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Wie man zurückbekommt, was man verloren hat

GeschichteMystery, Romance / P16 / Het
All for One Hizashi Yamada / Present Mic Noumu OC (Own Charakter)
06.09.2020
04.02.2021
11
61.575
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06.09.2020 5.645
 
1. Kapitel

Zuerst ist da nichts. Dann dringt ein fernes Glucksen an meine Gehörgänge, wie Luftblasen, die tiefem Gewässer entspringen. Das Glucksen steigert sich zu einem Rauschen und auch mich überkommt langsam die Empfindung, als würde ich aus der Tiefsee emporsteigen. Ich spüre Wasser an meiner Haut und einen Sog, der mich nach oben zieht, höre verzerrte Stimmen, die immer näher an mein Bewusstsein dringen.
Schließlich breche ich durch die Oberfläche und nehme meine Atmung wieder auf. Es ist nicht das erste Mal, dass ich auf diese Art erwache. Ich wurde schon öfters Modifikationen unterzogen, alle in verschiedenster Dauer und Intensität.
Mein Organismus nimmt dabei die Spezialitäten und Eigenschaften anderer Personen in sich auf, sodass ich mir deren besondere Fähigkeiten aneigne. Genau genommen befinden sich in mir nicht nur die Gene eines einzigen Menschen, sondern mehrerer. Wer ich wirklich bin, weiß ich nicht, an mein früheres Leben vor meinen Fusionen erinnere ich mich nicht. Es interessiert mich im Grunde auch gar nicht.
Der Sinn und Zweck meines Daseins liegt einzig und allein darin, meinem Herrn und Meister, All For One zu dienen. Dafür wurde ich geschaffen, nur dafür existiere ich.
Die Art künstlich fusionierter Wesen, wie ich es bin, nennt man Nomu. Ich nehme jedoch unter all den bisher erzeugten Nomu eine Sonderposition ein.

Nachdem der Tank geleert wurde, in dem ich die letzten Tage oder Wochen verbracht habe, steige ich hinaus auf einen gefliesten Laborboden und trete meinem Schöpfer entgegen, Kyudai Garaki. Der alte Doktor hat sich äußerlich nicht verändert, doch aufgrund seiner Macke ist das auch nicht verwunderlich.
Aufgeregt betrachtet er mich von oben bis unten, um mich auf äußere Schäden zu untersuchen, dann beginnt die übliche Routine nach meinem Erwachen.
„Weißt du, wer du bist, mein Kind?“
„Mein Name ist Midori Tsuzumo“, antworte ich. „Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und stamme aus Tokyo.“
Dies ist der erste Test, denn ich darf keine Informationen zu meiner wahren Identität oder meiner Herkunft verraten. Würde ich jemandem, der diese einfache Frage stellt, meine wahre Identität preisgeben, würde ich ein enormes Sicherheitsrisiko darstellen. Selbst wenn die Person die gleiche äußere Erscheinung hat wie der Wissenschaftler.
„Korrekt“, fährt er fort und kritzelt eifrig auf seinem Klemmbrett herum. „Erbitte genaue Objektdaten.“
Das ist die Abfrage nach meiner richtigen Bezeichnung.
„Nennen Sie mir ihren Authentifikationscode“, fordere ich ihn auf.
Kann er sich durch sein persönliches Passwort verifizieren, stehen ihm all meine gesammelten Informationen zur Verfügung. Er hat damit Zugriff auf mich und mein gesamtes Wissen und ich muss ihm stets ehrliche Antworten geben.
„T5RXJ00341K769V“, nennt er die richtige Antwort.
„Authentifizierung akzeptiert“, erwidere ich. „Sie sind Dr. Kyudai Garaki. Vor Ihnen steht Nomu B214, Authentifikationscode Z4HIP28771G943S, Aktivitätsdauer drei Jahre und achtundneunzig Tage. Zu Ihren Diensten.“
Der Forscher nickt begeistert, macht sich weitere hastige Notizen. „Danke, B214. Lass uns doch trotzdem bei deinem Tarnnamen bleiben.“
„Wie Sie wünschen.“
„Gut. Midori, wir gehen zum Mackentest über. Deine jüngste Modifikation sollte die Feinabstimmung besser regulieren und dein Gehirn entlasten. Du solltest nun außerdem in der Lage sein, wieder verstärkt Emotionen zu empfinden. Wie fühlst du dich im Augenblick?“
„Ich habe keine Einschränkungen oder Schmerzen“, entgegne ich wahrheitsgemäß.
„Das ist gut, doch wie steht es um die psychische Seite?“
„Alles bewegt sich im normalen Bereich.“
Ich erinnere mich, dass die Rede davon war, dass meine Gefühle im Vergleich zu normalen Menschen zu sehr abgeflacht waren. Nach meinem jetzigen Erwachen sollte dies anders sein, doch im Moment fühle ich mich nicht anders als die anderen Male zuvor. Es ist Routine, die einzige Empfindung besteht darin, meinem Schöpfer gefallen zu wollen und all seine Tests zu seiner vollsten Zufriedenheit zu erfüllen.
Dieser führt mich nun zu einem weitläufigen Trainingsfeld, um meine Stärke zu überprüfen. Ich verfüge über vier Spezialitäten: übermenschliche Kraft und Geschwindigkeit, eine hohe Intelligenz und das Gedankennetzwerk, wobei es sich um einen Zusammenschluss verschiedenster Macken handelt. Mit dieser Kraft ist es mir möglich, die Emotionen eines anderen Menschen in Form eines Farbfeldes, einer sogenannten Aura, um ihn herum zu sehen. Tauche ich tiefer ein, kann ich diese Gefühle ein wenig manipulieren.
Bei den anderen Nomu, die in ihrer Beschaffenheit deutlich simpler sind, kann ich sogar in die Gedanken eingreifen, ihnen Strategien oder Informationen zuspielen oder abrufen. Ich bin deshalb das Zentrum des „Nomu-Netzwerkes“ und sorge dafür, dass all meine Brüder und Schwestern die gleichen grundlegenden Informationen erhalten oder auf eine bestimmte Mission vorbereitet werden.
Nach einigen kurzen Abläufen, die meine aktuelle Verfassung ermessen sollen, wird mir einfache Kleidung bereitgestellt und ich darf etwas Nahrung aufnehmen. Im Anschluss ruft mich der Wissenschaftler wieder zu sich, um mich auf meine aktuelle Aufgabe vorzubereiten.
„Ich habe gute Neuigkeiten, Midori“, begrüßt er mich in seinem Büro, „du bist jetzt auf einem Level, mit dem wir dich in die Außenwelt schicken können. Du kannst dich gut genug an die normalen Menschen anpassen, um mit ihnen zu interagieren. All For One hat daher entschieden, dich zur Informationsbeschaffung einzusetzen.“
Das sind wirklich herausragende Nachrichten. Für jemanden wie mich ist es die höchste Ehre, in den Außendienst geschickt zu werden. Das bedeutet, dass ich als Projekt ein Erfolg war. Ich hebe meine Mundwinkel an, um meine Freude ob dieser Mission zum Ausdruck zu bringen.
„Wie lautet meine Aufgabe?“, möchte ich wissen.
„Zunächst möchten wir sehen, ob du dieser Herausforderung gewachsen bist. Du wirst daher nur tagsüber hinausgehen und versuchen, dir mit etwas Geld etwas zu kaufen, mit anderen Leuten Gespräche zu führen und dir eine Arbeit zu beschaffen. Es ist egal, welche Stelle du annimmst, solange du Erfolg hast. Gelingt dir diese Aufgabe, startet die Hauptmission.“
Das ist klug. Ich muss beweisen, dass ich unauffällig unter Menschen leben kann, sodass ich keinen Verdacht errege. Ich stimme zu, woraufhin ich zu einem Computer geschickt werde, der mich hinsichtlich des aktuellen Weltgeschehens auf den neuesten Stand bringt. Ebenso lerne ich Vokabeln, die mich auf die Alltagssprache vorbereiten und muss anhand des Tonfalls und der Mimik von verschiedenen Personen aussagen, welche Emotion sie gerade zeigen, da ich mich nicht immer auf meine Macke verlassen kann.
Nachdem ich diese Übungen bestanden habe, ziehe ich mich für die Nacht zurück. Am nächsten Morgen beginnt mein Auftrag, was in meinem Körper eine rastlose Unruhe hervorruft, als hätte ich zu wenig Sport getrieben. Ich weiß, dass es sich dabei um Aufregung handelt. Dr. Garaki hält das für ein gutes Zeichen.
Wenig später trete ich also aus dem Krankenhaus hinaus, das die Tarnung für unsere Laboratorien ist. Es ist ein Frühlingstag, die Temperaturen sind angenehm und es weht ein leichter Wind, der die Zweige an den Bäumen rascheln lässt.
Mit mir trage ich eine winzige Kamera und ein Kommunikationsgerät, die meine Aktivitäten aufzeichnen, sodass man mich im Fall eines Misserfolges sofort zurückbeordern kann. Ich schwöre mir jedoch, dass es dazu nicht kommen wird.
Da ich keine genauen Anweisungen erhalten habe, wohin ich mich wenden soll, nehme ich direkt die erste Aufgabe in Angriff und kaufe mir ein Busticket in die Innenstadt von Musutafu. Diese erste Hürde überwinde ich ohne Probleme und nehme einen Sitzplatz am Fenster ungefähr in der Mitte des Fahrzeugs ein.
Durchschnittlich, unauffällig. Ich möchte keine besondere Aufmerksamkeit auf mich ziehen, sondern zeigen, dass ich in der Menge untertauchen kann.
Im Stadtzentrum steige ich aus und wandere zunächst ohne echtes Ziel einfach durch die Straßen. Der Anblick ist ähnlich den Vorbereitungsvideos, aber dennoch wieder ganz anders. So viele Personen sind unterwegs, so viele Farben. Kühl interessiertes Grün, Eifersuchtsgelb, flammendes Rot voller Zorn. Kein Mensch besteht nur aus einer Farbe und ihre Zusammensetzung und Intensität ändert sich regelmäßig. Dennoch scheint jeder sein ganz eigenes Muster zu besitzen, ich sehe keine Aura zweimal.
Ich setze mich auf eine Bank im Schatten einer hochgewachsenen Esche und verfolge einfach nur die unterschiedlichen Farbtöne, versuche sie zu enträtseln und entschlüsseln. Obwohl ich nicht viel von Gefühlen verstehe, wandern die entsprechenden Begriffe wie von selbst in meinen Kopf. Die Macke, die der Ausgangspunkt für meine jetzige Fähigkeit ist, muss schon sehr weit ausgereift gewesen sein, bevor Dr. Garaki sie weiterentwickelt hat.
Ein dumpfes Knurren aus meiner Magengegend signalisiert mir, dass es Zeit für meine Nahrungsaufnahme ist. Unentschlossen schlendere ich an verschiedenen Ständen vorbei, die in der Fußgängerzone aufgebaut sind. Bisher habe ich ausschließlich Mahlzeiten zu mir genommen, die für ihren hohen Nährstoffgehalt bekannt sind. Etwas wie Ramen oder frittierte Oktopusbällchen kenne ich daher nur von meiner Recherche.
