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Vampire Academy- Kuss der Schatten

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
Rosemarie "Rose" Hathaway
06.09.2020
29.11.2020
30
165.706
4
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06.09.2020 3.603
 
Nach und nach trudelten die Gäste der Verlobungsfeier ein. Die Vodas standen an der Eingangstür und hießen jeden mit einem warmen Händedruck und einem Lächeln willkommen. Mir wurde schon allein bei den teuren Autos schlecht, die sich auf der Einfahrt aneinanderreihten wie Perlen auf einer Schnur! Wie Dimitri es vorausgesagt hatte, kamen die meisten Moroi mit mindestens einem eigenen Wächter an. Ich fand es erstaunlich, dass man anhand der Wächteranzahl den gesellschaftlichen und finanziellen Status eines Morois ablesen konnte! Diejenigen Gäste, die keinen Wächter hatten, gehörten zur Unterschicht und durften sich wohl glücklich schätzen, bei diesem Anlass anwesend sein. Hatte man einen Wächter, war man wichtig und einflussreich, hatte man zwei oder sogar mehr gehörte man zur Crème de la Crème der Moroi! Vor allem die königlichen Familien wurden bei der Vergabe der Wächter bevorzugt. Dieses System war nicht gerecht, dessen war ich mir bewusst, und hätte es mehr von uns gegeben, hätte es mich gestört, aber wir kämpften auf verlorenem Posten! Es gibt einfach zu wenige für uns, als dass wir sie alle beschützen könnten!, dachte ich mit einem mulmigen Gefühl. In der Schule bekam man immer beigebracht, dass jedes Leben gleich viel wert sei, die Realität sah leider anders aus... Trotzdem freute ich mich innerlich über jeden adrett gekleideten Dhampir, der im Hintergrund seines Herren oder seiner Herrin ging. Die Gastgeber schickten ihre Gäste als Erstes ins Wohnzimmer, wo sie ankommen sollten. Sprich, dort wurden sie mit einem Glas Champagner und ein paar Häppchen empfangen und konnten ein wenig tratschen. Ich hatte mich im Wohnzimmer postiert und sah dem munteren Treiben der Moroi zu. Dimitri, als einer der Tabletträger, befand sich in meiner Nähe. Sobald die Moroi in dem großen Raum gekommen waren, traten deren Wächter automatisch auf Dimitri zu. Mit professionellem Interesse verfolgte ich die kurze Kommunikation zwischen den Wächtern, in der Dimitri die Neuzugänge einwies. So erhöhte sich das Sicherheitslevel kontinuierlich! Nach dreißig Minuten schienen fast alle Gäste da zu sein. Der Verlobte, Nicholas Voda, ein junger Moroi von vielleicht zweiundzwanzig Jahren hatte sich in seinem schicken, dunklen Smoking bereits unter die Menge gemischt, empfing schon Gratulationen und erheitertes Schulterklopfen. Als ich dann eine weitere Gruppe an Moroi im Flur entdeckte, wusste ich, dass es nun anfangen würde! Die Eltern des Verlobten begleiteten die letzten Gäste hinein. Es waren ein älteres Paar und eine junge Dame, etwa im selben Alter wie der Verlobte. Das muss dann die zukünftige Braut sein!, dachte ich. Tamara Ivashkov war wahrlich eine Schönheit! Sie hatte diesen natürlichen Glanz, den auch Lissa immer ausstrahlte und der gut ohne irgendeine Art von Make-up klar kam. Ihr langes, braunes Haar wellte sich sanft an ihrem feinen Gesicht herab und ging bis zu den Ellenbogen. Tamara war von schlanker, hoher Gestalt, wie es so oft bei Moroi-Frauen war. Mit ihren hellen, blauen Augen blickte sie durch den Raum und als ihr Blick auf Nicholas ruhte, funkelten ihre Augen leicht. Sie hat Gefühle für ihn!, bemerkte ich verblüfft, denn ich hatte angenommen, dass es mehr eine geschäftliche Beziehung war, denn eine romantische! Sofort eilte der Verlobte zu seiner Angebeteten und begrüßte auch seine zukünftigen Schwiegereltern. „Wir sollten uns zurückziehen!