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Dass die Sonne wieder schiene

von Tarvian
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Gen
09.09.2020
07.07.2021
4
6.644
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12.09.2020 1.536
 
"Vielen Dank Helwa. Ich werde mich dann morgen früh um den Kräutersud kümmern."
"Is' in Ordnung! Ich werde ihn noch einige Stunden weiter köcheln lassen und dann vom Feuer nehmen. Schlaf gut!" Die stämmige Zwergin, auf deren Wangen kunstvoll blaue Zeichnungen prangten, hob zum Abschied die Hand zum Gruß und wandte sich dann wieder dem Topf zu, der vor ihr über dem Feuer hing und in dem es wild blubberte. Linduria erwiderte den Gruß lächelnd und verließ das Zelt. Sie zog die Planen hinter sich sorgsam zusammen und ließ den Blick kurz umher schweifen. Ein  Schwefelgeruch lag seit Wochen in der Luft und schien sich von Tag zu Tag leicht zu verstärken. Die Spähtrupps würden das Lager der Dämonen bald entdeckt haben. Dem Geruch zu urteilen vergrößerte sich ihre Zahl stetig. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Quelle dieses Gestanks gefunden war. An wichtigen Posten in dem Lager wurden Fackeln entzündet. Linduria nickte einigen der Soldaten zu während sie ihre Schritte durch die von Stoffwänden gesäumten Wege durch das Lager führte. Der Kampf gegen die brennende Legion hatte die Völker Azeroths erneut vereint Schulter an Schulter stehen lassen. Unter den vorigen politischen Gegebenheiten hätte sie nie mit Helwa in einem Zelt gestanden und Kräutersude zur Behandlung magischer Schnittwunden durch die Dämonenhunde der Legion angesetzt. Die Partnerschaft mit der Zwergin des Wildhammerklans hatte sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Helwa verfügte über ein umfangreiches Wissen im Bereich der Kräuteranwendung. Noch nie hatte sie über Kombinationen, Wechselwirkungen oder gar einzelne Pflanzen so viel aus Büchern erfahren, wie Helwa es ihr beibrachte. Im Gegenzug konnte Linduria Kenntnisse in der Behandlung von magisch zugefügten Verletzungen vorweisen. Zudem kamen sie bestens miteinander aus.
Der Himmel war von dicken Wolkenwirbeln in allen nur erdenklichen Grautönen verhangen. Hinter ihnen sendete der Mond vergeblich seine silbernen Strahlen in Richtung Erde. Linduria folgte dem Weg zwischen den Zelten hindurch. Dabei stieg er leicht an und führte einen kleinen Hügel hinauf. Auf dessen Spitze stand das Kommandozelt. Einige etwas kleinere Zelte standen daneben. Bevor sie die Kommandantur erreicht hatte, bog sie links ab und betrat ein Zelt auf dessen Front das Emblem Silbermonds abgebildet war. Ein schlichter rostfarbener Phönix markierte, wer hier schlief.
Der Innenraum des Zelts war spärlich ausgestattet. Neben einer Truhe und einigen Pritschen gab es im hinteren Teil eine Wasserschüssel und einen Vorhang, der einem etwas persönlichen Raum spendete. Die Schlafstätten waren allesamt leer. Fiyeran und Varendil waren also noch mit dem Spähtrupp unterwegs. Linduria entzündete die Kerze, die in einem metallenen Halter, von der Zeltdecke herabhängend, befestigt war. Sie ging zur Wasserschüssel und wusch sich den Schweiß vom Gesicht. Sie griff nach einem daneben liegenden Tuch und wischte die Tropfen weg. Das Tuch in der einen Hand, löste sie mit der anderen das Band, das ihre Haare zuverlässig in einem Zopf zurückgehalten hatte. Locker fiel es ihr über die Schultern. In Silbermond hatte sie es noch regelmäßig gewaschen und es hatte das Sonnenlicht spielerisch eingefangen und reflektiert. Nun hingen Staub, Gestank und Rauch in den Strähnen. Doch das kümmerte sie nicht. Eitelkeiten waren hier, mitten im Kriegsgeschehen, fehl am Platz. Sie setzte sich auf ihre Pritsche und ließ einen genussvollen Seufzer entfahren. Dies war der erste Moment dieses Tages, an dem sie wirklich einen kleinen Moment der Ruhe empfand. Linduria beugte sich vor und löste die Schnüre des ersten Stiefels. Wie schön es gleich sein würde die Strümpfe auszuziehen und die nackten Füße Luft spüren zu lassen. Belustigt lachte sie leise. Gerade als sie sich dem zweiten Schuh zuwenden wollte, hörte sie es. Ein einzelner, stechender Schrei. Dann ein zweiter. Die Warnhörner. Brüllen. Dann Schreie.
Rasch schnürte Linduria den Stiefel wieder zu. Sie erhob sich und kontrollierte ihre Ausrüstung. Dolch und Messer steckten an ihren Stellen; ihre Notfalltasche hatte sie immer noch umgelegt. Im Vorbeigehen pustete sie die Kerze aus und schlug die Zeltplanen zurück. Das Lager war hell erleuchtet. Die von den Draenei beigesteuerten Kristalle erhellten alles, obwohl der Mond unverändert von einer dicken Wolkendecke zurückgehalten wurde. Vom Nordeingang war der lauteste Lärm zu vernehmen. Im Schein der Kristalle und Fackeln rannten Soldaten, Männer und Frauen gleichermaßen, dem Nordeingang zu. Linduria hatte den Hauptweg erreicht, der direkt vom Kommandantenhügel zum Lagereingang führte. Da ertönten wieder die schrillen Schreie. Sie riss Augen auf und schaute in den Himmel. Nackte, krallenbewehrte Monster kreisten dort über sie. Die Gesichter erinnerten an entstellte Fledermäuse; die ledernen Schwingen warfen Schatten über die Zelte. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin stießen die Monstrositäten nieder. Linduria schrie, wie viele andere auch, "Luftangriff!" und hob die Hände. Zwischen ihren Fingern erschienen Fäden goldenen Lichts, die sich in Windeseile zu einer Barriere vereinten. Entschlossen dirigierte sie die Barriere über sie. Drei der Fledermausdämonen prallten auf sie. Ihnen entgegen wurden umgehend Pfeile und Bolzen abgeschossen. Einige trafen, doch wirkten sie eher wie lästige Fliegen. Mit hasserfüllten Blicken kreischten die Fledermäuse noch lauter. Mit brutaler Gewalt flogen sie wieder auf die Barriere zu, nur um wieder an ihr abzuprallen. Sie zischten, als das goldene Licht ihnen die Haut ansengte.
"Von der Seite!"  
Linduria konnte nur noch die Straße hinabschauen und die magiefressenden Hunde wahrnehmen, als der erste schon auf sie zusprang.


Zuckend schlug sie die Augen auf. Für einige weitere Sekunden krallten sich ihre Finger in die Decke. Den Blick auf die Innenwand des Schiffes gerichtet vergegenwärtigte sie sich, dass der Traum vorbei war. Einige Minuten blieb sie noch unbeweglich in der Koje liegen. Der klammernde Griff, mit dem sie die Decke hielt, entspannte sich. Sie drehte sich um und schob den Vorhang beiseite. Ihr Magen knurrte. Sie folgte dem Gang und betrat den Mannschaftsraum unter Deck. Bis auf den Schiffskoch, zwei Matrosen und drei Soldaten, die gemeinsam auf einer Bank saßen, war er leer. Sie ging direkt auf den Koch zu, der ihr lächelnd ein Brötchen entgegenhielt.
"Heute Nacht angesetzt und ausgebacken. Habe sogar ein wenig Zucker mit eingemischt. Schmeckt fast wie die Heimat."
