Lestats Comeback

KurzgeschichteHumor, Parodie / P12 Slash
Armand Daniel Molloy David Talbot Lestat de Lioncourt Louis de Pointe du Lac Marius de Romanus
11.09.2020
11.09.2020
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Lestats Intro


Ich bin der Vampir Lestat. Erinnern Sie sich? Ah, aber natürlich erinnern Sie sich. Ihr ehemaliger Rockstar und Körperdiebjäger, Flegelprinz und Traum Ihrer schlaflosen Nächte – ich bin wieder da! Verzeihen Sie mir, dass Sie so lange auf mich warten mussten. Bitte glauben Sie nicht, ich hätte Sie vergessen. Es gab vor nicht allzu langer Zeit lediglich einige Unpässlichkeiten in meinem Leben, die nun allesamt der Vergangenheit angehören.
Ich liebe Sie. Bitte denken Sie nicht, es sei mir egal gewesen, was Sie in den letzten Jahren durchmachen mussten. Es muss niederschmetternd für Sie gewesen sein, dass alle Welt glaubte, ich sei von einem dauerjammernden Emo-Vampir aus Forks abgelöst worden. Ah, Emo – wie sehr ich dieses Wort liebe. Manchmal, so will ich Ihnen im Vertrauen verraten, nenne ich meinen geliebten Louis so – und, ah, wie Sie sich sicher vorstellen können, ereifert er sich ganz fürchterlich darüber und schimpft mich einen der Mode nachjagenden Sprachverstümmler.
Doch nein, ich spreche natürlich nicht von Louis, wenn ich heute Ihnen gegenüber einen dauerjammernden Emo-Vampir aus Forks erwähne. Nicht einmal mein oft so trübsinniger Louis würde freiwillig in dieses Regenloch ziehen, und der Titel Emo-Vampir gebührt einem anderen, absolut lächerlichen Teenager-Vampir, der es wahrhaftig gewagt hat, mich von der Bestsellerspitze der Unsrigen zu verdrängen. Er wird seinen glitzernden Körper warm einpacken müssen, denn – ja! Der Vampir Lestat ist wieder da!

Alles begann mit meinem lieben David, meinem alten Freund und jüngsten Zögling. Ah, einen herrlichen Einstieg hat er mir bereitet, ganz ohne es zu ahnen. Beinahe bin ich versucht, ihn dafür leichtsinnig zu nennen, denn selbstverständlich wird er die Geschichte, die von ihm inspiriert ihren Lauf nahm, keineswegs billigen.
»Auf Night Island ist die Hölle los«, sagte er vor wenigen Nächten kopfschüttelnd mit jenem köstlichen britischen Akzent, der ihm nach all den Jahren noch immer zu eigen ist. Er war soeben von einem Besuch auf der Insel heimgekehrt, die den Unsrigen als Treffpunkt dient. »Armand und Daniel schlagen sich beinahe die Köpfe ein, weil Daniel eifersüchtig auf Marius ist«, plauderte David weiter, ohne dass ich ihn darum bitten musste. »Und was tut Marius? Anstatt einzugreifen und zu vermitteln, wie es einem Vampir seines Alters gebühren würde, mischt er sich selbst in all diese Streitigkeiten ein und macht alles nur noch schlimmer.«
»Tatsächlich?«, fragte ich höflich, zu diesem Zeitpunkt nur mäßig interessiert. Wie ich bereits erwähnte, gab es vor nicht allzu langer Zeit einige Unpässlichkeiten in meinem Leben.
»Oh ja, wenn ich es dir doch sage!« David nickte. »Kennst du dieses neumodische TV-Format namens Supernanny, Lestat? Es stammt aus Großbritannien, wird seit Kurzem jedoch auch in den USA ausgestrahlt. Und ohne jeden Zweifel, Lestat – wenn es nicht so absurd, hirnrissig, waghalsig und absolut undenkbar wäre, sollte jemand diese Nanny nach Miami holen. Besonders Armand, der übrigens die Hauptschuld an all den Streitigkeiten trägt, könnte in der Tat die harte Hand einer britischen Nanny gebrauchen.«
»So schlimm?«, fragte ich und hob eine Augenbraue. Unwillkürlich stieg Armands jugendliches Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Ah, wie abgrundtief dämlich er dreinblicken würde, wenn plötzlich eine TV-Nanny samt Kamerateam vor seiner Tür stünde! Natürlich nur eine Sekunde lang, dann würde er wieder seine vermaledeite Maske aufsetzen und die Welt mit dem Anschein narren, nichts könnte ihn erschüttern. Aber innerlich! Ah, innerlich würde er kochen!
Da Marius auf Night Island zu weilen schien, würde Armand es nicht wagen, die Herrschaften einfach klammheimlich um die Ecke zu bringen. Marius hingegen würde zwar mit Sicherheit ebenfalls vor Zorn beben, jedoch notgedrungen gute Miene zum bösen Spiel machen und die Nanny zuerst einmal empfangen. Dann würde er sich in Ruhe und mit großer Sorgfalt überlegen, wie das Problem zu lösen sei. Bis dahin würden allerdings einige Nächte verstreichen, und Armand, so viel war sicher, würde in der Zwischenzeit schier platzen vor Wut!
Ruckartig erhob ich mich. »Ich sollte auf Night Island einmal nach dem Rechten sehen«, sagte ich zu David, während ich meinen Mantel holte.
»Du?« David hob verwundert den Kopf.
»Ja, ich.« Wegwerfend zuckte ich mit den Schultern. Nur keinen Verdacht erregen. »Ich habe derzeit ja sonst nicht viel zu tun, David. Da kann ich mich zur Abwechslung ruhig einmal nützlich machen.«
»Nun gut, wenn du meinst.« Jetzt schien David vollends verwirrt zu sein. »Lestat?« Auf einmal klang er doch ein wenig misstrauisch.
»Ja, David?«, antwortete ich unschuldig.
»Du planst doch nicht wieder irgendetwas, oder?« Davids braune Augen verengten sich zu Schlitzen. »Mach keine Dummheiten, hörst du?« Ah, wie er explodieren würde, wenn …!
»Aber nein.« Mit der mir eigenen Eleganz vollführte ich eine abwinkende Handbewegung. »Vertrau mir, David. Ich möchte lediglich meinen alten Freunden behilflich sein.« Mit diesen Worten schritt ich zur Tür.
»Was ist mit Louis?«, fragte David. »Er wird wissen wollen, wo du bist.«
»Dann sag’s ihm doch«, lachte ich vergnügt. »Ah, oder besser: Sag ihm, er soll nachkommen! Um ganz sicherzugehen, dass ich keinen Unsinn mache.« Ich hob die Hand zum Abschied und eilte ins Treppenhaus.

Mein armer David – er wird toben angesichts dieser Geschichte. Doch ich kann sie ihm nicht ersparen, und das will ich auch gar nicht – ebenso wenig wie ich Ihnen, liebster Leser, vorenthalten möchte, endlich wieder ein Abenteuer des einzigen Vampirs aus Leidenschaft mitzuerleben.
Ich bitte Sie erneut, mir zu vergeben, dass ich Sie so lange habe warten lassen. So vieles hat sich verändert, seit wir das letzte Mal voneinander gehört haben. Lassen Sie mich Ihnen ein weiteres Mal meine Liebe versichern, und seien Sie gewiss: Das Warten hat sich gelohnt.
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