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Unbreakable

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe OC (Own Character)
18.09.2020
08.10.2021
50
219.138
14
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.09.2021 4.066
 
FORTY-SEVEN

Die restlichen Sommerferien waren perfekt.
Maron und Chiaki verbrachten fast jeden Tag miteinander. Gingen tagsüber aus (mit oder ohne Zen), besuchten sich gegenseitig zu Hause, schauten sich Filme an, oder trafen sich mit ihren besten Freunden. An Wochenenden zogen die beiden sich ins Hotel zurück und liebten sich bis zur Erschöpfung.
Gerade saßen sie sich in der großen Wanne des Hotelzimmers gegenüber, nahmen gemeinsam ein entspanntes Schaumbad.
„Chiaki“, begann Maron zu sagen, während er das Wasser abdrehte.
„Hm?“
„Ich habe mein Schreiben für die Ribbon abgeschickt.“
Chiaki sah auf und begegnete Maron’s Blick. „Okay.“
„Das heißt, ich muss auf jeden Fall meinen Abschluss machen, um ihnen mein Zeugnis nachzureichen“, sprach sie weiter.
„Nun, ich werde dich nicht davon abhalten zurückzukehren“, sagte er, nahm ihre Hand und zog sie zu sich, sodass sie auf seinem Schoß saß. „Als ob ich das könnte. Du hättest eh dein Ding durchgezogen“, fügte er schnaubend hinzu und grinste.
Sie grinste zur Bestätigung zurück. „Du hast deins auch schon abgeschickt, stimmt’s?“
Chiaki nickte.
„Du wirst garantiert ohne große Bedenken angenommen“, sagte Maron, ließ mit dem Finger ein paar Seifenbläschen auf seiner Brust platzen. „Dein Name allein reicht aus, damit sie dir die Zusage schicken.“
„Das ist eine Uni, keine Privatschule. Name und Status ist nicht alles.“
„Dein Notenspiegel ist nahezu perfekt.“
Chiaki schmunzelte. „Und du denkst nicht, dass du angenommen wirst?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
Maron zuckte mit den Schultern. „Ich hatte zum Tag der offenen Tür ein gutes Gespräch mit Katsumi gehabt. Sie sagte, ich wäre eine großartige Ergänzung für die Ribbon. Muss aber noch lange nichts heißen...“
„Wenn sie sagt, dass dem so wäre, dann ist es so“, entgegnete Chiaki mit Zuversicht, strich ihr sachte ein paar nasse Strähnen nach hinten und grinste sie schief an. „Ich bin mir sicher, dass ich dein rechthaberisches Gezicke auch in der Uni um mich haben werde und ertragen muss.“
Maron schlug ihm auf die Brust, worauf er laut auflachte. „Wären Sora und Zen nicht hier, würde ich garantiert nicht für dich an die Ribbon gehen wollen“, streckte sie ihm die Zunge aus.
Chiaki lachte noch mehr und kitzelte sie an den Seiten. Kreischend krümmte sie sich, versuchte zu entkommen, doch leider bot ihr die Wanne nicht viel Raum zum Flüchten an. Er zäunte sie mit seinen Armen ein, während sie mit dem Rücken gegen die Wannenwand gedrückt war.
„Schon darüber nachgedacht, wie dein Studentenleben aussehen wird?“
„Keine Ahnung“, antwortete Maron ihm und lächelte. „Auf jeden Fall ohne Spielkarten und geheime Mafiaorganisationen.“
„Abgesehen davon“, rollte Chiaki mit den Augen.
Sie zuckte schmunzelnd mit den Schultern. „Auf was willst du hinaus?“
„Zieh bei uns ein“, sagte er prompt, die Stimme tief und sanft. „Du wärst immer noch nah genug bei Sora und Zen, die Ribbon wäre auch nur eine halbe Stunde Fahrt entfernt, ich wäre für Mom da, und wir würden zusammen sein.“ Lächelnd strich er mit der Nase über ihre. „Ich habe Mom schon gefragt und sie würde sich freuen.“
Mit großen Augen blinzelte Maron ihn an. Konnte nicht glauben, dass er ihr dieses Angebot machte und dass er seine Mutter schon gefragt hatte, dass sie mit ihnen zusammenleben würde.