Da ich mir an dem Essen zweifelhafter Herkunft nicht den Magen verderben will, entscheide ich mich schließlich für ein paar einfache Onigiri. Dabei kann man meiner Meinung nach jedenfalls nicht viel falsch machen.
Danach beschließe ich, mich den beiden anderen Aufgaben zuzuwenden: ein Gespräch führen und mir eine Arbeitsstelle suchen. Für mich kommt nur eine einfache Tätigkeit in Frage, da ich kein Zeugnis irgendeiner Bildungsanstalt nachweisen kann, auch wenn mein Unterrichtsniveau deutlich über dem der hiesigen Schulen lag.
Im Vorbeilaufen erhasche ich einen Blick auf ein Plakat im Schaufenster. „Aushilfe gesucht“ steht dort in fett gedruckten Buchstaben an der oberen Kante. Ich lasse meine Augen nach oben wandern, bis ich das Ladenschild erfasse. Es handelt sich um einen Buchladen.
Da es in meiner Natur liegt, eine Vorliebe für Wissen zu haben, scheint mir dies einen Versuch wert zu sein. Obwohl mir ja bereits mitgeteilt wurde, dass ich hier nicht wirklich arbeiten muss. Ich überprüfe kurz mein Aussehen in dem spiegelnden Glas – mittellanges braunes Haar, grüne Augen, ein ausdrucksloses Gesicht mit einem leicht blassen Teint. Ich trage eine schlichte graue Bluse und eine einheitlich dunkelblaue Hose, dazu leichte schwarze Slipper, ebenfalls ein total unauffälliges Bild. Ich könnte mir gut vorstellen, dass so auch Menschen gekleidet sind, die in einem Buchhandel arbeiten.
Ich drücke die Tür auf, was ein leises Läuten über meinem Kopf auslöst. Mir schlägt der Geruch von Papier und Druckerschwärze entgegen, dazu eine Stille, die zu diesem Ort passt.
Eine freundlich aussehende junge Frau mustert mich auffordernd, als ich an die Kassenzeile trete. Eine Überprüfung ihrer Farben zeigt mir ein neugieriges zartes Grün, gepaart mit einem blassblauen Leuchten, das auf Einsamkeit hindeutet. Ihr Lächeln sagt mir jedoch, dass ich darüber ohne meine Fähigkeit nichts wissen dürfte.
„Guten Tag“, spreche ich die Dame höflich an, „ich habe Ihr Schild im Schaufenster gesehen, dass Sie eine Aushilfe suchen.“
Bevor ich weitersprechen kann, bricht die Frau in ein unmelodisches Kichern aus. Nervosität gibt ihrer Aura einen zartrosa Schimmer.
„Oh, das tut mir leid, ich habe vergessen, das Schild rauszunehmen. Wir haben gestern schon jemanden gefunden. Entschuldigen Sie bitte.“
„Ach so“, mache ich, täusche so etwas wie Enttäuschung vor. Es fällt mir ein wenig schwer, da ich lieber direkt die Fakten ausspreche und gespielte Emotionen als Heuchelei empfinde.
„Das ist schade. Aber natürlich schön, wenn Sie schon jemanden haben“, zwinge ich mich, das Lächeln zu erwidern. „Darf ich mich trotzdem noch ein wenig umsehen?“
Auch wenn ich hier keine Stelle finde, so kann ich zumindest den Punkt „Gesprächsführung“ abhaken. Außerdem gibt es hier vielleicht ein Nachschlagewerk über Bewerbungen.
„Natürlich“, nickt die Inhaberin, „wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie einfach Bescheid.“
„Vielen Dank“, antworte ich und setze meinen Weg in den hinteren Bereich des Raumes fort.
Ich brauche ein wenig bis ich zu dem Regal mit den Sachbüchern gelange, das direkt neben der englischen Literatur steht. Als womöglich zukünftige Spionin musste ich bereits diverse Sprachen lernen, darunter natürlich auch Englisch. Nachdenklich lege ich den Kopf schief, um die einzelnen Titel zu entziffern. Dabei bewege ich mich ein Stück nach rechts und pralle unbeabsichtigt gegen einen anderen Kunden, der scheinbar von mir unbemerkt neben mich getreten ist.
„Entschuldigen Sie bitte“ murmele ich und möchte an ihm vorbeigehen, als sich lange Finger um mein Handgelenk schließen.
„Mirai?“
Mein Blick trifft ein intensives Starren hinter einer Sonnenbrille, die mir in diesem Laden doch reichlich seltsam vorkommt. Das ist jedoch nicht das einzig Ausgefallene an meinem Gegenüber. Lange blonde Haare stehen der Schwerkraft trotzend vom Kopf ab, eine Lederjacke, schwarze Hose, Handschuhe und grobe Stiefel ergänzen das ungewöhnliche Erscheinungsbild. Um den Hals trägt der Fremde ein metallisches Gerät, das sicher dazu dient, seine Macke zu verstärken. In der anderen Hand hält er ein Paar altmodischer Kopfhörer.
Das ihn umgebende Lichtfeld stellt eine wilde Abfolge unterschiedlichster Emotionen dar. Hellgelbe Freude, gepaart mit dunkelblauem Schmerz und Traurigkeit. Rosige Angst, die die Farben hektisch flackern lässt. Ich bekomme davon Kopfschmerzen, weshalb ich meine Fähigkeit wieder deaktiviere.
„Wie bitte?“, hake ich nach und versuche mich aus seinem Griff zu winden, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob das überhaupt das richtige Vorgehen in so einer Situation ist.
„Mirai!“, wiederholt der Mann in einer Lautstärke, die einem Buchladen definitiv nicht angemessen ist. „Erinnerst du dich nicht an mich? Ich bin es, Hizashi Yamada!“
Mein Verstand ist mit dieser grotesken Begrüßung ein wenig überfordert. Wovon spricht er? Ich kenne diesen Menschen nicht.
Ich schüttele den Kopf, weiche gleichzeitig vor ihm zurück, soweit das in seinem Griff natürlich möglich ist. Ich könnte mich mit Gewalt losreißen, doch das würde mit Sicherheit meinen Auftrag gefährden.
„Da muss ein Missverständnis vorliegen“, erkläre ich ihm bemüht ruhig, „mein Name ist nicht Mirai. Sie müssen mich verwechseln.“
„No!“, entgegnet er aufgebracht, „Du siehst genauso aus wie sie. Seit du verschwunden bist, habe ich mir Tag und Nacht Gedanken gemacht! Was ist mit dir passiert, wo warst du die ganze Zeit?“
In seinen Augen steht eine Verzweiflung, die meinen Puls antreibt und meine Handflächen schwitzig werden lässt. Ich identifiziere das Gefühl als Angst und beschließe schon jetzt, es nie wieder spüren zu wollen.
In meinem Ohr meldet sich Dr. Garaki zu Wort. „So eine Situation hatten wir nicht vorgesehen. Mach dir keine Sorgen, Midori, ich hole dich da raus. Stell Augenkontakt zu der Verkäuferin her und sag laut und deutlich, dass du diesen Mann nicht kennst. In diesem Fall darfst du ruhig etwas Aufmerksamkeit erregen, ich erlaube es dir.“
Ich tue, wie mir geheißen, sehe die Frau an der Kasse an, der der laute Wortwechsel zweifellos nicht entgangen ist. Mit fester Stimme bringe ich für jeden hörbar die Worte hinaus: „Ich kenne Sie nicht, ich habe Sie noch nie gesehen. Bitte lassen Sie mich los!“
Diese Sätze erzielen die erhoffte Wirkung. Die Dame nähert sich uns, der bedrohliche Fremde lässt mich schlagartig los, als hätte er sich verbrannt. In der Aufregung hat sich meine Macke wieder aktiviert und das Mitternachtsblau füllt inzwischen fast sein gesamtes Leuchten aus. Was immer dieser Hizashi Yamada für ein Trauma erlebt hat, er scheint es in diesem Moment noch einmal zu empfinden.
Sobald mein Arm wieder frei ist, drehe ich mich um und haste aus dem Laden. Im Stechschritt laufe ich die Straße hinunter, biege mehrmals ab, bis ich mir sicher bin, dass mir niemand folgt. Erst dann bleibe ich stehen und spreche in das kleine Mikrofon an meinem Kragen.
„Bitte verzeihen Sie mir, Doktor. Ich habe versagt.“ Ein schmerzhaftes Brennen wallt in mir auf – Enttäuschung. Dabei hatte dieser Tag doch sehr vielversprechend angefangen.
„Das ist nicht deine Schuld, mein Kind. Wir werden deine Fortschritte deswegen nicht abbrechen“, versichert mir mein Schöpfer. „Komm erstmal zurück, dann besprechen wir das weitere Vorgehen.“
Ergeben mache ich wieder auf den Weg, fahre zurück nach Jaku und begebe mich unauffällig ins Untergeschoss des Krankenhauses.
Dort werde ich bereits von dem alten Wissenschaftler empfangen, der mich vor einen Bildschirm geleitet, auf dem mein Meister zu sehen ist.
„Verzeiht mir!“, rufe ich aus, während ich auf dem Boden niederknie. „Ich habe aufs Schändlichste versagt!“
Durch die Lautsprecher dröhnt ein tiefes Gelächter. „Ich muss schon sagen, Kyudai, deine Schöpfungen sind wirklich außerordentlich gut gelungen“, erwidert All For One amüsiert.
„Steh auf, B214, deine Mission ist noch nicht vorüber.“
„Ihr ehrt mich zutiefst, Meister“, bringe ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck, eines der wenigen Gefühle, die ich nicht spielen muss, ebenso wie meine Ehrerbietung.
„Verwechselungen wie die heutige kommen vor“, schaltet sich der Forscher ein. „Obwohl es selten ist, dass dabei jemand so übergriffig wird.“
„Ich habe Trauer gesehen“, füge ich hinzu, vielleicht ist diese Information jemandem von Nutzen.
„Nun ja, er hat hoffentlich seine Lektion gelernt. Und Musutafu ist groß, es ist unwahrscheinlich, dass ihr euch ein zweites Mal begegnen werdet.“
Mein Gebieter nickt zustimmend. „Wir setzen das Experiment wie geplant fort. Ich erwarte gute Arbeit von dir, B214.“
„Jawohl, Herr“, respondiere ich. Die Enttäuschung ebbt endlich ab und weicht einer immensen Dankbarkeit und Erleichterung. Man gibt mir noch eine Chance, mich zu beweisen.

Am nächsten Tag breche ich wieder in die Stadt auf und besuche nacheinander die Arbeitsagentur und zwei kleinere Geschäfte, die ebenfalls Aushilfen suchen. Bei einem habe ich kein Glück, bei dem anderen soll ich nach einem kurzen formalen Gespräch meine Kontaktdaten hinterlegen. Gefälschte Adressen und ein nicht nachzuverfolgendes E-Mail-Postfach habe ich mir bereits im Vorfeld zugelegt.
