Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mut und Licht III

GeschichteAllgemein / P12 / Het
14.09.2020
11.04.2021
12
20.000
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
08.04.2021 1.100
 
"... nach all diesen Tests mussten wir überraschend feststellen, das bei Taichi  erstaunlich viele Hirnareale aktiv auf äußere Reize reagieren.
Er kann fließend und klar sprechen. Davon sind wir am meisten überrascht, da es unüblich ist. Er macht, den Umständen entsprechend, einen orientierten Eindruck. Zumindest hatte er eine grobe Vorstellung, was sein aktueller Zustand und der Aufenthalt für ihn bedeutet.
Es fehlt ihm allerdings die Erinnerung daran, wie er ins Koma gefallen ist.
Allgemein scheint er nicht auf sein Langzeitgedächtnis zugegreifen zu können." Dr. Futoyoma sah die drei anderen Yagamis an, die drei Wochen nach Tais Erwachen vor ihm in seinem Büro saßen.
"Was bedeutet es, dass er nicht mehr auf sein Langzeitgedächtnis zurückgreifen kann?" fragte Susumo. Beunruhigung schwang in seiner Stimme mit. Eine gewisse Antwort schon ahnend, griff er nach der Hand seiner Tochter und drückte sie leicht.
Dr. Futoyoma seufzte: "Er kennt seinen Namen. Aber mehr weiß er nicht. Er weiß nicht, wie alt er ist, wo er wohnt, was er mag, nicht mag, welche Schule er besucht hat..." er stoppte kurz, um die Reaktion der Familie auf die bisherigen Informationen abzuschätzen. Ehe er fortfahren konnte, beendete Yuuko für ihn den Satz: "und an uns auch nicht, nicht wahr?"
Der Arzt nickte. "Bedauerlicherweise ja. Jedoch gab es nicht selten den Fall, dass es Komapatienten möglich war, sich wieder an ihre Familien zu erinnern, sobald sie sie das erste Mal sahen oder mehr Zeit mit ihnen verbrachten. Es besteht also Hoffnung."
"Können wir meinen Sohn nun also endlich besuchen?" Susumo sah ihn ernst an.
Dr. Fukoyoma nickte. "Ja, Tai ist geistig fit genug, anderen Menschen zu begegnen.  Bitte achten Sie nur darauf, ihn emotional nicht zu sehr zu belasten. Es kann beängstigend für Patienten werden, die sich nicht an ihre Familie erinnern können, aber mit Liebe, Tränen etc überhäuft werden."
Susumo nickte resignierend.
"Entschuldigen Sie..." meldete sich Kari zögernd zu Wort. "Sie sagten, Tai wäre geistig fit genug... Wieso schließen Sie seinen körperlichen Zustand aus?"
Der Doktor räusperte sich leicht: "Auch hier hat Tai uns überrascht. Er ist wackelig auf den Beinen, beziehungsweise kann alleine noch nicht laufen und muss in den kommenden Monaten viel trainieren, um seine Muskulatur, die sich in den vergangenen Jahren stark abgebaut hat, wieder aufzubauen. Aber er sitzt aufrecht und kann seine Gliedmaßen kontrolliert bewegen. Es ist einfach erstaunlich."
Kari lehnte sich erleichtert zurück.
Yuuko stand plötzlich auf: "Können wir jetzt endlich zu ihm?".
Dr. Fukoyoma erhob sich ebenfalls. "Ja. Bitte folgen sie mir."


Kari saß auf einem der ungemütlichen Stühle im kahlen Krankenhausflur.
Ihre Eltern waren gerade bei Tai im Zimmer.
Ab und an hörte sie ihre Mutter leise schluchzen.
Angespannt ballte sie ihre Fäußte in ihrem Schoß.
Sie hatte Angst bekommen, zu Tai zu gehen und hatte ihre Eltern vorgeschickt. Nun wartete sie und jede Sekunde, die sie hier draußen saß, kam ihr vor wie Stunden.
Doch dann hörte sie lauter werdende Schritte und die Tür zu Tais Krankenzimmer öffnete sich.
Heraus kamen ihre Eltern. Susumo hatte seinen Arm fest um seine Frau gelegt, deren Augen rot und verquollen waren.
"Und?" Kari wollte wissen, ob sie erkannt wurden. Susumo schüttelte den Kopf.
Kari starrte nun die Tür an, durch die sie jetzt eigentlich treten wollte.
Würde sie es aushalten, von ihrem großen Bruder nicht erkannt zu werden?
Sie spührte eine Hand auf ihrer Schulter.
"Geh schon mein Schatz. Wer wenn nicht du kann ihn zurückholen." sprach Susumo ihr Mut zu.
Sie nickte und trat dann ins Zimmer.
Sie schloss die Tür leise hinter sich, blieb aber erst mal direkt stehen und ging nicht weiter in den Raum.
Sie blickte zum Bett und was sie da sah, kam ihr nach den letzten Jahren wie ein Traum vor.
Da saß er. Ihr Bruder. Aufrecht im Bett.
Er trug ein blaues T-Shirt und eine kurze Hose. Seine Haare standen wie gewohnt in alle Richtungen ab. Seine Beine hatte er angezogen. Auf seinen Knien hatte er ein Heft gelegt, in das er gerade schrieb. Er hatte Kari noch gar nicht bemerkt.
Vorsichtig räusperte sie sich.
Er sah auf und ihr direkt in die Augen.
"Hallo." Sagte er.
Kari zuckte zusammen. Seine Stimme. Endlich hörte sie seine Stimme wieder.
"Hallo" erwiederte sie.
"Bist du Kari?" Er sah sie fragend an.
Ein Stich ins Herz. Er wusste nicht wer sie war, doch ihre Eltern hatten wohl von ihr erzählt.
"J... ja"  brachte sie zittrig hervor.
"Komm näher" bat er sie. "Du stehst da so im Dunkeln. Wie soll ich meine Erinnerungen wiederfinden, wenn ich dich kaum erkennen kann."
Kari verschlug es bei seinem entwaffned offenen Umgang mit der Situation die Sprache und trat stumm näher.
Tai musterte sie.
Sie starrte zurück.
Und dann überkam es sie.
Heiße Tränen strömten ihre Wangen hinab und sie stürzte sich in seine Arme.

Tai wusste nicht, was er machen sollte.
Dieses unbekannte Mädchen war ihm einfach in die Arme gefallen und schluchzte. "Oh Tai, mein lieber Tai".
Unsicher tätschelte er ihren Rücken.
Das Ehepaar, das eben bei ihm war, wohl seine Eltern, hatten ihm von seiner kleinen Schwester erzählt, die er nun vor sich hatte. Doch er erkannte sie nicht. Beim besten Willen nicht. Sie tat ihm leid, doch ihren Kummer konnte er nicht nachvollziehen. Nichts regte sich.
Sie war doch angeblich ein Teil seiner Familie. Ein Teil von ihm.
Plötzlich machte sich eine Leere in ihm breit, die er in den vergangenen drei Wochen nicht vernommen hatte. Und irgendwas sagte ihm, dass dieses Mädchen sie füllen konnte.  Doch er hatte keine Ahnung, wie.
Sie war ihm doch so fremd.
Ehe er sich weitere Gedanken machen konnte, ging die Tür auf und eine Krankenschwester trat ein. "Die Besuchszeit ist um."
Kari löste sich schweren Herzens von Tai und wischte sich die Tränen weg.
"Bis bald Tai. Ich liebe dich.".
Er nickte stumm zum Abschied und sah ihr nach.
Nach einer Weile nahm er das Notizheft wieder auf den Schoß. Das hatte der Arzt ihm gegeben, mit der Aufgabe, eine Art Tagebuch zu führen. Er schrieb:
'Du hast eine kleine Schwester. Kari. Sie sieht aus wie du, nur ihre Haare sind nicht so widerspenstig. Sie scheint dich sehr zu lieben.'
Er schlug das Heft zu und seufzte, während er aus dem Fenster blickte .
"Bitte... ich will mich wieder erinnern..." murmelte er in die sterile Leere des Krankenzimmers.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast