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Ein Land ohne Magie

OneshotFamilie, Fantasy / P12
Böse Königin / Regina Mills Emma Swan Henry Mills jr. Snow White / Mary Margaret Blanchard
14.09.2020
14.09.2020
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Ein Land ohne Magie



„… und so lebten sie Glücklich bis an ihr Lebensende“, brachte Snow White ihre Erzählung zu einem Schluss. Zufrieden strahlte sie in die Runde. „Ich mag die Märchen eurer Welt. Sie haben immer ein zufriedenstellendes Ende. Das Gute gewinnt immer.“
Regina schnaubte undamenhaft, um ihrem Unmut Luft zu machen. Natürlich bevorzugte Snow White Geschichten, in denen alles so ablief, wie sie es gern hätte. Nichts anderes hatte sie erwartet. Sie zog die Decke um ihre Schultern enger um sich, da das Feuer im Kamin schon ein gutes Stück heruntergebrannt war. „Als ob“, murmelte sie leise, doch immer noch laut genug, dass die Anwesenden es hören konnten.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Snow White und erhob sich aus ihrem Erzählsessel, wie Henry ihn genannt hatte. Es war seine Idee gewesen, dass sich seine Familie zu einem Märchenabend zusammenfand. Was sonst konnte man an einem kalten Winterabend tun, außer ein Feuer im Kamin anzuheizen, heiße Schokolade mit Zimt zu trinken und sich dabei Geschichten zu erzählen?
„Mom, Regina will damit sagen, dass unsere klassischen Märchen, wie wir sie kennen, für Kinder gemacht sind“, erklärte Emma, die mit Henry zusammen auf dem Fell vor dem Kamin saß. „Die Originalversionen sind wesentlich … dunkler.“
Snow White stemmte die Hände in die Hüften. „Du willst mir also erzählen, dass Dornröschen nicht von ihrem Prinzen gerettet wurde?“
„Ähm … nein, eigentlich wurde sie das nicht.“ Emma warf einen Seitenblick auf Henry, nicht sicher, ob sie fortfahren sollte. Andererseits hatte er schon so viel erlebt, da sollte ihn die Wahrheit nicht wirklich erschüttern. „Im Original wurde sie vergewaltigt, während sie bewusstlos war und wachte erst auf, als sie ihr Kind gebar. Oder so ähnlich.“
„Ach, du lieber Himmel!“, entfuhr es Snow White entsetzt. Erschüttert sank sie neben ihren Mann auf das Sofa.
„Jetzt haben wir jede Menge Märchen aus unserer Welt gehört, aber was ist mit eurer? Haben Märchenfiguren Märchen?“ Emma verzog das Gesicht ob ihrer Frage. Manchmal war ihr Leben eigenartig.
„Natürlich haben wir die!“, ereiferte sich Snow White, die Tatsache über Dornröschens Schicksal bereits überwunden. „Regina, du hast mir damals immer welche erzählt, wenn ich nicht einschlafen konnte und du hast den ganzen Abend noch nicht viel gesagt.“
Regina blickte Snow White an, als hätte sie den Verstand verloren. Sie hätte diesem Irrsinn nie zustimmen sollen. Schlimm genug, dass sie ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellen musste. Jetzt musste sie sich nicht nur Märchen anhören, sondern sollte sie auch erzählen? „Ich denke nicht“, lehnte sie ab und ließ das Feuer im Kamin mit einer Handbewegung wieder neu aufleben.
„Komm schon, Regina“, versuchte Emma es und stieß Henry gleichzeitig mit dem Ellenbogen an.
„Bitte, Mom.“ Mit großen Augen blickte Henry zu Regina hoch.
Vorwurfsvoll sah Regina auf Emma hinunter. Sie wusste genau, dass sie ihrem Sohn keine Bitte abschlagen konnte. Theatralisch seufzte sie. „Also schön.“ Sorgsam legte sie die Decke beiseite und nahm nun ihrerseits in dem Sessel Platz. „Wie beginnen eure Märchen gleich noch?“ Regina hob spöttisch eine Augenbraue. „Ach ja. Es war einmal …


