family affairs

von Lilli
GeschichteAllgemein / P16
Adam Ruzek Erin Lindsay Hailey Upton Henry "Hank" Voight Jay Halstead
12.09.2020
26.09.2020
9
13.754
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
16.09.2020 1.985
 
Der Nachtschlaf wehrte nur kurz.
Gegen 3 Uhr wurden Jay und Hailey durch lautes Weinen wach. Kinderschreie drangen aus dem Nebenzimmer.
Jay wurde als Erster munter, weckte dann Hailey auf.

Sie rannten ins Gästezimmer, wo sich der 6 Jährige unruhig im Bett wälzte, vor Angst zitterte und panisch schrie.

„Oscar“, sprach Jay den Jungen an und rüttelte ihn leicht an der Schulter, damit er aufwachte.
Der Junge fing an, im Halbschlaf um sich zu schlagen, aber Jay fing seine Fäuste ab.

„Oscar, wach auf! Wach werden!“

Plötzlich schlug er die Augen auf, wimmerte leise.

„Nicht schießen! Mama“, faselte er im Halbschlaf.
Hailey, die wie Jay an seiner Bettkante saß, zog ihn sofort in die Arme, in denen er leise weinte.

„Sch…Wir sind da. Du bist in Sicherheit. Das war nur ein Traum“, wiederholte sie unaufhörlich, während Jay dem Kleinen über den Nacken strich, um ihn zu beruhigen.

Es dauerte lange, bis sein Schluchzen in ein leises Schniefen überging.

Hailey wiegte ihn mütterlich in ihren Armen.

„Niemand wird dir hier weh tun. Du bist absolut sicher.“

Es tat Jay weh, dabei zuzusehen wie verzweifelt sich der Junge an Hailey klammerte.

Wer auch immer diesem Kind derartige Qualen angetan hatte, würde sich auf etwas gefasst machen können.

„Hey, willst du heute Nacht bei uns schlafen?“, schlug Halstead schließlich vor, nachdem sich der Junge etwas beruhigt hatte und ihm mit verweinten Augen zunickte.

Jay schaute vielsagend zu Hailey, die ihm mit ihren Blicken signalisierte, dass es sich um eine gute Idee handelte.

„Komm mal her, mein Großer.“
Halstead nahm ihn auf die Arme, wo sich Oscar müde an seine Schulter lehnte, während Jay ihn ins Schlafzimmer trug und in die Mitte des Doppelbettes legte.

Hailey deckte ihn liebevoll zu, bevor beide neben ihn krochen.

Der Junge suchte sofort Jays Nähe und kroch in seine Armbeuge. Mit der Hand griff er nach Haileys Arm, ehe er entkräftet die Augen schloss.

Jay und Hailey sahen einander vielsagend an.

______________________


„Halstead, wie läufts mit dem Jungen?“, wollte Voight am nächsten Tag wissen, als sich alle im Großraumbüro versammelt hatten.

Jay, der in den Nachbarraum schaute, in dem Oscar im Aufenthaltsbereich saß und an seiner alten Eisenbahn baute, schüttelte besorgt mit dem Kopf.

„Eher weniger gut, Sarge. Er ist ziemlich traumatisiert.“

„Er hat Alpträume und immer noch extreme Angst. Bisher war keine Befragung möglich“, schaltete sich jetzt Hailey ein. Voight zog ein langes Gesicht, da er sich offenbar mehr erhofft hatte.

„Wenn wir jetzt Druck machen, riskieren wir das aufgebaute Vertrauen und das würde ihn zusätzlich traumatisieren.“
Hank nickte verstehend. Bei Kindern galt es behutsam umzugehen, weshalb Befragungen dieser Art zu den schwierigsten zählten. Je jünger die Opfer waren, umso komplizierter gestalteten sich die Ermittlungen.

„Was uns allerdings immer wieder auffällt, ist die Tatsache, dass Waffen in Oscars derzeitiger Situation eine besondere Bedeutung einnehmen. Bei diesem Kindernotdienst hat er mit extremer Genauigkeit eine P226 aufgezeichnet und in seinen Alpträumen schreit er, dass er nicht erschossen werden will“, fügte Jay hinzu, was auch Hailey bestätigte.
Erin sah ernst auf ihre Kollegen, was ihr der Rest des Teams gleich tat.

„Sein gesamtes Verhalten deutet auf Panik hin. Es ist, als ob er glaubt, jemand würde ihm auflauern und zurückkommen. Das spricht für extreme Konditionierung. Jay und ich haben gestern Abend noch einmal über die bisherigen Ergebnisse gesprochen und wir sind beide der Meinung, dass der Täter weit im Vorfeld Druck ausgeübt haben muss.“

„Die Frage ist eben, warum Oscar und Lynn Richardson als einzige Kinder überlebt haben und dazu sollten wir herausfinden, ob der Kleine eine besondere Position in seiner Familie hatte und noch einmal in seiner Schule oder bei Verwandten nachfragen.“
Voight, der mittlerweile die Arme verschränkte, nickte zustimmend.

„Gut, dann setzen wir an dieser Stelle an. Erin und Jay, ihr befragt Lehrer und Verwandte. Hailey und Ruzek. Ihr werdet das
bei Lynn Johnson ebenfalls wiederholen. In der Zwischenzeit recherchieren Kim und Kevin weiter nach den bisherigen Beziehungen beider Mütter. Ich will heute Fortschritte sehen, denn langsam läuft uns die Zeit weg. Bis heute Abend brauchen wir die ersten Fahndungsbilder dieser Kerle.“

Damit lief er in sein Büro und lies die ziemlich verdatterten Ermittler zurück. Nicht nur, dass Jay nicht wie gedacht mit Hailey zu Oscars Schule fahren konnte. Hank hatte die kompletten Teams aufgesplittet. Kim durfte nicht mit Adam zusammenarbeiten und Hailey nicht mit Jay.

Halstead stöhnte schwer und sah mit geweiteten Augen auf  Erin. Natürlich ahnte er, warum Voight die derart krasse Wendung verzog, denn offenbar hatte das gestrige Gespräch genau das Gegenteil von dem erreicht, was Jay beabsichtigt hatte.

„Hat der Boss irgendwie schlechte Laune oder haben wir was falsch gemacht?“, murmelte Ruzek, der überhaupt nicht verstand, was er verkehrt gemacht hatte.

„Konzentrier dich besser auf den Fall“, murmelte Jay eher halbherzig, ehe er wehmütig zu Hailey sah und dann seufzend nach seiner Jacke schnappte.


______________________________


„Es tut mir leid.“

„Was tut dir leid?“

„Na, ja die Sache mit Voight“, gab Erin zu, als sie mit Jay im Wagen saß.
Halstead schüttelte verneinend mit dem Kopf, winkte schließlich ab.

„Das ist nicht deine Schuld. Ich hätte es besser wissen müssen.“

Er sah Erin aufrichtig ins Gesicht, blieb dann an ihrem Bauch hängen, der ein wenig straffer als am Vortag wirkte, den sie aber gut unter ihrer Jacke versteckte.

„Wie geht’s dir heute?“

„Hast du Hank  erzählt, dass ich gestern ohnmächtig war?“
Jay schüttelte mit dem Kopf.

„Gut. Ist auch besser so, sonst macht er sich nur unnötig Sorgen. Er bemuttert mich im Moment eh ständig.“
Sie fuhren in einen Stau, was ihnen einige Minuten für eine kurze Unterhaltung gewährte.

„Es war übrigens nicht in Ordnung von mir.“
Nach einer lang anhalten Stille setzte sie fort.

„Also das, was ich damals gemacht habe. Dich einfach sitzen zu lassen.“
Sie sah ihn nicht an, konzentrierte sich stattdessen auf den Straßenverkehr. Dass sie fuhr, kam ihr sehr zu Gute.

„Du hast mir damals weh getan, aber letztendlich war ich wohl um keinen Dold besser.“
Jay sah sie getroffen an. Sein Herzschlag begann sich zu beschleunigen. Verdammt, warum sagte sie das jetzt? Wollte er seine Beziehung zu Hailey sabotieren? Sie wusste doch, dass er vergeben war.

„Erin, ich…“

„Lass mich ausreden. Ich bin noch nicht fertig. Ich weiß, dass du Hailey liebst und ich möchte, dass du  mit ihr glücklich wirst. Und dass meine ich wirklich ernst, denn du hast es verdient. Genau wie sie. Versteh das deshalb nicht falsch, ich bin nicht hier, um zwischen euch einen Keil zu treiben.“
Sie schluckte schwer, kämpfte offenbar immer noch mit den Tränen. Verdammt, natürlich liebte sie ihn immer noch. Aber es durfte nicht sein. Es ging einfach nicht. Daran, dass Jay ähnliches empfand, dachte sie nicht.

„Ich habe mein Leben und in das werde ich nach den nächsten 14 Tagen zurückkehren.  Und es wäre schön, wenn wir uns gegenseitig respektvoll verhalten können. Das wollte ich einfach klar stellen.“
Jay sog scharf die Luft ein.

Er war völlig durcheinander. Seitdem Erin zurück war, schien es als ob er sich in alte Zeiten versetzt fühlte. Ein
schmerzlicher Prozess, der mit unzähligen Narben verbunden war, die jetzt wieder aufgerissen wurden.
Stumm bewegte er den Kopf nach vorn.

„Kein Thema. Mein Angebot gilt übrigens nach wie vor. Wenn du übrigens reden willst, dann bin ich da. Als guter Freund.“
Sie sah ihn erstmals mit Tränen in den Augen an.

„Falls du das Baby meinst, mein Entschluss ist nach wie vor endgültig. Das ist für dich vielleicht nicht ganz nachvollziehbar, aber ich habe meine Gründe.“

„Hast du auch darüber nachgedacht, was das mit dir machen könnte?“

Nervös wickelte Erin eine Haarsträhne um ihren Finger.

„Ich musste zwei Mal zur Schwangerschaftskonfliktberatung.“

„Das meine ich nicht. Vielleicht ist es für die aktuelle Situation das Beste, möglich. Aber für dich, als Mensch? Hat dir Voight erzählt, dass Kim vor einem Jahr ihr Kind verloren hat?“

„Was?!“

Verdattert sah Erin zur Seite.

„Das hat Hank dir wohl nicht gesagt. Sie war schwanger von Adam, aber sie hat es bei einem Einsatz verloren. Was ich dir damit sagen will, obwohl sie es zuerst gar nicht wollte, hatte sie wochenlang daran zu knabbern.“
Aber Erin wollte davon nichts hören und machte sofort dicht.

„Jay, ich bin nicht Burgess. Ich weiß, was ich tue.“

„Klar, geht mich ja auch nichts an. Ist sicher nur meine verklärte Erinnerung, dass Erin Lindsay auch eine sensible Seite hat. Aber vielleicht habe ich mich da einfach nur getäuscht und das falsch in Erinnerung.“
Mittlerweile hatte sich der Stau gelöst und sie fuhren weiter.

„Können wir das Thema jetzt vielleicht lassen? Ich denke es gibt jetzt wichtigeres.“

„Natürlich, wie du willst.“


Sie parkten vor der Grundschule, in die der kleine Oscar normalerweise die erste Klasse besuchte. Die Lehrerin hatte sofort einen Termin ermöglicht, was den Ermittlungen sehr entgegen kam.
Schnell wurde klar, dass sie sich als Auskunftswillig erwies und für den Fall wichtige Informationen hatte.

„Wie oft war Mrs.  Parker beim Elternabend? Was hatten Sie für einen Eindruck von ihr?“, wollte Erin von der Lehrerin wissen, die sich von Anfang an sehr besorgt zeigte.

„Sie schien ziemlich überfordert, was bei den vielen Kindern ja kein Wunder war, aber um Oscar hat sie sich sehr gekümmert. Das hat uns ziemlich verwundert, weil das nicht bei allen der Fall gewesen ist.

„Was meinen Sie damit? Hatten Sie das Gefühl, dass sie Oscar bevorzugt?“
Sie legte den Kopf schief, nickte zögerlich.

„Ich hatte den Eindruck, dass er sehr an ihr hängt und sie umgekehrt sehr viel für ihn tut. Deutlich mehr als im Vergleich zu den anderen Kindern. Seine Brüder Billy und Gary gingen bei uns in die 3. und die 4. Klasse und das war ein Unterschied von Tag und Nacht. Oscar hatte stets gemachte Hausaufgaben, war ordentlich gekleidet und sie organisierte Klassenausflüge, auf denen sie ihn begleitete. Allerdings nur ihn. Das hat sie für die restlichen Kinder nie getan.“

„Was denken Sie? Woran könnte das liegen?“, mischte sich jetzt Jay ein und erhielt eine aufschlussreiche Antwort.

„Soweit ich weiß, war Oscar ein Frühchen. In der Zeit, in der sich die Mutter sehr bemühte war auch ihr neuer Freund sehr präsent.“

„Erinnern Sie sich an seinen Namen?“

„Terry. Terry Hudson.“

„War das der hier?“, zeigte Erin auf das Phantombild, das die Nachbarin der Parkers angefertigt hatte.
Die Lehrerin besah sich das Foto, schüttelte aber mit dem Kopf.

„Ich bin mir nicht sicher. Wissen Sie, im Vergleich zu den restlichen Kindern ging es Oscar wirklich gut. Billy und Gary waren dagegen stark vernachlässigt. Wir hatten bereits das Jugendamt informiert, weil sie selten Frühstück dabei hatten, verschmutzte Kleidung. Das Übliche eben.“

„Wenn Gary und Billy an Ihre Schule gingen und in höheren Klassen waren, dann kennen Sie die Mutter ja seit Jahren. Ab wann hat sich Ruby Parkers Zustand verschlechtert? Ging das schleichend oder eher abrupt?“, hakte Erin nach, weshalb die Lehrerin angespannt nachdachte.

„Das war immer abhängig vom jeweiligen Partner. Mrs. Parker hatte in den 4 Jahren, mindestens 7 unterschiedliche Partnerschaften. Richtig verschlechtert hat es sich seit dem letzten halben Jahr. Durch den Coronalockdown haben sich weitere Meldungen an das Jugendamt aber verzögert. Zwischenzeitlich hatte ich das Gefühl, dass sie Angst hat, denn sie hat die Kinder öfters als normalerweise direkt von der Schule abgeholt. Wir dachten zuerst, sie würde sich jetzt mehr bemühen, aber als nach Gary und Billy auch Oscar zunehmend dreckiger zur Schule kam und die Kinder blaue Flecken
hatten, waren wir uns nicht mehr so sicher.“

„Können Sie sich vorstellen, dass Sie von diesem Terry bedroht wurde? Welchen Eindruck hat der auf sie gemacht?“
Sie schluckte nervös.

„Eigentlich war der ziemlich normal und sehr bemüht. Zumindest um Oscar. Eine der Kolleginnen hat aber auch erlebt, wie er Gary und Billy sehr lautstark in die Schranken gewiesen hat. Er hatte mit Sicherheit 2 Seiten.“
Lindsays Blick fiel vielsagend auf Jay.  Scheinbar dachten beide das Gleiche.

„Danke. Bitte halten Sie sich für weitere Befragungen bereit. Wir werden Sie im Laufe des Tages noch aufs Präsidium bestellen.“
Review schreiben