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Black Chocobo

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Cloud Strife Reno Rufus Shinra Tseng
13.09.2020
23.06.2022
9
32.762
21
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23.06.2022 4.031
 
Ich konnte die Welt nicht anhalten. Sie drehte sich mit einem Mal unsäglich schnell. So schnell, dass mein dröhnender Schädel mit dem Verarbeiten der Bilder nicht hinterherkam und die kleine Gasse vor mir aussah wie ein abstraktes Gemälde von hohem Wert. Wieso sich jemand so hässliche Scheiße ins Zimmer hängte, hatte ich noch niemals kapiert, aber es würde mich nicht wundern, wenn genauso ein Bild in Rufus Wohnung einen Platz innehätte.
     Die verschmierten Farben gingen von braun in schwarz über. Irgendwo konnte ich den orangeroten Schein einer schwachen Straßenlaterne ausmachen – jeglicher Versuch mich in die Richtung des Lichts zu bewegen scheiterte allerdings. Ich verpasste immer die verdammte Ausfahrt und die Frustration schwellte in meiner Brust an wie ein Helium-Ballon.  

Cloud hatte schon Recht.
    Alkohol war nicht gut für mich.
    Alkohol mit dem Antidepressivum meiner Mutter vermischt sogar noch beschissener.

»Nie wieder!«, schwor ich in die Leere. Selbst in den Slums waren um fast fünf Uhr morgens nicht mehr viele Leute in den Bars. Noch weniger knieten vor dem Hinterausgang des billigen Stripclubs Arcadia in ihrem halbverdauten Burrito. Eine weitere Brechreiz-Welle schüttelte mich durch, aber der Magen war bis auf den letzten Tropfen leer gekotzt.
    Zitternd rappelte ich mich wieder auf die Beine und spürte den Schmerz in meiner Seite, obwohl ich durch die raue Morgenluft betäubt sein müsste. Geschneit hatte es heute Nacht nicht, aber dieser Winter war herber Natur – insbesondere in den trostlosen Slums, in denen jeglicher negative Zustand wie unter einem Vergrößerungsglas wirkte. Wenn es kalt wurde, dann wurde es wirklich kalt.

Langsam blinzelte ich und mit jedem Öffnen der Augen nahm meine Umgebung klarere Formen an. Endlich konnte ich die Laterne ansteuern. Schon aus etwas Entfernung streckte ich meinen Arm danach aus und lehnte mich dann erschöpft mit der Schulter dagegen.
    Vorsichtig tastete ich meine Hüfte ab. Die Seite, die vor wenigen Monaten komplett zertrümmert war, und mich zum Krüppel geschlagen haben sollte. Alles schien in Ordnung zu sein, aber es fühlte sich für mich an, als schlummerte ein brennender Tumor unter der Haut. Ein Geschwür, das jeden Moment zu platzen drohte.
    Alkohol, Drogen und nackte Titten waren nicht genug, um mich von dem bohrenden Schmerz abzulenken, was ein riesiges Problem darstellte. Weil eigentlich halfen diese drei Dinge sonst wie ein Wunder – nur dieses Mal blieb meine kleine Spezialkur völlig fruchtlos; hatte sogar mehr Schaden angerichtet, da jetzt auch noch meine Schläfe pochte, wie eine tickende Bombe.
    Wie viel Zeit blieb mir, bevor mein Körper einfach unter den Schmerzen explodieren würde?

Seufzend fingerte ich in der Tasche meiner Daunenjacke und zog die letzte Zigarette hervor. Selbstgedreht und, genau wie die Pillen, einfach von meiner Mutter entwendet. Sie hatte nicht Unrecht: ich war aus dem Alter heraus. Ich sollte nicht mehr verschreibungspflichtige Medikamente aus dem Spiegelschrank über dem Spülbecken stehlen, mich nicht ungefragt an ihren Kippen bedienen oder mich an ihrer Geldbörse bereichern.
    Trotzdem hatte ich es getan, wie damals als Teenager.
    Und wieder fühlte ich mich, wie ein absoluter Versager.

