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Bitte lächeln!

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Ray
20.09.2020
20.09.2020
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Ray strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, die nur Momente später zurück an Ort und Stelle fiel. Entnervt atmete er auf, rückte sich in seinem Sitz zurecht, den Kopf auf einen Arm gestützt, den er in den Rahmen des Zugfensters gestemmt hatte. Langsam hatte er es wirklich satt. Erst die Busreise quer durch Tokyo zum Flughafen, dann der stundenlange Flug von Japan nach Weißrussland. Ein Glück übernahm Mike Ratri die Kosten für Erste Klasse-Tickets. In der Economy Class wäre er mit seinen langen Beinen sonst verrückt geworden. Und nun saßen sie schon seit einer halben Ewigkeit in einem ratternden, schaukelnden Wagen der Eisenbahn, die sie allzu gemütlich an ihr Ziel bringen würde. Zumindest hoffte Ray, dass sie heute noch ankämen.

Da er es leid war, die weißrussische Landschaft zu betrachten, sei sie noch so malerisch und idyllisch, warf Ray seiner Begleitung einen unauffälligen Seitenblick zu. Saburo Kono, wie immer vor sich hinlächelnd, schien vollkommen in die Technik seines Fotoapparates versunken zu sein, dessen Knöpfe und Vorrichtungen er beständig justierte.
Plötzlich schaute er auf zu Ray, der zwar überrascht von dieser Geste nach Luft schnappte, zumindest aber nicht mehr zusammenzuckte wie noch am Anfang ihrer Begegnung.

„Interessierst du dich für Fotoapparate?“ Kono hielt ihm den kleinen, schwarz schimmernden Kasten hin, doch der Junge ergriff ihn nicht.

„Geht so. Ein wenig. Ich hatte als Kind mal einen ähnlichen.“

Der Augen des Älteren leuchteten erfreut auf. „Ein Kollege also“, lachte er laut auf, sodass einige benachbarte Köpfe sich zu ihnen umdrehten. Der Japaner indes bemerkte das nicht einmal und werkelte wieder an der Apparatur. „Was für ein Modell hattest du denn? Eine Digitalkamera oder-“

„Eine Sofortbildkamera.“ Ray schaute abermals nach draußen, die Hände nun in den Weiten seiner Jackentaschen vergraben. „Ein altes Modell. Vollkommen überholt.“

„Alt bedeutet nicht unbedingt etwas schlechtes. Von Zeit zu Zeit fängt man mit den ältesten Fotoapparaten die besten Schnappschüsse ein. Oder die besten Seelen.“

Ray wusste wirklich nicht, was er dazu bitte sagen sollte. Allerdings bezweifelte er schon einmal stark Konos Begeisterung, wenn er ihm eröffnete, dass er die Sofortbildkamera nicht nur in deren Einzelteile zerlegt und eines der wichtigsten Bestandteile unwiderruflich entfernt, sondern schlussendlich auch noch bei einem Brand abgefackelt hatte.

Als wäre es ihm je darum gegangen, Bilder mit der Kamera zu machen.

Erinnerungen.

Das war etwas, was er sehr gut schon immer selbst gekonnt hatte.

„Lichten Sie mit dieser Kamera die… Geister ab?“, versuchte er schließlich das Thema zu wechseln.

„Nicht mit dieser. Das hier ist nur ein ganz gewöhnlicher Fotoapparat.“ Saburo Kono hielt ihn vor Rays Nase, ließ ihn kurz darauf aber auch schon wieder sinken. Das Gesicht des Mannes zeigte zum ersten Mal so etwas wie den Hauch von Enttäuschung, als er Rays stoische Miene bemerkte. „Du bist wohl keiner von denjenigen, denen es unangenehm ist, fotografiert zu werden?“

„Mmh, geht so. Bin nur nicht sonderlich fotogen. Ist dann aber eher Ihr Verlust als meiner.“

Kono schmunzelte vielsagend. „Du bist ja einer. Weißt du, es gibt tatsächlich Menschen, die es mit der Angst zu tun bekommen, wenn eine Kamera auf sie gerichtet wird. Sie befürchten, macht man ein Foto von ihnen, verlieren sie ihre Seele.“ Abermals wurde sein Grinsen eine Spur zu breit, als dass es nicht unheimlich wäre.

Erstmals seit Ray in den Zug eingestiegen war begann er zu glücklich zu lächeln, an einen anderen Ort, eine andere Zeit denkend. „Ach so? Und ich dachte, wenn man sich fotografieren lässt, verliert man gegen die Monster...“

Sein Sitznachbar legte fragend den Kopf schief, und als Ray bewusst wurde, dass er das gerade laut gesagt hatte, schrumpfte er geradezu in sich zusammen, die Schultern hochgezogen, sodass sein Schal ihm keinerlei Blöße gab.

