Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

immer zur Tiefe

MitmachgeschichteThriller, Horror / P18 Slash
19.09.2020
27.11.2020
9
39.921
4
Alle Kapitel
29 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
21.11.2020 5.747
 
Und hier sind die Dreier.

@Lumey: Mit Nitra bin ich gut zurecht gekommen. Ich hoffe, sie gefällt dir.

@Anoka-chan: Bei Conrad musste ich eine Weile überlegen. Seinen Charakter an sich finde ich einfach zu schreiben, aber der Gute hat leider ein Hauptinteresse, mit dem ich mich nicht wirklich auskenne. Ich bin jetzt auf eine Nachbardisziplin ausgewichen und habe Sci-fi-Aditi die Möglichkeit gegeben, sich etwas auszuleben. Und schon musste ich zusehen, dass ich keine Überlänge mache:D

@alle: gebt mir ruhig kurz Rückmeldung, wie es euch in Sachen Übersichtlichkeit am besten gefällt. Ich habe festgestellt, dass es einen Unterschied zu machen scheint, ob man die Kapitel ins Textfeld kopiert (Zeilenumbrüche bleiben wie im ursprünglichen Dokument) oder, ob man es hochläd (aus Zeilenumbrüchen werden Leerzeilen). Mögt ihr es lieber so wie in diesem Kapitel, wie im letzten Kapitel oder ohne die Leerzeilen, dafür mit mehr Zeilenumbrüchen?

Nitra Martagon

Ungeduldig wippte Nitra auf ihren Zehen auf und ab. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, dann zu ihrer Mutter. Diese stand, eine Hand am Riemen ihrer Handtasche, neben ihr auf dem Bahnsteig. Der Wind fuhr ihr sacht durch das akkurat geschnittene Haar. Um sie herum sah Nitra eine ganze Reihe von Menschen, die auf die Einfahrt des Zuges warteten. Viele von ihnen zeigten deutliche Zeichen der Ungeduld. Verständlich, dachte Nitra. Wer wusste schon, seit wie lange sie ihre Kinder, Freunde, Geschwister und Eltern nicht mehr gesehen hatten. Es war eine große Chance, wenn man als Techniker im Kapitol arbeiten durfte. Eine noch größere, wenn man für ein Semester oder sogar ein ganzes Studium dort hingehen konnte. Nitra war sich bewusst, dass nur wenige Distrikte überhaupt solche Möglichkeiten Bekamen. Außer ihnen höchstens noch die Zweier, da diese viele der Friedenswächter stellten. Sie fragte sich, wie wohl das Leben im Kapitol als Zweier sein mochte. Von ihrer Schwester hatte sie, als diese in den Ferien nach ihrem ersten Semester zurückgekehrt war, einiges über die Universität und das Leben als Studentin gehört. Doch wie es sich für die Leute beim Militär darstellte… darüber wusste sie kaum etwas.

Bestimmt war es trotz allem noch immer von Disziplin geprägt. Wenn sie Ausschnitte vom Kapitol zu sehen bekam, wirkte dieser Ort sehr laut und bunt. Aber bei den Friedenswächtern, die dort stationiert waren oder ausgebildet wurden, musste das anders sein. Nitra meinte sich zu entsinnen, dass sie irgendwo gelesen hatte, wie Militärangehörige im Kapitol auftreten mussten. Gefärbte Haare oder verrückte Kleidung waren verboten. Selbst für die Kapitoler, die sich für solch eine Laufbahn entschieden. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass auch Kapitoler diese Berufsrichtung einschlugen, sie hätte sich schwergetan, das zu glauben. Immerhin wirkten ihre Betreuer und die Moderatoren, die sie jedes Jahr im Fernsehen sah – sehen musste – sehr… fremdartig. Solche Menschen konnte sie sich schwerlich beim Kämpfen vorstellen. Aber Nitra war klar, dass sie selbst nur einen Bruchteil von dem kannte, was das Kapitol ausmachte. Es war ein seltsamer Ort, vor dem sie sich etwas fürchtete, doch sie hatte eben auch kein vollständiges Bild davon. Und solange sie das nicht besaß, konnte sie schlecht über die Menschen dort urteilen.

Ein leises Pingen ließ sie aufblicken. Die Anzeigetafel informierte sie über die Köpfe der Wartenden hinweg, dass sich der Zug näherte. „Bitte zurücktreten“, bat eine Stimme aus den Lautsprechern. Es kam Bewegung in die Menschen. Nitra erblickte einen Jungen, vielleicht sechs Jahre alt, der wild an der Hand seiner Mutter herumhüpfte und von ihr hinter die weiße Linie zurückgezogen werden musste. „Kommt jetzt Papa wieder? Ist das sein Zug?“, wollte er aufgekratzt wissen.

Unwillkürlich musste Nitra lächeln. Eigentlich war niemand verpflichtet, das Kapitol über die Hungerspielferien zu verlassen. Keiner, der dort arbeitete oder studierte, befand sich noch im erntefähigen Alter. Von den Zweiern taten es bestimmt auch die Wenigsten. Als Friedenswächter konnte man nicht einfach gehen, wenn es einem passte. Die Universität allerdings pausierte in dieser Zeit ihre Veranstaltungen und viele Arbeiter legten ihren Urlaub in diese Wochen. Die Menschen wollten bei ihren Familien sein, wenn der alljährliche Schrecken anstand.

