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Lockdown, Liebe, Lagerkoller

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
13.09.2020
16.11.2020
7
19.262
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Dieses Kapitel
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13.09.2020 4.656
 
Hallo!

Neben meinem Hauptprojekt Halbeinsamkeit, versuche ich mich hier an einer Lockdown-Liebesgeschichte, die in ihrem Umfang kürzer gehalten werden soll. Wir alle haben den Beginn der Corona-Pandemie unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Hier erzählen Juli und Hannes, wie sie den Lockdown als Frischgetrennte in derselben Wohnung miteinander aushalten mussten.

Updates erfolgen nach Lust und Laune.

mellow :]





Prolog: Als die Welt noch in Ordnung war


Ende Februar 2020.

Angewidert starre ich auf das mächtige, volle Bierglas, das vor mir auf dem Bartisch steht. Das Bier darin ist schal. Es war schon abgestanden, als es mir vor einer halben Stunde serviert wurde. Ich habe keine Ahnung, wieso die es in dieser Bar nicht hinkriegen, ein anständiges Pils aus dem Zapfhahn zu ziehen. Diese Plörre kann ich jedenfalls nicht trinken.

Seufzend lehne ich mich in meinem Stuhl zurück und wende den Blick von der Runde ab. Eigentlich mag ich meine Gesellschaft. Aber am heutigen Tag ertrage ich die gemütliche und fröhliche Stimmung meiner Freunde einfach nur mit einer gewaltigen Portion Selbstbeherrschung.

Die Bar ist voll und unsere Vierertruppe kann froh sein, einen Tisch ergattert zu haben. Der Kellner hat alle Hände voll zu tun. Hektisch wirbelt er an uns vorbei und stolpert beinahe über einen Stuhl. Strauchelnd fängt er sich wieder und balanciert konzentriert sein Tablett voller Cocktails, während seine Zungenspitze zwischen seinen Lippen hervorlugt.

Ich mustere seinen Hintern und denke: ‘Immerhin gibt’s hier was zu sehen. Der Typ hat einen echt süßen Arsch.’

Kurzentschlossen ziehe ich Anja, die mir gegenüber sitzt, die Getränkekarte aus der Hand. „Ich will jetzt auch einen Cocktail!“, unterbreche ich die Erzählungen ihres Freundes Robert und schlage entschieden die Karte auf. Sie ist laminiert und quietscht, als ich sie aufbieg.

„Oh... einen Cocktail?“, sagt Anja und lacht vorsichtig. Unsicher sucht sie Roberts Blick, der überrascht davon zu sein scheint, dass ich ihn so plötzlich unterbrochen habe.

„Ja, ich dachte an so einen“, murmele ich, hebe den Blick und deute mit dem Kopf zum Nebentisch, wo ein paar Halbstarke johlend die Cocktails vom süßen Kellner mit dem ansprechenden Hintern annehmen.

Eine Hand legt sich auf meine. „Die sind hier recht teuer“, sagt die vertraute Stimme von Hannes neben mir. „Willst du nicht lieber beim Bier bleiben? Ich meine...“

Verärgert knalle ich die Karte auf den Tisch. Er weiß, dass ich heute nur noch genervt von ihm bin. Da wagt er es jetzt noch, mir bei meiner Getränkewahl reinzureden? „Bier?!“, rufe ich angriffslustig über den Lärm der viel zu lauten Musik hinweg. „Das Zeug hier hat kaum Kohlensäure und ist einfach nur widerlich. Ich will einen Cocktail und darum bestelle ich mir jetzt einen Cocktail. Ende.“

„Ein Zehneurogetränk. Nur zu“, gibt Hannes verärgert zurück. Er wendet sich ab und pustet sich genervt seine dunkelblonden Locken aus der Stirn.

„Was spricht dagegen?“, fauche ich und starre ihn herausfordernd an.

Hannes übergeht meine Frage für einen Moment und nimmt einen Schluck von seinem eigenen Bier. Als ich ihn weiterhin abwartend anstarre, dreht er sich wieder zu mir um und antwortet: „Naja, dagegen spricht zum Beispiel, dass ich sämtliche Wocheneinkäufe des Jahres bezahlen musste, weil du einfach immer pleite bist?!“

Peinlich berührt schauen wir beide weg. Anja und Robert, die uns gegenüber sitzen, starren uns aus runden Augen an.

