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Dass die Sonne wieder schiene

von Tarvian
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Gen
09.09.2020
07.07.2021
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6.644
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07.07.2021 1.764
 
Es war Abend geworden und viele Fenster der Häuser um sie herum waren erleuchtet. Hinter den Vorhängen konnte man die Silhouetten der Bewohner ausmachen. Um sie herum duftete es nach frischem Gras und schlummernden Hyazinthen; im Hintergrund plätscherte das Wasser eines Springbrunnens. Der königliche Markt war in ihrer Abwesenheit zu einem Gartenpark umfunktioniert worden. Vereinzelt schlenderten Paare über die Wege durch die Blumen hindurch. Neben den Beeten auf der dunkelgrünen Grasfläche lag ein Sternengucker auf dem Rücken, der seine Umgebung völlig vergessen zu haben schien. Linduria ließ den Garten hinter sich und betrat eines der Häuser, die den Gartenplatz umsäumten. Vor ihr tat sich ein mit Kerzen erleuchtetes Treppenhaus auf, deren breite Treppe bis in das fünfte Stockwerk unter dem Dach hinauf führte. Zur Linken der Treppe stand ein Schreibtisch hinter dem ein dünner Elf saß. Er blickte hoch, als Linduria eintrat und seine Züge hellten sich auf.
" Priesterin Earil! Ihr seid zurück, der Sonne sei es gedankt! Willkommen zuhause."
"Vielen Dank, Herr Aromihl." Sie unterdrückte ein Gähnen und lächelte den Pförtner an. Dieser erhob sich und reichte ihr sogleich einen Schlüssel.
"Hier. Ruht Euch gut aus, Ihr wart lange weg. Oh, die junge Novizin hat sich regelmäßig um Eure Wohnung gekümmert, damit Ihr bei Eurer Rückkehr nicht erst Staub wischen müsst."
Die Reise und das Willkommensessen, das Elarianna Wolkensang ausgerichtet hatte, zollten nun ihren Tribut. Lindurias Kopf schien sich verlangsamt zu haben. Diese verflixte Müdigkeit.
"Novizin? Welche Novizin?"
"Ein junges Mädchen. Sehr reizend, hat immer ein offenes Ohr und einige Minuten Zeit zum reden. Sie war jede zweite Woche hier um nach dem Rechten zu sehen. Wurde direkt vom Turm geschickt. Wie hieß sie denn noch gleich? Amm...Emah. Nein. Aehma-"
"Aehnalynn. Novizin Aehnaylnn?"
"Ja, ganz genau!" Der Pförtner nickte eifrig. "Sehr reizend, sehr reizend."
"Danke für das Verwahren", sie hob kurz den Schlüssel, "wenn Ihr mich entschuldigen würdet."
"Aber selbst verständlich Priesterin. Ich wünsche Euch eine gute Nacht!"
"Danke." Sie schenkte ihm ein weiteres Lächeln und erklomm die Stufen bis zur dritten Etage. Dort blieb sie vor einer der beiden Wohnungstüren stehen und atmete kräftig aus. Da war sie endlich; eine Tür, ihre Tür, die sie hinter sich zu ziehen konnte und niemand würde hineinplatzen. Mit zwei Umdrehungen öffnete sie ihre Wohnung und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Ruhe. Sie ließ den Schlüssel in eine Schale fallen, die auf einem kleinen runden Tisch neben der Tür stand. Ihren Mantel hing sie daneben. Langsam schritt sie durch den Flur und betrat das Wohnzimmer. Die Fenster und ein kleiner Balkon schauten auf den Gartenpark, durch den sie gekommen war. Neben Bücherregalen, Schränken und Anrichten mit Geschirr, Bildern und Kerzenleuchtern, sowie einer gemütlichen Gruppe Sessel und Sofas stand eine große Konzertharfe mitsamt Notenständer neben dem großen Fenster. Tags fiel das Sonnenlicht so direkt auf die Noten. Wie sehr hatte sie das Spielen vermisst. Liebevoll strich sie mit den Fingern über einige der Saiten, die leise Töne vernehmen ließen.
