Akashim 4 - Die Falle der Venus

von Hopy1x2y
GeschichteRomanze, Sci-Fi / P12
08.09.2020
22.09.2020
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16.09.2020 2.022
 
Karen

Je näher wir dem avisierten Treffpunkt kamen, desto ruhiger wurde ich. Andere Menschen wurden nervös, wenn eine Auseinandersetzung anstand. Bei mir war es genau andersherum und dafür war ich auch sehr dankbar. Phyllis nahm gerade einen Anruf entgegen, auf den sie nur sehr einsilbig reagierte.

»Alle sind auf Position«, sagte sie schließlich, nachdem sie das Gespräch beendet hatte. »Dr. Kingston ist nirgends zu sehen und auch niemand sonst, der als Akashim durchgehen könnte.«

»Wie will denn jemand feststellen, ob es ein Mensch oder einer von euch ist?«, erkundigte ich mich.

»Wir sehen so etwas, glaub mir.« Sie deutete auf einen kleinen Feldweg, der weiter vorne von der Straße abzweigte. »Wir sollten uns dort vorbereiten.«

Daniel steuerte den Wagen von der Straße und stoppte das schaukelnde Gefährt, nachdem er einige Meter weit auf den Pfad gefahren war.

Aus einer Tasche zu ihren Füßen angelte sie ein paar Handschellen heraus und gab sie mir. »Du weißt, was du zu tun hast? Es kommt nachher vor allem auf dich an!«

»Ich bin keine Anfängerin.«

»Das ist mir schon klar, aber Carpetta ist es auch nicht und seine Männer solltest du auch nicht unterschätzen. Wenn du einen Fehler machst, pumpen die uns im nächsten Moment voll Blei. Also: Was haben wir besprochen?«

»Ich lege euch die Handschellen an und ihr stellt euch schlafend, geradeso, als hätte ich euch betäubt.«

»Richtig.«

»Nachdem ich zum Treffpunkt gefahren bin, rede ich mit Carpetta. Er wird euch von der Ladefläche befördern. Ich frage ihn nach Ben, er wird mich auslachen und in seine Gewalt bringen wollen. Dies ist euer Zeichen. Ihr befreit euch von den Handschellen und greift an, ebenso eure Kameraden, die dann aus dem Versteck hervorbrechen.«

»Gut. Dann hätten wir das geklärt.«

»Nicht ganz«, warf ich ein. »Niemand von euch ist bewaffnet. Wie wollt ihr ...«

»Das lass mal unsere Sorge sein. Dein Part ist jedenfalls damit beendet. Du ziehst den Kopf ein und gehst in Deckung, bis alles vorbei ist. Verstanden?«

»Und falls er Kingston oder Ben doch dabei haben sollte?«

»Dann improvisieren wir. Jetzt ruf Carpetta an und teil ihm mit, dass du dich dort mit ihm treffen wirst.«

Der Teil mit dem Improvisieren gefiel mir nicht besonders, aber wir hatten keine andere Wahl. Daniel und Phyllis stiegen aus und ich tat es ihnen gleich. Daniel schien das alles für einen großen Spaß zu halten, denn er grinste über das ganze Gesicht, als ich ihm die Handschellen anlegte.

»Bitte etwas zärtlicher und nicht so fest!«, meinte er mit einem Augenzwinkern.

Phyllis verdrehte nur die Augen und hielt mir ungeduldig ihre Hände hin. Katzengleich kletterten sie auf die Ladefläche und suchten sich einen einigermaßen bequemen Platz.

»Nimm aber bitte auf dem Weg zu unserem speziellen Freund nicht jedes Schlagloch mit«, ermahnte mich Daniel.

»Ein paar blaue Flecke werden dich schon nicht umbringen«, knurrte Phyllis. »Nun ruf endlich Carpetta an!«, sagte sie zu mir gewandt.

Ich nickte ergeben und zog das Handy aus meiner Hosentasche. Jetzt galt es.

*****

Ich konnte fast Carpettas höhnisches Lächeln vor mir sehen, nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass wir uns am Standort seines ehemaligen Hauptquartiers treffen würden.

»Das ist mir recht«, hatte er erwidert. »Dann bin ich ja schon am richtigen Ort.«

Vermutlich hielt er mich jetzt für nicht ganz zurechnungsfähig. Natürlich hatte ich ihn auch nach Ben gefragt und mit ihm sprechen wollen, aber er war wieder auf die alte Ausrede verfallen, dass er Ben sediert hätte. Er schien mich wirklich für reichlich naiv zu halten. Gelegentlich warf ich einen Blick in den Rückspiegel, aber meine angeblichen Gefangenen verhielten sich ruhig. Es war wohl auch besser so, weil es natürlich nicht unwahrscheinlich war, dass wir beobachtet werden würden, je näher wir dem Treffpunkt kamen.

Endlich erreichte ich den Ort, an dem ich nun schon zweimal gewesen war. Diesmal stand aber nicht nur Carpetta vor der Ruine, sondern ich machte außer ihm noch ein halbes Dutzend Männer aus. Vermutlich wurde ich noch von der dreifachen Anzahl beobachtet. Ich konnte nur hoffen, dass die drei Akashim auf dem Posten waren.

