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Black Chocobo

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Cloud Strife Reno Rufus Shinra Tseng
13.09.2020
08.10.2021
4
16.566
14
Alle Kapitel
17 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
13.09.2020 5.101
 
Diese Geschichte basiert zu einem Großteil auf Final Fantasy VII von 1997, sowie der restlichen Compilation (1997 – 2019), entnimmt aber auch Nebencharaktere und Details aus dem Final Fantasy VII Remake von 2020.

Auch wenn es sich bei der Story um eine Fortsetzung zu Red Chocobo (RC) handelt, muss man die Geschichte nicht unbedingt vorher lesen, da in Black Chocobo (BC) praktisch ein neuer Fall behandelt wird, den ich auch (hoffentlich) auszureichend erläutern werde. (Falls ihr RC dennoch lesen wollt, freut es mich natürlich trotzdem sehr!)

Jetzt wünsche ich euch viel Spaß und freue mich auf euer Feedback!


***


Nebel rollte feucht über Neo Midgar und die angrenzenden Trümmer der sich erholenden Stadt – getrieben vom Südwind, welcher seit ein paar Wochen immer wieder den Einbruch des Winters ankündigte und vielen Bewohnern der Stadt die gute Laune verdarb.
    Manche freuten sich auch auf die heranbrechenden Feiertage im Dezember; sie freuten sich auf Pfefferminzstangen, gebackene Karob-Nüsse und auf den gewärmten Eierlikör; auf den ersten Schnee und dann darauf, dass dieser endlich wieder schmolz.

Ich zog den Kopf ein und verschwand noch ein Stückchen weiter hinter dem aufgestellten Kragen meines Filzmantels, während ich galant den strömenden Passanten auswich. Keiner von ihnen beachtete mich; ich war hier nur einer von Vielen und selbst das war zu viel gesagt.
    Eigentlich war das gut, doch ich war kein Fan von der misanthropischen Einstellung, welche die meisten Stadt-Menschen an den Tag legten. Selbst für ein Lächeln waren sich viele zu schade. Ob dies an der Geschichte dieses Ortes lag? Vor acht Jahren hatte Meteor dieses Fleckchen Gaia fast völlig zerstört, doch irgendwie war aus dem Kern der Tragödie wieder etwas gewachsen. Noch war ich mir nicht sicher, ob ich bei dem Auswuchs an eine wunderschöne Rose denken sollte oder doch lieber an Unkraut.
    Egal was ich darüber dachte, es spielte nun keine Rolle mehr: Ich hatte den Job in dieser Stadt angenommen und würde eine Weile hier festsitzen. Zwar nur aus einer bescheidenen Notsituation heraus, doch mein Arbeitgeber hatte mir sehr schnell begreiflich gemacht, dass es als Ausweichmöglichkeit nur eine lebenslängliche Gefangenschaft gab und darauf hatte ich keine Lust.

Jemand rempelte mich an und lief weiter ohne sich zu entschuldigen. Ich lächelte äußerlich, doch innerlich zupfte die ganze Situation schon mehr an meiner Geduld als mir lieb war.
    »Verdammt…«, grummelte ich und kämpfte gegen den Anlauf an Büroleuten, die gerade aus der U-Bahn-Station quollen und alle in Richtung der luxuriösen Wolkenkratzer marschierten. Dort, wo sie hingingen, kam ich gerade her. Vielleicht nicht dasselbe Gebäude, definitiv nicht dieselbe Etage – aber wir saßen alle im selben Boot: wir arbeiteten uns die Hintern für Menschen wund, die einfach nur mehr Macht hatten als wir selbst.

Das Getümmel dünnte aus, je weiter ich mich vom Wirtschaftskern Midgars entfernte und als ich an einer roten Fußgängerampel zum Stehen kam, konnte ich mir zum ersten Mal wirklich Gedanken darübermachen, was in den letzten vierundzwanzig Stunden eigentlich geschehen war.
    Vorgestern wäre ich noch beinahe für Wettschulden im Wüstengefängnis gelandet, nun arbeitete ich für Rufus Shinra höchstpersönlich und war Teil von Shinras Abteilung für allgemeine Angelegenheiten, besser bekannt als die Turks. Und mein Auftrag lautete…

Ein statisches Klicken, das rote Männchen färbte sich grün und ich überquerte die Straße zügig. Eigentlich war es albern, dass ich noch immer so strickt auf die Straßenordnung achtete, da ich jetzt immerhin zur Elite gehörte, aber mein Sinn für Rechtschaffenheit war noch vollkommen intakt.
    Passte ich so überhaupt in das klassische Bild eines Turks? Nein. Ich kannte die Antwort und deshalb wusste ich auch, dass ich unter Beobachtung stand. Irgendwo in einer Gasse lauerten die wachsamen Augen meines Vorgesetzten und er wartete nur darauf, dass ich einen Fehler machte, für den er mich dann disziplinieren konnte.

