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Unbreakable

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteSuspense, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe OC (Own Character)
18.09.2020
08.10.2021
50
219.138
14
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Dieses Kapitel
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26.02.2021 4.716
 
TWENTY-FOUR

[Vier Jahre zuvor]

„Du und Chiaki, ihr versteht euch?“
Maron schaute zu ihrer Mutter auf und nickte mit einem Lächeln bejahend.
Gerade kamen sie nach Hause, waren eben bei den Nagoyas gewesen. Es war das erste Mal, dass Korron außerhalb des Büros arbeiten musste und da sie ihre Tochter nicht zu Hause allein lassen konnte, nahm sie sie mit.
Maron war noch nie in so einem vornehmen Anwesen gewesen (oder überhaupt in ihren zwölf Jahre jungem Leben). Sofort hatte sie Chiaki, den Sohn von Korron’s Boss, kennengelernt.
Das Mädchen wurde etwas rot um die Nase, als sie an den Jungen zurückdachte.
Korron sah Maron liebevoll an, schmunzelte etwas. „Mein Boss wird mit einigen wichtigen Projekten beschäftigt sein, weshalb ich womöglich öfters bei ihm daheim arbeiten werde.“
„Okay“, sagte Maron schulterzuckend, dachte sich nicht viel dabei.
„Da ich dich nicht allein lassen kann, musst du mitkommen“, fuhr ihre Mutter fort, „Da bin ich froh, dass du dich mit Chiaki verstehst. Dann hast du wenigstens jemanden, mit dem du Zeit verbringen kannst.“
Automatisch bildete sich ein Lächeln auf Maron’s Lippen, als sie nickte.

In den nächsten Tagen war es auch wirklich so, dass Maron ihre Mutter immer zu den Nagoyas begleitete. Meistens ging sie schnurstracks zu Chiaki, suchte ihn in seinem Zimmer auf, sofern er nicht mit irgendwelchen Klavierstunden, Sporttrainings oder Tutorien beschäftigt war.
Sie hatte bisher nicht viel mit Jungs in ihrem Alter zu tun gehabt. In der Schule waren sie alle Idioten, die sie immer ärgerten.
Doch Chiaki war anders. Netter, freundlicher, schlauer…nicht zu vergessen, besser aussehend als ihre Schulkameraden. Bestimmt war er beliebt unter seinen Mitschülerinnen. Bei den schönen, blauen Augen und dem Lächeln würde sie es nicht wundern.
Sie waren aus unterschiedlichen Welten. Mit unterschiedlichen, sozialen Herkünften. Maron erwischte sich oft dabei, dass sie vieles nicht verstand, von dem, was er ihr über sein Leben und Alltag erzählte. Aber die Möglichkeit zu haben, in seine Welt eintauchen zu dürfen, ließ sie ein wenig wie Cinderella fühlen.
Gerade lag Maron auf ihrem Bett, konnte noch nicht schlafen. Unbewusste berührte sie mit den Fingerkuppen ihre Lippen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder zu dem heutigen Nachmittag mit ihm zurück und sie spürte, wie die Röte ihr ins Gesicht stieg.
Sie wusste, dass sie ihn in ein paar Tagen wiedersehen würde und ein Teil von ihr konnte es kaum erwarten.

Nachdem ihre Mutter mit ihrem Boss in dessen Büro verschwunden war, lief Maron direkt durch die Flure, steuerte gezielt auf Chiaki’s Zimmer zu.
Sie klopfte. „Chiaki? Ich bin’s Maron.“
Es dauerte einen Moment, bis er aufmachte. Ihr Lächeln erstarb abrupt, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.
Mit einem eiskalten, hasserfüllten Blick schaute er sie an, als wäre sie minderwertiger als der Staub unter seinen Schuhen.
„Was willst du?“ Seine Stimme strahlte dieselbe Kälte aus, ließ sie zusammenzucken. „Hast du kein Zuhause oder wieso treibst du dich die ganze Zeit hier rum?“
„W-W-Was?“ Maron starrte ihn mit großen Augen verwirrt, entsetzt und verletzt über seine Worte an. Tränen schimmerten bereits in ihren Augen, drohten zu entkommen. „Was soll das? Wieso bist du so?“
„Du nervst, okay? Geh mir einfach aus den Augen“, zischte Chiaki und knallte ihr die Tür vor der Nase zu.
Was war passiert? Was hatte sie getan?