Die Einzigen, die von dieser Situation wirklich profitierten, waren die Kinder der Techniker und Akademiker, bot sie doch eine Gelegenheit, die die Eltern zurück in den Distrikt brachte. Ob es wohl möglich war, im Kapitol zu arbeiten und seine Familie mitzunehmen? Nitra kannte niemanden, dem das erlaubt wäre, aber das musste ja keine grundsätzliche Unmöglichkeit bedeuten. Sie selbst zog es nicht in die Hauptstadt Panems. Allerdings wollte sie später gerne als Sprengmeisterin arbeiten. Davon gab es vermutlich überall ein paar, aber die Orte, wo diese Leute hauptsächlich eingesetzt wurden, waren der erste und zwölfte Distrikt. Im einen wurde nach Edelsteinen, Gold und Silber gegraben, im Anderen nach Kohle. Für den Bergbau brauchte man versierte Sprenger. Das wäre etwas für sie. Und wenn es so weit wäre, wollte Nitra ihre Familie mitnehmen. Sie konnte sich nicht vorstellen, nur ein paar Mal im Jahr mit einem Zug zurück nach Drei zu kommen und alle zu sehen. Mindestens seinen Ehepartner musste man doch mitnehmen dürfen, oder?

Kalter Wind traf ihr Gesicht und riss sie aus ihren Gedanken, als der Schnellzug in den Bahnhof einfuhr. Eine silbergrau glänzende, verchromte Schlange, deren Fenster außen dunkel getönt waren, damit man nicht hineinsehen konnte. Die Ingenieurswissenschaft war zwar nicht Nitras Hauptinteresse, dennoch wusste sie, dass die Hochgeschwindigkeitszüge, die im sechsten Distrikt hergestellt und vom Kapitol genutzt wurden, ein beeindruckendes Stück Technik waren. Sie „fuhren“ nicht im eigentlichen Sinne auf Rädern, sondern schwebten über Magnetschienen. Nitra hatte gehört, dass sie auf diese Weise fast doppelt so schnell werden konnten, wie ein herkömmlicher Zug. Diese gab es allerdings auch weiterhin. Sie wurden genutzt, um Wahren aus den Distrikten ins Kapitol zu bringen. Na ja, vermutlich würde das auch nicht mehr lange so bleiben, überlegte sie.

Als die Zugtüren automatisch zur Seite glitten, kehrte Nitra endgültig zurück ins Hier und Jetzt. Auf dem Bahnsteig entstand ein Gedränge, während sich die Insassen nach draußen ergossen. Neugierig reckte sie den Hals und betrachtete die Menschenmassen. Ein interessanter Anblick, fand sie. Hier die Techniker, die im Kapitol soweit sie wusste als Servicekräfte Maschinen und höherwertige Gerätschaften in standhielten. Dyna hatte ihr einmal erzählt, dass es auch unter den Kapitolsbewohnern Technologiebegeisterte gab, aber die wollten alle lieber in der Entwicklung arbeiten. Kaum jemand übernahm gerne langweilige Aufgaben, wie Reparaturen oder Ausbesserungen. Dafür wurden lieber Dreier geholt. Diese Leute waren meist in einem höheren Alter und waren von den Distriktlern hier auf dem Bahnsteig nicht zu unterscheiden.

Die andere große Kategorie von Personen, die Nitra erblickte, war nur wenig älter als sie. Junge Menschen, die lachend und schwatzend auf den Bahnsteig geschlendert kamen. Nitra kam nicht umhin festzustellen, dass ein paar von ihnen offenbar angefangen hatten, sich den Verhältnissen im Kapitol anzupassen. Einige hatten bunt gefärbte Haare oder trugen ausgefallene Kleidung. Noch längst nicht so schräg, wie sie es schon bei dem einen oder anderen Betreuer gesehen hatte, aber trotzdem. Der Einfluss war klar zu erkennen.

„Sie sich einer das Jungvolk an“, hörte Nitra einen älteren Mann neben sich zu seiner Frau sagen. „Kaum aus dem Erntealter raus und schon will man am liebsten gleich selber Kapitoler sein. Die haben wohl direkt nach ihrer Zulassung für die Uni vergessen, was diese Verbrecher da oben in der Regierung uns jedes Jahr antun. Man wünscht ihnen fast, dass ihre Kinder irgendwann gezogen werden. Vielleicht erinnern sie sich dann ja wieder daran.“

„Blaise! sprich doch nicht so“, mahnte seine Frau ihn erschrocken, und hielt sich selbst eine Hand vor den Mund. Dabei blickte sie sich hektisch um, auf der Suche nach möglichen Lauschern.

Nitra sah schnell weg und zu der nächsten Reihe von Menschen, die sich aus dem Zug und auf den Bahnsteig ergoss. Und dann erblickte sie endlich ihre große Schwester. Eine Tasche über der Schulter und einen Koffer hinter sich herziehend, schob Dyna sich die paar Stufen hinunter und auf den Steinboden. Rasch tat sie einen Schritt zur Seite, um den Folgenden Platz zu machen, dann blickte sie sich suchend um.

„Dyna!“, rief Nitra laut und machte dadurch auch ihre Mutter aufmerksam, die in der anderen Richtung nach ihrer Tochter Ausschau gehalten hatte.

Ohne lange auf die Reaktion zu warten lief Nitra los und schlängelte sich durch die Menschen, bis sie die Ältere erreichte und ihr um den Hals fiel.

„Hallo Dyna! Da bist du ja endlich. Ich hab‘ dich vermisst!“, begann sie sofort.

Ihre Schwester lächelte sie an und ließ zu, dass Nitra sich ihren Koffer schnappte. Sie hatte sich nicht verändert. Ihre Haare waren nicht Bund, ihre Kleidung nicht komisch geworden. Irgendwie beruhigte Nitra das. In zwischen langte auch Celeste Martagon bei ihren Kindern an und schloss ihre Älteste in die Arme.

