Leb wohl, John

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Dr. John Watson Sherlock Holmes
11.09.2020
11.09.2020
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Hey liebe Leser!

Schön, dass ihr her gefunden habt.
Die Idee zu diesem OS kam mir vor ein paar Wochen beim erneuten Durchsuchten der BBC Serie.
Immer wieder eine Freude ^^ Heute habe ich sie dann ganz spontan verfasst und so schnell sie mir von der Hand ging, so schnell könnt ihr sie hier jetzt auch lesen und hoffentlich genießen.

Die Figuren stammen von Sir Arthur Conan Doyle. Ich erlaube mir lediglich, sie auszuleihen.


In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen! Über ein Feedback würde ich mich sehr freuen :)


Leb wohl, John

Der Geruch von Staub und Holz lag in der Luft. Abrieb, Hautschuppen, Haare. Dunkle Vertäfelung, Nuss? Zehn, elf Jahre alt. Weniger als ihre Wohnung in der Bakerstreet. Oder seine Wohnung. Jetzt war es doch nur noch seine, richtig? Aber hier roch es so ähnlich. Vielleicht wegen John. Sicher wegen John.

Sherlock atmete aus. Schwer und leise. Er sollte klopfen. Er war dazu in der Lage. Trotz der Nadelwunden. Es war ihm möglich. Theoretisch und praktisch. Aber er konnte nicht. Sein Körper, aber er nicht. Warum zum Teufel musste er hier überhaupt stehen und klopfen? Weshalb kam John nicht zu ihm, in ihre, seine Wohnung? Da gehörte er schließlich hin. In den seinem gegenüber stehenden Sessel. Den Arm auf die Lehne gestützt, ihn ansehend. Ihn. Und nur ihn. So wie er es immer getan hatte. Bis es sie gab, sie wichtig war. Statt ihn an, sah er seitdem ständig zur Tür. Durch die sie kommen könnte. Nur könnte, aber er hatte diese Hoffnung. Ebenso wie Sherlock jene hegte, dass sie es nicht tun würde. Niemals. Das war dumm. So unsagbar dumm. Natürlich war sie irgendwann hereingekommen. Von Mrs. Hudson begleitet.

Ausgerechnet Mrs Hudson.

Marys Augen hatten gestrahlt, ihr Lächeln war klein, aber ehrlich gewesen. Oder nicht? War es nicht viel eher schadenfroh? Sherlock wusste es nicht mehr. Sein Kopf besaß in letzter Zeit die Angewohnheit, Tatsachen zu verdrehen, um Schmerz zu verdrängen. Hilfreich, wenn man in einem menschlichen Körper steckte, der nicht zu viel davon ertragen konnte. Nicht, wenn man davon lebte, klar und analytisch zu denken. Aber er lebte schon lange nicht mehr davon. Weil er es nicht konnte. Weil John ihm nicht mehr gegenüber saß, wie er es verdammt nochmal immer getan hatte.

Sherlocks Blick fiel auf die Schuhe in der Ecke des letzten Treppenabsatzes, suchend. Mehrere Paare, übereinander gestapelt, dem wenigen Platz geschuldet. Doch das Paar, was er finden wollte, war nicht dabei. Bis sich die Tür öffnete und er die ausgetretenen Hausschuhe vor sich sah. Wäre er jemand anders, vielleicht hätte er gelächelt. Er hatte sie dort unter den anderen Modellen erwartet, aussortiert, aber aus sentimentalen Gründen noch nicht entsorgt, was jedoch irgendwann folgen würde. Stattdessen trug er sie. Wie damals.

„Sherlock?“

Er hob den Kopf und sah ihn an. Nach all der Zeit zum ersten Mal. Monate, Jahre? Er wusste es nicht. John sah so unverändert und so fremd zugleich aus. Da waren noch immer die Schatten unter seinen Augen und die Bartstoppel, welche er bald wieder rasieren würde, nach wie vor nass. Und die Schuhe. Nur sein Gesicht. Es wirkte anders. Aber wie anders? Weicher? Welches Wort benutzte man dafür?  

„Was machst du hier?“

Sherlock schloss kurz die Augen. Da war sie. Die Frage, auf die er gewartet hatte und die er nicht hören wollte. Sie war Indiz dafür, dass er nicht erwartet wurde. Und er wurde es nicht, weil er hier nicht hingehörte. Auf dem Klingelschild stand „John & Mary“. Nicht „John, Mary & Sherlock“. (Leichter, war es das?) Das &- Zeichen war wichtig dabei. Denn dieses schloss jegliche weitere Person aus. Wie eine Forderung: nur zwei Menschen, zwei Namen, zwei, die ein- und ausgingen und erwartet wurden. Mit ihm rechnete man nicht.

Er öffnete die Augen wieder und vergewisserte sich mit einem Blick in Johns unveränderte Miene, dass er nicht laut gedacht hatte. Manchmal passierte das. Manchmal vergaß er, dass andere Menschen ihn wahrnehmen konnten. (Freundlicher?)