Für eine Weile stand Maron noch da, verstand die Welt nicht mehr. Vielleicht hatte er nur einen schlechten Tag? Mit dem Gedanken ging sie zögernd davon, ließ ihn in Ruhe.

Es stellte sich heraus: er hatte keinen schlechten Tag.
In den darauffolgenden Besuchen war Chiaki nach wie vor ätzend zu ihr. Schlimmer sogar.
Er beleidigte sie, verteilte Lügen über sie, schikanierte sie, ertränkte sie fast und drohte ihre Mutter verhaften zu lassen… Dieser zwölfjährige Junge war der Teufel in Person zu ihr.
Fürs Erste hatte Maron es noch versucht, sich ihm auf einer netten Weise anzunähern, aber schnell wurde ihr bewusst (und das wurde ihr mit jedem Besuch mehr und mehr klar), dass er sie nicht ausstehen konnte. Sie verabscheute.
Sie hasste.
Einfach so. Ohne Grund? Was sie wütend machte.
War alles vorher nur ein Spiel gewesen? Wie konnte sie sich nur in ihn täuschen?
Er war nicht viel besser als alle anderen Jungs. Alles nur Vollidioten.
Und der größte Vollidiot war Chiaki Nagoya!

Gerade lag Maron in ihrem Bett, war froh einen weiteren Nachmittag bei den Nagoyas überlebt zu haben. Inzwischen hoffte sie -betete darum-, dass ihre Mutter sobald nicht wieder bei ihnen daheim arbeiten musste. Anders als am Anfang fürchtete sie sich jetzt vor jedem Wiedersehen mit Chiaki.
Plötzlich hörte sie ein Klopfen an der Haustür. Verwundert drehte sie ihren Kopf. Wer konnte das sein? Es war mitten in der Nacht…
Maron schaute aus ihrem kleinen Zimmer raus und sah wie ihre Mutter leise die Tür öffnete. Sichtlich überrascht und geschockt beobachtete sie, wie Kaiki Nagoya eintrat und Korron einen langen Kuss gab.
Als sie sich lösten, erblickte er sie und schenkte ihr ein mattes, gefühlsloses Lächeln. Maron wusste nicht wieso, aber der Mann hatte etwas an sich, was ihr immer ein ungutes Gefühl in ihrem Inneren bereitete. Nicht nur wegen den unschönen Geschichten, die sie über ihn in den Nachrichten immer sah.
Sie dachte unwillkürlich an seine Frau, an Chiaki’s Mutter, die immer so traurig aussah und diesen leeren Blick in ihren Augen trug. Es bereitete Maron ein unangenehmes Gefühl, jetzt zu wissen, dass ihre Mutter womöglich mit Grund für diese traurigen Augen war.
Korron drehte sich erschrocken zu ihr um.
„Maron…Du bist ja noch wach“, sagte sie überrascht, gemischt mit einer Spur von Scham und Schuld, „Geh schlafen, Liebes. Es ist schon spät.“
Wortlos nickte Maron, schloss ihre Zimmertür und legte sich wieder in ihr Bett hin. Nicht wissend, was die Zukunft für sie bereit hielt…
***

***

„Maron!“
Zwei starke Hände packten sie am Arm. Maron blinzelte verwirrt und schrie.
„Chiaki! H-Hilf mir!“
Mit einem harten Ruck wurde sie hochgezogen. Sie und Chiaki brachen gemeinsam auf dem Dach zusammen, atmeten angestrengt. Ihre schwere Atmung war das Einzige, was das Rauschen in Maron’s Ohren übertönte.
Sie hatte Probleme zu Atmen. Teilweise lag es an ihrer Panik - teilweise auch an Chiaki.
Er klammerte sie fest an sich, drückte sie an seine Brust. Maron konnte sein schnell schlagendes Herz gegen ihren Brustkorb spüren.
„Bist du okay? Bist du okay?“ Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass er mit ihr sprach. Sie war wohl nicht die Einzige, die in Panik geriet. „Fuck! Sag mir, dass du okay bist!“
„Ich bin... okay“, antwortete Maron atemlos.
Chiaki legte seine Hand auf ihren Hinterkopf – sachte, nahezu behutsam. Sie keuchte gegen seinen Nacken, während er sie noch näher zu sich heranzog, als möglich war.
„E-Es tut mir leid. Fuck. Es tut mir so leid, Maron.“
Sie erstarrte. Ihm tut es was?
Maron wollte sich bewegen, sich von ihm wegziehen, doch keines ihrer Gliedmaßen wollte reagieren. Waren wie Pudding.
Sie wusste nicht, wie lange sie beide in der Dunkelheit da lagen. Er auf dem kalten, harten Boden des Daches – sie auf ihn.
Ihre Atmung hatte sich beruhigt, als Chiaki sich schließlich aufsetzte. Er stand auf, nahm Maron mit hoch auf die Beine und schleppte sie mit zur Couch. Sachte setzte er sie darauf ab und ließ sich neben sie sinken.
Starr blickte Maron gerade aus, versuchte ihre Gedanken noch zu sortieren.
„Du hast mich fast umgebracht“, sagte sie. Es war kein Gift oder Zorn in ihren Worten zu vernehmen. Sie sprach sie wie eine einfache Tatsache aus.
„Du hast meinen Vater umgebracht.“ Chiaki’s emotionsloser Ton glich dem ihren.
„Ich habe den Mann umgebracht, von dem du dachtest, dass er dein Vater sei.“
„Wie?“
Sie blickte weiterhin in die Ferne. „Du willst es wirklich wissen?“
„Ja.“
Sie sah keinen Grund ihn anzulügen, weshalb sie es ihm sagte:
„M-Mom musste von meinen Schreien wach geworden sein…“ Zittrig nahm sie tief Luft. Chiaki wagte es nicht die Stille zu durchbrechen. Sein Gesicht war bleich. „Sie riss ihn von mir weg, aber sie war noch zu geschwächt von den Drogen…und er war zu stark. Er schlug sie. Sie rangen miteinander…Ein Teller fiel zu Boden und zerbrach. Er hielt sie am Boden und reichte nach einer Scherbe…und bevor ich es wusste, hatte ich ein Messer in meiner Hand-“
„Das reicht“, sagte er. „Mehr musst du nicht sagen.“
Es waren nicht seine Worte, die Maron stoppten. Was sie für einen Moment ihre Sprache verlieren ließ, war die warme Hand, die nach ihrer reichte.
„Mehr musst du nicht sagen“, wiederholte er fast sanft.
Maron blickte auf ihre verbundenen Hände und seufzte.
„Doch, muss ich“, sagte sie ihm. „Ich habe diese Tür geöffnet und kann sie nicht wieder zu machen.“ Schließlich suchten diese Ereignisse sie in ihren Albträumen weiterhin heim. Es gab kein entkommen.
Es dauerte eine Weile, bis sie weitersprach:
„Mom holte mich aus dem Zimmer raus, nachdem es passierte. Hatte mich gebadet und sauber gemacht und immer wieder gesagt ‚Alles wird gut. Mommy wird alles wieder gut machen. Versprochen‘. Sie hatte mir ihre letzte Pille danach gegeben und mich in ihr Bett gebracht. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war die Leiche weg…und deine Mutter war da.“
Chiaki zuckte. Die abrupte Bewegung ging durch ihre Hände und ließen Maron zusammenzucken.
„Meine Mom?“
„Ja, deine Mom.“
„Aber das ist nicht-“
„Gib mir einen Grund, wieso ich dich jetzt anlügen soll“, schnitt sie ihm das Wort ab und er verstummte.
„Sie saß im Wohnzimmer, mit meiner Mutter, als wäre sie dazu bestimmt gewesen. Ich weiß nicht, worüber sie geredet haben oder was meine Mutter ihr gesagt hatte, um sie herzubringen, aber sie sagte uns, dass sie sich um die Situation gekümmert hat. Kaiki war weg und sie würde dafür sorgen, dass ich alles für ein normales Leben habe.“ Maron atmete ein und aus. „Ein paar Wochen später, fanden wir heraus, dass Mom schwanger war.“
Sie blickte zu Chiaki. Im schwachen Licht sah seine Haut kränklich blass aus.
„Mit Zen“, vollendete sie. „Deine Mutter kam zu uns, als sie das herausfand. Sie versprach, dass sie uns helfen würde. Dafür wollte sie nur eine Sache.“
Er nickte - eine langsame, ruckartige Bewegung. „Das Testament.“
Sie nickte ebenfalls knapp.
„In Mom’s Bauch wuchs das Kind, dass euer ganzes Leben zerstören konnte. Deine Mutter sagte, sie würde uns alles geben, was wir wollten, solange wir Zen nie als seinen Sohn hervorbringen würden...Das war etwas, was sowieso außer Frage stand. Selbst für Nichts hätte Mom dem zugestimmt.“ Sie presste sich ihre Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Sie wollte nicht, dass die Welt ihn als Zen Nagoya sieht - als Sohn dieses Bastards. Er ist Zen Kusakabe und das ist, wer er immer sein wird. Mom hatte das deiner Mutter so gesagt, aber sie gab nicht nach. Sie sagte, Kaiki habe so viel Böses getan, und die beste Rache war, glücklich in seinem Gefolge zu leben. Mom sagte immer noch Nein, aber dann kam deine Mutter mit dem Test zurück.“
„Meine Mutter... hat euch den Test gegeben?“
„Ja, hat sie. Midori sagte, es ging nicht um Bestechung – es ging um Vertrauen. Das Vertrauen zweier Mütter, die das Beste für ihre Kinder tun wollen und deine Mutter zeigte das, in dem sie uns die eine Sache gab, die sie ruinieren konnte. Mom gab schließlich nach, bestand jedoch darauf, dass alles -jegliche Unterstützung- an mich gehen soll... Als hätte sie gewusst, dass ihr etwas passieren würde.“ Maron spürte, wie er seine Finger um ihre sich etwas krümmten–sie kaum merklich drückten. Sie hielt für einen Moment inne. „Mom starb bei der Geburt...Komplikationen.“
Sie schluckte schwer, drängte den aufkommenden Schmerz sofort wieder zurück.
„Deine Mutter hatte auf jeden Fall mir ein Bankkonto eröffnet und half mir das zu bekommen, was ich wirklich wollte: Einlass in diese Schule. Kinder aus Momokuri gehen nirgendwohin, aber jemand, der von hier graduiert, hat alle Wahl der Welt.“ Maron schaute Chiaki mit einem harten Blick an. „Deshalb werde ich nie gehen. Es war Blut, Schmerz und Qual, die mich hierhergebracht haben, aber es ist Zen, der mich bleiben lässt. Ich werde ihm das beste Leben geben, das ich kann. Das habe ich mir und Mom geschworen.“
„Okay.“ Noch immer schaute er sie nicht an.
Maron versuchte, irgendeine Art von Emotion in seinem Gesicht herauszusuchen, aber es war leer. Sie konnte in keinerlei Weise erahnen oder vorstellen, was ihm durch den Kopf ging.
„Willst du nicht mehr als das sagen?“ Sie schaute auf ihre Hände herab. „Chiaki, ich will, dass du etwas sagst.“
Er öffnete seinen Mund, und sie wappnete sich für das, was als nächstes kam.
„Mein Va- Kaiki war schlicht und einfach ein Bastard.“
Chiaki ließ ihre Hand los. Sie sagte nichts, als er aufstand, wegging und die Tür leise hinter sich schloss.
***

Maron war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte, nachdem was Chiaki und sie auf dem Dach durchgemacht haben - aber was auch immer für Hoffnungen sie verspürte hatte, wurden zunichtegemacht.
Wochen vergingen, ohne dass er mit ihr sprach, sie ansah oder in ihre Richtung atmete.
Sie wusste nicht, wie sie darüber denken sollte. Wenn sie ihn sah, allein oder unter seinen Freunden, dann wirkte er abwesend und in Gedanken verloren. Es schien nicht so, als würde er sie ignorieren. Wie sie, wusste er einfach nicht, was er tun sollte.
Das war zunächst in Ordnung. Maron war nach wie vor aufgewühlt darüber, diese Dinge mit Chiaki geteilt zu haben. Aber als eine Woche zu zwei wurden und dann zwei zu drei, merkte sie, dass sie mehr brauchte.
Kaiki war schlicht und einfach ein Bastard, war etwas, was Maron voll und ganz zustimmte, aber sie musste wissen, wie er sich fühlte. Was er dachte.
Sie musste mit ihm reden.
Ihr Racheplan wurde auf Eis gelegt, während dieser Gedanke sie zerfraß.
Wie sollte sie ihn dazu bringen, mit ihr zu reden? Sie wünschte, es wäre so einfach, zu ihm zu gehen…aber niemand brachte Chiaki dazu, etwas zu tun, was er nicht tun wollte. Maron konnte ihn nicht dazu bringen, ehrlich zu ihr zu sein. Wenn er wollte, würde diese Mauer des Schweigens auf ewig bestehen bleiben.
„Maron.“
Sie wurde aus den Gedanken gerissen. „Was?“
Natsuki schnappte sich ihr Kissen und schlug es Maron über den Kopf. Ihre grünhaarige Freundin war in letzter Zeit übermütiger, als ihr lieb war und kam fast jeden Abend nach der Ausgangssperre zu Besuch. „Du warst total weg, M. Was ist los?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich dachte, es den Knights- es Chiaki heimzuzahlen, würde sich besser anfühlen...“, sagte sie ausweichend. Maron hatte ihr nicht von der Nacht auf dem Dach erzählt. Konnte es nicht.
„Heißt das, du willst Yashiro und Karen vergessen?“
„Nein, ich...ach, keine Ahnung!“ Maron fuhr sich frustriert über die kurzen Haare und warf ihr Gesicht ins Kissen, spürte daraufhin Natsuki’s Hand auf ihrem Kopf.
„Ich denke, Regel No. Vier kann sich darauf erstrecken. Zu wissen, wann du zu weit gegangen bist. Vielleicht wird dir bewusst, dass du genug hast. Yashiro und Karen sind traurige, kleine Mobber, die geil nach Aufmerksamkeit sind und sie haben deine nicht verdient. Lass die ihr erbärmliches Leben leben, während wir uns auf die wirklich wichtigen Leute konzentrieren: die Spades.“
Maron hob ihren Kopf, sah Natsuki an. „Leute, von denen wir nie erfahren werden, wer sie sind. Es sei denn, ich kann Chiaki dazu bringen, mir zu sagen, was er weiß. Das allein wäre schon Grund genug, weshalb ich mit ihm reden muss.“
„Ich wünschte du könntest.“
„Weiß du was...Nein.“ Sie setzte sich auf. „Wir können so nicht weitermachen. Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt und ich wurde zweimal fast umgebracht. Ich werde ihn dazu bringen mit mir zu reden.“
„Wie willst du das anstellen?“
Maron stieg vom Bett runter. „Ich habe keinen Schimmer.“
„Wenigstens hast du es gut durchdacht“, sagte Natsuki sarkastisch, was Maron ignorierte. Sie ging entschlossen zu ihrem Schrank und schnappte sich die ersten Sachen, die sie sah, zog sie sich an.
Sie würde gehen. Sie würde es tun.
„Willst du, dass ich mit dir komme?“, fragte Natsuki.
„Nein. Das ist etwas, was ich allein machen muss.“
„Ich weiß nicht, in welchem Zimmer er genau ist...aber du kannst Shinji fragen. Er ist in 202.“
Maron fragte gar nicht erst, woher Natsuki das weiß. Sie zog sich ihre Schuhe an und war in der nächsten Sekunde aus der Tür. Sie eilte über den Campus.
Er würde mit ihr reden. Sie würde ein „Nein“ als Antwort nicht akzeptieren.

Maron lief zum Wohnheim der Erstjahrgänger, stürmte durch die Türen.
Er wird mit ihr reden.
Der Fahrstuhl hielt im zweiten Stock an…In dem Moment traf sie die Realität wie ein Schlag ins Gesicht. Was zum Teufel mache ich da? Sie hatte nach immer noch keine Ahnung, wie sie Chiaki dazu bringen konnte mit ihr zu reden.
Tief atmete sie durch, blickte die vier Zimmertüren vor ihr an und klopfte an der 202. Momente später machte Shinji auf.
„Maron?“ Verwundert blickte er sie an. „Was machst du hier?“
„Ich suche nach Chiaki“, sagte sie ihm mit ruhiger Stimme. „Welches Zimmer ist seins?“
Er blinzelte verdutzt. „Chiaki? Chiaki Nagoya? Den Chiaki?“
Sie nickte.
Shinji zeigte auf die letzte Tür am Ende des Ganges. „208.“
„Danke.“
Maron drehte sich um und klopfte an der richtigen Tür.
Sekunden verstrichen. Nervös knetete sie mit ihren Händen. Ihr Herz schlug ihr laut aus der Brust.
„Endlich, Yamato.“ Wasserdampf kam durch die Tür, als Chiaki raustrat. Maron spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Ein dickes, flauschiges Handtuch bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht und passte perfekt zu dem Tuch, was tief um seiner Hüfte gebunden war. „Ich sagte, du sollst mir meine Rasiercreme vor einer Stunde zurückbringen.“
„Ich habe keine Rasiercreme.“ Chiaki riss sich das Tuch von seinem Kopf. „Aber ich hoffe, dass ich trotzdem reindarf“, fügte Maron sachte hinzu.
Mit riesengroßen Augen starrte er sie an, blinzelte. Überraschung spiegelte sich ganz klar in seinem Gesicht wider, welche sie nur einmal vorhergesehen hatte.
Sie trat näher. „Darf ich reinkommen?“, fragte Maron erneut.
„Eh... Ja.“ Schnell trat er zur Seite, gewährte ihr Einlass. „Nur zu.“
Sie ging rein, stoppt nicht, bis sie in der Mitte des Raumes stand. Chiaki’s Zimmer sah genauso aus wie ihr altes aus. Dort wo sie Bilder von ihrer Familie hatte, hatte er Fotos von ihm mit seiner Mutter oder den Knights stehen. Die einzigen Menschen, die ihm wichtig waren.
Sie trat auf ein gerahmtes Bild auf seinem Nachttisch zu. Chiaki und seine Jungs lächelten sie an. Die vier sahen mit ihren jungen Gesichtern putzig aus, posierten in ihrer Mittelschuluniformen mit ihren Armen umeinander vor der Kamera.
„Eine Sekunde.“
Maron drehte sich in dem Augenblick um, als Chiaki in sein Bad verschwand.
Sie würde es wirklich tun. Es passierte wirklich.
Sie setzte sich auf seinem Schreibtischstuhl und versuchte ihre Nerven zu beruhigen.
Sie hatte diesem Kerl gesagt, dass sie sexuell missbraucht worden war und einen Mord begangen hatte.
Er kannte jedes ihrer tiefsten Geheimnisse. Und tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie eigentlich nichts über ihn wusste.
Die Badezimmertür öffnete sich wieder und Chiaki kam in einem weißen T-Shirt und einer grauen Jogginghose wieder heraus. Wasser tropfte aus seinem Haar auf das Handtuch, das um seine Schulter hing.
Chiaki ließ sich auf die Kante seines Bettes nieder. Ein ganzer Teppich lag zwischen ihnen, trennte sie voneinander.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte er, sah sie mit dem leeren, distanzierten Blick in seinen blauen Augen an, den sie allzu gut kannte.
Ihre Hände ballten sich am Saum ihres Kleides. „Natürlich stimmt was nicht“, antwortete Maron. „Wir müssen reden, Chiaki. Ich habe wochenlang darauf gewartet, dass du zu mir kommst, aber ich kann nicht länger warten.“
„Dass ich zu dir komme?“ Er runzelte die Stirn. „Aber, Maron, ich–ich dachte, du würdest das nicht wollen.“
„Was meinst du damit?“
„Dass du ausgerechnet mit mir über das reden wollen würdest, was du durchgemacht hast. Das solltest du nicht noch einmal durchleben“, sagte er. „Insbesondere nicht mit mir. Nicht nach all den Dingen, die ich dir angetan habe.“
„Oh.“ Von all den Gründen, von denen sie davon ausging, weshalb Chiaki nicht mit ihr sprach, war Rücksicht auf ihre Gefühle nicht mal in der Top zwanzig gewesen.
„Ich versteh das“, begann Maron, „Aber wir müssen darüber reden. Die ganze Zeit frage ich mich wie verrückt, was du tun oder sagen würde-“
„Sagen?“ Chiaki’s Stirnrunzeln vertiefte sich. „Ich würde nie jemandem erzählen, was du mir erzählt hast.“
Sie schluckte. „Aber ich...hab den Mann getötet, der dich großgezogen hat.“
„Es war Notwehr.“ Jetzt waren Chiaki’s blaue Augen nicht mehr leer. Sie leuchteten mit einer Emotion, die Maron noch nie zuvor in ihnen gesehen hatte. „Und meine Mutter hat geholfen es zu vertuschen. Also tut es uns beiden weh die Wahrheit zu sagen.“ Er war auf den Beinen. „Wenn du hierhergekommen bist, weil du besorgt warst, ich würde dein Geheimnis nicht für mich behalten–nun, das musst du nicht.“
„Chiaki, es ist nicht nur das.“ Maron war ebenfalls auf ihren Beinen.
„Du weißt, was fast auf dem Dach passiert wäre. Die Dinge waren schon immer-“ Sie fuchtelte mit ihren Händen zwischen ihnen. „-extrem zwischen uns! Wir machen zu viel. Wir gehen zu weit. Und ich habe nie verstanden warum! Weil ich nicht weiß, wie du denkst und fühlst! Also–ein für alle Mal, sag es mir!“
Sie überquerte den dummen Teppich und hielt nicht an, bis sie direkt vor ihm stand. Und seinen durchdringenden Duft direkt wahrnahm.
„Sag mir, was du davon hältst. Wie du dich fühlst. Sag mir, wohin wir von hier aus gehen sollen.“
Chiaki schaute auf sie herab, seine Lippen bewegten sich nicht.
Maron sah ihn an. Jegliche Emotionen waren wie üblich hinter seiner Mauer verborgen.
Sie wartete, aber er sprach nicht.
Schließlich wandte sie sich ab. „Auf Wiedersehen, Chiaki.“
Gerade als sie einen Schritt zur Tür gehen wollte-
„Ich wusste von der Affäre.“
Sie hielt inne. „Was?“
„Deine Mutter und Kaiki. Ich wusste es.“
Langsam drehe Maron sich zu Chiaki um, blickte ihn überrascht an. „Wie?“
Er riss das Handtuch von seinem Nacken und warf es auf den Stuhl, den sie eben besetzt hatte. „Ich habe sie in seinem Büro erwischt. Ich war zwölf. Sie hatte mich nicht gesehen, aber er schon.“ Er warf den Kopf zur Seite. „Ich ging in dieser Nacht auf ihn zu und erwartete, dass er ein Fünkchen Schuld zeigte, aber er sagte mir, ich solle die Klappe halten und stieß mich weg. Er sagte...“ Seine Arme spannten sich an und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Mauer bröckelte.
Maron wusste nicht, was sie dazu gebracht hat, aber sie reichte nach ihm, nahm seine Hand und zog sie beide aufs Bett. „Was hat er gesagt?“, fragte sie leise, drückte seine Hand.
„Er sagte, er würde bald ein neues Kind und eine neue Frau haben. Warum also sollte er sich einen Dreck um uns scheren?“
Ihr Mund fiel auf. „Das hat er zu dir gesagt?“
„Hat er.“ Chiaki ließ seinen Blick senken. „Und ich dachte... mit Frau und Kind wären Korron und du gemeint.“
„Oh mein Gott.“ Maron senkte ihren Kopf. Auf einmal ergab alles Sinn. „Deshalb hast du mich gehasst.“
„Meine Mutter war so depressiv, dass sie ihr Schlafzimmer nicht verließ. Währenddessen trieb am anderen Ende des Ganges eine andere Frau es mit ihrem Ehemann und deren Kind lief durch das Haus rum.“ Seine Stimme war scharf wie ein Messer.
Die Mauer fiel in sich zusammen. Vor ihren Augen.
„Ja, ich hasste dich. Ich hasste deine Mutter, aber vor allem–hasste ich ihn. Aber von all diesen Leuten konnte ich nur dir wehtun. Du warst die Einzige, auf die ich meinen Hass übertragen konnte. Ich hasste dich so sehr, dass ich manchmal an nichts anderes denken konnte als an dich.“
Ihr wurde übel. „Ich wusste nichts von ihnen, bis er anfing in unsere Wohnung zu kommen.“
„Das weiß ich jetzt.“
„Niemand wollte ihn mehr aus unserem Leben als ich!“, sagte sie erzürnt. „Wenn er meine Mutter geheiratet hätte, hätte ich mich umgebracht! Ich konnte nicht-“
„Maron. Es tut mir leid.“
Diese leisen Worte ließen sie schneller verstummen, als ein Schrei jemals konnte.
„Es tut mir leid“, wiederholte Chiaki. „Es tut mir verflucht nochmal leid.“ Die Maske war weg. Es gab sie nicht mehr. Sein Leid war klar und deutlich für sie zu sehen. „Hätte ich gewusst... Ich wäre nie so schrecklich zu dir gewesen, und das ist immer noch keine Entschuldigung. Ich bin ein riesiges Arschloch und ein ‚Es tut mir leid‘ reicht bei weitem nicht aus, um es zu decken. Niemals.“
„Aber du verstehst jetzt?“
„Natürlich. Maron, er hat dich- Er hat dich ver-“ Mit einem Schrei, erhob Chiaki sich vom Bett und begann durch den Raum zu tigern. „Er hat dir wehgetan. Du hattest genug durchgemacht.“ Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „Ich hasse es, dass ich es schlimmer gemacht habe.“
„Chiaki...“
„War er es?“ Chiaki schnellte seinen Kopf in ihre Richtung und ließ sie das wütende Feuer in seinen Augen sehen. „Hat er dir Chlamydien gegeben?“
Es dauerte eine Weile, aber sie nickte.
„Fuck!“
Ein weiterer Schlag auf den Tisch ließ Maron zusammenzucken.
„Chiaki, du wirkst wütend“, sprach sie gedämpft.
„Natürlich bin ich wütend!“
„Nein... du scheinst wütend...für mich zu sein.“
Er schwankte etwas zurück. Sein Zorn überwältigte ihn. Mit gesenktem Kopf packte Chiaki die Lehne seines Stuhls, bis seine Knöchel weiß wurden. „Ich bin wütend für dich. Nichts rechtfertig Erwachsene sowas zu tun. Leute sollten solche Dinge nicht tun, Maron. An Kinder!“
Der Stuhl flog weg und Chiaki fiel in Rage gegen den Schreibtisch.
„Chiaki?“ Sorge mischte sich in ihre Stimme. „Warum kommst du nicht und setzt dich?“
Er schüttelte energisch den Kopf. „Das ist nicht richtig.“
„Ich weiß, es ist nicht richtig und ich bin auch wütend“, sprach Maron auf ihn ein. „Setz dich zu mir. Wir können darüber reden.“
Er drehte sich um. Sie sah nur noch seinen Rücken, während er über den Tisch gebeugt war. „Es gibt... so viel, dass du nicht weißt.“
„Dann sag es mir.“
„Ich kann nicht.“
„Doch, kannst du. Keine Geheimnisse mehr. Über den Punkt sind wir schon längst hinaus.“
Für einen Moment herrschte vollkommene Stille, bis er sie durchbrach. „Niemand weiß es. Niemand soll es wissen. Deshalb fing alles an.“
„Was? Chiaki, ich verstehe nicht.“ Maron ging zu ihm hinüber und legte ihre Hand auf seinen Rücken. Sie spürte, wie er erschaudert. „Schau, du flippst aus. Nimm dir eine Minute Zeit und atme.“
Chiaki schien sie nicht zu hören. „Ich gebe dir nicht die Schuld für das, was du getan hast“, brachte er heraus, „Ich hätte ihn auch getötet! Ich wollte- Ich hatte es vor-“
Maron begann sich ernsthafte Sorgen zu machen. Sie hatte Chiaki in allen möglichen Zuständen schon erlebt – aber noch nie so.
„Chiaki, beruhige dich. Es ist okay.“ Sie legte ihre Hand auf seine Wange und er fuhr herum, was sie erschrak.
Seine Augen waren riesig. „Ich wollte sie töten, Maron. Ich wollte es tun.“
„Töte-“
„In der Nacht im Wald.“
Sie erstarrte bei den Worten. „Im Wald. Du meinst den Maskenball?“
„Du hast uns gesehen.“ Die Worte sprudelten ungehindert heraus und es erschien nicht so, als konnte er sie stoppen. „Du hast uns in dieser Nacht gesehen, aber ich war es mit dem Messer. Ich dachte, es wäre vorbei. Sie war von der Mittelschule zur Akademie gewechselt, weg von allen - aber dann hörte ich sie an diesem Abend, wie sie Prof. Shinobu erzählte, dass sie ein Betreuungszentrum für Kinder gründen will.“
„Wer?“ Ihr Kopf drehte sich. Sie versuchte alles, um hinterherzukommen. „Wer ist gewechselt?“
„Ich holte mir das Messer. Ich weiß nicht warum, aber ich hab’s getan. Ich kam zurück und brachte sie dazu mit mir in den Wald kommen. Ich wollte tun, was ich schon längst hätte tun sollen. Sie stoppen!“
Maron nahm sein Gesicht in ihre Hände, er packte sofort ihre Handgelenke und klammerte sich fest an ihnen.
„Aber du warst da, Maron. Du solltest nicht dort sein und als die Karte in deinem Spind auftauchte, fand ich heraus, dass sie mehr als nur eine verdammte Pädophile ist. Sie ist ein verfickter Spade.“
„Wer, Chiaki? Wer ist es?“
Er schaute ihr in die Augen. Seine fiebrigen Atemzüge erwärmte die Luft zwischen ihnen und er sagte zwei Worte, die sie nie erwartet hatte zu hören.
Die ihr den Boden von den Füßen wegrissen.
„Sayuri Mikami.“
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