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Du bist nicht gescheitert

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Franz Kafka
09.09.2020
09.09.2020
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Max Brod hatte gehofft, dass dieser Tag nie kommen würde, oder zumindest nicht so früh. Oder dass er der Tote wäre und nicht andersherum. Aber es war durch das gnadenlose Schicksal unveränderlich in seinen Weg geschrieben worden. Sein Freund, seine Inspiration, den er eines Abends so schicksalshaft durch eine wilde Diskussion über Nietzsches Philosophie kennengelernt hatte, dem er so oft hatte in so verschieden gearteten Lebenskrisen helfen müssen und der ihm aber auch zugleich so oft geholfen hatte, dessen erster echter Verehrer er vielleicht war, da er in seinen Augen von allen Schreiberlingen, die er in seinem neununddreißigjährigen Leben so kennengelernt hatte, einschließlich sich selbst, der Beste war, der seinen Tod so oft angekündigt hatte, der so unter seiner Krankheit gelitten hatte, hatte diese für ihn so grausame Welt und seine Seite ein für alle Mal verlassen.Er hatte den besten Freund verloren, den man haben konnte. Und trug heute den sicherlich eines Tages den besten dieses Jahrhunderts genannten Schriftsteller zu Grabe.Er schluckte noch einmal seine Trauer hinunter, als er, im tiefsten Schwarz gekleidet, neben dem aufgebahrten Sarg stand, in dem die sterbliche Hülle seines Freundes lag.
Franz Kafka war tot.
Nichts auf dieser Welt konnte ihn nun noch zurückbringen. Nichts, nichts. Nichts. Das Ende, der Untergang war nun endgültig erreicht.Er gestattete sich ein paar Tränen. Das Loslassen war so viel schwerer als gedacht. Was sollte sein Leben ohne Franz sein?
Was sollte sein Leben vor allem ohne das Lebenswerk von Franz sein?
Er hatte ihn so dafür verehrt, was er hatte schreiben können. Zweifel in ihm machten sich breit, dass nie wieder ein Schriftsteller wie er geboren werden würde oder schon irgendwo auf der Welt heranwuchs. Warum hatte Franz ihm diese für ihn unannehmbare Bitte gestellt? Das, dem er sich gewidmet hatte, das, das zu erschaffen er geliebt hatte, zu verbrennen? In Flammen aufgehen zu lassen, die Asche zu verstreuen, als wären sie nie da gewesen, nichts von Bedeutung? Wollte er vermeiden, dass Dinge, die er für sich oder unter ihnen behalten wollte, ans Licht kommen würden? Das war gut möglich, konnte Max noch verstehen. Wollte er nichts, was nicht vollendet gewesen war, eines Tages in den Buchgeschäften stehen sehen? War es vielleicht sogar Franz’ Wunsch, keine Spur in der irdischen Welt, unter der er so sehr gelitten hatte, zu hinterlassen? Damit sie am Ende nichts mehr von ihm bekam, was sie womöglich als Lohn sehen konnte?
Aber…so war Franz doch auch nicht veranlagt gewesen. Er war ja eigentlich ein guter Mensch und Freund gewesen, der der Welt da draußen nicht zu hundert Prozent abgeneigt gewesen war. Doch auch alle seine möglichen Erklärungen für Franz‘ Wunsch, die er gefunden hatte, hatten ihre Chancen darauf, die Wahrheit zu sein. Und keine seiner Vermutungen erzählte die gesamte Wahrheit. Im Augenwinkel sah er Dora, die ein paar Oktavhefte in ihre Tasche steckte und weinte. Die Arme, dachte er. Zuerst verliebt sie sich in einen schwerkranken, viel älteren Mann, dann muss sie ihn auf qualvolle Art sterben sehen. Und jetzt zu Grabe tragen, dachte er, als sein Blick erneut auf Franz‘ Sarg fiel. Durch die Tür traten, weißhaarig und gebrechlich, zwei alte Leute. Dem Mann schien die Szenerie relativ egal, er wand seinen Kopf nach links und rechts, begutachtete jeden Einzelnen. Schließlich trat er mit seiner Frau vor bis zur zweiten Reihe und setzte sich mit ihr.Die Frau schien viel gebrochener als ihr Mann. Ihren Umhang eng um sich ziehend, setzte sie sich und weinte unauffällig, wie eine Mutter, die ihr Kind beerdigen muss, nicht anders kann, auch wenn dieses Kind erwachsen war.„Julie Kafka…“, dachte er, und beim Anblick des Mannes „Hermann!“Sein guter Ruf bei den beiden, den er eigentlich nie hatte zerstören wollen, war ihm einen kurzen Moment lang völlig schnuppe. Am liebsten hätte er dem Alten gerade jetzt alles vor die Füße geworfen, was er nun wusste. Was er vorgestern in Franz‘ altem Zimmer bei seinen Eltern, in dem derzeit Dora schlief, nur gefunden hatte. Dieser Brief hatte ihn tief ins Herz getroffen, der nie abgeschickt worden war. Dieser Aussöhnungsversuch. Vergebliche Liebesmüh, könnte man sagen. Vergeblich…wie gut das Franz beschrieb. Er hatte immer hart an seinem Traum, Schriftsteller zu sein gearbeitet, ja, er hatte sich trotz aller Umstände stets als Schriftsteller gesehen. Und er war definitiv ein guter, ja der Beste für Max. Ob er überhaupt bis jetzt etwas veröffentlicht hätte, wenn er nicht gewesen wäre? Er wusste es nicht, aber ahnte, dass es nicht so gewesen wäre.Was war auch. Vergangenheit war Vergangenheit. Scheitern war Vergangenheit. Franz war gescheitert, hatte sein Ziel schrecklich verfehlt, war schließlich Stück für Stück vergangen, nun sein Lebenslicht völlig erloschen. Franz war Vergangenheit, so schmerzhaft es war. Von seinem Leben würde nicht viel mehr bleiben als ein paar mit der Zeit verblassende Erinnerungen weniger Menschen, wie zum Beispiel ihm. Und solange sie noch aufgelegt werden würden, ein paar seiner Geschichten. Dann würden die Bücher jedoch in Kisten verstauben, im Altpapier landen, das Papier würde sich auflösen in Nichts, als wäre es nie gewesen. Die Erinnerung wäre ebenfalls spätestens mit dem Tod der Menschen, die Franz kannten, verloren. Franz war gescheitert, und Max zerriss es das Herz.

Anderthalb Stunden später stand er am offenen Grab, gezwungen, herabzublicken auf diesen erbarmungslosen Sarg, in dem Franz nun gleich von der Erde gefressen werden würde. Es wurden noch einige kurze Reden gehalten, und schließlich beendete der Rabbiner die Zeremonie mit einem Gebet, das er still mitbetete, und den Worten „Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“Worte, die alle mitsprachen und lange in ihren Herzen nachhallten. Ja, Franz, wer du warst, soll für immer leben, dachte er. Er weinte, während er seine Blume auf den schon ganz bedeckten Sarg warf. Franz, siehst du meine Tränen, dachte er und blickte zum Himmel. Siehst du, dass du mir weiterhin nicht egal bist. Du bist jemand. Du bist mein bester Freund. Du bist der Freund so vieler, tatsächlich sind die meisten Menschen, die dich kennen, deine Freunde. Und für mich bist du der beste Schriftsteller dieses Jahrhunderts. Schon jetzt, obwohl es noch nicht einmal zu einem Viertel rum ist.Und unter diesen Bedingungen…bitte verzeih mir. Jetzt wusste er, was er sollte. Spätestens, als sie bei Kafkas alle um den großen Esszimmertisch saßen und auf das Andenken an Franz tranken, wusste er es. Dass es absolut richtig war, dem unrichtigen Impuls, Franz‘ Testament oder eher Bittbrief zu brechen, nachzugeben. Es war, um Franz zu retten. Ihn ein letztes Mal vor sich selbst zu retten. Und damit hatte er ziemlich Erfahrung, wie er fand. Er war wahrscheinlich sogar der Mensch mit der wertvollsten. Außerdem, alle Dinge, die Franz geschrieben hatte, hatten ihn seit diesem Abend, an dem er zufällig einen Stoß Papier von seinem Schreibtisch gefegt hatte, einfach nur fasziniert, ja schon seine Briefe an ihn zuvor.Wieder im selben Zimmer, sah er zu, alles einzusammeln, was nach Brief, Tagebuch oder Literaturskizze aussah und in eine große Tasche zu packen, die er sich von Ottla geliehen hatte, um das Zeug schnell zu sich nach Hause zu bringen. Alles musste gesichtet werden, geordnet, wieder zu dem gemacht werden, was es war. Je mehr er einpackte, desto mehr realisierte er, dass dieses Projekt Gefahr lief, Jahre oder sogar Jahrzehnte zu dauern, vielleicht sogar ein ganzes Leben. Es konnte sogar sein, darüber hinaus. Doch er war absolut bereit, trotz der Menge, trotz der leisen Gewissensbisse, dass man doch nicht einfach einen toten Freund hinterging, trotz des Widerstandes der Eltern Kafka und besonders Doras, das alles zu tun. Franz verdiente die Welt, und die Welt verdiente Franz. Ja, die Welt, besonders die Weltliteratur. Franz hatte Weltliteraturpotenzial, und er hoffte für sich und ihn, dass ihn dieses Gefühl nicht betrog. Schon nächste Woche würden sie beginnen, Franz‘ Vermächtnis am Leben zu erhalten. Mit ein paar Freunden zusammen hatte er eine Lesung seiner Texte arrangiert, und jetzt musste er noch einmal nach Hause und dann würde dieser Tag sicher schneller kommen, als er sich jetzt vorstellen konnte. Er wollte schließlich noch eine Rede schreiben, ein paar weitere Freunde einladen, es gab viel zu tun. Aber er war dazu bereit. Er würde alles tun, damit Franz nicht vergessen würde. Und wenn er dafür sein Testament brechen musste. Zugegebenermaßen war ihm jetzt alles egal.

Genau ein Monat war seit Franz‘ Tod vergangen, als Max zum ersten Mal seit der Beerdigung das Grab seines Freundes besuchen ging. Heute wäre sein 41. Geburtstag gewesen, fiel ihm ein. Nun würden sie, anders als in all den Jahren zuvor, in verschiedenen Welten feiern, jeder auf seine Art.Er hoffte, dass es Franz‘ wundervoller Seele gut ging, dort wo sie war. Am Grab angekommen, setzte er sich kurz und betete dafür. Dann gestand er Franz seine Pläne. Er bat ihn, ihm den Testamentsbruch zu vergeben, da er nicht nur nicht wollte, dass sie beide vergessen würden, ja, er wollte einen Platz in der Weltliteratur für Franz, erträumte ihn sich eines Tages im Olymp dieser besten Schriftsteller jedes Zeitalters Menschheitsgeschichte. Für ihn gehörte Franz jetzt schon da hin, er musste nur noch den Rest der Welt überzeugen.Das war nun seine Aufgabe, die er mit großer Freude annahm. Der Name Kafka würde unter seiner Obhut zu einem großen Namen in der Literaturgeschichte werden, er würde Franz seinen Traum erfüllen.Er, Franz, war nicht gescheitert. Dafür würde spätestens er sorgen.Als er wegging, wand er sich noch einmal nach dem aktuell noch steinlosen Grab um. Eine Träne floss über seine Wange. Du bist nun frei, überlass den Rest mir, sprach er in Gedanken ein letztes Mal mit ihm. Ruhe in Frieden, Dr. Franz Kafka.
 
 
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