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Lockdown, Liebe, Lagerkoller

GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / Het
13.09.2020
12.04.2021
32
87.267
28
Alle Kapitel
82 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
13.09.2020 4.807
 
Hallo!

Halbeinsamkeit ist beendet und darum begrüße ich euch hier herzlich zu meinem aktuellen Hauptprojekt. Diese Geschichte soll auf jeden Fall einen geringeren Umfang erreichen als meine vergangenen Romanzen. Ich rechne mit etwa 40 Kapiteln.

Wir alle haben den Beginn der Corona-Pandemie unterschiedlich erlebt und verarbeitet. Hier erzählen Juli und Hannes, wie sie den Lockdown als Frischgetrennte in derselben Wohnung miteinander aushalten mussten.

Die Geschichte ist wegen Smut mit P18 gekennzeichnet.

Triggerwarnings wären: Corona (obviously), Alkohol, Tod und explizit ausgeschriebener Sex (mit Konsens).

Liebe Grüße
mellow :]

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1. Prolog: Als die Welt noch in Ordnung war


Ende Februar 2020.

Angewidert starre ich auf das wuchtige, volle Bierglas, das vor mir auf dem Holztisch steht. Das Pils darin ist schal. Es war schon abgestanden, als es mir vor einer halben Stunde serviert wurde. Ich habe keine Ahnung, wieso die es in dieser Bar nicht hinkriegen, ein anständiges Bier aus dem Zapfhahn zu ziehen. Diese Plörre ist jedenfalls ungenießbar.

Seufzend lehne ich mich im Stuhl zurück und wende den Blick von der Runde ab. Eigentlich mag ich meine Gesellschaft. Aber heute ertrage ich die unbeschwerte Stimmung meiner Freunde nur mit einer gewaltigen Portion Selbstbeherrschung.

Die Bar ist proppenvoll. Unsere Vierergruppe kann sich glücklich schätzen, einen Tisch ergattert zu haben. Der Kellner hat alle Hände voll zu tun. Konzentriert lugt seine Zungenspitze zwischen seinen Lippen hervor. Er wirbelt hektisch durch die Gänge und stolpert beinahe über ein Stuhlbein. Strauchelnd fängt er sich wieder und balanciert schwitzend sein Tablett voller Cocktails an uns vorbei.

Ich mustere seinen Hintern und denke: ‘Wenigstens gibt’s hier was zu sehen. Der Typ hat einen echt süßen Arsch.’

Kurzentschlossen ziehe ich Anja, die mir gegenüber sitzt, die Getränkekarte aus der Hand. „Ich will jetzt auch einen Cocktail!“, unterbreche ich die Erzählungen ihres Freundes Robert und schlage entschieden die Karte auf. Sie ist laminiert und quietscht, als ich sie aufbiege.

„Oh... einen Cocktail?“, sagt Anja und lacht vorsichtig. Verunsichert sucht sie Roberts Blick, der verdutzt ist, weil ich ihn auf einmal unterbrochen habe.

„Ja, ich dachte an so einen“, murmele ich. Mit dem Kopf deute ich zum Nebentisch, wo ein paar Halbstarke johlend bunt garnierte Gläser vom niedlichen Kellner mit dem ansprechenden Hintern annehmen.

Eine Hand legt sich auf meine. „Die sind hier recht teuer“, sagt die vertraute Stimme von Hannes neben mir. „Willst du nicht lieber beim Bier bleiben? Ich meine...“

Verärgert knalle ich die Karte auf den Tisch. Er weiß, dass ich heute total genervt von ihm bin. Da wagt er es dennoch, mir bei meiner Getränkewahl reinzureden? „Bier?!“, rufe ich angriffslustig über den Lärm der lauten Musik hinweg. „Das Zeug hier enthält kaum Kohlensäure und ist einfach nur widerlich. Ich will einen Cocktail und darum bestelle ich mir jetzt einen Cocktail. Ende.“

„Ein Zehneurogetränk. Nur zu“, gibt Hannes verärgert zurück. Er wendet sich ab und pustet sich genervt eine dunkelblonde Locke aus der Stirn.

„Was spricht dagegen?“, fauche ich und starre ihn herausfordernd an.

Hannes übergeht meine Frage erst mal und nimmt einen Schluck von seinem eigenen Bier. Als ich ihn weiterhin abwartend anstarre, dreht er sich wieder zu mir um und antwortet: „Naja, dagegen spricht zum Beispiel, dass ich sämtliche Wocheneinkäufe des Jahres bezahlen musste, weil du einfach immer pleite bist?!“

Oha. Das war deutlich. Peinlich berührt schauen wir beide weg. Anja und Robert, die uns gegenüber sitzen, starren uns aus runden Augen an.

