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Mut und Licht III

GeschichteAllgemein / P12 Slash
14.09.2020
22.10.2020
6
9.718
 
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25.09.2020 1.853
 
"Guten Morgen, Spätzch..." Yuuko wollte ihre Tochter, die gerade aus dem Zimmer kam, begrüßen, stockte aber, als sie sah, was sie anhatte.
"Kari...."
Susumo folgte dem Blick seiner Frau und sah Kari im Pullover von Tai. "Wir hätten seine Sachen doch wegpacken sollen. Ich weiß nicht, ob sie stabil genug ist, alleine in ihrem gemeinsamen Zimmer zu schlafen." murmelte er Yuuko zu.
"Morgen Mama und Papa." murmelte Kari.
Sie tat so, als hätte sie ihre Blicke und das Gemurmel ihres Vaters nicht bemerkt, ging zur Küchenzeile und stellte den Wasserkocher für einen Tee an.
Es war ein sehr kalter Morgen. Der Winter schickte seine ersten Vorboten.
"Ähm, Kari Liebes. Wir würden dein Zimmer gerne etwas umgestalten. Das Etagenbett nimmt doch reichlich Platz weg und wir haben es das letzte mal renoviert, als du 10 warst. Es könnte mal etwas frischen Putz vertragen." Yuukos Stimme war sehr unsicher bei diesem Vorschlag. Sie ärgerte sich insgeheim, nicht auf ihren Mann gehört zu haben und während Karis Abwesenheit alles neu gemacht zu haben, aber die hatte es nicht übers Herz gebracht, die Sachen ihres Sohnes in Kisten zu räumen und auf den modrigen Dachboden zu bringen. Nun zweifelte sie aber an ihrer Entscheidung. Wenigstens einem Kind sollte es gut gehen und jetzt beschlich sie das Gefühl, dass Tais hinterbliebene Sachen Kari zu sehr aufwühlen könnten.
Karis Miene verfinsterte sich, beim Vorschlag ihrer Mutter.
"Nein, Mama. Das Zimmer ist gut so, wie es ist."
"Aber Kari..."
"Nein. Ich will nichts Neues darin haben."
"Ich glaube aber nicht, dass es bei deiner Heilung helfen wird, wenn du in seinen Sachen schläfst und seine ganzen Dinge, die er nicht mehr nutzen kann, immer vor Augen hast."
"Darf ich bitte selber entscheiden, ob mir das gut tut oder nicht?" Kari reagierte ziemlich gereizt. Sie hasste den Gedanken, Tai aus ihrem Leben zu verbannen. Auch wenn es sicher das Letzte war, was ihre Eltern vorhatten, fühlte es sich aber zumindest so für sie an.
"Kari, du warst jetzt wirklich lange in Behandlung, es wäre doch furchtbar, wenn alles umsonst gewesen wäre..." versuchte Yuuko ihrer Tochter etwas Vernunft einzureden.
"Nein, es ist furchtbar, dass ihr ihn mir wegnehmen wollt" krisch Kari und stürmte Hals über Kopf aus der Wohnung.
"Kari!" riefen ihre Eltern und stürzten hinterher, doch Kari war schnell und sie verloren sie aus den Augen.
"Verdammt Yuuko, sie ist nicht mal 24 Stunden da und du musst so etwas schweres anschneiden" Susumo machte seiner Frau Vorwürfe.
Diese biss sich verärgert auf die Lippen "Ich hatte wohl einfach eine Kurzschlussreaktion darauf, dass sie in seinem Pulli dastand. Ich will nicht, dass sie wieder so labil wird."
Sie lehnte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes.
"Wir müssen ihr vertrauen. Sie ist stärker, als wir ihr manchmal zutrauen und ohne Grund wäre sie nicht entlassen worden. Gib ihr etwas Zeit." Susumo sah in die Ferne.
'Bitte lass mich mit diesem Gedanken nicht falsch liegen und komm zurück' dachte er.
"Sie sah aus wie er..." murmelte Yuuko.
"Bitte?" der Yagami war so tief in seinen Gedanken versunken, dass er seine Frau kaum gehört hatte.
"Kari, in Tais Pulli. Ich war sehr erschrocken, wie ähnlich sie ihm mittlerweile sieht."
Susumo küsste Yuukos Scheitel: "Komm wir gehen Heim und warten dort auf sie."
Yuuko nickte. "Ich sollte dort eine Wärmflasche vorbereiten, sie hat keine Schuhe angezogen, als sie losgelaufen ist..."