… vor vielen Jahren, da lebte eine Baumnymphe – ihr Name war Gothel – zusammen mit ihrer Mutter Flora und ihren Schwestern in einem geheimen Garten, zu dem nur sie Zutritt hatten. Durch die Magie der Nymphen war der Garten geschützt, so dass kein Mensch ihn finden konnte. Die Nymphen waren stets darauf bedacht, dass keiner sie sah, wenn sie in ihrem Garten ein und ausgingen, denn sie wussten, dass die Menschen Angst vor der Magie hatten und den Garten zerstören würden, sollten sie je erfahren, wo er sich befand.
Trotz der Warnung ihrer Mutter begab Gothel sich regelmäßig in die Nähe von Menschen. Dank ihrer Magie konnte sie die blaugrüne Färbung ihrer Haut verbergen, so dass sie für andere aussah, wie ein Mensch und nicht fürchten musste, entdeckt zu werden.
Eines Tages kam sie an einem prächtigen Haus vorbei und beobachtete aus sicherer Entfernung, wie eine Gruppe junger Frauen Kleider für einen Ball anprobierten. Fasziniert von den bunten Farben der Kleider wartete Gothel, bis die Mädchen das Zimmer verließen und schlich sich hinein, um die Kleider aus der Nähe zu betrachten. Eins nach dem anderen besah sie sich, bis sie eines erreichte, an dessen Front eine Rosenknospe befestigt war. Sacht berührte sie sie, so dass aufgrund ihrer Magie, die Rose voll erblühte. Verzückt in diesen Anblick bemerkte sie zu spät, dass die Freundinnen zurückkehrten.
„Entschuldigt“, entgegnete Gothel eilig, als sie bemerkte, dass sie ertappt worden war. „Ich sollte nicht hier sein.“ Sie wandte sich ab, um zu gehen, da sie keinen Ärger heraufbeschwören wollte, doch eines der Mädchen Islahielt sie zurück.
„Warte“, bat sie. „War das Magie?“
„Es ist harmlos“, versicherte Gothel furchtsam. Sie wusste, wie ängstlich die Menschen auf Magie reagierten. „Bitte erzählt es niemandem.“
„Wir haben noch nie jemanden getroffen, der Magie beherrscht“, sprach da Seraphina. Ihre Haut war deutlich dunkler als die ihrer Freundinnen. „Das ist wundervoll.“
Noch immer auf der Hut gestand Gothel: „Die meisten haben Angst.“
„Wir sind nicht wie die anderen“, versprach Isla ihr. „Vielleicht kannst du es uns beibringen? Morgen Abend findet ein Ball statt. Du musst unbedingt auch da sein!“
Voller Überraschung über so viel Freundlichkeit, stimmte Gothel zu. Alle Vorsicht vergessen. Ihre neuen Freundinnen schenkten ihr sogar eines ihrer Kleider, das sie zu dem Ball tragen konnte. Beschwingt und überglücklich, dass nicht doch alle Menschen gleich waren, kehrte sie in ihren Garten zurück, wo ihre Mutter schon auf sie wartete.


„Das ist bestimmt nicht gut“, murmelte Henry leise. Es war nie gut, wenn die Mutter einen bereits erwartete. Er hatte sich nach vorn gebeugt, um ja kein Wort zu verpassen.
Regina lächelte, als sie bemerkte, dass selbst Emmas Blick gebannt an ihren Lippen hing. Sie selbst lehnte sich zurück, um es bequemer zu haben.
„Auf was läuft das Ganze hinaus?“, fragte Emma ungeduldig und rückte noch etwas näher an den Sessel heran.
„Das, meine Liebe, erfährst du, wenn du weiter geduldig zuhörst“, entgegnete Regina, als würde sie ein ungeduldiges Kind zurechtweisen.
Emma widerstand dem Drang, ihr die Zunge herauszustrecken. Stattdessen grinste sie breit und wartete brav darauf, dass Regina fortfuhr.