Kurz blieb ich stehen und blickte in ein verdunkeltes Autofenster am Straßenrand. Das Glas warf mein Spiegelbild zurück und ich musste zugeben, dass der Anzug unter meinem offenstehenden Mantel gut an mir aussah. Durch die Luftfeuchtigkeit kräuselte sich mein gewelltes Haar noch etwas mehr als gewöhnlich; die Bartstoppeln an meinem Kinn ließen mich verwegener als sonst aussehen. Ich war wirklich ein feiner Kerl und vielleicht konnte ich mir neben dieser ganzen Turk-Geschichte ein ordentliches Leben aufbauen?

»Was glotz ‘n so?«
    Plötzlich spürte ich eine grobe Pranke an meiner Schulter und ehe ich mich erklären konnte, presste der eingeölte Panzerschrank von Kerl mich hart gegen die Tür seines Wagens. »Ich wollte nur…«
    Seine ganze Körpersprache sagte mir schon, dass er auf keinen Fall ein Gespräch suchte, sondern bereits am frühen Vormittag auf Krawall gebürstet war. Nur ein falsches Wort und er würde mir die Zähne ausschlagen. »Du wolltest das Teil wohl stehlen?«
    Wer klaute auf offener Straße und auch noch am Tag eine solche Schrottlaube? An dem Fahrzeug nagte bereits der Rost und auf der Motorhaube war eine tiefe Beule. »Ich habe doch nicht mal einen Führerschein!«, versuchte ich ihn zu beschwichtigen und hob beide Hände vor mich, als würde er mich gerade mit einer Pistole bedrohen. Während meines (äußerst kurzen) Briefings, hatte mir mein Vorgesetzter keinerlei Anweisungen für eine Situation wie diese gegeben.
   
Der erste Schlag traf mich noch etwas unvorbereitet, sodass ich Chocobo-Küken vor meinen Augen kreisen sah, doch gegen den zweiten Hieb wappnete ich mich durch pure Willenskraft. Harte Fingerknöchel trafen auf meinen Kiefer, dann noch mal auf den rechten Wangenknochen – erst dem nächsten Angriff wich ich aus.
   Schnell duckte ich mich und nutzte dann den nächsten Moment, um zwei Schritte Abstand zu gewinnen. Einige Passanten hielten an; auf dem Gesicht mancher lag Interesse, einige waren erzürnt und ein Teenager zückte sein Handy und fing an zu filmen.
 
»Wow, mein erster Tag bei Shinra und schon mache ich Schlagzeilen…«, schoss es mir durch den Kopf, doch sogleich konzentrierte ich mich wieder auf meinen Kontrahenten. Dieser wirbelte herum und starrte mich mit pulsierender Halsschlagader an.
    Dass ich ihm nicht als Punchingball dienen wollte, schien ihn wütender zu machen, als alles was ich in seinen Augen zuvor verbrochen hatte. Spätestens jetzt war also klar, dass ich es mit einem schlechten Verlierer zu tun hatte – aber immerhin gab er nicht so schnell auf. Die Tatsache, dass wir beobachtet wurden, bremste ihn nicht aus und er stürmte mit einem wütenden Schrei auf mich zu. Erneut setzte er zur Offensive an, da ich jedoch noch immer keine Idee hatte wie man in einer solchen Lage handelte, wehrte ich mich nicht als seine Faust auf meine Nase schmetterte.

Ich wehrte mich auch nicht, als er sich auf mich warf, meine Arme mit seinen Knien fixierte und weitere Male in mein Gesicht schlug. Lichter tanzten vor meinen Augen, ich schmeckte Blut auf meinen Lippen – diese verzog ich zu einem perfiden Lächeln; leckte den Kupfergeschmack von meinen Zähnen.

Bevor ich noch einen Faustschlag abbekam, schnitt eine Stimme wie ein Schwert durch die Auseinandersetzung und alles schien in Eis zu gefrieren.
   