Dankend nahm sie das Gebäck entgegen und biss hinein. Ja, es erinnerte an die Backstuben Silbermonds. Ihm zunickend drehte sich Linduria wieder um und erklomm die Treppe aufs Oberdeck. Zu ihrer Linken sah sie nur Meer. Als sie jedoch den Blick auf die rechte Seite des Schiffes warf, weiteten sich ihre Augen und ein Laut der Erleichterung entfuhr ihren Lippen.
"Quel'Thalas." Sie trat an die Reling. Das Brötchen in ihrer Hand hatte sie ganz vergessen. Die meisten anderen Heimkehrer standen auf dem Deck. Wie sie schienen sie jeden Baum, jeden Fels, jeden Busch den sie ausmachen konnten stumm zu begrüßen.
"Den Sonnensegelhafen haben wir bereits passiert. Wir umrunden noch die Sonnenwandererinsel und laufen dann im Silbermonder Hafen ein." Varendil und Fiyeran waren hinter ihr aufgetaucht. Beide schienen sie froh und gelöst. "Dort sieht man schon die Türme der Akademie von Falthrien."
"Und dahinter wehen die Banner."
"Für eine Priesterin hast du aber einen scharfen Blick.", lachte Fiyeran. Er schaute an Varendil vorbei Linduria an.
"Wann werden wir anlegen?", fragte sie.
"In einer guten Stunde laut Admiralin Silbersturm. Sobald wir die Insel umrundet haben, werden die Matrosen rudern müssen. Und dann müssen die Schiffe ganz zu ihren Liegeplätzen manövriert werden.", antwortete Varendil. "Fünf Schiffe zu koordinieren ist bestimmt nicht leicht. Einige werden die letzten Meter im Beiboot zurücklegen müssen."
Linduria nickte.
"Der Hafen ist wirklich schön geworden. Doch die alten Kaimauern konnten sie leider nicht wieder herstellen."
Die drei wandten sich um. Alsharin stand vor ihnen. Die Finger ineinander verschränkt sah sie in ihren Roben und dem dazu passenden Übermantel wie ein Gemälde aus. Ihre Körpersprache zeugte von Stolz, Kraft und Willen. Sie hatte ein Lächeln aufgesetzt, das ihre Augen jedoch nicht ganz erreichte.
"Alsharin, wie schön dich zu sehen", sagte Linduria.
"Danke, Linduria. Nun ist diese Überfahrt auch bald vorüber. Der Sonne sei es gedankt, dass wir unseren Weg zurück gefunden haben." Sie nickte ihnen knapp zu, ehe sie die Treppen zur Brücke erklomm, von der Admiralin Silbersturm die Fahrt des Schiffes aufmerksam im Blick hatte.
"Sie wirkt sehr verschlossen", sagte Linduria.
"Das ist das erste Mal, dass sie sich überhaupt an Deck zeigt. Die ganze Fahrt über hat sie sich drinnen eingeschlossen", entgegnete Fiyeran. "Varendil sagte, dass sie nicht ansprechbar war."
"Nicht ansprechbar?" Mit Sorge im Blick schaute sie zu Varendil.
"Nun, ansprechbar war sie. Doch was sie gesprochen hat, lässt sich nur als oberflächliche und inhaltslose Konversation beschreiben. Ein Mechanismus, mit dem sie sich vermutlich abkapselt."
"Die Arme. Vielleicht sollte ich-"
"Noch nicht, Linduria." Varendil schüttelte leicht den Kopf. "Sie braucht noch etwas Zeit."
Linduria schaute zur Brücke hoch, von der aus Alsharin über das Deck hinweg augenscheinlich in Richtung Silbermond, in Wahrheit wahrscheinlich ins Nichts, schaute.
"Da hast du vermutlich Recht." Wie aus dem Nichts erinnerte sie sich, dass sie noch das Brötchen in der Hand hielt. Sie hob es zum Mund und biss kräftig hinein. Beinahe bildete sie sich ein, den Geruch des vor ihr liegenden Immersangwaldes schon jetzt in der Nase zu haben.
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