"Hmm, Novizin Aehnalynn hat dich wohl auch stimmen lassen", murmelte Linduria leise. Sie schaute aus dem Fester. Sowohl die Gardinen als auch die verdunkelnden Vorhänge waren zurückgezogen und gaben so den Blick auf den großen Gartenplatz frei. Vieles hatte sich in der Stadt geändert. Neben den Kriegsbemühungen hatte es Silbermond irgendwie geschafft sich weiter aufzubauen und zu verändern. Der neue Garten gefiel ihr und erinnerte sie an den alten, weitläufigen Stadtgarten, der von der Geißel bei ihrer Invasion vollkommen zerstört worden war. Zwar hatte er natürlich nicht dessen Größe, doch rief er gute Erinnerungen wach. Sie wandte sich um und verließ das Wohnzimmer. Jetzt wollte sie sich nur noch waschen und in ihr Bett fallen. Über alles andere konnte sie sich morgen Gedanken machen.

"Nun. Wie geht es dir?"
Die Teetasse vor ihm dampfte. Nachdem Linduria ein Gästezimmer dankend abgelehnt und sich verabschiedet hatte, war Fiyeran umgehend in dem Schaum eines heißen Bades verschwunden. Als er sauber, frisch riechend und mit noch halbfeuchten Haaren wieder die Küche, das Domizil seiner Tante Ela, betrat, hatten Varendil und Tianesa sich mit den Kindern zurückgezogen. Ela hatte bereits Ordnung gemacht und zwei Becher mit Tee, geschnittene Zitronen und eine Schale kleiner Kekse auf dem Tisch arrangiert. Sie lächelte ihn warmherzig an und bedeutete ihm sich auf der mit Sitzkissen ausgelegten Bank zu setzen. Nun saßen sie einander gegenüber und Ela bedachte ihn mit einem mütterlichen Blick.
"Ich fühle mich müde. Und dankbar wieder hier zu sein."      
Ela nickte.
"Varendil hat mir auf der Rückreise oft gesagt, wie lange wir weg waren. Und doch könnte ich es dir jetzt nicht sagen. Ich habe jegliches Zeitgefühl da draußen verloren."
"Das wird einigen genauso ergehen."
"Vermutlich." Fiyeran griff nach einer geviertelten Zitrone und drückte sie über seinem Tee aus. Kleine Tee- und Zitronensaftspritzer verteilten sich auf der Tischplatte. Wie mechanisch wischte er sie mit zwei Fingern weg. "Ich habe oft an damals denken müssen. Sehr oft. Zu ähnlich kam mir vieles vor."
Ela nickte nur und lauschte aufmerksam.
"Nur dieses Mal sind wir in die Offensive gegangen. Und wir standen nicht allein auf verlorenem Posten. Wir haben sie bedrängt bevor sie uns in die Enge treiben konnten. Haben sie niedergejagt." Seine Hand ballte sich zur Faust und quetschte den allerletzten Rest Saft aus der Zitrone. Wo der Saft über die gerissene Haut an seinen Fingern lief brannte es. Fiyerans Mundwinkel zuckte und er legte das Zitronenviertel wieder zurück.
"Wir haben alles versucht um unsere Heimat, unsere Liebsten und um diese Welt zu schützen."
Ela legte ihre Hände um die Hand, die Fiyeran unschlüssig vor sich in der Luft hielt, den Ellenbogen auf dem Tisch aufgestellt.
"Ihr wart erfolgreich."
"Ja, das waren wir." Seine Finger umgriffen ihre. "Doch bis wir das erreicht haben. Tantchen, es-", er schluckte kurz. Ela lächelte ihn verständnisvoll an. "Wir haben viele gute Männer und Frauen in diesem Krieg verloren. Und viele, die heimkehren konnten, sind gezeichnet. Die Dämonen haben ohne Regeln gekämpft. Das mussten wir schmerzlich erfahren. Nicht, dass wir das nicht gewusst hätten. Doch dieses Mal sind sie mit besonderer Grausamkeit vorgegangen. Es sollte der letzte Schlag gegen Azeroth sein."
"Und ihr konntet ihn vereiteln!"
"Allein hätten wir das niemals geschafft. Wir standen mit all denjenigen zusammen, die wir bis vor kurzem noch bekämpft haben. Ich kann mir nicht helfen, aber dieser Krieg hat mir eines gezeigt."
"Was denn, Fiyeran?"
Er hob den Blick von seinem Becher Tee und sah seine Tante direkt an.