“, flüsterte mir Dimitri zu und nickte nach hinten. Ich folgte ihm und umging die breite Schar an Moroi, die sich in der Mitte des Wohnzimmers versammelt hatten. Die beiden Familien des Paars gönnten sich erst einmal ein kurzes Bad in der Menge, bevor sie auf die Treppe zuhielten, die nach oben auf die Galerie führte. Deshalb gingen Dimitri und ich zur linken Wand und stellten uns dort auf. Oben angekommen hob Mr. Voda sein Glas an und stieß leicht dagegen. Ein heller Ton ertönte und hallte von oben herab über die Gäste. Diese Geste wäre nicht nötig gewesen, da ohnehin alle still zur Galerie geschaut hatten, aber naja... „Meine lieben Freunde! Werte Gäste und Partner! Schön, dass ihr alle gekommen seid!“, begann der Mann seine Ansprache. Er ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen und nickte mal hier und mal da, dem einen oder anderem zu. „Die letzten Jahre waren gut zu uns, auch wenn wir wie so oft mit dem Schrecken zu kämpfen haben, der unsere Welt bedroht!“ „Meint er damit die Strigoi?“, fragte ich zischend Dimitri, ohne meinen Blick von der Menge zu nehmen. Meine Hände ruhten locker vor dem Körper und nur meine Augen bewegten sich von einer Seite zur anderen. „Ich gehe davon aus...“, erwiderte Dimitri genauso leise. „Ich wusste nicht, dass Moroi gegen Strigoi kämpfen...“ „Er meinte das wohl eher metaphorisch!“, meinte Dimitri und aus dem Augenwinkel sah ich, wie er mich schmunzelnd beobachtete. „Aber lasst uns nicht weiter über diese Düsternis sprechen, denn es ist ein freudiger Anlass, der uns heute hergeführt hat!“, redete Mr. Voda einfach weiter. „Schon auf der Akademie kamen sie sich näher und es freut mich zu sehen, dass ihre Verbindung mit den Jahren noch stärker geworden ist!“ Verkündete Mr. Voda und zeigte mit einer ausufernden Geste auf seinen Sohn und dessen Partnerin. Nun trat Mrs. Voda vor und übernahm das Wort von ihrem Mann. Gut einstudiert!, musste ich eingestehen, denn dieser Wechsel brachte ein wenig Pepp in das Ganze! „Ich weiß noch, wie Nicholas zu mir kam und von dieser jungen, wunderschönen Frau schwärmte, die auf seiner Schule ging! Damals war er noch zu schüchtern, um sie anzusprechen, und ich musste ihm damit drohen, seine Wäsche nicht mehr länger zu waschen, wenn er sie nicht endlich ansprach! Nach drei Wochen im selben Hemd entschied er sich dann endlich dem Rat seiner Mutter zu folgen!“ Leises Gelächter ertönte von unten über diesen Witz und langsam lockerte sich die Stimmung im Raum. „Als er uns dann Tamara vorstellte, wusste ich sofort, was er an ihr fand und warum sie die Frau seines Lebens werden würde! Wir freuen uns so sehr darauf, dich in unserer Familie willkommen zu heißen, Liebes!“, sprach Mrs. Voda ergriffen zu ihrer zukünftigen Schwiegertochter. Diese bedankte sich artig und als Mrs. Voda fortfuhr, schaltete ich ab. Nur am Rande bekam ich mit, wie von dem Antrag gesprochen wurde, sich Nicholas der Familie Ivashkov vorstellte und als dann Tamaras Vater, ein alter, schon ergrauter Moroi, vortrat und schilderte, wie er den neuen Freund seiner Tochter skeptisch gesinnt war, hätte ich fast mit den Augen gerollt. Es war diese Art von Geschichte, die in jedem zweiten billigen Schnulzenfilm vorkam. Der Vater des Mädchens spielte den überfürsorglichen Beschützer und der Sohn musste sich viel einfallen lassen, bis sein Charme und sein guter Charakter auch bei den Schwiegereltern gereifte. Natürlich akzeptierten diese ihn wie einen eigenen Sohn und würden ihm mit guten Gewissen das Kostbarste ihres Lebens anvertrauen, ihre Tochter! Danach erzählte noch das Paar gemeinsam, wie sich kennen und lieben gelernt hatten, bevor endlich, endlich verkündet wurde, was jeder hier schon wusste, weil es mit Sicherheit auf jeder Einladung gestanden hatte: Die beiden würden heiraten und hatten sich verlobt! Juhu, Jippiejeiyeah und herzlichen Glückwunsch!
Nach dieser kurzen, knapp drei Stunden dauernden Ansprache taten mir dermaßen die Füße weh vom Herumstehen, dass ich froh war, über Funk die Anweisung zu bekommen, draußen Posten zu beziehen. Gemeinsam mit den anderen beiden Wächtern meines Teams schlenderten wir unseren Bereich ab. Noch war es draußen dunkel und somit gefährlich! Wir begutachteten die Grenze des Anwesens, welches leider nicht durch einen Zaun oder eine andere Art der Absperrung kenntlich war. Von da aus ging unsere Route durch den Gartenbereich und wieder hinein ins Haus. Dort hatte sich die große Ansammlung aufgelöst und die Moroi fanden sich in vielen kleinen Gruppen zusammen. Nun kam der schwierige Teil des Jobs, denn wir mussten sie alle irgendwie im Auge behalten! Noch war es leicht, da die zusätzlichen Wächter überall verteilt waren, aber draußen gab es nur das eigentliche Sicherheitsteam! Hin und wieder entdeckte ich Dimitri mit dem Tablet in der Hand, wenn sich unsere Routen kreuzten, aber die meiste Zeit war ich alleine unterwegs. Nur an gewissen Punkten traf ich auf meine Teammitglieder, da wir einfach zu wenige waren, um die Patrouillen doppelt zu besetzen. Ich informierte meine Kollegen über besondere Vorkommnisse, Gäste, die ich gesehen hatte und andere, wichtige Dinge, die auf deren Routen nützlich sein könnten. So ging es die ersten Stunden weiter, bis die Sonne schon am Himmel stand. Es wunderte mich, dass dieser Umstand meine Arbeit kaum erleichterte. Klar, die Strigoi waren nun keine sehr große Bedrohung mehr, dafür waren die Moroi nun das Hauptproblem. Eigentlich zogen sie Schatten dem Sonnenlicht vor, aber großflächiger Sonnenschutz und ein gutes Mass an Alkohol sorgten gemeinschaftlich dafür, dass die Moroi sich noch weiter auf dem Grundstück ausbreiteten. Es war anstrengend, sie alle im Auge zu behalten, da nun schon die ersten Gäste die Feierlichkeiten wieder verließen. Mit ihnen gingen auch ihre Wächter... Immer mehr Fläche, die abgedeckt werden muss!, seufzte ich innerlich. Dabei musste ich stetts professionell und gelassen bleiben, eine weitere Herausforderung dieses Jobs, wenn man es mit reichen Moroi zu tun hatte, die meinten, dass Dhampire im Allgemeinen zum Dienen auserkoren waren. Dann musste ich höflichst verneinen und mit Bedauern feststellen, dass ich nicht eine weitere Fuhre Champagner holen konnte, da ich zum Schutz der hier Anwesenden gebraucht wurde! Gerade als ich eine ältere Dame herum zeterte, dass zu ihrer Zeit die Wächter noch alles getan hätten, was ihre Herren ihnen befohlen hätten, hörte ich Dimitris Stimme über Funk. „Meldung! Außenposten!“, sagte er. Nacheinander meldeten sich die Wächter unseres kleinen Sicherheitsteams bei ihm und gaben ihren Status durch. „Hier, Hathaway! Bin auf der Terrasse! Alles ruhig!“, antwortete ich, als ich an der Reihe war. „Theresa?“, fragte Dimitri. Keine Antwort. „Theresa, Meldung!“, wiederholte er nun fordernder, doch die Wächterin meldete sich einfach nicht! „Weiß irgendjemand, wo Theresa ist? Wer hat sie zu letzt gesehen?“, wollte er dann über Funk von den anderen wissen. „Ich habe sie vor etwa einer Viertelstunde nördlich am Wald gesehen!“, rief Dylan durch. „Ich habe keine Ahnung, wo sie steckt! Vielleicht ist sie mit den Ivashkovs gegangen?“, meinte Bastian. Ich wusste, dass Theresa die Wächterin von Tamara Ivashkov, der Verlobten, war, konnte mir aber nicht vorstellen, dass diese bereits die Feier verlassen hatte! Aber sie könnte bei ihr sein!, vermutete ich stark. Auf jeden Fall musste irgendjemand den Staus der vermissten Wächterin checken. Sie könnte nur auf dem Klo sein... oder tot im Wald liegen, angegriffen von einem unbekannten Feind!
„Ich gehe sie suchen!“, sprach ich in das kleine Mikro und änderte meinen Weg. „Gut! Gib Bescheid, wenn du sie findest!“, erwiderte Dimitri knapp und das Gespräch endete. Ich schlenderte an den Feiernden vorbei, die unter einem der Sonnensegel standen, und hielt auf die Terrassentür zu. Vermutlich war Theresa drinnen, weil sonst einer der anderen Wächter sie gesehen hätte! Als erstes sah ich mich unten um, entdeckte aber nur gut gelaunte Moroi mit Champagner- oder Whiskygläsern in der Hand, die mehr oder minder laut miteinander redeten. Überraschend bei diesen Gesprächen war der geschlechtliche Unterschied, den ich beim Zuhören entdeckte. Die Frauen unterhielten sich über den neusten Klatsch und Tratsch, über Mode und das beste Essen in dieser oder jener Stadt sowie neue Shoppinglocations. Bei den Männern ging es fast nur ums Geschäft und man besprach Börsen- und Aktienkurse, Investments und Anlagestrategien. Okay, Dimitri hatte Recht! Das hier ist wirklich keine Party!, dachte ich, als ich keine einzige Person tanzen sah. Nicht das die Musik dafür passend gewesen wäre, aber mit genug Alkohol im Blut hätte man auch zu diesem Geklimper abgehen können! Mein Rundgang im Erdgeschoss endete ergebnislos, weshalb ich beschloss, oben nach der Wächterin zu sehen. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was sie dort zu suchen hätte!, überlegte ich. Das Sichern der inneren Räume sollte ja den angereisten Wächtern obliegen! Ich erklomm die gläsernen Stufen zur Galerie im Wohnzimmer, drängte mich an dem einen oder anderen Paar vorbei, wich den Bediensteten aus, die fleißig weiter Häppchen und Champus verteilten, und suchte Theresa. Ich blickte flüchtig in die Räume, wo die Türen offen standen, bemerkte aber nur Moroi, die sich weiterhin unterhielten. Im hinteren Teil des Hauses war es jedoch deutlich ruhiger und nur wenige Leute hatten sich hier hin verirrt. Hier wird sie wohl nicht sein!, sagte ich mir selbst und wollte gerade per Funk durchgeben, dass ich die Wächterin nicht finden konnte, als ein leises Rumpeln meine Aufmerksamkeit erregte. Es war leise und unregelmäßig, aber verschloss ich mich dem sonstigen Lärm um mich herum, konnte ich es wahrnehmen! Vorsichtig ging ich weiter und suchte nach der Ursache. Ich identifizierte eine Tür, die jedoch geschlossen war. Ich klopfte zweimal dagegen, um nicht einfach irgendwo hineinzuplatzen, aber niemand bat mich herein. Also drückte ich die Klinke hinab. Es war eine Art Büro, das von einem großen, glattpolierten Holztisch dominiert wurde, der an einer Seite stand. Davor gab es einen Arbeitsstuhl auf Rollen und einige Regale standen mit Büchern vollgepackt an der Wand. Ansonsten war der Raum leer! Schon wollte ich wieder zurückgehen, als ich das Rumpeln erneut hörte! Ich sah mich um und entdeckte eine weitere Tür links von mir. Sie war nicht richtig zu, sodass ein kleiner Spalt Einblick in den nächsten Raum gestattete. Ich ging weiter darauf zu und spähte hindurch. Dort fand dich Theresa, aber ich hütete mich davor, nach der Wächterin zu rufen. Mein Gesicht lief rot an vor Scham, als ich realisierte, was genau ich dort beobachtete. Es war ein kleines Schlafzimmer mit einem Bett, einer Kommode und einem Stuhl, der vor dem Fußende des Bettes stand. Genau auf diesem Stuhl hockte Theresa auf allen vieren. Ihre Hose fehlte, während sie sich in ekstatischer Leidenschaft wand und versuchte, nicht von der Sitzfläche zu fallen, auf der sie hockte. Ihre Hände krallten sich unter das Holz des Stuhls, während ein Moroi-Mann hinter ihr stand, mit den Händen auf ihren Hüften. Auch seine Hose war heruntergelassen und er stieß in einem schnellen Rhythmus seinen Unterleib nach vorne gegen Theresa. Auf das satte Klatschen von nackter Haut auf nackte Haut folgte das Rumpeln des Stuhls, der unter der Belastung des Liebesspiels