Das Feuerzeug gab seinen Geist auf und ich warf es mürrisch in die schmale Gasse, die zwischen der Titten-Bar und einem ausgedienten Tattoo-Studio entlanglief. Mein Blick folgte dem Wurf. Klappernd rutschte der kleine Gegenstand über den Boden und blieb neben einem Schatten liegen – und mir wurde klar, dass der Schatten eine ausharrende Gestalt war, die mich schweigend anstarrte. Zwar konnte ich das Gesicht der Figur nicht erkennen, da der Sonnenaufgang noch etwas auf sich warten ließ und die Lampen nur sporadisch funktionierten, doch ich spürte, wie ein stierer Blick auf mir lag.
    Eine Neigung zur Paranoia hatte ich nicht, weswegen sich meine Sinne sofort schärfer stellten und der Instinkt eines Turks meinen Körper übernahm. Klar war meine Birne noch immer nicht, es sollte jedoch reichen, um einer vermeintlich brenzligen Situation mit genug Finesse entgegenzutreten.

»Sorry…« Träge hob ich den Arm und winkte der Gestalt zu, um eine Reaktion zu erhalten. Natürlich passierte nichts und ich zweifelte kurz an meinem Verstand. Womöglich stand da nur eine ausrangierte Schaufensterpuppe… aber ich vertraute meinem Bauchgefühl. Um Rufus zu schützen, hatte ich in all den Jahren ein natürliches Gespür für potenzielle Gefahren entwickelt. Und in mir standen momentan alle Kippschalter auf Alarmbereitschaft.
    Ich richtete mich auf und versicherte mich, dass ich einen festen Stand hatte. Der Untergrund war durch den geschmolzenen Schnee nass und rutschig. Außerdem war da noch eine Pfütze schleimiger Magenflüssigkeit. Mit den Schmerzen und der Steifheit hielt ich weglaufen für eine unsinnige Idee und die mangelnde Beleuchtung hinderte mich daran, auf die dubiose Schattengestalt zuzugehen.

Stand da einer der Wichser von letzter Nacht?
    Aber warum wurde ich verfolgt?
    Das würde ich jetzt herausfinden und wenn ich hier stehen müsste, bis der Tag hereinbrach und mir das Gesicht der fremden Person aufzeigte.

Einige Minuten standen wir regungslos da, dann löste sich der Schatten aus seiner Position und kam langsam auf mich zu. Gleitend, wie ein fleischloses Gespenst. Ich löste die Zigarette gegen die Rasierklinge ein und umklammerte den Griff fest, hielt meine Waffe allerdings in der tiefen Jackentasche verborgen. Das glänzende Metall sollte nicht das Licht der Laterne reflektieren und meinem Gegenspieler einen Hinweis darauf geben, dass ich bewaffnet war.
    Gerade war ich in vielerlei Hinsicht eingeschränkt. Weder hatte ich Zugriff auf mein gebräuchliches Repertoire, noch befand sich mein Körper im Topzustand, wodurch meine üblichen Stärken zu einem großen Teil wegfielen. Mit Geschwindigkeit oder Geschick konnte ich nicht mehr dienen. Was mir blieb waren Ideenreichtum und die Erfahrungen mit Situationen wie diesen.

Eine einzelne Schweißperle lief vom Haaransatz meine Stirn hinab. Sie kitzelte mich leicht. Je näher die Gestalt kam, umso konzentrierter fokussierte ich sie – wartete darauf, dass das Straßenlicht mir endlich das Gesicht offenbaren würde.
    Und in dem Moment hörte ich ein elektrisches Surren und das Glas der Lampe über mir zersprang mit einem Knacken. Scherben regneten in der plötzlichen Dunkelheit auf mich hinab und jetzt war der Schatten kein Gespenst mehr. Polternd rannte er auf mich zu, mit einem mürrischen Schrei und ehe ich mich an die Schwärze gewöhnen konnte, warf sich ein massiger Körper auf mich.

Wir rissen gemeinsam zu Boden. Trotz des Überraschungsmoments achtete ich darauf, dass mein Kopf nicht gegen das Bordsteinpflaster knallte. Soweit ich es beurteilen konnte, steckte kein Messer in meiner Brust und der einzige Schaden, den ich davontrug, war die Prellung meines Steißbeins. Nicht der Rede wert.
    Über mich beugte sich ein gedrungener Mann mit knolliger Nase und tiefen Falten im Gesicht. Sein Ausdruck wirkte überrascht, als hätte er selbst nicht damit gerechnet mich einfach umstoßen zu können.
    Es galt nun das Blatt zu wenden.

Schwungvoll zog ich meinen Arm nach oben und rammte den Ellenbogen gegen die Brust des Angreifers. Natürlich könnte ich ihm auch gleich die Klinge an die Kehle drücken, um ihn einzuschüchtern, aber ich war mit diesem Hosenscheißer noch nicht fertig.
    Seinen plumpen Körper wegzustoßen war nicht besonders schwer, da er offensichtlich betrunken war, damit aber weniger elegant umging als ich. Die Oberhand zu gewinnen setzte Wellen im schwarzen Brunnen meiner Seele in Bewegung. Adrenalin setzte sich frei, floss in mich hinein und sammelte sich in jeder Ecke meines Verstands, wie eine mächtige Flut. Bis ich nur noch dieses Rauschen hörte.
    Mir gelang es nicht das überwältigende Gefühl der Wut zurückzudrängen, selbst als ich die angsterfüllten Augen meines Opfers sah. »Ich wollte doch nur etwas Geld für Essen!!!«, verteidigte er sich und zog seine Arme resignierend empor, um mir zu signalisieren, dass er aufgab.
    Alles lief ab wie in einem Film, dessen Ende ich bereits kannte und trotzdem versuchte es irgendwie zu verändern. Lachend drückte ich die stumpfe Seite der Klinge gegen seine stoppelige Wange. Das Fett gab nach. »Du siehst nicht so aus als würdest du bald verhungern.«  
    »Ich bin arbeitslos geworden, ich-«
    Geschickt drehte ich das silberne Metall in meiner Hand, sodass jetzt die scharfe Kante seine Haut berührte. »Seh‘ ich aus, als würd‘ es mich jucken?«, knurrte ich – es drehte sich wieder alles. Hochgeschwindigkeit in mir und um mich herum.
    »Bitte… ich werde es nie wieder tun!« Tränen liefen über das Gesicht des Alten. Sein Weinen wirkte wie ein Ventil für die Wut, die sich in mir angestaut hatte. Kalt, fast qualvoll. Kurz wurde das Rauschen in meinen Ohren lauter, es fing an wie Eis zu knistern…

Ich richtete mich schreckhaft auf.
    Ich musste hier weg.

*


Meine Zunge hatte sich in eine pelzige Raupe verwandelt und mein Kopf zu ihrem watteweichen Kokon. Ich bekam die Augen kaum auf; die Wimpern lagen unter einer Schicht Schlafsand begraben. Bis ich endlich die Lider geöffnet bekam, sprangen auch meine anderen Sinne allmählich an. Für mich war ein Kater ungewöhnlich. Exzessive Alkoholeskapaden in meiner Jugend hatten mich abgehärtet, weswegen ein bisschen Rum im Kaffee mich auch untertags nicht behinderte. Tseng roch es nur sofort. Deshalb hatte ich es mir für die Arbeitszeit im Büro abgewöhnt… Meistens.
    Stöhnend rollte ich mich zur Seite und starrte auf mein altes Jugendzimmer. Also hatte ich gestern wohl noch immer keinen neuen Unterschlupf gefunden und war stattdessen im Suff wieder zurück nach Hause gekrochen… mich widerte es an, diesen Ort ein Zuhause zu nennen, aber es stellte eine Wahrheit dar, vor der ich mich nicht verschließen konnte. Immerhin blickte ich der Blondine mit den dicken Titten, die ich als 14-jähriger an die Wand gepappt hatte, direkt ins Gesicht. Blond war wohl schon immer mein Typ…

Jeder Knochen in mir schien gänzlich spröde und alles krachte beim Aufsetzen, wie trockenes Geäst. »Du wirst alt, Reno…«, murmelte ich und scheiterte bei dem Versuch das pelzige Gefühl in meinem Mund wegzuschmatzen. Heute kein Bier zum Frühstück, beschloss ich und quälte mich aus dem Dachgeschosszimmer.
    Meist versuchte ich meiner Mutter aus dem Weg zu gehen, doch da sie keine Freunde hatte und sonst auch nichts mit ihrem Leben anzufangen wusste, verbrachte sie viel Zeit im Wohnzimmer, um eine überzogene Quiz-Show zu verfolgen. Auch am heutigen Mittag saß sie im Morgenrock vor der Flimmerkiste. In der Schale neben ihr ein Haufen Asche, zwei Flaschen Weizen standen zu ihren Füßen. Beide leer.
    Wir waren uns ähnlicher als mir lieb war und ich erkannte in ihr die Endstation. Nur Cloud würde mich nicht so enden lassen. Für ihn hatte ich weniger getrunken, weniger geraucht… durch ihn hatte ich ein neues Ich gefunden, auch wenn ich es in meiner jetzigen Lage ziemlich vernachlässigte und mit einer Mordsgeschwindigkeit in alte Muster zurückfiel.
    Morgen also besser auch kein Bier zum Frühstück… sonst würde ich irgendwann den Weg zu diesem neuen Ich nicht mehr finden können.