„Na und? Du verdienst viel mehr als ich“, gebe ich unter zusammengebissenen Zähnen zurück. Aber es stimmt. Eigentlich bin ich pleite. Würde Hannes nicht für mich einspringen, wüsste ich derzeit nicht so genau, was ich essen sollte, da ich mich dieses Jahr darauf konzentrieren wollte, sämtliche meiner Schulden vom Studium abzustottern. Von meinem mageren Halbtagsgehalt bleibt dann nach Abzug meines Teils der Miete nicht mehr viel übrig.

Hannes sagt nichts mehr. Seine Hand hat er schon längst wieder weggenommen. Seine Finger fahren über das Kondenswasser des Bierglases, das auf dem Bartisch zwischen seinen Händen steht. Er malt einen Smiley auf das Glas, das sehe ich genau. Ich finde es irgendwie süß, aber Hannes' sanfte Seite überzeugt mich heute so gar nicht. Schon länger nicht mehr, um ehrlich zu sein.

Eine peinliche Stille ist eingetreten. Robert kratzt sich an seinem buschigen, braunen Bart. Anja fummelt wie wild an ihrer Handtasche herum. Beide haben sich den Abend wohl etwas anders vorgestellt, als wir uns verabredet hatten, um mal wieder wie in alten Zeiten gemeinsam einen drauf zu machen.

Die Elektromucke aus den Lautsprechern in der Bar mit den lila und blauen LEDs ist viel zu laut. Die Musik dröhnt in meinen Ohren, als ein Windzug auf meiner Haut ankommt, den der süße Kellner mit seinem Vorbeieilen erzeugt hat.

Ich glaube, ich wäre jetzt lieber zuhause und würde mich mit meinem Laptop im Bett verkriechen. Romane schreibe ich, richtig actiongeladenes Zeug, und meine Protagonisten sind drauf und dran, sich auf eine gefährliche Mission zu begeben, um einen Drachen zu besiegen – das mag alles ein Hobbit-Abkatsch sein, aber es ist mir egal. Es macht mir Spaß, und ich liebe, wie sie über sich hinauswachsen, wenn sie kämpfen. Stattdessen sitze ich allerdings hier mit meinem nervigen Partner und meinen viel zu perfekten Freunden in einer lauten Bar in Berlin-Kreuzberg und der einzige Lichtblick des Abends ist ein gestresster Kellner, der darüber hinaus immer wieder heftig hustet und in seiner Hektik den Anschein macht, als könne er jeden Moment kollabieren.

Robert verwickelt Hannes wieder zaghaft in ein Gespräch über Maschinenbau und Flugzeuge. Das ist so das ziemlich Langweiligste, das ich mir vorstellen kann, und Anja lächelt mich zuversichtlich über den Tisch hinweg an. Noch ist die Stimmung nicht vollständig gekippt, noch könnte der Abend schön werden, denkt Anja wohl. Aber ich meide ihren Blick und widme mich dem Kellner mit dem hübschen Hintern. „Hey, bringst du mir einen Mojito?“, rufe ich ihm zu, als er wieder an mir vorbei wirbelt.

Er hält inne und lächelt nickend. Gestresst fährt er sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn. Der Arme. Ich wäre auch pissig, wenn ich auf meinem Samstagabend erkältet durch eine Bar wetzen müsste.

„Also doch, ja?“, brummt Hannes verärgert. „Ein Cocktail für zehn Euro“, betont er erneut. „Schön. Du hast dein anderes Getränk ja nicht mal angerührt.“

„Ach, leck mich doch!“, rufe ich wütend. Ich deute auf das fast leere Bier in seiner Hand. „Du hattest dafür drei Biere für je 3,50 Euro. Du kommst also ebenso auf einen Zehner!“

Gereizt hebt er den Blick. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Ja, und ich gehe auch arbeiten für das Geld.“

„Willst du jetzt wirklich eine Diskussion vom Zaun brechen, weil du die letzten paar Tiefkühlpizzen bezahlt hast?!“, frage ich fassungslos. „Wow! Vielen Dank, dass du mich nicht hast verhungern lassen, du Arschloch!“ Ich nehme das Glas mit dem schalen Bier, das noch immer vor mir steht, und trinke mit einem Zug die Hälfte aus. „So, bitte! Ich sauf das olle Zeug. Zufrieden?“

Robert und Anja sehen immer mehr so aus, als fragen sie sich, worauf sie sich da eingelassen hatten, als sie sich mit Hannes und mir verabredet haben.