Danach laufe ich wieder ein Stück durch die Gegend und traue mich dieses Mal an ein belegtes Brot, um den Hunger zu bekämpfen.
Auf einem Spielplatz unterhalte ich mich mit ein paar Kindern, was mich fast an die Grenzen meiner Fähigkeiten bringt. Offenbar stellen diese kleinen Wesen die höchste Herausforderung der sozialen Interaktion dar.
Am späten Nachmittag drehe ich eine letzte Runde durch den Park, ehe ich mich wieder auf den Weg zur Bushaltestelle mache.
Ich bleibe gerade vor einem kleinen Teich stehen, als jemand zielsicher zu mir herüber läuft. Zu spät erkenne ich, dass es der Fremde aus dem Buchladen ist, denn heute sieht er ganz anders aus. Sein blondes Haar ist im Nacken zusammengebunden, er trägt eine ganz normale Brille und schlichte Kleidung.
Durch das durchsichtige Glas kann ich erkennen, dass er auch eine sehr ungewöhnliche Augenfarbe hat. Sie ist von einem hellen Braun, so hell, dass es fast golden wirkt.
Er räuspert sich und bleibt in einem Meter Entfernung zu mir stehen, offenbar um mich nicht zu erschrecken. Ich trete trotzdem einen Schritt zurück und erwäge, seine Aura zu lesen. Im letzten Moment entscheide ich mich dagegen, ich möchte das aufgewühlte Chaos dieses Mannes nicht schon wieder ertragen.
„Hey, girl. Hab keine Angst, ich tu dir nichts. Ich wollte mich bei dir entschuldigen.“
Sowohl seine Miene als auch sein Tonfall klingen ehrlich, weshalb ich abwartend nicke. Ein Satz aus meinen Sprachübungen fällt mir wieder ein. „Das ist schon in Ordnung.“
Daraufhin reagiert er mit einem breiten Fletschen der Zähne, einem sogenannten Grinsen. Diese Art der Mimik habe ich bisher noch nicht ausprobiert.
„Thank you!“, lächelt er mich an. „Sorry, dass ich dich so erschreckt hab. Du hast mich sehr an jemanden erinnert, ich hab nicht nachgedacht.“
Wieder nicke ich, unschlüssig, was ich jetzt tun soll. Warum läuft er mir schon wieder über den Weg? Und warum spricht er mich an? Steche ich irgendwie heraus, falle ich auf?
Er unterbricht meine Gedanken mit einer Frage. „Kann ich es irgendwie wieder gut machen? Du warst doch in dem Buchladen, suchtest du was Bestimmtes?“
„Nein“, erwidere ich wahrheitsgemäß, „ich war nur wegen des Aushangs über die Stelle als Aushilfe dort.“
„Ah, du bist auf Jobsuche?“
Nun aktiviere ich doch meine Spezialität und lasse mir seine Farben zeigen. Heute sind sie ruhiger, wenn auch sehr kräftig. Das pulsierende Grün der Neugierde ist am stärksten ausgeprägt, daneben ein funkelndes, energiegeladenes Gelb. Im Untergrund erkenne ich dennoch die tintenfarbenen Stacheln der Trauer. Da sie jedoch nicht im Vordergrund stehen, beschließe ich, sie zu ignorieren. Ich rufe mir in Erinnerung, dass die meisten Menschen eigentlich harmlos sind.
„Jawohl“, gebe ich daher zurück, nutze diese Gelegenheit so zu einer weiteren Übung meiner Konversationsfähigkeiten.
„Wenn das so ist… Ich suche auch eine Aushilfe. Interessiert?“
„Wo arbeiten Sie denn?“, verlange ich zu erfahren.
„Ich bin beim Radio, ich hab da eine Late Night-Show. No worries, du musst nichts sagen, ich brauche nur jemanden, der mir meine Unterlagen zusammensucht, Mails beantwortet und Recherche betreibt. Kannst du sowas?“
Würde ich wirklich eine Stelle annehmen, wäre ein Radiosender sicherlich nicht meine bevorzugte Wahl, doch da ich ja nur zum Schein zusagen muss, kann es mir gleich sein.
„Ich bin dazu befähigt“, bestätige ich ernsthaft.
„Kein Grund, sich so förmlich auszudrücken“, bedenkt er mich mit einem nachsichtigen Lächeln, „dann schau doch einfach morgen Nachmittag mal rein. Just a moment, ich geb dir die Adresse.“
Der Mann zieht einen Zettel aus seiner Hosentasche und kritzelt hastig etwas darauf. Als er mir das Stück Papier entgegenstreckt, erkenne ich darauf seinen Namen – Hizashi Yamada a.k.a. Present Mic – und die Anschrift eines Gebäudes unweit von hier.
„Kannst du morgen, 16 Uhr da sein?“, erkundigt er sich.
„Natürlich“, antworte ich.
„Great! Dann bis morgen. Oh yeah, das habe ich fast vergessen. What’s your name, girl?“ Bei dieser Frage lodern seine Farben ein Stückchen heller auf, als erhoffe er sich eine bestimmte Antwort. Ich frage mich, ob er mich immer noch mit der unbekannten Frau vergleicht, mit der er mich verwechselt hat.
„Midori Tsuzumo.“
Für einen Herzschlag lang wird seine Aura in Blau gehüllt, doch in seinem Gesicht ist nichts davon zu lesen. Stattdessen hält er weiter das breite Grinsen aufrecht. „All right, Midori! See you then!“
Wild mit seinen Armen herumfuchtelnd dreht er sich um und geht langsam davon. Ich beäuge noch einmal den Zettel, dann falte ich ihn ordentlich zusammen und stecke ihn ein, für den Fall, dass ich ihn noch als Beweis meines Stellenangebotes benötige.