Eigentlich plante ich einfach in die Küche abzudrehen und den Kontakt zu vermeiden, aber sie sah vom kleinen Bildschirm des alten Fernsehers auf. Traurig schüttelte sie den Kopf. »Du solltest dich nicht mehr nachts herumtreiben.«
    Kannte man sie nicht, könnte man diese Aussage fast als Sorge interpretieren, ich blieb hingegen skeptisch und hob die Augenbraue argwöhnisch, als ich in das stickige Wohnzimmer trat. Wie immer stand Qualm unter der Decke und ich genoss, dass dieser meine Lunge wie Giftgas füllte. »Hab‘ ich dich beim Reinkommen geweckt, Mom?«
    Sie winkte energisch ab.
    Wäre auch echt eine Meisterleistung, wenn ich es schaffte diese Alkoholleiche mit ein bisschen Lärm aus dem halben Koma zu reißen.
    »Ein Obdachloser wurde umgebracht…« Wieder schüttelte sie den Kopf.
    Verdutzt stemmte ich die Hände in die Hüfte und musste zischen, weil sich mein treuer Freund und Begleiter, Mister Stechender-Schmerz, just zurückmeldete. »Du machst dir Sorgen?«, hakte ich misstrauisch nach.
    Ihre Reaktion war ein erschütterter Blick. Als ob ich ihr von grünen Männchen erzählte, die nachts in Untertassen über Sams Ranch flogen und Chocobos entführten. »Natürlich mache ich mir Sorgen um meinen einzigen Sohn«, blaffte sie entrüstet. Sie zappte auf den nächsten Kanal und schenkte mir keine Beachtung mehr.
    So viel zu ihrer Fürsorge…

»… Sie irgendwelche Hinweise zum Mordfall am Club Arcadia haben, bitten wir Sie sich...«


Schon schaltete meine Mutter auf das nächste Programm.
    »Schalt noch mal zurück!«
    Sie reagierte mir nicht schnell genug, weshalb ich ihr die Fernbedienung aus der Hand riss und selbst zurückschaltete. Der Beitrag war schon vorbei und anstelle des zerknitterten Nachrichtensprechers, stand bereits eine Wettersprecherin im mausgrauen Anzug vor der Kamera.
    Morgen würde es einen kleinen Schneesturm geben.

»Weißt du irgendwelche Details?«
    »Über den Mord?«, wollte Lea wissen. Sie fuhr nachdenklich fort, nachdem ich nickte. »Heute Morgen wurde die Leiche eines Obdachlosen gefunden… jemand hat ein duzend Mal auf den armen Kerl eingestochen… er ist vermutlich erst gestorben, als der Täter ihm endlich die Kehle durchgeschnitten hat.« Ein drittes Mal schüttelte sie den Kopf, weil ihr wohl keine bessere Reaktion einfiel. »Wer tut sowas nur…«

Sowas stand an der Tagesordnung eines Turks, aber sowas tat ich normalerweise nicht ohne einen triftigen Grund. Verschwommen kehrten die letzten Stunden des Morgens zurück, doch der Cut setzte immer ein, als die Tränen des Penners über seine fetten Wangen rollten. Danach tat sich in meiner Erinnerung nur noch Leere auf, als hätte jemand die Aufnahme gestoppt oder entwendet.
   
Ich ließ meine Mutter zurück und polterte die Stufen zum Obergeschoss hoch. Fieberhaft suchte ich nach meiner Daunenjacke und dem darin befindlichen Rasiermesser. Das Zimmer war überschaubar, sodass ich sofort wusste, dass die Jacke nirgends war. Ich überprüfte trotzdem die alten Kartons, die hier herumstanden und allerlei Hausrat fassten.
    Irgendwas rief mir Lea zu, als ich nacheinander in alle Zimmer rannte und dort suchte. Vergebens. Weder die Jacke, noch die Klinge tauchten auf. Meine letzte Anlaufstelle war die Mülltonne, die draußen an der Straße stand. Ich spähte in gähnendes Nichts… der Müll war erst vor einigen Stunden geleert worden.

Hatte ich wirklich einen Obdachlosen umgebracht, instinktiv die Beweismittel vernichtet und konnte mich jetzt nicht mehr daran erinnern? Es passte nicht zu mir… selbst, wenn ich im Vollsuff eine Nutte abschleppte, wusste ich am nächsten Tag noch immer, für welchen perversen Scheiß ich sie benutzt hatte. Ich könnte Buch darüber führen.
     Und jetzt fehlte ein riesiges Fragment meiner Erinnerung…
     Es war nicht das erste Mal, seitdem ich wieder in den Slums hauste.  

Die Kontrolle über mich selbst war momentan das Einzige, was mir noch von meinem geregelten Leben blieb. Zumindest hatte ich dies bis vor wenigen Augenblicken noch geglaubt… jetzt fehlte mir diese Sicherheit. Irgendwas hatte Grail mit mir gemacht, um mich nicht ganz loslassen zu müssen, egal wohin ich ging. Seine Experimente hinterließen immer deutlicher werdende Spuren.
    War diese Art von Erfolg in Shinras Interesse?
    Hatte sich Rufus durch die Behandlung mit konzentriertem Mako mehr erhofft, als mich am Leben zu erhalten?
    Rutschte er zurück in den Größenwahnsinn, den einst sein Vater unter dem Deckmantel SOLDAT gebilligt hatte?

Ich wollte Rufus vertrauen.
    An den neuen Idealen festhalten.
    Aber es fiel mir gerade unsäglich schwer.

*


Der dampfende Kaffee, der zu meiner Seite stand, war nicht mit Rum (oder einem anderen alkoholischen Getränk) gespickt und ich spülte damit auch keine dubiosen Tabletten runter. Dafür lehnte ein halb niedergebrannter Glimmstängel im Aschenbecher.
    In den schöneren Teilen der Stadt, war es entweder gar nicht mehr erlaubt in den Innenräumen von Einrichtungen zu rauchen oder es gab strickt abgetrennte Raucher-Bereiche, damit sich andere Gäste nicht gestört fühlten. Hier legte keiner Wert auf Regeln dieser Art. Obwohl ich nicht der einzige Gast des Internetcafés war, der qualmte, saß eine junge Mutter mit einem Kleinkind auf dem Schoß hier.
    Flüchtig huschten meine Gedanken zu Denzel und Marlene. In ihrer Nähe würde ich niemals rauchen, nicht nur, weil Cloud mich sonst in den Schwitzkasten nehmen würde. Pflichtbewusst drückte ich meine Zigarette aus. Wenigstens ein Schlot weniger, welcher die kleine Lunge verpestete.
    »Cloud färbt ab…«, nuschelte ich und prüfte noch einmal, ob auch niemand auf meinen Bildschirm schauen konnte. Meinen Platz hatte ich mir extra im hintersten Eck ausgesucht. Ich wog mich in Sicherheit und öffnete die Suchmaschine im Browser, um Informationen über den heutigen Mord zu suchen.

Die traurige Realität sah so aus, dass die großen Online-Publikationen nicht einmal zwei Zeilen über Reginal Scoff; den Obdachlosen; schrieben, bevor sie sich anderen Themen widmeten. Kein Chocobo krähte danach, wenn in den Slums ein Trinker niedergestochen wurde und ein vermeintlicher Mörder auf freiem Fuß rumlief.
    »Du könntest dieser Mörder sein«, erinnerte mich mein eigener Verstand gehässig. Ich unterdrückte diese Theorie geflissentlich und suchte stattdessen weiter das Web ab. Überraschend fand ich einen umfangreicheren Artikel. Er stammte von einer anonymen Bloggerin, die sich im Netz Zubrot verdiente, indem sie reißerische Texte über die Kriminalität in den Slums veröffentlichte.
    Ich fand’s geschmacklos, aber es war genau das, wonach ich gesucht hatte. Ihre Schreibart war furchtbar; es klang wie etwas, was in einem Klatschmagazin abgedruckt wurde, um unzufriedene Hausfrauen zu unterhalten; weswegen ich die Zeilen nur überflog, um die wichtigsten Informationen zu filtern.

Fündig wurde ich.

Es könnte sich dabei um einen Folgemord handeln. Lest doch einfach mal meinen letzten Eintrag, wenn[…]

Ich stoppte an der Stelle und rief, wie von ihr vorgeschlagen, den letzten Blogeintrag auf. In ihm ging es ebenfalls um den Mord an einem Obdachlosen, doch der Fall lag einige Tage zurück und das Opfer war nicht erstochen worden. Ein Unbekannter hatte dem armen Kerl die Hände solang an die Kehle gedrückt, bis er erstickt war.
    Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm; fühlte mich betrunken, obwohl ich seit zig Stunden keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen hatte. Der Eintrag stammte von dem Tag, an dem ich zum ersten Mal ein Fragment meiner Erinnerung verloren hatte… von dem Tag, an dem ich meine Mutter fast bewusstlos gewürgt hatte.

Eine Stunde Internet hatte ich gezahlt, doch ich verließ das Café nach nicht einmal zwanzig Minuten wieder. Mit einem flauen Gefühl im Magen drehte ich rastlose Runden durch die verwinkelten Gassen, wie eine streunende Katze. »Auf der Suche nach Nahrung«, schaltete sich die innere Stimme ein. Sonst nutzte ich innere Monologe um mich in einen Zustand der Ruhe zu bringen, wenn es die Situation verlangte. Heute stellte sich alles gegen mich und dazu gehörte ich selbst. War schon immer gut darin, mich zu sabotieren…  
    Mein größter Feind: Reno.

Über mir erstreckte sich der kaltgraue Himmel.
    Weiße Flocken segelten hinab.
    Vorboten des Sturms.

*


»Alles klar bei dir, Partner?« Rudes Stimme erweckte eine gewisse Zuversicht in mir, auch wenn er durch den Telefonhörer so fern klang.
    »Woher wusstest du, dass ich es bin?«
    »Ich wusste es einfach«, gab er souverän zur Antwort. Bei jedem anderen hätte ich diese Phrase abgedroschen empfunden, aber ihm glaubte ich irgendwie. Wir arbeiteten ewig miteinander, sodass vielleicht wirklich eine überirdische Verbindung zwischen uns existierte.
    Erleichtert lachte ich auf. »Ich weiß, es ist gefährlich, dass ich dich auf dieser Nummer anklingle, aber ich…«
    »Schon gut. Warum rufst du an?«
    Warum ich ihn anrief, vermochte ich selbst nicht vollständig zu erfassen. Alles, was ich wusste war, dass ich schnellstmöglich zurück in mein altes Leben musste, um nicht den Rest meines Verstands zu verlieren. Womit sollte ich bei meiner Erklärung nur anfangen? Dass drei Irre bei meiner Mutter eingebrochen waren? Dass ich mir nicht einmal sicher sein konnte, dass diese ominösen Einbrecher nicht nur ein Hirngespenst darstellten? Doch lieber mit dem Mord, der wahrscheinlich auf meine Kappe ging? Die Erinnerungslücken vielleicht?
    Ein leises Piepen erinnerte mich daran eine weitere Gil-Münze in die Telefonzelle zu werfen.
    »Ich wollte wissen, wie weit du damit bist Rufus wieder in den Allerwertesten zu kriechen.«
    Von der anderen Seite der Leitung ertönte ein niedergekämpftes Seufzen. »Tseng hat mir eine Standpauke gehalten, als ich im Büro aufgetaucht bin«, erklärte er nüchtern. »Ich kann es ihm nicht verübeln… aber ich denke, er ist über jede helfende Hand glücklich.«
    Mein Gesicht hellte auf. »Heißt…?«
    »Er möchte, dass ich nächste Woche wieder ins Büro komme.«
    Ein vorbeigehender Passant zuckte zusammen, als ich einen kleinen Freudensprung vollführte und dabei fast das Kabel des Telefons abriss. »Jackpot! Ich wusste, dass er nich‘ so schnell einen würdigen Ersatz findet!«
    »Vielleicht kann ich mich aktiv an der Mission beteiligen dich zu finden und so Informationen sammeln, wie es um dein Schicksal steht«, sinnierte er, aber wir wussten beide, dass Rufus‘ Stolz verletzt war und er ihn durch die Hölle gehen lassen würde. Akten durchwühlen, sie immer wieder neu ordnen, bis es passte. Reine Schikane und ein bisschen kindisch. Fast schon eine süße Seite an Rufus.
    »Erinnerst du dich…« Ein Piepsen; ich warf die vorletzte Münze ein. »… an den Typen, den wir bei Tseng gesehen haben? Behalt‘ ihn im Auge.«
    »Gut.«
    Soweit ich ihn hatte erkennen können, handelt es sich bei Tsengs neuem Handlanger nicht um einen der Turks im Außendienst, die manchmal als Verstärkung gerufen wurden, sondern um ein ganz neues Shinra-Hündchen. Austauschbar, aber vor allem ein schwaches Glied in der Kette. Man musste sich diesen Rookie nur aus der Herde ziehen, ein bisschen einwirken und dann die richtigen Fragen stellen.

