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Unbreakable

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe OC (Own Character)
18.09.2020
08.10.2021
50
219.138
14
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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09.07.2021 6.574
 
FORTY-ONE

Die restliche erste Schulwoche ging schnell, aber nicht gerade ruhig vorbei.
Die neuen Knights warfen Maruki drei weitere Mal aus seinem Klassenzimmer raus und es gab weitere brüllende Diskussionen, die nirgendwohin führten. Maron wurde von allen Seiten mit Fragen über den ‚anonymen Schüler‘ überrannt, während Chiaki so aussah, als würde er sich geradeso zurückhalten, um nicht dazwischen zu gehen.
Sie kam sich vor, als würde die gesamte Schule auseinanderbrechen.
Am Freitagabend trat sie aus Rektor Tanemura’s Büro, war noch nie so erleichtert darüber, dass endlich Wochenende war und sie diesen Ort für die Tage hinter sich lassen konnte.
„Danke, dass Sie mit mir gesprochen haben, Maron.“ Inspektorin Mori folgte ihr nach draußen und schüttelte ihre Hand. Der Rektor hatte Maron davor gewarnt, dass die Polizei vorbeischauen und mit ihr reden würde. Demnach war es für Maron keine Überraschung, als sie ihn und Inspektorin Mori nach ihrer letzten Stunde wartend vor dem Klassenzimmer vorfand.
Inspektorin Mori war nett und geduldig, als Maron ihr ihre Story schilderte. Sie hörte ohne Unterbrechungen zu und fragte nur wenige Fragen zur Klarstellung. Maron konnte spüren, dass die Frau ihr helfen wollte.
„Ich möchte, dass Sie wissen, dass die Suche nach Sayuri Mikami bereits begonnen hat. Wir haben ehemalige Mitarbeiter, als auch Freunde kontaktiert. Sie zu finden ist unsere oberste Priorität.“
Maron stoppte. „Was passiert, wenn Sie sie nicht finden können?“ Ihre Verdächtige lag schließlich im tiefsten Abgrund einer Klippe...
Mori’s Handy ertönte. Sie nahm es heraus, blickte flüchtig darauf und antwortete Maron abgelenkt: „Hmm. Oh, ja. Wir werden sie finden. Ich habe keinen Zweifel, dass sie lokalisiert und angeklagt wird. Gerechtigkeit wird walten.“ Mori schaute vom Bildschirm auf. „Ich muss leider gehen, aber Sie werden auf Weiteres informiert. Auf Wiedersehen, Miss Kusakabe.“
Damit war die Frau verschwunden, bevor Maron noch etwas erwidern konnte.
Es hatte letztendlich keinen Sinn da nachzuhaken. Solange das Video nicht veröffentlicht wird, wird man Sayuri auch nicht finden.
Zeit zu gehen, dachte Maron sich, als sie kurz ins Wohnheim ging und ihre Tasche holte, die in der Eingangshalle stand. Die Liste der Ace-Verdächtigen war tief in ihrer Jackentasche versteckt, nachdem Maron, Chiaki, Natsuki, Shinji, Kagura und Yamato sie die ganze Nacht durchgingen. Sie waren nicht in der Lage, jemanden auszustreichen, aber Maron hatte die Liste bei sich behalten und Notizen an den Rändern gekritzelt.

