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Perché non muori?

von renawitch
OneshotÜbernatürlich, Tragödie / P16 / Gen
Joe / Yusuf Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
09.09.2020
09.09.2020
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09.09.2020 1.611
 
Das hier war ein nicht enden wollender Alptraum und Nicolo völlig am Ende seiner Kräfte.
Die Schlacht um Jaffa war seit dem späten Nachmittag vorüber. Die Stadt schon vor Stunden an die Christen gefallen. Alle Sarazenen längst vertrieben oder ermordet.
Der Schmerz zwischen seinen Rippen pochte unaufhörlich, raubte ihm fast die Luft zum Atmen.  Blut tränkte das ehemals weiße Obergewand in solchem Ausmaß, dass das rote Zeichen des Kreuzes kaum noch auszumachen war. Die Wunde, die das Schwert des Sarazenenkriegers geschlagen hatte, nachdem es Nicolos linke Brust knapp oberhalb des Herzens durchstoßen hatte, schickte pulsierend Wellen quälender Pein durch seinen Körper.
Der Ritter schloss verzweifelt die Augen und stöhnte erschöpft auf, als sich sein Gegner am Boden erneut rührte.
„Perché non muori e basta?“
Mühsam hob er ein weiteres Mal das Schwert, während der Krieger zu seinen Füßen Anstalten machte, sich zu erheben.
Warum starb er nicht? Diverse Treffer seines Schwertes hätten seinen Gegner in den sicheren Tod schicken müssen. Nicolo hatte in den Stunden des Kampfes mehrfach dessen Hauptschlagadern durchtrennt, das Herz mit seiner Klinge durchstoßen, ihm die Kehle aufgeschlitzt und ihn letztlich sogar einen Abhang hinunter gestürzt, doch was er auch tat, der Sarazene starb einfach nicht. Immer wieder erhob er sich und nahm erneut den Kampf gegen den Kreuzritter auf.


Der erste Tod, inmitten der tobenden Schlacht, war der Schlimmste.
Nicolo konnte kaum fassen, dass sich sein Gegner nach einem derartigen Schlag, welcher dem Sarazenen die Arterie am rechten Bein von der Leiste bis zur Mitte des Oberschenkels auftrennte, dennoch zurück auf die Füße kämpfte, und erneut das Schwert gegen ihn hob.
Ein Hieb quer vor die Brust und ein tiefer Schnitt durch die Kehle brachten den Krieger auf die Knie. Nach wenigen Augenblicken stürzte er tot zur Seite und in den heißen Sand.
Während das Leben aus den Augen seines Feindes wich,  wandte sich Nicolo bereits dem nächsten Gegner zu.
Der plötzliche Schlag von hinten in seine rechte Flanke, zwischen Rippenbogen und Hüfte, traf ihn völlig unvorbereitet. Der eigentliche Schmerz übermannte ihn mit überwältigender Wucht, als der Sarazene das Schwert zurückzog und die Blutung einsetzte.
Nicolo brach mit einem heiseren Keuchen in die Knie, krümmte sich vor Pein, die Linke auf die klaffende Wunde gepresst, und starrte fassungslos auf das helle Blut, das augenblicklich zwischen seinen Fingern hervor strömte. Jeder Atemzug schmerzte, trieb ihm fast Tränen in die Augen.
In sein Sichtfeld traten die ledernen Stiefel des Siegers. Das war nun also das Ende. Das Schwert glitt aus seiner kraftlosen Hand.
„Finiscilo“, brachte er mühsam flüsternd und stockend hervor.
Er atmete schwer und rasselnd, senkte resigniert den Kopf und schloss die Augen, während er zu Füßen seines Feindes kniend auf den Tod wartete, den dieser ihm nun geben würde.
Stattdessen spürte er, wie sich eine Klinge fast schon sanft an seine Kehle legte und ihn nun mit Nachdruck zwang, den Kopf zu heben, um zu seinem Bezwinger aufzusehen.
Wie konnte das nur möglich sein? Bewahrheiteten sich die Reden der Priester und der Feind stand tatsächlich mit dem Teufel im Bunde? Hatte er die Klinge mit dem Leibhaftigen gekreuzt?
Dunkle Augen musterten ihn mit unverkennbarem Entsetzen und vollkommener Verwirrung. Grenzenloser Hass stand in dem bronzefarbenen Gesicht des Kriegers geschrieben, den Nicolo gerade erst getötet hatte.
Der Ritter runzelte fassungslos die Stirn, öffnete entsetzt die Lippen, tat einen schmerzhaften, zitternden Atemzug und flüsterte stockend:
„Sei tu?“
Der Sarazene knurrte leise etwas in seiner Sprache, welche Nicolo nicht verstand, drehte sich seitlich und trat ihm mit solcher Wucht vor die Brust, dass der Ritter, qualvoll hustend, auf dem Rücken zu Füßen seines Feindes liegen blieb.
Noch bevor Nicolo in der Lage war, einen weiteren, rasselnden Atemzug zu nehmen, flammte ein neuer, grausamer Schmerz durch seine rechte Schulter. Sein Gegner trieb das Sarazenenschwert durch sein Fleisch hindurch tief in das Erdreich und nagelte ihn so nahezu bewegungsunfähig auf dem Boden fest. Der einsetzende, flammende Schmerz, als der Sarazene die Klinge in der Wunde drehte, war kaum zu beschreiben. Nicolo schrie gepeinigt auf, bevor der Dolch des Sarazenen auf seinem Brustkorb nieder ging und ihm die Sinne raubte.

