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Wo dein Herz ist

MitmachgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 Slash
OC (Own Character)
15.09.2020
07.11.2020
2
6.887
6
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
15.09.2020 1.593
 
Kapitel 1:
An die Freiheit gekettet


"Love, if your wings are broken
Borrow mine so yours can open too"
Stand by you, Rachel Platten


Sein Skateboard schlotterte über den Pflasterstein.
Der Geruch frischer Farbe klebte in seiner Nase und seine Finger versteiften sich um die Farbdosen in seinen Händen.
Im Hintergrund hallten die Sirenen der Polizei durch die Straßen, aber mit ihren großen Wägen fiel es ihnen schwer seine Gruppe durch die kleinen Gassen von Londons Innenstadt zu verfolgen.
Trey kannte die Stadt mittlerweile wie seine Westentasche.
Jeden Winkel, jede Nische, jedes Versteck. Er zog oft genug mit den Night Stalkers um die Häuser, um zu wissen, wie viel Zeit ihnen blieb, wenn die Polizei ihre Arbeit entdeckt hatte und in welcher Formation sie dann wieder verschwinden mussten.
Es war so sehr in seinen Kopf gebrannt, dass seine Beine sich wie automatisch bewegten.
Statt dem anfänglichen Adrenalin und der Panik war mittlerweile nur noch ein schadenfrohes Kribbeln in seinem Körper zu spüren. Er drehte sich mit einem kurzen Hüpfer um und fuhr rückwärts weiter, um zu beobachten, wie die Stadt hinter ihm in einem Lichtermeer aus blau und rot versank.
Und das alles nur wegen ein paar harmlosen Graffitis. Trey kam um ein Schmunzeln nicht herum.
Erwachsene machten auch wirklich aus allem ein riesengroßes Drama.

Seine Füße trugen ihn von selbst zurück in den alten Schuppen, die die Gruppe ihren Unterschlupf nannte. Einer von vielen ehemaligen Touristenshops mit verklebten Fenstern und dichten Vorhängen. Das Dach war heruntergekommen und moosbewachsen und von der Backsteinwand bröckelte der Putz. Graffitis und Plakate zierten die Wände und nachdem die Stadt das Gebäude vergessen zu haben schien, hatten die Jugendlichen den Ort schnell für sich beansprucht.
Aus dem Inneren war der tiefe Bass der Musik zu hören und andere Mitglieder der Night Stalkers reihten sich vor dem Gebäude zusammen, rauchten, tranken und lachten.
„Oi, Trey!“ Curtis hob die Hand, als er ihn entdeckte und Trey nickte ihm zu, während er von seinem Brett trat und es in die Hände nahm.
Curtis beendete sein Gespräch mit den beiden anderen Jungs und kam schließlich mit einer weiteren Flasche Bier und einem breiten Lächeln auf ihn zu. Er war ein grober Typ. In der Pubertät steckengeblieben waren seine Arme zu groß für seinen schmalen Hals und die pickligen Narben in seinem Gesicht ließen ihn letzten Endes älter wirken, als er eigentlich war. In normalen Schulen stach er hervor, passte nicht rein, war ein Außenseiter – wie sie alle hier. Trey fragte sich manchmal, was in ihren Leben so alles schiefgelaufen sein musste, dass sie hier gelandet waren. Nicht jedem konnte man seine Unbeliebtheit so gut ansehen wie Curtis, aber trotzdem hatte jeder eine Geschichte, einen Grund. Es war schon seltsam – irgendwie. Dass das Zugehörigkeitsgefühl hier von etwas so simplem wie einem schwarzen Bandana am linken Handgelenk ausgelöst wurde, wo man im Alltag, in der Schule, sogar in der Familie konstant danach heischen musste.