Kari schlang die Arme um sich. Sie fror.
Sie saß auf einer Parkbank, hatte die Beine angewinkelt und Tais ihr viel zu großen Pulli über ihre nackten Füße gezogen.
Mit leerem Blick sah sie auf den Boden vor sich.
Sie hatte überreagiert und war einfach losgerannt.
Ihre Mutter hatte wahrscheinlich recht, dass sie das Zimmer neu gestalten sollten. Sie konnten daraus keinen Schrein für Tai machen. Die Aussage der Ärzte war schließlich eindeutig. Die Wahrscheinlichkeit, dass er aufwachen würde, war schwindend gering und wenn er es doch täte, hätte er mit starken Beeinträchtigungen zu kämpfen. Und spätestens dann mussten sie das Zimmer sowieso umbauen.
'Ich sollte zurückgehen. Sie machen sich sicher Sorgen...' dachte Kari.
Also setzte sie ihre Füße auf den Boden und ging los.
Ihre Gedanken kreisten wild. An jeder Ecke, an der sie vorbeikam übermannten sie Erinnerungen an ihre Kindheit, die so unbeschwert und glücklich war, immer im Schutz ihres Bruders, der egal was passierte, in ihrer Nähe war.
Und nun?
Sie war so in den alten Geschichten versunken, dass sie gar nicht mitbekam, wie sie ein paar mal falsch abbog und schließlich nicht zu Hause ankam, sondern plötzlich vor dem Krankenhaus stand.
"Wir raten Ihnen dringend davon ab, sofort nach Ihrer Entlassung Ihren Bruder zu besuchen. Sie sind auf einem guten Weg, doch lassen Sie sich selbst etwas Zeit. Es hat sich nichts an seinem Zustand geändert, Sie werden also nichts verpassen. Sie sollten sich jetzt erst mal um sich kümmern. Das würde er auch wollen. Verstehen Sie das, Hikari?"
Die Worte ihres Psychiaters klangen in ihren Ohren, als sie die Eingangstür des riesigen Gebäudes betrachtete.
"Ja, das verstehe ich." hatte sie geantwortet. Und doch stand sie nun hier.
Sie musste ihn sehen.
Sie vermisste ihn so schmerzlich.
Oder sollte sie auf den Rat hören, den sie bekommen hatte?
Im nächsten Moment fand sie sich aber schon an der Information wieder und erkundigte sich nach seinem Zimmer. Sie folgte den langen, leeren, sterilen Gängen und den identisch aussehenden Türen, bis sie vor der Richtigen stand.
Er war mittlerweile verlegt worden, weswegen die Suche etwas gedauert hatte.
Nun stand sie unsicher vor seinem Zimmer.
Sollte sie eintreten?
Was würde sein Anblick in ihr auslösen?
Würde sie in alte Muster zurückfallen?
Vor dieser Möglichkeit war sie gewarnt worden.
Zweifel stiegen in ihr auf.
"Lange her, dass du zu Besuch warst." ertönte da plötzlich neben ihr eine Stimme.
Ruckartig drehte Kari sich um.
"Sora..." stieß sie atemlos aus.
"Schön dich zu sehen. Du siehst... gesünder aus." antwortete die Rothaarige vorsichtig.
"Danke" erwiederte Kari unsicher.
Soras Blick wanderte von Tais Pulli hinab zu ihren blanken Füßen.
Sie wusste, dass Kari in der Psychatrie gewesen ist und gestern entlassen wurde.
"Kari..." setzte sie mit Sorge in ihrer Stimme an, ohne wirklich zu wissen, wie sie den Satz beenden sollte.
"Ich muss ihn sehen" antwortete die Jüngere auf die ungestellte Frage.
"Dann solltest du reingehen" sagte die Freundin von Tai, die sie in ihrem Herzen immernoch war. Sie griff an Kari vorbei nach der Klinke, öffnete die Tür und schob Kari hinein. Als sich die Tür hinter Kari wieder schloss, zückte sie sofort ihr Handy und wählte Yuukos Nummer.

Kari stand im recht verdunkelten Raum.
Ein ihr all zu bekanntes Piepen drang unangenehm in ihre Ohren.
Nur langsam näherte sie sich dem Bett.
Da lag er.
Immernoch von Schläuchen und Kabeln umringt.
Seine sonst immer so leicht gebräunte Haut war erblasst. Sie wirkte fast durchsichtig und er war unglaublich mager.
Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals und ihre Knie wurden ganz weich.
Der Raum begann sich um sie zu drehen.
Schnell, bevor sie umkippte, setzte sie sich auf einen Stuhl neben seinem Bett und atmete tief durch.
Vorsichtig schlug sie seine Decke etwas zurück, um seine Hand freizulegen, in die sie ihre sanft legte.
Tränen überströmten ihre Wangen und erneut weinte sie bitterlicht. Sie hatte ihre Stirn auf seine Hand gelegt und flehte ihn stumm an, endlich aufzuwachen.
'Ich brauche dich doch!' schrie es in ihr.