„Na und? Du verdienst viel mehr als ich“, gebe ich unter zusammengebissenen Zähnen zurück. Aber es stimmt. Im Grunde bin ich pleite. Würde Hannes nicht für mich einspringen, wüsste ich derzeit nicht so genau, wie ich mir Essen leisten könnte. An und für sich wollte ich mich dieses Jahr darauf konzentrieren, meine Schulden vom Studium abzustottern. Von meinem mageren Halbtagsgehalt bleibt aber nach Abzug der Miete kaum was übrig.

Hannes sagt nichts mehr. Seine Hand hat er schon längst wieder weggenommen. Seine Finger fahren über das Kondenswasser des Bierglases, das auf dem Bartisch zwischen seinen Händen steht. Er malt einen Smiley auf das Glas. Das erkenne ich genau. Ich finde es auf irgendeine Art drollig, aber Hannes' verspielte Seite überzeugt mich heute so gar nicht. Schon länger nicht mehr, um ehrlich zu sein.

Eine peinliche Stille ist eingetreten. Robert kratzt sich an seinem buschigen, braunen Bart. Anja fummelt wie wild an ihrer Handtasche herum. Beide haben sich den Abend wohl etwas anders vorgestellt, als wir uns verabredet hatten. Grundsätzlich war der Plan, mal wieder wie in alten Zeiten einen draufzumachen.

Die Elektromucke aus den Lautsprechern in der Bar mit den lila und blauen LED-Streifen ist viel zu laut. Die Musik dröhnt in meinen Ohren. Der süße Kellner saust an uns vorbei. Damit erzeugt er einen Windzug, der meine erhitzte Haut kühlt.

Ich glaube, ich wäre jetzt lieber zuhause und würde mich mit meinem Laptop im Bett verkriechen. Romane schreibe ich, total actiongeladenes Zeug. Die Protagonisten sind drauf und dran, sich auf eine gefährliche Mission zu begeben, um einen Drachen zu besiegen. Das mag sich nach einem Hobbit-Abklatsch anhören. Aber es macht mir Spaß. Ich liebe, wie die Figuren über sich hinauswachsen, wenn sie kämpfen. Statt an der Tastatur sitze ich hier mit meinem nervigen Partner und meinen viel zu perfekten Freunden in einer lauten Bar in Berlin-Kreuzberg. Der einzige Lichtblick des Abends ist ein gestresster Kellner, der darüber hinaus immer wieder heftig hustet und in seiner Hektik den Anschein macht, als könne er jeden Moment kollabieren.

Robert verwickelt Hannes wieder zaghaft in ein Gespräch über Maschinenbau und Flugzeuge. Das ist so das ziemlich Langweiligste, das ich mir vorstellen kann.

Anja lächelt mich zuversichtlich über den Tisch hinweg an. Noch ist die Stimmung nicht vollständig gekippt, noch könnte der Abend schön werden, denkt sie wohl. Aber ich meide ihren Blick und widme mich dem Kellner mit dem hübschen Hintern. „Hey, bringst du mir einen Mojito?“, rufe ich ihm zu, als er wieder an mir vorbei wirbelt.

Er hält inne und lächelt nickend. Gestresst fährt er sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn. Der Arme. Ich wäre auch angepisst, wenn ich auf meinem Samstagabend erkältet durch eine Bar wetzen müsste.

„Also doch, ja?“, brummt Hannes giftig. „Ein Cocktail für zehn Euro“, betont er erneut. „Schön. Du hast dein anderes Getränk ja nicht mal angerührt.“

„Ach, leck mich doch!“, rufe ich wütend. Ich deute auf das fast leere Glas in seiner Hand. „Du hattest dafür drei Biere für je 3,50 Euro. Du kommst also ebenso auf einen Zehner!“

Mürrisch hebt er den Blick. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Ja, und ich gehe auch arbeiten für das Geld.“

„Willst du jetzt wirklich eine Diskussion vom Zaun brechen, weil du die letzten paar Tiefkühlpizzen bezahlt hast?!“, frage ich fassungslos. „Wow! Vielen Dank, dass du mich nicht hast verhungern lassen, du Arschloch!“ Ich nehme das Glas mit dem schalen Bier, das noch immer vor mir steht, und trinke mit einem Zug die Hälfte aus. „So, bitte! Ich sauf das olle Zeug. Zufrieden?“

Robert und Anja sehen immer verstörter aus. Sie fragen sich wohl, worauf sie sich da eingelassen haben, als sie sich mit Hannes und mir verabredet haben.