Chiaki hupte, als sie aus den Toren trat. Maron nahm auf den Beifahrersitz Platz und warf ihre Tasche auf den Rücksitz. „Ich bin froh, dass wir das tun. Nach dieser Woche brauchte ich diese Pause.“
„Es wird chillig“, sagte er und fuhr los. „Mom hat gute Laune und sie freut sich, dass wir kommen. Sie bringt den Koch dazu uns jeden Abend ein Festmahl zu kochen, und sie hat all ihre Lieblings-Retro-Filme rausgeholt, damit wir sie uns zusammen anschauen können.“
„Das klingt perfekt.“ Ihre Lippen formten sich zum ersten Mal an diesem Tag zu einem Lächeln. „Also...Was werden du und ich zusammen machen?“
„Ich habe Pläne.“ Mehr bekam sie aus ihm nicht heraus.
Die Fahrt zur Nagoya-Villa war kurz. Zwanzig Minuten später waren sie in seiner Einfahrt. Einer der Angestellten kam ihnen entgegen und nahm die Autoschlüssel von seinen Händen, während Chiaki ihr die Beifahrertür öffnete.
Er führte Maron ins Haus hinein. „Du und Mom geht morgen früh zur Bank, aber heute Abend dachte sie, würden wir mit den Film-Marathon anfangen. Sie hat schon alle Audrey Hepburn-Filme im Kino auf der Warteschleife stehen.“
„Ooh. Audrey Hepburn.“ Maron grinste. „Midori hat einen guten Geschmack.“
Chiaki lachte. Er ließ vor ihren Augen locker. Die harten Züge wurden sanfter und die Schultern entspannten sich. Er freute sich auch auf das Wochenende.
„Hast du Hunger? Der Koch kann das Abendessen servieren, wann immer du willst.“
Verneinend schüttelte Maron den Kopf. „Ich bin noch nicht hungrig, aber lass uns vor den Film essen, damit ich mich nicht mit Popcorn vollstopfe.“
„Cool.“ Er griff nach ihrer Hand. „Lass mich dir dein Zimmer zeigen.“
„Mein Zimmer?“ Sie ließ sich von ihm mitzerren. „Ich dachte, wir würden-“
Chiaki schaute sie über die Schulter an und hob eine Augenbraue. „Dachtest du, wir würden im selben Bett schlafen?“
„Ja“, antwortete Maron ehrlich, trotz ihrer glühenden Wangen. „Ich habe extra meine schönste Nachtwäsche eingepackt“, fügte sie scherzend hinzu.
Er warf ihr einen Blick zu und sie konnte ihm fast ansehen, dass er es in Erwägung zog seine Meinung zu ändern.
„Nun, ich hätte nichts dagegen, aber meine Mutter ist am anderen Ende des Flurs.“ Er zwinkerte ihr zu. „Keine Sorge. Wir werden Zeit für uns haben. Ich sagte dir, dass ich was geplant habe.“
„Okay. Ich muss dir dann wohl vertrauen“, neckte sie.
Chiaki gab Maron eine Mini-Tour durch ihr Zimmer. Ihr ganzes Haus könnte darin untergebracht werden und es war nur ein paar Türen von seinem Zimmer entfernt. Es war ein wunderschöner Raum mit Plüschteppich und einem massiven Bett, welches sie leider ohne ihn belegen würde.
Nicht, dass Maron nur deswegen zu diesem Trip gekommen war - aber sie wollte, dass ihre Beziehung vorankam. Sich weiterentwickelt.
Sie hatten sich noch nicht mal richtig geküsst, seit sie zusammen waren (wenn man von dem einen Mal zu Weihnachten absah, wo Zen ihm eine reingehauen hatte). Und jedes Mal, wenn sie es versuchte, blockte er ab - zu ihrer Frustration.
Chiaki ließ Maron vor dem Abendessen allein, damit sie sich fertig machen konnte. In der Badewanne sank sie etwas runter, während er Herr ihrer Gedankenwelt war.
Eine Beziehung mit Chiaki war nie einfach, das wusste sie. Es gab zu viel Vergangenheit zwischen ihnen - insbesondere in diesen Gemäuern.
Aber sie hatte ihn gewählt. Sie musste ihn wissen lassen, dass er diese Wahl wert war.
Nach einer guten Weile zwang Maron sich aus der Wanne. Sie zog sich in eine bequeme Jeans und ein lockeres Oberteil um, machte sich anschließend auf die Suche nach Chiaki und Midori.
Als würden ihre Füße sich an den Weg erinnern, fand Maron die beiden ohne Probleme im Esszimmer.
Midori’s schönes Lächeln erhellte den Raum. „Da bist du ja, Liebes. Wie gefällt dir dein Zimmer? Wenn es zu klein ist, können wir dir ein größeres geben.“
„Es ist perfekt.“ Maron blieb am Kopfende des Tisches stehen und küsste ihre Wange. Chiaki saß zu Midori’s Linken und zu ihrer Rechten hielt ein Angestellter Maron den Stuhl. „Danke, dass ich hier sein darf.“
„Du bist hier jederzeit willkommen, Maron. Ich bin mir sicher, Chiaki freut sich auch über deine Gesellschaft.“
Midori gab ihrem Sohn einen wissenden Blick, worauf Maron’s Augenbrauen in die Höhe schossen.
„Stimmt das, Chiaki Nagoya? Willst du mich bei dir haben?“, grinste Maron ihn an.
„Das tut er mit Sicherheit. Er redet die ganze Zeit über dich“, antwortete Midori. „Ich habe deinen Namen die ganzen Ferien gehört.“
Während Maron sich ein Kichern verkniff, sah Chiaki zwischen ihr und seiner Mutter hin und her. „Ich sehe schon, wie das Wochenende für mich laufen wird.“
Maron und Midori lachten herzlich auf und es dauerte nicht lange, dass Chiaki sich ihnen anschloss.
Ihr Besuch hatte gerade erst angefangen und Maron genoss ihn schon sichtlich. Das war genau das, was sie wollte, und mehr.

„Ich hoffe, du magst klassische Filme, Maron.“ Midori hielt Kenji’s Arm, als er sie Richtung Heimkino begleitete. „Ich habe meinem Sohn gesagt, dass es nichts anderes gibt, dass es wert ist zu gucken.“
„Und ich habe Mom gesagt, dass sie diese über-geschauspielerten Klassiker in der Vergangenheit lassen wird, sobald sie sich einmal der High-Definition und den Special Effects ergibt“, erwiderte Chiaki.
Midori schnappte nach Luft. „Über-geschauspielert? Wie kannst du nur. Das sind die größten, talentiertesten Entertainer unserer Geschichte. Ich kann dir versichern, dass keiner dieser explodierenden, autojagenden Kopfschmerzen in der Filmgeschichte zelebriert werden.“
Die Diskussion zwischen Mutter und Sohn ging für eine Weile weiter, während Maron etwas zurückblieb und ihnen zusah. Auf halben Weg war Chiaki an Kenji’s Stelle bei Midori und begleitete sie ins Kino.
Sie waren süß zusammen. Maron war froh die beiden so glücklich und losgelöst zu sehen.
„Maron?“, rief Midori aus dem Kino, „Wo bist du?“
Sofort eilte Maron rein. „Komme!“
Deren Heimkino war nicht sonderlich groß, aber sehr gemütlich. Acht Ledersessel nahmen die eine Seite des Raumes ein und eine riesige Leinwand die andere.
Chiaki saß zwischen Maron und seiner Mutter, während Kenji stillschweigend in der hinteren Reihe war. Ein Arbeiter rollte einem Tablett mit sechs Sorten Popcorn rein.
Während des Films drehte Chiaki zu willkürlichen Momenten seinen Kopf, den Mund offen, damit Maron ihm die Snacks reinwerfen konnte. Das Kichern der beiden wurde von Midori mit einem „Shhhh!“ verstummt, aber sie hatten trotzdem ihren Spaß.
Midori ging früh ins Bett, nachdem der erste Film zu Ende war, aber Chiaki und Maron blieben, um sich noch ein paar anzugucken. Er wählte welche aus, die in diesem Jahrhundert gemacht wurden, und sie machten es sich in ihren Sitzen gemütlich.
Seine Hand, auf der Armlehne zwischen ihnen, lenkte alle paar Minuten Maron’s Aufmerksamkeit von der Leinwand ab. Jetzt, da sie nur noch zu zweit waren, konnte sie an nichts anderes denken als an seine Finger. Verflochten mit ihre.
„Maron? M?“
Sie wurde in die Realität zurückgeworfen, riss ihre Augen von seiner Hand los. „Hm? Was ist?“
„Ich fragte, ob du noch mehr Popcorn willst”, sagte Chiaki.
Maron blinzelte. „Oh, eh, ja. Schokolade, bitte.“
Er stand auf und füllte deren Schüssel mit weiteren Leckereien. Als er seinen Platz wieder einnahm, stellte er die Schale auf seinem Schoß ab.
„Es ist soo lecker.“ Maron reichte danach. „Ich kann nicht gen-“
Ihre Hand wurde von Chiaki gestoppt. Seine Finger krümmten sich um ihre und führten sie von dem Schokolade-Popcorn weg.
„Lass mich“, flüsterte er.
Sie schluckte schwer. Ihr Puls beschleunigte sich unter seiner Berührung.
Chiaki nahm sich mit der freien Hand ein Stückchen und drückte ihn ihr auf die Lippen. Langsam öffnete Maron ihren Mund und ließ ihn das Popcorn auf ihre Zunge platzieren. Ihre Lippen legten sich um seinen Finger, während sich ihre Blicke in dem dunklen Raum trafen. Chiaki verharrte für einen Moment und strich sachte mit seinem Daumen über ihre Unterlippe.
Maron’s Herz klopfte so laut in ihren Ohren, dass es den Film übertönte. Sie mit Popcorn zu füttern, erschien zahm, aber das war einer der intimsten Momente ihres Lebens.
Langsam zog er seinen Finger wieder zurück, zog scharf Luft ein.
„Bist du dir sicher wegen den getrennten Räumen?“, fragte sie mit rauer Stimme.
„Viel weniger sicher als vor einer Stunde“, antwortete er, die Stimme genauso rau.
Chiaki wandte sich der Leinwand wieder zu.
Maron wäre womöglich noch mehr enttäuscht gewesen, hätte sie ihre immer noch verbundenen Hände zwischen ihnen nicht bemerkt. An irgendeinem Punkt waren seine Finger mit ihren fest ineinander verflochten. Er ließ sie keine Sekunde lang los.
Die beiden schafften noch einen weiteren Streifen, bevor ihre Augen anfingen zu zufallen. Nach dem Film brachte Chiaki sie zu ihrem Zimmer und sagte an der Tür gute Nacht.
***