"Ich habe mich immer aus den politischen Angelegenheiten des Adels herausgehalten. Auch wenn meine Eltern das vielleicht gern anders gewollt hätten. Doch all diese Territorialscharmüzel - im Hinterland, in Lordaeron, in Arathi, nur um nicht zu weit in die Ferne zu schweifen, sind doch absolut bedeutungslos. Ich werde in keinen Krieg mehr ziehen, wo es heißt Horde gegen Allianz. Ich hoffe, dass der Lordregent und seine Freunde das auch endlich verstanden haben. Ich bin müde, diese Kriege austragen zu müssen."
Ela strich über Fiyerans Handrücken. "Wie immer du dich entscheidest, ich werde immer stolz auf dich sein. Ich gehe nicht davon aus, dass ihr nächste oder übernächste Woche schon wieder zu den Waffen gerufen werdet. Alle müssen jetzt ihre Wunden lecken und sich erholen." Sie schob ihm seinen Becher zu. "Und jetzt trink, mein Lieber, bevor er kalt wird." Sie griff ihrerseits zu ihrem Becher und nippte an dem Tee. Fiyeran lachte leise und tat es ihr gleich. Während er nach einem Keks griff hielt er kurz inne. "Danke, Tantchen. Für alles und für dich."
"Für dich immer, mein Junge." Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Sie setzte sich wieder und schaute ihn an.
"Du bleibst hoffentlich jetzt eine Weile hier."
"Keine Sorge, ich werde mich nicht sofort wieder in die Wälder schlagen. So sehr ich sie liebe, habe ich erst einmal genug vom Schlafen auf nacktem Boden und einer knorrigen Wurzel als Kissen."
Sie lachten beide herzlich, während die Glut im Ofen langsam verglomm und die Kerzen immer kürzer brannten. Schnell waren sie bei anderen Gesprächsthemen gelandet. Seine Tante erstaunte Fiyeran immer wieder aufs Neue mit Geschichten und Anekdoten aus ihrer aktiven Zeit beim Waldläuferkorps, die er noch nie gehört hatte. Eines Tages wurde sie bei einem Überfall der Amanitrolle so stark verletzt, dass sie monatelang keinen Bogen spannen konnte. Ihre Schwester war zu diesem Zeitpunkt mit dem dritten Kind schwanger gewesen. Da Elarianna selbst nie Kinder bekommen hatte, widmete sie sich ganz ihrer Familie. Zunächst um ihre Schwester zu entlasten. Später wurde sie das heimische Herz der Familie Wolkensang indem sie den Haushalt verwaltete, die Kinder großzog und der gesamten Familie den Rücken freihielt. Und als der kleine Fiyeran seinen neuen Freund Varendil Leyklinge, der Sprössling eines wohlhabenden und sehr streng geführten Adelshauses, mitbrachte, schloss sie auch ihn in ihr Herz. Die beiden wuchsen wie Brüder auf und waren unzertrennlich. Von den Wolkensangs waren nur Fiyeran und Elarianna übrig geblieben. Als einziger Leyklinge überlebte Varendil die Invasion der Untoten. Nachdem der Staub sich gelichtet und die Untoten aus den Ruinen Silbermonds vertrieben worden waren, hatten sich die Drei zusammengeschlossen und bis zum heutigen Tage zusammengehalten.  
"Wie haben sich die beiden Kleinen gemacht?", fragte Fiyeran.
"Oh, ausgesprochen gut. Kian macht sehr gute Fortschritte in der Schule. Das Rechnen fällt ihm recht leicht und an seiner Schönschrift hat er fleißig gefeilt."
"Er kommt also nicht so sehr nach seinem Onkel", scherzte Fiyeran.
"Das kannst du so nicht sagen. Er übt mindestens dreimal die Woche im Hof und auf dem Übungsplatz mit dem Bogen, den du ihm geschenkt hast."
Fiyerans Gesicht hellte sich etwas auf. "Tut er das? Und, wie treffsicher ist er?"
"Es wird", Ela lachte. "Aber an Hartnäckigkeit mangelt es ihm nicht."
"Hervorragend! Und Mayaviel?"
"Maya steht ihrem Bruder in nichts nach. Sie kann klare Sätze formulieren, läuft wie ein kleiner Sauseblitz durchs Haus und hat sich mit jedem Eichhörnchen in der Stadt angefreundet."
"Sie hat was?"
"Es sind ihre Lieblingstiere."
Beide lachten. Draußen hatte die Nacht sich sanft über die Stadt gelegt, in der nach und nach die Lichter verloschen und Ruhe Einzug in die Straßen hielt.
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