„Das geht zuhause auch immer so“, informiert Hannes Robert resigniert über meinen Kopf hinweg. „Die macht mich da dauernd so rund. Ich frage mich immer wieder, warum ich überhaupt noch mit ihr zusammen bin.“

Fassungslos trinke ich das Bier leer. „Ach ja? Dann trenn dich doch.“

Hannes brummt etwas.

Robert und Anja sehen zunehmend verzweifelt.

Ich bekomme Kopfschmerzen. Immer sehnsüchtiger warte ich auf meinen Cocktail.

Der schnuckelige Kellner eilt zu unserem Tisch zurück, um den Mojito vor mir abzustellen. Er lächelt wieder und haut dann hustend ab.

Unter dem peinlichen Schweigen aller am Tisch Sitzenden ziehe ich das liebevoll dekorierte Getränk mit dem rosaroten Dekoschirm an mich. Wütend nuckele ich am Strohhalm.

Alle warten ab. Dann sagt Anja gequält freundlich: „Und, Juli? Lohnen sich die zehn Euro?“

„Ja!“, schnarre ich mechanisch. Um ehrlich zu sein, schmeckt der Drink nicht annähernd so lecker, wie ich es mir erhofft hatte. Aber das werde ich jetzt vor Hannes garantiert nicht zugeben. Zumindest haben sie beim Rum nicht gespart.

„Na, wenigstens das“, ächzt Hannes. Er vergräbt die Hände in den Taschen seiner Reißverschlussjacke und sieht durch die weite Fensterfront hinaus in die Dunkelheit.

Viele Menschen tummeln sich auf den Straßen Berlins und genießen die Freiheiten der Hauptstadt. Sie sind jung, alt, in Grüppchen, oder alleine unterwegs und werden von dem Wunsch vereint, heute Nacht richtig was zu erleben.

Das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich in Hannes’ Augen, die sehnsüchtig und nachdenklich hinter dicken Brillengläsern nach draußen starren. Sein Bart, der sich von seinen Schläfen bis zu seinem Kinn hinunter zieht, verliert sich unterhalb der kleinen, hellen Leberflecke auf seiner Wange, die zu einem Dreieck angeordnet sind. Ich kenne diese Muttermale und den Anblick von Hannes in- und auswendig. Ich weiß genau, welchen Ausdruck seine Augen annehmen, wenn er begeistert auf das Gelächter seines Gegenübers wartet, nachdem er mal wieder einen blöden Witz gerissen hat. Ich wäre in der Lage, ihn aus dem Gedächtnis heraus zeichnen. Heute Abend gibt es für uns allerdings nicht so viel zu lachen.

Unruhig kühle ich meine Fingerkuppen am kalten Cocktialbecher. Ich wünschte, Hannes würde sein Gesicht zu mir umdrehen und nochmal auf mich zugehen, indem er seine Hand auf meine legt, aber er tut es nicht. Vielleicht ist das auch gut so.

Mit geröteten Wangen starre ich auf den Minzstrauch, der aus meinem halbleeren Getränk herausschaut. Nein. Ich glaube, ich will nicht, dass Hannes mich jetzt berührt. Ich brauche seine Zuneigung nicht, und auch nicht seine Erlaubnis, mir einen Cocktail zu bestellen.

Um das allen am Tisch zu bestätigen, hebe ich die Hand und greife mir den Kellner, der erschrocken abbremst. „Kann ich noch einen Mojito haben?“, rufe ich ihm über den Lärm der redenden Leute und der Musik hinweg zu.

„Klaro“, sagt er keuchend. Er wartet, bis er mein krampfhafter Griff ihn freigibt und eilt davon.

Zufrieden und angriffslustig starre ich in die Runde.

„20 Euro“, glaube ich Hannes grummeln zu hören. Er lehnt sich im Stuhl zurück. Vom Fenster abgewandt schaut er wieder zu Robert und Anja rüber.

„Was?!“, fauche ich.

„Nichts!“, gibt Hannes eingeschnappt zurück.

Ich verschränke die Arme vor der Brust und schaue demonstrativ in die andere Richtung.

„Vielleicht bestelle ich mir auch einen Cocktail!“, zieht Anja nervös lachend in Erwägung. „Was meinst du, Robert? Wir wollten doch auch anstoßen!“ Sie kichert in verzweifelter Bemühung, die angespannte Stimmung zwischen Hannes und mir aufzulockern.

„Klar, nur zu“, brummt Robert großzügig.

Na super. Anja und Robert sind zwar langweilig, aber perfekt. Die beiden bekommen es hin, sich über diesen Cocktailkauf schnell und unkompliziert einig zu sein. Hannes und ich dagegen kriegen uns schon wegen Kleinigkeiten in die Haare.