Am nächsten Morgen wachte Maron früh auf, blieb jedoch im Bett. Ihr Handy war in der einen Hand, ihre Verdächtigenliste in der anderen. Seit sie sie erstellt haben, ging Maron sie jeden Morgen durch – und dieser Morgen war nicht anders.

Die Liste
Kodachi Kuno
Tatewaki Kuno
Hijiri Shikaidou
Sonoko Suzuki
Nabiki Furukawa
Toki Hayer
Miyako Toudaiji
Cersia Foam
Mineta Minoru
Sagami Kugahara
Professor Pakkyaramao
Professor Menshiki
Professor Tanaka


Maron ging sie ein weiteres Mal durch.
Die Professoren mussten ihre Handys zwar nicht in den Schrank tun, aber diese drei waren beim Londoner Schulausflug da gewesen. Und sie wusste, dass Ace auch dort war.
Maron wollte nicht daran denken, dass sie involviert waren, aber Sayuri hatte sie eines Besseren belehrt. Niemand konnte ausgeschlossen werden.
Ihre Augen wanderten nach oben. Mit den Kuno-Geschwistern hatte sie vor ihrer ersten Markierung nie was zu tun gehabt, aber danach hatten beide mit Freude alles mitgemacht, um sie loszubekommen. Abgesehen davon, beschuldigten sie ihr, dass sie log, was Sayuri anging. Warum waren sie so verbissen darauf, ihr nicht zu glauben? Maron schrieb sich das als Notiz neben den beiden Namen auf.
Dann war da Hijiri. Ein schmieriger, zwielichtiger Typ. Während und nach der Markierung war er widerlich zu ihr. Der Typ mochte sie nicht, was wahrscheinlich etwas mit dem Tanemura Gone Wild-Video zu tun hatte. Vielleicht war er ihr aus Rache in den Wald gefolgt?
Maron hatte ein geheimes Handy gehabt. Ace musste auch eins zu dem Zeitraum gehabt haben, um den Handyverbot damals zu umgehen. Womöglich auch aus Rachegründen.
Sie schrieb sich das schnell auf. Es machte Sinn.
Zu den nächsten beiden Namen stand nichts daneben. Sie kannte Sonoko und Nabiki nicht gut. Die beiden hatten das Mobbing mit den Essstörungsgeschichten angefangen. Das Einzige, was Maron über die beiden wusste, war, dass ihre Handys nicht mehr im Schrank waren, als sie von Ace eine Nachricht bekam.
Bei den nächsten drei Namen hielt sie inne.
Ace schien echten Hass auf sie zu hegen. Das kam klar und deutlich rüber. Toki, Cersia und Miyako hätten phänomenale Schauspieler sein müssen, um diesen Hass zu verbergen, solange sie um Maron herum waren.
Toki und seine Familie schätzen die Traditionen der Schule sehr. So sehr, dass er Maron schon zweimal fallen ließ. Gleichzeitig hatte er sich für sie eingesetzt, als es um Sayuri ging. Vielleicht hing er doch nicht so sehr an den Traditionen...
Cersia wurde schlecht und hatte für sie geweint. Würde Ace sowas tun? Konnte sie ein Mädchen als Ace verdächtigen, welches aus derselben Heimat kam, wie sie?
Frustriert warf Maron die Liste beiseite. Sie schaffte es nicht sie einzugrenzen. Drehte sich immer und immer wieder im Kreis, bis ihr schwindlig wurde.
Es half ihr auch nichts, dass man ihr wegen Sayuri glaubte. Jemand, der ihr auf die Schulter klopfte und sagte, dass er auf ihrer Seite war, konnte immer noch Ace sein.
Maron konnte nicht einschätzen, was Ace überhaupt zum Thema dachte. Seit Tagen kam keine Nachricht. Was hatte es nur zu bedeuten?