„Schön, dass du über die Ferien nach Hause kommst. Dein Vater und ich freuen uns sehr, dass du da bist.“

„Hallo Celeste, hallo Nitra“, grüßte nun auch Dyna. Sie wirkte etwas erschöpft, was ihrer Mutter nicht verborgen blieb.

„Wir sehen besser zu, dass wir nach Hause kommen. Ombra wollte sich um das Essen kümmern.“

Nitra musste leise glucksen, was in dem allgemeinen Trubel glücklicherweise unterging. Man konnte nicht sagen, dass ihre jüngere Schwester diesbezüglich irgendetwas ‚gewollt‘ hatte. Celeste hatte das beschlossen und Ombra war weniger auf Widerstand gebürstet gewesen als sonst. Vermutlich gab es auch in der jüngeren irgendwo ein bisschen Freude darüber, dass ihre älteste Schwester zu Besuch kam, obwohl die beiden sonst gerne mal Reibereien austrugen. Sie würde allerdings einen Teufel tun und ihre Mutter auf diesen Umstand hinweisen. Stattdessen zog sie Dynas Koffer hinter sich her, als sie den anderen beiden durch das Gewühl zur Treppe folgte, die auf das Parkdeck hinunterführte.

Mit der Hilfe ihrer Mutter wuchtete Nitra das Gepäck ihrer Schwester in den Kofferraum des Familienautos. Ihre Eltern verfügten beide über gute Jobs, was es ihnen erlaubte, ein solches zu besitzen. Nitra bemitleidete die Menschen, die eben eine Zugfahrt aus dem Kapitol hinter sich hatten und jetzt auch noch ihre Sachen alleine nach Hause schleppen mussten. Zwar gab es in ihrem Distrikt einen gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, trotzdem war es sicher anstrengend, alle seine Sachen über die Treppen hinunter bis zur Railway-Station zu tragen. Das brachte sie auf die Frage, wie das wohl in anderen Distrikten sein mochte. In Eins, Zwei und Vier gab es solche Transportmöglichkeiten bestimmt auch. Wenn da nicht ohnehin jeder ein eigenes Auto besaß. Bei den ersten beiden Distrikten konnte sie sich das sogar vorstellen. Die Sechser verfügten sicher ebenso über ein gutes Schienennetz im Distrikt. Aber wie konnte das wohl im Rest des Landes sein?

„War die Fahrt erträglich?“, erkundigte sich Celeste gerade bei Dyna, die auf der Rückbank platzgenommen hatte.

„Ja, es war sehr ereignislos“, antwortete diese.

„Hast du deine Kommilitonen mit den gefärbten Haaren gesehen?“, konnte Nitra sich nicht zurückhalten. „Machen das viele Dreier im Kapitol?“

Dyna rümpfte die Nase. „Es gibt ein paar, die sich für die Studentenpartys mehr begeistern können, als für das Studium. Meist sind das auch diejenigen, die anfangen, den Kapitolsmoden zu folgen.“ Der Tonfall der Älteren verriet deutlich ihre Missbilligung. „Ich verstehe nicht, wie man sein Geld für solche Trivialitäten ausgeben kann. Ich wüsste auch gar nicht, wann ich allzu lange Frisörtermine oder Feiern in meinem Zeitplan unterbringen sollte.“

„Was machst du denn so an den Wochenenden?“, fragte Nitra weiter.

Ein leichtes Lächeln legte sich auf Dynas Lippen. „Ich habe vor einem Monat die Stelle als studentische Hilfskraft bei meinem Professor in der Fachgruppe Halbleiterphotonik bekommen. Das war die Stelle, von der ich in meiner letzten Mail geschrieben hatte. Sie ist allerdings sehr anspruchsvoll und neben dem Studium brauche ich jetzt meistens auch die Wochenenden, um allen meinen Pflichten nachzukommen.“

„Fantastisch“, warf Celeste ein und lächelte ihrer Ältesten im Rückspiegel erfreut zu. „Ich bin stolz auf dich.“

Nitra grinste still in sich hinein. Ihre Mutter war fast immer stolz auf Dyna. Und das auch zu recht. Sie freute sich für ihre Schwester, dass es ihr gelungen war, so eine Stelle zu bekommen. Dabei hatte sie sich sicher gegen einige Mitbewerber aus dem Kapitol durchsetzen müssen. Für eine Distriktlerin wie Dyna war das ein beachtlicher Erfolg. Und nicht zu vergessen die Chancen, die das bot. Vielleicht, überlegte Nitra, würde Dyna irgendwann die Firma ihrer Mutter führen, die sich auch mit Halbleitertechnik beschäftigte. Celeste gefiele diese Idee bestimmt.

Für einen Moment breitete sich wohliges Schweigen im Auto aus und Nitra blickte aus dem Beifahrerfenster. Sie verließen gerade das Stadtzentrum und kamen in die wohlhabenden Randbezirke auf der Westseite. Wenngleich die Fabriken und Produktionsstätten des Distriktes keine gefährlichen oder auch nur unansehnlichen Dämpfe ausstießen – alle Schadstoffe wurden gefiltert -, so neigten die Fabrikleiter und Firmenchefs trotzdem dazu, möglichst weit entfernt davon zu wohnen. Vielleicht wollten sie die schmucklosen Produktions- und Verwaltungsgebäude einfach nicht gleich jeden Morgen vor der Nase haben, wenn sie aus dem Fenster sahen.