Auf der Rückfahrt beschäftigt mein Geist sich noch ein wenig mit diesem sonderbaren Menschen. Ich hätte nicht erwartet, dass eine solche Person existiert – so laut, exzentrisch und unangepasst. Er ist das genaue Gegenteil von mir.

Zurück in der Forschungseinheit findet ein weiteres Treffen mit meinem Meister und Dr. Garaki statt. Ich berichte von meinen Erlebnissen, während der Doktor die Aufzeichnungen meines Mikrofons und meiner Kamera auswertet. Am Ende wirken beide etwas nachdenklich, aber insgesamt zufrieden.
„Überaus auffällig, dass dir dieser Mensch jetzt direkt zum zweiten Mal begegnet ist“, sinniert All For One. „Wie war noch gleich sein Name?“
„Hizashi Yamada“, gebe ich Auskunft.
„Ah“, machen darauf beide unisono, als sollte mir dieser Name ein Begriff sein. Ich fühle mich unwohl, so als hätte ich mich vor einem wichtigen Test nicht genügend vorbereitet. Was natürlich ausgeschlossen ist, schließlich gebe ich zu jeder Zeit mein Bestes.
„Present Mic also“, spricht der Wissenschaftler aus und vertieft sich noch mehr in den Videoaufzeichnungen. „Du hast seine Aura untersucht, ja?“
„Das habe ich“, bestätige ich. „Hauptsächlich findet sich dort Grün, Gelb und Blau. Die Traurigkeit scheint in Verbindung mit der Person zu stehen, die er sucht, jemand namens Mirai.“
Einem Impuls folgend füge ich an: „Ist Ihnen diese Person bekannt?“
„Present Mic ist ein recht bekannter Profiheld und Lehrer an der U.A.“, erläutert Dr. Garaki mir freundlich. „Wer diese Mirai ist, vermag ich nicht zu sagen, möglicherweise eine verblasste Jugendliebe oder so.“ Er kichert leise vor sich hin.
„Die Tatsache, dass du für ihn arbeiten kannst, kommt unserem Plan eigentlich zugute“, fährt mein Meister fort.
Endlich kommt die Sprache auf meine Hauptmission. Ich richte mich noch ein Stück auf, stelle mich absolut gerade hin.
„Du sollst dich in den inneren Kreis der U.A.-Helden einschleusen. Gerüchte besagen, dass mein alter Erzfeind All Might in Zukunft dort unterrichten wird.“
Das klingt nach einem bedeutenden Auftrag. Vor Ehrfurcht bildet sich auf meinen Armen eine Gänsehaut. Dass man mir so ein wichtiges Unterfangen zutraut, ist das allerhöchste Lob für mich.
„Dann wäre der Job bei Yamada ja eigentlich perfekt“, schlussfolgert der alte Mann.
„Das sehe ich auch so. Gut, B214. Deine Aufgabe sieht wie folgt aus: Du wirst den Job bei diesem Radiosender annehmen. Freunde dich mit Present Mic an, gewinne sein Vertrauen, sodass er dir alles über die Vorkommnisse an der U.A. und zu All Might verrät. Vielleicht kannst du ihn auch dazu überreden, dich mit zur Schule zu nehmen. Ich erwarte Großes von dir.“
„Jawohl, Herr!“

Ich begebe mich am folgenden Nachmittag zu der angegebenen Adresse, ein glänzendes Hochhaus im Zentrum der Stadt, das etwas deplatziert neben seinen schäbigeren Nachbarn thront wie etwas, auf das man stolz ist und das man allen zeigen möchte.
Heute trage ich eine dunkle Hose und eine dazu passende leicht geblümte Bluse, etwas, das sowohl der Doktor als auch mein Meister angemessen finden. Die Aufnahmegeräte wurden entfernt, da sie womöglich auffallen oder bei einer Sicherheitsüberprüfung entdeckt werden würden.
Mit einem höflichen Lächeln im Gesicht trete ich auf die Dame an der Rezeption zu.
„Guten Tag, mein Name ist Tsuzumo. Herr Mic hat mich eingeladen, ich soll heute hier anfangen“, stelle ich mich vor.
Die Augen der Angestellten weiten sich, während sie mich von oben bis unten mustert.
„Dass ich diesen Tag noch erleben darf!“, stößt sie aus, das strahlende Gelb ihrer Aura leuchtet mir entgegen.
Freude und Erleichterung, aber warum? Ihre Reaktion ergibt für mich überhaupt keinen Sinn.
„Ist die Stelle schon so lange vakant?“, hake ich vorsichtig nach, um mir einen Reim auf ihr seltsames Verhalten zu machen.
„Oh – nein. Es ist nur so, dass Mic nie jemanden einstellt, der…“ Erneut wandern ihre blassblauen Augen an mir herab. „Der so… professionell wirkt“, vollendet sie ihren Satz.
Verwirrt blicke ich an mir herab, dann mustere ich sie. Von unserer Kleidung her unterscheiden wir uns nicht wirklich, also was an mir lässt mich professionell wirken?
Sie scheint meine Ratlosigkeit zu bemerken, denn sie lässt ein Lächeln aufblitzen und tätschelt mir vorsichtig die Schulter.
„Du wirst es sehen, wenn du oben bist. Ich sage dir jetzt schon, wenn dir das da zu chaotisch ist, hab ich immer ein offenes Ohr und eine Kanne Tee für dich. Ich bin übrigens Izumi.“
„Midori“, erwidere ich den informellen Austausch des Vornamens verdattert, ehe sie mich im nächsten Moment zu einem gläsernen Aufzug schiebt, der mich ins sechzehnte Stockwerk bringen soll, wo die Aufnahmen stattfinden.
