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Nifflertag

GeschichteHumor / P6
Newt Scamander Percival Graves
15.09.2020
19.09.2020
3
3.363
 
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15.09.2020 853
 
Er hob träge eine Vorderpfote und drehte sich auf die andere Seite, doch das nervige Drücken an seinem Hinterteil blieb. Leise schnaubend öffnete er die Augen einen Spalt breit und rappelte sich hoch. Ein Blick nach hinten sagte ihm, dass er wieder einmal auf einer Münze geschlafen hatte, die zwischen den Heuhalmen und Sägespänen seines Nestes hervorlugte - das war es, was ihn aufgeweckt hatte. Er stopfte das Goldstück zurück in seinen Beutel, wo es hingehörte, und streckte sich ausgiebig. Dann kletterte er über den Rand seiner Behausung und hüpfte etwas unelegant auf den Boden, um sich auf die Suche nach seinem Zauberer zu machen, und ihn daran zu erinnern, dass es längst Zeit fürs Frühstück war.
Sein Weg führte ihn vorbei an all den seltsamen Geschöpfen, die Newt nach und nach irgendwo aufgelesen hatte und mit denen er den Koffer teilen musste. Unter anderem waren da: Ein Erumpent, ein Demiguise, dessen Anwesenheit sich nur durch das leise Schnarchen verriet, das aus seinem Nest drang, eine Diricawl-Henne, die erfolglos versuchte, ihr wild umher apparierenden Küken zu bändigen, und Frank, der Donnervogel. Der Niffler umrundete ihn im weiten Bogen. Erstens mochte er ihn nicht sonderlich, weil er so etwas wie Newts neuer Liebling war. Zweitens war er sich nicht sicher, ob er möglicherweise auf der Speisekarte stand.
Er hangelte sich die Leiter nach oben, von der er wusste, dass sie nach draußen führte. Eigentlich konnte der Koffer von außen verschlossen werden und dann hätte er keine Chance gehabt, auszubüxen, aber der Schnappmechanismus war schon immer kaputt gewesen, seit er bei Newt lebte. Er zwängte seine Pfoten in den Spalt zwischen den beiden Kofferhälften, schob erst seinen Schnabel und dann den ganzen Kopf hindurch und purzelte ins Freie. Er landete weich - offenbar im Nest des Menschen - schüttelte sich kurz, glättete sein samtig schwarzes Fell…
„Na, du Ausreißer? Schon so früh wach?“ meldete sich die Stimme des Zauberers.
Der Niffler hielt kurz inne, dann setzte er einen treuherzigen Blick auf und hob bittend beide Vorderpfoten - die sicherste Methode, schnell an ein Frühstück zu kommen.
Newt lachte.
„Schon verstanden. Zeit für die Raubtierfütterung.“ Er hantierte kurz mit einem Sammelsurium an Schachteln und Tüten herum, aufmerksam verfolgt von den Blicken des Beuteltiers, dann stellte er ein Schälchen Milch und eine Portion Kekse vor ihm ab.
„Lass es dir schmecken.“
Das ließ sich der Niffler nicht zweimal sagen. Freudig machte er sich über die leider etwas kleine Mahlzeit her, leckte sich anschließend genüsslich den Schabel und fing an, ausgiebig sein Fell zu putzen. Dann machte er sich daran, das kleine, ihm unbekannte Zimmer zu erkunden. Sein Mensch war sehr viel auf Reisen und er hatte sich inzwischen daran gewöhnt, ständig einen anderen Ort vorzufinden, wenn er den Koffer verließ. Was den Vorteil hatte, dass es immer etwas zu entdecken gab. Vielleicht hatte er Glück und hier ließ sich etwas Wertvolles ergattern…
Unter dem Bett stieß er auf eine winzige, kupferfarbene Münze und ein in verschieden Farben schillerndes Bonbonpapier, in einer Ecke hinter dem Schreibtisch lag ein Gegenstand aus gebogenem Draht herum, den er ebenfalls einsteckte. Eine kurze Kletterpartie später konnte er den Tisch auch von oben begutachten. Ein großes, goldenes Ding, dessen obere Hälfte aus weißem Papier bestand, schien eine ideale Beute zu sein. Aber so sehr er sich auch bemühte, es war unmöglich in seinen Beutel zu bekommen - zum einen, weil es ziemlich heiß war, aber auch, weil daran eine Art schwarze Schnur hing, in der er sich ständig verhedderte.
Inzwischen war der Zauberer aus dem Nebenzimmer zurückgekehrt.
„Was genau willst du mit der Lampe, du Rabauke?“ fragte er. „Ab in den Koffer mit dir…“ Er hob ihn hoch und zog vorsichtig die Lampe aus seinen Pfoten. „… Wir müssen zum MACUSA. Und heute bleibst du bitte da drin.“
Ehe er sich versah, saß der Niffler wieder im Koffer und der Deckel klappte über ihm zu. Na großartig.
Das leichte Schaukeln seiner Umgebung sagte ihm, dass Newt sich bereits samt Koffer auf den Weg gemacht hatte, also vorerst keine Gelegenheit für ihn, wieder zu entwischen. Aber wenn er schon hier drin hocken musste, dann konnte er ja vielleicht wenigstens einen Blick auf die Welt da draußen erhaschen.
Was er zu sehen bekam, waren vor allem Menschen. Unheimlich viele Menschen, eingerahmt von den riesigen grauen Kästen, in denen sie lebten und den rollenden Metallkisten, in denen sie sich mitunter fortbewegten. Er schnupperte - in der Luft mischten sich so viele Gerüche, dass er nichts Konkretes ausmachen konnte außer dem Mief der merkwürdigen, kläffenden Vierbeiner, von denen es an diesem Ort nur so wimmelte. Ab und zu sah er einen vorbeilaufen - es gab sie in völlig unterschiedlichen Größen und Farben und die Menschen schienen sie offenbar sehr zu mögen. Was er nicht verstand - diese Geschöpfe konnten eigentlich nichts außer Krach machen und rochen ziemlich streng, außerdem hatten sie furchtbar scharfe Zähne.
Von dem Gewackel und dem Gestank wurde ihm auf Dauer schwindelig und er verkrümelte sich in sein Nest, um die Zeit für ein Nickerchen zu nutzen. Das monotone Brummen der umherschwirrenden Billywigs und die dumpfen Rufe der Graphörner wirkten wunderbar beruhigend, und nach kurzer Zeit war er wieder fest eingeschlafen.
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