Sie fuhren vorbei an hübschen Einfamilienhäusern in schön angelegten Vorgärten und Nitra begann sich gerade im Geiste auszumalen, wie ihr Haus, in dem Bolt und sie einmal wohnen würden, aussehen sollte. Ein Garten für die Kinder wäre sicher eine tolle Sache. Aber ob sie so eine gute Gärtnerin war? Sie müsste es vermutlich einfach mal ausprobieren. So schwierig konnte es nicht sein. Es gab schließlich kaum etwas, das sich nicht irgendwie lernen ließe. Sie könnte Bolt fragen, ob er Lust hatte, es mit ihr beizeiten zu versuchen. Hoffentlich gab es in Zwölf oder Eins auch solche netten Wohnviertel. In Eins ganz bestimmt...

„Wie sieht es eigentlich mit deiner Planung aus, Nitra?“, wandte sich Dyna plötzlich fragend an sie. „Hast du deine Bewerbung in zwischen eingereicht?“

Die Siebzehnjährige konnte nicht verhindern, dass sie sich leicht auf ihrem Sitz verkrampfte. Noch immer ging ihr Blick aus dem Fenster, doch sie konnte förmlich sehen, wie ihre Mutter einen verärgerten Zug um die Mundwinkel bekam und leise aufseufzte. Erwischt. Das war ein schwieriges Thema.

„Ich wollte es mir noch über die Ferien überlegen“, sagte sie in der Wagen Hoffnung, das Gespräch direkt wieder beenden zu können. Leider saß sie mit ihrer Mutter und Dyna im Auto, konnte also nicht aus der Situation flüchten. „Es wäre ja auch erst für das nächste Jahr, wenn ich mit der Schule fertig bin.“

Unglücklicherweise hackte Celeste sofort ein: „Das ist kein Grund, die Sache aufzuschieben. Diese Stipendien werden nicht an viele vergeben. Ein Jahr im Voraus ist das mindeste, was es an Zeit für den ganzen Prozess mit samt allen Tests und Bewerbungsgesprächen braucht. Das habe ich dir schon mehrfach gesagt.“

„Ja“, antwortete Nitra. Vielleicht konnte sie das Thema im Sande verlaufen lassen, wenn sie auf direkten Widerspruch verzichtete?

„Für das nächste Jahr soll es fünfundsiebzig Plätze geben, habe ich gehört“, kam es von Dyna.

„Fünfundsiebzig?“, Celeste klang empört. „Das sind doch höchstens ein Paar pro Fachrichtung. In den letzten Jahren waren es mehr.“

„Ich weiß auch nicht, warum sie die Anzahl verringert haben.“

Nitra schrumpfte in sich zusammen. Jetzt würde ihre Mutter noch energischer von ihr verlangen, dass sie eine Bewerbung auf ein Kapitolsstipendium einreichte. Sie konnte sich noch gut erinnern, wie ihre Schwester im letzten Sommer den Brief bekommen hatte, in dem ihr zur Aufnahme an der Panem National University gratuliert wurde. Celeste war, entgegen ihrem sonstigen Verhalten, geradezu ekstatisch gewesen.
Nitra freute sich für ihre Schwester, die einen der begehrten Plätze bekam, wirklich. Nur selbst wollte sie dort nicht hin. Auf ihrem Fachgebiet war sie gut. So gut, dass sie sich den brutalen Auswahlprozess zutraute. Doch alle ihre Freunde waren hier. Bolt war hier. Dort kannte sie niemanden außer vielleicht Dyna. Doch diese studierte Physik und somit hätten sie kaum je die Möglichkeit, Zeit miteinander zu verbringen. Und dann war da natürlich noch die Sache mit den Hungerspielen. Selbst, wenn sie in einem Jahr ihre letzte Ernte hätte und erst danach ihr Studium anfing, Nitra war sich nicht sicher, ob sie sich in der Stadt wohlfühlen konnte, die dieses schreckliche „Spiel“ hervorbrachte. Dyna mochte diese Gefühle unterdrücken können. Sie arbeitete für ihre Karriere und nahm solche Bedenken leichter in Kauf. Doch Nitra war in dieser Beziehung anders gestrickt. Auch hier im Distrikt gab es eine gute Universität und viele unabhängige Forschungsinstitute. Nur weil eine Ausbildung im Kapitol das I-Tüpfelchen auf der Vita war bedeutete das nicht, dass man nur schlechte Jobs fand, wenn man im Distrikt blieb. Zur Zeit ihrer Eltern waren die Kapitolsstipendien noch eine wilde Fantasie gewesen und trotzdem hatten es Celeste und Boolean Martagon in hohe Positionen geschafft.

Für den Moment brachte die Bemerkung ihrer Schwester über die Studienplätze für Dreier immerhin einen Vorteil: Sie und ihre Mutter vergaßen über ihrem Ärger kurzzeitig Nitra und ihren Widerwillen. Lange genug, dass es für das kurze, restliche Stück nach Hause reichte. Befreit sprang Nitra aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum, um erneut bei dem Gepäck behilflich zu sein. Celeste streckte sich kurz und zog den Haustürschlüssel aus der Tasche. Ein appetitlicher Duft strömte ihnen entgegen, als sie eintraten. Dyna schnupperte erfreut und auf dem Gesicht ihrer Mutter zeigte sich eine überraschte Zufriedenheit. Für dieses Mal hatte ihre Jüngste ihre Aufgaben anscheinend tadellos erfüllt.

Nitra konnte ein erleichtertes Ausatmen nicht unterdrücken. Das Thema Studium war fürs Erste erfolgreich umschifft. Irgendwann, das wusste sie, würde sie die Konfrontation mit Celeste nicht mehr vermeiden können. Dann müsste sie ihr irgendwie klarmachen, dass sie keine Bewerbung für ein Stipendium einzureichen gedachte. Nitra plante in ihrer Heimat zu studieren und da würde sie sich nicht umstimmen lassen. Nur ihre Mutter, die musste sie davon noch überzeugen...

