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Apokalypse

von Daedun
GeschichteAbenteuer / P16
Alucard Enrico Maxwell Integra Wingates Hellsing Paladin Alexander Anderson Seras Victoria Walter C. Dolneaz
13.09.2020
08.01.2021
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18.10.2020 3.582
 
Paladin Anderson hatte sich vorgenommen, es mit dem pünktlichen Aufbruch nicht allzu genau zu nehmen. Nach ein paar Stunden Schlaf in einem der Gästezimmer hatte er sich vor dem Frühstück noch rasch zur Morgenandacht begeben, bevor er endgültig nach Vinci aufbrach.
Darum war es bei seiner Ankunft auch schon fast Mittagszeit. Der erste Glockenschlag der Kirchturmuhr begleitete sein Aussteigen aus dem Bus. Trotz Maxwells Angebot ihm einen Wagen nebst Fahrer zur Verfügung zu stellen, hatte er darauf bestanden die Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück zu legen. Es hatte ihn zwar eine Stunde mehr Zeit gekostet, dennoch empfand er es als Diener Gottes und Jünger Jesus nur als recht und billig so sparsam wie möglich voran zu kommen.

Mit einem leisen Lächeln auf den Lippen, sah er sich auf dem kleinen Marktplatz um. Wie sehr hatte er dieses rege und dennoch müßige Treiben vermisst. Die Bauern, die lauthals ihre frischen Waren anboten. Die alten Leute, die mit ihren Krückstöcken vor sich die Kinder belehrten, die fröhlich singend mit Murmeln spielten. Diese leichte Lebensweise war wirklich nur den südlichen Europäern möglich. Das durch und durch aristokratische Britannien schien davon Lichtjahre entfernt. Er riss sich von dem Anblick los um mit langsam federnden Schritten  auf die schwere Kirchentüre zu zusteuern, deren offene Flügel ihm wie eine Einladung erschienen.  

Drinnen empfing ihn die friedliche Stille eines gottesfürchtigen Hauses. Bis auf einen recht altersschwachen Priester, der gerade im Begriff war sich seine liturgische Gewandung zu entledigen. Nach einer knappen Begrüßung hellte sich die runzelige Miene des Mannes auf. „Euch schickt der Himmel Bruder Anderson.“ Zusammen verließen sie die heilige Halle und begaben sich durch einen winzigen Kreuzgang in die privaten Zimmer des Priesters, der sich als Bruder Leonardo vorgestellt hatte. Bevor er aber Anderson über die Geschehnisse der letzten Tage unterrichtete klingelte er nach seiner Hauswirtin um Expressi für sie beide zu bestellen. „Dies und ihre hervorragender Mirabellenkuchen sind mein einziges Laster.“ Verriet er mit einem verschmitzten Lächeln. Alexander konnte ihn nur zu gut verstehen, nach dem er sich das erste Stück in den Mund geschoben hatte. Aber nach dem der letzte Krümel verzehrt war, kam er zum eigentlichen Grund seines Besuchs.
Bruder Leonardo führte ihn auf den Friedhof zu den Gräbern. „Es ist wirklich schrecklich,“ seufzte der Priester kummervoll. „Ich kann mir das alles überhaupt nicht erklären!“ „Diese Art von Grabschändung hat es hier noch nie gegeben?“ „Es hat ihr überhaupt noch nie so etwas gegeben.“ Ereiferte sich der kleine Mann händeringend. „In meiner ganzen Amtszeit noch nicht und ich bin fast sechzig Jahre hier.“ Anderson inspizierte genau jeden einzelnen Winkel der leeren Gruben, zum Schluss nahm er sich die zerstörten Kreuze vor, doch es gab keinen Hinweis darauf, dass sich hier verdammte Körper selbstständig aus ihren Ruhestätten befreien konnten.
Vielmehr deutete die gleichmäßige Verteilung der Erde drauf hin, dass hier jemand von außen eingewirkt hatte.  
Nichtsdestotrotz waren fünf Leichen verschwunden, die bis auf das Selbe Todesjahr offensichtlich nichts miteinander verband.
„Was haben sie den Familien gesagt?“ Leonardo zuckte mit den Schultern. „Das es einen Rohrbruch unterhalb dieses Abschnitts gegeben hat und wir deshalb gezwungen waren, die Gräber zu verlegen.“ Er deutete mit dem ausgestreckten Finger über seine Schulter. „In den hinteren Teil. Die Angehörigen waren nicht wirklich davon begeistert, dass wir diese „Umbettung“ über ihre Köpfe hinweg entschieden haben.“ Alexander nickte „Ein guter Einfall.“ „Er kam von seiner Exzellenz Maxwell.“ „Das habe ich mir gedacht.“ Sie machten sich langsam wieder zurück ins Dorfzentrum. „Was werden sie jetzt unternehmen?“ fragte der Priester leise, als sie über den immer noch belebten Marktplatz schritten. Anderson runzelte die Stirn. „Zunächst werde ich mich mit ihrer Erlaubnis ein wenig unter ihren Schäfchen umhören. Wer weiß ob nicht jemand in der fragwürdigen Nacht etwas beobachtet hat und dann werde ich heute Abend einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen.“
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„Wir brauchen noch mehr.“ Die Bestimmtheit mit der dieser Satz ausgesprochen wurde, duldete keinen Wiederspruch. Jeder der Männer wusste dass und keiner wagte es, auch wenn das bedeutete erneut das Risiko auf sich zu nehmen, entdeckt zu werden.
Der stechende Blick ihres Meisters glitt über jeden einzelnen von ihnen hinweg, als er sich von den bereits fertigen Präparaten abwandte.
„Ihr arbeitet gut“ lobte er sie „und glaubt mir,  all die Mühen werden sich gelohnt haben.“ Er wischte sich den Schweiß von der zerfurchten Stirn. Sie reichte ihm schnell ein Tuch und genoss seinen dankbaren Blick, als er es ihr aus der Hand nahm. Sie war nur eine von vielen, doch sie wusste, dass wenn es soweit war, er sie besonders belohnen würde.

Oft genug hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass sie für ihn mehr war als nur ein Jünger seiner Lehre. Dabei basierte ihre Verbundenheit nicht auf eine obszöne Intimität. Diese Gerüchte waren ihr bekannt, auch wenn die anderen es nur hinter ihrem Rücken wagten sich darüber ihr Maul zu zerreißen, waren diese Spekulationen längst zu ihr durchgedrungen.

Diese Narren! Dachte sie verächtlich. Sie hatten keine Ahnung worum es hier wirklich ging. Welchen großartigen Schatz sie bald heben würden, den die alten Babyloniener ihnen hinterlassen hatten.
Sollten sie doch weiterhin glauben, dass körperliche Gefälligkeiten der Grund für ihre hohe Position innerhalb der Gruppe war. Wenn der große Tag kam, würden sie es endlich verstehen, auch wenn es dann zu spät sein würde.
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Anderson hatte sich von Leonardo vor dessen Haustür getrennt und wie angekündigt hatte er sich auf dem Dorfplatz ein wenig mit den Einheimischen unterhalten. Die Alten Mütterchen waren immer eine gute und zuverlässige Quelle, wenn es darum ging alles über jeden zu erfahren.
Somit dauerte es nicht lange, er über die Meinung der Umbettung im Bilde war. „Unser Pastorie ist ein feiner Mann Hochwürden,“ nuschelte eine der zahnlosen Frauen „aber trotzdem ist es nicht fein, unsere Lieben ohne uns zu fragen einfach woanders zu begraben.“ Zwei Greise, einer mit spärlichen Bartstoppeln am Kinn aber ohne ein Haar auf dem Kopf und ein anderer bei dem es genau anders herum war nickten zustimmend.
„Aber für das kaputte Wasserrohr kann er ja nichts“ versuchte der Priester zu beschwichtigen „Gewiss, aber wenigsten vorher Bescheid geben, hätte er können.“ Brummte das Weiblein. Wieder zustimmendes Nicken. Anscheinend war sie hier das Sprachrohr der Gedanken der Übrigen. Mühsam unterdrückte er ein Seufzen. Es war einfach unmöglich es jedem Recht zu machen, schon gar nicht einer italienischen Dorfgemeinschaft.

Bevor er jedoch darauf antworten konnte, fing nun einer der alten Männer an sich einzumischen. „Wir werden doch so wieso nicht mehr nach unserer Meinung gefragt!“ ereiferte er sich jetzt. „Bei so was nicht und bei allem anderen auch nicht! Denkt doch nur mal an die alte Villa der Familie Morti! Der alte Andrea würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, das der Bürgermeister der alte Gierhals, die Mauern, die er mit seinen eigenen Händen im Schweiße seines Angesichts aufgebaut hat, einfach an diese Ausländer verkauft hat!“ Nach diesen Worten spuckte er im hohen Bogen vor sich auf das staubige Pflaster.
Anderson horchte auf „Ausländer sind hier her gezogen?“ Der alte war immer noch in Fahrt. „Was heißt hier hergezogen? Bis auf einen Lieferwagen, der hier mal die Hauptstraße hochkam, haben wir von denen noch nicht das kleinste Bisschen gesehen! Wahrscheinlich so ein paar feine Pinkel, die nur herkommen werden, um ihr Ferien hier zu verbringen und sonst nichts mit uns zu tun haben wollen, aber das basiert auf Gegenseitigkeit! Meinet wegen brauchen die sich hier nicht blicken zu lassen!“
„Ach du,“ unterbrach ihn die Zahnlose mit einer herrischen Handbewegung, die symbolisieren sollte, dass er sich gefälligst nicht so aufregen sollte. Doch Andersons Interesse war geweckt worden und er bohrte nach „Wissen sie denn woher die Leute stammen?“ doch dieses mal erntete er nur ein Schulterzucken.
„Keine Ahnung, da müssen sie schon unseren Bürgermeister fragen, aber der kommt erst in zwei Tagen zurück. Sein Vetter heiratet morgen auf Sardinien.“ Es folgten noch ein paar weitere Anekdoten und bald verabschiedete Anderson sich von der kleinen Gruppe, die ihm noch ausführlich den Weg zur Villa erklärte.

Bevor er sich allerdings auf den Weg dorthin machte, ging er noch einmal rasch zu seiner Herberge hinüber. Die Sonne verschwand bereits langsam hinter dem Horizont und unbewaffnet wollte er auf keinen Fall sein, ganz egal wem er begegnete.
Sein Aufbruch verzögerte sich noch zusätzlich, da ihn die Haushälterin nicht ohne eine Abendmahlzeit ziehen lassen wollte, so kam es dass er erst eine gute Stunde nach Sonnenuntergang aus dem Dorf herauskam.
Immer der Beschreibung der alten Leute folgend marschierte er mit strammen Schritten erst auf der geteerten Bahn, dann auf dem ungepflegten Feldweg entlang. Das dichte Gestrüpp zu beiden Seiten erschwerte ihm zwar das Durchkommen, doch auch in diesen Dingen leisteten die Klingen in seinen Händen gute Dienste. Als er das verrostete Tor passiert und die dunkle Fassade vor sich gegen den dunklen Nachthimmel aufragen sah, verlangsamte er seine Schritte. Der alte Kasten lag vollkommen lautlos vor ihm. Die verrammelten Fensterläden im untersten Stock erweckten mit den verrotten Mauern nicht gerade eine bewohnten Eindruck. Es sah ganz da nach Haus, als wenn die neuen Eigentümer noch nicht mit den Renovierungen begonnen hätten. Nur die immer noch deutlichen Reifenspuren im sonst kniehohen Gras zeugten überhaupt davon, dass hier vor kurzen jemand gewesen sein musste.

Die Reifenspuren und das nagelneue Schloss, dass die Flügeltüren der Haustür zierte. Vorsichtig und vollkommen lautlos erklomm der Priester die drei Stufen die ihn vom Eingang trennte. Da kunstvolle, aber zum Teil kaputte Mosaike den alten Rahmen verzierten, versuchte er dadurch einen Blick ins Innere zu erhaschen, doch er hatte wenig Erfolg.  Also begann er langsam um das Haus herumzugehen. Vielleicht ergab sich ja irgendwo auf der Rückseite eine Gelegenheit ohne große Gewalteinwirkung hineinzukommen aber jemand hatte ganze Arbeit geleistet um Landstreicher oder ambitionierte katholische Priester fern zu halten. Er war schon fast ganz herum, als er den kaputten Rahmen an einem der  oberen Fenster bemerkte. Leise seufzend sah er zum benachbarten Baum hinüber, dessen Krone dicht genug zu stehen schien. Was tat er nicht alles für die heilige Pflicht.

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Die schwarzen Lieferwägen glitten lautlos wie Geister durch die nebelige Dunkelheit. Es war eine perfekte Nacht für ihr Unterfangen und trotz der stetigen Sorge bei ihrem verbotenen Treiben entdeckt zu werden, überwog in ihr schon bald das Gefühl bald ihr Ziel erreicht zu haben. Sie drückte, die dafür vorgesehene Kurzwahltaste ihres Smartphones und erteilte kurz und knapp die Anweisungen, die sie bekommen hatte, dann ließ sie das Telefon im Handschuhfach verschwinden.
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Schnaufend ließ sich Anderson  über den Fenstersims gleiten, erst als er Boden unter den Füssen spürte ließen seine Finger den Ast hinter sich los. Das war zwar nicht ganz einfach gewesen und in seinem Talar klaffte jetzt ein ordentliches Loch, aber immer hin hatte er erreicht, was er wollte. Er war drin.
Blinzelnd versuchte er sich im halbdunklen zu orientieren. Außer dem fahlen Mondlicht gab es hier drin keinerlei Lichtquelle. Alles was er ausmachen konnte war ein fast leerer Raum, in dem nur ein halbkaputter Stuhl und ein halbzerfallendes Bettgestell standen. Er tastete sich zur Tür vor, die ihn in einen rabenschwarzen Flur führte und zu einer Treppe, auf deren Stufen ihm unvermittelt ein altbekannter Geruch in die Nase stieß!

Seine Nasenflügel sogen witternd die abgestandene Luft ein, als sein Gesicht sich erhellte. Eindeutig und unverkennbar, diese Mischung aus schwerer Süße und nassem Hund, die nur er wahrnehmen konnte. Ein weiteres Talent das ihm die Jagd einfacher machte. Er musste sie gar nicht erst sehen um sie zu erkennen. Er konnte sie bereits riechen und wusste somit, dass es sich lohnen würde, weiter in das Innere des Hauses vorzudringen.

Langsam zog er einen Stapel der Bannblätter aus der Innentasche hervor, die er eines nach dem anderen sorgsam neben sich an die Wände und an die Haustür platzierte. Zufrieden betrachtete er kurz darauf sein Werk. Auf diesem Wege würde kein Untoter hier herauskommen und er konnte sie sich einem nach dem anderen vornehmen. Das es nicht nur einer war, dass verriet ihm die Intensität und wo er sie vermutlich finden würde die halboffene Tür, die allen Anschein nach in den Keller führte.

Den Griff eines Schwertes fest umschlossen betrat er die erste Stufe. Leise begann er die Herrlichkeit des Allmächtigen anzupreisen, dessen Güte ihm diesen Vergnügen bescherte. Er sah schon die wutverzehrten Gesichter vor sich, wenn sie versuchen würden ihn an zu springen und wie viel Spaß es machen würde dem ersten dabei den Kopf von den Schultern zu trennen, aber trotz seines jetzt doch nicht mehr ganz so leisen Kommens konnte er weder eine Regung wahrnehmen, noch wurde er angegriffen. Er erreichte unbeschadet das das feuchte Gewölbe. Wieder stand er vor einer Tür, doch dieses mal, ließ er sich von keine Schloss vor dem Eintreten abhalten. Mit einem einzigen gezielten Fußtritt flogen die Scharniere aus den Angeln und Anderson, der seine Erregung nicht mehr länger zügeln konnte flog unter Kampfgebrüll in den Raum.  
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Jeder Schritt war bis in die kleinste Sekunde durchdacht und erlaubte keine Verzögerung. Wie ein Uhrwerk griffen die einzelnen Handlungsstränge in einander. Den Ort der Bestimmung erreichen. Einer war abgestellt um sie vor überraschender Entdeckung abzusichern. Dann erfolgte die Arbeit der ersten Gruppe, die nichts anderes tat, als zu Graben bis die Särge frei lagen und die zweite Gruppe sie abtransportierte.  Kaum war das geschehen begannen die dritte bereits ihre Spuren zu verwischen. Schritt eins klappte reibungslos, doch plötzlich „Hey wer ist da? Was haben sie hier mitten in der Nacht zu suchen?“ Zuerst ließ der Schreck sie alle erstarren, doch als die heisere Stimme aus der Dunkelheit immer näher kam, fand sie als erstes die Fassung wieder „Scheiße! Los weg hier! Nun macht schon!“ Die Särge wurden fallen gelassen. „Nein ihr Idioten nehmt sie mit! Um den Kerl kümmere ich mich!“ Damit riss sie einem der Männer die neben ihr standen die Spitzhacke, mit der er zuvor noch im lehmigen Boden gegraben hatte, aus den Händen.
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Sein zorniger Schrei hallte von den kahlen Wänden wieder, als Anderson erkennen musste, dass die Vögel, die er suchte ausgeflogen waren.
Nur noch die Schleifspuren auf dem staubigen Boden zeugten davon, dass hier noch vor kurzem schwere Gegenstände wie Särge gestanden haben mussten.
Fluchend spuckte er aus.

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Integra spazierte mit neugierigem Blick durch die schummrigen, aber immer noch reich belebten Straßen von Florenz und konnte immer noch nicht recht glauben, dass sie wirklich hier waren. Die Sonne war kaum untergegangen, als Alucard bereits seine Pläne verkündet hatte. „Darf ich zur Abwechslung mal einen Vorschlag machen?.“ „Und der wäre?“ fragte Integra währen sie sich ihre langen Haare bürstete. Der Vampir lächelte verschmitzt. „Ich habe mich daran erinnert, wie dir Walter einmal von Florenz erzählt hat.“ Sie hielt überrascht inne und sah ihn an. „Von Florenz? Du meine Güte, da war ich doch noch ein halbes Kind.“ Er legte den Kopf schief „Ja, das war in einem deiner privaten Unterrichtsstunden in der Bibliothek“ Sie ging über die Tatsache, dass er sie dabei anscheinend belauscht hatte, schweigsam hin weg, darum beeilte er sich fortzufahren „Du hast förmlich an seinen Lippen gehangen, als er dir von den Uffizien erzählt hat und da keiner von uns jemals dort war. Nun könnten wir doch ein paar Nächte dort verbringen.“

Kurz darauf hatte er ihre Särge in den Lieferwagen verfrachtet, mit dem sie, hergekommen waren. Den Fahrer, nebst mitgereister Begleitung, hatte Alucard damals nach dem Ausladen gleich zu einer kleinen internen „Einweihungsparty“ wie er es genannt hatte dabehalten. Der LKW hatte seit dem in einem der Nebengebäude gestanden. Jetzt war er sorgfältig von Seras oberhalb der Stadtmauern, in der Nachbarschaft eines Friedhofs geparkt worden. Auf der christlichen Ruhestätte gab es ein kleines Mausoleum, in dem ihre Särge noch gut hineingepasst hatten.
Somit war ihre sichere Tagesstätte gefunden und sie hatten sich entspannt in das nächtliche Treiben der Stadt werfen können.

Die Stadt im Tal des Arno mit ihren majestätischen Brücken verlor selbst bei Nacht nicht ihren unverwechselbaren Glanz, der sich in jedem Gebäude wieder zu spiegeln schien. Integra genoss all die Reize, die auf sie einströmten, mit ihren neu erworbenen Sinnen und ließ sich immer mehr von der Faszination der Stadt einfangen.

Sie erreichten die Loggia die Lanzi, gerade als die Glocke des kleinen Turms zur vollen Stunde schlug. Alucard  betrachtete, wie die beiden Frauen die Rundbögen der Freitreppe mit den flankierenden Löwen, deren versteinerte Augen sie anzustarren schienen.
„Die sehen so echt aus.“ Flüsterte Seras ehrfürchtig. Es juckte sie in den Fingerspitzen. Zu gerne hätte sie  über die spiegelglatte Fläche der feinen Rückenlinien eines der Tiere gestrichen. Es war kaum zu glauben, dass ein Mensch, mit einem einfachen Hammer und Meißel, so eine Arbeit anfertigen konnte. „In der Tat sehr beeindruckend“ pflichtete ihr Integra bei, die sich einem der Statuen, die an der Fassade aufgereiht waren, zu gewandt hatte. Die Figuren schienen jeden Moment zum Leben zu erwachen. Alucard, der bis her kaum ein Wort gesagt hatte, machte plötzlich eine ausholende Handbewegung.

„Die größten Künstler der Menschheitsgeschichte haben diese Figuren, Paläste, Kirchen und Brücken erbaut. Ihr gesamtes irdisches Dasein galt einzig und allein dazu, etwas Schönes für die Ewigkeit zu schaffen.“ Dann setzte er leise hinzu. „Seit Anbeginn strebt der Mensch in all seinem Handeln nach Perfektion.“
Integra dachte kurz über seine Worte nach. Ja das stimmte. Seit ihr Urahn sich dazu entschlossen hatte vom Baum herabzusteigen und aufrecht zu gehen, verfolgte er stehts nur ein Ziel. Besser zu werden. Sie musste lächeln. Ihre Familie war doch dafür ein Paradebeispiel gewesen. Ihr Blick glitt zu dem Mann hinüber, den man einst Graf genannt hatte und an dem ihr Vater seinen Perfektionismus ausgelebt hatte.
Mit ihm hatte er sein Werk für die Ewigkeit geschaffen. Er stand unmittelbar neben einer halbnackten Marmorbüste und das übernatürliche Weiß seiner glatten Haut stand der Figur in nichts nach. Ganz zu schweigen vom Rest seines Körpers. Schnell versucht sie den Gedanken der da in ihr aufkeimte abzuschütteln. „Zu Schade, dass wir keines der Musen besuchen können.“ Seufzte sie laut  „Warum nicht?“ Alucard der plötzlich angefangen hatte zu grinsen, machte jetzt ein verdutztes Gesicht. Sie musste lachen  „Weil sie geschlossen haben? Leider stehen wir dafür immer ein wenig zu spät auf.“ Seras heftiges Nicken bestätigten ihre Worte, doch der Vampir ließ nur amüsiert den Blick zwischen ihnen hin und her wandern. „ Seit wann lassen wir uns von so etwas wie Öffnungszeiten davon abhalten das zu tun, was wir wollen? Für keinen von uns existieren mehr irgendwelche Gesetzte. Schon gar keine physikalischen.“
Sie schaute ihn misstrauisch an „ Aber was ist mit den Alarmanlagen und den Videoanlagen in den Gebäuden? Ich möchte ungern auf der Titelseite der Zeitung erscheinen, schon gar nicht in Italien.“ Ihre Bedenken erheiterten ihn immer mehr „Hast du mich jemals in England auf irgendeiner Titelseite gesehen?“ „Nein, aber..“ „Na also. Ich merke schon, dass du mich trotz allem immer noch sehr unterschätzt.“ Damit wandten er sich zum Gehen und den beiden Frauen blieb nichts anderes übrig als ihm zu folgen.
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Obwohl sie schon seit über einer halben Stunde wieder im Laster saß, raste ihr Puls noch immer wie ein Schnellfeuergewehr. Die Männer, hatten sie wortlos auf die Ladefläche zu den Särgen springen lassen, nach dem sie mit der blutigen Spitzhacke wieder aufgetaucht war. Noch immer vermieden sie jeden Blickkontakt mit ihr, starten statt dessen ihre Stiefelspitzen an, so lange bis sie die Tiefgarage erreichten und ihre „Beute“ sicher und ungestört ausgeladen konnten.

Die Körper mussten so schnell wie möglich die erste „Behandlung“, wie sie es für sich nannte, erfahren, damit es überhaupt funktionierte. Kribbelige Vorfreude verdrängte das drückende Gefühl der Schuld aus ihrem Kopf. Auch wenn es wieder Stunden dauern und mehr als nur anstrengend werden würde, sie konnte es kaum erwarten.
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