Auf der Mitte der Freifläche stoppte ich den Pick-up und schaltete den Motor aus. Wenn jetzt jemand einen nervösen Zeigefinger hatte, würde ich in wenigen Augenblicken durchlöchert sein. Kein sehr angenehmer Gedanke, aber ich hoffte, dass Carpettas Männer Profis waren.

»Wo sind die zwei Kreaturen?«, rief er mir zu und hob dabei sein Gewehr an.

»Sie liegen gefesselt und betäubt auf der Ladefläche.«

Mit einer Kopfbewegung bedeutete er zweien seiner Männer, meine Behauptung zu überprüfen. Vorsichtig näherten sie sich dem Pick-up und überzeugten sich davon, dass ich die Wahrheit gesagt hatte.

»Sie sind es!«, rief einer der beiden seinem Boss zu.

»Dann ladet sie ab, worauf wartet ihr noch?«

»Ich habe meinen Teil erfüllt«, sagte ich. »Jetzt sind Sie an der Reihe, Carpetta. Wo ist Ben?«

Erneut zeigte sich dieses zynische Lächeln auf seinem Gesicht. »Es tut mir entsetzlich leid, Miss Cooper, aber ich musste unsere Vereinbarung abändern.« Gleichzeitig legte er das Gewehr auf mich an.

Für einen fürchterlich langen Moment fürchtete ich schon, dass er mich über den Haufen schießen würde, doch er hatte nur eines seiner widerlichen Spiele mit mir gespielt. Grinsend nahm er seine Waffe wieder herunter und hing sie sich über die Schulter.

»Mr. Bolton ist ganz begierig darauf, mit Ihnen zu reden!«

Hinter mir hörte ich ein dumpfes Geräusch und drehte mich um. Die beiden Männer hatten mittlerweile Phyllis und Daniel unsanft von der Ladefläche befördert.

»Es geht mir nur um Ben!«, wandte ich mich wieder an Carpetta. »Ich habe kein Interesse, mit Ihrem Boss zu reden.«

»Es tut mir leid, wirklich, aber ich muss darauf bestehen, dass Sie mich begleiten. Sie können sich glücklich schätzen, denn wenn es nach mir gegangen wäre, dann würden Sie den Ort hier nicht lebend verlassen. Also seien Sie ein braves Mädchen und ...«

Erneut ertönte hinter mir ein Geräusch, aber diesmal schien es nicht so zu laufen, wie es sich Carpetta vorgestellt hatte, denn sein Gesicht verzerrte sich vor Entsetzen. Er riss das Gewehr von der Schulter, brachte es in Anschlag, aber bevor er schießen konnte, wurde er von etwas Schemenhaften angesprungen. Ich sah noch, wie er um seine eigene Achse gewirbelt wurde, als ich auch schon brutal zur Seite gestoßen wurde.

»Geh in Deckung, Karen!«, brüllte Daniel mir ins Ohr.

Ich nutzte den Schwung, den er mir gegeben hatte, und eilte zurück zum Pick-up. Phyllis nahm ich nur wie einen Schemen wahr, als sie an mir vorbeigeschossen kam. Ich stieg über einen bewusstlosen Mann, den ich als einer der beiden identifizierte, die vorhin die Akashim von der Ladefläche geholt hatten. Der zweite lag direkt hinter dem Fahrzeug. Aus seinem Hosenbund sah ich den Knauf einer Waffe herausragen. Ich nahm diese an mich und fühlte mich damit nicht mehr ganz so hilflos.

Auf dem Gelände in und um die alte Industrieruine herum war die Hölle losgebrochen. Schreie, Flüche und ungezielte Schüsse boten eine akustische Untermalung für das Chaos, das sich meinen Augen bot. Carpetta hatte sich unterdessen aufgerafft und humpelte zu seinem Transporter, der wenige Meter von ihm entfernt parkte. Die Männer, die vorhin mein Eintreffen beobachtet hatten, lagen mittlerweile alle auf dem Boden. Soeben stürzte ein weiterer von Carpettas Helfern aus dem ersten Stock der Ruine heraus, landete auf dem Boden und rührte sich nicht mehr. Ich versuchte vergebens die Aktionen der Akashim zu beobachten, aber sie bewegten sich unglaublich schnell. Carpetta brüllte irgendwelche Befehle, die aber im allgemeinen Durcheinander unbeachtet blieben. Er zielte mit dem Gewehr in alle möglichen Richtungen und gab ungezielte Schüsse ab, bis er schließlich von etwas nahezu Unsichtbarem getroffen wurde. Hart schlug er an der Seitentür des Transporters an und fiel betäubt auf den Boden.

Dann war alles still. Die fünf Akashim versammelten sich auf der freien Fläche und auch ich kam mit weichen Knien aus der Deckung. So weit ich es sehen konnte, hatte fast keiner von ihnen eine Verwundung davongetragen. Nur Daniel blutete an der rechten Wange, aber dabei handelte es sich wohl nur um einen Streifschuss.