Conrad Heron Rutherford

Hätte Conrad nicht vorsorglich ein weiches Stirnband getragen, seine Arbeit wäre soeben ruiniert worden. Glücklicher weise war es eine Vorsichtsmaßnahme, die ihm in zwischen in Fleisch und Blut übergegangen war. Jedes Mal, wenn er die stoßfesten, mit wasserabweisendem Spezialschaumstoff ausgekleideten Boxen aus der stets gut verschlossenen Schublade des Schrankes hervorholte, hatte er bereits eine persönliche Sicherheitsprozedur durchlaufen, die in den Labors an der Universität oder im Kapitol kaum genauer sein konnte.

Seine Hände steckten in sterilen Latex-Handschuhen, sein struppiger Schopf unter einem engmaschigen Haarnetz. Er trug einen schwarzen Kunststoffkittel, der verhindern würde, dass sich Flusen von seiner Kleidung lösen und auf dem Tisch oder, nicht auszudenken, auf den sensiblen Einzelteilen landeten, mit denen er gerade arbeitete. Und eine ähnliche Aufgabe hatte eben auch das Stirnband zu erfüllen, das er sich extra zu diesem Zweck gekauft hatte. Es war aus einem Sportgeschäft und bestand aus einem speziellen, äußerst saugfähigen Material. Ohne es wäre der einzelne Schweißtropfen, den seine Poren gerade produzierten, auf die feinen Biodrähte gefallen und hätte diese unwiderruflich kontaminiert.

Konzentriert schob er die Zungenspitze zwischen die Lippen und stieß fast sofort an das flexible Schutzvisier vor der unteren Hälfte seines Gesichtes. Das diente gleich zwei Zielen. Zum einen galt es, unerwünschte Bakterien fernzuhalten, die in seiner Arbeit nichts verloren hatten. Auf der anderen Seite brauchte er allerdings auch etwas, um dafür zu sorgen, dass er mit seinem Atem nicht versehentlich die Ordnung vor ihm auf dem Tisch durcheinanderbrachte. Er hatte es mit Drähten aus Biokunststoff zu tun – nur unwesentlich dicker, als ein menschliches Haar. Dieses Material war nicht nur biegsam und flexibel, sondern auch leicht wie eine Feder und es bedurfte nicht viel, um es durch die Luft fliegen zu lassen. Ein zu starkes Ausatmen, und sein ganzer Schatz ginge ihm verloren.

Unter der starken Vergrößerungsbrille wirkten seine Finger grotesk. Wie plötzlich zum Leben erwachte, unförmige Äste, die eine kleine, metallisch glänzende Pinzette hielten. Damit griff er nun vorsichtig in die schwarze Box, um einen weiteren, langen Strang herauszuholen. Jede der Verbindungen ruhte in ihrem eigenen Fach, um sich auf keinen Fall mit dem Rest zu verheddern. Insgesamt besaß Conrad nicht viele von ihnen, für sein Projekt würde es allerdings ausreichen. Langsam führte er die Faser, die einer menschlichen Nervenzelle nachempfunden war, zu dem Kunststoffgehäuse, das offen und wie der Länge nach durchgeschnitten vor ihm lag. Darin befanden sich bereits einige der dünnen Stränge, säuberlich durch eine aufgetragene Isolatorschicht voneinander getrennt. Conrad ließ das eine Ende des Leiters in seiner Hand sacht gegen die Innenseite des Gehäuses pendeln, von wo schon die zuvor angebrachten Biodrähte abgingen. Er sah, wie es daran festzukleben schien. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er beobachtete, wie es sich Stück für Stück mit der organischen Schicht verband, die er zu Beginn millimeterdünn aufgetragen hatte. Es war, als sähe er einer Wunde bei ihrem natürlichen Heilungsprozess zu. Auf das zusammenwuchs, was zusammengehörte. Das künstliche Gewebe, aus dem diese Materialien bestanden, würde sich miteinander verbinden, bis es eins wäre. Der Gedanke machte den Siebzehnjährigen glücklich.

Als nächstes zog er den dünnen Strang parallel zu den Anderen durch die aufgeklappte Ummantelung. Er wusste, dass er nicht zu fest daran ziehen durfte - dafür, dass sie so dünn waren, hielten diese Fasern zwar einiges aus, übertreiben sollte man es dennoch nicht. Andererseits musste er verhindern, dass es zu locker wurde. Jede Abweichung von einer geraden Bahn konnte nachher die Signalübertragung stören. Und Schlaufen konnte er schon gar nicht gebrauchen. Mit einem feinen Hilfsstäbchen drückte er den künstlichen Nerv nach unten, damit er sich an den Rest anschmiegte. Dann griff er nach einem kleinen Gerät neben sich und hielt es vor das vordere Ende des Gehäuses. Ein Piepsen ertönte und ein Haarfeiner Laserstrahl trennte das überstehende Ende des Biodrahtes exakt so ab, dass er mit den Anderen einen ebenen Abschluss bildete.