Ich erinnerte mich noch gut daran, wie verunsichert ich selbst zu meiner Anfangszeit gewesen war. Nach außen eine große Klappe, aber innerlich manchmal zweifelnd, ob ich in die Rolle eines Kriminellen überhaupt passte. Für junge Turks konnte ein erfahrener Kollege ein wichtiger Ankerpunkt sein. Jemand, dem sie sich gegebenenfalls anvertrauten.
    Rude redete normal nicht viel, schaffte es trotzdem einen guten Draht zu seinen Mitarbeitern aufzubauen. Eventuell gerade weil er so ruhig war und Menschen deswegen in seiner Gegenwart automatisch mehr von sich selbst sprachen. Diese Eigenschaft würde ihm zugutekommen, wenn er sich den Neuen vorknöpfte und ihm bedeutsame Hinweise aus der Nase zog. Damit musste er sich auch beeilen, denn je selbstsicherer der Jungspund sich unter Rufus‘ und Tsengs Fittichen fühlen würde, umso unwahrscheinlicher verplapperte er sich.

»Partner… ist noch etwas?«
    »Was? Nee, wieso?« Ich blinzelte perplex. Langsam sammelte sich der Schnee auf der Kapuze meines Hoodies und weichte den Stoff durch.
    »Du wirkst heute etwas unruhig.«
    Okay, langsam wurde es gruselig. Über meinen Zustand hatte ich nicht ein Wort verloren. »Es ist…« Meine Stimmbänder vibrierten, als wollte ich dringend ein Geständnis ablegen. Gab es denn etwas zu gestehen oder sprang mein Schuldzentrum nur an, weil ich unter immensem Druck stand? Belastete mich das Auftauchen der drei Gestalten, die genauso gut Einbildung sein könnten? Wollte ich ihm irgendwas davon erzählen? Nein. »… nichts.« Ohne ihn tatsächlich zu sehen, stellte ich mir vor, wie er besorgt die Brauen zusammenzog. »Echt! Versprochen, Kumpel!«
    »Na gut, dann…«
    Das Warnsignal, dass meine Zeit ablief: Piep. »Ich muss Schluss machen. Wenn ich mich wieder melde, will ich alles über den Neuen wissen. Selbst die Farbe seiner Shorts!«
    Hastig hängte ich den Hörer auf die Gabel und beendete das Gespräch, bevor ich noch etwas sagte, was ihm wirkliche Sorge bereiten könnte.
    Etwas, was auch mir Angst machte.
    Von Halluzinationen und Aussetzern.

Beim Weiterlaufen schob ich die Hände in die Bauchtasche meines Oberteils. Mittlerweile brach die Dämmerung schleichend an und die Lust auf Bier trieb mich beinahe automatisch in Richtung einer heruntergekommenen Bar.
    »Du solltest weniger trinken…« Es war nicht meine eigene Stimme, die versuchte mir den Abend zu ruinieren, sondern Clouds. Innerlich malte ich mir aus, wie er mich mit seinen glänzenden Mako-Augen anschaute. Ein bisschen sauer, ein bisschen besorgt, aber vor allem so voller Weltschmerz.
    »Na gut, dann nicht…«, stimmte ich murrend zu und lachte dann.
    Jetzt führte ich schon Gespräche mit Menschen, die nicht da waren.
   
Wobei Cloud immer da war.
    Ich trug ihn in mir, wie einen hartnäckigen Virus.
    Und die Symptome waren übel.
    Ich wurde dadurch zum verfickten Weichei.
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