Ein Klopfen an der Tür rettete sie davor, sich noch mehr in diese Grübeleien zu verlieren.
„Komm rein.“
Die Tür ging auf und Chiaki trat ins Zimmer ein.
„Morgen. Mom schickt mich, um zu sehen, ob du bereit zum Frühstücken bist. Zur Bank will sie in...“ Chiaki verstummte, als er die Liste auf dem Teppich liegen sah. Er hob sie auf, legte sie Maron jedoch nicht in die Hand, als sie danach reichte.
„Chiaki“, sagte sie, als er das Blatt in seine Tasche steckte. „Ich brauche sie.“
Bestimmt schüttelte er den Kopf. „Wir wissen beide, dass du sie auswendig kannst.“ Er sah sie seufzend an. „Kann ich dich um etwas bitten?“
Maron’s Hand war noch ausgestreckt. Er nahm sie und zog Maron aus dem Bett.
Plötzlich war sie bei ihm, ihre Brust berührte seine. Mit gerötetem Gesicht sah Maron zu Chiaki auf, war ihm so nah, wie seit langem nicht mehr.
„Dieses Wochenende...können wir wieder Normal haben?“
Sie öffnete ihren Mund, wollte ihm die Bitte abschlagen. Es gab kein Normal mehr. Polizei, geheime Gesellschaften, Morde und Erpressungen hatten dafür gesorgt, dass sie seit langer Zeit nicht mehr Normal sein konnten.
„Okay.“ Maron blinzelte, als das Wort ihr über die Lippen fiel. „Normal wäre nett.“
„Danke.“ Chiaki’s Lächeln verwandelte sein bereits perfektes Gesicht in ein Kunstwerk.
Ihr Atem stockte, als diese blauen Augen sie in ihren Bann zogen.
„Es ist nicht fair, wie umwerfend du bist“, hauchte sie.
Er presste seinen Finger an ihre Lippen und die Erinnerungen von der gestrigen Nacht fluteten in ihren Verstand ein.
„Was nicht fair ist, wie sehr ich dich jetzt küssen will“, wisperte er.
Sie konnte sein schnelles, kräftiges Herz gegen ihre Hand auf seiner Brust spüren. „Warum tust du es dann nicht?“
Chiaki trat einen Schritt zurück und sein Finger war weg. „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Mom wartet.“
„Vielleicht solltest du mir sagen, wann der richtige Zeitpunkt ist.“ Sie seufzte. „Worauf wartest du, Chiaki? Ich dachte, du wärst über den Glauben hinweg, dass du mich nicht verdient hättest.“
„Ich verdiene dich nicht“, sagte er, die Stimme tief und rau. „Werde ich nie.“
Ihr Hals schnürte sich bei den Worten zusammen. Es schmerzte mehr, dass er so überzeugt klang. Als würde er daran glauben.
Maron faltete ihre Arme zusammen. „Du willst Normal haben? Wie wäre es dann damit: Dieses Wochenende sind wir ein normales Paar mit einer langweiligen Vergangenheit. Du hast nie versucht, mich zu ertränken, zu erwürgen oder von einem Dach zu schmeißen. Es gibt keine dunklen Familiengeheimnisse und ich habe nie versucht, dein Leben zu zerstören. Wir sind völlig andere Menschen. Du bist Kai Takahashi von der örtlichen High-School. Ich bin Hana Watanabe. Du sahst mich im Speisesaal, fragtest mich, ob ich mit dir ausgehen würde, und heute Abend haben wir unser erstes Date. Deal?“
„Kai Takahashi und Hana Watanabe? Wo zum Teufel hast du diese Namen her?“
Sie pikste ihm schief grinsend in die Brust. „Haben wir einen Deal, Kai?“
Chiaki lachte laut auf. „Nur wenn du mich nie wieder so nennst.“ Er zog sich zur Tür zurück. „Zieh dich an, Hana. Wenn du zurück bist, haben wir normalen Pärchen-Scheiß zu machen.“

Maron tat wie ihr geheißen und begab sich runter zum Frühstück. Midori wartete auf sie.
Ein schickes Kleid bedeckte die Frau vom Schlüsselbein bis zu den Knöcheln und eine riesige Sonnenbrille war auf ihrer Nase. Sie passte gut zu dem Schlapphut, der einen Teil ihres Gesichts verdunkelte.
Das Frühstück ging zügig und sie machten sich anschließend direkt auf dem Weg zur Bank. Der Besuch bei der Bank ging schnell und schmerzlos. Alle Details wurden geklärt und Maron rief ihre Tante auf der Rückfahrt an. „Wir gehören wieder zum Mittelstand.“
Ein Lachen war am anderen Ende zu hören. „Nicht, solange du Diamantenohrringe und Goldschmuck hortest. Damit könnte man ein kleines Land ernähren.“
„Oh nein, muss ich die auch noch zurückgeben?“, fragte Maron halbscherzend.
Sora lachte wieder. „Hast du gut gemacht. Ein richtiger Schritt in unseren Neuanfang.“
Maron stimmte ihr zu. Sie verabschiedeten sich, als der Wagen durch die Einfahrt fuhr.
„Maron?“, kam es von Midori.
„Ja?“
„Heute ist ein schöner Tag. Würdest du mit mir am Pool sitzen?“
Der Wagen hielt an. Kenji war schon zu Stelle und nahm Midori’s Hand, als sie die Tür öffnete.
„Liebend gern“, lächelte Maron.
„Wunderbar. Gib mir eine Stunde zum Ausruhen und dann treffe ich dich draußen.“
***

