Das Spiel von Held und Schurke

von Donoma
GeschichteDrama / P12
Edo-Erza / Erza Knightwalker Edo-Lucy / Lucy Ashley Gajeel Redfox Mirajane Strauss Mystogan / Edo-Gerard OC (Own Character)
17.09.2020
22.10.2020
6
8.433
5
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
17.09.2020 1.694
 
„Wo ist Lily?“
Gajeels mürrische Stimme ließ Wendy aufblicken. „Ich weiß nicht, Gajeel-san“, gab sie wahrheitsgemäß zurück und blickte verwundert zu dem Schwarzhaarigen auf. Der musterte sie kurz, ehe er sich mit einem unwilligen Laut abwandte und den Nächsten fragte. Natsu gab eine patzige Antwort und bekam, anstatt einer verbalen Konter, Gajeels Faust in den Magen, worauf sich eine der Fairy Tail-üblichen Schlägereien entspann.

Wendy stützte die Ellbogen auf den Tisch, an dem sie saß und schaute dem Chaos zu. „Warum er mich wohl als Erste gefragt hat?“, murmelte sie vor sich hin. Charle, die neben der Blauhaarigen auf der Tischplatte saß, stellte ihre Teetasse ab und blickte Wendy an. „Wegen mir.“
„Und warum das, Charle?“
„Weil Pantherlily, Happy und ich in den letzten Tagen häufig unterwegs waren. Er denkt an Edolas, sucht jemanden zum Reden. Aber… auch wenn ich eine Exceed bin, Happy und ich waren nicht lange genug in Edolas, um seine Gedanken nachvollziehen zu können. Und… wir haben auch Mystogan nicht gut genug gekannt.“
„Ach das ist es. Er macht sich Sorgen um Gérard?“, fragte Wendy weiter. Im Gegensatz zu der weißen Katze, die zur besseren Unterscheidung lieber den bei Fairy Tail gebräuchlichen Namen verwendete, sprach Wendy konsequent von ‚Gérard‘, auch wenn sie Mystogan meinte.

Charle wiegte den Kopf hin und her. „Sagen wir, er fragt sich, wie sein ehemaliger Schützling zurechtkommt. Du hast doch von Nadi gehört, was Mystogan vorhatte. Er hätte sich geopfert für Edolas und wollte Pantherlily zum König. Wundert es dich da, dass Pantherlily jetzt darüber nachsinnt, wie es Mystogan ergeht?“, gab sie ernst zurück.
Wendy sah auf die Tischplatte hinab. „Nein, das wundert mich nicht“, gab sie dann leise zu.
Im Gegenteil, das konnte sie sogar sehr gut nachvollziehen. Sie dachte ja auch oft genug an den blauhaarigen, jungen Mann, der, wie sie jetzt erfahren hatte, nach Grandines Verschwinden ihr Retter gewesen war. Der Fairy Tails verborgener Schatten gewesen war. Der in ganz Earthland herumgereist war, um Menschen und insbesondere Magier davor zu bewahren, ihre Lebenskraft den Anima opfern zu müssen. Der als neuer König in Edolas geblieben war, in seiner Heimat.

Kurzerhand stand sie auf und drängelte sich an der noch immer tobenden Prügelei vorbei, in die Gajeel und Natsu inzwischen wie üblich die halbe Gilde involviert hatten.
„Wendy! Wo willst du hin?“, rief Charle, ließ ihren Tee, Tee sein und flog der kleinen Dragonslayerin hinterher.
„Zu Lily natürlich!“
„Also weißt du jetzt doch, wo er ist?“
„Ich glaube schon“, gab Wendy zurück und lief bereits weiter.
Charle schwebte hinterher.

___________________________________
Wie Wendy vermutet hatte, saß Lily auf jenem Hügel etwas abseits von Magnolia, an dem er zum ersten Mal den Boden von Earthland betreten hatte. Obwohl er sie hier nicht dauerhaft behalten konnte, hatte er seine große Form gewählt, erschien ihm das doch passender, angesichts seiner Gedanken. Die waren nämlich alles andere als in dieser Welt.
Er blickte zum Himmel auf, wo die riesige Anima gewesen war, die ihn mitsamt den anderen Exceed und kurze Zeit später dem Rest der Fairy Tail-Magier hierhergebracht hatte. Lange war das noch gar nicht her. Inzwischen waren die anderen Exceed weitergezogen, er aber hatte sich entschlossen, bei jenen zu bleiben, die dem Prinzen lange Jahre eine Familie gewesen waren. Er hatte die Abschiedsszene, den Kampf mit Natsu nicht beobachten brauchen, um zu wissen, dass Prinz Gérard Fairy Tail geliebt hatte. Und er glaubte langsam eine Ahnung davon zu bekommen, warum dem so gewesen war.

„Lily!“
Der Ruf ließ den schwarzen Exceed aufblicken. Längst konnte er diese Stimme Wendy zuordnen. Fragend blickte er über die Schulter.
Da kam das Mädchen angerannt, keuchend nach dem schnellen Lauf. „Gajeel-san sucht dich!“, japste sie, sichtlich wissend, wie er darauf reagieren würde.
Lily zuckte nämlich nur mit den Schultern. „Soll er doch suchen. Der will sowieso nur wieder irgendwelche Banditen verprügeln.“
„Nun, verprügeln tut er gerade Natsu und die anderen“, kommentierte Charle, die nun auch heran war und mit verschränkten Armen neben Wendy schwebte.
Lily gab einen belustigten Laut von sich, ehe er wieder nach vorne blickte. Das war typisch der Eisendragonslayer. Immer gleich draufhauen. Aber Lily dachte nicht daran, zurückzukehren, wenn Gajeel rief. Der Schwarzhaarige sollte ja nicht auf die Idee kommen, ihn als sein Eigentum zu betrachten. Immerhin war er, Lily, einmal Armeekommandant gewesen. Was ihn zu seinen Gedanken zurückbrachte.

„Lily?“ Wendys Stimme klang jetzt nachdenklicher.
„Hm?“
„Gérard hat gesagt, du hättest ihm mal das Leben gerettet“, fuhr das Mädchen fort.
Aus dem Augenwinkel sah Pantherlily, wie die Blauhaarige es sich neben ihm im Gras bequem machte. Er nickte leicht. „Da war er noch klein. Ein kleiner Prinz auf Abwegen. Er war vom Schloss weggelaufen und mitten in eine Exceed-Patrouille geraten. Die anderen wollten ihn fangen, da hat er sich erschreckt und ist losgerannt. Ich weiß nicht, was genau er sich getan hatte, aber als ich ihn später zufällig fand, war er am Kopf verletzt und ausgeraubt. Er tat mir leid, also habe ich ihn mitgenommen – und bin für diese Schandtat aus Extalia verbannt worden.“
Charles Gesicht verdüsterte sich etwas, aber Wendy fragte unbefangen weiter: „Und dann?“
Lily warf ihr einen Seitenblick zu. „Ich habe ihn zurück zum Schloss gebracht. Zum Dank und weil ich nun heimatlos war, nahm König Faust mich in die Armee auf. Zuerst interessierte er sich sehr für mich, weil er glaubte, ich würde Informationen weitergeben, aber das tat ich nicht. Also ließ er mich in Ruhe. Ich habe als Soldat gedient und mich zum Kommandanten hochgearbeitet.“

„Und Gérard?“
„Der Prinz hat an mir geklebt, wie eine Klette“, gab Pantherlily mit einem dumpfen Lachen zurück, das sich fast wie ein Schnurren anhörte. „Er sah mich wohl als seinen persönlichen Helden. Wann immer man ihn ließ, hatte ich von nun an einen kleinen Begleiter. Er fragte mich aus und ich erzählte ihm, was ich wusste. Auch über das, was die Armee tat und das, was ich über Magie wusste und irgendwann fragte er mich, was es mit den Anima auf sich hatte. Ich habe seine Neugier wie immer gestillt, aber diesmal hat er nicht fröhlich weitergeforscht, sondern ist sehr still geworden. In diesem Moment muss ihm zum ersten Mal klar geworden sein, dass in Edolas etwas gründlich falsch lief. Ein paar Monate später kam er spät abends zu mir und hat gesagt, wenn sein Vater das nächste Mal eine Anima öffnet, würde er hindurchspringen und etwas dagegen tun.
Er war zwölf damals, ich habe es nicht ernst genommen, habe mit ihm darüber gescherzt. Drei Tage später war er weg. Und wurde sieben Jahre lang nicht mehr gesehen.“

„So ist er also nach Earthland gekommen. Und dann hat er irgendwann mich gefunden“, setzte Wendy hinzu und lächelte, „Ich war völlig verzweifelt, weil Grandine weg war und habe ihn angefleht, dass ich mit ihm gehen möchte, obwohl ich ihn gar nicht kannte und ihm nur zufällig in die Arme gelaufen war. Da hat er mich mitgenommen und wochenlang wie ein Bruder für mich gesorgt. Ich habe mich immer gefragt, warum er manchmal zusammenschreckte und etwas von ‚Anima‘ murmelte. Und ich habe so sehr gebettelt, dass er mich nicht wieder im Stich lässt, dass er mich schließlich, als ich schlief, zu Roubaul gebracht hat, weil er nicht das Risiko eingehen wollte, dass ich ihm direkt hinterher und damit in mein Verderben renne.“
„Danach muss er irgendwie bei Fairy Tail gelandet sein, hat sich zum S-Class-Magier emporgearbeitet und obwohl er kaum öffentlich in Erscheinung trat, war er Fairy Tail stets loyal. – Bis die Anima zu mächtig wurden, selbst für seine Stärke“, fügte Charle das hinzu, was sie alle nur spekulieren konnten. Sie saß inzwischen auf Wendys Schoß.
Wendy nickte eifrig. „Als er das begriff, versuchte er mich zu retten, weil er mich wiedererkannte. Aber ich wollte nicht, ich wollte die anderen warnen, anstatt zu fliehen. Stattdessen musste ich mit ansehen, wie Fairy Tail vor meiner Nase absorbiert wurde und ich nur wegen meiner Dragonslayer-Kräfte verschont blieb. Mit Natsu, Happy und Charle gelangte ich nach Edolas.“

Jetzt schwiegen alle drei. Den Rest der Geschichte kannten sie alle – auf die eine oder andere Weise. Fairy Tail hatte Edolas aufgemischt, die Exceed gerettet und kurze Zeit später König Faust mitsamt Dorma Animus besiegt, während Gérard einen Weg gesucht hatte, das große Anima umzukehren. Als es ihm gelang, trat er selbst in Erscheinung.

Wie auch in jener Situation lief Lily jetzt eine Träne aus dem Augenwinkel, als er daran zurückdachte.
Nie hätte er gedacht, dass sein kleiner Freund und Schützling jemals zurückkehren würde und schon gar nicht als gestandener Mann, dessen Kameraden kurz zuvor erst Lilys Heimat gerettet hatten, jene Heimat, der Lily selbst aus lauter Stolz und Sturheit den Rücken zugewendet hatte.
Und wie damals legte Lily eine Hand auf sein Herz. Er verstand bis heute nicht, wie Prinz Gérard auf die Idee hatte kommen können, er, Lily, wäre fähig gewesen, Gérard – sei es auch zum Wohle von Edolas gewesen, was Lily bezweifelte – umzubringen.

Das Spiel von Held und Schurke, es ließ sich auf so viele Weisen interpretieren. Im Grunde konnte man auch sagen, Gérard habe jeden einzelnen Bewohner von Edolas über die Jahre davor bewahrt, unwissend unzählige Leben auf dem Gewissen zu haben – und allein das machte ihn schon zum Helden. Aber Gérard hatte diese Aufopferungsgabe, diese Kompromisslosigkeit, die ihn dazu befähigte, sich selbst hinter jedweden anderen zurück zu stellen.
„Genau diesen König braucht Edolas jetzt“, murmelte Lily vor sich hin. Die große Form begann ihm zu schaffen zu machen und er blickte noch einmal zum Himmel hinauf, ehe er sich in seine kleine Gestalt zurückzog. Es war wie ein Zeichen für Lily, dass Edolas für ihn Vergangenheit war. Aber Gérard, der Prinz, den er unter seine Fittiche genommen hatte, der würde nie Vergangenheit sein.

„Ich bin sicher, ihm geht es gut!“, meldete Wendy sich zu Wort.
Lily sah sie an. „So, denkst du das, ja?“
„Natürlich! Edolas ist doch seine Heimat! Er ist endlich wieder zu Hause!“
Der Exceed blinzelte, als er Wendys schlichte Worte hörte. Die kleine Dragonslayerin brachte es auf den Punkt. Pantherlily lächelte leicht. Sie hat Recht. Du bist wieder zu Hause. Und wie ich dich kenne, wirst du alles Menschenmögliche tun, um Edolas zum Blühen zu bringen. Viel Glück, Ôji…
Review schreiben