Zwischen Angst und Vertrauen

von Loocy
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
Gavin Reed OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor WR400 North WR600 Ralph
13.09.2020
28.10.2020
10
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17.10.2020 1.143
 
Kapitel 9 – Grünblaue Augen

Mittwoch, 08. Dezember 2038
09:35 Uhr
Jericho
White Hollow Road, Detroit


MARKUS
North hatte vor zwei Minuten seine Wohnung verlassen und es tat gut, endlich wieder die Stille um sich herum zu spüren, anstatt ihre wutentbrannte Stimme. Wann hatten sich die beiden das letzte Mal ganz zivilisiert unterhalten? Markus hatte keinen blassen Schimmer. Er schätzte North und respektierte ihre Meinung, aber dennoch konnte er nicht leugnen, dass er sich in ihrer Nähe oft unwohl fühlte.

Sie strahlte stets eine gestresste und hasserfüllte Stimmung aus, die überhaupt nicht mit Markus' Aura sympathisierte. Manchmal fragte er sich, ob es North helfen würde, über ihre traumatische Vergangenheit zu reden. Einfach alles rauszulassen, so wie sie es kopflos bei all den anderen Angelegenheiten tat. North hatte immer über ihre Tätigkeit im Eden Club geschwiegen, und über den Tag, an dem sie zur Abweichlerin wurde. Dabei war sich Markus sicher, dass die anderen Androiden besser mit ihr klarkämen, wenn North offener wäre.

Selbstverständlich konnte und wollte Markus das nicht von ihr verlangen. Es gab genügend Abweichler, die ihre Vergangenheit tief im Innersten begruben und keinen einzigen Finger krümmen würden, um sie wieder freizuschaufeln.

Der Anführer von Jericho ließ sich auf dem leicht ramponierten Holzstuhl nieder, der in dem Raum stand, der sicherlich einmal das Wohnzimmer werden würde. Letzte Woche hatten einige Androiden Möbelstücke vom Sperrmüll mitgebracht und vieles davon war noch gut in Takt. Außerdem war es legal, sich am Sperrmüll zu bedienen, deshalb hatte Jericho keine Konsequenzen zu befürchten.

Geld für neue Möbel hatten die Androiden nicht, also musste vorerst improvisiert werden. Er stützte sich auf dem klapprigen Plastiktisch ab und starrte nach draußen auf die Baustelle. Kurz erwischte er sich dabei, wie er an Carl und das prunkvolle Haus dachte, in dem der Android einst gelebt hatte. Das fühlte sich alles schon so lange her an...

„Markus?“, rief plötzlich jemand seinen Namen, den er schnell als Simon identifizieren konnte.

Es klopfte an seiner Wohnzimmertür und Markus stand auf, um diese zu öffnen. Mit neuem Besuch hatte er nicht gerechnet, aber als er Simon schließlich gegenüberstand, noch zwei weitere Androiden und einen Menschen entdeckte, war Markus noch verwunderter.

„Ist was passiert?“

„Das kann man wohl so sagen“, bestätigte Simon und trat anschließend mit dem Menschen ins Wohnzimmer, während er die anderen beiden Androiden bat, draußen auf ihn zu warten. Ohne Widerspruch ließen sie Markus, Simon und den Neuankömmling allein.

Die Tür wurde wieder geschlossen und Markus nahm sich einen Moment Zeit, um den Jungen näher zu betrachten. Er war sicherlich keine zwanzig Jahre alt und wirkte leicht verängstigt, angespannt und gleichzeitig ungeheuer neugierig. Sein dunkelblondes Haar war stellenweise noch nass, seine helle Haut wegen der Winterluft ganz gerötet, besonders die Nasenspitze. Die Augenbrauen des Jungen waren deutlich dunkler, glichen schon einem Braunton. Ebenfalls entging ihm nicht, wie erschöpft er wirkte… als hätte er viele schlaflose Nächte hinter sich.

Markus beobachtete den Fremden weitere Sekunden. Dessen Unterlippe schien wegen der eiskalten Temperaturen zu leiden, war leicht aufgesprungen und tendierte dementsprechend wahrscheinlich dazu, schnell zu bluten. Menschen hatten im Gegensatz zu Androiden nicht die Chance auf eine makellose Haut, aber das war auch nicht das Wichtigste im Leben. Zum Schluss sah Markus in die grünen Augen des Jungen, der den Blick sogleich nervös erwiderte.