»Es reicht.«
   Tseng stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen neben uns. Wortlos zog der bullige Kerl sich zurück – verschwand in der Menge und löste diese zugleich auf. Immerhin hatten die Schaulustigen jetzt nichts mehr Interessantes zu sehen.
    »Das war ein Test, Rookie«, erklärte er und machte keine Anstalten mir die Hand zu reichen.
    Stöhnend rappelte ich mich selbst auf und wischte mit dem Ärmel über mein Gesicht. Natürlich stoppte der Blutfluss nicht. »Habe ich den Test bestanden?«
    Kleine Falten entstanden zwischen seinen Brauen, bevor er mir als Antwort zunächst einen gereizten Blick zuwarf. Schnell kehrte aber wieder eine undurchdringliche Gleichgültigkeit in seinen Ausdruck. »Davon kann nicht die Rede sein.«
    Hatte ich mir schon fast gedacht. »Vielleicht wäre es angebracht, wenn…« Mich aussprechen zu lassen schien keine Option, denn er setzte sich zügig in Bewegung und mir fiel nichts Anderes ein, als ihm zu folgen.
    »Es wäre angebracht, wenn du diese Aufgabe ernst nimmst und es nicht als ein weiteres Spiel in deinem Leben siehst«, ermahnte er mich.
    »Verstanden, Sir…« Eigentlich war ich kein Typ, der Konflikte suchte und deswegen zeigte ich mich einsichtig. Davon, dass ich verstand wie ich eigentlich in diese Situation gerutscht war, konnte nicht die Rede sein, doch es gab mir eine weitere Chance auf ein Leben. Vielleicht würde ich es dieses Mal nicht vermasseln.
    »Du magst keine Schmerzen empfinden, dies bedeutet jedoch nicht, dass du nicht sterben kannst.«
    Als bräuchte ich eine Erinnerung. »Stimmt. Aber ich muss zumindest keine Angst vor dem Tod haben.«
    Ein flüchtiger Seitenblick strafte mich ab – schwarze Kohlen, dahinter verbarg sich keine Seele. »Nein, musst du nicht«, stimmte Tseng mir zu und blieb vor mir stehen – drehte sich direkt zu mir. »Mich jedoch solltest du fürchten. Es gibt schlimmere Dinge als den Tod.«
   
Der Wind ließ sein Haar flattern und obwohl er keine Winterkleidung trug, sondern nur seinen maßgeschneiderten Anzug, schien die Kälte ihm nichts anhaben zu können. Ich war in etwa so groß wie er, in meiner Statur aber durchaus massiver und trotzdem schenkte ich seinen Worten vollstes Vertrauen.
    Wenn in den Geschichten über die Turks nur ein Körnchen Wahrheit steckte, dann wollte man sich mit ihnen nicht anlegen, aber vor allem wollte man sich nicht mit deren Chef anlegen: Tseng war auch als „schwarzer Tod“ bekannt; als monströser Schatten, welcher nicht einmal wusste, wie man die Worte Skrupel oder Mitleid buchstabierte.

»Du weißt, was dein Auftrag ist?«, erkundigte er sich und warf einen Blick auf die silberne Uhr an seinem Handgelenk.
    »Ja. Ich soll zum…«
    »Ssssh.« Schon lag der schlanke Finger auf seiner eigenen Lippe; ein diabolisches Lächeln zupfte an einem Mundwinkel. »Wir sprechen niemals in so einem Umfeld über Aufträge, Rookie.«
     »Selbstverständlich…« Schniefend zog ich das Blut hoch; rieb noch einmal mit dem Ärmel über die Nase. Die war wohl gebrochen, doch davon merkte ich nichts – zu einem Arzt sollte ich wohl dennoch gehen, wenn ich Komplikationen vermeiden wollte.

Früher hatte ich meinen Eltern oft Kummer bereitet. Schon als Sechsjähriger war ich zum Außenseiter geworden und dies lag vor allem daran, dass ich mich niemals beklagte, wenn die Zweit- oder Drittklässler mich verprügelten. Übersäht mit blauen Flecken kam ich an einem Mittag nach Hause, streifte die dreckigen Klamotten ab und spielte mit meiner Nachbildung des Airbusters als gäbe es keinen Kummer auf der Welt.
     In Tränen aufgelöst nahm meine Mutter mich in den Arm, küsste die anwachsende Beule auf meinem Kopf und mein Vater brachte mich gegen meinen Protest ins Hospital. Damals war ich wütend gewesen, weil ich lieber mit meinem Spielzeug das Bauklotz-Haus zerstören wollte, doch der Arzt war hellauf begeistert (äußerlich zeigte er sich bestürzt), weil er noch nie einen solchen Fall wie mich gesehen hatte.
   
Hereditäre sensorische und autonome Neuropathie nannte man meine Krankheit – verdammt selten, eine Heilung gibt es nicht. Ausgesprochen hatten meine Eltern es zwar nie, doch wenn sie sich am Abend stritten; im Glauben, dass ich bereits schlief; konnte ich mir schon ausmalen, dass sie meine Adoption irgendwie bereuten.
    Daraus machte ich mir nicht viel und in den folgenden 17 Jahren lernte ich meinen genetischen Defekt zu meiner Superkraft zu machen. Kaum volljährig verließ ich das Elternhaus und machte mir als unbezwingbarer Kickboxer einen Namen im Battle Square. Meine Kampftechnik verbesserte sich stetig, doch meine wahre Stärke lag in meiner unerschütterlichen Ausdauer.