Ich sah Carpetta, der sich mittlerweile wieder aufgerichtet hatte und nun mit dem Rücken am Transporter saß. Mit vor Zorn funkelnden Augen blickte er mir entgegen.

»Sie wissen gar nicht, worauf Sie sich da eingelassen haben!«, zischte er. »Die Monster werden Sie ebenso erledigen wie mich!«

»Immerhin können Sie noch reden!«, erwiderte Phyllis kalt.

»Was habt Ihr mit meinen Männern angestellt? Ich nehme an, sie sind alle tot, oder?«

Daniel lachte nur kurz. »Sie schlafen nur tief und fest. Im Gegensatz zu Ihnen bringen wir nicht alle um, die uns feindlich gegenübertreten.«

»Ich habe noch nie einen Menschen getötet, wenn es nicht sein musste.«

»Aber Sie haben reichlich von unseren Freunden umgebracht!«, erwiderte Phyllis mit kaum unterdrückter Wut.

»Ihr seid ja auch keine Menschen, sondern nur defekte Kreaturen, die eliminiert werden müssen.«

Daniel packte seine Kameradin am Arm, weil die kurz davor stand, sich auf Carpetta zu stürzen. Ich zog die Waffe und trat vor Carpetta hin. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Daniel erstaunt eine Augenbraue nach oben zog.

Ich zielte auf den Kerl, der mich nun schon zweimal hintergangen hatte. »Wo ist Ben?«

Er lachte nur höhnisch und ich schoss. Die Kugel fuhr genau zwischen seinen Beinen in den Boden.

»Wo ist Ben?«, fragte ich noch einmal.

»Leck mich!«, erwiderte er und ich drückte erneut ab.

Diesmal fuhr das Geschoss durch den Stoff der Hose und hatte wohl auch den Oberschenkel gestreift. Jedenfalls zuckte er zusammen und aus der Miene war alle Arroganz gewichen.

Ich hob die Waffe ein Stückchen höher. »Die nächste Kugel dürfte Ihre Familienplanung durcheinanderbringen! Ich frage Sie ein drittes Mal: Wo ist Ben?«

»Ich weiß es nicht«, stieß er hervor. »Bolton hat ihn, aber er hat mir nicht gesagt, wohin er ihn gebracht hat.«

»Das war die falsche Antwort«, sagte ich und spannte den Hahn.

»Hör auf!«, rief mir zu meiner Überraschung Fiona zu. Sie trat vor mich hin und stellte sich so direkt in die Schusslinie. »Du lässt ihn in Ruhe, verstanden?«

Verwundert sah ich zu Phyllis hinüber, aber an ihrer Miene erkannte ich, dass sie auch keine Idee hatte, warum Fiona sich für den Kerl einsetzte.

»Darf ich fragen, warum?«, wollte ich schließlich wissen.

»Weil wir nicht die Monster sind, für die sie uns halten.«

»Ich bin es ja auch, die ihm die Eier abschießen würde«, erwiderte ich.

»Und ich werde es nicht zulassen!«

Daniel wollte gerade etwas erwidern, aber Scipio stieß ihn zur Seite und näherte sich drohend Fiona.

»Der Schweinehund hat erst vor zwei Monaten einen guten Freund von mir umgebracht. Er wird reden, das verspreche ich dir. Du wirst mich nicht daran hindern! Der Kerl wird bereuen, dass er jemals auf einen von uns Jagd gemacht hat.«

Ich stand stumm und verwirrt mit der Waffe in der Hand vor den Streithähnen. Auch Phyllis und Matthew mischten sich noch ein. Nur Daniel wischte sich ruhig das Blut von der Wange und lächelte mir zu, als ob er mich um Verzeihung für das Verhalten seiner Freunde bitten wollte.

Fiona tat mir eigentlich leid, weil sie sich tapfer gegen die wütende Naturgewalt ihrer Kameraden stemmte, wenn ich mir auch keinen Grund für ihre Nachsicht mit dem Kerl denken konnte. Dennoch wollte ich gerade ihre Partei ergreifen, als Phyllis sich auf Carpetta warf. Erschrocken hielt ich die Luft an. Hatte sie genug von der Diskussion und wollte sie ihn jetzt töten?

Doch dem war nicht so. Als ich einen Schritt zur Seite trat, sah ich, wie sie ihm eine Waffe aus der Hand wand. Doch die Mündung der Pistole hatte nicht auf mich oder einen der Akashim gezielt, sondern war auf seine Stirn gerichtet gewesen. Ich erinnerte mich an seine Worte, die er mir zusammen mit der Kleinkaliberwaffe auf den Weg gegeben hatte.

'Eine Kugel in den Kopf ist schmerzloser, als wenn dich einer der Kreaturen in die Mangel nimmt.'

Er hatte es also nicht einfach so dahingesagt. Mittlerweile hatte Phyllis Carpetta auf die Beine gezerrt.

»So leicht machst du es dir nicht!«, zischte sie ihm ins Gesicht. »Erst verrätst du uns, wo Dr. Kingston und Ben festgehalten werden. Wenn wir sie dann befreit haben, werde ich dir gerne beim Selbstmord behilflich sein. Vorher nicht!«
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