„Wir sollten bald da sein“, murmelte er, den Blick wie zuvor nach draußen gewandt. „Eine knappe Stunde noch, wenn alles glatt läuft.“

„Was für Geister soll ich denn eigentlich fotografieren?“ Kono bastelte erneut an der Kamera herum, keinerlei Interesse an Rays Verhalten zeigend. „Und wo genau hast du ihre Präsenz wahrgenommen?“

„In einer kleinen Stadt namens Dsisna. Mitten am helllichten Tag auf einer belebten Straße.“ Die zweite Frage war so viel einfacher zu beantworten als die erste. Was sollte er schon sagen? Wie sollte er diesem Fremden, denn mehr war Kono trotz ihrer gemeinsamen Reise nicht, erklären, in welcher Beziehung er zu ihnen gestanden hatte?

Zu dem Mann, der für ihn wie ein großer Bruder, ja gar wie ein Vater gewesen war, der sein Leben gegeben hatte, um das von Ray und seiner Familie zu beschützen?

Zu der Frau, die ihm ebenjenes Leben erst geschenkt hatte, bereit gewesen war es ihm wieder zu nehmen und sich trotzdem geopfert hatte, um ihre Kinder zu retten?

Zu dem Mädchen, deren Tod er für seine Zwecke missbraucht hatte, die er bereitwillig hatte gehen lassen, für das große Ganze… für sie

Ray biss sich auf die Unterlippe. Er konnte es nicht. Nicht erklären, weshalb ausgerechnet sie an diesem Moment, in genau diesem Moment dagewesen waren. Für ihn, ausgerechnet für ihn, obwohl sie jeden Grund gehabt hätten, es nicht zu tun. Selbst wenn es schlussendlich nicht um ihn gegangen war, jedem anderen hätten sie sich bemerkbar machen können. Gilda. Don. Seinen Freunden aus Grand Valley. Norman.

Aber doch nicht ihm.

Ausgerechnet ihm.

Kono schaute ihn derweil weiter erwartungsvoll an. Ray schnaubte auf. „Familie“, erklärte er knapp.

„Familie… aus dieser oder der anderen Welt?“

Rays Augen weiteten sich, doch sein Körper verharrte zusammengesunken im Sitz, angespannt von Kopf bis Fuß. Er fühlte sich, als hätte ihn jemand in eiskaltes Wasser geworfen, unfähig sich zu rühren, unfähig auch nur einen Atemzug zu tun.

„Was… was meinen Sie?“

„Du bist doch eines der Verlorenen Kinder“, antwortete Kono. „Ein Kind des Nimmerlandes. Von der anderen Seite. Ich wüsste zu gerne, auf welcher Seite der beiden Welten du sie zurücklassen musstest, deine Familie.“

So laut. Das Schlagen seines Herzens in seinen Ohren. Noch lauter als das Rattern der Bahnwaggons auf den Schienen, dem Quietschen der Bremsen, das Pfeifen der Dampflok.

Und doch, es gab Dinge, die noch lauter gewesen waren.

Das Geräusch der Explosion, die Schutzraum und Kameraden ausgelöscht hatte.

Die ewig andauernde Sekunde, als eine Dämonenklaue ihren Leib zerfetzte.

Emmas hilfloser Schrei im Dunkel der Nacht, als es endgültig zu spät gewesen war.

Alles so viel lauter als sein eigenes Herz, doch trotzdem nahm er nichts mehr wahr als das das Schlagen, das ihm den Hals zuschnürte. Den Hals… Ray hatte so gut achtgegeben. Sich keine Blöße erlaubt, war immer auf der Hut gewesen. Hatte er geglaubt. Kono musste es gesehen haben, auch wenn der Junge es gewöhnt war, es zu verbergen. Fünf Zahlen nur, eingebrannt in seine Haut. Ein Kennzeichen, auf dieser Seite noch mehr als auf der anderen, auch wenn er es nie vermutet hätte.

„Und wenn es so wäre?“, murmelte Ray und schaute auf zu Kono, die Zähne fest aufeinanderpressend. „Wenn ich wirklich einer von denen wäre… und die Geister auch – welchen Unterschied würde es machen?“

„Für mich? Gar keinen.“ Der Fotograf lehnte sich in seinem Sitz zurück. „Sei unbesorgt. Ich mache mir nichts aus irgendwelchen Vorurteilen euch gegenüber. Mir geht es ausschließlich um meine Arbeit. Und außerdem...“ Er verstummte, und Ray ahnte es kommen sehen, sein unablässiges Lächeln. „Seelen von der anderen Seite habe ich noch nie vor die Kamera bekommen.“

Darauf erhielt er keine Erwiderung, wie Ray vor sich hin aus dem Zugfenster starrte, ohne wirklich zu sehen. Ihm gingen zu viele Gedanken durch den Sinn, zu viele Fragen und Vermutungen… er war es so leid. Alles erschöpfte ihn einfach nur noch. Der Umstand, dass seine Familie und er auch in dieser Welt Außenseiter waren. Die letzten Monate und Jahre, die sie auf der Flucht und dann auf der Suche hatten verbringen müssen.

Die Tatsache, dass er einfach nicht loslassen konnte.

Ray schloss die Augen, das Gesicht halb in seinem Schal verborgen, wie die Gedanken nun auch seinen Körper mit ihrer Schwere erdrückten. Er war so müde. Vielleicht sollte er einfach, so wie sie…


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