Total Damage

OneshotFamilie, Tragödie / P18
10.09.2020
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Total Damage

Kapitel 1: Not like I'm supposed to be

,,Lydia! Mach die verdammte Tür auf!“, hallte eine Frauenstimme durch das kleine Familienhaus am Rande der Stadt. Sie klang verzweifelt und hämmerte zusätzlich mit ihrer erhobenen Faust gegen die Tür des einzigen Badezimmers. Hinter ihr standen ihr Mann und ihr jüngster Sohn. Beide mit ratlosen Gesichtern und hängenden Schultern.
,,Halt die Schnauze und verschwinde!“, schrie es durch die abgeschlossene Tür zurück, gefolgt von einem lauten Klirren. Verursacht von einer Vase, die mit voller Wucht gegen die nächst beste Wand gepfeffert worden war. Augenblicklich war diese in unzählige Teile zersprungen, die sich zusammen mit dem Inhalt des Gegenstandes nun auf den kalten Fliesen verteilten.
,,Ich werde nicht verschwinden! Lass uns endlich rein, Lydia!“
,,Mein Name ist Sebastian“, murmelte die angesprochene Person leise, so dass deren Familie es nicht hören konnte.
In der hintersten Ecke des Badezimmers, saß Sebastian zusammengekauert auf dem Boden. Den Rücken gegen die Badewanne gelehnt, die Beine angezogen, Arme auf den Knien abgelegt und den Kopf dahin versteckt. Ein paar Strähnen seiner halbwegs kurzen, blonden Haare hingen ihm vor dem Gesicht, als er den Kopf ein kleines bisschen anhob, doch es war ihm egal. Genauso egal, wie seine brennenden Arme, Handflächen und Fingerknöchel. Sein Gesicht hatte eine rötliche Färbung angenommen, seine Augen waren geschwollen und noch immer liefen ihm hin und wieder einige Tränen über die Wangen. Sein Atem ging viel zu schnell und seine Finger krallten sich regelrecht in den dunklen Stoff seiner Jeanshose.
Als Sebastians Blick zu den Scherben der Vase glitten, die er mit aller Macht aus seiner Nähe befördert hatte und die zwei gelben Rosen erblickte, die still zwischen Glas und Wasser lagen, kniff er die Augen zusammen und ließ die Stirn wieder auf die Arme sinken. Ein Zischen schlich sich über seine Lippen, als er dabei die frischen Wunden berührte, doch er ignorierte den Schmerz.
Beide Unterarme waren übersät mit frischen Schnitten, aus welchen kleine Blutstropfen hervorquollen und sich ihren Weg über seine Haut suchten, um dann entweder im Stoff seiner Hose zu versickern, oder auf dem Boden zu landen. Mit Absicht hatte er sich immer wieder mit einer Rasierklinge, die er einfach aus einem Einwegrasierer herausgebrochen hatte, in seine haut geschnitten. Zunächst langsam und vorsichtig, dann immer schneller und gröber. Mit jedem Mal hatte er tiefer geschnitten und mit jedem Mal war der Schmerz größer geworden. Bis er die Klinge letztlich einfach neben sich hatte fallen lassen, wo sie mit einem leisen Klirren und ein paar Blutspritzern liegen blieb. Währenddessen war ihm nicht einmal aufgefallen, dass die Klinge sich auch nach und nach in seine Finger und die Handflächen gebohrt hatte. Erst hinterher war das Brennen der Wunden aufgekommen.
Irgendwann, im Laufe der letzten Stunden, hatte er in seiner Wut auch einen Spiegel in seinem Zimmer eingeschlagen, sowie gegen seinen Kleiderschrank. Wann genau, das wusste er nicht mehr. Er wusste nicht einmal, wie lange er bereits auf den kalten Fliesen saß und zwanghaft versuchte, sich irgendwie zu beruhigen. Ohne bisherigen Erfolg.
,,Wenn du nicht endlich aufmachst, dann brechen wir die Tür auf, hörst du?!“
Die Stimme seiner Mutter wurde mit jedem Mal lauter und es könnte ihm nicht weniger egal sein, was genau sie von ihm wollte. Er wollte seine Ruhe. Alleine sein. Ganz weit weg. Irgendwo, wo man ihn verstand und wo er nicht ständig das Gefühl haben musste, dass man ihn für wahnsinnig, oder krank hielt.
Der Blonde musste zugeben, dass er krank war. Jedoch nicht in dem Sinne, in dem sie alle dachten. Er war krank, weil sein Umfeld ihn krank machte. Weil sie alle versuchten, ihn in eine Rolle zu zwängen und nicht einmal versuchten, ihn zu verstehen.

Reiß dich zusammen.
So schlimm ist es doch gar nicht.
Du kannst sowieso nicht vor die selbst weglaufen.
Du bist verwirrt.
Finde dich ab, mit dem, was du bist.
Hör auf zu glauben, du könntest etwas anderes sein.
Übertreib nicht ständig.
Was du da sagst, klingt einfach nur krank.
Du wirst niemals sein, was du dir da einredest.
Andere kriegen es doch auch hin, wieso du nicht?
Wir können auch nicht einfach durchdrehen, wenn uns etwas nicht passt.
Benimm dich endlich normal.
Sei normal.
Sei wie alle anderen.


Wie sollte er? Jedes Mal, wenn jemand ihn mit Lydia ansprach, oder ihn als Mädchen ansah, dann wollte er schreien. Es war wie eine Beleidigung. Wie ein Schlag ins Gesicht. Als würde man ihn in ein nicht enden wollendes Theaterstück stecken wollen. Lange genug hatte Sebastian diese Rolle gespielt. Hatte brav mitgemacht und geschwiegen. Doch irgendwann war es einfach zu viel geworden. Irgendwann hatte er es nicht mehr ausgehalten. Er war nicht Lydia und er würde nie Lydia sein. Er war kein Mädchen. Zumindest nicht geistig.
Alle sahen ihn an und meinten,er wäre eines, nur weil sein Körper dem eines Mädchens glich. Sie behaupteten, dass er allein deswegen eines sei und sich dies niemals ändern würde. Dass er daran nichts ändern konnte und sich einfach damit abfinden musste. Der Blonde wollte es schlichtweg nicht. Es musste einen anderen Weg geben. Einen Weg, mit dem er leben konnte. Auf dem er glücklich sein konnte. Er und nicht die Anderen. Sebastian wollte nicht länger nach ihrer Pfeife tanzen und das brave Schoßhündchen mimen, für das seine Eltern ihn hielten.

So haben wir dich nicht erzogen.
Du bist krank.
Du bist gestört.
Wieso muss gerade unser Kind so sein?
Was haben wir falsch gemacht?
Hör auf, ständig nach Aufmerksamkeit zu suchen.


Er wollte doch selbst so sein, wie alle anderen. Wieso verstanden sie das nicht? Sebastian würde nichts lieber tun, als einfach zu akzeptieren, dass er nun mal als Mädchen auf die Welt gekommen war, doch er schaffte es nicht. Es machte ihn mit jedem weiteren Tag mehr kaputt. Wie ein Messer, dass sich Millimeter für Millimeter in seinen Brustkorb bohrte, bis es irgendwann sein Herz erreichte.
Er hasste sich. Sich, seinen Körper, seinen Verstand, sein Verhalten, seine Seele. Einfach alles. Genauso, wie scheinbar alle Menschen um ihn herum. Sie wollten ihn ändern. Wollten ihn zu einem Mädchen machen, dass fröhlich lächelnd durch die Welt hüpfte, Kleider trug, sich Schminke ins Gesicht schmierte und niemals weinte. Das war er aber alles nicht. Wie sollte er auch? Davon abgesehen, dass er sich einfach nicht wie ein Mädchen fühlte und nicht damit zurecht kam, körperlich eines zu sein, war er einfach nicht mehr in der Lage ständig zu lächeln und zu tun, als wäre alles in Ordnung. Das war es nicht. Innerlich war er bereits komplett kaputt.
Wie konnte ein Mensch lächeln, wenn er keinen Grund zum Lächeln hatte? Wie lachte man, wenn man permanent nur weinen wollte? Wie lebte man richtig, wenn man einfach keinen Sinn mehr im Leben sah?
Ein dumpfer Knall ertönte und die Badezimmertür knarrte verdächtig. Sebastians Kopf schnellte in die Höhe und sein Herz machte einen Sprung. Er brauchte nicht raten, um zu wissen, was gerade passierte. Sein Vater warf sich gegen die Tür, um deren Schloss zu brechen und in den Raum zu gelangen. Hastig sah er sich um. Was konnte er tun? Sein Blick glitt zum Fenster. Er befand sich im ersten Stock und das bedeutete, dass er nicht ohne weitere Verletzungen dadurch entkommen konnte. Doch was machte das schon? Wenn seine Eltern ihn so sahen, würden sie ihn womöglich in die geschlossene Anstalt einweisen. Ein wenig konnte er es sogar verstehen. Vermutlich würde er sein Kind auch einweisen lassen, würde er es über und über beschmiert mit dem eigenen Blut in irgendeiner Ecke sitzend finden.
Mit einem Ruck war er auf den Beinen und öffnete auch schon das Fenster. Prüfend lehnte er sich hinaus, um einen Blick auf das erhaschen zu können, was unten auf ihn wartete. Ein mit Steinen gepflasterter Hinterhof. Doch genau in diesem Moment brach auch das Schloss der Tür und sein Vater stolperte in den Raum. Gefolgt von seiner Mutter, die sofort laut schrie.
,,Hol sie da weg! Schnell!“
Sebastian hatte keine Zeit um noch weiter zu überlegen. Mit Schwung setzte er einen Fuß auf das Fensterbrett und hielt sich am Rahmen fest. In der nächsten Sekunde, wollte er springen und hoffte somit, allem endlich entkommen zu können.
,,Ich habe dich!“, drang die tiefe Stimme seines Vaters an sein Ohr. Bevor er es realisiert hatte, packte man ihn auch schon an seinem dunkelblauen Shirt und zog ihn wieder zurück.
,,Nein! Lass mich! Lass mich los! Ich will das nicht!“, brüllte Sebastian durch den Raum. Wie wild schlug er um sich, wollte sich aus dem Griff befreien und flüchten, doch sein Vater schlang seine Arme um den Bauch des Blonden und hielt ihn fest.
,,Lydia! Beruhige dich! Wir helfen dir, verstanden?! Wir sorgen dafür, dass du wieder normal wirst!“
Augenblicklich schrillten alle Alarmglocken in seinem Kopf. Sie wollten es ihm austreiben. Wollten ihm austreiben, wer er war. Wer er immer hätte sein sollen. Sie würden ihn in eine Klinik stecken. Ganz bestimmt. Umgeben von Leuten, die wirklich krank waren und Hilfe brauchten. Wieso verstanden sie ihn nicht? Wieso akzeptierten sie nicht einfach, dass nichts falsch oder schlecht daran war, dass er inzwischen herausgefunden hatte, wie er leben wollte, um endlich auch einmal wirklich fröhlich zu sein?
Ja, genau. Er wusste es. Ihm war klar, dass er glücklich sein konnte, würde man ihn einfach als Junge leben lassen. Würde man ihn beim richtigen Name nennen. Würde man ihn behandeln, wie jeden anderen Jungen auch.
,,Ich will das nicht!
,,Du bist krank, Lydia! Sieh es doch ein! Wir wollen dir nur helfen und dich wieder gesund machen, verstehst du das denn nicht? Du hast einfach eine psychische Störung, deswegen denkst du, dass du ein Junge bist! Aber das bist du nicht! Sieh dich doch an! Du bist ein hübsches Mädchen und wärst so wundervoll, würdest du das endlich einsehen!“
,,Ich bin kein verdammtes Mädchen! Ich bin ein Junge! Und krank seid nur ihr!“
Wieder schlug er um sich. Versuchte sogar, seinen Vater zu treten. Doch alles half nichts. Er war als minderjähriger Teenager einfach nicht stark genug, um sich gegen einen erwachsenen Mann zu behaupten.

Zwei Jahre später.

Schweigend saß Sebastian auf seinem Krankenbett. Er starrte nur auf seine nackten Füße, die wenige Zentimeter über dem Boden in der Luft hingen. Seine Hände krallten sich dabei in die weiße Bettwäsche. Man hatte ihn von einer Klinik in die nächste gereicht. Seine Eltern hatten nicht zugelassen, dass man ihn entließ. Er hatte niemals aufgegeben daran zu glauben, dass mit ihm alles in Ordnung war. Egal wie sehr man es ihm hatte einreden wollen. Allerdings hatte er irgendwann aufgegeben, sich dagegen zu wehren. Seit Monaten hatte er kein Wort mehr gesagt. Hatte kaum auf Ansprachen reagiert und auch nur selten etwas gegessen, oder getrunken. Meistens saß er nur auf dem Bett, oder schlurfte geistesabwesend durch die stillen Gänge der Station. Nach draußen durfte er nicht mehr, seitdem er mehrmals versucht hatte, einfach wegzulaufen. Täglich zwang man ihn dazu, irgendwelche Medikamente zu nehmen, von denen er keine Ahnung hatte, was diese eigentlich bewirkten. Womöglich waren sie eine Ursache dafür, wieso es ihn einfach nicht mehr kümmerte, was sie mit ihm anstellten.
Wenn seine Eltern und sein Bruder zu Besuch kamen, reagierte er nicht. Er sah sie nicht einmal an. Setzten sie sich zu ihm, stand er auf und ging. Sie waren nicht mehr seine Familie. Er verachtete sie dafür, was sie ihm angetan hatten. Dank diesen Menschen war er nicht in der Lage, anständig leben zu dürfen. Sie hatten dafür gesorgt, dass er niemals glücklich werden würde.
Ein Blick zur geschlossenen Tür. Es war nichts zu hören. Niemand schien sich davor auf dem Gang aufzuhalten. Leise glitt er vom Bett, nur um anschließend seine Decke und das Kissen vom Bett zu nehmen und achtlos auf den Boden fallen zu lassen. Sebastian griff nach dem Bettlaken und auch dieses Zog er herunter. Jedoch ließ er es nicht fallen. Er formte daraus etwas, dass womöglich als eine Art Seil durchgehen hätte können, um sich dies dann um den Hals zu legen. Zunächst mit einem lockeren Knoten.
Sie hatten ihn soweit. Sie hatten gewonnen. Er würde nicht mehr als Junge leben wollen. Allerdings auch nicht als Mädchen. Wenn er nicht glücklich sein durfte, dann gab es auch keinen Grund, noch länger auf dieser Welt zu bleiben.

Er war nicht so, wie sie es gern hätten.
Nicht so, wie es alle wollten und für richtig hielten.
Sebastian war anders.
Anders, als andere Menschen es gewohnt waren.
Deswegen war er gefährlich.
Deswegen war er falsch.
Deswegen war er krank.


Ein letzter, trauriger Blick aus dem verriegelten Fenster, in den blauen Himmel. Einige Sekunden lang betrachtete er einen Vogel, der dort seine Runden zog. Sebastian würde frei sein.
Dann zog er den Knoten enger.

***

Erstellt: 10.09.2020

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