„Was sagst du dazu, M?“, fragte er, blickte sie eindringlich an.
„Ja...“ Ein riesiges, strahlendes Lächeln bildete sich auf ihre Lippen. „Ja. Das hört sich wunderbar an.“
Maron nahm sein Gesicht in beide Hände und zog ihn zu einem innigen Kuss herunter. Sanft erwiderte Chiaki den Kuss, eine Hand auf ihrer Wange ruhend. Sie verloren sich in den Kuss, der von Sekunde zu Sekunde fordernder wurde. Er hob ihren Unterkörper etwas an, presste sie an sich und ihre Beine streiften etwas Hartes. Ihre Beine wurden über den Rand auseinandergelegt und Wasser schwappte über. Ein unterdrücktes Stöhnen entkam ihrer Kehle, als sie ihn in der nächsten Sekunde in sich spürte. Es wurden keine weiteren Worte ausgetauscht, während sie sich dem Verlangen füreinander wieder vollkommen hingaben.
***

Der Sommer könnte nicht besser laufen, bis es letztendlich Zeit war zur Schule zurückzukehren.
„Ich versteh das nicht, Maron. Warum willst du nach allem, was du dort durchmachen musstest, zurück?“
„Es ist mein letztes Semester“, sagte sie, packte ihre Tasche. Zen hockte auf einem Berg Klamotten, schaute Fernsehen und aß seinen Snack. „Wie würde es für die Ribbon aussehen, wenn ich kurz vor Ende plötzlich die Schule wechsle?“
„Wen interessiert das?“, kam es von Sora zurück. „Sie würden es verstehen, wenn du ihnen deine Situation erklärst.“
„Vielleicht, aber es geht um mehr. Ich will keinen Rückzieher machen. Mom hat mich nicht dazu erzogen wegzulaufen, wenn es hart wird.“
„Maron.“ Sora drehte sie zu sich um. „Du wurdest attackiert, festgebunden und in einen Fluss geschmissen!“
Maron sah zu Zen. Er schaute nicht mehr auf den Fernseher, sondern zu ihnen rüber.
„Sora, mach ihm keine Angst“, sagte sie mit gesenkter Stimme. „Ich verspreche dir, mir wird es gut gehen.“
„Nein.“
„Aber ich muss zurück! Ich muss das stoppen, denn offensichtlich wird niemand sonst es tun.“
„Das ist Tanemura’s Problem. Wenn er glücklich damit ist, eine ganze Klasse voller Schwerverbrecher zu lehren, dann sollen die Behörden sich darum kümmern. Nicht du, Maron. Du gehst nicht in diese Schule zurück.“
„Ich bin achtzehn. Ich brauche deine Erlaubnis nicht.“ Maron verschränkte ihre Arme vor der Brust und bereute die Worte direkt wieder. „Hör zu. Mir ist das wichtig. Ich habe eine Menge durchgemacht, um an dieser Schule meinen Abschluss zu machen.“
„Und ich achte auf deine Sicherheit“, sagte Sora, war genauso erschöpft von diesem Gespräch. „Denk an deine Mutter. Hätte sie gewollt, dass du so leiden musstest? Würde sie wollen, dass du dich mit deiner Rückkehr in Gefahr begibst?“
„Nein“, seufzte Maron schwer. „Aber hör dir bitte meinen Plan an.“
„Nein.“
Es brauchte den ganzen Tag, bis Maron ihre Tante dazu bringen konnte ihr zuzuhören.
Letztendlich gab Sora nach und Maron durfte mit ihrer Zustimmung zur Akademie zurückkehren, unter der Bedingung, dass sie dreimal am Tag sich meldete und ihr versicherte, dass es ihr gut ging. Sollte sie einen Anruf vergessen, würde Sora persönlich zum Campus fahren und sie da rausholen.

