Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Dass die Sonne wieder schiene

von Tarvian
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Gen
09.09.2020
07.07.2021
4
6.644
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
05.10.2020 1.681
 
Kaum hatte das Schiff die Insel der Sonnenwanderer umrundet, brandeten Beifall und Jubelrufe über das Wasser hinweg. Auf Mauern und Türmen wehten prunkvoll die Phönixbanner. Zahllose kleine Flaggen, die in Rot und Gold im Wind tanzten, waren in Girlanden über die Straßenzüge gespannt. In die Rufe der Stadtbewohner mischte sich das Spiel heller Fanfaren. Ganz Silbermond schien sich auf dem sonst mit Verkaufsständen und Frachtladungen übersäten Hafenplatz versammelt zu haben. Die dichte Menge der Jubelnden zog sich die Hauptstraße hinauf, vorbei an einer Tribüne auf der Vertreter der thalassischen Adelshäuser Platz genommen hatten. Auf einem in der Mitte gelegenen, leicht erhöhten Platz saß lächelnd und klatschend Waldläufergeneral Halduron Wolkenglanz. Die Sonne ließ das Leder seiner Rüstung leuchten. Die neben ihm sitzenden, in teure Stoffe gekleidete und wertvolle Schmuckstücke zur Schau tragenden Elfen saßen ebenfalls. Einige hielten Weingläser in der Hand und betrachteten das Geschehen entspannt zurückgelehnt.
Zwischen die Sin´dorei hatten sich auch einige der in Silbermond aufgenommenen Nachtgeborenen gemischt. Mit ihrer blauen Hautfarbe stachen sie besonders aus der Menge heraus. Doch niemand schien sich daran zu stören. Vereint begrüßten die Elfen die heimkehrenden Schiffe. Einige Kinder rannten bis zur Kaimauer vor und warfen Blumen in das Wasser und streuten sie auf den Platz. Mit lautem Kreischen flog eine Staffel von sechs Drachenfalkenreitern über den Hafen hinweg. Auch sie ließen einen Blütenregen auf die Menge niedergehen und zog in der Luft weiter ihre Kreise. Unter die Fanfaren mischten sich Pauken und Trommeln.

Linduria und Varendil standen nebeneinander an der Reling; Fiyeran in zweiter Reihe hinter ihnen. Sämtliche Reisende und Matrosen, die nicht woanders benötigt wurden, hatten sich auf dem Deck versammelt. Je näher sie der Stadt kamen desto lauter wurde es. Als der Regen aus zartrosa Blüten die Stadtbewohner erreichte schwoll der Applaus besonders an. Linduria lächelte.
"Was für eine Heimkehr. Die ganze Stadt ist auf den Beinen!"
"Das hat es all die Jahre noch nicht in solch einer Größe gegeben", entgegnete Fiyeran. Er zog den Gurt seines Reiserucksacks fest.
"Das Ende dieses Krieges kann man aber auch zurecht feiern!", sagte Varendil.
"Möge es der vorerst letzte gewesen sein." Linduria hatte leise, fast bittend gesprochen.
"So die Sonne uns gewogen ist", stimmte Varendil ihr nickend zu. Mit routinierten Griffen überprüfte der Zauberbrecher den Halt seines Schwertes. Dann zog auch er seinen Rucksack über die rechte Schulter. Seinen Schild hatte er in der letzten Schlacht eingebüßt. Er war nicht mehr zu reparieren gewesen. "Hoffentlich findet Tianesa uns schnell." Ein sehnendes Lächeln zog sich über sein Gesicht.
"Ganz bestimmt." Linduria legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Unser Schiff legt als erstes an. Und mich wird sie nicht übersehen können", grinste Fiyeran.
"Wie sollte man dich Riesen auch übersehen können?", gab Varendil lachend zurück.
Die Segel des Schiffes waren eingeholt und das Fahrttempo gedrosselt worden. Am Brückendeck stand Admiralin Silbersturm neben dem Steuermann und dirigierte ihn und das Schiff mit knappen Worten. Ihre Handflächen leuchteten in einem blauen Licht. Ruder waren nicht nötig, da die Admiralin das Schiff magisch abgebremst hatte und es nun langsam einlaufen ließ. Sanft kam es zum Stillstand und die Matrosen warfen umgehend die dicken Taue über Bord, mit denen die Hafenarbeiter schnell das Schiff festmachten. Ebenfalls auf dem Brückendeck stand Alsharin. Die Admiralin trat neben sie, ließ den Blick über den Hafenplatz schweifen und beobachtete dann, wie zwei Stellinge herbeigetragen wurden.
"Nun, Lady Himmelsflamme. Ihr habt es endlich geschafft. Die Überfahrt ist vorbei."
Alsharin nickte nur knapp.
"Wir haben leider nicht die Möglichkeit gehabt uns ausgiebig zu unterhalten. Doch würde ich Euch gern eins mitgeben, ehe Ihr von Bord geht."
"Und das wäre, Lady Silbersturm?" Ohne den Blick zu wenden sprach sie gepresst durch die Zähne.
"Fangt endlich an zu leben. Wir waren endgültig siegreich. Es wird keine weitere Legion oder Geißel geben. Ihr habt Eure-"
"Genug!", kam die zischende Antwort. "Ihr habt genug gesprochen, Admiralin."
"Wie Ihr meint." Ohne ein weiteres Wort drehte sich die Admiralin um und trat zu dem Steuermann, dem sie zunickte und lobend auf den Oberarm klopfte.