Beinahe schwerelos gleitet die moderne Kammer nach oben, lautlos schwingen die Türen auf und ich trete auf einen dick mit Teppich ausgelegten Flur, der zu mehreren Büros und einer großen Tür am Ende führt, über der ein rot leuchtendes Schild „ON AIR“ verkündet.
Ein wenig verloren stehe ich herum, ich kann doch nicht einfach in die Sendung platzen? Inzwischen ist es schon fünf nach vier, vielleicht hat er mich vergessen? Hätte ich Izumi direkt abwimmeln sollen? Direkt am ersten Tag zu spät zu sein, zeugt von schlechtem Benehmen.
Ich will gerade wieder umdrehen, als eine Gestalt aus einem Raum tritt, den ich von meiner Position aus als Teeküche einordnen würde. Der Mann ist etwa in meinem Alter, trägt zerrissene Jeans, einen schwarzen Kapuzenpullover und schwere Stiefel mit Stahlkappen. Seine Haare trägt er zu einem pink gefärbten Irokesen, die Seiten sind abrasiert. Im Gesicht finden sich ein Haufen Piercings, braune Augen starren mich angriffslustig an.
„Wer bist du denn?“
Das könnte ich ihn genauso fragen, sicher hat so jemand nichts in diesem Studio verloren. Dennoch besinne ich mich auf meine einstudierte Höflichkeit.
„Ich heiße Midori Tsuzumo, ich bin die neue Aushilfe.“
Wie auch die Frau unten am Eingang fallen diesem Menschen hier fast die Augen aus dem Kopf.
„Wir kriegen eine Büroschnepfe?“, brüllt er mir entgegen. Seine Aura zeigt hauptsächlich pinkfarbene Überraschung und gelbliche Freude, die jedoch etwas Schmutziges an sich hat. Der Typ wendet sich ab und marschiert geradewegs in das Studio.
„Ey, Mic!“, schallt es bis zu mir, die ich noch immer vor dem Aufzug stehe. „Hier ist so eine Trulla, die sagt die ist die Neue! Aber die sieht aus wie Shinoris Zwilling, hahaha!“
Ich tippe darauf, dass Shinori Izumis Nachname ist.
Kurz darauf schaut ein sonnenbebrilltes Gesicht mit wieder wild abstehenden blonden Haaren zu mir hinüber.
„Ah, Midori“, begrüßt mich Present Mic, „komm doch rein, brauchst nicht so schüchtern da rumzustehen!“
Zögernd setze ich mich in Bewegung und durchschreite die große Tür in den Aufnahmebereich. Ich hätte mir jedoch keine Sorgen zu machen brauchen, das eigentliche Tonstudio ist noch einmal durch eine Plexiglaswand abgetrennt. Mehrere funkelnde Schaltborde mit blitzenden Reglern blinken mir entgegen, Angestellte klicken eifrig auf irgendwelchen Bildschirmen herum.
Hinter dem Glas steht ein Tisch mit zwei Stühlen, über deren Lehne Kopfhörer hängen. Vor den jeweiligen Plätzen befindet sich ein Mikrofon.
„Wir sind erst ab neun live, jetzt laufen noch die Vorbereitungen“, erklärt der Profiheld und gibt einigen seiner Untergebenen ein paar Anweisungen.
„Du siehst, äh, sehr schick aus. Eigentlich haben wir hier keinen Dresscode. Sorry, hab ich wohl vergessen zu sagen.“
Ich nicke, als würde ich verstehen und meine jetzige Aufmachung wäre nicht ganz normale Alltagsgarderobe. Aber scheinbar gehören Leder und zerrissene Klamotten hier zur Tagesordnung.
Daraufhin klatscht er in die Hände und wendet sich an seine Mitarbeiter. „Listen up, everybody! Das ist Midori, sie fängt heute hier an! Be nice, okay?“
Zustimmendes Gemurmel erfolgt, doch die ablehnenden Blicke sind quasi auf der Haut zu spüren. Wohin ich auch schaue, überall sehe ich dunkel gefärbte Auren, die auf leichte Ablehnung hindeuten. Die einzige Ausnahme ist Present Mic, dessen Farben so kräftig scheinen wie immer. Im Augenblick ist er fast komplett in Gelb- und Orangetöne gehüllt, die auf Vorfreude und Aufregung hindeuten. Bevor ich erwägen kann, die Einstellung der anderen zu mir zu manipulieren, nimmt er mich jedoch beiseite.
Er führt mich zu einem leeren Schreibtisch in einem der Büros und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Dann lässt er sich mir gegenüber auf einen Stuhl fallen und schwingt einmal ausgelassen herum.
„Also, Midori, welcome. Bevor ich dir alles zeige, müssen wir über ein paar Formalitäten reden. Bureaucracy, okay?“
Ich nicke.
„Gut, also. Name – Midori Tsuzumo, wir reden uns hier alle mit Vornamen an, ja? Mich kannst du Mic nennen oder Hizashi. Adresse?“
Tatsächlich verfügt All For One über einige Apartments, von denen ich zur Tarnung eines beziehen darf. Ich nenne ihm die Adresse und einige meiner Kontaktdaten, inklusive der Nummer meines Mobiltelefons, das ich erst heute Morgen von Dr. Garaki erhalten habe.
„What’s your quirk, Midori?“
Auch darüber habe ich zuvor mit meinem Schöpfer gesprochen. Da ich im Notfall auf meine Kampfkraft angewiesen bin und sich mein Gedankennetzwerk leicht verstecken lässt, gebe ich schlicht und ergreifend „Stärke“ an. Hizashi pfeift anerkennend.
„Warum bist du damit keine Heldin geworden?“
Ich zucke betont gleichgültig die Achseln. „Das hat sich nicht so ergeben.“
Er wirft mir einen zweifelnden Blick zu, belässt es jedoch dabei. Nachdem ich alles zu seiner Zufriedenheit beantwortet habe, führt er mich auf der Etage herum und überlässt mir schließlich den leeren Schreibtisch.
„Dein Arbeitsplatz“, weist er mich darauf hin. „Schau dir für heute einfach nur die Sendung an, damit du eine Ahnung davon zu bekommst, womit du es zu tun hast. Hast du mir schon mal zugehört?“, fährt er begeistert fort.
„Um ehrlich zu sein, nein“, gebe ich zu. Dr. Garaki hört zwar ab und an Musik, seine Vorliebe sind jedoch Schlager.
„No problem. Umso schöner, wenn ich dich gleich von Anfang an mitreißen kann.“
Eins ist mir schon aufgefallen, er strahlt eine ungeheure Energie aus, als könne er einfach alles in Angriff nehmen. Sie summt und vibriert und wirkt sich auch auf sein Umfeld aus. Niemand sieht müde oder unmotiviert aus, wenn er in der Nähe ist. Ob es irgendwie mit seiner Macke zusammenhängt?
Kurz vor neun finde ich mich daher in dem Aufnahmebereich ein, wo Mic sich bereits auf einen der Stühle gefläzt hat. Der Punk dreht probehalber an den Reglern und scheint sich tatsächlich damit auszukennen.
Ich durchforste mein Gehirn nach meinem zugegebenermaßen dürftigen Wissen über die Arbeit in einem Radiosender und komme zu dem Schluss, dass es sich hierbei um einen Soundcheck handeln muss.
„Okay, eins, zwei, eins, zwei, yeaaaahh! Seid ihr alle dabei?“, legt Hizashi los, woraufhin ihm der Pinkhaarige den nach oben gestreckten Daumen entgegenhält.
„Klingt gut, Mann!“
„Thank you, Kid!“
Eine Frau mit grünen Haaren stellt sich neben mich. „Das Gesprächsthema für heute hab ich zusammengestellt! Es geht um das neue Album von Heroes  Rising, haste das schon gehört?“
„Nein, noch nicht“, antworte ich diplomatisch, doch sie wendet sich direkt enttäuscht von mir ab.
„Du bist echt lame, new girl“, schaltet sich der Punk ein, Kid, wenn ich es richtig verstanden habe. „Was hörst du denn so?“
Ich weiß, dass die Wahrheit „Nichts“ hier nicht gut ankommen wird. Fieberhaft versuche ich, mich an den Namen irgendeiner Musikgruppe zu erinnern, die nichts mit Schlagern zu tun hat.
„Metallica!“, schießt es aus mir heraus, obwohl ich keine Ahnung habe, was das sein soll und ob es so eine Gruppierung überhaupt gibt.
Die Augenbrauen meines Gegenübers schießen in die Höhe, also versuche ich zu retten, was zu retten ist und spreche den nächsten Fantasienamen aus, den mir mein Verstand eingibt.
„Guns N‘ Roses!“
Nun schauen mich beide Mitarbeiter schockiert an. Ihren Auren entnehme ich völligen Unglauben, doch die Düsternis verschwindet.
„Du und Rock-Oldies? Siehste echt nicht nach aus“, bringt Kid schließlich heraus und pfeift anerkennend durch die Zähne. „Aber der Eindruck täuscht ja manchmal.“
„Ja, Kid zum Beispiel steht voll auf Reggae!“, kichert die Frau neben mir. „Und ich fahr mega auf Hip-Hop ab! Ich bin übrigens Kaori.“
„Midori“, erwidere ich und zwinge mir wieder das Lächeln auf, obwohl ich kein Wort verstanden habe. Scheinbar hat mein Raten mir hier einige Pluspunkte eingebracht. Ich nehme mir vor, zu Hause sofort die beiden Namen zu recherchieren, damit meine Lüge nicht auffliegt. Woher kenne ich diese Künstler überhaupt? Sicher habe ich es irgendwo mal gelesen. Nicht umsonst habe ich schließlich eine erhöhte Intelligenz, mein Gehirn hat sich ganz einfach daran erinnert.
Meine neuen Kollegen haben dies offenbar als Startschuss gewertet, mir alles über ihren Musikgeschmack zu erzählen und mir hin und wieder dabei zu helfen, nachzuvollziehen worum es in Mics Sendung gerade geht.
Und obwohl ich mich nach wie vor unwohl fühle und immer noch mit Ausdrücken wie „voll fett, Alter“, „abgespacet“ und „lame“ kämpfe, ist ihre und Mics Begeisterung irgendwie ansteckend. Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, dass ich diesen Job angenommen habe.




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Hallo und herzlich Willkommen zu meiner neuen FF! :-)

Natürlich konnte ich es wieder nicht lassen und lade das erste Kapitel hoch, bevor ich weit genug vorgeschrieben habe. :D Na ja, mal abwarten, wie sehr ich das noch bereuen werde.
Ich freue mich auf jeden Fall, dass ihr bis hierhin gelesen habt und bin natürlich immer dankbar für jede Rückmeldung, egal ob sie aus einem Satz besteht oder voller Kritik steckt.

Liebe Grüße,
LeberUndGallenTee
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