Die Fahrt zur Tanemura Akademie war nicht mehr so wie vor drei Jahren. Damals gingen ihr alle möglichen Emotionen durch: Freude, Aufregung, Angst, Kummer, Resignation.
Nichts von dem war jetzt zu fühlen. Aktuell wusste Maron selbst nicht, was sie fühlte.
Die gesamte Fahrt lang gab Sora ihr einen stetigen Schwall an Warnungen.
„Geh nirgendwo allein hin.“
„Das werde ich nicht.“
„Jage niemanden mitten in der Nacht in den Wald.“
„Das habe ich gelernt.“
„Du weißt, dass du Natsuki und Chiaki vertrauen kannst. Bleib bei ihnen.“
„Das werde ich, Sora.“
„Ruf mich jeden Tag an. Ich meine es ernst.“
„Ich weiß. Ich verspreche dir, ich rufe dich an.“
Sie hielten am Bürgersteig an. Maron stieg aus, verabschiedete sich von Zen und Sora.
„Hab dich lieb, Kleines“, sagte Sora, während sie sich umarmten. „Pass auf dich auf. Mach keine Dummheiten.“
Maron kicherte sanft. „Ja. Hab dich auch lieb.“
Widerwillig ließen sie einander los. Maron winkte dem Auto nach, bis es nicht mehr zu sehen war und drehte sich anschließen zu den Toren um.
Jemand stand davor und blickte zu ihr zurück. Maron wappnete sich und ging auf ihn zu.
„Bist du bereit?“, fragte Chiaki, streckte seine Hand aus.
Sie nickte, nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger miteinander. „Ich bin bereit.“
Gemeinsam drehten die beiden sich um und gingen durch die Tore.
Alle Blicke waren auf sie gerichtet, von den Anschlussjahrgängern bis zu den Erstjahrgängern, und sie trugen alle denselben Gesichtsausdruck.
Warum ist sie wieder da?
Die Fassungslosigkeit war zu erwarten.
Maron erwartete Ace’s Zorn, weil sie sich ihm widersetzte, aber niemand konnte erwarten, was sie als nächstes tun würde.
„Das Wichtigste zuerst“, sagte sie, als sie den Rasen zum Wohnheim überquerten. „Wir finden diese Jahrbücher.“
***

„Wer hätte gedacht, dass das so schwierig wird.“
Es war Samstag und Natsuki blätterte zum fünften Mal durch das Jahrbuch ihrer Mutter. Die beiden Freundinnen saßen beim Springbrunnen, warteten auf die Jungs, dass diese kamen und ihre Jahrbücher von daheim mitbrachten.
„Die Jungs haben auch nur Jahrbücher, die nur so weit zurückgehen, wie ihre Eltern zur Akademie gingen. Es wird garantiert nichts nützen. Toki’s Familie sind wahrscheinlich die Einzigen, die besessen von diesem Vermächtnis-Zeug sind“, sprach sie weiter.
Maron seufzte kopfschüttelnd. „Ich kann nicht glauben, dass ich seine Bücher verloren hab.“
„Ich kann nicht glauben, dass wir ihn verloren haben“, sagte Natsuki.
Es herrschte beklemmende Stille. Sie waren seit einem Monat im neuen Semester zurück und Toki wurde immer noch vermisst.
Für Maron war es weiterhin schwer an diese Nacht zu zurückzudenken.
„Denkst du, er ist tot?“, fragte Natsuki leise.
„Ich will gar nicht daran denken, Natsu. Das wäre zu viel.“
„Das ist alles zu viel.“
Dem konnte Maron nichts entgegensetzen. Ihre Erwartungen wurden erfüllt und Ace war nicht erfreut über ihre Rückkehr in die Akademie.
Die ersten Unterrichtstage waren gefüllt von Drohungen die massenweise ankamen.
