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Vampire Academy- Kuss der Schatten

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
06.09.2020
29.11.2020
30
165.706
4
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15.11.2020 3.486
 
Das hohe Gebäude des Unterstufentrakts entdeckte ich bereits aus der Ferne. Anders als in der Mittel- und Oberstufe wohnten hier Moroi und Dhampire unter einem Dach, während eine Handvoll Wächter sie beschützten. Viele waren es nicht, da das Training der jungen Novizen aus nicht viel mehr als einfache Bewegung und einige disziplinarischen Grundübungen bestand! Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie meine Zeit dort, zusammen mit Lissa, war und ich wollte diese Erinnerungen niemals missen! Doch nun sah alles anders aus, als in meinen Erinnerungen, denn vor dem Eingang tobte ein gewaltiger Kampf auf Leben und Tod! Die Lichter waren angeschaltet und beleuchteten das Vorgehen unter sich genau! Ich musste mich zusammenreißen, weiter zu atmen, als ich die vielen, leblosen Gestalten am Boden sah. Opfer der Bemühungen der Wächter, ihre Schüler vor dem Tod zu bewahren! So viele Wächter sind bereits tot!, dachte ich erschrocken und sah zu dem kläglichen Rest der Verteidiger. Vielleicht noch vier oder fünf Wächter kämpften vor dem Eingang und versuchten irgendwie, den Ansturm von neun oder zehn Strigoi standzuhalten. Eine hochaufragende Gestalt stach deutlich aus der Masse hervor und wütete unter den Strigoi wie ein junger Gott! Mein Herz flatterte wie wild, als ich Dimitri erkannte, der sich dort zur Wehr setzte. Ein tonnenschweren Stein fiel herab und machte mir das Atmen wieder leichter! Er lebt!, dachte ich erleichtert und schloss für eine Sekunde die Augen. Er lebt! Ja, Dimitri lebte und er kämpfte wie ein Berserker! Aber auch seine Klasse reichte nicht aus, um den Sieg zu bringen! Immer weiter zogen sich die Wächter zurück und standen fast schon in der Eingangstür zum Gebäude. Der Druck der Strigoi wollte nicht nachlassen, egal wie viele der Monster sie auch niederstreckten! „Wir müssen ihnen helfen!“, sprach ich das Offensichtliche aus. „Ich bin direkt hinter dir!“, erwiderte Christian grimmig. Er wirkte erschöpft, aber bei dem Blick auf die letzten Verteidiger wurde auch sein Kampfeswille angefacht! „Warte, bis ich den ersten gepfählt habe, dann lenke sie ab!“, wies ich ihn an und rannte los. Die Strigoi standen in einem lockeren Kreis um die Wächter herum, sodass sie mir alle den Rücken zuwiesen, als ich auf sie zu eilte. Kein Geräusch kam von mir und so starb der erste Strigoi völlig überrumpelt, als ich ihm von hinten meinen Pflock ins Herz rammte. Erst jetzt registrierten die Kämpfer mich und Dimitris Augen weiteten sich vor Überraschung. Leider blieb mir keine Zeit, ihn anzulächeln und einfach nur sein hübsches Gesicht zu bewundern. Aber später wird dafür Zeit sein!, nahm ich mir vor und schlug nach dem nächstbesten Strigoi. Gleich zwei Feuerzungen rasten an mir vorbei und schreckten einige der Strigoi auf. „Los!“, erschallte Dimitris lauter Ruf über den Hof und der Wächter warf sich gegen die verwirrten Strigoi. Schnell nacheinander fielen drei Weitere der Monster unter den Händen der Wächter.
Trotzdem war es noch ein harter und langer Kampf! Wir gewannen allmählich die Oberhand, was wir Christian zu verdanken hatten! Er lenkte die Strigoi mit seiner Feuermagie ab, sodass wir Wächter sie zur Strecke bringen konnten! Außerdem half er mehr als einem Dhampir aus der Patsche, als diese drohten, von einem Strigoi niedergestreckt zu werden! Wie lange ich wütete, konnte ich nicht sagen... Völlig versunken im Rausch des Kampfes, stach und hieb ich nach allem, was untot aussah! Erst als nichts mehr in Reichweite war, blinzelte ich durch den blutroten Nebel, der sich über meinen Verstand gelegt hatte, und sah mich um. Ich entdeckte keuchende Wächter, die am Ende waren und eine Menge toter Strigoi! „Haben... haben wir es geschafft?“, wagte ich kaum, zu fragen. „Ja!“, kam es entschieden von Dimitri. Der Wächter war lädiert, wirkte aber noch frisch! Er schenkte mir ein schwaches Lächeln, als sich unsere Blicke trafen, und neue Kraft strömte in mir auf! „Das meiste haben wir euch beiden zu verdanken!“, meinte er und wies mit einer Kopfbewegung zu den toten Strigoi. Ich wollte grinsen, aber es gefror mir zur Hälfte auf meinem Gesicht, als ich die vielen Leichen der getöteten Wächter erblickte. Nein, für sie kam es nicht gut!, dachte ich und nickte nur über das Lob, welches mir mein Mentor gemacht hatte. Ich entdeckte unter den Toten Ivan, einer der Wächter, die mich im Praktikum angegriffen hatten! Nun lag sein toter Körper unnatürlich verdreht auf dem Boden, während seine offenen, leeren Augen in Richtung Gebäude starrten. Schnell sah ich woandershin, um den grausigen Anblick nicht für immer im Gedächtnis zu behalten. „Was nun?“, fragte ein japsender Christian, der sich beim Eingang hingesetzt hatte. Er war bleich und Schweiß rann seine Stirn hinab. Die großen, körperlichen Anstrengungen seines Magiegebrauchs waren offensichtlich! Ich wusste keine Antwort auf seine Frage. Ich wusste nicht einmal, ob mir eine zustand! Nun wo andere Wächter anwesend waren, war ich nicht viel mehr als eine Novizin! Ich stand am unteren Ende der Befehlskette! Dimitri blickte sich um. Mit ihm, Christian und mir hatten noch fünf weitere Wächter den Angriff überlebt. Keiner von uns war unverletzt, aber immer noch kampfbereit! „Schwer zu sagen, ohne die genaue Anzahl der Angreifer zu kennen...“, brummte der Wächter. „Mindestens sechzig, schätze ich!“, rief ich ihm zu. Er hob überrascht eine Augenbraue und forderte mich stumm auf, mich zu erklären. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich... ich habe sie gesehen! Sie sind irgendwie durch den Schutzzauber gekommen, am nördlichen Ende, dort wo die Moroi Lissa angegriffen haben!“, erzählte ich. „Du hast sie gesehen?“, fragte mich Dimitri erstaunt. „Ja, ich habe Kallisto gesucht... Plötzlich tauchten sie dann auf und haben die Barriere angegriffen! Sie wurde durchlässig und das... war dann der Zeitpunkt, als ich die Beine in die Hand genommen habe!“, nuschelte ich verlegen, ob meiner Feigheit. „Gut gemacht, Rose!“, lobte mich Dimitri laut und dieses Mal schaute ich überrascht drein. „Echt jetzt?“ „Und wie!“, sprach der Wächter und kam auf mich zu. Er legte mir eine Hand auf die Schulter, eine normale Geste doch nachdem, was zwischen uns in der Hütte vorgefallen war, lag in ihr eine gewisse Intimität, die nur wir zwei kannten! „Du hast richtig gehandelt! Niemals hättest du es mit ihnen alleine aufnehmen können!“ „Ich... ich bin einfach weggelaufen, so wie du es mir gezeigt hast! Unterwegs holten einige mich ein, aber Christian...“, erzählte ich weiter und sah dann zum Moroi. „Wir haben zusammen gekämpft und konnten in die Kirche fliehen!“, übernahm er das Wort. „Dann kam das Läuten von euch?“, wollte einer der anderen Wächter wissen. „Ja!“, sagten Christian und ich wie aus einem Mund. Nun lachte Dimitri offen und aus vollem Herzen. Die Geste passte nicht recht zu diesem Zeitpunkt, aber als ich ihn so fröhlich sah, zogen sich auch meine Mundwinkel nach oben. „Ich dachte mir schon, dass du damit etwas zu tun hast, Rose! Ich war mir schon immer sicher, dass du eine besondere Wächterin bist! Sehr gut gemacht! Nur dank euch beiden konnten wir Maßnahmen zum Schutz der Schüler ergreifen!“, sprach er und jeder der anderen Wächter nickte uns anerkennend zu. „Werd ihr nicht gewesen, hätten sie uns vollkommen unvorbereitet erwischt!“, meinte der Wächter von eben. Ich nickte dankbar, aber gleichzeitig fühlte ich mich weniger als Heldin. „Aber wir konnten nicht alle retten!“, sprach ich gefasst. „Das kann man nie, Rose! Dennoch sollte man nie aufhören, es zu versuchen!“, redete mir Dimitri ein und drückte kurz meine Schulter. Er kam näher zu mir, sodass sein Mund ganz nahe an meinem Ohr war. „Konntest du Kallisto finden?“, wollte er wissen. Ich musste verneinen, denn ihn hatte ich leider nicht mehr gesehen, seitdem er abgehauen war! „Aber ich spüre, dass er noch immer hier irgendwo ist! Er scheint zu leben, mehr weiß ich nicht!“, gestand ich zähneknirschend. Es bedrückte mich, dass ich nicht wusste, wie es ihm ging. Er sah so verletzt aus..., erinnerte ich mich an sein Gesicht, als Dimitri und ich Hand in Hand aus der Hütte gekommen waren. Es musste ihm sehr wehgetan haben, dieser Anblick! Plötzlich riss mich etwas aus meinen Gedanken! Eine starke Empfindung von Lissa zog mich zu ihr! Mein Geist erstarrte, als er die Panik der blonden Moroi mitbekam! „Sie werden angegriffen!“, rief ich, ohne meine eigene Umgebung wahrzunehmen. Erst nach einer Zeit sah ich wieder klar, auch wenn Lissas Gefühle unvermittelt stark waren! „Schnell! Die Strigoi sind dabei, in das Wohnheim der Moroi durchzubrechen! Sie brauchen Hilfe!“, erzählte ich hastig. Dimitris gute Laune verflog so jäh, wie sie gekommen war. Er sah zu seinen Kollegen, dann zu mir und Christian. „Könnt ihr beide noch?“, fragte er. Bei mir war eine Antwort überflüssig, den die schiere Sorge um Lissa verlieh mir Flügel! Christian ging es ähnlich, den er war bei meinen Worten bereits hochgesprungen und blickte grimmig drein. „Gut, dann machen wir uns auf den Weg! Der Rest schützt das Gebäude hier!“, wies er an und niemand widersetzte sich ihm. Zu dritt rannten wir los und während Dimitri die Führung übernahm, blieb ich dicht bei Christian. „Geht es ihr gut?“, fragte er mich leise. Ich nickte. „Aber ich weiß nicht, wie lange noch!“, gestand ich ihm ehrlich. In dem kurzen Aufflackern ihrer Wahrnehmung hatte ich keine Strigoi in ihrer Nähe gesehen, aber sie hatten es ins Innere des Wohnheims geschafft!
In unserer Formation liefen wir los. Vorsichtig, aber so so zügig wie möglich! Leider ging es nicht so eilig voran, wie ich es gerne gehabt hätte! Eine Strecke, die ich normalerweise in wenigen Minuten zurückgelegt hätte, zog sich über fast eine Viertelstunde! Zum einen waren es die Leichen, die uns ausbremsten. Es waren einzelne Schüler, die mit einem leeren Blick und ausgesaugt am Boden lagen. Wäre nicht das viele Blut gewesen, hätte man denken können, dass sie eben erst gefallen wären und gleich wieder aufstehen würden, aber ich wusste, dass diese Leute nie wieder aufstehen werden! Ich sah nicht allzu genau hin, weil ich nicht einen Bekannten oder gar einen Freund unter ihnen entdecken wollte! Später!, sagte ich mir und schon die Gefühle beiseite. Erst sorge ich dafür, dass Lissa sicher ist, dann nehme ich mir die Zeit zum Trauern! Es waren nicht viele Tote, weniger als ich befürchtet hatte, aber dennoch viel zu viele! Zum Glück begegneten wir unterwegs gleich zweimal einem streunenden Strigoi, die völlig alleine umherstreiften. Dimitri und ich schnappten sie uns gemeinsam, ohne dass sie etwas mitbekamen, woher der Tod sie ereilte. So kann es gerne weitergehen!, dachte ich grimmig, als ich meinen Pflock von dem Blut des letzten Strigois säuberte. „Weiter!“, rief Dimitri leise und nickte nach vorne. Das Wohnheim der Moroi war bereits zu sehen, aber was sich davor abspielte, war das eigentlich wichtige! Ein knappes Dutzend Wächter stand vor dem Eingang, ähnlich wie beim Unterstufentrakt. Sie kämpften gegen eine Horde an Strigoi und hatten arge Probleme, diese am Eindringen zu hindern. Immer wieder gelangten Strigoi soweit durch die Verteidigung, dass sie durch das Tor schlüpfen und drinnen für Verwüstung sorgen konnten. Immer wenn dieses passierte, musste sich eine Gruppe von Wächtern aus dem Verband lösen. Innen sieht es bestimmt noch chaotischer als draußen!, schwante mir Böses. „Wir müssen da rein!“, meinte ich im Laufen zu Dimitri. Das Schicksal der Wächter und der Schüler ging mir nahe, aber Lissa hatte oberste Priorität für mich! „Erst einmal müssen wir dadurch!“, erwiderte Dimitri. Er meinte damit die vielen Strigoi, die vor dem Eingang standen und auf die Wächter einschlugen. „Bleib bei Christian! Schütze ihn, ich sorge dafür, dass wir dadurch kommen!“, meinte der Wächter dann. „Sind direkt hinter dir!“, rief ich ihm zu. Ich ließ mich einen Schritt zurückfallen und positionierte mich direkt neben Christian. Der Moroi wirkte fahrig, als er die vielen Monster sah. Auch für mich war das die größte Ansammlung an Strigoi, die ich je gesehen hatte! So geht es bestimmt jedem hier!, schoss es mir noch durch den Kopf. Dann waren wir zu nahe, um noch etwas zu denken, was nicht mit Kampf zu tun hatte! Auch hier hatten wir das Überraschungsmoment auf unserer Seite, weil die ganzen Strigoi mit dem Rücken zu uns standen. Dimitri spurtete los, rammte dem erstbesten Strigoi seinen Pflock von hinten ins Herz. Bevor der endgültig tot zu Boden gefallen war, hatte er den Nächsten gepackt, umgedreht und ebenfalls gepfählt. Dem dritten pfefferte einen rechten Haken ins Gesicht, dass dieser einfach umkippte! Ja, er würde wieder aufstehen, irgendwann, aber die Kopfschmerzen würden sicherlich eine Weile bleiben! Dann lief er weiter, einfach durch die Menge an Strigoi durch! Er rammte jeden Feind zur Seite, der ihm im Weg stand und schuf so einen Pfad, auf dem ich mit Christian gehen konnte. Ich drückte den Moroi an mich und schob ihn vorwärts. Auch hielt ich mich nicht damit auf, einen der Strigoi zu töten, die zu Boden gegangen waren, sondern sorgte dafür, dass sich keiner zwischen mich und Dimitri stellte. Es war ruppig, aber ehe ich mich versah, waren wir hindurch und bei den Wächtern angelangt. „Los, Rose! Geht rein! Ich helfe hier!“, rief Dimitri und machte mir Platz, nur um dann wieder die Lücke zu schließen. „Okay!“, entgegnete ich knapp und schob Christian einfach durch die Tür ins Innere. Sofort rannte ich die breite Treppe zum ersten Stock hinauf und blickte mich dort um. Es herrschte heilloses Chaos! Überall waren Möbel umgestoßen worden und einzelne Wächter und Novizen kämpften in den beengten Fluren gegen die Strigoi. Leblose Körper lagen herum und machten das Vorankommen schwerer. Doch ich sah nicht zu genau hin, denn das Einzige, was in diesem Moment zählte, war Lissas Sicherheit! „Komm, Christian!“, rief ich über meine Schulter, damit der Moroi bei mir blieb. Ich hatte nicht genug Energie übrig, um gleichzeitig ihn zu beschützen und weiter nach vorne zu blicken! Mit dem silbernen Pflock in der Hand stürzte ich mich in den Kampf. Wenige Schritte kam ich weit, dann blockierte schon der erste Kampf meinen Weg. Also nutzte ich meine Waffe und traktierte den Strigoi, wo ich nur konnte, um so dem verletzten Wächter einen Vorteil zu verschaffen. Als der Dhampir seinen Gegner gepfählt hatte, drückte ich mich an ihm vorbei. Ich wich einem Strigoi aus, der gleich von zwei Wächtern angegangen wurde und durch deren gemeinsame Anstrengung zurückgestoßen wurde. Auch ihnen kam ich zur Hilfe und rammte ihm den Pflock ins Herz. Stück für Stück, Schritt für Schritt abreitete ich mich vor und suchte nach den blonden Locken meiner Freundin. Schüler schrien herum, hockten entweder an der Wand, mit den Händen über dem Kopf, oder rannten wie aufgescheuchte Hühner umher. Sie machten das Durcheinander perfekt und mehr als einmal musste ich einen von ihnen von mir stoßen, weil er sich sonst mit beiden Armen um mich geschlungen hätte. Für die Moroi war ein Dhampir mit einem Pflock in der Hand der Leuchtturm im Sturm und sie wollten sich in der Hoffnung an mich klammern, dass ich sie hieraus schaffen würde. Aber für mich zählte nur ein Gedanke und so schupste ich jeden aus dem Weg, der sich vor mich stellte. Rose beschützt Lissa! Das war alles, woran ich mich aufhielt! Es war so allgegenwärtig, dass es eine physikalische Größe wurde, so etwas, wie das 4. Newtonsche Gesetz! Eine Nichteinhaltung dieser Komponente würde die Welt, so wie wir sie kannten, aushebeln und auf den Kopf stellen!
Immer weiter drang ich vor und lief an offenen Türen vorbei, deren Räume überstürzt verlassen worden waren. Aber als ich an einem der Aufenthaltsräume vorbeikam, entdeckte ich eine bekannte Person im Inneren. Ein bleicher und nicht mehr ganz so elegant wirkender Adrian lehnte sich über einen der runden Tische und versuchte, das Möbelstück immer zwischen sich und einem Strigoi zu halten. Die gierige Kreatur huschte im verzweifelten Versuch, den Moroi in seine Fänge zu bekommen, hin und her, aber die vielen anderen Gegenstände im Zimmer behinderten seine Mobilität und ermöglichten Adrian, immer um gegelter Haaresbreite zu entkommen. Er war die erste Person, bei der ich nicht einfach weitergehen konnte, so widerstrebend stehen bleiben musste. Auch Christian erkannte den Sprössling der Königsfamilie und seufzte leise. Gerne hätte ich miteingestimmt, aber dazu fehlte mir schlicht die Zeit! Mit einem beherzten Sprung kam ich Adrian zur Hilfe und überrumpelte den Strigoi. Nach einem kurzen Kampf fand sich die Kreatur am spitzen Ende meines Pflocks wieder und Adrian blieb zitternd hinter dem Tisch stehen. Seine grünen Augen waren vor Schrecken geweitet und selbst mir gegenüber fand er nicht zu einem seiner sonst so lässigen Sprüche zurück. Also näherte ich mich ihm und zog ihn am Revers seines teuren Anzugs zu mir heran. „Wo ist Liss, Adrian?“, fragte ich den schockierten Moroi. Adrian schüttelte seinen Kopf, er wirkte verwirrt und seine Augen waren immer noch ängstlich aufgerissen. „Adrian?“ Der Moroi öffnete seinen Mund, aber er brachte kein Wort hervor. „Adrian! Los, rede mit mir!“, rief ich ihm zu und schüttelte ihn durch. „Ich... äh... Lissa.... ich.... oben!“, meinte er dann und wies mit der Hand in Richtung der Decke. „Danke!“, sprach ich dankbar und ließ Adrian wieder los. „Pass auf dich auf und bring dich in Sicherheit!“, rief ich noch, als ich schon an ihm vorbei zur Treppe gelaufen war. Ohne zu überlegen, stürmte ich die Stufen hinauf. „Lissa?“ So laut ich konnte, brüllte ich ihren Namen, aber niemand antwortete. „Liss?“, brüllte nun auch Christian, der mir gefolgt war. Der obere Flur war verlassen und nur die umgestoßenen Lampen und das Blut an den Wänden verriet, dass die Strigoi auch bis hierher gekommen waren! Verdammt, Lissa, wo bist du?, fragte ich mich und konzentrierte mich. Es war nicht leicht, sich in Lissa hineinzuversetzen, da ich so aufgebracht war, dass mein Atem stoßweise ging. Nachdem ich mich ein paar Sekunden beruhigt hatte, schaffte ich es endlich, dem Band zu Lissas Bewusstsein zu folgen. Als Erstes fühlte ich ihre Angst, die der in nichts nachstand, die sie durchlebt hatte, als die beiden Strigoi sie in der Mall von Missoula überfallen hatten. Nur dieses Mal war nicht ich es, die schützend vor ihr stand, sondern Eddie! „Verdammt!“, fluchte ich und löste mich aus der Verbindung. „Wo ist sie, Rose?“, fragte mich der Moroi besorgt, aber ich schüttelte nur den Kopf. Ich wusste, wo sie waren! Sie befanden sich in einem der Aufenthaltsräume auf dieser Ebene! So schnell ich konnte, eilte ich dorthin, bog links in den nächsten Flur ab und rannte, was das Zeug hielt. Dabei ließ ich den keuchenden Christian hinter mir, der einfach zu langsam war, um mit mir mitzuhalten! Als ich die nächste Ecke umgehen wollte, sah ich Eddie, der im Flur an der Wand lehnte. Ein Strigoi stand bei ihm und hielt mit beiden bleichen Krallenhänden den Hals des Dhampirs umklammert. Eddie kämpfte mit aller ihm noch verbliebenden Kraft gegen die Kreatur an, aber sein Gesicht lief bereits dunkelrot an. „Lass ihn los, du Spinner!“, schrie ich das Monster an und stürmte los. Der Strigoi sah nur kurz zu mir, aber zuckte kaum mit einem Gesichtsmuskel. Für ihn war ich keine Bedrohung, im Gegensatz zu dem muskelbepackten und großen Jungen mit den sandblonden Haaren! Dem werde ich es zeigen!, dachte ich mir. Mit einem weiten Ausfallschritt näherte ich mich dem Strigoi und schlug nach ihm. Ich traf ihn an der Seite, knapp unter der Achsel, dort wo die Rippen in das weiche Muskelfleisch übergingen. Der Schlag hatte genug Schmackes, um den Griff des Strigois um Eddies Hals ein wenig zu lockern. Ich setzte nach und hieb ihm zwei weitere Male in die Seite. Der Strigoi knurrte schmerzerfüllt und nahm eine Hand von Eddie, um damit nach mir zu schlagen. „Hey, was ist denn mit mir?“, ächzte Eddie schwer und kaum verständlich. Er umklammerte die letzte Hand an seinem Hals, zog daran und trat dann mit einem Bein nach dem Strigoi. Es war ein schwacher Kick, aber es reichte, um den Strigoi zu irritieren. So hatte ich genug Zeit, dem Schlag zu unterlaufen und das Knie des Idioten zu bearbeiten. Der Mann knickte seitlich weg und musste Eddie nun ganz loslassen, um sich abzustützen. „Los, Rose! Gib's ihm!“, zischte Eddie, der sich sofort auf den Strigoi gestürzt hatte. Er schaffte es nicht, ihn ganz zu Boden zu drücken, aber es reichte, um ihn in der jetzigen Position zu halten. Mit links schlug ich seinen Arm zur Seite, der auf mich zu schoss. Ich fegte ihn einfach zur Seite und öffnete so seine Brust für den finalen Stoß. Mit meinem ganzen Gewicht trieb ich den Pflock tief in sein Herz und erst als das Leuchten seiner Augen aufhörte, ließ ich von ihm ab. Eddie sank bebend zu Boden. Er war verletzt und blutete an der Seite! „Alles okay?“, fragte ich ihn. „Scheiße, Rose, es tut mir leid!“, stöhnte Eddie und rappelte sich schwerfällig hoch. Mit seiner linken Hand hielt er sich seine Seite. Seine Finger färbten sich rot von dem Blut, dass aus der Wunde trat. „Was tut dir denn leid, Eddie? Dass du verprügeln wurdest?“, fragte ich ihn in einem Anflug eines Scherzes, doch das Gesicht des Dhampirs verzog sich in einer düsteren Miene. „Sie haben sie, Rose! Die Strigois haben Lissa!“, sagte er dann und jedes seiner Worte fühlte sich an, wie ein Messer, dass man mir ins Herz rammte.
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