„Nachbarschaftsbesuch.“

Es war nur ein Wort, aber dieses eine Wort schaffte es, den Doktor zu verwirren. Sherlock erkannte das an dem Zucken seiner Augenbrauen und an der Art, wie er noch etwas mehr versteifte. Ihn zu lesen hatte er nicht verlernt. (Welches verdammte Wort war es!?)

John blinzelte und auf seine Lippen legte sich ein ungläubiges, winziges Lächeln.

„Sherlock, warum-“

Ein Quietschen drang aus der Wohnung, ließ John herumwirbeln.

„Rosie? Ist alles in Ordnung?“

Sorge in seiner Stimme. Dann erschien ein kleines Mädchen im Türrahmen. Tränen rannen ihr über die Wangen, hinterließen dünne, feuchte Bahnen auf der zarten Haut. Rosie.

Ohne ein Wort schlang sie die Arme um Johns Hüfte und vergrub ihr kleines Gesicht in dem Stoff seines Hemdes.

„Shh, Honey. Shh, alles wird gut.“

Er streichelte ihr über den Rücken. Ganz sanft. War es das, was er suchte? Sanft? Der Ausdruck in seinem Gesicht? Nein, das war es nicht.

Ein Schniefen, dann sahen große Augen zu John hinauf.

„Alles ok? Geht es wieder?“

Sie nickte.

„Da war ein Wespe am Fenster, Papa.“

Eine. Sherlock schüttelte den Kopf. Warum achtete er darauf? (Wort. Wort. Wort!)

„Traust du dich gucken zu gehen, ob sie weg ist?“

Wieder nickte sie, bevor sie sich mit dem Handrücken über das Gesicht wischte. Ein kurzer Blick galt ihm, dann drehte sie sich um und lief zurück. Sie hatte ihn nicht erkannt.

Johns Augen folgten ihr. Er lächelte. Ein Lächeln, was seine gesamten Züge vereinnahmte. Und mit einem Mal fiel es Sherlock ein. Das Wort. Dieses eine kleine Wort, das die Veränderung in Johns Gesicht beschrieb. Glücklich. Er sah glücklich aus.

„Sie ist weg!“, tönte es dumpf aus der Wohnung. 5,6m entfernt.

„Sehr gut, dann spiel schön weiter.“

Ja, glücklich. Wie hatte er nicht darauf kommen können?

John drehte sich wieder zu ihm.

„En-tschuldige.“

Sherlock sagte nichts, tat nichts, sah ihn einfach nur an. John Watson. Der beste Mensch, den er kannte. Was zur Hölle hatte er getan, um ihn, Sherlock, kennenlernen zu müssen?

Glücklich.

„Wie bitte?“

Da war es passiert. Er hatte laut gedacht, weil er in seinem Kopf bereits zurück in der Bakerstreet war. Allein. Der Ort, an den er gehörte. Allein.

„Ich werde wieder gehen.“

„Aber du bist gerade erst zwei Minuten da.“

Zwei Minuten. Wie wenig Zeitgefühl er doch besaß. Langsam stieg er die Treppe hinunter.

„Sie wird sie mögen.“

„Wovon redest du?“

„Die Ohrringe.“

Die Abzeichnung in seiner Hosentasche. Eine kleine Schachtel. Mary bei der Hochzeit. Gleiche Größe, gleiche Marke. Er hatte es mitbekommen, obwohl Mary sie nicht ihm, sondern ihm, Sherlock, gezeigt hatte. Aufmerksamer Mann. Wie er ihn dafür schätzte.

„Oh, die.“, seine Hand wanderte zu eben der Stelle, „Sicher, ja.“

Stille. Sherlock hielt inne. Dann veränderte sich Johns Haltung und kurz wanderte seine rechte Hand hinauf zu seinen Lippen. Unsicher.

"Sherlock, was- was soll das hier?“

Er zeigte nicht unbestimmt zwischen sie, wie andere Leute das bei solchen Fragen für gewöhnlich taten. Mit Gesten ging er sparsam um.

„Du bist glücklich.“

Diesmal wollte Sherlock, dass John ihn hörte.

Der Doktor schaute noch fragender drein, als zuvor. Er verstand nicht. Weil Sherlock hier nicht hingehörte. Noch weniger, als er selbst gedacht hatte. Er gehörte weder hier in die Wohnung, noch in dieses Leben. Johns Leben. Sherlock & John, das war lange vorbei. Und das wusste er. All die Zeit.

„Leb wohl.“

Ausgetretene Hausschuhe, kurzer Haarschnitt, feste Körperhaltung, aufmerksame Augen. Der Türknauf schmiegte sich kalt in seine Hand. Arzt, Ehemann, Vater. Rosie. Glücklich.

"Leb wohl, John.“

Das war nur eines der vielen Dinge, die er, Sherlock Holmes, ihm schuldete.

Glücklich. Glücklicher als damals. Was hatte er sich nur gedacht?
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