„Du wirst es bereuen, zurückgekommen zu sein.“
„Ich bekomme dich von dieser Schule los und sei es das Letzte, was ich tue.“
„Dich ertrinken zu lassen, war noch zu nett. Beim nächsten Mal lasse ich mir was Besseres einfallen.“

So ging das weiter, bis Maron die Nummer sperrte. Es war wahrscheinlich nicht die beste Idee, aber sie hielt es nicht mehr aus. Das nächste Mal, wenn Ace ihr etwas sagen will, dann soll er ihr es ins Gesicht sagen.
Maron war sich sicher, dass dieses Treffen bald passieren wird, aber die Wochen vergingen und sie kamen mit den dreizehn Familien nicht weiter.
Die Jungs erschienen auch endlich und zeigten ihnen ihre Jahrbücher, aber es war wie zu erwarten nicht genug.
„Wenn wir die Leute doch nur nach den Büchern fragen könnten“, sagte Natsuki in einem hoffnungslosen Ton.
„Wir wollen nicht, dass Ace weiß, dass wir auf der Suche nach ihnen sind“, entgegnete Yamato.
„Er denkt, dass er gewonnen hat, nachdem er uns die Sporttasche weggeschnappt hat. Das soll auch so bleiben“, stimmte Kagura zu.
„Wird bestimmt schon niemand erfahren, dass wir nach ihnen suchen“, warf Natsuki ein. „Die andere Klasse sehen wir schließlich nicht mehr.“
Gott sei dank, dachte Maron sich.
In den ersten beiden Wochen brachen mehr Prügeleien in ihrem Jahrgang aus als im gesamten ersten Halbjahr. Insbesondere wegen dem Video vor den Sommerferien. An einem Tag hatten Yashiro und Maron sich fast die Haare rausgerissen und ein duzend Erwachsene mussten sie auseinanderbringen. Der Rektor hatte am nächsten Tag alle für eine Versammlung in die Aula gerufen und brüllte sich entrüstet die Seele aus dem Leib. Dennoch wurde niemand bestraft. Selbst für das Video wurde niemand bestraft, was womöglich gut für Miyako, Cersia, Kimi und Noyn war, aber es war dennoch keine Genugtuung für deren Bedürfnis nach Vergeltung.
Letztendlich wurden die getrennten Abschlussklassen in unterschiedliche Stockwerke versetzt. Maron’s Klasse war im ersten Stock, während die anderen im dritten Stock blieben.
„Wir sehen sie zwar nicht mehr, aber es können immer noch Spades in unserer Klasse sein“, sagte Maron ernst. „Wir können niemanden sagen, dass wir nach den Jahrbüchern suchen.“
„Es sind Wochen her und wir stecken wieder in einer Sackgasse, M“, argumentierte Natsuki, war sichtlich frustriert und verzweifelt.
Shinji legte seiner Freundin beruhigend einen Arm um die Schulter und zog sie enger zu sich, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Seit dem Video waren die beiden sich näher als je zuvor. Womöglich hatte er realisiert, wie viel ihm Natsuki bedeutete und dass er sie auf keinen Fall verlieren wollte. Maron freute sich für die beiden.
„Was können wir noch machen?“, überlegte Chiaki laut.
Maron seufzte ahnungslos.
Natsuki löste sich aus Shinji’s Umarmung. „Es gibt eine weitere Person, die mir einfällt, die genauso viele Exemplare haben muss, wie Toki’s Familie. Vielleicht können wir ihn fragen?“
Fragend blickten alle sie an. „Wen?“, fragte Shinji.
„Rektor Himoru Tanemura.“
Maron sprang auf. „Das ist es! Natsu, du bist ein Genie!“
„Den Rektor fragen?“, wiederholte Shinji.
„Könnte doch nicht schaden.“ Ein Hoffnungsschimmer breitete sich in ihr aus. „Natsu hat recht. Er muss mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Haufen Schuljahrbücher besitzen. Vielleicht sind die in der Verwaltung.“
„Es besteht kein Grund für ihn, die dir zu zeigen“, entgegnete Kagura mit Skepsis.
„Ich kann trotzdem fragen. Wenn das nicht klappt, denken wir uns was anderes aus.“
„Sie hat recht“, sagte Yamato. „Fragen schadet wirklich nicht.“
Chiaki rollte mit den Augen. „Fein. Gehen wir.“
Damit standen alle auf und die Gruppe begab sich zum Hauptgebäude.