Natürlich war Gothels Mutter bereits zu Ohren gekommen, dass sich ihre Tochter einmal mehr in die Gegenwart der Menschen gewagt hatte. Wie so oft sprach sie ihr auch dieses Mal ins Gewissen. Menschen wären irrational und voller Widersprüche. Gothel könne davon träumen, etwas anderes zu sein, doch sie sollte stolz auf das sein, was sie war: eine Baumnymphe. Zudem sollte sie eines Tages den Platz ihrer Mutter einnehmen, um ihre Spezies anzuführen und selbst Mutter aller Magie werden.
Ergeben folgte Gothel ihrer Mutter, doch der Gedanke an den Ball ließ ihr keine Ruhe. So kam es, dass sie sich am nächsten Abend mit ihren neuen Freundinnen am besprochenen Treffpunkt einfand. Auf Islas Wunsch hin, ließ sie eine verwelkte Blume erneut aufblühen, doch zu ihrem großen Entsetzten zertrat Isla die Blume. Nun folgten auch die anderen Mädchen ihrem Beispiel. Sie bewarfen Gothel mit Schlamm und zerrissen das schöne Kleid, das sie ihr am Vortag geschenkt hatten. Einzig Seraphina sah schockiert mit an, zu was ihre Freundinnen fähig waren. Sie wusste, dass es falsch war, nichts zu tun, doch die Furcht davor, was geschah, wenn sie eingriff, war zu groß.
Nachdem sie Gothel gedemütigt hatten, wandten sie sich von ihr ab, um sie zurückzulassen. Verletzt und tieftraurig darüber, dass man doch keinem Menschen trauen konnte, kehrte Gothel nach Hause zurück. Auf dem Weg dorthin, musste sie jedoch feststellen, dass der Schlüssel, der ihr Zugang zu dem Hain verschaffte, nicht mehr da war. Da sie befürchten musste, dass die Mädchen ihn gestohlen hatten, rannte sie so schnell sie konnte, um ihre Familie zu warnen. Doch als sie den Garten erreichte, erkannte sie, dass sie bereits zu spät war. Was einst in den schillerndsten Farben geblüht hatte, war nun verschwunden. Vom Feuer bis auf die Asche verzehrt. Selbst ihre Schwestern hatten den Flammen nicht entkommen können. Einzig ihre Mutter war noch da, doch auch sie sollte nicht mehr lange sein.
Weinend eilte Gothel an ihre Seite. „Dafür werden sie bezahlen“, schwor sie bitter.
„Nein, mein Kind“, flehte Flora mit ihren letzten Atemzügen. „Nimm keine Rache. Nimm den starken Samen der Magie in dir und setzte unser Werk woanders fort. Werde eine gute Mutter.“
Doch Gothel hörte die Worte ihrer Mutter nicht. Zu tief saß die Wunde, die die Menschen geschlagen hatten. Zu allem entschlossen, kehrte sie auf den Ball zurück, um sich an den Menschen zu rächen. Vor niemandem machte sie halt, bis sie schließlich vor Seraphina stand. Als Gothel zu ihrem nächsten Schlag ausholte, um auch sie büßen zu lassen, geschah etwas Unerwartetes.
Flehend ging Seraphina in die Knie und ein silbernes Licht schützte sie vor Gothels Angriff. Auch sie besaß Magie. „Ich bin nicht so tapfer wie du“, gestand sie. „Ich hatte Angst, dass sie mir etwas antun.“
„Du musst keine Angst mehr haben“, versprach Gothel und streckte ihre Hand aus. „Komm mit mir.“
Zusammen verließen sie den Ball, jedoch nicht ohne sicherzugehen, dass niemand ihnen folgen konnte. Sie kehrten in den Hain der Nymphen zurück und als Seraphina sah, was ihre Freundinnen getan hatten, brach sie in Tränen aus. Es tut mir so leid, das wusste ich nicht“, beteuerte sie.
Das war der letzte magische Ort in diesem Reich“, erklärte Gothel ihrer neuen Schwester. „Hier lebten alle meine Lieben. Ich habe nur die Wunde gerächt, die die Menschen heute hier hinterließen.
„Das hast du“, bestätigte Seraphina. Wie viele sind dir zum Opfer gefallen?
Alle. Ich habe das Land leergefegt“, erklärte Gothel grimmig. Sie durchschritt den einst voller Leben blühenden Garten, der nun trist und grau vor ihr lag. „Aber das wird nicht auf Dauer sein und wie die Menschen nun einmal sind, wird es noch schlimmer. Doch dieses Mal stehen sie alleine in einer kalten Welt.“
„Sie stehen allein? Wo bleiben wir?“, fragte Seraphina voller Neugier.
„Die bringt uns in ein anderes Reich“, erklärte Gothel. Demonstrativ hielt sie einen kleinen, schillernden Gegenstand in die Luft. Es war eine Zauberbohne, die sie zwischen all der Verwüstung gefunden hatte. Eine kleine Bohne mit der Fähigkeit, ein Portal zu einer anderen Welt zu öffnen.
„Lass uns dieses Reich verlassen“, sprach Gothel und warf die Zauberbohne vor sich in die Luft, woraufhin sich ein großer Feuerreif vor ihr auftat – der Weg in ein neues Land. „Denn mit der Zerstörung unseres Hains haben die Menschen heute etwas erschaffen, dass es so noch nie gab: Ein Land ohne Magie.


Nach einem Moment bedächtigem Schweigen, gestand Snow White: „Von diesem Märchen habe ich noch nie gehört. Warum hast du es mir nie erzählt?“
„Leopold hat es mir untersagt.“ Regina wandte den Blick zum Feuer. „Er war der Meinung, dass sein Mädchen vor einer solchen Lüge beschützt werden musste. So etwas wie ein Land ohne Magie gab es in seinen Augen nicht.“
Nachdenklich neigte Emma den Kopf zu einer Seite. „Glaubst du, dass es so gewesen ist?“
„Als Mädchen habe ich um Gothels Willen immer gehofft, dass es nicht so war“, gestand Regina. Ihr Blick wanderte von den Flammen zu Emma. „Doch mittlerweile glaube ich, dass es sich genauso zugetragen hat.“

Ende
__________

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