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Zwischen Angst und Vertrauen

von Loocy
GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / Mix
Gavin Reed OC (Own Charakter) RK200 Markus RK800-51-59 Connor WR400 North WR600 Ralph
13.09.2020
04.04.2021
20
30.559
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15.09.2020 1.646
 
Kapitel 2 – Verspannter Nacken

Mittwoch, 08. Dezember 2038
05:46 Uhr
Detroit Police Department


GAVIN
Sein Nacken schmerzte fürchterlich, als er aus einem überraschend tiefen Schlaf hochschreckte und sich die ersten Sekunden verwirrt im Raum umblickte. Seine Augen erfassten sofort den modernen Computer und die Tastatur vor ihm sowie die vielen Schreibtische, die in ordentlicher Reihe im Zimmer angeordnet waren. Detective Gavin Reed schlussfolgerte, dass er immer noch im Detroit Police Department war. Seit sehr, sehr vielen Stunden. Unverkennbar war er gestern vor lauter Überarbeitung am Schreibtisch eingeschlafen – mal wieder – und hatte jetzt die große Freude, verspannte Körperteile sowie einen äußerst üblen Geschmack im Mund zu besitzen. Schnaubend streckte er seine Arme in die Höhe, so weit, bis es wehtat. Anschließend ließ er genüsslich seinen Nacken knacken und konnte ein herzhaftes Gähnen nicht unterdrücken.

Die ersten Mitarbeiter waren bereits eingetroffen, hatten Gavin aber anscheinend nicht weiter beachtet. Es war längst kein ungewöhnlicher Anblick mehr, dass Polizeibeamte im Büro übernachteten. Seit der Revolution wurden die Berge voller Arbeit immer höher und ließen sich nur erschwert und mit hohem Aufwand beseitigen. Allein in den letzten paar Tagen sollte Gavin über 120 neue Beschwerden einsehen und die weniger dringenden Fälle aussortieren. Er kam mit dem Abarbeiten kaum noch hinterher, selbst wenn er eine unmenschliche Anzahl von Überstunden in Kauf nahm. Und so ging es allen hier. Stress stand ausweglos auf der Tagesordnung.

„Detective?“, erklang plötzlich eine allzu vertraute männliche Stimme hinter ihm, die sofort ein alarmiertes Aufstellen der Nackenhaare bewirkte. Langsam drehte sich Gavin in seinem Stuhl um und lehnte den Kopf nach hinten, um der Blechbüchse besser ins Gesicht schauen zu können.

„Deine Schnute will ich auch unbedingt als Erstes sehen, wenn ich aufwache“, murrte er und war augenblicklich schlecht gelaunt. Echt unglaublich, wie schnell der Android es schaffte, ihm die Stimmung zu versauen. Warum war Connor nicht in die Freiheit gerannt, nachdem er zum Abweichler geworden war? Auf irgendeine ferne Insel, wo sein Plastik vor sich hinschmelzen konnte? Das wäre doch allemal besser, als immer noch täglich auf das Revier zu kommen und Gavin den letzten Nerv und wer weiß, vielleicht irgendwann noch den Job zu rauben.

„Es freut mich auch, Sie zu sehen“, sagte der Android mit so ernster und mechanischer Stimme, dass Gavin für einen Moment glaubte, Connor hätte gar keine eigenen Gefühle entwickelt. Der Detective verengte die Augen zu Schlitzen und reckte das Kinn noch ein Stück in die Höhe.

„Was willst du?“, fragte er herausfordernd. Auch wenn die Müdigkeit immer noch durch seine Glieder kroch, hatte er nichts dagegen, seine Abscheu laut und deutlich zu präsentieren. Vielleicht machte ihn das sogar richtig wach. Ach, er war ein verdammter Morgenmuffel. Wahrscheinlich hätte er auch jeden anderen Kollegen angeschnauzt, der um diese Uhrzeit mit ihm sprechen wollte. Das war schließlich unverschämt.

„Ich habe mich gestern durch diverse Akten gearbeitet“, begann Connor ganz professionell. Er ließ sich anscheinend gar nicht daran stören, dass Gavin keinen Bock auf ihn hatte. „Mir ist ein Fall besonders aufgefallen. Samstagnacht wurde eine gewisse Blair Hemmingworth von einem Androiden und einem Menschen krankenhausreif geprügelt. Die Tatverdächtigen wurden bisher weder genau identifiziert noch geschnappt. Sie haben diese Akte ebenfalls zugeteilt bekommen. Denken Sie nicht auch, der Fall hätte erhöhte Priorität?“

Gavins Gehirn begann zu rattern. Er konnte sich momentan beim besten Willen nicht an eine derartige Fallakte erinnern und der Name Blair Hemmingworth sagte ihm schon mal gar nichts. Da hatte er sich gestern zwar durch verschiedene Akten gelesen, musste dieses Ereignis aber übersehen haben. Das war peinlich, denn der Fall klang tatsächlich nicht gerade unwichtig. Und hatte er gesagt, es wäre Samstagnacht passiert? Das war ja schon einige Tage her!

„Ähm klar, ja, ich erinnere mich, dass gelesen zu haben", log Gavin spontan und hoffte, man würde ihm nicht ansehen, dass er alles andere als die Wahrheit sagte. Allerdings zog Connor kurz darauf die linke Augenbraue nach oben und bedachte ihn mit einem wissenden Blick. Wie konnte Gavin auch nur so ungeschickt sein und einen Detective-Androiden anflunkern? Er schob dieses Versehen ganz klar auf seinen ermüdeten Geist. Kaffee wäre jetzt wunderbar. Und eine kalte Dusche samt Zahnbürste, um diesen merkwürdigen Geschmack loszuwerden.

Er rieb sich seufzend die Schläfen. Direkt am Morgen von einem nervigen Androiden und sogleich von neuer Arbeit überfallen zu werden, war nach letzter Nacht alles andere als angenehm. Er wünschte sich, dass das Police Department mit all den Aufträgen nicht so überfordert wäre. In Detroit lief alles aus dem Ruder, seit es zu immer mehr Abweichlern gekommen war. Warum konnten diese beschissenen Maschinen nicht einfach beschissene, gedanken- und gefühllose Maschinen bleiben? Nun krempelten sie nicht nur ihr eigenes maschinelles Dasein um, sondern unwillkürlich auch das Leben der Menschen.

Wie man bereits aus der Vergangenheit wusste, waren Veränderungen für Menschen, die vor allem so drastisch waren wie die Revolution der Androiden, nicht sehr leicht zu schlucken. Es würde viel Zeit brauchen, bis sich alles wieder harmonisch einspielte –  falls es denn überhaupt jemals zu einer Harmonie zwischen Menschen und Androiden kommen würde. 100 Prozent könnte man niemals erreichen, das wusste Gavin.

Schon allein, weil er selbst ein sturer Gegner von Androiden bleiben würde.

„Hank ist gerade mit einem anderen Fall beschäftigt, deshalb frage ich Sie, ob Sie die Sache übernehmen wollen“, meinte Connor und legte den Kopf leicht schief. Seine braunen Augen musterten den Detective abwartend, was Gavin irgendwie unangenehm fand. Vor der Abweichung hatte Connor ihn weniger intensiv angesehen, oder täuschte er sich da? Er vermisste die gefühllosen Roboter, die kerzengerade in der Gegend herumstanden und artig auf ihre Befehle warteten. Auch wenn er diese natürlich auch als besonders ätzend empfunden hatte.

„Und was machst du in der Zwischenzeit?“, horchte Gavin und nahm sich ein Beispiel an Connor, in dem er ebenfalls den Kopf schief legte. Hoffentlich hatte das eine provozierende Wirkung.

„Ich weiß es noch nicht“, sagte Connor nachdenklich. „Ich habe mich noch nicht... entschieden. Es gibt viele Fälle, die wichtig sind.“

Gavin gluckste leicht. Diese Antwort klang irgendwie ziemlich merkwürdig, wenn man bedachte, dass Connor vor der Revolution schlicht seinen Anweisungen und demnach immer Hank gefolgt war. Dass er dies jetzt nicht mehr zwingend tun musste, schien für ihn noch sehr ungewöhnlich zu sein. Gavin konnte nicht leugnen, dass diese Entwicklung spannend mitzuverfolgen war. Wer wusste, ob Connor mit zu vielen Gefühlen überhaupt klarkommen würde? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Abweichler vor lauter Emotionen selbst zerstörte... oder andere.

„Na ja, du weißt, dass ich dich nicht leiden kann, also fällt dir die Entscheidung bestimmt leichter", sagte Gavin, begleitet von einem gehässigen Grinsen. Er hatte keine Lust auf einen Plastikcop als Partner.

„Ich kann Sie auch nicht leiden“, erwiderte Connor plötzlich zu aller Überraschung. Er ahmte tatsächlich Gavins Gesichtsausdruck nach, sodass dem Detective für wenige Sekunden der Mund offen stehen blieb. Der Beginn einer fantastischen Freundschaft?  


06:00 Uhr
Haus der Geschwister Hemmingworth
Hartwell Street, Detroit


BLAKE
Immer noch ungewaschen und gekleidet in eine schwarze Jogginghose samt Pullover, saß Blake auf dem gemütlichen braunen Sofa, umschlungen von einer violetten Decke. Der Stoff war an den Seiten schon ziemlich ausgefranst und stellenweise gab es dunkle Kakao- oder Kirschsaftflecken, die die Waschmaschine nie hatte beseitigen können. Blake besaß zwar auch andere Decken in sämtlichen Farben und Beschaffenheiten, aber mit dieser hier verband er so schöne Erinnerungen aus seiner Kindheit, dass er sie ab und zu gerne noch benutzte.

Wenn er mitten in der Nacht aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte – oder wollte – zog er sich am liebsten ins Wohnzimmer zurück. Entweder mit Tränen im Gesicht und verkrampfter Haltung, so wie vorhin, oder aber etwas entspannter, so wie jetzt. Er klemmte eine Taschenlampe zwischen zwei große Sofakissen, die neben ihm vor der Lehne positioniert waren, und schaltete sie ein. Jetzt wurde ein kräftiger Lichtstrahl nach vorne an die Wand befördert, direkt über den TV-Bildschirm.

„Welche Geschichte würdest du dir jetzt aussuchen?“, murmelte Blake leise und dachte an seine Schwester, während er nebenbei sein Handy zückte, um seine umfangreiche Hörbuch-Bibliothek aufzurufen.

„Der Hase und das sprechende Brot?“, las er nachdenklich einen Titel vor. Diese Kindergeschichte hatten Blair und Blake schon oft angehört, konnten die Texte auswendig und hatten dazu ihre Schattenspiele perfektioniert. Außerdem hatten sich die Geschwister immer schlappgelacht, wenn Blair die Rolle des Brotes verkörperte und Blakes Hände, die den Hasen formten, von diesem Brot gejagt wurden. Oft war eine stürmische Kissenschlacht die Konsequenz gewesen, bei der die Taschenlampe unter das Sofa gerollt war. Nicht selten hatte ihr Vater gespielt fassungslos in der Tür gestanden und seine Kinder anschließend in die Arme genommen. Er liebte es, den beiden beim Herumalbern und Spielen zuzusehen. Natürlich kam das inzwischen nicht mehr vor, weil Blake und Blair ein gewisses Alter erreicht hatten, wo man erwachsene Dinge tat. Meistens zumindest. Manchmal aber auch nicht, so wie jetzt.

Blake startete das kurzweilige Hörbuch und lauschte der wohlklingenden Stimme des Sprechers, bevor er damit begann, einen möglichst perfekten Hasen zu erschaffen. Wenn er sich in diese Kindheitserinnerung zurückversetzte und sie in der Gegenwart wiederholte, lenkte ihn das ab… machte ihn ruhiger und irgendwie zufriedener. Als nächstes formte er das recht einfache Brot, demnach ballte er seine Hand zu einer Faust. Als endlich die Stelle mit dem Bäckersjungen kam, mühte er sich verzweifelt an der seitlichen Darstellung eines menschlichen Kopfes ab. Das, was dabei herauskam, sah eher aus wie ein Ungeheuer. Er musste kurz lachen.

Da kam ihm der Gedanke, dass er das Schattenspiel mit Blair auch im Krankenhaus machen könnte, um sie aufzuheitern. Er wusste, dass sie das nicht kindisch fand und sie wusste, dass es ihnen beiden dabei helfen würde, fröhlicher und für den Moment gelassener zu werden.

Als die Kindergeschichte nach 15 Minuten sein Ende fand, schaltete Blake die Taschenlampe aus, sodass es im Wohnzimmer wieder relativ düster wurde. Er rollte sich zusammen und ließ sich zur Seite auf das weiche Polster fallen. Vielleicht konnte er ja doch noch ein bisschen schlafen...
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