Da Samstag war, war nur das Sekretariat und das Büro des Rektors in der Verwaltung offen.
„Wartet hier, während Natsuki und ich reingehen“, sagte Maron, drehte sich zu den Jungs um. „Es würde komisch aussehen, wenn wir alle da antanzen und ihn nach den Jahrbüchern fragen.“
Die Jungs zogen sich zurück, blieben jedoch noch in der Nähe.
Die Mädchen gingen rein und Mrs. Kishimoto sah zu ihnen auf. Die Bürotür vom Rektor war auf und man konnte ihn an irgendwelchen Papierkram arbeiten sehen.
„Hallo, Mrs. Kririshima“, lächelte Maron freundlich, versuchte in ihrer Stimme nichts preiszugeben.
„Was kann ich für euch Mädchen tun?“, fragte die Sekretärin.
„Entschuldigen Sie, dass wir stören, aber wir möchten Sie nach den Jahrbüchern fragen“, sagte Natsuki.
„Jahrbücher?“
Die Mädchen nickten. „Ja, meine Familie besaß welche, die über Jahre zurückgingen, doch leider sind sie durch einen Wasserschaden verloren gegangen“, sprach Natsuki mit schwerem Bedauern weiter, „Gibt es eine Möglichkeit neue zu bekommen? Können wir von der Schule Ersatz kaufen?“
Die Frau schüttelte den Kopf. „Sehr bedauerlich. Ich wünschte, ich könnte helfen, aber das ist nicht so einfach. Wir bestellen die Bücher vom Hersteller und bekommen nur so viel, wie bezahlt wurde. Wenn jemand sein Exemplar verliert, gibt es keinen Ersatz.“
„Schade“, sagte Maron mit aufgesetzter Traurigkeit. „Wir wollten sie dafür nutzen Natsuki's Familienstammbaum zu dokumentieren.“
„Oh, was für ein aufregendes Projekt. Vielleicht gibt es etwas, was ich tun kann...“ Mrs. Kishimoto überlegte. „Sie können mit dem Direktor sprechen. Er hat Exemplare von allen Jahrbüchern in seinem Büro. Ich bin mir sicher, dass er ihnen behilflich sein wird.“ Sie erhob sich von ihrem Stuhl. „Möchten Sie, dass ich ihn frage?“
Maron sah zu Rektor Tanemura, der nach wie vor über den Tisch gebeugt und in seiner Arbeit vertieft war. „Nein. Ist schon okay.“
„Wir wollen ihn nicht stören“, sagte Natsuki.
„Okay, wie Sie wollen.“
Sie verabschiedeten sich von der Sekretärin und eilten nach draußen, wo die Jungs warteten.
„Und, was hat er gesagt?“, fragte Chiaki.
„Er hat die Bücher in seinem Büro“, sagte Maron.
„Lässt er sie euch sehen?“, kam es von Kagura.
„Haben nicht gefragt“, antwortete Natsuki.
„Uhm...Wieso nicht?“, fragte Shinji.
„Weil es nicht gut wäre, wenn er über unsere Schultern schaut und sieht, dass wir uns Namen von jedem Buch aufschreiben. Wenn er sie uns überhaupt sehen gelassen hätte“, sagte Maron. „Ich muss allein wiederkommen und sie mir anschauen.“
Natsuki zog eine Augenbraue hoch. „Allein?“
„Was soll das jetzt heißen?“, fragte Yamato.
„Ich breche in sein Büro ein.“
Damit herrschte für einen Moment entgeisterte Stille.
„Wie zum Teufel willst du das machen? Hast du ein Einbruchset, oder was?“, fragte Kagura.
„Ein Hammer tut’s auch. Ich hab’ meinen noch im Zimmer rumliegen.“ Damit wollte Maron sich ins Wohnheim begeben und es holen, als eine Hand auf der Schulter sie aufhielt.
