Raben

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P16
13.09.2020
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Irgendwas muss die Vögel aufgeschreckt haben, denn sie erheben sich aus den Ästen eines der umstehenden Bäume. Weit entfernt höre ich ein Geräusch wie von einer Kettensäge. Vielleicht soll ihr Baum gefällt werden, und sie fliehen, um an einem anderen Ort ein neues Leben anzufangen. Aber vielleicht ist es auch nur ein Traktor, vor dem sie sich erschrocken haben und kommen früher oder später zurück, wenn die Ruhe wieder eingekehrt ist.

Mir gefällt der erste Gedanke besser. Es ist eine schöne Analogie. Denn genauso wie sie, bin ich dabei, mein altes Leben hinter mir zu lassen.

Halb lehne, halb sitze ich auf dem Grabstein meiner Großmutter und schaue im wolkenbehangenen Himmel den schwarzen Vögeln nach. Es ist irgendwie lustig, wie symbolisch heute alles ist. Denn meine Großmutter war leidenschaftliche Ornithologin. Sie hätte mir sagen können, welche Vogelart genau das ist. Mir persönlich sieht es nach Raben aus. Schwarz, groß, aber ich weiß nicht, ob sie sich in so großen Gruppen auf Bäumen aufhalten, oder doch eher allein.

Ich lege mich auf Raben fest, denn sie passen gut zu dem heutigen Tag. Zumindest das, wofür sie stehen.

Großmutter dreht sich vermutlich gerade im Grab unter mir um, weil ich nichts über Vögel weiß und mir einfach eine Art aussuche. Es tut mir ein bisschen leid, sie zu enttäuschen, sie war mein liebster Mensch. Ihr Tod hat mich tief getroffen, deshalb komme ich oft wieder her. Es ist schon eine Weile her, aber sie fehlt mir wie am ersten Tag.
Der Alarm an meiner Armbanduhr geht los. Es ist ein stummer Alarm, ich spüre bloß die Vibration an meinem Handgelenk. Ich hebe es und schalte meine Erinnerung aus. Es ist nicht so, als hätte ich vergessen, weshalb ich hier bin.

Ich richte mich auf, gehe ein paar Schritte weg, drehe mich aber nochmal zu Großmutters Grab um. Ich präge mir ein letztes Mal die Inschrift darauf ein, nehme ein letztes Mal die Form des Steines in mich auf. Ein letztes Mal habe ich ihr Blumen hingestellt. In Zukunft wird es niemand mehr tun, doch sie weiß, dass ich es tun würde, wenn ich noch könnte.

Mit einem stummen Abschied wende ich mich ab und gehe den Weg entlang. Ich nehme nicht den Eingang, der zur Straße führt, sondern den hinteren, den in Richtung Wald.

Als ich das Eisentor hinter mir lasse, denke ich darüber nach, dass ich dieser Stadt, der Welt, allem noch eine Chance gegeben habe. Sie sollten mich überzeugen, dass das Leben hier nicht hoffnungslos ist, dass nicht neunundneunzig Prozent der Einwohner schlecht sind. Diese Stadt hat nie etwas Gutes hervorgebracht, ich dachte, sie würde ihre Chance ergreifen.

Sie hat es nicht getan.

Ich habe sogar noch diesen Film im Kino abgewartet. Nur weil ich den sehen wollte, habe ich meine Pläne noch um einen Monat verschoben, eine Gnadenfrist, doch auch sie blieb ungenutzt.

Der Wind nimmt zu, ich nähere mich dem Waldrand. Mein Schritt wird nicht langsamer, ich schreite stark voran.

Windböen reißen an meinen Haaren und meiner Kleidung, vielleicht will zumindest die Natur mich aufhalten, doch es ist zu spät. Der Alarm hat zum letzten Mal geläutet, den ich das letzte halbe Jahr über anhatte. Immer in dem Bewusstsein, dass der Tag noch nicht gekommen war, doch dass er unwiederbringlich näher rückte.

Der Wald liegt hinter mir, die letzten Meter gehe ich bedächtig, bis ich an der Klippe stehe und nach unten schauen kann.

Die Wellen schlagen gegen die Felsen in der Brandung. Sie bergen die Kraft des Ozeans. Sie sind wunderschön und gefährlich.

Ich rücke noch näher an die Kante. Ich lasse ein paar Sekunden verstreichen, falls das Universum oder wer auch immer doch noch etwas beweisen will, doch das will es offenbar nicht.

Ich schließe die Augen, spüre die Kühle und die Kraft des Windes, rieche das Salz des Meeres, höre das Brausen und Toben der Wellen tief unter mir. Die Sonne scheint nicht.

Weit entfernt ruft noch ein Vogel, es klingt wie ein Abschied.

Meine Lippen umspielt ein zartes Lächeln beim Gedanken daran, und daran, dass ich bald Großmutter wiedersehen werde, vielleicht ist sie es ja, die mich durch den Vogel zu sich ruft.

Damit breite ich die Arme aus und mache einen Schritt über die Kante. Ich werde fliegen, wie ein Vogel. In den Himmel. Zu Großmutter.
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