Izayoi Kaidan - Geistergeschichten aus Izayoi [Anmeldung offen]

MitmachgeschichteMystery, Horror / P16 Slash
Elben & Elfen Engel & Dämonen Geister & Gespenster Zauberer & Hexen
19.09.2020
17.10.2020
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17.10.2020 3.531
 
Ein noch ein Kapitel! Vielen Dank für die bisherigen Favos und Rückmeldungen, freut mich sehr! ^_^ Die Anmeldung ist selbstverständlich noch immer offen, falls jemand noch den ein oder anderen OC einreichen möchte! ;D
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Protagonisten:

1. Yeshe Khon (་ཡེ་ཤེས འཁོན) - 21 Jahre, Reisender aus Gyitsame (Xo Miss Nothing oX)
2. Hinamori Kohaku (夷守 琥珀) - 21 Jahre, Gesandter des Totengottes Yuuhi (Anonym xxxxx)
3. Sachie (さちえ) - 22 Jahre, wandernde Musikantin aus Reitan, Nanami (Darkmelody)
4. Mezurashi Karasono (珍 花羅苑) - 28 Jahre, Ärztin aus der Provinz Senrei (Akayo Tsukito)
5. Bae So-hyeon (배 소현/ 裵 昭賢) -  umherziehende Shinigami aus Chanyeon (Ray Chal)
6. Yuna (ゆな) - 19 Jahre, Heilerin aus Yamamoto, Mion (Palve)

Weitere Begleiter:
1. Asano Hinoe (淺野ひのえ), 21 Jahre – Umherziehende Exorzistin aus Shimotsuki
2. Asano Fuyuki (淺野冬木), 22 Jahre – Hinoes älterer Bruder
3. Mika (みか) - Fuchsdämon aus Yamamoto
4. Shion (紫苑) / Yuu ( 夕) - Gott des Schicksals


Onryou - Rachsüchtige/böse Geister von Verstorbenen
Seirei - In dieser Geschichte: Geister des Himmels, der Natur oder Unterwelt, die oftmals auch im Dienst bestimmter Gottheiten stehen
Shinigami - Geisterwesen, welches die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt geleitet

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„…In Ordnung, und ich soll dir jetzt warum helfen? Etwa, weil ich ein so netter Kerl bin? Ich meine, selbstverständlich bin ich das, das steht jetzt ja außer Frage, aber denkst du etwa ernsthaft, dass ich nichts Besseres zu tun habe, als meine wertvolle Zeit für dich zu opfern?“
Die Stimme des Jungen – zumindest ging So-hyeon davon aus, dass es sich um einen handelte – klang gelangweilt, auch wenn der Spott, der in seinem Tonfall mitschwang, kaum zu überhören war. Und dies trieb die junge Dame beinahe in den Wahnsinn! Wie viele Stunden hatte sie nun schon auf diesen kleinen Emporkömmling verschwendet? Nun, das vermochte sie zwar unmöglich zu sagen, doch auf alle Fälle fühlten sich die verstrichene Zeit wie Stunden an!
Was für eine arrogante Göre – Paelim und Kagayaku hatten mit ihren Warnungen, dass er ein klein wenig schwierig sein konnte, ganz gewiss nicht übertrieben.
„Vielleicht, weil es deine verdammte Aufgabe ist?“, antwortete sie bitter. „Also los – du kennst meine Zukunft, nicht wahr, Shion? Sag‘ mir schon, was ich wissen muss!“
Der Junge, Shion, kicherte.
„Ah, ich sehe schon, dass wir beide offenbar leicht abweichende Ansichten vertreten, meine Liebe! Also komm‘, nun mir nur einen guten Grund, warum ich deiner Bitte nachkommen sollte und dann sehe ich mal weiter.“
So-hyeon knurrte, konnte sich nur mit Mühen davon abhalten, ihr Schwert zu ziehen, dieser infernalen Göre, die nun gewiss vor ihr thronte, eine wohlverdiente Abreibung zu verpassen. Sogar das süffisante Lächeln, mit welchem er gerade gewiss aufwartete, konnte sie sich regelrecht vorstellen und das, obwohl sie Shion noch nie zuvor gesehen hatte! Zumindest konnte sie nun sehr gut verstehen, warum ihn der Großteil der Kami nicht leiden konnte – sie selbst hatte ihn schon nach den ersten drei Sätzen, die er von sich gegeben hatte, mehr als gefressen.