Das Gemisch aus Rufen und Musik war nahezu ohrenbetäubend. Kaum hatte Linduria wieder festen Grund unter den Füßen hätte sie sich fast wieder in die Ruhe des Schiffes zurückgeflüchtet. Doch mit Varendil an ihrer Seite und Fiyeran hinter ihnen gab es nur den Weg dem Lärm entgegen. Alle drei schauten sie umher. Überall riefen, jubelten, klatschten und lachten Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen. Die Blüten unter ihren Schuhen nahmen sie nicht wahr. Bei vielen der Anwesenden hatten sie sich in den Haaren verflochten. Da tönte eine wohlbekannte Stimme durch das Durcheinander.
"Varendil!"
Fiyeran sah sie als Erster. Er tippte seinen Freunden auf die Schulter und deutete nach schräg rechts. In eine blaue Robe gekleidet und einen selbst gepflückten und gebundenen Blumenstrauß in der Hand haltend lief eine Elfe mit roten Haaren auf sie zu. Es war Tianesa. Und sie war nicht allein. Ihr nach folgten eine ältere, weißblonde Dame in schwarzem Kleid und ein Elf, der selbst Fiyeran überragte.
"Tante Ela!", rief Fiyeran, doch da hatten die beiden Gruppen schon zusammengefunden. Tianesa warf sich an Varendils Brust und er zog sie in eine feste Umarmung.
"Mein Junge, mein guter Junge! Du bist wieder zurück!"
"Tante Ela." Ohne ein weiteres Wort ging Fiyeran auf ein Knie und umarmte seine Tante. Mit der linken Hand drückte sie ihn an sich während sie mit der rechten liebevoll durch sein Haar strich.
"Linduria, wie schön, dich wiederzusehen!" Der riesige Elf lächelte Linduria herzlich an. Es war Eloiran, der ebenfalls den Sonnenpriestern angehörte.
"Was für eine Überraschung, Eloiran!"
"Komm her", sagte er nur und zog auch Linduria in eine lange Umarmung. Einen Freund, der sie hier begrüßen würde, hatte sie sich gewünscht. Erleichtert schloss sie die Augen und legte beide Hände an seine Brust. Neben ihr strich Elarianna Wolkensang ihrem Neffen weiterhin durchs Haar. Sie flüsterte liebevolle Worte. Stumm tropften Tränen von seinen Wangen auf den Boden. Seine Arme zitterten, sein Bogen lag neben ihm.
"Wo sind Kian und-", fragte Varendil.
"Zuhause und warten auf dich.", unterbrach ihn Tianesa und hielt ihn mit einem Kuss vom weiteren Sprechen ab. Sie sah ihrem Mann tief in die Augen, ehe sie sich umdrehte.
"Linduria! Der Sonne sei Dank!"
"Ja-" Weiter kam sie nicht, da Tianesa die Freundin in ihre Arme schloss. Varendil reichte Eloiran freundschaftlich die Hand, ehe er sich Fiyeran und Elarianna zuwandte. Diese wiegte ihren Neffen wie ein kleines Kind. Auch ihr waren einige Tränen über die Wangen gelaufen, doch lächelte sie dabei. Varendil beugte sich kurz zu ihr hinab und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe. "Hallo, Tantchen."
Sie hob eine Hand an sein Gesicht und streichelte liebevoll seine Wange. "Varendil. Ihr seid beide wieder da. Wem kann ich nur danken?" Sie schaute ihm direkt in die Augen. "Meine beiden Jungs sind wieder zu Hause. Unsere Familie ist wieder vereint. Wem kann ich danken?" Tianesa, die sich an Linduria hielt, wischte sich über die Augen. Die Priesterin lehnte glücklich ihren Kopf am die Schulter der Freundin. Eloiran stand wie ein stummer Wächter daneben.
"Vom ersten Tag an hat sie die Sorgen und Angst um die beiden verzehrt. Sie hat versucht sich nichts anmerken zu lassen. Doch nachts konnte ich sie oft weinen hören." Linduria strich Tianesa über den Handrücken.
"Es wäre auch beunruhigender gewesen, hätte sie gelacht. Ich erinnere noch, wie schwer sie sie hat gehen lassen."
"Die beiden sind ihr Ein und Alles. Und natürlich die Kinder."
Fiyerans Zittern hatte aufgehört. Mit geröteten Augen griff er nach seinem Bogen und stand wieder auf. Auch Ela erhob sich und drückte Varendil einen Kuss auf die Wange, ehe sie ein Taschentuch aus einer Tasche hervorzog und Fiyeran sanft über die Wangen wischte.
"Tante Ela, das kann ich schon noch selbst", brachte er lachend hervor.
"Das weiß ich doch, mein Junge." Sie tätschelte ihm kurz über die Wange und überließ ihm das Tuch.
"Linduria, willkommen daheim!" Sie herzte die Priesterin lächelnd. "Nun aber los! Die Kinder warten und ich habe für uns alle gekocht. Und nein", sagte sie an Linduria gewandt, "ich dulde keinerlei Widerspruch!"
"Ich werde noch bleiben und weitere Freunde begrüßen." Eloiran verneigte sich lächelnd. "Findet euch in Ruhe wieder ein."
"Danke Eloiran", entgegnete Linduria. "Wir sehen uns bald."
"Aber selbstverständlich", erwiderte der Priester und verschwand in der Menge.
"Also dann." Ela hakte sich bei Fiyeran ein und bedeutete Linduria an ihre Seite zu kommen. "Lasst uns gehen. Hier sind doch etwas zu viele Leute."
Lachend ergriff Tianesa Varendils Hand und gemeinsam verließen sie den Hafenplatz.

Sie hatte gewartet bis sämtliche Heimkehrer das Schiff verlassen hatten. Nun stand sie an der Kaimauer und beobachtete, wie sich Familien und Freunde in die Arme fielen und sich lachend und weinend begrüßten. Niemand war ihr entgegen gekommen. Doch das hatte sie erwartet. Ein letzter Blick und sich begann sich ihren Weg durch die Menge zu bahnen. Mühen musste sie sich dabei nicht. Ihre imposante Erscheinung, Roben und Übermantel mit stehendem Kragen einer Hochmagistrix, das streng zusammen geknotete Haar, der Siegelring ihrer Familie, ließ die Leute vor ihr bei Seite treten. Sie erreichte die Tribüne. Einige Plätze waren bereits verlassen, andere Elfe unterhielten sich. Ihr Blick kreuzte den einer ihre wohlbekannten Frau. Ihr kunstvoll gebundenes Haar war ergraut, Fältchen zogen sich um Mund und Augen. Ein silbernes Geschmeide umschlang filigran ihren Hals. Die Kristalle in ihren Ohrringen blitzten im Sonnenlicht. Die Dame nickte Alsharin freundlich zu. Sie erwiderte das Nicken kurz und folgte der Straße. Nach einigen Metern bog sie in eine kleine Seitengasse. Sie würde nicht den ganzen Weg durch die halbe Stadt laufen. Mit einem blau-violetten Lichtblitz war sie verschwunden.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast