Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Spot the pigeon

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16
Akaashi Keiji Bokuto Koutarou OC (Own Character)
13.09.2020
12.11.2020
5
13.006
8
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
13.09.2020 1.145
 
Shout

Wir alle sind die Protagonisten in unserem eigenen Leben. Das hörte sich ganz schön pathetisch an. Kein Wunder, sie hatte es aus einem Anime. Da wunderte es ja niemanden, dass diese Worte etwas überspitzt klangen. Doch so sehr sie sich auch einreden mochte, wie kitschig das alles klang, bekam sie sie nicht aus dem Kopf...

Sie saß an der Kasse des kleinen Konbini und drückte auf ihrem Telefon rum. Außer ihr war niemand im Laden, was angesichts der Uhrzeit auch kaum verwunderlich war. Die Halogenlampen warfen ihr weißes Licht auf das Handy und reflektieren sich in ihrer Brille. Eigentlich sah sie sich nur die alten Fotos an. Das tat sie für gewöhnlich, wenn ihr langweilig war oder sie auf jemanden wartete oder etwas und folgte keinem höheren Sinn. Und weiterswipen – schöne technologisierte Welt! Hoffnungsvoll, sich etwas ablenken zu können, verbrachte sie einige Minuten auf Instagram, doch einzig eine Werbung für wieder eine neue Lovestoryapp wurde ihr angezeigt.

›Wo kommen die eigentlich immer her?‹

Sie zögerte kurz – vielleicht konnte sie sich ja so die Zeit vertreiben? Sie sah nochmal in das Gesicht des Adligen, der in seinen Augen ein eindeutiges Interesse an ihr verlauten ließ.  Mit dem Zeigefinger über dem Bildschirm schweeebend entschied sie sich um und wechselte wieder zu ihren Fotos. So scrollte sie durch die Fülle an Bildern, die allesamt noch aus ihrer Zeit in Fukui stammten. Seit fast einem Monat lebte sie nun in Tokyo, gute sechs Stunden von ihrem alten Leben entfernt. Ihr Kontakt zu ihrem früheren Wohnort lag damit trotz Line praktisch bei Null. Und obwohl Fukui die größte Stadt der Präfektur war, eine eigene Uni hatte, eine Burg, Museen und ihrer Meinung nach, alles was das Herz begehrte, war Tokyo größer und einfach mehr. Überall gäbe es etwas zu erkunden. Doch bis jetzt kannte sie gerade mal die Strecke von der Machiya zum Laden und einmal die Einkaufsstraße hoch und runter. Mit dem Zug war sie erst zweimal  gefahren. Die vielen Linien, Richtungen, Farben und Endpunkte machten sie ganz wirr im Kopf. Sie zweifelte daran, sich jemals annähernd in Tokyo zurechtzufinden. Das war auch keine große Überraschung, wenn alle Bahnhöfe gleich aussahen. Während sie abwesend auf ein Foto von einem animatronischen Dinosaurier sah, bemerkte sie nicht, wie die tönende Glocke des kleinen Ladens schellte und neuen Besuch ankündigte. Sie blickte nicht auf. Wie gebannt sah sie auf die verschwimmenden Farben und war gedanklich schon wieder bei den Worten des Animes. Als sie schließlich aufblickte, war niemand zu sehen.

Sie fühlte sich nicht wirklich wie eine Protagonistin. Was genau zeichnete eine denn als Hauptdarstellerin aus? Rosa Haare hatte sie nicht, auch keine stechenden blauen Augen, sie war weder besonders dünn oder dick. Ihrer geschätzten Meinung nach war sie recht normal und vielleicht etwas zu alt für ihre 17 Jahre. War das ihre Besonderheit – ihre Reife?

›Ich höre mich an wie eine Banane.‹

Besonders in der neuen Stadt hatte sie das Gefühl, sie bewege sich wie eine alte Frau, den Blick starrend auf die blinken Anzeigen geheftet und die Brille an die Nasenwurzel drückend. Wenn der Satz „Du bist nur so alt, wie du dich fühlst“ stimmte, dann wäre sie wohl die schrullige Alte, die den Kindern mit einem dicken Grinsen und einem schmerzvollen Kneifen in die Wange, ihre Süßigkeiten andrehte.  Äußerlich bemüht jung, doch körperlich ein Wrack.
Würde sie die Rollen besetzen, dann bekäme sie eine Zweitbesetzung.

Ihren eigenen pseudophilosophischen Gedanken nachhängend bemerkte sie nicht, wie zwei junge Männer vor sie traten. Sie legten ihre Einkäufe vor sie und redeten unbehelligt weiter, während sie mit geschlossenen Augen dasaß und den Eindruck machte, als würde sie schlafen.
» ... sowas von zermalmen, sag' ich dir. Wenn ich so spiel' wie heute, dann haben sie keine Chance und Kuroo kann sich das dumme Grinsen aus dem Gesicht wischen!«, sprach der Größere der beiden aufgeregt. Augenrollen!
»Hast du Weichbirne schonmal daran gedacht, dass Nekomas Team nicht aus einem Haufen Erstklässler besteht?«
»Aber Akaashi,« kam es großväterlich von ihm, »du brauchst dich nicht grämen. Gib ruhig zu, dass ich heute einfach unhaltbar war.«

›Unhaltbar schamlos vielleicht!‹

Statt zu antworten, richtete sich der Blick des Anderen auf die junge Kassiererin und nickt zu ihr rüber.
»Sag mal schläft die?«
Triumphieren schlug sein Gegenüber sich auf die Brust, warf dann aber seine Augen auf das schlafende Geschöpf vor ihm. Er witterte eine Chance.
»HEY HEY, schläfst du?«, kam es erschreckend laut und mit einem Grinsen, das an einen übergroßen Raubvogel erinnerte, von ihm, während der Kleinere sich mit einem kritisch Blick von dem Schauspiel abwendete. Er rechnete angesichts des Klingelns in seinen Ohren schon mit dem Schlimmsten. Angefangen von spitzen Schreien, die einem das Trommelfell zerfetzen konnten, über Ohrfeigen, vielleicht ein paar gebrochenen Knochen bis hin zu lebenslangem Ladenverbot.
›Dabei mag ich die Onigiri hier wirklich gerne.‹
Doch anstatt wie von der Tarantel gestochen aufzuschrecken und dem Jungen mit der Stachelfrisur in die Hölle zu fluchen, wie er es verdient hätte, machte sie nur zögerlich die Augen auf, blinzelte einmal kurz, als hätte sie ihren Lebtag noch keine Kunden gesehen und zeigte dann ein Lächeln, das dem Schreihals Konkurrenz machte.
»OH, DAS TUT MIR SCHRECKLICH LEID«, schrie sie zurück, als wollte sie sich über ihn lächerlich machen, sah dabei aber aus, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Sie verbeugte sich tief vor beiden und kam dabei mit der Stirn der Kasse gefährlich nah.
»ICH bin manchmal etwas UNaufmerksam! ENTSCHULDIGEN SIE bitte mein VERHALTEN, ich lerne noch. Darf ich IHRE WAREN ABZIEHEN? Zahlen sie ZUSAMMEN ODER GETRENNT? KANN ICH IHNEN EINE TÜTE GEBEN? ODER ZWEI?“, sprudelten ihr die Worte aus dem Mund und das nicht nur in einer irren Geschwindigkeit, sondern auch mit einem Crescendo, das sich gewaschen hatte.

Sie sah ihre ersten beiden Kunden an, als wären sie Götter. Irgendwie hatten sie auch etwas Gottgleiches, wie so dastanden groß und breitgebaut in ihren weißen Sportjacken, dem verwegenen Aussehen und einer Attitüde, als könnten sie die Welt unterwerfen, wenn es ihnen nicht gerade zu umständlich gewesen wäre. Und plötzlich schoss es ihr durch den Kopf: So sehen Protagonisten aus!
Sich an ihren auswendiggelernten Text erinnernd, wiederholte sie alles, was ihr in diesem Moment noch einfiel und lächelte dabei so breit, wie sie nur konnte. Sie würde diese Zweitbesetzung rocken.

Nach einer kurzzeitigen Verwunderung wurde das Lächeln des Größeren noch breiter. »Ja, zusammen und eine Tüte, bitte! Akaashi, du musst bezahlen, ich hab' mein Portemonnaie vergessen«, und während das Mädchen noch die restlichen Artikel einscannte und sein Kumpel genervt nach seinem Geld kramte, nahm er sich eines der Onigiri, öffnete es und biss bei Weitem zu gut gelaunt für einen so normalen Abend wie diesen in das Reisbällchen.

»VIELEN DANK FÜR IHREN BESUCH! BEEHREN SIE UNS BALD WIEDER!“ dröhnte es ihnen hinterher, als die Ladentür sich bereits wieder schloss.

Rückwärtslaufend und mit wackelnden Augenbrauen sah Bokuto Kōtarō seinen besten Freund an. »Naaa?«
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast