Dämmerung

von KarlamitK
GeschichteAllgemein / P16 Slash
10.09.2020
20.09.2020
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10.09.2020 1.385
 
Berlin 22: 47 Uhr. Während der Himmel von einem hellen rosa zu einem schönen dunkelblau wechselte schlenderte Marie die Straße entlang. Gerade kam sie von einem sehr amüsantem Abend in ihrer Lieblingskneipe, doch musste sich früher verabschieden, da sie am nächsten Tag um 8:00 Uhr Vorlesung hatte und ihr Studium im Gegensatz zu vielen ihrer Freunde sehr Ernst nahm. „Oh man.“ Dachte sie sich, während sie um die Ecke bog. „Ich werde mich echt nie dran gewöhnen in der Dämmerung ohne leichte Panik am Kotti vorbeizugehen.“ Sie steuerte direkt auf den berüchtigten Ort in Berlin zu und musterte den „Kottbusser Tor“ Schriftzug auf der U-Bahn Station. Als sie die dort torkelnden Gestalten sah, freute sie sich noch kurz über ihre Entscheidung nicht mit der U-Bahn gefahren zu sein, doch dann bemerkte sie, wie plötzlich der in schwarz gekleidete Typ, an dem sie gerade vorbeigelaufen war, aufstand und mit nicht gerade großem Abstand hinter ihr herzugehen schien. „Oh fuck.“ Dachte sie sich, versuchte sich aber im selben Moment wieder zu beruhigen, während sie das Pfefferspray in ihrer Jackentasche suchte. Es muss ja gar kein Typ sein, der mir bis nach Hause folgen will. Es könnte auch einfach ein Zufall sein. Genau. Sie merkte, wie ihre Schritte automatisch schneller wurden und als sie um die nächste Ecke bog, sah sie im Augenwinkel den Typ noch näher hinter ihr. „Warum muss ich auch immer so scheiße sein und mir einreden ich hätte keine Angst davor abends allein nach Hause zu gehen?“ verfluchte sie sich innerlich und umschloss das Pfefferspray, welches sie zuvor nur ein einziges Mal benutzt hatte, noch fester in ihrer Hand.

Felix seufze und pustete den Rauch seiner Zigarette in den Himmel, während er wie ein komischer Hipster mit seiner Mio Mate in der Hand einfach dastand. „Find ich auch unfair.“ dachte er sich „dass die Hipster sich einfach die Mate für sich gesaved haben.“ Schließlich war es neben Kaffee sein favorisiertes Getränk um wach zu werden, oder wie heute zu bleiben. Aber auch wirklich nur um wach zu bleiben. Der Geschmack sagte ihm auch nach der wohl hundertsten Dose nicht wirklich zu. Noch ein letzter Zug von seiner Zigarette und er schnippte sie gekonnt in den Gulli neben ihm. Ohne eine Sekunde weiter darüber nachzudenken, wie assi das jetzt von ihm war, weil ein Meter weiter ein Mülleimer stand, schüttelte er den Gedanken ab, drehte sich um und wollte gerade in die Eingangstür seines Hausflurs gehen, als er plötzlich eine Frauenstimme seinen Namen sagen hörte.

„Verfickte scheiße.“ Dachte sich Marie. „Ich muss jetzt ganz schnell irgendwen finden, der vertrauenswürdig aussieht.“ Sie merkte, wie die Tequila Kurze, die sie zum Abschied trinken musste, langsam reinkickten. Noch ein paar Minuten und sie war nicht mehr in der Verfassung klar zu denken. Es war außer ihr und dem gruseligen Typen hinter ihr kaum jemand auf den Straßen, außer ein paar Alkoholiker, welche sie aber in ihrem jetzigen Zustand als eher nicht vertrauenswürdig einstufte. „Was, wenn ich einfriere? Was wenn ich seine Augen nicht treffe? Was wenn er meinte Hand packt?“ Sie wusste genau, wofür sie das Pfefferspray eingepackt hatte, aber traute sich nicht es zu benutzen. Entweder würde sie einen fremden unnötig Besprühen, obwohl er ihr gar nichts antun wollte oder sie würde erst in letzter Sekunde bemerken, dass der Typ ihr was Böses will und in dieser Zeit hatte er ihr das Spray schon längst entwendet. „Fuck, fuck, fuck.“ Fluchte sie innerlich, während sie nach anderen Menschen Ausschau hielt. Sie konnte ja jetzt auch schlecht in ihre Wohnung gehen, sonst wüsste der Typ ja wo sie wohnt oder würde noch schlimmer irgendwie mit ins Treppenhaus kommen.

Da plötzlich erblickte sie eine nicht gerade super große, aber breite Person von hinten ein paar Meter weiter. Die Person drehte sich gerade zur Seite, nachdem sie ihre Zigarette in den Gulli geworfen hatte. „Super uncool.“ Dachte sich Marie und erkannte im gleichen Augenblick, dass es sich bei dem Typen um Felix Lobrecht handelte, den sie, weil er wahrscheinlich hier in der Nähe wohnte, schon öfter gesehen hatte. Ihr Gehirn schaltete sofort und ohne sich irgendwie stoppen zu können, brabbelte sie auch schon los. „Felix, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“ Mit einem übertriebenen Grinsen ging sie auf ihn zu und setzte zu einer Umarmung an.

Felix verstand nicht wirklich. „Fuck ey, warum kann ich mir auch keine scheiß Jesichter merken?“ fluchte er und obwohl im dieses Mädchen überhaupt nicht bekannt vorkam, umarmte er sie kurz und hörte kurz darauf ein flüstern. „Der Typ hinter mir verfolgt mich glaube ich, bitte spiel mit!“ Maries Stimme war zittrig, aber das versuchte sie so gut es ging zu überspielen. „Und was machst du so spät noch hier?“ Felix bekam die Frage nur am Rande mit, zu beschäftigt war er damit den großen Mann zu mustern, der ein paar Meter hinter ihnen stand und so tat, als würde er sich die Schuhe zubinden. „Schlechter fake.“ Dachte er sich und versuchte weiter einzuschätzen, ob der Kerl wohl im 1 vs. 1 besiegen würde. Er war zwar größer als er, sah dafür unter seiner viel zu großen Jacke aber ziemlich schmächtig aus. „Wie ein Opfer.“ Dachte sich Felix und wurde kurze Zeit später wieder in die Realität zurückgeholt. „Felix?“ Leicht erschrocken, drehte er sich wieder zu dem Mädchen. „Ja ick hab noch ene geraucht und wollte jetzt noch n bisschen wat schreiben.“ Improvisierte er und sprach damit aber eigentlich auch nur das aus, was er wirklich gleich vorhatte. „Oh cool, hast du noch ne Zigarette für mich?“ Marie blickte ihn hilfesuchend an und war sich im Moment überhaupt nicht bewusst, was sie da gerade überhaupt tat. „Klar.“ Grinste Felix und hielt ihr seine Schachtel hin. Mit zittrigen Fingern nahm sie eine Zigarette aus der Schachtel und legte sie an ihren Mund. Felix beobachtete den Filter zwischen ihren Lippen und unterdrückte ein Grinsen. Süß war sie ja. „Feuer?“ Er nickte nur und kramte sein letztes Feuerzeug, das um ehrlich zu sein schon fast leer war, aus seiner Jackentasche und hielt es ihr hin. „Nur Nutten lassen sich Feuer geben.“ Sagte sie monoton und nahm es ihm aus der Hand, um sich die Kippe selbst anzuzünden. Gleichzeitig steckte auch Felix sich noch eine an und lachte dann. „Bitte?“

Beschämt sah Marie auf den Boden. „Oh man was muss der nur von mir denken?“ Aus ihrer Heimat kannte man diese Redewendung. Ihr war nicht in den Sinn gekommen wie bescheuert sich das für jemanden anhören musste, der ihn noch nie gehört hatte. „Sorry, das sagt man so da wo ich herkomme.“ Sie versuchte zu lächeln, aber lief rot an. „Achja wo kommst du denn nochmal her?“ grinste Felix. Sie war schon echt niedlich. „Wir kennen uns ja schon.“ Zwinkerte er hinterher. Marie musste ein kichern unterdrücken. „Finde ich jetzt echt frech, dass du das wieder vergessen hast, aber naja.“ Sie hatte ihr Selbstbewusstsein wieder ein bisschen zurück. Oder war das doch der Tequila? „Ich komm doch aus dem Norden. Fast Dänemark.“ Felix zog an seiner Kippe. „Achja.“ Lachte er, während er den Rauch Richtung des Verfolgers pustete, der sich umgedreht und gegangen war. Marie folgte seinem Blick. „Oh man, danke. Tut mir echt leid, dass ich dich so dumm angesprochen hab, aber ich hatte echt angst.“ Beschämt schaute sie zu Boden. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewusst, was sie da gerade getan hatte. Peinlich. Ein berühmter Typ, der einfach nur chillen will und auf einmal kommt so eine verrückte. Er dachte bestimmt sie wäre ein verrückter Fan gewesen.

„Ach kein Problem. Wenn du aus fast Dänemark kommst, bist du dann son Landei?“ etwas überrascht sah Marie wieder zu ihm hoch. Interessierte ihn das wirklich? „Ja, auch wenn ich den Begriff hasse.“ Lachte sie und erkannte sich selbst nicht wieder. Woher kam dieses Selbstbewusstsein? „Ich komm aus nem Dorf mit 700 Einwohnern. Mehr Kühe als Bewohner, oder so.“ Den Spruch hatte sie immer nur von anderen gehört und fand ihn doof. Aber aus irgendeinem Grund wollte sie, dass er sie lustig fand. Das große Gelächter blieb aber aus. Er lächelte nur und musterte sie weiter. So genau, dass es ihr fast unangenehm war. „Naja ich muss dann auch weiter.“ Beendete sie das Gespräch. „Danke fürs Abschrecken und danke für die Kippe!“ Und noch bevor Felix etwas sagen konnte, war sie auch schon wieder verschwunden.
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