„Das geht zuhause auch immer so“, informiert Hannes Robert resigniert, ohne mich anzusehen. „Die macht mich da dauernd so rund. Frage mich immer wieder, warum ich überhaupt noch mit ihr zusammen bin.“

Fassungslos trinke ich das Bier leer. „Ach ja? Dann trenn dich doch.“

Hannes brummt etwas.

Robert und Anja sehen immer verzweifelter aus.

Ich bekomme Kopfschmerzen und warte nun immer sehnsüchtiger auf meinen Cocktail. Der niedliche Kellner wetzt vorbei und eilt wieder zu unserem Tisch zurück, um den Mojito vor mir abzustellen. Er lächelt wieder und haut dann hustend ab.

Unter dem peinlichen Schweigen aller am Tisch Sitzenden, ziehe ich das liebevoll dekorierte Getränk mit dem rosaroten Dekoschirm an mich und nuckele wütend am Strohhalm.

Alle warten ab. Dann sagt Anja gequält freundlich: „Und, Juli? Lohnen sich die zehn Euro?“

„Ja“, schnarre ich mechanisch. Um ehrlich zu sein, schmeckt der Drink nicht annähernd so gut, wie ich es mir erhofft hatte. Aber das werde ich jetzt vor Hannes bestimmt nicht zugeben. Immerhin haben sie beim Rum nicht gespart.

„Na, wenigstens das“, ächzt Hannes. Er vergräbt die Hände in den Taschen seiner Reißverschlussjacke und sieht durch die weite Fensterfront nach draußen ins Dunkel der Nacht. Viele Menschen, jung und alt, tummeln sich auf den Straßen und genießen die Freiheiten der Hauptstadt. Das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich in seinen Augen, die sehnsüchtig und nachdenklich nach draußen starren. Er zieht seine Faust aus der Tasche und platziert sein Kinn auf seinem Handrücken. Sein Bart, der sich von seinen Schläfen bis zu seinem Kinn hinunter zieht, verliert sich irgendwo unterhalb der kleinen, hellen Leberflecke auf seiner Wange, die zu einem Dreieck angeordnet sind. Ich kenne diese Leberflecke und den Anblick von Hannes einfach so gut. Ich könnte ihn aus dem Gedächtnis heraus zeichnen. Ich wünschte, er würde sein Gesicht zu mir umdrehen und nochmal auf mich zugehen, indem er seine Hand auf meine legt, aber er tut es nicht. Und vielleicht ist das auch gut so.

Mit geröteten Wangen starre ich auf den Minzstrauch, der aus meinem halbleeren Getränk herausschaut. Nein, ich glaube, ich will nicht, dass Hannes mich jetzt berührt. Ich brauche seine Zuneigung nicht, und auch nicht seine Erlaubnis, mir einen Cocktail zu bestellen.

Um das allen am Tisch, und vor allem mir selbst zu bestätigen, hebe ich die Hand und greife mir den Kellner, der erschrocken abbremst. „Kann ich noch einen Mojito haben?“, rufe ich ihm über den Lärm der redenden Leute und der Musik hinweg zu.

„Klaro“, sagt er keuchend, wartet, bis er meinem krampfhaften Griff entgehen kann und wetzt davon.

Zufrieden und angriffslustig starre ich in die Runde.

„20 Euro“, glaube ich Hannes murmeln zu hören. Er lehnt sich im Stuhl zurück. Vom Fenster abgewandt, schaut er wieder zu Robert und Anja rüber.

„Was?!“, fauche ich.

„Nichts!“, gibt Hannes gereizt zurück.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und schaue demonstrativ in die andere Richtung.

„Vielleicht bestell ich mir auch einen Cocktail!“, zieht Anja nervös lachend in Erwägung. „Was meinst du, Robert? Wir wollten doch auch anstoßen!“ Sie kichert in verzweifelter Bemühung, die angespannte Stimmung zwischen Hannes und mir aufzulockern.

„Klar, nur zu“, brummt Robert großzügig.

Na super. Anja und Robert sind zwar langweilig, aber irgendwie auch perfekt. Die beiden bekommen es hin, sich über diesen Cocktailkauf schnell und unkompliziert einig zu sein, während Hannes und ich uns schon wegen Kleinigkeiten in die Haare kriegen.