Und jetzt; wenn man ein paar kleine Details übersprang; stand ich hier und meine Superkraft war wohl einer der Gründe, warum ich für Rufus Shinra und die Turks überhaupt von Interesse war. Das ganze Puzzle, von dem ich eher unfreiwillig ein Teil geworden war, konnte ich aber noch nicht erkennen und ein Blick in das stoische Gesicht meines Vorgesetzten gab keinerlei Aufschluss.

»Wenn ich Ergebnisse bringe…«, setzte ich an und biss mir selbst auf die Zunge, als ich die nahezu brennenden Augen meines Gegenübers auf mir bemerkte – doch ich schluckte die Unsicherheit hinunter und sprach leiser weiter. »… bekomme ich dann auch eine Waffe?«
    »Sind nicht deine Fäuste und Beine deine bevorzugten Instrumente?«
    Ich zuckte mit den Schultern. »Die Feinde werden sicherlich mit einer Schusswaffe zum Handgemenge aufschlagen.«
    Dünne, schwarze Augenbrauen zogen sich zusammen. »Einer solchen Situation solltest du dich stellen können, wenn du im Team irgendetwas erreichen möchtest.«
    »Was ich will scheint kein besonderes Gewicht zu haben…«, merkte ich leise an und biss mir noch mal auf die Zunge – diesmal schmeckte ich wieder Blut.
    »Beweise dich erst, bevor du große Töne spuckst, Rookie.« Wieder ein Blick auf die Uhr – wahrscheinlich hatte er selbst noch Pläne und meinen Babysitter zu spielen, war offenbar nicht oberste Priorität. »Wir erwarten dich um Punkt 2000 im Büro zurück.«
    Das waren noch mehr als zehn Stunden. »Was, wenn ich gar nicht wiederkomme?«
    Kurz war mir der Wutainese ganz nah. Ich konnte sein Aftershave riechen und jedes Detail auf seinem Gesicht erkennen – mir fehlten jedoch die Nerven, um mir wirklich wichtige Einzelheiten zu merken. »Wenn du nicht wieder kommst…«, flüsterte er ruhig und nur für meine Ohren bestimmt. »… dann werde ich dich finden und dir demonstrieren, was schlimmer als der Tod ist.«
    Im Inneren erfasste mich ein kalter Schauer, äußerlich blieb ich stocksteif vor ihm stehen, musste jedoch meinen Blick senken, weil ich die Intensität seiner dunklen Augen nicht ertragen konnte. »Ich werde da sein. 20 Uhr…«, versprach ich ihm und mir gleichzeitig, als ich jedoch aufsah war er genauso plötzlich wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Rasch sah ich mich um; drehte mich einmal um meine eigene Achse; und doch war er nicht mehr für mich zu sehen. Niemals im Leben würde ich so verschlagen sein und somit wäre meine Karriere als Turk schnell vorbei – das Gefängnis wartet auf mich, auch wenn ich es wenigstens kurzweilig aus meinen Gedanken gestrichen hatte.
    Aber vielleicht konnte ich auch einfach das Schicksal am Schopf packen und auf eine bessere Zukunft hinarbeiten?

Grinsend; was mit dem blutigen Gesicht sicherlich gruselig aussah; marschierte ich endlich etwas zuversichtlicher weiter und schwor mir, dass ich erfolgreich sein und mich beweisen würde.
    Gestern hatte ich noch geglaubt, dass ich in eine unzuträgliche Verkettung an Schicksalsschlägen gerutscht war, doch ich war schon immer gut darin aus Unglück Glück zu machen…
    Seit der Grundschule.
    Noch konnte meine Glückssträhne nicht abbrechen, dafür würde ich schon sorgen.


*


»Wir haben noch nicht geöffnet…«, trällerte eine heitere Stimme aus dem Hinterzimmer der Bar – im vorderen Bereich glänzte der frisch gewachste Boden und aus der Jukebox schmetterte ein melodischer Pop-Song.
    Der „Seventh Heaven“ hatte ein rustikales Erscheinungsbild und erinnerte mich ein bisschen an das Wohnhaus meiner Eltern, nur dass es hier nicht nach Mottenkugeln stank, sondern die Note von feinstem Bourbon in der Luft hing. Auf jedem Tisch lag eine laminierte Karte auf welcher das Angebot zum Cocktail des Tages geschrieben stand und die kleinen Schüsseln auf dem Tresen waren leer. Am Abend fand man wahrscheinlich Knabbereien darin, mir blieb dieser Snack jedoch vorbehalten.

Die Frau streckte ihren Kopf aus dem Raum hinter der hohen Theke und ihre kullerrunden rotbraunen Augen wurden noch größer als sie mich sah. Sie wischte sich die Hände an einer Schürze ab, die sie über einem cremefarbenen Rollkragenpullover und einer schwarzen Jeans trug und näherte sich mir vorsichtig – blieb aber auf Sicherheitsabstand hinter ihrem Schanktisch, was ich ihr wirklich nicht verdenken konnte.
    Tifa Lockhart sah zwar zierlich aus, doch ich wusste bereits, dass sie eine lange Ausbildung bei Meister Zangan hinter sich hatte und wenn man sich das Geld mit Prügeleien verdiente, dann kannte man diesen Namen einfach.
    »Du meine Güte… was ist denn mit Ihnen passiert?«, fragte sie und legte ihren Kopf leicht zur Seite. Ihr Haar war einige Nuancen dunkler als meins, glatt und lang – da wurde mir klar, dass sie eine viel gefährlichere Waffe als ihre Hände hatte: Nämlich sich selbst, als Ganzes. Noch hatten wir nicht wirklich ein Wort miteinander gesprochen und trotzdem fühlte ich mich sofort so, als machte sie sich tatsächlich Sorgen um mich. Vielleicht war es nur, weil sie in mir einen potenziellen Kunden sah, aber dies war mehr Empathie als ich von jedem anderen Menschen in dieser Stadt bekommen hatte.

»Ein Überfall… schätze ich.« Diese Ausrede hatte ich mir bereits auf den Weg hierher überlegt, doch Lügen waren nicht wirklich meine Stärke.
    »Schätzen Sie also?« Auf ihr hübsches Gesicht schlich sich für wenige Sekunden ein nachdenklicher Ausdruck, doch ihr gutes Herz gewann den Kampf gegen die Skepsis. Einen Augenblick verschwand sie aus meinem Sichtfeld; duckte sich irgendwo hinter den Tresen; und tauchte dann mit einem Erste-Hilfe-Koffer wieder auf. »Setzen Sie sich doch bitte«, bot sie an – ich folgte dem Angebot und saß ihr Sekunden später gegenüber.
    »Es tut mir leid, dass ich Sie einfach so in ihrer Freizeit belästige…«, gab ich zu und meinte es auch wirklich so. »Aber dies war das einzige Lokal, bei dem ich nicht vor einer verschlossenen Tür stand.« Wie es um die Kriminalität in diesem Stadtteil stand, wusste ich nicht, doch ich musste mir verkneifen ihr zu mehr Vorsicht zu raten.
    Schmal lächelte sie mich an; schlug ihre langen Wimpern auf und fischte aus dem Köfferchen einen Wattebausch, sowie ein blaues Fläschchen. »Mit Heilungs-Materia kann ich leider nicht dienen«, baute sie das Gespräch weiter auf und tränkte die Watte dann in strengriechende Flüssigkeit. »Aber die Potion sollte zumindest ein bisschen helfen.«
    Ich sah sie an, sie sah mich an.
    »Versprochen.« Ihr Lächeln wirkte zuversichtlich.
    Man merkte ihr an, dass sie Erfahrung darin hatte, sich um die Wunden anderer zu kümmern. Behutsam tupfte sie meinen Nasenrücken entlang und kümmerte sich dann um die Platzwunde an meiner Wange.
    »Das machen Sie gut«, lobte sie mich lachend. »Meine Jungs halten sich nie so wacker.«
    »Sie haben Kinder?« Tseng hatte mir einige Eckdaten über Tifa Lockhart gegeben, weshalb ich die Antwort eigentlich schon kannte, aber sie wusste ja nicht, dass ich es wusste… und irgendwie mochte ich sie bereits, weshalb der Smalltalk wohltuend war.
    Ihr Lachen wurde kurz lauter – glockenhell und schön. »Nicht so wirklich… aber ich kümmere mich um drei Stück.«
    »Klingt nach einer Menge Arbeit. So eine Bar und dann noch drei Kinder.« Wenn man in der Gold Saucer arbeitete; selbst wenn es nur als Prügelknabe war; lernte man schnell, wie man am besten Gespräche führte und mit ihr schien es überhaupt nicht schwer. »Ich bin neu in der Gegend…«
    »Und was treibt Sie in das schöne Neo Midgar?« Sachte schloss sie den Koffer wieder, wendete sich aber nicht von mir ab, um ihn wieder wegzuräumen.
    Einen Moment überlegte ich ihr eine Lüge aufzutischen und von einem abenteuerlichen Auftrag zu berichten, doch bevor ich mich in ein Gespinst verrannte, blieb ich bei der Wahrheit. »Eine neue Chance… schätze ich.«
    »Sie schätzen ja ganz schön viel«, merkte sie an und räumte den Kasten wieder weg. Während sie kurz aus meinem Blickfeld verschwunden war, schaute ich auf die schlichte Wanduhr, die in einem wirren Sammelsurium aus Andenken fast unterging. Überall wo Platz war, klebten Postkarten oder Fotos. Stammgäste, die mit Tifa lächelnd in die Kamera grinsten, jedoch auch etliche Schnappschüsse von den
drei Kindern.

Fast zwölf Uhr. Dies musste heißen, dass bald mein eigentliches Zielobjekt hier auftauchen würde. So charmant Tifa auch war, sie war nur eine Möglichkeit um Zeit zu schinden und eine Brücke zu meinem eigentlichen Objektiv zu bauen.

In der zweiten Etage hörte man den Boden knarren; die Bardame blickte nach oben und in ihrem Ausdruck veränderte sich etwas. Ihre Pupillen weiteten sich und die blassen Wangen waren plötzlich zartrosa. »Kind Nummer Drei ist gerade wach geworden«, erklärte sie und löste sogleich den Knoten ihrer Schürze, um sie dann abzulegen und zusammenzufalten. »Kann ich Sie wieder entlassen? Ich möchte nicht unhöflich sein und hätte Sie sehr gerne wieder als Gast… aber die Pflicht ruft allmählich.«
    Anhand ihres Tonfalls konnte ich nicht erschließen, ob sie aufrichtig war; glauben wollte ich es ihr hingegen gern; allerdings war meine Mission hier noch nicht zu Ende und deshalb konnte ich mich nicht einfach abwimmeln lassen. »Wie wäre es denn, wenn wir einen Kaffee trinken würden?«
     So, wie sie aussah, musste sie diese Frage ziemlich oft hören, doch ihre Reaktion wirkte tatsächlich überrascht. »Und wo?«
     »Ich habe ja bereits gesagt, dass ich neu hier bin. Wie wäre es denn, wenn wir hier einen Kaffee trinken?« Grinsend nickte ich in Richtung der Kaffeemaschine, die bereit für den Betrieb war. »Scheint der beste Laden weit und breit zu sein.«
    »Sie… laden mich zu meinem eigenen Kaffee ein?« Verdutzt blinzelte sie mich an.
    »Ich schätze schon«, betonte ich besonders keck.
    Wieder erklang ihr hübsches Lachen. »Ich weiß ja nicht einmal Ihren Namen.«
    »Daimon. Und Sie sind?«
    »Tifa… Nett, Sie… nett, dich kennenzulernen!«
    Über die Höflichkeitsfloskeln waren wir nun endlich hinaus und ich fühlte mich im infiltrieren Gebiet gleich viel wohler. »Ich finde es auch nett!«, bestätigte ich und beobachtete, wie sie den Kaffee aufsetzte. Alles was sie tat, schien sie mit großer Sorgfalt zu vollrichten und ich spürte noch immer die sanfte Streicheleinheit der Watte, welche unter ihren Fingern über mein Gesicht getanzt war. Bei all den Dingen, die ich nicht empfinden konnte, liebte ich alles was ich fühlte umso mehr.

Neben der Schmerzunempfindlichkeit kam mit meinem Syndrom auch das Fehlen von Schweißsekretion und der Thermoregulation. Ich spürte weder den Winter, noch die Hitze wirklich – aber auch hier hatte ich gelernt mich anzupassen, um normal zu wirken. »Darf ich meinen Mantel aufhängen?«, fragte ich also höflich und schälte mich aus dem Filzstoff, als sie mir zunickte.

