beiden Freundinnen und sie sahen besorgt zu Alex.
„Ist es sehr schlimm?“ fragte Tina.
„Sie sieht gar nicht gut aus, hat Fieber und eine alte Wunde. Vater denkt es wäre eine Wundinfektion, aber niemand weiß wann sie sich verletzt hat.“ schilderte er.
„Das ist schrecklich. Wie geht es deinem Vater?“ fragte Bibi nach.
„Ich denke er hat Angst, auch wenn er es versucht zu unterdrücken, immerhin ist es sein Lieblingspferd. Er hat sie schon 12 Jahre und wenn wir uns vorstellen, dass wären unsere Pferde, dann weißt du wie er sich gerade fühlt.“ antwortete er.
Bibi und Tina sahen sich traurig an. Wenn es Amadeus und Sabrina schlecht ginge, würden sie sich  schrecklich fühlen und alles dafür tun, dass die beiden wieder gesund werden, koste es was es wolle.
„Wir sollten mal schauen was Dr. Eichhorn dazu sagt.“ sagte Alex und so gingen die drei Freunde zurück in den Stall und hörten schon das Gespräch zwischen dem Grafen und dem Tierarzt.
„Mein Schnelltest zeigt erhöhte CRP-Werte im Blut, das bedeutet sie kämpft gegen eine Entzündung im Körper. Sie könnten Recht haben mit der Wundinfektion. Ich werde die Wunde reinigen und ihr ein Antibiotikum verabreichen.“ erklärte der Mediziner.
Alle atmeten erleichtert auf.
„Aber..“, setzte er nochmal an „..wenn das Medikament in den nächsten drei Stunden nicht anschlägt, dann..“. Er beendete seinen Satz nicht, aber der Graf wusste wie es weiter geht.
Die Kinder wussten es nicht.
„Was dann?“ erkundigte sich Bibi.
Dr. Eichhorn sah erst den Grafen, dann Bibi an. „Nun ja, da sich Cleopatra schmerzklagend quälen würde, wäre die einzige humane Möglichkeit sie einzuschläfern.“
Bibi sah erschrocken auf. „Was!?“
Auch Tina und Alex konnten es nicht begreifen. Keiner von den dreien musste zuvor ein Tier einschläfern. Der Graf wusste das.
„Sie wird nicht eingeschläfert. Meine Cleopatra ist eine arabische Vollblutstute und eine wahre Kämpfernatur. Sie schafft das, macht euch keine Sorgen.“ bemerkte der Graf naiv um die Kinder zu beruhigen obwohl er wohl selbst die meiste Angst hatte. Er war ein hochangesehener Graf, er hatte einen Ruf zu verlieren, also durfte er keine Schwäche zeigen.
„Kommt, lasst Dr. Eichhorn seine Arbeit machen. Ihr könnt hier gerade nichts tun.“
Dr. Eichhorn nickte dem zustimmend zu. Bibi, Tina und Alex waren nicht gerade glücklich mit der Antwort, mussten es aber wohl oder übel akzeptieren und gingen gemeinsam mit dem Grafen aus dem Stall. Dieser hatte sich vorher noch bei seiner Stute verabschiedet und versicherte ihr, dass er gleich wieder da sein würde.
Der Tierarzt sah den Vieren hinterher und hoffte, dass der Graf recht behielt.

Der Graf ging voran ins Schloss und lud die beiden Mädchen zu Kaffee und Kuchen ein, beide nahmen das Angebot an. Butler Dagobert bereitete alles vor und deckte den Tisch. Bibi, Tina und Alex setzten sich schon und wunderten sich wo der Graf blieb. Er hatte sich kurz in sein Arbeitszimmer verabschiedet, aber kam nicht wieder. Alex konnte es einfach nicht fassen wie sein Vater jetzt an Arbeit denken konnte. Aber er ist wohl unverbesserlich. In diesem Sinne nahmen die drei ein Stück Kuchen, den Dagobert zuvor ins Esszimmer gebracht hatte.
Der ganze Raum war erfüllt von Stille, man hörte nur das Herumstochern im Kuchen.
Keiner wollte so richtig den Elefanten im Raum ansprechen, auch wusste niemand genau wie.
Bibi sah zu Tina, Tina sah zu Bibi, dann zu Alex, der ihren Blick erwiderte und dann wieder zu ihrem Kuchen. Plötzlich ließ Bibi ihre Gabel fallen, Tina und Alex erschraken.
„Sorry.“ entschuldigte sich Bibi leicht verlegen und hob ihre Gabel wieder vom Boden auf.
„Alles gut.“ sagte Tina und lächelte ihre beste Freundin an. „Ja, ich denke wir sind alle ein wenig durch den Wind.“ fügte Alex an. Die Mädchen nickten.
„Denkt ihr, dass Cleopatra eingeschläfert werden muss?“ fragte Bibi nun das unausweichliche.
„So wie Dr. Eichhorn geschaut hat, scheint es keine einfache Infektion zu sein.“ antworte Alex.
Tina schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, du hast deinen Vater gehört, Alex. Cleopatra ist eine Kämpferin, sie schafft das!“
Alex wollte das glauben, aber eine Stimme in seinem Kopf konnte es einfach nicht.
„Ich weiß was er gesagt hat, Tina. Aber ich denke Dr. Eichhorn kann das besser beurteilen.“ vertrat er seine Meinung bestimmt. Seine Freundin schaute ihn jetzt nicht mehr so nett an.
„Aber dein Vater kennt Cleopatra schon ewig und ich denke, dass er recht hat. Sonst bist du doch auch immer auf seiner Seite.“ argumentierte sie. Alex atmete einmal tief durch.
„Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wünsche es mir doch auch, dass Cleopatra das schafft!“ verteidigte sich Alex. Tina schnaubte. „Ja? Das hörte sich aber gerade anders an!“ sagte sie etwas lauter.
Bibi schaute die ganze Zeit zwischen den beiden hin und her, aber jetzt reichte es ihr.
Sie stand auf und haute einmal mit der flachen Hand auf den Tisch. Die beiden Streithähne sahen sofort zu ihr auf.
„Na bitte, geht doch.“ sagte die Hexe erleichtert und setzte sich wieder hin, ließ den beiden aber keine Chance etwas zu sagen. „Es macht doch keinen Sinn sich darüber zu streiten. Wir sind alle emotionaler als sonst, lasst uns die Zeit lieber sinnvoll nutzen und uns ablenken an statt sich weiter hinein zu steigern.“ lächelte sie den beiden zu. Alex und Tina sahen sich entschuldigend an und nickten. „Und was wollen wir in der Zeit machen?“ fragte Tina ihre Freundin. Bibi überlegte kurz und fragte dann: „Alex, habt ihr irgendwelche Brettspiele hier?“
„Ja klar, ich hole mal alles was wir da haben.“ antwortete er und sprang sofort auf.
Wenige Minuten später kam er mit einem ganzen Stapel von Schachteln und Kartons an und passte damit kaum durch die Tür, die Dagobert ihm auf hielt. Bibi und Tina mussten sich ihr Lachen verkneifen.
„Sooo, das ist alles. Was wollen wir spielen?“ fragte Alex als er alles auf den Tisch packte. Die Mädchen wühlten durch die Spiele bis Bibi etwas ins Auge sprang, sie lachte.
„Wie wäre es denn mit ‚Mensch ärgere dich nicht‘?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an die beiden Streithähne gewandt. Diese verstanden auch sofort ihre Anspielung und lächelten belustigt. „Na schön, aber dann wundert euch nicht, wenn ich euch fertig mache.“ sagte Tina und nahm den Karton an sich. „Pff, das werden wir ja noch sehen.“ entgegnete Alex und baute das Spiel mit auf. Bibi lächelte. So hatte sie es sich vorgestellt.

Währenddessen saß der Graf an seinem Schreibtisch und schaute sich ein Bild von sich und Cleopatra an. An dem Tag hatte er sie in Rotenbrunn gekauft. Frische acht Jahre alt, eingeritten und reinrassig. Als er sie das erste Mal sah, war er sofort von ihr verzaubert. Eine wunderschöne braune Araberstute mit dunkler brauner Mähne und einer hellbraunen Blässe. Araber und Graf, das passt perfekt, sagte er sich, aber diese Tiere sind sehr temperamentvoll, gerade Weibchen haben ihren eigenen Kopf. So war sie natürlich am Anfang gar nicht von ihm begeistert. Sie schmiss ihn oft von ihrem Rücken und ließ ihn nur selten an sich heran. Es war wahrlich keine Liebe auf den ersten Blick, aber er gab nie auf. Mit der Zeit und mit viel Geduld wurde sie immer zahmer. Am Ende ließ sie auch nur noch ihn an sich ran, was sich im Verlauf auch verändert hatte. Sie verbrachten so viel Zeit zusammen, dass sie sich blind vertrauten. Sie war das einzige Lebewesen, was ihn so nahm wie er war und sie beschwerte sich nicht einmal. Sie liebte ihn und er liebte sie.
Er lächelte und strich über das kalte Glas des Bilderrahmens.
Sollte ihre gemeinsame Zeit schon zu Ende sein? Er wollte es einfach nicht wahr haben.
Nein, sie schaffte das. Er wollte darüber nicht nachdenken. Er versuchte die aufkommenden Gedanken und Gefühle zu verdrängen und stellte das Bild wieder zurück an seinen Platz.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Sofort rutschte ihm sein Herz in die Hose. Falko schloss kurz die Augen um sich von dem Schreck zu erholen und sah dann zur Tür auf.
„Herein.“ befahl er knapp und setzte sich aufrecht hin.
Die schwere Holztür öffnete sich und Dagobert trat in den Raum hinein.
„Kann ich Ihnen etwas bringen, Herr Graf?“ fragte der Butler höflich.
Der Graf schüttelte mit dem Kopf. „Nein, danke Dagobert. Ich werde mich noch ein wenig an meine Unterlagen setzen bis Dr. Eichhorn Neuigkeiten hat.“
Dagobert sah ihn ein wenig ungläubig an, wollte aber nicht näher darauf eingehen
„Sehr wohl, Herr Graf.“ erwiderte er und schloss die Tür hinter sich.
Falko atmete tief durch und sah auf den ganzen Papierkram vor ihm. Als ob er sich jetzt darauf konzentrieren konnte, aber er musste es versuchen. Er musste stark sein.
Und so nahm er sich den ersten Ordner und begann seine Arbeit.
Nach gut zweieinhalb Stunden warf Falko seinen Stift hin und seufzte.
Er schaute auf die Uhr. So langsam müssten die Antibiotika doch angeschlagen haben.
Er beschloss aufzustehen und nach seiner Stute zu schauen.
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