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Licht und Schatten

OneshotHorror, Schmerz/Trost / P16
15.09.2020
15.09.2020
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1.607
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15.09.2020 1.607
 
Ein kleiner OS zu dem Film 'We are still here', den ich schon länger im Kopf und nun die Kapazitäten hatte ihn niederzuschreiben. Solltet ihr diesen Film nicht gesehen haben, könntet ihr eventuell kleine Schwierigkeiten damit haben, die kausalen Zusammenhänge zu verstehen.
Wer sich den Film noch anschauen möchte, sei hiermit gewarnt. Es werden einige Spoiler vorkommen, da dieser OS das Ende der Handlung 'weiterspinnt'.



***




"Ihr dürft bleiben", hallte die tiefe, unwirkliche Stimme Lassander Dagmars zu Anne herüber. Sie stand regungslos im Türrahmen, die Augen weit aufgerissen. Die Zarge im Rücken, von der tiefes Rot floss, als würde sie weinen. Blut klebte an Annes Fingern, sog in ihre Bluse und trocknete dort, wo es einen beißenden Geruch nach metallischem abgab. Die Dielen des Flurs knarzten unter unsichtbarer Kraft, Schnee fiel leise auf die Veranda. Ein Schauspiel nun blinder Diamanten; einer nach dem anderen fiel. Ein Glockenspiel klingelte in sanftem Wind und versuchte vergeblich, das doch so unfassbar Böse aus dem Haus zu vertreiben. Krähen ließen durch die gesprungenen Fensterscheiben ihre Klageschreie hören. Draußen schien es friedlich. So friedlich, wie Horror es nur sein konnte. Eine furchtbar märchenhafte Umgebung, das Gesicht einer Welt, die von Alpträumen zehrte und nur existierte, weil das Unwirkliche Menschen schon immer fasziniert hatte.

Anne konnte sich noch immer nicht rühren. Sie wollte schreien, weinen, ihr war übel. Gleichzeitig hatte sie das Bedürfnis, sich bei den Dagmars zu bedanken. Merkwürdigerweise, denn die Geister dieser Familie hatten in ihrem Haus ein furchtbares Blutbad angerichtet. Es gab kaum einen Raum, der nicht düsterrot schimmerte. Böden, Zargen, Türgriffe. Alles. Die Eindringlinge, die Dörfler, hatten auf grausamste Art und Weise ihr Ende gefunden und nun, da Anne verstand, was es mit diesem Haus auf sich hatte, wollte sie so schnell wie möglich verschwinden und nie wieder zurückblicken. Wäre da nicht...

Anne erwachte aus ihrer Starre, als sich Lassander Dagmar mit Eloise und Fiona Dagmar an der Hand umdrehte und verschwand. Es blieb nichts zurück, außer der beißende Geruch von Rauch und Verbranntem, der die Geister umgab und eine leise Stimme, die nach Anne rief. Aus ihrer steifen Körperhaltung heraus taumelte sie vorwärts. Der Schock in ihren Gliedern saß noch immer tief und zwang sie zur Langsamkeit. Ihr Atem ging schnell, das Herz schlug ihr schmerzhaft bis zum Hals. Die Rufe ihres Mannes Paul hörte sie nicht. Ohne zu zögern ging Anne sanften Schrittes durch das Wohnzimmer bis zum Keller, dessen Tür sich öffnete. Die Hitze des kaputten Boilers trug sich zu ihr, Stickigkeit umhüllte sie und erschwerte ihre Atmung. Doch all das spielte keine Rolle für sie, es gab nur eines, das zählte.

Bobby war hier.

Ihr Junge war wirklich die ganze Zeit bei ihr gewesen und hatte sie beschützt. Sie sah ihn dort stehen, im Keller, und streckte von Tränen geblendet die Hand nach ihrem Sohn aus. Ihre Schritte wurden schneller, als sie die Treppe hinunterstieg und fast strauchelte. Unten angekommen schloss sie ihren Sohn in die Arme. So viele Jahre hatte sie ihn vermisst und nie damit aufgehört. Gebetet, er möge ihr doch wiedergegeben werden, bloß für ein paar Sekunden. Erst nur ein irriger Gedanke, nun Wirklichkeit. Bobby drückte sie, sie hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte: "Ist schon gut, Mum." Doch Anne weinte, weinte weiter und herzte ihr doch eigentlich verlorenes Kind. Schließlich ließ sie ihn los, kurz, nur um ihre rechte Hand an seine Wange zu legen und sie zu streicheln. Schluchzer entkamen ihr, sie klangen wie Schluckauf. "Mein Junge... Mein Junge..." Anne verteilte das Blut ihrer Angreifer auf dem geisterhaften, doch makellosen Gesicht Bobbys. Doch der Junge schien das nicht zu bemerken. Die Augen geschlossen lehnte er sich in die liebevolle Berührung seiner Mutter und hielt ihre Hand. Er sah auf, als plötzlich ein Schatten am oberen Ende der Kellertreppe erschien. Es war Paul, der nach seiner Frau sehen wollte. Anne sah lächelnd zu ihm hoch, ihren Sohn an der Seite.

"Hi Dad", hauchte Bobby bloß und Pauls Gesicht erhellte sich schlagartig.

"Hallo Bobby", antwortete Annes Mann und ging die Kellertreppe hinunter, um seinen Sohn ebenfalls in die Arme zu schließen. Nach Minuten, die eine gefühlte Ewigkeit waren und dennoch niemals lange genug andauern würden, ließen sie sich los. Kurzes Schweigen im Angesicht des eigentlich Unmöglichen, alles was zu hören war, war das Blubbern des Boilers. Die Hitze im Keller ließ nicht nach, ihre Kleidung klebte am Körper. Zitternde Finger wischten den Schweiß von der Stirn, Atem schlug sich nieder. Dann stellte Paul eine Frage.

"Und was nun?"

Ja, was nun? Sie konnten nicht einfach zurück in ihr altes Leben. Jacob und May waren tot, ebenso deren Sohn und dessen Freundin. Die Dörfler, die Anne und Paul der Dunkelheit ausliefern wollten, waren ebenfalls tot, ihr Blut färbte alles rot und troff von den Wänden. Sie - Anne und Paul - würden für alles verantwortlich gemacht werden. Für all die Toten, die sie doch gar nicht zu verantworten hatten. Sie wollten doch bloß leben, in Frieden, nach dem schrecklichen Verlust ihres einzigen Sohnes Bobby. Nun war der Neuanfang katastrophal und ihr Sohn, der doch eigentlich fort war, stand vor ihnen. Anne wusste nicht, was nun geschehen sollte. Sollte sie die Polizei rufen? Ihnen alles erklären? Würde der Sheriff sie einfach erschießen, um alles zu vertuschen? Oder wußte dieser gar nicht Bescheid und sie würde für unglaubwürdig oder gar unzurechnungsfähig erklärt werden? Sie war voller Rot, das nicht ihr eigenes war. Es war bloß Notwehr, sie wollte doch nicht, niemals...! Doch das war jetzt nicht mehr wichtig. Ihr altes Leben war fort, ihr Neues würde in der Psychiatrie oder im Gefängnis weitergehen, ebenso das ihres Mannes. Nein. Sie würden hierbleiben, ganz so, wie Lassander Dagmar es ihnen angeboten hatte. Erst dachte Anne es nur, dann sprach sie es laut aus. Ihr Mann sah sie erst entgeistert an, bis auch er die Tragweite der Geschehennisse und seine womögliche Zukunft begriff.

"Wie, Anne? Wie soll das gehen?", fragte er und seine Frau wandte sich verzweifelt um, bat gestikulierend um Hilfe, rief: "Ich weiß es nicht, Paul! Aber es geht nicht anders. Ich möchte es nicht anders. Er ist hier; unser Sohn..." Sie lächelte unter Tränen und strich über Bobbys Wange, so vorsichtig, als sei es ein Schmetterlingsflügel. Dann kam ihr eine Idee. Sie ließ ihren Jungen los und wandte sich ab. Ging zwei Schritte vor und sank schließlich auf die Knie.

"Ich bitte euch, gewährt mir und meinem Mann ein Leben bei unserem Sohn!"

Annes Hoffnung beruhte nun ganz auf der erneuten Gnade Lassander Dagmars. Schon einmal, im Wohnzimmer kurz vor Dave McCabes Tod, hatte er ihnen Gnade gewährt, ja fast schon geholfen. Hatte McCabe getötet, während dieser ihn und seine Familie angegangen war. Dagmar war zweifellos kein guter Geist, so viele Leben hatte er genommen. Immer schon. Aber er hatte Anne und Paul am Leben gelassen, all die Wochen, etwas, dass noch keinem Bewohner des Hauses zuvor geschehen war. Vielleicht, weil Lassander Dagmar wusste, was es bedeutete, ein Kind zu verlieren? Anne wusste es nicht, aber es war alles, worauf sie baute. Es kam keine Antwort. Anne Sacchetti brach in Tränen aus. "Bitte! Sagt mir, was ich tun soll! Ich weiß es doch nicht! Ich weiß es nicht!" Sie schluchzte, ihre Stimme brach und erstickte in Wehklagen. Plötzlich riss ein tiefdunkles Timbre sie aus ihrem Flehen.

"Ihr dürft bleiben." Drei Worte, die Dagmar schon einmal gesagt hatte, nur war ihre Bedeutung eine ganz andere. Die geisterhafte Familie stand vor ihnen, ihre schwarz verbrannte Haut glühte stellenweise, ihre blassleeren Augen schauten emotionslos. Ein beißender Geruch von Rauch hüllte den Keller ein. Anne erhob sich, die Hände ausgestreckt. Ein dankbares Lächeln auf den Lippen. "Was muss ich tun? Was müssen wir tun?", flüsterte sie und einer der Geister reichte ihr die Hand. Anne zögerte, sie hatte gesehen, was für schlimme Verbrennungen eine Berührung mit dem Geist verursachen würde, doch ein Blick zurück und sie sah in das beschwichtigende Gesicht ihres Jungen. Anne winkte Paul heran, er ergriff ihre Hand. Zusammen gingen sie auf die Dagmars zu und nahmen die Hand des Geistes. Das letzte, was sie hörten, war ein gehauchtes "Wir sehen uns auf der anderen Seite" von Bobby, ehe helles Licht sie einhüllte.

*

Als Anne und Paul wieder erwachten, waren sie von gleißendem Weiß umgeben. Ihre Verletzungen waren geheilt, ihre Kleidung von Blut befreit, sauber und nicht länger von Kämpfen gezeichnet. Anne erhob sich zuerst, Paul folgte ihr. Etwas verwirrt sahen sie sich um, bis sie in der Ferne ein vertrautes Gesicht wahrnahmen.

Bobby.

Als er bei ihnen war, nahmen sie ihn in die Arme und waren entschlossen, zumindest diese Ewigkeit mit ihm zusammen zu verbringen. Ein letzter Blick auf die Welt, die sie zurückließen, zeigte ihnen, wie sie beide im Keller lagen, die Augen geschlossen, Hand in Hand. Die Polizei sperrte das Gelände weitläufig ab und legte zwei weiße Tücher über jene, die einst Anne und Paul gewesen waren. Sie wollten den Lebenden gern sagen 'Schaut nicht so bedrückt wegen uns. Wir sind glücklich', doch das würden sie wohl niemals können. In einer Ecke des Kellers sahen sie die schattenhafte Gestalt Dagmars, der das Geschehen beobachtete. Sie beobachtete. Anne wollte wissen, weshalb die Dagmars nicht auch weitergingen, den letzten Schritt, doch Dagmar schüttelte den Kopf und legte die Arme um seine Töchter. "Wir bleiben hier." Anne nickte dem doch eigentlich so grausamen Geist zu und drehte sich um. Paul und Bobby folgten ihr. Arm in Arm schritten sie auf die andere Seite, ins Licht.

Sie schauten nie wieder zurück.
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