Mein Freund und ich lassen diesen Umstand unkommentiert. Ich weiß, dass er dasselbe darüber denkt, wie ich. Nach vier Jahren Beziehung kenne ich diesen Typen halt einfach wirklich, wirklich gut. Nichts von dem, was er mir an innovativen Sprüchen präsentiert, ist neu für mich. Im Zuge dessen wissen wir beide auch genau, welche Knöpfe wir beim anderen drücken müssen, damit er aus der Haut fährt.

Der Kellner bringt mir meinen zweiten überteuerten Mojito und ich nehme ihn an, ohne mich zu bedanken. Langsam will ich hier einfach nur weg. Anja und Robert sind so im Einklang miteinander, als Anja sich den selben Cocktail bestellt, wie ich ihn hatte, dass mir richtig übel wird von dieser Harmonie.

Ich schlürfe den ersten Cocktail aus und schnappe mir den nächsten. Mürrisch erwarte ich die frohe Kunde, weshalb Robert und Anja jetzt anstoßen wollen, und als der Kellner hüstelnd mit dem nächsten Cocktail um die Ecke kommt, lüften Anja und Robert endlich ihr großes Geheimnis.

„Wir werden heiraten!“, quiekt Anja aufgeregt und präsentiert uns den dicken Klunker an ihrem Finger. Robert legt seine wuchtige Hand neben ihre. Die Ringe haben bestimmt ein Vermögen gekostet. Aber klar. Robert und Anja stehen mitten im Leben und verdienen beide gut. Sie haben irgendwie alles im Griff. War ja zu erwarten, dass jetzt die Hochzeit folgt.

„Mensch, toll!“, piepse ich verzweifelt und hoffe, mich wenigstens so anzuhören, als würde ich mich für sie freuen.

„Glückwunsch“, keucht Hannes. Ich suche seinen Blick. Aber irgendwie ist er im Laufe des Abends weiter und weiter von mir abgerückt.

„Wann ist die Hochzeit?“ Ich gebe mir furchtbar Mühe, mich interessiert anzuhören.

„Hoffentlich im April schon!“, ruft Anja aufgeregt. „Wir planen das alles ja schon länger... Aber Robert hat mich auf unserem Kurztrip in Paris auf dem Eiffelturm endlich offiziell gefragt und...“

Ich ermahne mich, keine Würgelaute von mir zu geben, und ziehe krampfhaft an meinem Strohhalm.

„Ach“, sagt Hannes hölzern. „Wie romantisch.“ Noch immer schaut er nicht zu mir rüber. Wir beide fühlen uns gleichermaßen unwohl. Das merke ich trotz unserer körperlichen und emotionalen Distanz zueinander.

„Ja, und... ihr... äh...?“, stottert Anja und unterbricht ihre Erwägung, uns nach einer möglichen geplanten Hochzeit zu fragen. Wir haben ihr den Abend über bewiesen, dass in unserm Leben alles mögliche ein Thema ist – aber eben keine Ehe.

Irgendwie ist das traurig, denke ich, während Hannes und ich schweigen. Er sieht wieder nach draußen und obwohl er neben mir sitzt, wirkt es auf mich, als sei er gerade gar nicht richtig da. Seine Hände, die vorhin noch nach meiner getastet haben, sind um das Bierglas vor ihm gefaltet. Ich könnte versuchen, seine Hand zu nehmen und damit auf ihn zugehen. Aber dafür bin ich auch irgendwie zu stolz und zu sauer.

„Naja!“, sage ich. „Ich freu mich auf eure Hochzeit! Vor allem auf die Party!“ Tu ich zwar nicht, aber mich dort abzuschießen, ist gerade mein einziger Lichtblick.

„Ja, Juli, und ich mich erst!“, kichert Anja, während Robert gütig nickt. „Ich war schon in einem Brautladen! Ich habe mich beraten lassen, ich glaube, am besten steht mir eine A-Linie. Ich hätte so gerne ein Kleid mit Herzausschnitt und Strasssteinchen, und...“ Sie redet weiter, aber ich höre ihr nicht mehr richtig zu. Mein zweiter Cocktail ist langsam leer und ich stochere gedankenverloren zwischen den Eiswürfeln herum. Eigentlich wollte ich auch immer mit 25 heiraten. Ich war davon ausgegangen, dass das mit Hannes klappen würde und dass wir uns trotz unserer Krisen irgendwie zusammenraufen könnten. Aber unter dem Alkoholeinfluss habe ich gerade das Gefühl, als sehe ich klarer als sonst, und als ist mein Leben mit ihm einfach lange schon zum Scheitern verurteilt.

Ich schaue zu ihm rüber und er sieht noch immer teilnahmslos nach draußen. Vielleicht sollten wir uns das einfach eingestehen, dass das nichts mehr wird mit uns, denke ich verbittert. Ungewöhnlicherweise versetzt mir dieser Gedanke keinen Stich, wie er es sonst getan hat. Das ist seltsam, aber auch irgendwie beruhigend.

Anja fängt gerade an, von dem geplanten Blumenschmuck zu berichten, da stürze ich Hals über Kopf aufs Klo. Die ganzen Drinks machen sich bemerkbar und wollen raus. Auf dem Damenklo der Bar merke ich, dass alles sich um mich herum dreht. Mir ist übel. Ich bin langsam echt betrunken. Für einen kurzen Augenblick denke ich an Hannes und ich habe das Bedürfnis, zu weinen. Ich fange mich aber wieder und laufe zurück in die Bar.

Im Vorbeigehen mustere ich wieder den niedlichen Kellner und bestelle mir bei dieser Möglichkeit noch einen Cocktail. Dieses mal soll es ein Caipirinha sein. Ich sehe, dass Hannes mich beobachtet, und dass es ihn abnervt, dass ich mir gerade so viel gönne, nachdem er monatelang für mich eingekauft hat. Aber es ist mir gerade egal. Soll es ihn doch nerven. Oder vielleicht will ich sogar, dass es ihn nervt.

Als ich wieder am Tisch ankomme, dominiert ein neues Thema die Runde.

„Ach, das ist doch nur Panikmache mit diesem Corona“, sagt Anja kichernd. „Die Chinesen sollen das mal unter sich ausmachen und ihre Grenzen dicht machen. Es ist auch nur eine Grippe, sagt man. Keine Sorge. In Deutschland ist das noch nicht.“

„Naja, ich hab gehört, es ist ziemlich ansteckend“, sagt Hannes. Stirnrunzelnd beobachtet er, wie ich meinen dritten Cocktail entgegen nehme. „Und es gibt halt noch keine Medizin dagegen und keine Impfung. Darum könnte es gefährlich sein.“

„Also, ich bin vorbereitet“, sagt Robert entschlossen und reibt sich sein bärtiges Kinn.

Anja kichert. Sie kichert noch mehr, seit sie von ihrem Cocktail gekostet hat. „Er ist ja eh so ein Prepper“, sagt sie zu mir und deutet auf ihren Verlobten. „Der Keller ist voller Konserven.“

„Wasserkanister hab ich auch. Und Tiefkühlware“, sagt Robert entschlossen.

„Naja, wenn das System einbricht, und der Strom ausfällt, bringt dir der Eisschrank auch nichts mehr“, sagt Hannes. Kurz fange ich seinen Blick auf und wir grinsen einander an. Dann schauen wir wieder weg.

„Notstromaggregat!“, ruft Robert und verschränkt überlegen die Arme vor der Brust. „Ich bin sogar auf eine Zombieapokalypse vorbereitet!“

„Mein Gott“, keuche ich ungläubig und atme tief durch. Mein Leben ist turbulent genug. Ich brauche halbbesoffen jetzt nicht noch solche Schilderungen. Ich für meinen Teil halte das Thema Corona bis jetzt für absolut irrelevant. China ist weit weg, und ich sitze gerade unzufrieden mit meinem Leben und mit Trennungsfantasien in Berlin. Nichts an einer Grippewelle in China tangiert mich.

Der niedliche Kellner läuft hustend an uns vorbei. Im Gehen vergräbt er den Mund in seiner Armbeuge.

„Der hat bestimmt Corona“, scherzt Robert. Anja johlt los, und Hannes und ich grinsen.

Robert philosophiert anschließend über allerhand Zombieapokalypsen und Weltuntergangsszenarien und Hannes und ich hören ihm einfach nur schweigend zu. Abwesend trinke ich meinen Cocktail. Als reicht es nicht, dass Hannes mich nervt ohne Ende – jetzt fängt Robert noch mit Verschwörungstheorien rund um dieses komische Corona an. Ich denke an die Heldengang meines Fantasyromans und will einfach wieder eintauchen, in diese bunte, abenteuerlustige Welt, und mir nicht in einer Bar mit klebrigen Tischen und überarbeiteten, kranken Kellnern so einen Rotz anhören.