Dass er mit seiner Vermutung recht hatte, die Heiden stünden mit dem Teufel im Bunde, wurde ihm klar, als er mit einem panischen Atemzug, doch körperlich völlig unversehrt, auf dem Schlachtfeld erwachte.
Im ersten Augenblick sah er sich verwirrt und ängstlich um.
Wie war das nur möglich? Der Dolch hatte sein Herz nicht verfehlt, auch die Wunde, die der Krieger ihm an der Flanke beigebracht hatte, war ohne jeden Zweifel tödlich. Ungeachtet dessen fand er sich dennoch völlig unversehrt zurück auf dem Schlachtfeld wieder.
Hatte dieser Teufel ihm einen schnellen Tod und den Einzug in das Segensreich verweigert? Beschmutzte das Blut des Sarazenen Nicolos Seele so sehr, dass vielleicht gar Gott selbst  ihm das Paradies verwehrte?
Er fühlte sich betrogen. Durch Hexerei und Feindeslist böswillig um die himmlischen Gärten gebracht.
Eine unglaubliche Wut kochte in ihm empor, ließ ihn die Faust ballen und sein Schwert ergreifen, welches noch immer neben ihm lag.
Der Krieger, er mochte wohl eher ein Dämon oder eine andere Kreatur aus der Hölle sein, focht mit einem Ritter und wandte Nicolo den Rücken zu.
In einer einzigen, fließenden Bewegung erhob er sich. Mit zwei schnellen Schritten brachte er die Distanz zwischen sich selbst und dem Sarazenen hinter sich, griff mit der linken Hand an dessen Schulter und riss ihn brutal zurück. Im nächsten Augenblick standen sie sich erneut gegenüber, musterten sich gegenseitig voll mit mühsam unterdrückten Hass und begannen den Tanz von neuem.


Diesen ersten Tod starb er vor einigen Stunden.
Mittlerweile hatte unter einem vollen Mond längst die Nacht Einzug gehalten. Wie oft er den Sarazenen bisher getötet hatte, vermochte Nicolo nicht mehr zu sagen. Fünfzehn-, vielleicht zwanzigmal?
Wie oft hatte er selbst den Tod durch die Hand seines Gegners gefunden? Es erschloss sich ihm ebenfalls nicht, doch langsam bahnte sich ein finsteres, grausames Gefühl einen Weg an die Oberfläche seiner abgeklärten Fassade.
Angst.
Wie oft würde er durch die Hand dieses Mannes sterben? Auf welche Arten und Weisen denn noch?
Erstochen, verblutet, mit einem Stein erschlagen, der Sarazene hatte ihm das Genick gebrochen und ihn zuletzt, nachdem sich Nicolo in rasender Verzweiflung mit ihm zusammen in die benachbarte Schlucht gestürzt hatte, im dort unten gurgelnden Fluss ertränkt.
Jeder dieser Tode war schmerzhaft, grauenvoll, voller Schrecken und mehr als zermürbend. Das Aufwachen glich jedes Mal einer wahren Tortur aus Verwirrung, Panik, Schmerzen und Benommenheit.
Ebenso, wie er selbst alle Register zog, um seinen Gegner endlich endgültig zu töten,  gab dieser ebenfalls nicht auf und schon nach kurzer Zeit war den Männern klar, dass sie sich im Kampf nahezu ebenbürtig sein mussten.
Beide konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Letztlich forderte dieser Kampf seinen erschöpfenden Tribut von ihnen. Wie oft vermochten sie noch, zurückzukehren, aufzuwachen, zu kämpfen und zu sterben?

Der Krieger vor ihm kam fast lautlos auf die Füße. Schnell, flüssig und gewandt richtete er sich erneut auf und nahm einen tiefen Atemzug.
Nicolo seufzte schwermütig, schloss einen kurzen Augenblick die Lider und hob sein Schwert ein weiteres Mal.
Der Sarazene rührte sich nicht.
Nicolo wagte sich einige, vorsichtige Schritte weiter vor, seinem Gegner entgegen, doch noch immer machte dieser keinerlei Anstalten, auf die offensichtliche Provokation einzugehen.
Argwöhnisch runzelte der Ritter die Stirn, versuchte im Mondlicht mehr Details des Sarazenen zu erkennen und tat einen weiteren Schritt, nur um sogleich verwundert inne zu halten.
Der Schatten ging nun in die Hocke. Der Krieger setzte sich vor ihm auf den Boden und überkreuzte die Beine.
Fragend legte Nicolo den Kopf schief. Was sollte das? Eine neue Taktik vielleicht? Gar eine Falle?
Im hellen Mondlicht konnte der Ritter ausmachen, dass der Sarazene nachdrücklich den Kopf schüttelte und leise etwas auf Arabisch sagte.
Nicolo verstand kein Wort, doch die Stimme des Kriegers wirkte nicht feindselig, sondern ruhig und erschöpft. Im nächsten Augenblick ließ ein klirrendes Geräusch den Ritter zusammenschrecken und voller Sorge einige Schritte weit zurückweichen.
Der Sarazene sprach ruhig und leise in seiner sonderbaren Sprache weiter und lachte spöttisch auf. Dann hob er beide Hände, um sie Nicolo zu zeigen und bedeutete ihm still, seinem Blick zu folgen.
Das Schwert! Er hatte es fortgeworfen. Es lag weit außerhalb seiner Reichweite und schimmerte mit kaltem Glanz im Mondlicht.
Nicolos ungläubiger Blick wanderte zurück zum Gesicht seines Feindes, der nun langsam und bedächtig beide Hände gut sichtbar vor sich auf die Knie legte.
Der Ritter ließ voller Verwunderung zögerlich sein Schwert sinken, blieb jedoch äußerst vorsichtig und angespannt, während er die Waffe behutsam auf den Boden legte.
Der Heide lächelte milde und nickte anerkennend.
Schritt für Schritt näherte sich Nicolo ihm erneut, beobachtete ihn argwöhnisch, ließ sich jedoch dem Sarazenen gegenüber ebenfalls auf dem Boden nieder und nahm einen tiefen, beklommenen Atemzug.
Wieder sprach der Andere arabisch, erkannte jedoch schnell, dass Nicolo nicht zu verstehen schien und nickte erneut.
Langsam führte er die rechte Hand zur Brust, legte sie auf sein Herz und sagte deutlich:
„Yusuf Al-Kaysani“
Der Ritter stutzte verwirrt. Hatte der Heide ihm gerade seinen Namen genannt?
Er folgte einer merkwürdigen Eingebung, als er es ihm gleich tat, die Rechte auf sein Herz legte und erwiderte:
“Nicolo di Genova“

Sie sahen sich an. Zwei Fremde in der Nacht. Einander ebenbürtig. Gegner, Todfeinde, die sich in den letzten Stunden völlig sinnlos auf alle möglichen Arten gegenseitig getötet hatten.
Wenn sie den anderen während der zurückliegenden Zeit schon nicht umbringen konnten, machte es keinen Sinn mehr, es weiterhin zu versuchen.
Wenn Krieg nicht funktionierte, sollten sie es vielleicht mit Kooperation versuchen.


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Perché non muori e basta? – warum stirbst Du nicht einfach?

Finiscilo – Beende es

Sei tu? – Du bist es?
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