„Sag‘ mal, bist du so dumm oder tust du nur so?“, schnauzte sie ihn an. „Genau wie du habe auch ich wichtige Aufgaben zu erledigen, Aufgaben, denen ich so, wie ich jetzt gerade bin, nun einmal leider nicht nachkommen kann! Es ist daher auch deine Pflicht, mir zu helfen.“
So-hyeon atmete tief durch, zwang sich dazu, sich wieder ein wenig zu beruhigen. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen war Shion höchstens das, was einem etwa sechzehnjährigem Menschen entsprach und genauso benahm er sich auch. Nun, zumindest für den Moment schwieg er; So-hyeon glaubte, seine Blicke auf sich spüren zu können, fühlte den Unmut, der in ihnen lag. Dann seufzte er.
„Und warum bittest du nicht einfach deine… naja, Vorgesetzten um Hilfe? Yomi, Yuuhi, Shigana und wie die alle heißen müssen doch bestimmt auch so ihre Ideen haben, wie du deinem kleinen Problemchen beikommen kannst! …Naja, Yuuhi vielleicht nicht unbedingt, wenn man bedenkt, dass sich seine Situation ja nicht allzu sehr von der deinen unterscheidet…“
Nun ja, im Gegensatz zu ihm war So-hyeon wenigstens noch ihre Stimme erhalten geblieben. Andererseits waren die Umstände, die zu der jetzigen Lage der beiden geführt hatten, kaum zu vergleichen – Yuuhi hatte seine Einschränkungen den Gerüchten nach zu urteilen einem Kishin zu verdanken, So-hyeon hingegen…
„Denkst du etwa ernsthaft, dass ich zum Spaß hier bin?“, entgegnete sie kalt. „Sie haben schon alle versucht und inzwischen haben wir nun wirklich alle Optionen ausgeschöpft. Also? Möchtest du noch weiterhin herumbocken wie das verzogene Kind, das du bist, oder willst du dich nicht lieber zur Abwechslung einmal darum bemühen, wenigstens etwas erwachsener zu wirken und mir helfen?“
Shion grummelte; So-hyeon konnte das Rascheln seines Gewandes hören, leise Bewegungen und Schritte, die ihr sagten, dass er sich von seinem angestammten Platz erhoben haben musste.
Es war nicht sonderlich leicht gewesen, den Schicksalsgott ausfindig zu machen. Die junge Frau hatte ihn an mehreren Orten gesucht – zuallererst selbstverständlich in seinen Tempeln, später dann in anderen Kultstätten oder Orten, die mit ihm in Verbindung standen. Letztendlich hatte sie ihn auf einem alten Friedhof aufgespürt, irgendwie im Westen des Landes – in der Provinz Shimotsuki.
Einer jener Plätze, die eigentlich zu ihrer Domäne gehörten, mit denen ein Kami wie Shion, der in erster Linie der Welt der Lebenden zugehörig war, normalerweise nichts zu schaffen hatte. Andererseits hatte So-hyeon in letzter Zeit schon des Öfteren gehört, dass sich Shion derzeit sogar noch absonderlicher als sonst verhielt, zu einem wahren Problemfall geworden war.
Nun, solange er ihr das gab, was sie wollte, war es ihr eigentlich ziemlich egal.
So-hyeon roch den Duft der entzündeten Räucherstäbchen, der feuchten Grabeserde und der allmählich verrottenden Körper, die unter ihr zur Ruhe gebettet worden waren; der Geruch des Todes war hier allgegenwärtig, betörte ihre Sinne, schlossen den Großteil der anderen Empfindungen aus.
„Wie genau ist das eigentlich passiert, Akira?“, fragte Shion, dessen Stimme nun recht ernst und kühl klang, bar des Spottes und der Herablassung, die er bis gerade eben noch zur Schau gestellt hatte.
Die junge Frau zischte.
„Wie hast du mich genannt?“
„Oh, liest sich dein Name denn anders?“, bekam sie süffisant zur Antwort. „Ich meine, ich würde dir das Schriftzeichen, von welchem ich denke, dass es zu dir gehört, ja zeigen, aber-…“
„Halt die Klappe“, fiel sie ihm kalt ins Wort. „Du weißt ganz genau, dass ich So-hyeon heiße – in Chanyeon liest man das nämlich so, du unverschämte Göre.“
Shion seufzte.
„Wir sind wohl ein bisschen empfindlich, hm? Und meine Frage hast mir auch nicht beantwortet – nun komm‘ schon, das würde mich brennend interessieren! Wie kommt es nur, dass ein so würdevoller Shinigami wie du von einem lächerlichen Sterblichen ge-…“
Ihn mochte es zwar interessieren, doch So-hyeon legte keinen Wert darauf, dieses Thema noch weiter auszuführen; ohnehin ging ihn das nun überhaupt nichts an!
„Das tut doch nichts zur Sache! Ich war unachtsam und die Regeln, die meine Aufgaben nun einmal so mit sich bringen, haben mir die Hände gefesselt – ist das Antwort genug?“
„Ah, schlechte Erfahrungen mit den lieben Menschen gemacht, hm? Ja, die können schon eine ziemliche Plage sein, das stimmt! Ohje, was bist du nur für ein armes Geschöpf…“
So-hyeon grummelte.
„Willst du mir jetzt helfen, oder was?“
„Ja ja, schon gut! Du meine Güte, jetzt sei doch nicht so ungeduldig – wärst du ein Mensch, dann wäre das alles ja ziemlich einfach, aber bei Wesen wie dir ist das nun einmal ein bisschen umständlicher… Seirei zählen nicht gerade zu meinem Zuständigkeitsbereich, weißt du? “
Er kam näher, stand nun direkt vor ihr. So-hyeon konnte seinen Atem hören, den schweren Duft der Räucherstäbchen wahrnehmen, der ihm anhaftete. Außerdem duftete er nach Pfirsichen, wie sie nun auch zur Kenntnis nahm, nach süßen, frischen Früchten.
Und frisch aufgewühlter, feuchter Erde.
Interessant.
Shion berührte sie an der Stirn, die Berührung war dabei vorsichtiger, sanfter, als sie es von jemandem wie ihn erwartet hätte.  Dennoch zuckte sie leicht zusammen, fühlte sich seine Hand schließlich eiskalt an, erinnerte sie an die bleiche Haut der toten Körper, mit denen sie tagtäglich zutun hat.
„Was soll das werden?“, fragte sie argwöhnisch; ob nun Kami oder nicht, ihr war wirklich nicht wohl dabei, jemanden so nah bei sich zu haben.
„Was denkst du denn? Ich überprüfe natürlich zuerst einmal deine Energiezentren! Ich meine, wahrscheinlich sollte ich mir alle anschauen, aber so nahe möchte ich dir dann doch wirklich nicht kommen“, bekam sie schnippisch zur Antwort.
Sie seufzte.
„Denkst du etwa, dass wir das nicht schon ausprobiert haben? Das hat doch keinen Wert!“
„Jetzt motz‘ nicht herum und lass mich einfach mal machen! Vielleicht hast du ja auch einfach nur eine Blockade, dann wäre die Lösung deines Problems zumindest ziemlich einfach…“
So-hyeon schnaubte, entschied sich dann jedoch dazu, Shion vorerst einmal gewähren zu lassen. Und selbst wenn er sich wie ein kleiner Mistkäfer aufführte – er war trotz allem noch immer ein Kami, weswegen sie nichts vor ihm zu befürchten haben sollte. Eine ganze Weile lang schwiegen die beiden, was dazu führte, dass sich eine äußerst unangenehme Stille über den ohnehin schon viel zu ruhigen Friedhof legte.
„Ich habe gehört, dass es hier, in diesem Land, ein weiser Mann lebt, der über ganz erstaunliches Wissen vermögen soll“, ergriff So-hyeon dann nachdenklich das Wort. „Seine Ansichten sind wirklich faszinierend, wie ich finde… Offenbar besitzt er ein Heiligtum in Komeizi…“
Komeizi …? Ach, du meinst Komeiji , ja, das kenne ich natürlich! Hm, bestimmt sprichst du von dem ollen Tofu…“
So-hyeon zuckte zurück, schnappte empört nach Luft – was für eine bodenlose Unverschämtheit! Dieser kleine Giftpilz nahm sich ja wahrlich so einiges heraus! Shion, der mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatte, geriet ins Straucheln, stieß gegen So-hyeons Schultern; erst jetzt wurde diese sich darüber bewusst, dass der Kami offenbar ein ganzes Stück kleiner als sie selbst war.
„Sag‘ mal geht’s dir noch ganz gut? Dieser heilige Mann heißt doch nicht Tofu ! Shoufu ist sein Name, zumindest laut dem Wanderprediger, der mir von ihm berichtet hat…“
„Jetzt halte doch mal still, du Nuss! Und überhaupt, was echauffierst du dich denn jetzt auf einmal so? Ist doch bloß ein Sterblicher, als ob der so besonders wäre…“
„Ein unreifes Kind wie du würde es ohnehin nicht verstehen – es wäre absolute Zeitverschwendungen, dir auch nur irgendetwas zu erklären“, gab sie frostig zurück, innerlich jedoch brodelte sie.
Sie mochte Shoufu, den großartigen Gründer und Anführer der Glaubensgemeinschaft, die sich Kohaku Sangha nannte, persönlich noch nicht getroffen zu haben, doch das, was dieser Mönch über ihn und seine Lehren berichtet hatte, hatte So-hyeon aufs Tiefste berührt. Meditationspraktiken und heilige Techniken, dem Himmels selbst entsprungen, die es dem Anwender ermöglichen sollen, jedes noch so schlimme Leid, das ihm einst angetan worden war, zu überwinden, sich körperlichen und seelischen Gebrechen zu entledigen. Der Schlüssel zur Heilung liegt im endlosen Kreislauf aus Leben, Tod und Wiedergeburt, dem Reinkarnationszyklus, dem jedes Lebewesen unterworfen war. Mit diesem heiligen Wissen könnte So-hyeon viel Gutes bewirken, dessen war sie sich sicher.
Doch zuerst einmal musste sie Shoufu überhaupt erst ausfindig machen.
„Wen nennst du hier ein unreifes Kind ?“, gab Shion giftig zurück. „Ich habe auch schon so einiges gesehen und erlebt!“
So-hyeon zuckte mit den Schultern.
„Was sind schon 600 Jahre? Du magst zwar große, prachtvolle Tempel und sogar einen eigenen Feiertag haben, doch verglichen mit uns Shinigami bist du lediglich einer dieser neuen Modeerscheinungen – nimm‘ dich also nicht zu wichtig.“
„Sonderlich liebenswert bist du ja wirklich nicht…“, murrte Shion pikiert; tatsächlich überraschte es So-hyeon jedoch, dass seine Reaktion auf ihre doch etwas harschen Worte so zahm ausfiel, war er schließlich auch für sein unberechenbares Temperament bekannt.
Sie spürte, wie er seine Hand von ihrer Stirn wegzog; seine Kleidung raschelte, er schien etwas Distanz zu der Shinigami aufzubauen.
„Und?“, fragte sie erwartungsvoll. „Kannst du mir irgendetwas erzählen, das mir weiterhilft?“
Im ersten Moment sagte er nichts – wahrscheinlich tat er gerade eine Geste, wie ein Nicken, Kopfschütteln oder Schulterzucken, setzte dann zur Antwort an.