Mein Freund und ich lassen diesen Umstand unkommentiert. Ich weiß, dass er dasselbe über die zwei denkt, wie ich. Nach vier Jahren Beziehung kenne ich diesen Typen in- und auswendig. Keine seiner innovativen Sprüche ist neu für mich, wenngleich Freunde gern über sie lachen. Im Zuge dessen wissen wir beide aber auch genau, welche Knöpfe wir beim anderen drücken müssen, damit er aus der Haut fährt.

Der Kellner bringt mir meinen zweiten, überteuerten Mojito. Ich nehme ihn an, ohne mich zu bedanken. Langsam will ich hier einfach nur weg. Anja bestellt sich den gleichen Cocktail wie ich. Robert und sie sind während des Vorgangs so im Einklang miteinander, dass mir von dieser Harmonie richtig übel wird.

Ich schlürfe den ersten Mojito aus und schnappe mir den nächsten. Mürrisch erwarte ich die frohe Kunde, weshalb Robert und Anja unbedingt anstoßen wollen. Als der Kellner hüstelnd mit dem nächsten Cocktail um die Ecke kommt, lüften Anja und Robert endlich ihr großes Geheimnis.

„Wir werden heiraten!“, quiekt Anja aufgeregt und präsentiert uns den dicken Klunker an ihrem Finger. Robert legt seine wuchtige Hand neben ihre. Die Ringe sind genau aufeinander abgestimmt. Allem Anschein nach haben sie ein Vermögen gekostet. Aber das war klar. Robert und Anja stehen mitten im Leben und verdienen beide gut. Sie haben alles im Griff. War ja zu erwarten, dass jetzt die Hochzeit folgt.

„Mensch, toll!“, piepse ich verzweifelt. Ich hoffe, mich wenigstens so anzuhören, als würde ich mich für sie freuen.

„Glückwunsch“, keucht Hannes. Ich suche seinen Blick. Aber er ist im Laufe des Abends immer weiter von mir abgerückt.

„Wann ist die Hochzeit?“ Ich gebe mir furchtbar Mühe, erwartungsvoll rüberzukommen.

„Hoffentlich im April schon!“, ruft Anja aufgeregt. „Wir planen das alles ja schon länger... Aber Robert hat mich auf unserem Kurztrip in Paris auf dem Eiffelturm endlich offiziell gefragt und...“

Ich ermahne mich, keine Würgelaute von mir zu geben, und ziehe krampfhaft an meinem Strohhalm.

„Ach“, sagt Hannes hölzern. „Wie romantisch.“ Noch immer schaut er nicht zu mir rüber. Wir beide fühlen uns gleichermaßen unwohl. Das erkenne ich an dem Unterton in seiner Stimme und bemerke das trotz unserer körperlichen und emotionalen Distanz zueinander.

„Ja, und... ihr... äh...?“, stottert Anja. Glücklicherweise sieht sie davon ab, uns nach einer geplanten Hochzeit zu fragen. Wir haben ihr den Abend über bewiesen, dass in unserm Leben alles Mögliche ein Thema ist, aber keine Ehe.

Irgendwie ist das traurig, denke ich, während Hannes und ich schweigen.

Obwohl er neben mir sitzt, wirkt es auf mich, als sei er gar nicht richtig da. Das ist ungewöhnlich für seinen sonst so extrovertierten Charakter, dem zu alles ein blöder Spruch einfällt. Seine Hände, die vorhin noch nach meiner getastet haben, sind um das Bierglas vor ihm gefaltet. Ich könnte versuchen, seine Hand zu nehmen, und damit auf ihn zugehen. Aber dafür bin ich auch irgendwie zu hochmütig und zu sauer.

„Naja!“, sage ich. „Ich freu mich auf eure Hochzeit! Vor allem auf die Party!“ Tu ich zwar nicht, aber mich dort abzuschießen, ist im Moment mein einziger Lichtblick.

„Ja, Juli, und ich mich erst!“, kichert Anja, während Robert gütig nickt. „Ich war schon in einem Brautladen! Ich habe mich beraten lassen, ich glaube, am besten steht mir eine A-Linie. Ich hätte so gerne ein Kleid mit Herzausschnitt und Strasssteinchen, und...“ Sie redet weiter, aber ich höre ihr nicht mehr richtig zu. Mein zweiter Cocktail ist langsam leer. Gedankenverloren stochere ich zwischen den Eiswürfeln herum. Mein Plan war es ebenfalls, mit 25 zu heiraten. Ich war davon ausgegangen, dass das mit Hannes klappen würde und dass wir uns trotz Krisen zusammenraufen könnten. Aber unter Alkoholeinfluss habe ich das Gefühl, als sehe ich klarer. Der Abend macht mir deutlich, dass mein Leben mit ihm schon lange zum Scheitern verurteilt ist.