Jetzt noch den Rest zurück in sein Fach – diese organischen Materialien waren so teuer, dass sich ein Wegwerfen der Reste wie ein Sakrileg anfühlte – und dann erlaubte er es sich, sich auf seinem Stuhl zurückzulehnen und sich einen Moment lang zu entspannen. Es war wichtig, den Händen und dem Genick regelmäßige Pausen zu gönnen. Sonst fingen sie bei dieser Präzisionsarbeit irgendwann zu zittern an oder verkrampften sogar. Und Conrad wollte sich weder Fehler noch Unfälle leisten. Über einen Kollegen seines Vaters, der in einem der biotechnologischen Institute des Distriktes arbeitete, war er etwas vergünstigt an seine Arbeitsutensilien gekommen. Künstliche Nerven, wie er sie eben benutzt hatte, wurden unter anderem dort produziert. Trotzdem hatte es seinen Vater ein kleines Vermögen gekostet und er hatte das Geld nur ausgegeben, weil er gewusst hatte, was für eine große Chance es für seinen Sohn bedeutete.

In diesem Moment klingelte es an der Türe. Ungläubig warf Conrad einen Blick auf die Uhr an der Wand des Arbeitszimmers. Tatsächlich. Schon nach drei. Er hätte schwören können, dass es mindestens eine Stunde eher wäre. Kurz betrachtete er die unfertige Arbeit vor ihm. Gut, er hatte natürlich nicht erwartet, schon heute fertig zu werden… aber ein bisschen mehr Potenzial wäre in diesem Nachmittag durchaus vorhanden gewesen. Für einen Augenblick überlegte er, seinem Besuch einfach nicht zu öffnen. Er könnte hier unten ungestört weitermachen. Die Jungs vor der Tür würden denken, er sei nicht da und wieder gehen. Dann hätte er den ganzen, restlichen Nachmittag für sich. Vielleicht, wenn er die Zeit nach dem Abendessen noch dazugab, könnte er dieses Teilstück heute noch vollenden.

Es klingelte noch einmal. Seufzend erhob Conrad sich und durchquerte das Zimmer. Ihm war klar, dass er an die Türe musste. Sein Plan hatte nämlich eine entscheidende Schwäche: er verließ das Haus so gut wie nie. Zumal jetzt, am Wochenende, das gleichzeitig den Beginn der Hungerspielferien markierte. Außerdem waren die jungen Männer vor dem Haus Bekannte von ihm. Sie wussten genau, dass er so gut wie immer da war. Nein, einfach vorzugeben, abwesend zu sein, war keine Option.

„Hi!“, wurde er von Aldo begrüßt, kaum, dass er die Haustür geöffnet hatte. Sein Freund aus Kindertagen schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und ließ den Blick dann halb amüsiert, halb interessiert über sein Äußeres wandern. „Mit was experimentierst du denn gerade?“, wollte er neugierig wissen.

„Hallo“, erwiderte Conrad Aldos Gruß und nickte auch Ernest, seinem Klassenkameraden, kurz zu. „Wenn ihr versprecht, nichts durcheinander zu bringen, zeige ich es euch.“

„Hältst du uns für blöd?“ Ernest zog eine Augenbraue hoch und sah ihn schief an, während er sich die Schuhe abstreifte. Vermutlich war das eine rhetorische Frage, überlegte Conrad. Ernest sah nicht so aus, als würde er eine Antwort erwarten. Trotzdem verspürte er den dringenden Wunsch, die Sache klar zu stellen.

„Nein, natürlich nicht“, sagte er also beschwichtigend. „Es ist mir nur wirklich sehr, sehr wichtig und es wäre fatal, wenn etwas damit passiert.“ Er deutete mit einer behandschuhten Hand auf seinen Aufzug mit dem Arbeitskittel, der Schutzmaske, der Vergrößerungsbrille und dem Haarnetz. „Du siehst ja, was ich für einen Aufwand betreiben muss.“

„Mhm“, machte Ernest und richtete sich wieder auf. „Dann lass mal sehen, was du da unten so treibst. Ich verspreche, meine unwürdigen Finger bei mir zu behalten.“

Kurz dachte Conrad über diese Antwort nach. Er mochte es nicht, wenn jemand anderes ihm seine Ordnung durcheinanderbrachte. Allerdings würde er Ernests Hände deswegen nicht gleich als unwürdig bezeichnen. Der Achtzehnjährige war für ihn nicht so ein enger Freund wie Aldo – trotzdem gab Conrad gerne zu, dass er etwas auf dem Kasten hatte. Gelegentlich musste man ihm in Informatik etwas Nachhilfe geben, dafür war er in anderen Fächern gut. Und er hatte eine sehr strebsame Einstellung, die Conrad respektierte. Möglicherweise hatte er den Satz aber auch ironisch gemeint…

Vielleicht hätte er noch länger über diese Frage reflektiert, wenn nicht der neugierige Blick von Aldo immer drängender geworden wäre. Außerdem freute er sich auch zugegebenermaßen darauf, seine Arbeit Menschen zu zeigen, die sie ebenso schätzen würden wie er. Er zuckte also innerlich mit den Schultern und winkte den Beiden, ihm in den Keller zu folgen. Erst vor ein paar Jahren hatten seine Eltern beschlossen, die Räume hier unten vergrößern und ausbauen zu lassen. Heute hatte jeder von ihnen sein kleines, eigenes Reich hier unten. Alle drei Rutherfords wussten einen eigenen Arbeitsraum zu schätzen, in den sie sich zurückziehen konnten. Conrad war sehr dankbar, dass seine Eltern damals schon an ihn gedacht hatten.

Mit seinen Freunden im Schlepptau betrat er das Zimmer wieder, in dem er bis vor drei Minuten noch beschäftigt gewesen war. Besonders groß war es nicht, aber er brachte alles unter, was er brauchte. Die beiden Computer – Conrad hatte das Ältere Modell seiner Mutter mitübernommen, als diese sich einen neuen angeschafft hatte – standen ausgeschaltet auf dem langgezogenen Schreibtisch. An den Wänden liefen hohe Regale entlang, in deren Schubladen alles Mögliche lagerte. Angefangen von alten Speichermedien über sein Arbeitswerkzeug und diverse Materialien, ausgebaute und externe Festplatten bis zu Computerspielen, die teils hier im Distrikt, teils von den Techkonzernen des Kapitols programmiert wurden.