In der Zwischenzeit suchte Maron nach Chiaki und fand ihn in der Küche - einer der Küchen.
Eine Auswahl an buntem Essen war vor ihm ausgebreitet. Sie schaute ihm für eine Minute zu, während er Möhren hackte. „Kai kann also kochen.“
Chiaki drehte sich um und erblickte sie. „Hey, ich habe dich nicht kommen hören.“
„Was machst du da?“, fragte Maron interessiert.
„Vegetarisches Poutine.“ Er hackte weiter, während sie näherkam. „Meine Großmutter hatte es Mom gemacht, als sie klein war. Ich habe mir selbst beigebracht, wie man es kocht.“
„Das ist süß.“
Maron nahm sich eine Kartoffel und machte sie im kalten Wasser sauber. Wenn sie schon hier war, konnte sie genauso gut auch helfen. „Wenn du so weitermachst, nimmst du eurem Koch den Job noch weg.“
„Mom isst nicht immer seine Küche“, erklärte er. „Wenn ich für sie was mache, fühlt sie sich schlecht, wenn sie nicht aufisst.“
Ihre Hände hielten inne. „Tut sie oft...ihr Essen nicht aufessen?“
Chiaki sah nicht auf. „Sie hat nicht immer Appetit.“
Maron beschloss das Thema fallen zu lassen. „Kann ich dir helfen? Zeig mir, was ich machen soll.“
„Willst du das Gemüse schneiden, während ich die Kartoffeln schäle?“
Sie tauschten Plätze und machten sich an die Arbeit. Es war eine leichte Atmosphäre, während gekocht wurde. Sie redeten und lachten über den blubbernden Kochtopf.
„Poutine ist ein kanadisches Gericht“, merkte Maron an.
„Meine Großeltern sind nach Kanada immigriert, als sie jung waren“, erwiderte Chiaki. „Mom wuchs dort auf, bis sie für die Akademie nach Japan zog.“
„Warst du schon mal dort?“
„Ein paar Male, als ich klein war. Seit meine Großeltern gestorben sind, waren wir nicht mehr dort.“
„Das tut mir leid.“ Sie wusste nicht, dass Midori keine Eltern mehr hatte.
Mit Schrecken stellte Maron fest, wie wenig sie über Chiaki und Midori wusste. Wie viel sie über die beiden noch lernen musste.
„Deine Mom muss es lieben, dass du ihr ein Stück ihrer Kindheit zurückgibst, indem du die Gerichte kochst, die sie liebt.“ Sie stieß ihn mit der Hüfte an. „Wenn du nicht aufpasst, werde ich noch anfangen zu denken, dass du einen superweichen Kern hinter dieser ach-so-harten Schale hast.“
Er stieß mit der Hüfte zurück. „Heißt das, ich bin nicht mehr so ‚fucking irritierend‘?“, entgegnete er mit hochgezogener Augenbraue.
„Nein. Du bist immer noch irritierend. Definitiv. Du kannst beides sein.“
Chiaki wandte sich mit einem Grinsen ihr zu. „Was hast du letztens gesagt? Irgendwas mit Hintern versohlen?“
Maron’s Augen weiteten sich, als er auf sie zukam. „Ich habe nichts mit versohlen gesagt!“, leugnete sie.
„Nicht in meinen Erinnerungen.“ Chiaki kam ihr näher, die Augen dunkel, während ihr Herzschlag sich verdoppelte.
„Wag es ja nicht, Chiaki Nagoya!“ Maron wich zurück, ging schnell um die runde Arbeitsplatte rum.
„Aber ist das nicht etwas, was ein normaler Freund tun würde?“
„Nein!“, brachte sie heraus. Sie lachte so stark, sie konnte kaum atmen. „Bleib zurück, Kai!“
„Das war’s!“ Chiaki schoss nach vorne, reichte nach ihr und sie wich ihm aus. Maron machte zwei Schritte, ehe zwei starke Arme sich um sie legten und hochhoben. „Du hast es darauf angelegt, Hana.“
Sie schrie und lachte, während er sie hielt und ebenfalls lachte.
Das war alles für sie. Dass sie lachten und sich näherkamen.
„Du kannst meinen Hintern nicht versohlen!“ Maron blickte durch ihre Wimpern zu ihm hoch. „Aber du kannst andere Dinge mit mir machen. Dinge, die ein normaler Freund definitiv tun würde.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Soll ich ins Detail gehen?“
„Fuck, M“, zischte er. „Du wirst es mir nicht einfach machen, oder?“
„Gar nicht.“
„Hätte ich wissen müssen. Es einem hart zu machen, ist dein Ding.“ Er legte seinen Mund an ihr Ohr und sein heißer Atem bereitete ihr einen angenehmen Schauer. „Mich hart zu machen, ist dein Ding.“
Die Worte durchfuhren sie mit einer intensiven Hitze.
„Gehen wir nach oben“, raunte sie. „Jetzt.“
„W-Wir können nicht.“ Es klang, als würde es ihm körperlich wehtun das zu sagen. „Mom wartet auf dich und ich muss sicherstellen, dass sie isst.“
Er hatte recht. Dieser kleine Einblick in Midori’s Leben öffnete ihr die Augen, wie sehr er sich um seine Mutter sorgte. Maron wollte dem nicht im Weg stehen - egal, wie sehr sie mit Chiaki zusammen sein wollte.
„Können wir danach Zeit miteinander verbringen?“, fragte sie.
„Hatte ich vor.“ Chiaki setzte Maron wieder ab. „Ich liege mit meinen Wiedergutmachungen hinterher.“
„Was?“ Überrascht sah Maron ihn an. „Chiaki...du hast so viel schon für mich gemacht. Ich weiß, dass es dir leidtut, und ich habe dir schon lange vergeben“, sagte sie sanft. „Du musst sie nicht mehr machen.“
„Doch, muss ich“, sagte er. „Ich habe dir drei versprochen und zwei bekommst du noch. Damit ich dir zeigen kann, wie wichtig mir die Sache zwischen uns ist.“
Maron seufzte und lächelte ihn warm an. Der Tag, den Chiaki mit ihr und Zen im Weihnachtsmanndorf verbracht hatte, war eines der besten und schönsten Weihnachtserinnerungen, die sie hatte – auch wenn Zen den Weihnachtsmann niedergeschlagen hatte.
„Kann es kaum erwarten“, sagte sie letztendlich.
Sie blickten einander lange in die Augen, lächelten, und dann senkte Chiaki seinen Kopf. Ihre Augen flatterten zu, in Erwartung des Kusses, auf den sie lange gewartet hatte.
Ihre Lider schnappten auf, als Chiaki ihr einen Kuss auf die Stirn drückte.
„Du solltest gehen. Wir wollen Mom nicht warten lassen.“
„Okay...“ Sie ging weg und machte sich auf den Weg zum Pool. Chiaki war wieder am Herd, als sie den Raum verließ.