Trey zog seine Atemmaske ab und streifte die Kapuze nach unten, um nun seinerseits die kühle Nachtluft einzuatmen – und rümpfte sie anschließend. Der Gestank von Alkohol, verschwitzten Körpern und einem strengen Aftershave löste den chemischen Geruch seiner Farbe ab, aber er überlegte dennoch einen Moment, ob er die Atemmaske nicht doch wieder aufsetzen wollte. Vorher jedoch legte Curtis ihm einen Arm um die Schulter und lotste ihn mit sich nach drinnen.
„Hast dir ganz schön Zeit gelassen heut‘“, sagte er mit einem verräterischen Lallen in der Stimme und Trey drückte ihm instinktiv seine Hand ins Gesicht, um ihn auf Abstand zu bringen. „Du stinkst, Alter.“
Curtis lachte rau, nahm ihn mit dem Arm nur noch mehr in den Schwitzkasten und drückte sein stacheliges Kinn gegen seine Schläfe.
„Aber Treyyyyy“, jammerte er gespielt verletzt. „Ich dachte, wir wären Freunde!“
„H-he!“ Trey schaffte es nicht sich aus der Bärenumarmung zu befreien und versuchte stattdessen ihn im Laufen gegen das Schienbein zu treten – mit mäßigem Erfolg. „L-lass mich los. Gott, du bist hackedicht.“
Curtis ließ mit einem Lachen von ihm ab und schloss die Tür hinter ihnen, nachdem sie in den Shop getreten waren.
„Darion sucht dich“, erklärte er ihm nun ein wenig lauter, weil die Musik sie sonst übertönen würde, und machte mit den Fingern die Bewegung einer Schraube nach. „Hat schon wieder so einen genialen Einfall. Und du bist doch unser Michelangelo.“
Er stieß Trey mit der geschlossenen Bierflasche gegen die Schulter und Trey nahm sie ihm nun doch widerwillig ab. Der nächstbeste Dumme, dem er sie in die Hand drücken konnte, würde sich schon finden lassen. Den Zigarettengeruch und die Farbe konnte er aus seiner Kleidung bekommen, aber wenn er selbst nach Alkohol roch, würde sein Großvater noch hellhörig werden und der Alte saß ihm sowieso schon viel mehr im Nacken als Trey gefiel.
„Einen Künstler soll man doch nicht hetzen“, erwiderte er schulterzuckend. „Sag bloß der Verrückte will seinen dummen Plan mit der Tower Bridge doch noch umsetzen. An die kommen wir nicht ran, zu viele Touris.“
„Ich tu mal so, als hätte ich das nich‘ gehört.“ Darion gab ihm von links zwei feste Schläge gegen die Schulter. „Die Jungs dachten schon, die Cops hätten dich erwischt. Aber keiner fängt unseren Trey, huh?“
„Pff…“ Er rollte mit den Augen. „Wollte eben ein bischen die Aussicht genießen, bevor sie wieder übermalt wird.“
Darion war der Kerl, der die Night Stalkers gegründet hatte. So wirklich Anführer ließ er sich nicht schimpfen – und der Großteil der Jungs war auch viel zu stolz, um sowas zu akzeptieren – trotzdem war es es…irgendwie. Er war… so ziemlich alles, was Trey nicht war. Groß, charismatisch, beliebt. Die kupferroten Locken verliehen ihm etwas Fuchsartiges und die Sommersprossen machten ihn auf den ersten Blick sympathisch. Im Gegensatz zu den meisten Leuten hier würde er durchaus als attraktiv durchgehen und für Trey ergab es entsprechend überhaupt keinen Sinn, warum jemand wie er irgendwo ausgestoßen werden sollte, aber er hatte seine Geschichte noch nie jemandem erzählt – oder zumindest hatte sie noch nie jemand ausgeplaudert.
Der einzige Hinweis auf eine weniger schöne Kindheit war eine Narbe, die quer über seine Nase lief.
„Perfektes Stichwort.“ Darion zog sie beide näher zu sich heran und bückte sich verschwörerisch in ihre Richtung.
„Wisst ihr, diese Black Hawks sin' in letzter Zeit echt auf Stress aus. Kaum haben wir irgendwo unser Revier klargemacht, kommen sie an und machen sich dort breit. Deshalb werden wir den Spieß mal umdrehen und uns ihr Hauptquartier krallen, wenn sie das nächste Mal unterwegs sind.“
„Nicht dein Ernst…“, meinte Trey.
„Wär doch bequemer als dieser olle Schuppen“, erwiderte Curtis mit einem herausforderungsvollen Seitenblick und Darion grinste ihn ebenfalls an.
„Ihr meint das echt Ernst?“, fragte Trey, dem die ganze Sache gar nicht gefiel. „Ihr wollt den Black Hawks ihr Revier streitig machen? Wir… wir reden schon von denselben Black Hawks, oder? Den Typen, die Läden ausrauben? Mit Waffen und so?“
„Ach, sei nicht so ne Mietzekatze, Trey.“ Darion machte eine abweisende Handbewegung. „Das ist doch alles nur Show. Die wollen Respekt haben, aber keiner von denen traut sich das wirklich zu.“
„Komm schon, das wär‘ witzig!“, stimmte Curtis mit ein. „Stell dir vor, die großen Black Hawks zurückgelassen in so nem kleinen Schuppen am Arsch der Welt, während wir es uns in der alten Fabrik gutgehen lassen.“
„Bis sie dann reinstürmen und uns abstechen, damit wir wieder verschwinden, meinst du?“, erwiderte Trey mit verschränkten Armen. „Find ich nicht so witzig.“
„Wir wollen sie nur ein bisschen trollen, damit sie uns in Ruhe lassen. Beruhig dich.“ Darion lachte leise. „Niemandem passiert war. Wir gehen rein, malen unser Symbol über ihres, klauen ihnen das Bier – und das war’s. Wir machen keinen Stress, aber wir zeigen, dass wir uns auch nicht durch ganz London jagen lassen.“
„Ich weiß nicht…“
„Es ist ein harmloser Streich. Die haben wichtigeres zu tun, als ein paar Kids nachjagen.“ Curtis zuckte mit den Schultern. „Aber wenn du nicht die Eier hast, müssen wir eben einen der anderen Sprayer fragen…“
„Das sind doch alles noch Grünschnäbel. Die kriegen das nicht hin“, erwiderte Trey unbeeindruckt.
„Und genau deshalb brauchen wir dich ja“, erklärte Darion versöhnlich. „Wir geben dir Deckung, kein Stress. Es ist wirklich nur Spaß. Wenn die ausrasten, kümmer‘ ich mich schon drum.“
Trey rieb sich seufzend den Nacken.
„Oke, oke, is‘ ja gut…“ Er konnte selbst nicht glauben, dass er bei dem Mist mitmachte. „Was ist denn dein toller Plan, huh? Ich kann danach immer noch nein sagen, wenn ich finde, dass du komplett Banane bist.“
Ein siegessicheres Lächeln erschien auf Darions Gesicht.
„Okay, passt auf…“


Es war schon spät nachts, als Trey nach Hause kam und sich durch das offengelassene Fenster zurück in sein Zimmer schlich. Der Abend hatte ihn viel müder gemacht, als er sich eingestehen wollte und der blöde Plan ließ ihn noch immer mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube zurück.
Darion hatte offenbar alles bestens ausgeklügelt und war sich hunderprotzentig sicher, dass er kein Risiko einging, aber die Black Hawks waren eine berüchtigte Gang, die London schon seit Jahren unsicher machte. Raubüberfälle waren keine Seltenheit und obwohl es stimmte, dass sie noch nie mit einer anderen Gang aneinandergeraten waren, war sich Trey sicher, dass sie keine Chance haben würden, wenn es denn soweit wäre.
Dann wiederum war es wirklich nur ein harmloser Streich. Sie hatten schon Stunts abgezogen, die illegaler waren und die Polizei hatte sich zwar über die „beschmierten“ Denkmäler geärgert, aber nichts gefunden. Sie waren gut im Spuren verwischen…
Trotzdem…
Er ließ sich auf sein Bett fallen und starrte an die hölzerne Decke über sich.
Das ganze gefiel ihm absolut nicht.
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