„Du wirst den Hammer nicht brauchen. Wir werden auch ohne reinkommen.“ Alle sahen Chiaki fragend an.
„Euer ernst jetzt?“, fragte Shinji verwirrt.
„Das ist verrückt“, kam es von Yamato. „Ihr könnt dafür verwiesen werden.“
„Wir werden uns schon nicht erwischen lassen“, sagte Maron. „Die einzigen Kameras sind bei den Wohnheimen und draußen im Hof. Das Hauptgebäude hat keine und ich war oft genug in Tanemura’s Büro, um zu wissen, dass es dort auch keine gibt.“
Sie blickte kalkulierend auf ihre Uhr. „Um fünf macht Mrs. Kishimoto Feierabend und der Rektor zieht sich dorthin zurück, wo auch immer er herkommt. Das Büro wird leer sein, aber es wäre besser, wenn wir warten, bis es dunkel geworden ist.“
Man starrte sie an, als wäre sie vollkommen durchgeknallt.
Shinji ergriff schließlich das Wort: „Dann lass mich das machen“, bot er an, „Bei mir ist es egal, ob ich verwiesen werde. Ihr müsst darauf achten, dass ihr in die Uni kommt.“
„Nein“, warf Chiaki ruhig ein und blickte seine Freunde an. „Wir alle gehen.“
„Hm. Das sind zu viele Namen, dass eine Person allein sie durchgehen kann“, fügte Yamato hinzu.
Maron wollte was einwenden, aber er hatte recht. Zu sechs wäre das einfacher.
Sie sah die entschlossenen Ausdrücke auf ihren Gesichtern und nickte.
„Okay. Na, dann los.“

Es war erstaunlich, wie einfach das war. Maron holte in ihrem Zimmer zügig ein paar Sachen und traf sich mit den anderen draußen wieder. Zu sechs gingen sie über den Schulhof, fanden eine ruhige Stelle zum Sitzen und Warten. Als es dunkel genug war und die meisten Leute vom Schulhof verschwunden waren, begaben sie sich zum Hauptgebäude, traten gemeinsam ein.
Maron probierte die Türklinke des Verwaltungszimmers. Sie rührte sich nicht.
„Lass mich.“ Chiaki schob sie beiseite und begann am Schloss mit etwas Dünnem zu hantieren. Alle sahen ihm sichtlich erstaunt zu.
„Woher weißt du wie man Schlösser knackt?“, fragte Maron ungläubig.
„Kenji hat es mir beigebracht. Es ist Teil seines Vertrags Notfallübungen mit mir und Mom durchzuführen, falls wir jemals in eine Entführungssituation geraten. Aus Fesseln zu kommen spielt keine Rolle, wenn man nicht aus dem Raum entkommen kann.“
„Wow.“
„Für dich organisierte ich demnächst auch sowas.“
Im nächsten Moment war ein Klicken zu hören und die Tür schwang geräuschlos auf. Chiaki öffnete sie und zusammen durchquerte die Gruppe den Raum, steuerten auf das Büro des Rektors zu. Dessen Türklinke bekam dieselbe Behandlung. Es brauchte ein paar Sekunden, bis auch diese Tür aufging und sie reinkonnten.
„Wir sind drin“, flüsterte Maron, trat als Erste ein und schaltete ihre Handytaschenlampe an. „Sucht überall.“
„Warum flüsterst du?“, sagte Chiaki im normalen Ton. „Wir sind die einzigen hier.“
„Sei einfach still“, zischte sie, während die anderen amüsiert kicherten. „Findet die Jahrbücher.“
Die Gruppe verteilte sich im Raum. Chiaki suchte beim Schreibtisch. Yamato scannte die Bücherregale. Shinji und Natsuki begannen Aktenschränke zu öffnen. Kagura blieb bei der Verwaltungstür draußen und hielt Ausschau.
Wortlos suchten die fünf im Büro nach den Büchern. Maron durchwühlte einen Schrank voller dicker Ordner, überprüfte alles gründlich, nur um sicher zu gehen.
„Hier sind sie“, kam es plötzlich von Natsuki. Shinji griff in das Fach rein, in welches sie reinschaute und holte so viele, wie er tragen konnte, heraus.
Jahrbücher in verschiedenen Stilen, Farben und Größen.
Sie haben sie gefunden.
Natsuki holte die restlichen heraus und verteilte sie auf dem Tisch und Boden.
Maron griff in ihre Tasche und zog Notizblöcke und Stifte heraus, gab sie ihnen allen. „Schreibt so schnell ihr könnt die Namen, die immer wieder auftauchen, auf. Wir vergleichen sie danach.“
Sie zog den Stapel mit den aktuelleren Jahren zu sich und dann machten sich alle an die Arbeit. Es wurde kein Wort gesprochen, während im Halbdunkeln gelesen und gesucht wurde. Maron sah, dass jeder um sie herum nach und nach anfing sich Namen aufzuschreiben. Ihr eigener Block war derweil noch leer, als sie den Jahrgang von Prof. Maruki erreichte.
Sie blätterte weiter, scannte aufmerksam die Namen, bis sie einen fand. Und dann noch einen. Ihre Augen begannen zu schmerzen, als sie bei den 90ern war, aber sie zwang sich, sich zu konzentrieren.
Sie waren so nah dran.
Sie griff nach dem vorletzten Buch auf ihrem Stapel und begann mit den Abschlussjahrgängern. Ihr Blick flog über unzählige Namen und Gesichtern mit altmodischen Frisuren. Als sie die Mitte erreichte, hielt sie kurz inne.
Moment mal...!
„Das war das Letzte. Gib mir deins, M, damit wir die alle wegtun und gehen können.“
Maron zuckte zusammen. „Was? Oh, ja. Hier. Ich bin auch fertig.“
Natsuki sammelte die Bücher ein und gab sie Shinji, der sie zügig in die ursprüngliche Reihenfolge zurückstellte. Gerade als er nach dem letzten Stapel greifen wollte, flog die Tür auf.
„Wir müssen von hier verschwinden. Jetzt!“, sagte Kagura.
„Hey! Was ist das für ein Licht?!“, war Hanzou’s Stimme dumpf zu hören. „Wer ist da?!“
Shinji riss Natsuki die Bücher aus den Händen und warf sie in den Schrank. Kagura knallte die Bürotür zu, während die anderen sich so schnell wie möglich erhoben und ihre Sachen zusammennahmen.
„Schnell“, zischte Yamato. „Aus dem Fenster!“
Er riss den Vorhang nahezu herunter und warf das Fenster weit auf, während laut an der Bürotür gehämmert wurde.
„Wer ist da!?“, brüllte Hanzou.
Chiaki und Shinji schnappten sich die Mädels und manövrierten sie kurzerhand aus dem Fenster.
Unsanft landeten Maron und Natsuki auf dem Gras und rappelten sich schnell auf die Beine, machten den Jungs Platz. Die vier sprangen raus und zusammen rannten sie los, als Hanzou ins Büro des Rektors reinstürmte.
Sie rannten, bis sie vor dem Springbrunnen anhielten. Einige brachen in Gelächter aus.
„Ich muss zugeben-“, atmete Natsuki schwer, aber dennoch mit einem abenteuerlichen Lächeln, „-das war aufregend.“
Vollkommen außer Atem brach Maron hingegen nahezu zusammen, versuchte ihr Herz zu beruhigen. „Ich bin nicht für das Einbrecherleben geschaffen“, ächzte sie.
„Mal sehen, ob es das wert war“, sagte Chiaki.
Chiaki, Yamato, Shinji und Natsuki zogen ihre Notizblätter heraus und reichten sie ihr.
Im Halbkreis saßen ihre Freunde um Maron herum, während sie alle Namen durchging, welche durchstrich und welche markierte.
Es waren über siebzig Namen, aber je weiter sie zeitlich zurück ging, desto mehr konnten eliminieren werden.
Nach einer Weile hatte sie den letzten Namen aufgeschrieben und legte den Stift weg.
„Eins, Zwei, Drei....“, zählte sie. „Dreizehn.“ Ihre Hand zitterte, als sie das Blatt rumreichte. „Das sind sie alle. Das sind die Spades.“
„Nicht alle“, sagte Chiaki. „Nicht Nagoya.“
„Nein, nicht du“, stimmte Maron ihm zu.
„Aber schaut euch die anderen Namen an“, sagte Yamato, dessen Haut blass war. „Die können doch nicht alle Spades sein.“
„Es sind dieselben dreizehn Namen, die in den meisten Büchern auftauchten. Das kann kein Zufall sein“, sagte Natsuki, ebenso blass.
„Ganz ehrlich, manche wundern mich nicht“, sagte Shinji abfällig schnaubend.
„Wir werden herausfinden, ob das wahr ist.“ Maron nahm die Liste wieder an sich. „Die Spades wissen es nicht, aber sie sind erledigt.“
***

„Was wirst du jetzt machen?“, fragte Natsuki, während sie und Maron sich am darauffolgenden Montag zum Frühstück anstellten.
„Du weißt, was ich machen werde”, sagte Maron, „Du kennst den Plan. Die Jungs kennen den Plan. Ich werde nicht davon abweichen.“
„Und wenn sie abweichen? Du kannst nicht vorhersehen, was sie tun werden. Niemand in seinen wildesten Träumen hätte erwartet, dass man dich attackiert und in den Fluss wirft.“
„Ich kann zwar nicht alle Schritte von ihnen vorhersehen, aber ich weiß, dass Ace kein Idiot ist. Wenn ich mich in ihn hineinversetze, dann würde ich genau das machen, wenn ich Ace wäre.“
„Okay, okay, ich denke nur-“ Sie nahm einen zittrigen Atemzug. „Ich wünschte, ich könnte mehr für dich tun.“
„Du hast genug getan, um zu helfen, Natsu. Wir sind das beste Team, was es gibt.“
Die Freundinnen lächelten sich an. Anschließend begaben sie sich zu ihrem Tisch. Die Cafeteria füllte sich und der Rest ihrer Original-Achtergruppe setzte sich zu ihnen dazu.
Nach einigen Minuten flogen die Türen auf.
„Achtung, Schüler“, kündigte Rektor Tanemura an. „Es wird in zehn Minuten eine Notfallversammlung in der Aula geben. Frühstücken Sie fertig und begeben Sie sich sofort dahin. Haben Sie verstanden?“
„Ja, Sir.“
„Worum geht es jetzt?“, fragte Kimi stöhnend, nachdem er gegangen war. „Was haben wir jetzt getan?“
Maron und Chiaki tauschten sich einen Blick aus.
Sie beendeten alle ihr Frühstück und ging als Gruppe zur Aula, nahmen die hinteren Reihen ein. Nach einigen Minuten waren alle Klassen und Jahrgänge da.
Geflüster war im gesamten Saal zu hören. „Was jetzt?“, fragte sich jeder genervt.
Rektor Tanemura trat hervor, mit einem wütenden Gesichtsausdruck.
„Guten Morgen. Ich spreche zu Ihnen allen, weil in meinem Büro eingebrochen wurde und der oder die Verantwortlichen...“
Maron blendete den Rektor und seine Versprechungen für schwere Strafen aus. Stattdessen holte sie ihr Handy heraus. Sie ging ihre Chatliste durch.
Es bestand keinen Grund mehr zu warten. Zeit sich Ace zu stellen.
Ihr Handy vibrierte, wie verrückt, nachdem sie dessen Nummer entsperrte und eine Flut an Nachrichten eintraf. Sie ignorierte sie alle und schrieb ihre eigene Nachricht.
Dreizehn Familiennamen.
Sie hatten sich in ihrem Gedächtnis eingebrannt. Sie brauchte die Liste nicht, um den letzten Namen einzutippen und Senden zu drücken. Anschließend packte Maron ihr Handy wieder in ihre Tasche. Mehr brauchte sie nicht zu sagen.
Es war Zeit für Ace’s Schachzug.
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