Sie wusste nicht, wie lange sie so neben ihm gesessen hatte, doch schließlich richtete sie sich wieder auf. Ihr Gesicht war nass vom Weinen. Sie sah ihn an. In seine geschlossenen Augen. Starr. Als könnte sie heraufbeschwören, dass er sie öffnete.
"Tai?" fragte sie mit brüchiger, kaum hörbarer Stimme.
"Tai, ich bin es. Kari. Ich war lange nicht mehr hier, weißt du. Es tut mir so leid."
Rauschende Stille war die Antwort.
Sie konnte es kaum aushalten.
"Tai, bitte sage mir, dass du noch hier bist" flehte sie.
Und dann erschrack sie.
Er hatte gezuckt. Seine Hand, in der ihre lag.
Minimal.
Kaum merklich.
Aber er hatte sich bewegt.
"Tai?!" rief sie aus.
Stille.
"Tai, bist du da?"
Erneut ein kleines Zucken.
Sie hatte es sich doch nicht eingebildet.
"Tai, hörst du mich etwa? Tai, ich bin hier. Mach die Augen auf! Sieh mich an, bitte!"
Sie sah auf seine Finger.
Ja. Sein Zeigefinger bewegte sich. Nur ein wenig und man musste genau hinschauen. Aber es war eindeutig. Er reagierte.
"Oh mein Gott..." stieß sie aus.
"Du verstehst mich. Du... Tai! Oh bitte, bitte wach auf." Sie rüttelte an seiner Hand. "Komm schon, du schaffst es. Du kannst das, ich weiß das ganz genau!" Mittlerweile schrie sie fast.
Sie bekam gar nicht mit, dass sich die Zimmertür öffnete und eine Krankenschwester, gefolgt von ihren Eltern und Sora hineinstürzten.
"Um Himmels Willen, Kari!" stieß Susumo entsetzt hervor, als er sah, wie seine Tochter völlig aufgelöst an der Hand ihres Bruders rüttelte und ihn anschrie.
Er legte seine Arme um sie und zerrte sie weg.
"Nein!" schrie sie. "Nein! Lass mich bei ihm. Er kann mich hören! Er hat sich bewegt!" Kari kämpfte gegen den festen Griff ihres Vaters an.
"Bitte! Lass mich wieder zu ihm!"
Susumo stellte sie wieder ab, drehte sie zu sich um und hielt sie an den Schultern fest.
"Kari, Stop! Er kann dich nicht hören. Seit Jahren regt er sich nicht."
"Doch! Er hat seine Finger bewegt. Als ich mit ihm gesprochen habe!"
Susumo warf seiner Frau einen verzweifelten Blick zu.
'Bring sie weg' formte sie stumm mit ihren Lippen. Sie konnte es kaum ertragen, ihre Tochter so zu sehen.
Susumo schnappte sich Kari und trug das strampelnde, weinende und rufende Mädchen aus dem Raum.
"Nein, nicht! Tai! Bitte!" schrie Kari.
Yuuko sah aufgelöst zur Krankenschwester, die die tragische Szenerie verfolgte. "Helfen sie uns. Sie kennen Kari doch auch. Sie haben uns damals die Psychatrie empfohlen..."
Die Schwester nickte und verschwand. Kurz darauf kam sie mit einer Spritze wieder. Kari tobte weiterhin auf dem Flur und kämpfte gegen die Kraft ihres Vaters.
"Halten Sie sie einigermaßen still" befahl sie dem Mann, der sofort reagierte.
Sie stach die Nadel schnell in den Hals, der einzigen freien Stelle, die sie in der Eile ausmachen konnte.
Nur wenige Augenblicke später erschlafften Karis Muskeln und ihre Augen schlossen sich.
Susumo sah die Krankenschwester beunruhigt an.
"Ein Beruhigungsmittel" erklärte diese.
"Ich weiß, dass Sie beide Ihre Berufe mittlerweile wieder aufgenommen haben, aber Sie sollte einem Weg finden, dass Ihre Tochter in nächster Zeit keine Sekunde mehr alleine ist. Dazu rate ich Ihnen dringend!"
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