Als Maron zum Pool rauskam, stellte sie fest, dass Midori sich umgezogen hatte. Das Kleid wurde von einem Pullover und einer Hose ersetzt, die viel bequemer aussahen. Und ein Bündel Fell besetzte ihren Schoß und schnurrte laut genug, dass Maron es hören könnte, während Midori es streichelte.
„Da bist du ja“, lächelte Midori sie an.
„Tut mir leid, dass ich dich warten ließ. Ich habe Chiaki mit dem Poutine geholfen.“ Maron setzte sich auf die Liege neben sie hin und reichte nach der Katze. „Hallo, Luna. Ich mag deinen alten Namen immer noch mehr.“
Midori lachte. „Kocht er wieder für mich? Ich möchte, dass er sich entspannt, wenn er zu Hause ist, aber Chiaki besteht darauf sich um mich zu kümmern. Er hat so ein gutes Herz.“ Ihre Augen wurden distanziert und trüb. „Ich bin froh, dass ich eine Sache in meinem Leben richtig gemacht habe.“
„Er ist nicht das Einzige“, antwortete Maron, „Du hast viel Gutes getan.“
„Danke, dass du das sagst.“ Midori legte eine Hand auf die ihre. „Aber ich muss zugeben, das ist nicht das Leben, dass ich für mich vorgesehen habe.“
„Was für ein Leben wolltest du?“
„Ich dachte, ich würde schreiben, malen, die Welt bereisen und ein Zuhause mit Kindern füllen. All dies schien möglich, als ich in der Akademie war.“
„Es ist immer noch möglich. Du kannst jetzt tun, was du willst.“
Jetzt, da er nicht mehr da ist. Dies ließ Maron unausgesprochen.
„Nein...kann ich nicht“, sagte Midori, lächelte ein trostloses Lächeln und das Schnurren der Katze stoppte, als ihre Hand innehielt.
Eine erdrückende Stille breitete sich für einige Momente aus, die Maron mit einem Themenwechsel unbedingt brechen wollte.
Letztendlich war Chiaki es, der sie brach.
„Ich habe dein Lieblingsessen gemacht, Mom“, sagte er, als er raustrat. „Maron hat geholfen.“
Midori’s erfreutes Lächeln kehrte kurz zurück. „Ich bin nicht hungrig, Liebling, aber ich werde ein wenig davon haben, da ihr beide euch Mühe gegeben habt.“
Chiaki senkte das Tablett und Maron sah, dass zwei Teller darauf waren. Er gab eins seiner Mutter und das andere ihr.
Maron nahm einen Bissen und seufzte genüsslich. „Das ist unglaublich. Wie kann ein so einfaches Gericht so gut schmecken?“
„Natürlich, es ist gut. Das Rezept ist von meiner Mutter.“ Midori hat einen herzhaften Bissen genommen. „Sie war eine Zauberin in der Küche. Sie konnte vierunddreißig verschiedene Gerichte mit einer Tüte Kartoffeln zubereiten.“
„Du übertreibst, Mom.“ Chiaki nahm sich einen Stuhl und grinste.
„Tu ich nicht. Vierunddreißig. Ich schwöre.“
„Dann solltest du sie benennen können.“
Midori sah ihren Sohn herausfordernd an. „Glaubst du deiner Mutter nicht?“
„Ich würde nie an ihren Worten zweifeln…“, entgegnete er, „Wenn sie es schafft, die vierunddreißig Gerichte aufzuzählen, die man mit Kartoffeln machen kann.“
Midori warf ihren Kopf lachend zurück. Maron sah mit Erleichterung zu, wie Chiaki die Stimmung seiner Mutter heben konnte.
„Das Mundwerk hast du auch von ihr“, sagte Midori, „Aber du wirst es bereuen an mir gezweifelt zu haben. Also, es sind Pommes, Kartoffelpüree, Kartoffelsuppe, Kartoffelpuffer...“
Sie ging tatsächlich die ganze Liste durch. Maron war schwer beeindruckt, aber Chiaki und sein Mundwerk mussten natürlich eingreifen.
„Nummer zwölf und neunzehn zählen nicht. Das sind einfach nur verschiedene Sorten von Kartoffelsalat. Kartoffelsalat zählt schon als ein Gericht.“
„Wenn ich sage, dass es zählt, zählt es.“ Midori richtete sich auf, um aufzustehen und Kenji war innerhalb von Sekunden an ihrer Seite. Er half ihr auf die Beine. Sie beugte sich herunter und küsste ihren Sohn auf die Wange. „Ich gehe mich für eine Weile ausruhen, mein Lieber. Wenn ich wach bin, schauen wir uns Casablanca an.“
„Wir haben den schon 45-mal geschaut.“
„Es spricht nichts gegen ein 46tes Mal.“ Midori tätschelte abschließend Maron’s Wange. „Ihr zwei habt Spaß.“
Kaum war sie weg, stand Chiaki auf. Er hielt Maron eine Hand entgegen. „Komm. Es ist Zeit.“
„Zeit für was?“
„Wiedergutmachung Nummer zwei.“

Maron ließ sich von Chiaki wieder ins Innere reinzerren. Er sprach kein Wort, während sie durch die Villa liefen.
„Gehen wir aus?“, fragte Maron, „Muss ich mich umziehen?“
„Nein. Wir verlassen das Haus nicht.“
Sie bogen in einer Ecke um und bestiegen die große Treppe. Chiaki hielt Maron’s Hand eisern fest, während er sie hoch führte.
„Bekomme ich einen Hinweis?“
Er lachte. „Einen Hinweis? Du wirst es in zwei Minuten herausfinden.“
Maron fragte dennoch weiter. „Wird ich es mir gefallen?“
„Es wäre keine große Entschuldigung, wenn ich nicht denken würde, dass es dir gefallen wird.“
„Bei dir kann ich mir nie sicher sein.“
Chiaki warf ihr einen Blick über die Schulter zu. „Wenn du so weitermachst, bekommst du es gar nicht mehr.“
Maron machte eine Geste, als würde sie ihre Lippen verschließen und den Schlüssel wegwerfen. Dies brachte ihn zum Lächeln, was ihr Herz aufflattern ließ.
Am Treppenabsatz angekommen, bog Chiaki nach links. Es war die entgegengesetzte Richtung zu ihrem Zimmer, aber die richtige Richtung zu seinem.
Maron konnte sich ihr Grinsen nicht verkneifen, als sie vor seiner Tür anhielten.
„Oooh, es ist diese Art von Wiedergutmachung.“ Sie stellte sich vor ihm hin, ließ ihre Hände über seine Brust gleiten und legte sie ihm um den Nacken.
Chiaki’s Augen wurden groß, als Maron sich an ihn schmiegte. „Ich kann dir versichern: diese Entschuldigung wird mir definitiv gefallen.“
Er knurrte, als sie sprang und ihre Beine um seine Hüfte legte.
„Wir— Ich— Das ist nicht—“ Seine Atmung war heiß und schwer. „Fuck, Mädchen! Würdest du dich benehmen? Wir sind nicht hier, um Sex zu haben.“
Maron schmollte verspielt. „Warum nicht?“
„Kann mich jetzt verfickt nochmal nicht daran erinnern.“ Er warf seinen Kopf zurück und nahm ein paar tiefe Atemzüge, versuchte wohl seine Selbstbeherrschung zu beschwören - was sie nicht zuließ. Maron begann Küsse auf seine Kieferpartie zu verteilen. Seine Atmung beschleunigte sich.
„Weil es... etwas gibt, was ich mit dir tun will...um dir zu zeigen...wie ich empfinde“, brachte Chiaki mühevoll heraus. „Es ist mir wichtig.“
Summend sah sie ihm in die Augen, sah die Entschlossenheit in ihnen.
„Nun, wenn es dir wichtig ist, dann ist es mir auch wichtig.“ Sie rutschte von ihm runter, hielt jedoch noch seine Hand. „Ich bin bereit.“
„Okay.“ Es dauerte eine Minute, bis er sich wieder gefasst hat.
Maron war diejenige, die seine Tür aufmachte und ihn reinzog. Sie schaute sich um, als sie eintraten.
Sein Zimmer sah so wie immer aus, bis auf eine Sache.
„Dein Klavier ist zurück.“
Das große, schwarze Instrument hatte einen Ehrenplatz am Fenster. Die Sonne schien durch die Vorhänge und brachten das polierte Holz zum Glänzen.
„Es wurde aus dem Knight-Zimmer entfernt, als die anderen übernahmen.“ Zu ihrer Überraschung, näherte Chiaki sich mit ihr dem Klavier. „Ich erinnere mich, wie du dich immer hinter der Tür versteckt und mir beim Spielen zugeschaut hast, als wir klein waren.“
Maron wurde rot um die Nase. „Ich habe nur-…nur zugehört.“
Chiaki grinste sie an. „Ich habe dich sehr oft beim Zuhören erwischt.“ Mit seiner freien Hand strich er über die Tasten. „Einmal hast du dich reingeschlichen, um mein Klavier zu spielen und ich habe mich wie ein furchtbares Stück Scheiße benommen, als ich dich fand.“
„Wir müssen nicht daran denken“, erwiderte sie sanft.
„Doch“, entgegnete er. „Weil ich etwas tun will, was ich damals hätte tun sollen. Ich werde dir beibringen, wie man spielt.“
„Du- Ich-“ Die Worte blieben Maron im Hals hängen.
Sie wollte schon immer lernen ein Instrument zu spielen – um schöne Musik zu machen, wie sie so oft von Chiaki früher erlebt hatte. Kurse dafür waren allerdings teuer und nachdem sie in die Akademie reinkam, war nie die Zeit für sowas gewesen.
Maron wusste nicht, wie er das machte, aber Chiaki schien immer zu sehen, was sie sich in ihrem tiefsten Inneren wahrhaftig wünschte.
„Das wäre wunderbar“, sagte sie ihm mit einem gefühlvollen Lächeln.
Beide setzten sich auf die Bank hin und ihre Lernstunde begann.
Maron erwartete nicht, dass sie an einem Nachmittag zur Meisterpianistin wird, aber Chiaki brachte ihr die verschiedenen Noten bei und wo sie ihre Hände platzieren sollte. Er war geduldig, zeigte ihr wie, wie man eine einfache Melodie spielte.
„Genau so. C, C, D, E.“
Sie drückte die falschen Tasten. „Oops.“
„Ist okay. Lass mich dir helfen.“ Chiaki legte seine Hand auf ihre, seine Finger an ihre, während er sie sanft zu den richtigen Noten rührte.
Sie spürte die Hitze seines Körpers neben sich, was ihr gleichzeitig eine Gänsehaut bereitete. Ebenso nahm sie seinen markanten Duft wahr.
Maron sah zu ihm auf, während er ihre Finger zum Tanzen brachte. „Spielst du mir etwas vor?“
„Natürlich.“ Chiaki nahm seine Hand zurück. Sie vermisste direkt das Gefühl seiner Berührung, freute sich jedoch. Sie konnte es kaum erwarten ihn spielen zu hören.
Momente später wurde der Raum mit einer Melodie gefüllt, den Maron nicht kannte. Fasziniert sah sie Chiaki beim Spielen zu, wie seine Finger über die Tasten glitten. Das Lied war unheimlich schön.
Aus Gründen, die sie nicht verstand, standen ihr Tränen in den Augen, als er die letzte Note spielte.
„Das war unglaublich, Chiaki.“
„Ich habe das schon so oft gespielt, ich habe aufgehört zu zählen. Es ist eines von Mom’s Lieblingsstücken.“
„Meins jetzt auch.“ Maron lehnte ihren Kopf an seinen Arm an. „Danke. Es war wunderbar.“
„Es muss nach heute nicht aufhören. Ich kann dir beibringen zu spielen. Wenn du es lernen willst.“
„Ja.“ Sie legte ihren Kopf schief, damit Chiaki ihr Lächeln sehen konnte. „Das würde mir sehr viel bedeuten.“
„Perfekt.“