Gegenüber der Tür stand seine Werkbank. Die schwarze Box mit den künstlichen Nerven hatte er vorhin geschlossen, um die leichten Bauteile vor einem eventuellen Luftzug zu schützen, der entstehen konnte, wenn er die Zimmertüre öffnete. Das Kunststoffgehäuse mit den bereits verbauten Fasern lag allerdings noch genauso aufgeklappt da, wie er es verlassen hatte. Der Lasercutter direkt daneben. Zusammen mit einem kleinen Tiegel, der den Halbflüssigen Isolator enthielt, den Conrad nach dem Einbauen auf jeden einzelnen Bioleiter auftrug.

Aldo und Ernest machten ein paar Schritte auf den Arbeitstisch zu. Gerade holte er Luft, um sie zu bitten, sich ebenfalls Handschuhe überzustreifen, doch da hielten sie inne und betrachteten sein Werkstück aus ausreichendem Abstand. Aldo schien zunächst nichts mit dem Anblick anfangen zu können. Doch Ernests Augen wurden groß, als er sich von der Tischplatte ab- und Conrad wieder zuwandte. Erkennen und ein nicht unwesentlicher Anteil Faszination lagen in seinem Blick.

„Ist das…“, nochmals wanderten seine Augen zwischen Conrad und seiner Arbeit hin- und her. „…eine Neurokanüle?“ Seine Stimme hatte etwas Ehrfurchtsvolles. Vermutlich zurecht. So etwas hatte kein Distriktbewohner. Egal aus welchem Distrikt und egal wie reich. Hightech wie diese war ausschließlich dem Kapitol vorbehalten.

„Ja“, antwortete Conrad. Dabei konnte er einen Anflug von Stolz nicht verhindern. Doch schon im nächsten Moment packte ihn die Verlegenheit. „Also nein. Eigentlich ist das noch keine Neurokanüle. Aber es wird eine sein. Jetzt ist sie noch unfertig.“

Er schritt zum Tisch hinüber und klappte die Kunststoffummantelung zu. Das Ganze sah nun aus, wie ein sehr biegsamer Stift, an dessen einem Ende eine Art hautfarbener Anschluss saß, während das andere Ende einen Verbindungsstecker trug, der zu einem Computer passen mochte. Vorsichtig, fast zärtlich, zog Conrad ein mit samt ausgekleidetes Etui hervor und verstaute alles darin. Zum Schluss räumte er seine Werkzeuge säuberlich zurück in die Schreibtischschublade, verschloss diese und zog sich erleichtert die Vergrößerungsbrille und das Schutzvisier vom Kopf.

„So, jetzt können wir besser reden.“ Er lächelte seinen Gästen zu und bedeutete ihnen, sich auf den Drehstühlen niederzulassen, die vor seinem Computertisch standen.

„Also“, begann Aldo langsam und sah von Conrad zum noch immer beeindruckten Ernest hinüber. „Ich bin mir zwar sicher, dass ich den Begriff schon mal gehört habe, aber trotzdem wäre eine Kurzerklärung für mich zu dem Ding“, ein Wink in Richtung der Schublade, in der eben alle Arbeitsutensilien verschwunden waren, „wirklich cool. Mein Lieblingsfach ist Chemie, nicht Biotechnologie. Es hat irgendwas mit künstlicher Realität zu tun, oder?“

„Genau“, begann Conrad, während er sich erst das Stirnband, dann die Latexhandschuhe abstreifte. Angebereien lagen ihm fern, aber es freute ihn, dass Aldo ihm mit seiner relativen Unwissenheit die Chance gab, seine Arbeit zu erläutern.

„Künstliche Realität ist schon das richtige Stichwort“, fing er an. Dabei entledigte er sich auch der restlichen Schutzkleidung und legte sie beiseite. „Früher war es mal so, dass man sich eine Brille aufgesetzt hat, über die Visuelle und auditive Informationen eingespielt wurden.“

Aldo nickte. „Von den Dingern habe ich mal eine Abbildung gesehen. Das ist aber ewig her, dass die in Gebrauch waren.“

„Richtig“, bestätigte Ernest. „Bis vor circa vierzig Jahren. Damals kam es zur Dixon-Hayes-Revolution.“

„Exakt.“ Conrad strahlte vor Begeisterung darüber, dass die Anderen sich anscheinend ebenso für das Thema erwärmen konnten wie er. „Claudia Dixon und Nikon Hayes, eine Neurologin und ein Informatiker, läuteten ein neues Zeitalter der Technik ein. Ihr Hauptwerk war es, die künstliche Realität auf eine völlig neue Stufe zu heben. Darum werden solche virtuellen Wirklichkeiten heute auch gerne DH-Räume genannt.“

Ernest wiegte bedächtig den Kopf. Für ihn war das wohl bekannt. Aldo jedoch hing an seinen Lippen. Es schien ihm nichts auszumachen, dass er in dieser Sache offenbar der Unwissendste in ihrer Runde war. Aber er hatte vorher schon Recht gehabt – sein Spezialgebiet war die Chemie, nicht die Bioinformatik.

