Red Riding Hood

von MissKrone
OneshotAbenteuer, Angst / P12
Ran Fujimiya / Aya / Abyssinian Schuldig / Mastermind
16.09.2020
16.09.2020
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16.09.2020 2.080
 
Es war keine besonders anspruchsvolle Mission, der Gefahrenfaktor lag nahe bei Null und dennoch, ein winziges Risiko blieb immer. Jeden Nerv bis zum Zerreißen gespannt. Horchend auf das winzigste Geräusch, das Katana fest an mich gepresst schlich ich mit samtenen Schritten durch die Nacht. Unter dem anderen Arm hielt ich das fest in Papier eingewickelte Päckchen. Es war nicht groß. Gerade groß genug, dass es eine Gefahr darstellen konnte. Ich wusste nicht, was sich darin befand und ich wollte es auch nicht wissen, weil ich es nicht wissen wollen durfte. Keine Fragen stellen. Keine Antworten verlangen oder erwarten. Und vor allem keine Unsicherheiten zulassen. Schon gar nicht, wenn man alleine unterwegs war. Es lag nicht in Persers Art, einen von uns alleine loszuschicken, doch in letzter Zeit passierte es immer öfter. Erst letzte Woche hatte er Bombay allein etwas aufgetragen und er war verletzt zurückgekommen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Mir gefiel es schon zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Perser auf einmal anfing, uns als Laufboten zu verwenden, doch wir hatten schwören müssen, dass wir unser Leben für seine Sache geben würden und so hatte wir nicht das Recht, uns ihm zu widersetzen. Natürlich hatte ich meine Bedenken nicht ausgesprochen.

Es regnete und ich beschleunigte meinen Schritt. Konzentration. Ich durfte es auf keinen Fall zulassen, dass ich durch Grübelei unaufmerksam werden könnte. Fest richtete ich meinen Blick auf die feuchte Straße, während ich auf das leiseste Geräusch lauschte. Als ich am Ende der hügeligen Straße das Haus der Zielperson auftauchen sah, begann ich zu rennen. Mein Atem war ruhig, die Straße menschenleer und ich fühlte noch immer die beruhigende Härte des Katana an meiner Hüfte. Die Häuserwand, an der ich vorbeieilte war eingezäunt von Baugerüsten und für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich nicht den Weg über dem Erdboden nehmen sollte.

„Na mein Kater, wohin denn so eilig?“

Schuldig! Ich fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, doch auch hinter mir war die Straße leer. Das Licht des halb versteckten Mondes schimmerte unheilvoll auf dem feuchten Asphalt. Meine Finger legten sich um den griff meines Schwertes und ich blickte mich in der engen Gasse um. Nichts.

„Willst du mir nicht antworten?“

Gerade noch hatte ich das Gefühl, die verhasste Stimme würde mir ins Ohr gesäuselt, schon klang sie aus weiter Ferne. Doch wenigstens sprach er diesmal nicht in meinem Kopf. Oh, wie ich es hasste, wenn er das tat. Ich hatte jedes Mal wieder das Gefühl, es würde mich von innen aushöhlen, mich zerfressen und alles was ich jemals gedacht und gefühlt hatte würde ausgebreitet vor dem Verhassten. Doch jetzt sah ich ihn. Das orangfarbene Haar und das breite Grinsen, der weiße Mantel. Ich spürte eine Welle des Hassen in mir hochkommen. Gerade so konnte ich ein „Was willst du, Schuldig“ zwischen meinen Zähnen hervorpressen. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte ihm mein Schwert in den Bauch gerammt. Ich fühlte meine Zurechnungsfähigkeit an einem seidenen Faden baumelt, mir wurde fast schwarz vor Augen so heiß kochte mein Blut. Anstatt zu antworten grinste er nur über das ganz Gesicht, machte ein wegwerfende Geste, fixierte mich mit seinen jadegrünen Augen.

Ich begann zu zittern, mit solcher Anstrengung versuchte ich, nicht auf ihn loszugehen. „Komm heil wieder zurück, Aya-kun“, hatte Omi gesagt und dabei gelächelt und ich hatte es ihm versprochen. Dieses Versprechen würde ich nicht brechen, nicht für diesen Abschaum. Auf einmal stand er hinter mir – Oh wie ich es hasste, genauso wie seine verdammte Telepathie – ich fühlte seinen Atem heiß in meinem Nacken, seine Hand auf meiner Taille. „Ist dir etwa kalt… Ran?“ Ich riss mich aus seinem lockeren Griff zog mein Katana und hielt es ihm an die Kehle, kurz davor diese zu durchtrennen und doch wissend, dass ich es ob seiner Fähigkeiten niemals schaffen konnte. Er wich nicht zurück, blinzelte noch nicht einmal mit den stechenden Augen, grinste nur. Grinste wie immer. Meine Gedanken verschwommen, wollten sich nicht mehr ordnen lassen. Ich wusste nicht, wie ich Schuldigs Verhalten einzuordnen hatte. Verführung? Provokation? Ich konnte nur für ihn hoffen, dass er nicht wirklich vorhatte, sich an mich ranzumachen, das konnte schlecht für ihn ausgehen. Ich funkelte ihn an. Wut. Hass. Mehr spürte ich nicht und er grinste nur. Grinste wie immer. Und da fühlte ich ihn in meinem Kopf. Spielte mit meinen Gedanken, warf meine Gefühle umher wie ein Kind einen bunten Ball an einem Sommertag. Ich taumelte zurück, gegen das Gerüst, mit solcher Wucht überkam mich seine Anwesenheit. Ich hörte ein klares Lachen in meinem Kopf, das Lachen von Aya-chan, doch sehen konnte ich nur das Grinsen meines ewigen Erzfeindes, der Schritt für Schritt näher kam und immer mehr vor meinen Augen verschwamm.

Ich verspürte nur noch den Drang zu rennen in mir. Wegzurennen so schnell ich konnte. Die verdammte Mission abschließen, diesen verdammten Scheißkerl hinter mir zu lassen und das alles nie mehr wieder erleben zu müssen. Doch ich hatte kaum noch die Kraft, mich aufrecht zu halten und das Gesichts des Deutschen kam meinem immer näher. Wieder spürte ich seinen feuchten Atem auf meiner kalten Haut.

„Ich will dich, Ran“, raunte er in einer Tonlage, die jeden anderen hätte schwach werden lassen können. Doch ich fühlte nichts als brennenden Hass, wollte ihn von mir stoßen, doch er griff nur sanft meine Hände, die nicht die Kraft hatten, ihm Gewalt anzutun und hielt sie fest. Er grinste breit und hauchte mir einen sanften Kuss auf die kalten Lippen und dann war er auf einmal verschwunden.

Vor Schwäche sank ich auf die feuchte Straße und musste mich fragen, ob dieser kurze Moment, in dem ich mich mit Schuldig konfrontiert sah, Wirklichkeit gewesen war oder nur ein kranker Traum, den mir mein Hirn vorgaukelte. Noch immer waren meine Glieder schwach und in meinem Kopf spürte ich eine leise Präsenz. Also kam ich zu dem Schluss, dass die kurze Szene Wirklichkeit gewesen war, doch ich beschloss, sie so schnell wie möglich aus meiner Erinnerung zu tilgen und niemals wieder ein Wort darüber zu verlieren. Doch sollte ihm dieser kranke Arsch noch einmal unter die Augen treten so würde er ihn töten, dass schwor er sich. Als Abyssinian, als Aya und als Ran schwor ich Rache. Nun war es nicht mehr nur die Liebe zu meiner Schwester die mich trieb und die wollte, dass ich Rache übte, nun war es auch der geheime Wunsch, diesen einen genauso zu demütigen, wie er mich gedemütigt hatte.

Ich rappelte mich langsam wieder auf. Erst jetzt merkte ich, dass ich sowohl mein Katana als auch das Päckchen fallengelassen hatte. Jetzt erhob ich mich ganz von dem nasskalten Asphalt und musste für einen Moment gegen den Schwindel ankämpfen, der mich übermannen wollte. Ich war noch unsicher auf den Beinen, als ich die paar Schritte zu meinem Schwert ging und es aufhob und ich hasste mich selbst dafür, dass ich mich von Schuldig so hatte fertig machen lassen. Denn noch immer saß mir die Angst in den Knochen. Ich schaute mich um und hatte Angst, er würde wieder auftauchen, wieder in meinem Geist eindringen, mich wieder angrinsen auf seine widerliche Art. Immer grinste er nur.

Ich hob auch das Päckchen, dessen Papier schon leicht aufgeweicht war und begann wieder zu rennen. Konzentration, die Augen aufs Ziel gerichtet. Niemals wanken, niemals zurückblicken. Und in meinen Ohren klang immer noch die Stimme Schuldigs nach.

„Ich will dich, Ran!“


Endlich erreichte ich das Haus. Das Erlebte hatte ich schon erfolgreich aus meinen Gedanken verdrängt, die Mission war wichtiger. Behende schwang ich mich über den hohen Zaun und ließ mich kaum hörbar in das nasse Gras des Grundstücks fallen. Perser hatte die Anweisung gegeben in das Haus einzudringen, in den zweiten Stock zu gehen und dort die Zielperson zu treffen, der ich das Päckchen aushändigen sollte. Dies alles sollte ungehört und ungesehen passieren. Niemand hatte mir erklärt wieso und ich habe keine Fragen gestellt. Ich habe akzeptiert. Wie immer.

Ich schlich gebückt über den Rasen, geschmeidig wie eine Raubkatze, schwang mich in den Baum, der dem Haus am nächsten stand und blieb zusammengekauert auf dem Ast sitzen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte ich einen Blick in das Innere des Hauses zu erlangen, doch das erwies sich beinahe als unmöglich, da nirgendwo Licht brannte und der Mond so hell schien, dass die Fensterscheiben stark reflektierten. Hatte sich da nicht etwas bewegt? Ich war mir nicht sicher, doch ich versuchte noch angestrengter etwas zu erkennen. Nichts. Ich entschied, dass ich mir das nur eingebildet hatte und versuchte nun einen Einstieg in das Haus auszumachen. Und tatsächlich, nicht weit von hier stand ein Fenster offen. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, wie leichtsinnig manch einer doch handelte, doch dann wischte ich auch dies wieder weg. Augen auf das Ziel. Ich stieg einen Ast höher, sorgsam darauf bedacht, auf der feuchten Rinde nicht auszurutschen und kam so dem Fenster immer näher. Leise schob ich das Fenster ganz auf und stieg in das Haus. Es war gut geheizt und ich atmete tief ein und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Doch schon riss ich sie wieder auf, denn was mir mit der warmen Luft in die Nase stieg war ein Geruch, den ich nur zu gut kannte. Es war der Geruch von frischem Blut. Für den Bruchteil einer Sekunde war ich wie erstarrt doch dann bekamen meinem Augen einen grimmigen Ausdruck. Schuldig war hier.

Kaum dass mir die Erkenntnis durch den Kopf geschossen war, vernahm ich auch schon wieder seine Stimme. Sie klang leise aus der schier undurchdringbaren Dunkelheit vor mir. Drang zusammen mit dem Geruch von Blut auf mich ein. „Na, willst du jetzt nicht mir das Päckchen geben, Abyssinian? Schließlich ist deine Zielperson, sagen wir, verhindert.“ Ein leises, fast grausames Lachen klang in meinem Kopf auf diese Worte nach.

Ich festigte meinen Stand, zog mein Katana und versuchte verzweifelt in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Doch zwecklos. Meine einzige Chance war, durch den dunkeln Raum zu kommen, ohne angegriffen zu werden, den Lichtschalter zu betätigen – sollte ich ihn denn finden – und mich schneller an das Licht gewöhnen als Schuldig, der wahrscheinlich schon wusste, was ich tun würde, bevor ich überhaupt einen festen Entschluss gefasst haben würde. Wie gesagt, zwecklos.

„Du willst Licht, Ran? Kein Problem, kannst du bekommen“ Ich hörte das feiste Grinsen in seinem Gesicht förmlich. Und dann war es Licht und nachdem ich ein paar mal mit den Augen gezwinkert hatte, sah ich ihn. Er lehnte lässig im Türrahmen, spielte mit seiner Pistole und fixierte mich mit seinen Augen. Zwischen uns stand der große Schreibtisch, über dem die tote Zielperson lag, das Gesicht in den Unterlagen vergraben. Die Metapher des hart arbeitenden Mannes, nur dass dieser überströmt war von rotem, rotem Blut. Ich kannte diesen Anblick schon zu gut, als dass er mich noch schockieren würde. Das einzige was mich im Moment interessierte war dem Grinsenden so viele Schmerzen wie möglich zuzufügen.

„Stirb“, zischte ich, schleuderte das Päckchen beiseite und rannte erhobenen Schwertes auf Schuldig zu. Doch einen halben Schritt vor dem Deutschen prallte ich gegen eine unsichtbare Wand und wurde unsanft zu Boden geschleudert. Das Katana fiel mir aus der Hand und schlitterte durch den Raum. Ich bemühte mich, es wieder zu erreichen, doch die Macht Schuldigs nahm mir erneut die Kraft und mir wurde bewusst, dass ich ihn niemals würde besiegen können.

Schuldig kam langsam auf mich zu, hockte sich neben meinem Gesicht nieder und grinste mich an. Oder war es schon ein zärtliches Lächeln. Ich vermochte es nicht mehr zu unterscheiden. Er streckte die Hand aus und streichelte zärtlich meine erhitzte Wange während er flüsterte: „Na na, Ran-chan, nicht weinen, es wird bald alles gut, alles wird gut“

„Verarsch mich nicht, Schuldig!“, war das einzige, was ich hervorpressen konnte, bevor ich keine Kraft mehr hatte. Doch er schaute nur tadelnd auf mich herab. Ich war schon der Ohnmacht nahe, als das fast unbegreifliche geschah.

Schuldig wurde von einer unsichtbaren Kraft nach oben gerissen und konnte sich nicht mehr rühren. Ein wutentbrannter, rauer Schrei entrang sich seiner Kehle, dann kippte sein Kopf nach hinten, der schneeweiße Anzug verfärbte sich rot und der Schrei verlief sich im Nichts. Ich konnte kaum verstehen, was da vor sich gegangen war, doch als ich den leisen Jubelschreis Bombays hörte verstand ich und konnte mich der süßen Schwärze umgeben, die mich zu sich rief.

Doch in der Schwärze wartete wieder er auf mich, grinste mich an, grinste immer nur, umgarnte mich und ließ mich nicht los. Und immer wieder der eine Satz:

„Ich will dich, Ran!“
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