Chiaki klappte die Tasten zu. „Gibt es etwas, was du tun willst? Mom wird sich für ein paar Stunden noch ausruhen, also können wir bowlen, am Pool abhängen, einen Film schauen - was auch immer du willst.“
„Gibt es etwas, was dieses Haus nicht hat?“
„Nein. Wir haben alles.“
Maron lachte, was jedoch schnell erstarb, als sie an das, was er sagte, zurückdachte. „Deine Mutter ruht sich oft aus. Ist es okay, wenn ich frage...?“
„Was mit ihr nicht stimmt“, vollendete er.
„So hätte ich es nicht gesagt. Es ist nur, dass ich sie heute wohl etwas verärgert habe, als sie mit mir über die Zukunft sprach. Ich möchte mehr auf ihre Bedürfnisse und Wünsche aufpassen, und sie nicht wieder runterziehen.“
„Es lag nicht an dir, Maron.“ Obwohl Chiaki mit ihr sprach, waren seine Augen auf das Klavier vor sich fixiert. „Mom macht eine Menge durch. Sie mag es nicht, wenn ich darüber rede, aber sie hat oft diese Tiefs. Sie schläft den größten Teil des Tages und steigt morgens nicht aus dem Bett.“ Er seufzte. „So war es nicht immer. Sie war mal glücklich und lebendig. Als ich klein war, ging sie jeden Tag mit mir in den Park, zum Strand und zum Picknick - nur wir beide. Kaiki war nie ein guter Vater, aber er war auch kaum da, als ich klein war. Mom und ich waren allein glücklich...bis sich die Dinge änderten. Rückblickend weiß ich jetzt wieso. Wieso er anfing unser Leben miserabel zu machen.“
Maron legte ihren Arm um seine Schultern, sagte jedoch nichts. Ließ ihn weitersprechen.
„Die Dinge, die er uns durchmachen ließ...sie hinterließen Spuren. Sie gehen nicht weg, auch wenn er es ist. Mom ist nicht mehr dieselbe, aber sie ist immer noch meine Mutter und sie war immer für mich da, in jeglicher Hinsicht wie sie konnte.“
„Ich verstehe.“
Ihr Arm um seine Schultern fiel, als er sich bewegte und seinen eigenen Arm um sie schlang und sie näher zu sich ran zog. „Du bist die Einzige, die mich versteht. Es ist gut, dass ich dich am Hals habe.“ Sein Ton wurde neckend. „Es gibt wirklich niemanden wie dich, die es mit mir aushalten würde.“
„Das ist wahr. Du solltest dich glücklich schätzen.“
„Dem spricht nichts dagegen.“
Maron stupste ihn in die Seite. „Spielst du noch ein Lied für mich?“
„Ja.“ Chiaki’s Lächeln löste sich etwas und er bekam wieder einen ernsten Ausdruck. „Aber davor...muss ich dir noch etwas sagen.“ Er riss sein Blick vom Klavier los und sah Maron an.
„Was denn?“, fragte sie.
„Ich habe mit dem Rektor und der Polizei gesprochen. Wegen Sayuri.“
Ihre Augen wurden groß.
„Damit du dich und den anonymen Schüler nicht mehr allein rechtfertigen musst. Shinji, Kagura und Yamato hatten sich mir angeschlossen. Wir hatten online noch einige ehemalige Mitschüler aus der Mittelstufe gefragt, die sich eventuell auch bereit erklären würden bei der Polizei zumindest auszusagen.“
„Oh.“ Wie hatte sie das die letzten Tage nicht mitbekommen? „Aber-“
„Und…die drei sind das Wochenende bei ihren Eltern und werden es ihnen sagen.“
Ihr Mund fiel auf. „D-Das ist ein großer Schritt“, sagte Maron, nachdem sie ihre Sprache wiederfand.
Chiaki nickte.
„Werden sie okay sein?“, fragte sie besorgt.
Wieder ein Nicken. „Bestimmt.“
Sie schlang beide Arme um seine Taille, er drückte ihre Schulter.
„Was ist mit dir?“, wisperte sie, vergrub das Gesicht in seine Brust. „Wirst du mit deiner Mutter reden?“
„Nein.“ Seine warme Hand strich ihr über den Rücken. „Mom würde sich niemals vergeben. Sie würde die Schuld auf sich nehmen und tagelang im Bett weinen, weil sie denkt, sie war für mich nicht da, als ich sie brauchte. Sayuri hat schon genug kaputt gemacht. Ich lasse nicht zu, dass ihre Taten Mom auch wehtun.“
Maron zögerte. Chiaki reagierte nicht immer gut auf sie, wenn es um seine Mutter ging und sie ihm sagte, was er tun soll.
„Chiaki. Es wird wehtun. Natürlich wird es das. Aber deine Mutter würde für dich da sein wollen. Du kümmerst dich schon so lange um sie, aber du bist ihr Sohn. Sie will sich auch um dich kümmern.“
Eine Stille breitete sich zwischen ihnen aus, bei der Maron Angst bekam, dass sie zu weit gegangen war.
„Du hast wahrscheinlich recht“, sprach Chiaki so sanft, dass sie ihn fast nicht gehört hatte. „Ich wollte es ihr über die Jahre schon so oft sagen, aber es kam nichts heraus. Ich weiß nicht, wie ich es machen soll, M. Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffen werde.“
Maron umarmte ihn noch enger. „Du wirst es schaffen. Wenn du bereit bist, wirst du die Kraft finden... und Midori wird die Kraft finden, für dich da zu sein.“
Sie wusste nicht, wie lange sie so blieben und einander festhielten. Sie rührten sich nicht, bis einer der Angestellten kam, um ihnen zu sagen, dass Midori bereit für den Film war.
***

Ihr Wochenendaufenthalt bei Chiaki war so perfekt, dass Maron am Sonntagnachmittag nicht abreisen wollte. Irgendwie konnten beide den Schmerz, der von ihrem Gespräch über Sayuri kam, überwinden und den Rest ihrer gemeinsamen Zeit genießen. Es wurde gekocht, gelacht, ein Dutzend alte Filme geschaut, und Chiaki hatte Maron weitere Klavierstunden gegeben.
Für ein Wochenende hatte Maron alles, was sie wollte: eine schöne, normale Zeit mit dem Jungen, der ihr wichtig war.
Aber jetzt mussten sie zur Akademie zurück.
„Besuche mich so oft du kannst.“ Midori drückte Maron warme Küsse auf beide Wangen. „Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr so viel Spaß.“
„Liebend gern.“ Maron winkte ihr zum Abschied zu und stieg in Chiaki’s Wagen ein.
Es dauerte nicht lange, bis sie wieder am Campus waren. Maron’s gute Laune sank mit jedem Schritt, den sie durch das Gelände lief.
Im Wohnheim waren die meisten ihrer Freunde in der Eingangshalle versammelt, trugen düstere Gesichter.
„Was ist los?“, fragte sie.
Shinji winkte schnaubend mit der Hand ab. „Wir mussten in der Cafeteria Essentabletts holen, weil es für uns keine gab und die Knights waren da.“
„Haben sie was gemacht?“, fragte Chiaki argwöhnisch.
„Nein“, antwortete Noyn, „Yashiro hat nach dir gefragt, Maron, und wir sollen dir ausrichten, dass eine Entscheidung getroffen wurde.“
Anspannung stieg in ihr hoch. „Was für eine Entscheidung?“
„Keine Ahnung. Sie meinte nur irgendwas, dass die Zeit gekommen sei es zu beenden. Kann für uns in alle Richtungen ausgehen.“
Maron seufzte. „Dann werden wir es morgen herausfinden.“
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