„Nun, was soll ich dir denn dazu sagen? Ich kann dir jedenfalls nicht weiterhelfen! Deine Energiepunkte sind jedenfalls in einem guten Zustand, an ihnen kann es nicht liegen… Und offen gestanden sehe ich schwarz , dass es ein anderer kann – womit ich jetzt wohl etwas mit dir gemeinsam habe!“
So-hyeons Stimmung sank noch weiter, auch wenn sie mit diesen Worten doch irgendwie gerechnet hätte.
„Also ist es mein Schicksal , auch weiterhin mit diesem Fluch geschlagen zu sein?“, fragte sie bitter, wobei diese Worte eher an sich selbst gerechnet waren. „Was genau hält die Zukunft denn nun für mich bereit?“
Shion seufzte.
„Du weißt ganz genau, dass ich dir darauf keine klare Antwort geben darf…“
„Oh, jetzt spielen wir also auf einmal nach den Regeln!“, zischte So-hyeon. „Seltsam, wenn es darum geht, Menschen zu schikanieren, dann scheinen sie ja aus unerklärlichen Gründen ja nicht mehr zu gelten!“
„Ach, jetzt stell‘ dich doch nicht so an! Ich meine, du weißt doch wie es ist – wenn man sich mit ein, zwei Menschen so seine Späße erlaubt, schert sich niemand darum, aber wehe, man benimmt sich in Gegenwart eines anderen Kami nicht vollkommen korrekt, dann steigen dir die Tatari schneller aufs Dach, als du schauen kannst!“
„Nun, es waren keine Kami, die mir das hier angetan haben“, hielt So-hyeon zerknirscht dagegen.
„…Auch wenn mir dein Zustand ja schon das ein oder andere Rätsel aufgibt, um ehrlich zu sein.“
Shion klang auf einmal nachdenklich, jeglicher Spott und alle Häme waren aus seinem Tonfall verschwunden.
„Ich meine, du bist eine Botin der Unterwelt, eine Seirei, also ein Wesen, das über den Sterblichen steht – ein gewöhnliche Menschenwaffe hätte dir keinen solchen Schaden zufügen dürfen. Das finde ich durchaus… kurios. Bist du dir sicher, dass du es damals mit einem normalen Menschen zutun gehabt hast?“
So-hyeon verschränkte die Arme, zuckte nochmals mit den Schultern.
„Wäre dem nicht so gewesen, dann befände ich mich jetzt nicht in dieser entwürdigenden Situation“, entgegnete sie abweisend. „Diese Person war für die damaligen Ereignisse nun eben ausschlaggebend und meine Befehle unmissverständlich gewesen – aber das werde ich dir gewiss nicht sagen müssen.“
Wieder ließ er sich etwas Zeit, ehe er erneut das Wort ergriff; als er weitersprach, klang er nachdenklich, andächtig.
„Nee-san, denkst du denn wirklich, dass dir dieser Shouyu helfen kann?“
Zuerst Akira und jetzt auch noch Nee-san – diesem Giftpilz war doch wirklich nicht mehr zu helfen. So-hyeon verkniff sich allerdings eine bissige Bemerkung, auch wenn es ihr nun doch ein wenig schwerfiel.
„Wer, wenn nicht er?“, entgegnete sie stattdessen. „Die Kami konnten mir nicht helfen, die Lösung muss also in der Welt der Menschen liegen.“
„Nun, du kannst es selbstverständlich versuchen, auch wenn ich mir an deiner Stelle jetzt nicht allzu viele Hoffnungen machen würde… Wie dem auch sei, ich habe gehört, dass sich eine Anhängerin deines wundervollen Gurus derzeit in der Nähe aufhalten soll – in irgendeinem kleinen Kaff, wenn ich mich richtig erinnere. Du könntest doch-…“
Shion verstummte, richtete seine Aufmerksamkeit wohl gerade auf etwas anderes. Nun, auch So-hyeon konnte es spüren; reflexartig nahm sie eine defensive Haltung an, als sie die ihr fremde Präsenz spürte, die nun, so plötzlich, hinter ihr wahrzunehmen war.
Die Präsenz eines Menschen. So-hyeon konnte Menschen wirklich nicht leiden, diese arroganten, selbstsüchtigen Geschöpfe.
„Oh, sieht so aus, als wären wir nicht mehr allein!“, bemerkte Shion vergnügt, wobei So-hyeon wirklich keinen Grund zur Freude erkennen konnte.
Offensichtlich “, entgegnete die fremde Stimme kühl; sie gehörte einer Frau, wie man unschwer erkennen konnte.
Die Shinigami wandte sich der Unbekannten zu, schaute in die Richtung, in der sie diese vermutete; sie verschränkte die Arme, gab sich abweisend.
„Was willst du von uns?“, fragte sie mit einem drohenden Unterton.
So-hyeon hörte die leichten Schritte der fremden Frau, die wohl noch ein kleines Stückchen näher an die beiden herantrat.
„Von euch? Rein gar nichts. Dieser Friedhof hier interessiert mich“, bekam sie zur Antwort.
Shion kicherte.
„Ein bisschen spät für einen Totenbesuch, hm? Es wäre sicherer für dich, wieder nach Hause zu verschwinden – nach Einbruch der Dunkelheit treiben sich hier nicht selten gefährliche Onryou herum!“
Womit er tatsächlich nicht Unrecht hatte – auch So-hyeon war nicht entgangen, dass die Aktivität der Dämonen und bösen Geister in diesem Teil des Landes in letzter Zeit beträchtlich zugenommen hatte. Sie wusste nicht genau, woher das rühren mochte, doch solange sie ihr eigenes kleines Problem nicht gelöst hatte, gab es wahrscheinlich nicht gar zu viel, das sie dagegen tun könnte.
Zumal es ohnehin noch andere Shinigami gab, die man darauf ansetzen könnte.
„Ich weiß, was ich tu“, entgegnete die Frau desinteressiert. „Und warum interessiert euch das überhaupt? Habt ihr nichts Besseres zu tun, als meine Zeit zu verschwenden?“
So-hyeon hob die Augenbrauen, hielt den Blick noch immer starr auf die Fremde gerichtet. Sie fragte sich, ob ihr Gegenüber wohl wusste, mit wem sie es hier eigentlich zutun hatte – die meisten Menschen würden in der Gesellschaft von Kami und Seirei , wie Shion und So-hyeon es waren, gewiss etwas mehr Respekt walten lassen. Andererseits war es ja nicht so, als würden sie sich äußerlich allzu sehr von gewöhnlichen Sterblichen unterschieden – nun, So-hyeon hatte zwar keine Ahnung, welche Form Shion wohl besitzen mochte, doch sie für ihren sah aus wie eine menschliche Frau, wurde von den Menschen auch als solche wahrgenommen.
„Ah, was heißt hier denn verschwenden ? Meine Nee-san und ich freuen lediglich darüber, eine neue Bekanntschaft zu schließen!“, sprach Shion beschwingt weiter, worauf So-hyeon allerdings empört schnaubte; sie war so einiges, aber ganz gewiss nicht seine Schwester !
Ihr Unmut entging ihm selbstverständlich nicht, doch der Kami ignorierte diesen geflissentlich; So-hyeon konnte spüren, wie Shion neben sie trat, sich offenbar sogar leicht vor der Fremden verbeugte.
„Meine große Schwester und ich sind auf Reisen – Komeiji ist unser Ziel! Doch weißt du, unsere Mutter stammt ursprünglich aus der Gegend hier, weswegen wir unseren verstorbenen Verwandten einen kleinen Höflichkeitsbesuch abstatten wollten. Und du? Was führt dich hierher?“
Warum tischte er dieser Frau nur einen derartigen Blödsinn auf? Machte er sich etwa einen Spaß daraus, ihr etwas vorzuspielen?
„Ihr kennt euch hier also aus?“, wollte die Frau wissen, ohne dabei auf Shions eigentliche Frage einzugehen.