Bevor der Kaffee durch die Maschine gelaufen war, gesellte sich endlich der eigentliche Grund für meinen Abstecher zu uns herab. Mürrisch blickte mir ein blonder Mann entgegen, der wohl nicht mit dem Besuch gerechnet hatte, sich die Überraschung aber zumindest nicht anmerken ließ.
    Seine Augen waren wirklich außergewöhnlich und die Farbe erinnerte mich sofort an den Lebensstrom selbst. Ansonsten passte auch der Rest seiner Gestalt zu der Beschreibung, die mir zugetragen wurde. Für einen Mann war er nicht sonderlich groß, sein Erscheinungsbild wirkte irgendwie eher schlank und im Gegensatz zu Miss Tifa, zeigte er sein Misstrauen deutlich länger, bevor er es dann auch endlich direkt verbalisierte.
     »Wer ist das und was will er hier?«, fragte er an seine Mitbewohnerin gerichtet und ignorierte mich so, als wäre ich gerade gar nicht in Hörweite.
    »Du vergisst deine Manieren, mein Lieber…«, mahnte sie streng und holte drei Tassen aus einem der Geschirrschränke. »Das ist Daimon und er ist ein neuer Gast.«
    »Hey.« Den Gruß mit erhobener Hand missbilligte er ebenfalls – nur für den Bruchteil einer Sekunde sah er zu mir.
    »Wir haben noch nicht offen…«
    Die drei Tassen landeten auf dem Tresen. »Siehst du denn nicht, dass er verletzt ist?«, appellierte die Barkeeperin und runzelte die Stirn.
    »Doch«, brummte er sofort und setzte sich ebenfalls an die Theke, wobei er zwischen meinem Platz und sich einen Abstand von zwei Hockern ließ. »Aber es ist nicht unser Problem.«
    Seufzend stellte Tifa uns allen eine Tasse Kaffee hin und servierte ebenso frische Milch und Zucker – beides blieb jedoch unangerührt. »Manchmal muss man die Probleme anderer zu den Eigenen machen, Cloud. So lernt man interessante neue Leute kennen.«
    »Ich wollte keine Umstände machen…« Hastig trank ich einen Schluck.
    »Oh je! Der ist doch viel zu heiß!«
    Selbst Cloud sah mich jetzt an – zog eine Braue empor und überlegte.
    »Geht schon…«, murmelte ich verlegen, setzte das heiße Getränk aber schnell wieder ab. Manchmal vergaß ich dann doch, wie man sich wie ein normaler Kerl verhielt.
    »Wenn du meinst…« Auch Tifa war nun ein bisschen argwöhnisch und ich glaubte fest, dass ich nun rausfliegen würde. Doch entweder sie schrieb meiner obskuren Scharade nicht viel Bedeutung zu; sicher bediente sie einen Haufen komischer Typen; oder sie war zu anständig, um mich umgehend vor die Tür zu setzen. »Er bleibt nur für einen Kaffee. Dann geht er. Okay, Cloud?«
    Schier glühendes Blau lag auf mir, dann hob er träge die Schultern und widmete sich seinem eigenen Gebräu.

Viel hatte man mir über Cloud Strife nicht erzählt, doch während ich den Plausch mit Lockhart aufrechterhielt, huschte mein Blick immer wieder zu ihm. Davon, dass er so unglaublich stark war, konnte man die Ansätze an seinen Armen sehen. Die waren definiert und kräftig, was ich selbst durch den Stoff seines dunkelgrauen Sweatshirts erahnen konnte.
     Andernfalls wirkte er ausgezehrt. Unter seinen ausdrucksstarken Augen lagen dunkle Ringe und die Haut seiner Lippen war nicht nur ausgetrocknet, sondern auch ein wenig aufgesprungen. Frisch war die Wunde zwar nicht, aber eine rosarote Schorfschicht hatte sich nahe seines Mundwinkels gebildet. Was ich von ihm gehört hatte, stimmte nicht mit dem Signal überein, welches ich jetzt bekam, wo ich in seiner direkten Nähe war.
    Schon vor meinem Antritt bei Shinra hatte ich natürlich von den großartigen Rettern der Welt gehört, doch was weltliche Geschehen anging, war ich schon immer ein kleinwenig ignorant. Ich las darüber gerade so viel, wie ich musste und dann verdrängte ich das Elend ganz schnell wieder.

Tifa war gerade in eine Geschichte über Marlene vertieft, als ich auf die Sekunde genau meine Tasse mit Cloud leerte. Ich beugte mich zu meiner Gesprächspartnerin und flüsterte. »Ist er das anstrengendste Kind?«, wollte ich mit einem Augenzwinkern wissen.
    Ein letztes Mal für heute, hatte ich sie zum Lachen gebracht und sie nickte. »Wenn du das nächste Mal vorbei kommst… dann bitte wenn wir offiziell geöffnet haben, ja?« Auch sie zwinkerte und schob mir eine Visitenkarte über den Tisch, auf welcher nicht viel außer dem Namen des Lokals und die Öffnungszeiten standen.
    »Es gibt ein nächstes Mal?«
    »Wir haben hier nicht nur den besten Kaffee, sondern auch die besten Cocktails.«
     Beim Lächeln bleckte ich die Zähne. »Alles klar, dann Deal!«

Gemütlich zog ich meinen Mantel über und lauschte noch dem, was die beiden zu besprechen hatten.
    »Du musst dich beeilen, Cloud… wenn du die Lieferung nicht um Punkt 13 Uhr abholst, darf ich mir wieder stundenlanges Gemecker am Telefon anhören… du weißt, wie Madame M sein kann.«
    »Ja… weiß ich zu gut. Ich gehe sofort los…«
    »Na, dann kannst du ja Daimon nach Draußen begleiten! Ich muss anfangen zu kochen…«

Bingo!

Ich hätte auch draußen gewartet, wenn er aber gleich mitkommen wollte, dann musste ich mir nicht die Beine in den Bauch stehen. Cloud war von der Idee weniger begeistert, doch er griff erst nach seiner Lederjacke und hielt mir dann die Tür auf. Gute Kinderstube war hierfür nicht der Grund, er wollte einfach nur sicher sein, dass ich Tifa nicht noch länger auf die Pelle rückte.
    Ihm hielt mein Lächeln nicht stand, weswegen ich mich missmutig unter seinem Arm duckte und nach draußen trat. Mittlerweile schaffte es die Sonne durch ein paar zerfetzte Nebelschwaden zu dringen, das Grau konnten die Strahlen aber nicht ganz vertreiben.

Hinter uns fiel die Tür ins Schloss; Cloud streifte sich die Jacke über. Ein quietschgelber Chocobo-Patch zierte seine Schulter, sonst wirkte das schwarze Leder äußerst edel und ließ ihn beinahe gefährlich wirken. Einschüchtern konnte er mich mit dem Aufzug genauso wenig, wie mit seiner kalten Schulter.
    »Ich mag den Winter…«, bemerkte ich abwesend – den Kopf leicht in den Nacken gelegt, um den monochromen Himmel zu bestaunen.
    »Und ich mag es nicht, wenn man mich belügt«, zischte es neben mir.
    »Aber ich mag den Winter wirklich!«, verteidigte ich mich in einem Versuch witzig zu sein. Seine ernste Miene ließ darauf schließen, dass er nicht ganz so begeistert war. Hatte er von Anfang an gewusst, dass ich nicht einfach ein Fremder war, der sich zufällig mit Tifa angefreundet hatte? Womöglich…
   »Warum bist du hier?« Schon zum zweiten Mal an diesem Tag, spürte ich eine Hand auf meiner Schulter – Cloud war nicht weniger schroff als mein erster Gegenspieler. Eigentlich sah ich Cloud aber auch gar nicht als einen Feind, ob er mir das aber glauben würde?
    »Ich komme im Auftrag von Shinr-« Brüsk knallte ich gegen die Mauer, welche den kleinen Innenhof vor dem „Seventh Heaven“ umrandete, und der Aufprall drückte mir zunächst die Atemluft aus den Lungen. Tseng hatte gesagt, dass er mit meinem Vorgehen nicht zufrieden gewesen war, was war es was er erwartete? Dass ich zurückkämpfte? Oder, dass ich mich gar nicht erst fangen ließ?
    »Und warum traut Rufus Shinra sich dann nicht selbst hierher?« In seiner Stimme lag Zorn, seine Iriden pulsierten und verwandelten seine Augen in die einer Bestie. »Oder sein Schoßhund Tseng?«
     »Als du Rufus Shinra das letzte Mal gesehen hast, hättest du ihn fast aus dem Fenster geworfen…«, erinnerte ich ihn, indem ich die Information wiedergab, die ich aufgeschnappt hatte. Die Fronten zwischen dem AVALANCHE-Gruppenführer und dem ehemaligen Präsidenten der Electronic Company waren nicht geklärt und vor allem Cloud Strife schien ausgeprägte Rachegelüste entwickelt zu haben. Genau kannte ich die Geschichte nicht, aber auch als Tseng hier aufgetaucht war, hatte es wohl Ärger gegeben. Details waren vertraulich, aber es reichte damit ich mir ein ungefähres Bild machen konnte. »Und Tseng hat auch Hausverbot.«
    »Wenn ich Tifa erzähle, dass du mit Shinra unter einer Decke steckst, bekommst du auch ein Verbot und das dürfte dann dein kleinstes Problem sein«, drohte er und presste mich noch immer an den Schultern gegen die Mauer.
    »Berechtigterweise.«
    »Was will Shinra von mir?«
    Ich konnte mich nicht erinnern, ob ich dazu befugt war das Hauptziel darzulegen, doch Ehrlichkeit währte manchmal am Längsten, weshalb ich geradeheraus antwortete. »Wir suchen jemanden…«
    Kurz fiel die Härte von ihm ab; die Finger am Filzstoff lockerten sich; doch dann kehrte wieder die vorherige Strenge in ihn zurück. »Wen?«
    »Ich glaube, du weißt es.«

Sofort ließ er mich los und starrte mich ungläubig an.
    »Reno?«
    Langsam nickte ich.

»Reno… dann lebt er wirklich noch?«, flüsterte er.
    Sanft und verletzt.
    Dann schaute er mich entschlossen an.
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