Meine Laune wird nicht besser, während ich Robert zuhöre und Anja beobachte. Sie nimmt Roberts Bullshit nicht für voll, geht aber trotzdem respektvoll und nachsichtig mit ihm um. Ihre Harmonie kotzt mich immer mehr an, je betrunkener ich werde. Und dass Hannes auf sämtliche meiner Einwände mürrisch und einsilbig reagiert, macht es auch nicht besser.

Als Hannes nach einer Weile vorschlägt, den Rückzug anzutreten, bin ich mehr als erleichtert. Es ist erst halb eins, und normalerweise treibe ich mich länger rum. Gerade heute bin ich aber einfach nur schlecht drauf, furchtbar betrunken und sauer auf Hannes. Wie ich uns kenne, werden wir uns noch auf dem Heimweg streiten, uns zuhause richtig fetzen und den ganzen Sonntag über nicht miteinander reden, bis irgendwann einer nachgibt und wir halbwegs okayen Versöhnungssex haben. Es ist immer dasselbe, darüber hinaus auch noch anstrengend. Wir kommen kaum raus aus dieser Spirale unserer Ärgernisse. Als könnten wir nicht aus unserer Haut und wissen nicht anders miteinander umzugehen, also so.

Bereits ehe der Kellner kommt, prahle ich, meine teure Rechnung dieses mal selbst zu zahlen. Mein Rausch kostet dank der Cocktails und dem Bier stolze 33,50 Euro. Obwohl ich sitze, dreht sich alles, auch das Portemonnaie in meiner Hand. Ich versuche, mich trotzdem sicher zu geben, und knalle mit erhobenem Kinn die Scheine auf den pappigen Bartisch. „Stimmt so!“, rufe ich gönnerhaft. Von dem Restgeld soll sich der arme, kranke Kellner ein paar Ibuprofen kaufen.

„Ähm, Juli, da fehlt was“, kichert Anja und friemelt die Scheine auseinander, die ich in die Pfütze aus Kondenswasser und Mojito geklatscht habe.

„Wie, was?“, frage ich verpeilt und folge ihrem Zeigefinger. Auf dem Tisch liegen zwei Zehner und ein Fünfer.

„Da fehlen noch acht Euro und fünfzig Cent“, zischt Anja giggelnd.

Verpeilt schaue ich in mein leeres Portemonnaie, dann zu Anja und schließlich dem Kellner ins Gesicht. Ich habe kein Geld mehr. Verdammt. Mein Kopf dreht sich unweigerlich zu Hannes, der mir aus leeren Augen ins Gesicht starrt. Seine gewellten Haare kleben an der einen Seite seiner Stirn. Seine Wangen sind gerötet. Es ist mittlerweile heiß geworden in der Bar, und er hat den weinroten Zip-Hoodie die ganze Zeit über nicht ausgezogen.

Wir warten ab, während wir einander anstarren. Dann murmele ich zögerlich: „...Kannst du...?“

„Du wolltest diese ganzen teuren Scheißcocktails“, gibt Hannes ruhig zurück. „Du bezahlst sie heute selbst.“

„Aber du siehst doch, dass ich kein Geld mehr habe!“, fahre ich ihn quengelig an. Meine Ohren klingeln und ich merke, dass ich wirklich, wirklich betrunken bin. „Kannst du nicht einmal für mich einspringen?!“

„Einmal?“, erwidert Hannes. Er schüttelt den Kopf. „Ich springe immer wieder für dich ein. Und weißt du was, Juli? Ich mach das gerne. Aber wenn du dauernd so zu mir bist, wie heute, hab ich darauf einfach keine Lust mehr.“ Wütend schaut er mich an.

Und genauso wutschnaubend erwidere ich seinen Blick. Ich hasse ihn dafür, dass er jetzt und hier daraus ein Ding machen muss. Der Kellner schnieft und wartet ungeduldig auf sein Geld. Und Anja und Robert ist das alles mehr als peinlich. Obwohl wir schon lange mit den beiden befreundet sind, kann ich verstehen, wenn sie sich nach diesem Abend nie mehr bei uns melden werden.

„Wir könnten das auch in Ruhe klären“, schnaube ich leise und schaue ihn drohend an. „Nicht hier.“

„Du hast das alles hier zuerst zu einer Szene gemacht“, erwidert Hannes wütend. „Nicht ich.“

„Ich zahl dir alles zurück, wenn du das willst“, erwidere ich. „Deine ganzen Scheiß ekligen Tiefkühlpizzen. Dann brauchst dir darauf nichts mehr einbilden.“

„Als ginge es um die Tiefkühlpizzen“, erwidert Hannes. Er nimmt einen Zehner aus seinem Portemonnaie und legt sie seufzend auf den nassen Stapel Scheine.