Ich schaue zu Hannes rüber. Er sieht teilnahmslos nach draußen. Unter Umständen sollten wir uns eingestehen, dass das nichts mehr wird mit uns, denke ich verbittert. Ungewöhnlicherweise versetzt mir dieser Gedanke keinen Stich, wie sonst. Das ist seltsam, aber beruhigend.

Als Anja damit anfängt, von dem geplanten Blumenschmuck zu berichten, stürze ich Hals über Kopf aufs Klo. Die ganzen Drinks machen sich bemerkbar. Von der Hochzeitsdeko will ich ohnehin nichts wissen. Auf dem Damen-WC der Bar merke ich, dass sich alles um mich herum dreht. Mir ist übel. Ich bin langsam echt betrunken. Für einen kurzen Augenblick denke ich an Hannes und wie resigniert er aus dem Fenster gestarrt hat. Ich habe das Bedürfnis, zu weinen. Glücklicherweise fange ich mich aber wieder und laufe zurück zu meinen Freunden.

Im Vorbeigehen mustere ich wieder den niedlichen Kellner und bestelle mir bei dieser Gelegenheit einen weiteren Cocktail. Dieses Mal soll es ein Caipirinha sein. Ich sehe, dass Hannes mich beobachtet. Es nervt ihn, dass ich mir so viel gönne, nachdem er monatelang sämtliche Einkäufe bezahlt hat. Aber das ist mir jetzt egal. Soll es ihn doch nerven. Oder vielleicht will ich sogar, dass es ihn stresst.

Als ich wieder am Tisch ankomme, dominiert ein neues Thema die Runde.

„Ach, das ist doch nur Panikmache mit diesem Corona“, sagt Anja kichernd. „Die Chinesen sollen das mal unter sich ausmachen und ihre Grenzen schließen. Es ist auch nur eine Grippe, sagt man. Keine Sorge. In Deutschland ist das noch nicht.“

„Naja, ich hab gehört, es ist ziemlich ansteckend“, sagt Hannes. Stirnrunzelnd beobachtet er, wie ich meinen dritten Cocktail entgegen nehme. „Und es gibt halt noch keine Medizin dagegen und keine Impfung. Darum könnte eine Ausbreitung gefährlich werden.“

„Also, ich bin vorbereitet“, sagt Robert entschlossen und reibt sich sein bärtiges Kinn.

Anja kichert. Sie giggelt noch mehr, seit sie von ihrem Cocktail gekostet hat. „Er ist so ein Prepper“, raunt sie mir zu und deutet auf ihren Verlobten. „Der Keller ist voller Konserven.“

„Wasserkanister hab ich auch. Und Tiefkühlware“, sagt Robert entschlossen.

„Naja, wenn das System einbricht, und der Strom ausfällt, bringt dir der Eisschrank auch nichts mehr“, sagt Hannes.

Ich fange seinen Blick auf. Kurz grinsen wir einander an. Dann schauen wir wieder weg.

„Notstromaggregat!“, ruft Robert. Überlegen verschränkt er die Arme vor der Brust. „Ich bin sogar auf eine Zombieapokalypse vorbereitet!“

„Mein Gott“, keuche ich ungläubig und atme tief durch. Mein Leben ist turbulent genug. Ich brauche halbbesoffen jetzt nicht noch solche Schilderungen. Ich für meinen Teil halte das Thema Corona für absolut irrelevant. China ist weit weg, und ich sitze momentan unzufrieden mit meinem Leben und mit Trennungsfantasien in Berlin. Nichts an einer Grippewelle auf der andern Seite der Welt tangiert mich.

Der niedliche Kellner läuft hustend an uns vorbei. Niesend vergräbt er den Mund in seiner Armbeuge.

„Der hat bestimmt Corona“, scherzt Robert. Anja johlt los. Hannes und ich grinsen.

Robert philosophiert schließlich über allerhand Zombieapokalypsen und Weltuntergangsszenarien. Hannes und ich hören ihm schweigend zu. Ab und an macht Hannes eine alberne Bemerkung, worauf Anja lacht. Abwesend trinke ich meinen Cocktail. Ernst nervte mich Hannes ohne Ende und jetzt fängt Robert auch noch mit Verschwörungstheorien rund um dieses komische Corona an. Ich denke an die Heldengang meines Fantasyromans. Am liebsten würde ich umgehend eintauchen in diese bunte, abenteuerlustige Welt. Stattdessen sitze ich in einer Bar mit klebrigen Tischen und überarbeiteten Kellnern und muss mir so einen Rotz anhören.

Meine Laune wird nicht besser, als ich Robert und Anja zuhöre. Sie nimmt Roberts Bullshit nicht für voll, geht aber trotzdem respektvoll und nachsichtig mit ihm um. Ihre Harmonie kotzt mich immer mehr an, je betrunkener ich werde. Dass Hannes auf sämtliche meiner Einwände mürrisch und einsilbig reagiert, während er gegenüber Anja und Robert offen und lustig ist, macht es nicht besser.

Als Hannes nach einer Weile vorschlägt, den Rückzug anzutreten, bin ich mehr als erleichtert. Es ist erst halb eins. Normalerweise treibe ich mich länger herum. Heute bin ich aber einfach nur schlecht drauf, furchtbar betrunken und sauer auf Hannes. Wie ich uns kenne, werden wir schon auf dem Heimweg streiten, uns zuhause richtig fetzen und den ganzen Sonntag über nicht miteinander reden. Früher oder später wird einer nachgeben und wir werden halbwegs okayen Versöhnungssex haben. Es ist immer dasselbe und darüber hinaus ist es anstrengend. Auseinandersetzungen dominieren oft das komplette Wochenende. Wir kommen kaum raus aus dieser Spirale von Ärgernissen. Als könnten wir nicht aus unserer Haut und wissen nicht anders miteinander umzugehen als so.

Ehe der Kellner kommt, prahle ich, meine teure Rechnung dieses Mal selbst zu zahlen. Mein Rausch kostet dank der Cocktails und dem Bier beachtliche 33,50 Euro. Obwohl ich sitze, dreht sich alles, auch das Portemonnaie in meiner Hand. Ich versuche, mich trotzdem sicher zu geben, und knalle mit erhobenem Kinn die Scheine auf den pappigen Bartisch. „Stimmt so!“, rufe ich gönnerhaft. Von dem Restgeld soll sich der arme, angeschlagene Kellner ein paar Ibuprofen kaufen.

„Ähm, Juli, da fehlt was“, kichert Anja. Sie friemelt die Scheine auseinander, die ich in die Pfütze aus Kondenswasser und verschüttetem Caipirinha geklatscht habe.

„Wie, was?“, frage ich. Verpeilt folge ihrem Zeigefinger. Auf dem Tisch liegen zwei Zehner und ein Fünfer.

„Da fehlen noch acht Euro und fünfzig Cent“, zischt Anja giggelnd.

Verpeilt schaue ich in mein leeres Portemonnaie, dann zu Anja und schließlich dem Kellner ins Gesicht. Ich habe kein Geld mehr. Verdammt. Mein Kopf dreht sich unweigerlich zu Hannes, der mir aus nichtssagenden Augen ins Gesicht starrt. Seine gewellten Haare kleben an der einen Seite seiner Stirn. Seine Wangen sind gerötet. Es ist mittlerweile heiß in der Bar. Trotzdem hat den weinroten Zip-Hoodie über seinem Hemd die ganze Zeit nicht ausgezogen.

Wir warten ab, während wir einander anstarren. Dann murmele ich zögerlich: „Kannst du...?“

„Du wolltest diese ganzen teuren Scheißcocktails“, gibt Hannes tonlos zurück. „Du bezahlst sie heute selbst.“

„Aber du siehst doch, dass ich kein Geld mehr habe!“, fahre ich ihn quengelig an. Meine Ohren klingeln. Ich merke, dass ich wirklich, wirklich betrunken bin. „Kannst du nicht einmal für mich einspringen?!“

„Einmal?“, erwidert Hannes. Er schüttelt den Kopf. „Ich springe immer wieder für dich ein. Und weißt du was, Juli? Ich mach das gerne. Aber wenn du dauernd so zu mir bist, wie heute, hab ich darauf einfach keine Lust mehr.“ Erbittert schaut er mich an.

Genauso wutschnaubend erwidere ich seinen Blick. Ich hasse ihn dafür, dass er jetzt und hier daraus ein Ding machen muss.

Der Kellner schnieft und wartet ungeduldig auf sein Geld.

Anja und Robert ist das alles furchtbar peinlich. Obwohl wir schon lange mit den beiden befreundet sind, würde ich es verstehen, wenn sie sich nach diesem Abend nie mehr bei uns melden werden.

„Wir könnten das auch in Ruhe klären“, schnaube ich leise und drohend. „Nicht hier.“

„Du hast das alles hier zuerst zu einer Szene gemacht“, erwidert Hannes wütend. „Nicht ich.“

„Ich zahl dir alles zurück, wenn du das willst!“, erwidere ich. „Deine ganzen Scheiß ekligen Tiefkühlpizzen. Dann brauchst dir darauf nichts mehr einbilden.“

„Als ginge es um die Tiefkühlpizzen“, erwidert Hannes. Er nimmt einen Zehner aus seinem Portemonnaie und legt sie seufzend auf den Stapel nasser Scheine.

Der Kellner ist froh, dass er endlich abkassieren kann. Die Halbstarken am Nebentisch rufen ihn schon wieder zu sich. Hustend eilt er davon.

Wir vier ziehen schweigend unsere Jacken an. Ich bebe vor Zorn. Ich hasse es, dass Hannes mich so bloßgestellt hat. Er hatte doch genug Geld dabei. Aber er hat vor allen betont, dass ich ohne ihn nicht klarkomme.

Vor der Bar halten wir vier inne. Wir müssen alle zur selben S-Bahnstation. Aber ich glaube, dass Robert und Anja eine Möglichkeit suchen, um alleine abzuhauen, ohne unhöflich zu wirken. Ich kann die beiden verstehen. Denn Hannes und ich stehen wütend und passiv-aggressiv nebeneinander und bilden damit eine zornige Einheit voller Abneigung und Hass für den andern.

„Na dann...“, sagt Anja übertrieben freundlich und breitet die Arme aus. „Kommt gut nach Hause! Wir... spazieren wohl einfach, denke ich.“ Sie tritt unbeholfen auf uns zu und drückt erst mich und dann Hannes eng an sich. Robert tut es ihr nach.

„Ja, bis dann“, grummele ich resigniert. Ich starre schwankend vor mich hin. Gackernde Nachtschwärmer passieren uns. Sie stehen im direkten Kontrast zu Hannes und mir, wie wir griesgrämig und verärgert auf die Straßen voller bester Laune schauen.

„Tut mir Leid“, murmelt Hannes Anja zu. „Sie ist dauernd so Scheiße drauf derzeit.“ Er zieht seinen Schal fester um sich. Es ist der, den ich ihm zu Weihnachten gestrickt habe. Wuscheliger Hannesschopf schaut am Rande der grobmaschigen Wolle hervor.

Dass mein Freund über mich redet, als sei ich da, macht mich rasend. „Ach ja?“, rufe ich wütend und balle die Fäuste.

Hannes dreht sich zu mir um. Seine gewellten Haare leuchten unter der Straßenlaterne. Kurz wirkt er so ästhetisch und hübsch, dass ich vergesse, was ich überhaupt sagen wollte. Ich komme aber schnell wieder zu mir und fauche lallend: „Du bist in letzter Zeit auch nicht gerade ein Gentleman. Mach echt nicht so ein Drama draus. Du kriegst das ganze Geld der letzten Monate zurück. Auch das von den Cocktails jetzt.“

Hannes runzelt die Stirn. „Wo willst du die Kohle denn herkriegen, huh?“, erwidert er. „Du kannst nicht mal deinen Lebensunterhalt bestreiten. Und jetzt willst du mir plötzlich zusätzlich dazu was zurückzahlen?“

Verdammt. Er hat Recht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich das schaffen soll. Trotzdem finde ich es gemein, wie er meine Eigenständigkeit direkt abtut. Also erwidere ich: „Ja, und das werde ich dir beweisen!“

Überrascht beobachten Anja und Robert, zu was für einem Häuflein Elend ich zusammengeschmolzen bin. Hektisch sehen sie sich nach Fluchtmöglichkeiten um und versuchen, die Konversation zwischen Hannes und mir zu unterbrechen und sich zu verabschieden. Aber Hannes schießt zurück: „Nur zu, das will ich sehen! Komm erst mal mit dir selbst klar, und kümmere dich dann um das Geld!“

„Ja, und das werde ich auch!“, rufe ich wütend. „Und weißt du was? Das klappt bestimmt besser ohne dich.“

„Ach ja?“, erwidert Hannes. Ein diabolisches Lächeln umspielt seine Mundwinkel. „Ich glaube, wir sind uns das erste mal heute einig.“

Robert und Anja beobachten tief entsetzt, was sich vor ihren Augen abspielt. Stumm öffnen sich ihre Münder. Sie scheinen gewillt, zu intervenieren, wissen wohl aber einfach nicht, wie. Hannes und ich haben uns so in Rage geredet, dass sie keine Chance haben, dazwischen zu grätschen.

„Oh ja!“, rufe ich erfreut. „Wir lassen das einfach mit uns! Du kannst dir deine Blowjobs in Zukunft von einer andern abholen, wie wäre es damit?“

„Und du kannst ab nächsten Monat die Miete ganz alleine bezahlen“, erwidert Hannes wütend. „Keine Ahnung, wie du das machen willst, aber ist ja dann dein Problem. Ich ziehe nämlich aus!“

„Endlich mal eine gute Nachricht!“, jubele ich. „Gut, damit ist es beschlossene Sache! Jeder macht ab jetzt sein Ding!“

Hannes nickt wütend. „Jap.“ Er dreht sich zu Robert und Anja um, denen alles aus dem Gesicht fällt. „Für's Protokoll: Wir trennen uns.“

Anjas entsetzter Blick trifft meinen.

Ich nicke ebenso heftig wie Hannes. „Genau. Endlich. Mit dir läuft mein Leben sowieso in eine Sackgasse. Du blödes Arschloch!“

Kurz schweigen wir alle vier. Dann heule ich los.



Als Hannes und ich endlich aus der Tram steigen und zurück nach Hause marschieren, haben wir seit einigen Stationen nicht mehr geredet. Es ist kühl. Unser Atem steigt in hellen Wolken dem schwarzen Himmel entgegen. Schweigend gehen wir nebeneinander her. Der Weg zurück zu unserer Wohnung führt durch einen kleinen Park, in dem es stockfinster ist. Wir wohnen hier schon so lange zusammen, dass wir uns im Dunkeln tadellos zurechtfinden.

Ich bin verheult und habe Schluckauf. Mein Ärger hat sich gelegt. Jetzt bin ich nur noch traurig.

Vor der Haustür durchsucht Hannes die Tasche seiner Jeans. Er ist immer derjenige, der aufschließt, wenn wir zurückkommen. Das ist unsere Art der Routine. Ich brauche länger als er, um in meinem Beutelchaos den Schlüssen zu finden. Er dagegen hat ihn stets griffbereit in seiner Hosentasche. Und so warte ich auch heute darauf, dass er aufsperrt.

Als Hannes mir die Tür aufhält, sieht er an meinem Gesicht, dass ich stumm weine. Er seufzt, lässt die Tür wieder zufallen und nimmt mich in den Arm.

Kurz sagen wir beide nichts. Wir müssen es auch nicht. In dieser Eskalation haben wir alles verloren, was wir hatten. Gleichzeitig ist uns klar, dass vorher bereits alles kaputt war. Womöglich haben wir unsere Liebe zu lange am Leben gehalten und voreinander geleugnet, dass sie schon längst erloschen ist, weil es für uns einfach nichts mehr zu retten gibt.

„Soll ich ab morgen bei Marco schlafen?“, fragt Hannes irgendwann. „Bis ich eine neue Wohnung habe?“

„Musst du nicht“, schniefe ich. Zaghaft löse ich mich von ihm. „Du kannst auch erst mal auf dem Sofa pennen. Oder ich.“

“Ich nehme dann das Sofa“, nuschelt Hannes. Die zugefallene Tür schließt er erneut auf. „Wird bestimmt komisch.“

„Was meinst du?“, frage ich und starre seinen Rücken an.

„Alles“, sagt er. Er hält mir die Tür auf.

Ich laufe an ihm vorbei ins Treppenhaus, ohne ihn zu berühren.



Endlich single. Bei der nächstbesten Möglichkeit werde ich das feiern. Aber vorerst sinke ich an diesem Abend weinend und frierend ins Bett, während Hannes auf dem Balkon steht und raucht.

Unser Kater Church springt aufs Bett und lässt sich schnurrend in meinen Arm fallen. Er weiß nicht, dass seine Besitzer sich in der letzten Stunde schreiend voneinander getrennt haben. Er wiegt sich in der trügerischen Realität, dass für uns drei alles so ist, wie vorher.

Hätte sich an diesem Abend auch nur eine Person in dieser Stadt ausmalen können, dass sich die Welt bald schon rapide ändern wird? Dass nichts mehr so sein wird, wie es war, weil eine globale Pandemie um sich greift? Hätten wir uns in unseren wildesten Träumen ausmalen können, dass Hannes und ich in wenigen Wochen im Sinne des Social Distancing auf diesen 45 Quadratmeter zusammen festsitzen werden? Hätte jemand erahnen können, wie schwer es über einen längeren Zeitraum sein wird, eine neue Wohnung zu finden? Nein. Ich hätte mit sowas nie gerechnet. Und Hannes, der in dieser Nacht gedankenverloren auf unserem Balkon an seiner Zigarette zieht, wohl auch nicht.



Als Hannes zurückkommt, bin ich schon eingeschlafen. Er bezieht das Sofa so leise, dass ich erst in den frühen Morgenstunden bemerke, dass er gar nicht neben mir liegt.
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