„Im Grunde dachten sie sich, dass das menschliche Gehirn selbst ein hervorragender Computer ist. Man muss es nur richtig nutzen. Du kannst dir folgendes vorstellen. Alle deine Sinneseindrücke, die du über deine Haut aufnimmst, werden über das Rückenmark ans Gehirn geleitet, wo sie verarbeitet und interpretiert werden. Auf gleichem Weg, nur umgekehrt, gehen die Befehle aus dem Gehirn an deine Muskeln, wenn du dich zum Beispiel bewegst.“

Conrad warf seinem Freund einen Blick zu, doch der nickte und bedeutete ihm, weiterzusprechen.

„An der Schädelbasis, im Hirnstamm, sind außerdem die sogenannten Hirnnerven. Das sind Leitungen, die alle möglichen Funktionen haben können. Einige davon sind für deine restlichen Sinnesorgane zuständig. Über sie werden also die Informationen von deinen Augen, Ohren, von deiner Nase und Zunge zur Verarbeitung weitergereicht. Außerdem übertragen sie Befehle an viele Muskeln in deinem Gesicht. Das geht einfach schneller, als wenn diese Dinge erst über das Rückenmark und dann wieder zurück in deinen Kopf geleitet werden müssten, wo sich dann in deinem Gesicht ein Augenlied bewegen soll.“

„Soweit klar“, kam es von Aldo. Conrad fühlte seine Begeisterung wachsen. Er hatte sich warmgeredet.

„Eine Neurokanüle ist quasi das Verbindungsstück von deinem Gehirn in die Welt der Computer. Man nennt es nach seinen Erfindern auch DH-Kanüle oder, umgangssprachlich, auch einfach einen „Link“. Eine Person, die die DH-Kanüle nutzen möchte, bekommt zunächst in einem operativen Eingriff eine Schnittstelle an der Schädelbasis.“

Conrad neigte den Kopf zur Verdeutlichung nach vorne und deutete mit dem Zeigefinger auf einen Punkt in seinem Nacken, gleich unterhalb seines Haaransatzes.

„Soweit ich weiß, kriegen die Kinder im Kapitol ihre Link-Schnittstelle standardmäßig, bevor sie in die Schule kommen. Früher waren diese Dinger wohl ziemlich groß und nicht sehr schön, heute sind sie nahezu unsichtbar. Mit dem Link werden dann gezielt die sensorischen und motorischen Nerven angesteuert und es werden Informationen auf sie übertragen.“

„Womit das?“, wollte Aldo wissen.

„Kleinste Ladungen elektrischen Stroms. Egal, was für eine Information letztlich bei dir ankommt, ob eine Berührung, ein Geräusch oder eine bestimmte Farbe, die du siehst, auf der grundlegendsten Ebene wird alles in Form von Elektrizität über die Nervenfasern übertragen. So, wie die Computerprogramme letzten Endes nur Einsen und Nullen sind, sind alle unsere Wahrnehmungen und alle Befehle, die wir an unsere Muskeln schicken, nur elektrische Ladungen.“

„Cool“, staunte Aldo. „Das heißt, ich stöpsele mich via einen Link an einen Computer an und der spielt mir dann etwas ins Gehirn?“

„Natürlich brauchst du einen sehr starken Computer. Einen, mit viel Rechenleistung. Der erzeugt dann für dich was du willst: Eine komplette, dreidimensionale Welt, die du mit allen fünf Sinnen erleben kannst, während du eigentlich zu Hause auf deinem Schreibtischstuhl sitzt. Gleichzeitig empfängt das jeweilige VR-Programm die Befehle, die du eigentlich an deine Glieder schicken würdest und überträgt sie in deine virtuelle Umgebung. So kannst du in einer virtuellen Welt herumlaufen, Dinge hochheben oder auch nur blinzeln – bleibst in der echten Welt aber bewegungslos sitzen.“

„Weil alle Anweisungen an meine Motorik schon „Abgefangen“ wurden?“ Er malte mit den Händen große Anführungszeichen in die Luft, um seinen Satz zu unterstreichen.

"Richtig", strahlte Conrad. "Mittels Gedankenbefehlen kann man den Link steuern. Also zum Beispiel ein- und ausschalten.“

„Das ist alles gut und schön“, meldete sich nun Ernest wieder. „Aber Conrad, wofür baust du das. Es ist technisch anspruchsvoll, keine Frage. Zumal, wenn du noch die Programmierung dafür schreiben willst. Aber zu was? Weder du, noch sonst einer von uns hat eine Neuroschnittstelle. Und niemand von uns wird je eine bekommen. Das gibt es nur für Kapitoler.“

„Das gehört zu meiner Bewerbung“, erklärte er.

„Deine Bewerbung?“ Aldo sah ihn verblüfft an. „Du hast doch schon einen Studienplatz.“

„Ich habe mich für ein Studiensemester im Kapitol angemeldet. Das wäre zwar erst in einem bis zwei Jahren, aber für so eine Bewerbung wird immens viel verlangt. Unter anderem auch eine Arbeit, die einzureichen ist. Und ich dachte eine Virtuelle Umgebung mit dazugehörigem, selbstgebautem Neurolink wäre eine überzeugende Idee.“

Aldo grinste ihm zu und auch Ernest kam nicht umhin, ihm einen anerkennenden Blick zu schenken.

„Nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht“, murmelte Aldo mehr zu sich selbst.

Conrad merkte, wie er rot wurde. Kurz blickte er auf seine Füße hinunter. Das Lob seiner Freunde war schön, aber seine Handlungen kamen nicht aus dem Bedürfnis nach Anerkennung. Er wollte seine Laufbahn vorantreiben, um irgendwann nicht mehr nur Dinge nachzubauen, die es schon gab. Es käme die Zeit, in der er selbst ein Erfinder wäre. Die nächste technische Entwicklungsstufe wartete nur darauf, erklommen zu werden. Und er würde diesen Schritt machen.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast