Black 'n white

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Newt Thomas
16.09.2020
16.09.2020
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Black 'n white - Newtmas

Pov Newt:
Ein normaler Highschool-Tag, wie jeder andere, langweilig, eintönig. Ich lief den langen Flur entlang, der einfach nicht schöner werden wollte, egal, wie oft man ihn schon entlang gelaufen war. Dieselben einfarbigen Schließfächer, die selben langen, rechteckigen Lampen, die ein weißes Licht auf den Boden warfen, der selbe hässliche Boden mit dem ebenso hässlichen Muster, in einem noch hässlicheren Orangeton und die weißen Wände mit vielen grauen Türen, die zu den Klassenzimmern führten, die auch eher wenig Abwechslung zu dem Ganzen boten. Ich hatte das Gefühl, der Gang wurde mit jedem Schritt, den ich ging, langweiliger. Ich betrat das Klassenzimmer, wie erwartet war niemand da, ich war genauso früh wie jeden Tag, ich hasste diese Busse. Der eine kam viel zu früh, der nächste viel zu spät, also war ich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde zu früh. Ich war allein im Raum. Ich starrte die mit Kreide verschmierte Tafel an, studierte die Überreste der Lerninhalte der Klasse, die gestern zuletzt in diesem Raum gewesen war. Ich saß auf dem Platz, auf dem ich jeden Morgen saß, wartete auf den Lehrer, den wir fast jeden Morgen hatten und bereitete mich auf eine dieser langweiligen Mathestunden vor. Ich legte mein Heft auf den Tisch, schlug es auf und betrachtete die unendlich wirkende Masse an Zahlen, Buchstaben und Zeichen. Ich hatte keine Lust mehr, diese Zahlen anzuschauen, ich betrachtete meinen Unterarm. Die Narben waren deutlich zu sehen, die neuen Wunden noch nicht verheilt, ich zog die Ärmel meines Shirts wieder herunter. Ich fühlte nichts, absolut nichts. Ich fühlte mich leer, als würde mir irgendetwas fehlen, irgendetwas, was ich nicht haben konnte, ich wusste nur nicht, was es war, aber es tat weh. Zwanzig Minuten vergingen, zwanzig Minuten, in denen ich nur abwechselnd auf die Tafel, mein Heft und meinen Arm schaute. Ich versuchte den Schmerz, den ich gestern Abend an meinem Handgelenk gespürt hatte, erneut zu spüren. Das Gefühl, wie das Messer meine Haut erst streifte, dann schnitt, das Gefühl, dass ich lebte, nur für diesen einen Augenblick, das Gefühl, wie das Blut meinen Arm herunter floss und auf mein Bein tropfte, das Gefühl, das mich diese grauenvolle Welt für einen Moment vergessen ließ. Ich versuchte, mich an den Schmerz zu erinnern, versuchte, mich davon abzuhalten, in meine Hosentasche zu greifen und mein Taschenmesser heraus zu holen, doch ich war schwach, zu schwach für diese Welt. Ich hatte es satt, ich hatte es satt, immer mehr in meiner eigenen Traumwelt zu versinken, die echte Welt nicht mehr wahr zu nehmen, ich hatte es satt, jeden Tag von meinen eigenen Eltern zu hören, dass sie mich nicht liebten, dass ich nicht mehr ihr Kind sei, und das alles nur, weil ich schwul war. Ich wusste es schon seit einiger Zeit, ich wusste nicht, warum ich es meinen Eltern erzählt hatte. Jeden Tag bereute ich diese Entscheidung mehr, ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen. „Ich war eine Enttäuschung für meine Familie“, sagten sie, „ein schlechtes Vorbild für meine Schwester Sonya“. Ich hatte nicht gemerkt, wie mir die Tränen in die Augen gestiegen waren, ich weinte. Ich hatte lang nicht mehr geweint, aber es tat gut, einfach Mal alles rauszulassen. Ich steckte das Messer zurück in meine Hosentasche.
Gerade, als ich mich wieder beruhigt hatte, wurde die Tür aufgerissen, unser Lehrer kam herein, mit ihm der Rest der Klasse. Die Unterrichtsstunden flogen nur so an mir vorbei, ich bekam nicht viel davon mit. Egal, wie sehr ich zuhören wollte, ich konnte es nicht.
Die Klingel, die Schule war zu Ende, ich musste nach Hause. Ich wollte nicht nach Hause, ich wollte nie nach der Schule nach Hause kommen, sehen, wie mein betrunkener Vater mich mit seinen Bierflaschen bewarf, sehen, wie meine mit irgendwelchen verdammten Drogen vollgepumpte Mutter mit der Zigarette im Mund neben ihm auf der Couch saß. Dieser Anblick bot sich mir jeden Tag, jeden Gott verdammten Tag, an dem ich aufwachte und mir wünschte, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen. Es stand kein Essen auf dem Tisch, wie bei den meisten, ich musste in der Stadt essen, jeden Tag. Ich hatte kein Geld, ich bekam kein Taschengeld. Ich musste arbeiten, es war zwar nur Zeitung austragen, allerdings reichten die 60 Euro im Monat für ein Brötchen beim Bäcker am Tag. Oft aß ich gar nichts, weshalb ich sehr abgemagert war. Ich konnte und wollte dieses verdammte Leben nicht mehr leben. Ich war zwar 18 aber ausziehen konnte ich nicht, mir fehlte das Geld. Ich ging in eine kleine Abstellkammer, die als mein Zimmer diente und eigentlich mehr eine Art Dachboden war. Ich setzte mich auf mein Bett, um das zu tun, was ich jeden Tag tat, in meiner eigenen Welt versinken. Um dort wieder heraus zu kommen brauchte ich allerdings eines: Schmerz, physischen Schmerz. Er holte mich zurück in die Wirklichkeit, die Wirklichkeit, die ich nicht wahrhaben wollte.
Die warme, rote Flüssigkeit lief meinen Arm hinunter. Ich verfolgte den Tropfen so lang, bis er auf meinen Unterschenkel tropfte, ich wischte ihn auf. Ich wischte meine Emotionen, meine Wut auf meine Eltern, meine Trauer mit ihm auf. Übrig blieb nur diese Leere. Das Bedürfnis danach, diese Leere zu füllen war stärker, als es jemals war. Morgen direkt nach der Schule würde ich alles beenden, ich würde meine Oma, die einzige, die normal war wiedersehen. Ich würde wieder bei ihr sein können, mit ihr über Jungs reden. Sie war außer Sonya und Minho die einzige, die mich so akzeptierte, wie ich war. Sie war außer den beiden die einzige, die es nicht störte, ob ich auf Jungs oder Mädels stand. Sie hatte es geliebt, mit mir über männliche Schauspieler aus ihrer Jugend zu reden, mir Bilder von ihnen zu zeigen und meine Meinung über sie zu hören. Sie war außer den beiden die einzige Person für mich, bei der ich mich wohlfühlen konnte, doch sie war nicht mehr da. Sie war vor vier Monaten gestorben und seit dem war ich in ein tiefes Loch gerutscht, aus dem ich ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen würde.
Der nächste Tag begann genauso wie immer, genauso wie gestern. Die Schließfächer, die Lampen, der Boden, die Wände, die Türen, der Klassenraum, wie in einer Zeitschleife. Es wiederholte sich immer und immer wieder, doch heute war etwas anders, das spürte ich.
Nach 15 Minuten im Klassenraum klopfte es leise an der Tür. Ich stand auf, öffnete die Tür und starrte einem Jungen in meinem Alter mit dunkelbraunen Haaren direkt in seine tiefbraunen Augen. „Äh, ist das die Klasse 12c?“, fragte er etwas verwirrt. „Ja…ja, bist du neu hier?“, fragte ich ebenso verwirrt. „Ja, ich bin aus den USA hierher gezogen. Ich bin übrigens Thomas“ „Newt“, sagte ich und schüttelte seine Hand, wobei mein Ärmel ein Stück hochrutschte. Er starrte direkt auf meine Wunden und Narben „Was…?“, begann er doch ich bedeckte meinen Arm schnell wieder mit dem Ärmel, „Ich…also…“ „Hey, ist alles okay? Wir können darüber reden, wenn du willst“ „Alles gut, wirklich“, versicherte ich ihm, während wir uns auf unsere Plätze setzten. Ich hatte ihm den Platz neben mir angeboten, den Platz, der immer frei war. Niemand wollte sich zu mir setzen, außer Minho, meinem besten Freund, aber er tat es. Er war anders als die anderen, das konnte ich spüren.
Wir unterhielten uns über alles mögliche, bis der Lehrer in Begleitung der Klasse kam. Jetzt war Thomas von Menschen umzingelt, er wurde mit Fragen gelöchert. Niemand beachtete mich, wie ich neben ihm saß und ihn anstarrte, ich starrte ihn einfach nur an, in Gedanken versunken. „Hey, du starrst, du Strunk“, murmelte Minho kaum verständlich neben mir, ich schreckte hoch, sah ihn beschämt an. Meine Wangen mussten einen schrecklich roten Farbton angenommen haben, denn ich fühlte, wie sie glühten. Thomas schien davon nichts mitbekommen zu haben. Er versuchte nur weiterhin die Masse an Fragen zu beantworten. Minho warf einen Blick auf meine Mundwinkel, sie waren zu einem Lächeln verzogen, wenn ich Thomas ansah, ein Lächeln, das echt war, das nicht einfach nur da sein musste, weil sonst jemand gefragt hätte, ein echtes, ehrliches Lächeln. Das schien Minho so glücklich zu machen, es war lang her, dass er mich das letzte Mal wirklich Lächeln gesehen hatte.
Die Unterrichtsstunden vergingen schneller als je zuvor, ich redete mit Thomas im Unterricht, oder versuchte den Lehrern zuzuhören, doch egal, wie interessant das Thema war, ich konnte nicht zuhören. Meine Gedanken schweiften immer und immer wieder zu Thomas ab. Thomas, dem hübschen Brünetten mit den tiefbraunen Augen. Mein Vorhaben von Gestern Abend hatte ich komplett vergessen. Es schien, als würde die Welt für den Moment wieder in Ordnung sein. Es war sogar besser als das Gefühl in meiner eigenen Traumwelt zu leben, denn aus dieser Traumwelt musste ich mich mit physischen Schmerzen wieder befreien. Auch heute wollte ich nicht nach Hause gehen, so wie jeden Tag, daran hatte sich nach wie vor nichts geändert.
Ich saß abends in meinem Zimmer und dachte über alles nach, eigentlich dachte ich nur an Thomas, genau genommen sein Lächeln, seine Ausstrahlung, einfach alles. Ich lag in meinem Bett und starrte in Gedanken versunken die Zimmerdecke an. Ich konnte nicht aufhören, an ihn zu denken und das machte mir Sorgen. Ich vermisste ihn, ich freute mich auf morgen, darauf, ihn wiederzusehen, ihm wieder in die Augen sehen zu können.
Der nächste Tag, die selben Schließfächer, die Lampen, aber diesmal war etwas anders. Ich war glücklich, seit langem Mal wieder. Die Schließfächer kamen mir irgendwie schöner vor, als hätten sie sich über Nacht komplett verändert. Die weißen Lichtstrahlen der rechteckigen Lampen schienen nicht mehr so langweilig und sogar der eigentlich so furchtbare orange Boden mit den hässlichen Mustern störte mich nicht mehr so sehr. Ich konnte die weißen Wände mit den langweiligen grauen Türen ignorieren, die Klassenräume mit den verschmierten Tafeln, die alle gleich aussahen. Ich setzte mich auf meinen Platz, zu früh wie immer aber Thomas war schon da. Er sah so aus, als würde er sehnsüchtig auf etwas warten. „Worauf wartest du?“ „Auf dich, Newt“ „Auf mich?“ „Ja, wir haben jetzt genug Zeit, um allein zu reden“ „Thomas, ich will nicht… also mir geht’s gut, wir müssen nicht darüber reden…ich“ „Newt, ich versuchen dir zu helfen, wenn du noch nicht darüber reden möchtest, ist das in Ordnung. Ich biete es dir nur an. Es hilft in den meisten Fällen etwas“ „Ich also…“, mir stiegen Tränen in die Augen, ich starrte an die Decke, aber es war zu spät, ich hatte bereits angefangen zu weinen. Ich versuchte, es zu verstecken. „Hey, es ist okay zu weinen. Komm wir setzen uns hin und reden ein wenig, ja?“, ich nickte und folgte ihm auf unsere Plätze. Ich ließ einfach alles raus, erzählte ihm alles, was mir auf dem Herzen lag. Es tat gut, einfach Mal alles loszuwerden. Ein Schluchzen durchzuckte meinen Körper, noch eins. Er legte einen Arm um mich. Ich wusste nicht wieso, aber ich fühlte mich bei ihm sicherer als bei jeder anderen Person auf der Welt, ich vertraute ihm. Er legte seinen zweiten Arm um mich, umarmte mich. Ich weinte, ich hatte auch keine Lust, es zurück zu halten. Ich erzählte ihm davon, was ich vorhatte zu tun, von meiner Oma, von meiner Familie, einfach alles. Als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, lockerte er die feste Umarmung ein wenig. „Und, fühlst du dich etwas besser?“, fragte er ruhig, ich nickte, „Danke, Thomas“.
Die nächsten Tage verliefen ähnlich, wir trafen uns vor der ersten Stunde im Klassenraum, redeten über alles mögliche, manchmal auch mit Minho, wenn er Mal wieder Religion mit uns hatte. Wir waren nicht in der selben Klasse und sahen uns daher nur in den Pausen und eben in Religion. Das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens bei Thomas wurde immer stärker. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart immer besser. Ich hörte auf, alles so negativ zu sehen, in meiner Traumwelt zu leben, ich hörte auf, mich zu ritzen, ich hörte auf, die Welt schwarz-weiß zu malen. Thomas brachte Farbe zurück in mein Leben, das Gefühl, glücklich zu sein, das Gefühl einer heilen Welt. Wochen vergingen, manchmal kam ich sogar nach der Schule mit zu ihm, wir spielten Video Spiele oder schauten Filme. Ich fühlte mich bei ihm besser, ich vermisste ihn, wenn ich nicht bei ihm war, ich dachte an ihn, wenn ich allein war, nein, eigentlich immer. Hatte ich mich in ihn verliebt? War es das, was jede noch so kleine Berührung eine Gänsehaut hervorrufen ließ? War es das, was jeden Moment mit ihm besonders machte? War es Liebe? Fühlte er das selbe auch für mich? Stand er überhaupt auf Jungs? Viel zu viele Gedanken durchströmten meinen Kopf. Wie würde ich ihm das sagen können?

Zeitsprung
Dass Thomas hier an dieser Schule zum ersten Mal aufgetaucht war, war jetzt schon fast ein Jahr her, dieses Gefühl der Sicherheit war immer noch da, mittlerweile war es so stark geworden, dass ich gar nicht mehr von ihm weg wollte. Ich war Clean und ich war es auch bisher geblieben. Das Verlangen danach, mich selbst zu verletzen hatte ich nur noch sehr selten, in diesem Fall rief ich Thomas an und er telefonierte so lang mit mir, bis es mir besser ging, egal ob das schon um 22:00 der Fall war, oder erst um 4:00. Wenn ich nachts im Bett lag und ihn Mal wieder vermisste, konnte ich es nicht abwarten, wieder in die Schule zu gehen, nur um ihn zu sehen. Ich war mir mittlerweile sicher, ich hatte mich in Thomas verliebt, ich liebte ihn, er war alles, was ich brauchte.
Heute trafen wir uns wieder im Klassenraum, so wie jeden Tag. Ich saß schon da, ich kam rein, setzte mich neben ihn. „Hey Newtie“ „Hi Tommy“ „Du Newt, ich muss dir etwas sagen“, sagte er nervös. „Tommy, du kannst mir alles sagen, das weißt du, oder?“ „Klar, es ist nur… also.. ich“ „Lass dir Zeit, Tommy“ „Ich… ich liebe dich Newt“. Er sah traurig aus, ich möchte es nicht, wenn mein Tommy traurig war. Ich lehnte mich vor zu ihm, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn sanft. Er erwiderte den Kuss nach einer kurzen Schrecksekunde. Es war das schönste, was ich je gefühlt hatte, alles kribbelte, ich bekam eine Gänsehaut, mir wurde warm. Wir lösten uns, ich sah ihm tief in seine braunen Augen, „Ich dich auch, Tommy“.