„Er lief auf dem Gelände herum“, erzählte Simon. „Er hat ein Anliegen, bei dem ich dachte, dass du es dir besser anhören solltest.“

„Verstehe, danke, dass du mir so schnell Bescheid sagst“, sprach Markus.

Vor der Tür erklangen erneut Schritte und Christina, die eben mit Simon den Jungen hergebracht hatte, steckte unvermittelt ihren Kopf ins Zimmer.

„Entschuldigt die Unterbrechung, aber wir brauchen dich kurz, Simon. Geht das in Ordnung? Die angekündigte Thirium-Lieferung ist eben eingetroffen, aber der Lieferant macht Probleme.“

Markus nickte seinem Freund zu. „Ich komme hier zurecht. Geh nur.“

„Alles klar, wir reden später weiter“, verabschiedete sich Simon notgedrungen, sah dabei noch einmal prüfend zu dem Menschen herüber, bevor er Christina nach draußen folgte.

Jetzt war Markus mit dem Fremden, der noch kein Wort gesagt hatte, ganz alleine und hoffte, dass diese Situation keine unschönen Überraschungen bereithielt.

„Weshalb bist du nach Jericho gekommen?“, fragte Markus neutral und bemerkte, wie der Junge sich verkrampfte.

BLAKE
Seit Blake den Raum betreten hatte, waren seine Augen keine Sekunde von dem Anführer abgewichen. Sofort hatte er in seiner Nähe großen Respekt verspürt, vielleicht sogar Ehrfurcht? Noch peinlich genau konnte er sich an die Fernsehbeiträge und Live-Reportagen erinnern, bei denen Markus gefilmt wurde, wie er eine ganze Armee Androiden durch die Straßen Detroits führte.

Diese Bilder hatten in kürzester Zeit die ganze Welt erreicht und sprachlos gemacht. Auch Blake hatte damals mit offenem Mund vor dem Bildschirm gesessen und konnte gar nicht fassen, dass Maschinen tatsächlich für eigene Rechte kämpften und auf einmal Emotionen besaßen, die sie... menschlicher machten.

Markus war gut einen Kopf größer als Blake und obwohl der Android wahrscheinlich noch nie im Fitnessstudio war, wirkte sein Körper muskulös und stark. Sein Hautton war gebräunter als der blasse Teint von Blake. Am interessantesten fand er jedoch die zwei unterschiedlich farbigen Augen, links grün, rechts blau. Er konnte gar nicht anders, als ihn anzustarren. Er hoffte, dass Markus so menschenfreundlich war, wie in den Medien häufig berichtet wurde. Falls nicht, sollte sich Blake besser schnell einen Fluchtplan ausdenken.

„Weshalb bist du nach Jericho gekommen?“, drang Markus' Stimme in seinen Geist. Er konnte nicht verhindern, dass seine Schultern an Anspannung gewannen und sich seine Hände in den Taschen zusammenballten. In den nächsten Sekunden würde sich entscheiden, ob Markus gut mit ihm umging und ihn ernst nahm.

„Ich muss einen Androiden finden. Es geht um das Modell HR400. Ich weiß, dass er sich in Jericho aufhält“, erklärte Blake mit fester Stimme. Er durfte nicht zeigen, dass er stellenweise unsicher wurde und den Drang hatte, wegzulaufen. Für Blair musste er tapfer bleiben. Ihm würde schon nichts geschehen.

„Weshalb willst du ihn finden?“ Markus stellte diese Frage, genau wie es Simon zuvor getan hatte. Der Unterschied war nur, dass Blake sich jetzt nicht mehr an knappe Sätze halten konnte, sondern mit der Sprache herausrücken musste. Er atmete tief durch.

„Ein HR400 hat am Samstagabend gemeinsam mit einem Menschen meine Schwester verprügelt. Sie liegt seitdem mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Ich... Ich konnte nichts tun, um ihr zu helfen... Ich wollte doch nur, dass...“ Blake begann zu zittern, je mehr Sätze aus seinem Mund sprudelten.

Wieder versuchte er gemächlich ein- und auszuatmen, gelassen zu bleiben, seinen Herzschlag nicht zu überfordern, aber es war so schwer. Er unterbrach den Blickkontakt zu Markus und starrte auf seine Winterstiefel.

Er hasste die Szenen, die jetzt erbarmungslos durch sein Gedächtnis jagten. Die Schuldgefühle kamen mit solch einer Intensität zurück, als würde Blake von einer riesigen Welle im schlimmsten Sturm verschluckt werden und machtlos auf den Meeresgrund sinken.

Er wollte sich nicht erinnern, aber er musste…
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