„Nicht wirklich“, murmelte So-hyeon, ehe ihr ungewollter Bruder noch weiteren Unsinn verzapfen konnte. „Ich bin zum ersten Mal in dieser Gegend.“
Zumindest in ihrem aktuellen Zustand.
„Aha… Dann könnt auch ihr mir also wohl nichts über den Hakadorobou erzählen…“
„Den was?“, wiederholte So-hyeon irritert.
Die Frau seufzte ungeduldig.
„Ein Dämon, der meistens auf Friedhöfen zu finden ist! Soll vorranging in Shimotsuki aktiv sein, sagt man sich. Abgesehen davon verraten die Bücher allerdings nichts über ihn, weswegen ich wohl eigene Nachforschungen anstellen muss.“
Hakadorobou … Nun, musste ein lokales Phänomen sein, denn in diesem Kontext hörte So-hyeon dieses Wort wirklich zum ersten Mal! Doch warum interessierte sich diese Frau überhaupt für diese Wesenheit? Menschen sollten sich von Dämonen lieber fernhalten, besonders von solchen, die wohl auch mit dem Tod in enger Verbindung standen.
„Bist du denn eine Youkai -Forscherin?“, fragte Shion, wobei er so klang, als würde ihn die Antwort wirklich interessieren.
„Nicht direkt. Ich finde diese Wesen, ob nun Youkai, Kami, Seirei oder was auch immer interessant und möchte so viel über sie lernen, wie nur möglich ist – das ist alles.“
„Hm, tatsächlich? Dann hast du dir ja einiges vorgenommen! Wie dem auch sei, Nee-san und ich wollten uns soeben auf den Weg zum nächsten Dorf machen – es wird spät und ich schätze, dass es hier demnächst zu einem Unwetter kommen wird…“
Ja, das konnte auch So-hyeon riechen – der Duft des sich ankündigenden Regens, der kühle, föhnige Wind, den das Gewitter so gerne mit sich brachte. Zwar war es nicht so, als könnte ihr die Witterung sonderlich viel anhaben, aber ein warmes, trockenes Plätzchen war dennoch um einiges angenehmer als eine Nacht auf diesem kalten, nassen Friedhof.
„Ich bin gerade eben erst eingetroffen – ich werde nicht gehen, ehe ich mich nicht ein wenig umgesehen habe“, entgegnete die Fremde kurzangebunden.
„Das ist selbstverständlich deine Sache, aber auch den Youkai sind Gewitter und Platzregen zuwider – heute Nacht würdest du hier lediglich deine Zeit verschwenden.“
So-hyeon spürte eine leichte Berührung an ihrem Handgelenk, fühlte die eiskalte Haut des Kami; warum musste er ihr denn nur andauernd so nah auf die Pelle rücken?
„Ich kenne den Weg ins Dorf; folge mir einfach“, wisperte er ihr zu.
So-hyeon grummelte, ließ sich von Shion dann jedoch mitziehen – auch wenn es ihr nicht wirklich schlüssig war, wie es nun eigentlich dazu gekommen war, dass sie ihn als Begleiter gewonnen hatte. Hatte er etwa nichts Besseres zutun?
„In dem Fall werde ich mein Vorhaben wohl besser auf morgen – oder später – verschieben“, sagte nun auch die unbekannte Frau, auch wenn der Widerwillen, der in ihrer Stimme lag, beinahe greifbar war.
„Wunderbar, dann können wir ja gemeinsam gehen!“, bemerkte Shion unbeschwert. „Oh, und wahrscheinlich sollten wir uns wohl vorstellen, hm? Ich heiße -… Yuu und dies hier ist meine Schwester A-…“
„So-hyeon“, fiel sie ihm kühl ins Wort.
„Dann kommt ihr wohl aus Chanyeon oder Dalguk, hm? Mein Name ist Sono“, stellte sich die Fremde vor, wobei So-hyeon das Misstrauen, welches sie den beiden entgegenbrachte, nicht entging.
Nun hatte sie also nicht nur einen, sondern gleich zwei Begleiter am Hals – eine herrliche Aussicht…
Shion würde später jedenfalls so einiges zu erklären haben!