Der Kellner ist froh, dass er endlich abkassieren kann. Die Halbstarken am Nebentisch rufen ihn schon wieder zu sich und er eilt hustend davon.

Wir alle vier ziehen schweigend unsere Jacken an. Ich bebe vor Zorn. Ich hasse es, dass Hannes mich so bloßgestellt hat. Er hatte doch das Geld dabei. Stattdessen hat er vor allen nochmal betont, dass ich ohne ihn nicht klarkomme.

Vor der Bar halten wir vier inne. Wir müssen alle zur selben S-Bahnstation, aber ich glaube, dass Robert und Anja eine Möglichkeit suchen, um ohne uns abzuhauen, ohne unhöflich zu wirken. Ich kann die beiden verstehen. Denn Hannes und ich stehen wütend und passiv-aggressiv nebeneinander und bilden damit eine zornige Einheit voller Abneigung und Hass füreinander.

„Na dann...“, sagt Anja übertrieben freundlich und breitet die Arme aus. „Kommt gut nach Hause! Wir... spazieren wohl einfach, denke ich.“ Sie tritt unbeholfen auf uns zu und drückt erst mich, und dann Hannes eng an sich. Robert tut es ihr nach.

„Ja, bis dann“, grummele ich resigniert. Ich starre unsicher vor mich hin. Gackernde Nachtschwärmer passieren uns und stehen im direkten Kontrast zu Hannes und mir, wie wir griesgrämig und verärgert auf die Straßen voller guter Laune schauen.

„Tut mir Leid“, murmelt Hannes Anja zu. „Sie ist dauernd so Scheiße drauf derzeit.“ Er zieht seinen Schal fester um sich. Es ist der, den ich ihm zu Weihnachten gestrickt hatte.

Dass Hannes über mich redet, als sei ich nicht da, macht mich rasend. „Ach ja?“, rufe ich wütend und balle die Fäuste.

Hannes dreht sich zu mir um. Seine gewellten Haare leuchten unter der Straßenlaterne und kurz wirkt er so ästhetisch und hübsch, dass ich vergesse, was ich gerade sagen wollte. Ich komme aber ganz schnell wieder zu mir und fauche lallend: „Du bist in letzter Zeit auch nicht gerade ein Gentleman. Mach echt nicht so ein Drama draus. Du kriegst das ganze Geld der letzten Monate zurück. Auch das von dem Cocktail jetzt.“

Hannes runzelt die Stirn. „Wo willst du die Kohle denn herkriegen, huh?“, erwidert er. „Du kannst nicht mal deinen Lebensunterhalt bestreiten. Und jetzt willst du mir plötzlich zusätzlich dazu was zurückzahlen?“

Verdammt. Er hat Recht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich das schaffen soll. Trotzdem finde ich es gemein, wie er meine Eigenständigkeit direkt abtut, und so sage ich: „Ja, und das werde ich dir beweisen!“

Überrascht beobachten Anja und Robert, zu was für einem Häuflein Elend ich zusammengeschmolzen bin. Hektisch sehen sie sich nach Fluchtmöglichkeiten um und versuchen, die Konversation zwischen Hannes und mir zu unterbrechen, um sich zu verabschieden, aber Hannes schießt zurück: „Nur zu, das will ich sehen! Komm erst mal mit dir selbst klar, und kümmere dich dann um das Geld!“

„Ja, und das werde ich auch!“, rufe ich wütend. „Und weißt du was? Das klappt bestimmt besser, ohne dich.“

„Ach ja?“, erwidert Hannes. Ein diabolisches Lächeln umspielt seine Mundwinkel. „Ich glaube, wir sind uns das erste mal heute einig.“

Robert und Anja beobachten tief entsetzt, was sich vor ihren Augen abspielt. Stumm öffnen sich ihre Münder. Sie scheinen gewillt, zu intervenieren, wissen wohl aber einfach nicht, wie. Hannes und ich haben uns allerdings auch so in Rage geredet, dass sie keine Chance haben, um dazwischenzugrätschen.

„Oh ja!“, rufe ich erfreut. „Wir lassen das einfach mit uns! Du kannst dir deine Blowjobs jetzt von einer andern abholen, wie wäre es damit?“

„Und du kannst ab nächsten Monat die Miete ganz alleine bezahlen“, erwidert Hannes wütend. „Keine Ahnung, wie du das machen willst, aber ist ja dann dein Problem. Ich ziehe nämlich aus!“

„Endlich mal eine gute Nachricht!“, brülle ich ihn an. „Gut, damit ist es beschlossene Sache! Jeder macht ab jetzt sein Ding!“

Hannes nickt wütend. „Jap.“ Er dreht sich zu Robert und Anja um, denen alles aus dem Gesicht fällt. „Für's Protokoll: Wir trennen uns.“

Anjas entsetzter Blick trifft meinen.

Ich nicke ebenso heftig, wie Hannes. „Jap. Endlich. Mit dir ist mein Leben sowieso in einer einzigen Sackgasse. Du blödes Arschloch!“

Kurz schweigen wir alle vier. Dann heule ich los.



Als Hannes und ich endlich aus der Tram steigen und nebeneinander zurück nach hause marschieren, haben wir seit mehreren Stationen nicht mehr geredet. Es ist kühl und unser Atem steigt in hellen Wolken dem schwarzen Himmel entgegen. Schweigend gehen wir nebeneinander her. Der Weg zurück zu unserer Wohnung führt durch einen kleinen Park, in dem es stockfinster ist. Aber wir wohnen hier schon so lange zusammen, dass wir uns auch im Dunkeln wunderbar zurecht finden.

Ich bin verheult und habe Schluckauf. Mein Ärger hat sich gelegt. Jetzt bin ich einfach nur traurig.

Vor der Haustür sucht Hannes seinen Schlüssel. Er ist immer derjenige, der aufschließt, wenn wir zurück kommen. Das ist unsere Art der Routine. Ich brauche viel länger, als er, um in meiner Tasche nach dem Schlüssel zu kramen, und er hat ihn immer griffbereit in seiner Hosentasche.

Als Hannes mir die Tür aufhält, sieht er an meinem Gesicht, dass ich stumm weine. Er seufzt, lässt die Tür wieder zufallen, kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm.

Kurz sagen wir beide nichts. Wir müssen es auch nicht. In dieser Eskalation haben wir alles verloren, was wir hatten. Aber irgendwie ist uns eben auch klar, dass alles bereits vorher verloren war. Vielleicht haben wir unsere Liebe viel zu lange am Leben gehalten und voreinander geleugnet, dass sie schon längst erloschen ist und dass es für uns einfach nichts mehr zu retten gibt.

„Soll ich ab morgen bei Marco schlafen?“, fragt Hannes irgendwann. „Bis ich eine neue Wohnung habe?“

„Musst du nicht“, schniefe ich und löse mich von ihm. „Du kannst auch erst mal auf dem Sofa pennen. Oder ich.“

“Ich nehme dann das Sofa“, nuschelt Hannes, als er erneut die zugefallene Tür aufschließt. „Wird bestimmt komisch.“

„Was meinst du?“, frage ich und starre seinen Rücken an.

„Alles“, sagt er. Er hält mir die Tür auf und ich laufe an ihm vorbei ins Treppenhaus, ohne ihn zu berühren.



Endlich single. Bei der nächstbesten Möglichkeit sollte ich das feiern. Aber vorerst sinke ich an diesem Abend weinend und frierend ins Bett, während Hannes auf dem Balkon steht, hinaus blickt und raucht.

Hätte sich an diesem Abend auch nur eine Person in dieser Stadt ausmalen können, dass sich die Welt bald schon rapide ändern wird? Dass nichts mehr so sein wird, wie es war, weil eine globale Pandemie um sich greift? Hätten wir uns in unseren wildesten Träumen ausmalen können, dass Hannes und ich bald schon im Sinne des Social Distancing in dieser Wohnung zusammen festsitzen werden, weil es mehrere Wochen lang nahezu unmöglich sein wird, eine neue Wohnung zu finden? Nein. Ich hätte mit sowas nie gerechnet, und Hannes, der in dieser Nacht gedankenverloren auf unserem Balkon an seiner Zigarette zieht, wohl auch nicht.



Hannes kommt erst zurück rein, als ich schon eingeschlafen bin. Er bezieht das Sofa so leise, dass ich erst in den frühen Morgenstunden bemerke, dass er gar nicht neben mir liegt.
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