ächzte. Was zur Hölle..., schoss es mir durch den Kopf, unfähig den Blick davon zu nehmen. Es war mir peinlich, diesen... Akt der Nächstenliebe auszuspähen und schon wollte ich mich verlegen zurückziehen, als ich entdeckte, welcher Moroi daran teilhatte. Kalte Wut flammt ein mir auf, aber ich zügelte meine Emotionen. Nicholas Voda betrog seine Verlobte auf der eigenen Verlobungsfeier! Und diese Theresa macht mit!, dachte ich angewidert. Nicht nur, dass mir die Vorstellung missfiel, dass eine vereidigte Wächterin so etwas tat, konnte ich auch den Moroi nicht verstehen. Er hat eine bildhübsche Verlobte, was will er dann noch mit ihr?, fragte ich mich und sagte mir im selben Atemzug, dass ich es niemals begreifen würde! Für reiche Moroi galten anderen Regeln, als für eine Dhampirin wie mich! Trotzdem fand ich es treulos! Und da soll Theresa mir noch einmal etwas von Wächterpflichten und Sicherheit erzählen!, sagte ich zu mir selbst. Das Funkgerät der Wächterin lag ausgeschaltet am Boden, neben dem größten Teil ihrer Kleidung. Bei einem Angriff wäre sie also keine große Hilfe! Ich schnaubte verächtlich und zog mich dann zurück ins Büro. Ich erschrak, als ich einen anderen Mann in der Tür zum Flur entdeckte. Es war ein anderer Gast, der an mir vorbei zum Spalt starrte. Ohne ein Wort ging ich auf ihn zu, um an ihm vorbei zu schlüpfen, blieb aber dann doch noch stehen. „Dort gibt es nichts zu sehen, Sir!“, meinte ich nur. Theresa und Nicholas mochten beide Idioten sein, aber ich wollte nicht diejenige sein, welche die kommende Hochzeit ruinierte! Nein, da musste das Paar schon irgendwie alleine durch! „Sind Sie sich sicher, Wächterin? Von hier aus klingt es so, als hätte dort jemand viel Spaß!“, erwiderte der Moroi grinsend. Das Stöhnen und Rufen der beiden Vergnügten konnte man durchaus bis hier her vernehmen! „Spaß ist relativ!“, sagte ich nur kryptisch und wollte an den Moroi vorbei. Dieser trat einen Schritt zur Seite, musterte mich aber weiterhin. „Wären Sie interessiert?“, fragte er mich. „Woran?“ „Na, an so etwas!“, sprach er und nickte in Richtung des Schlafzimmers. „Es gibt andere, ruhige Orte, an denen wir uns vergnügen könnten! Es ist so langweilig hier und für Sie wäre etwas Abwechslung doch auch angenehm, oder nicht? Die ganze Zeit Wache schieben und uns beim feiern zu sehen, muss doch öde sein!“, meinte er, während mein Zorn ein neues Höchstlevel erreichte. Der Typ war dermaßen unverschämt, um mich einfach zu fragen, ob ich mit ihm schlief! „Nein, danke, Sir! Ich habe kein Interesse!“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wirklich? Auch nicht, wenn Geld im Spiel wäre?“, wollte der Moroi ungläubig wissen. Klar, wenn Geld im Spiel ist, dann nur ran an den Speck!, dachte ich spöttisch. Man, wie konnte die Welt nur so verdreht sein, wenn man dachte, das Geld das Mittel zu allem wäre! „Ich bedaure, Sir! Entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun!“, antwortete ich und ging weiter. Zum Glück beließ es der Moroi dabei, sodass ich alleine auf dem Flur erleichtert ausatmen konnte. Unwillkürlich hatte ich meine Hände zu Fäusten geballt und musste nun mit zitternden Gliedern meine verkrampften Finger von meinem Handballen lösen. Was für eine Frechheit!, sagte ich mir, ohne genau zu wissen, welche der Frechheiten ich meinte, die sich in diesem Raum dort angespielt hatten! Ich ging die Treppe hinab und überlegte angestrengt, was ich nun tun sollte. Einerseits wollte ich Theresa nicht in die Pfanne hauen, andererseits konnte ich auch einfach nicht nichts sagen! Wäre die Wächterin nicht aufzufinden, würden die anderen Wächter das Alarmlevel erhöhen und nach ihr suchen. Lange würden sie nicht brauchen, um sie zu finden, also knipste ich das Funkgerät an. „Habe Theresa gefunden! Sie... ist bei einer Gruppe Gäste im ersten Stock!“, gab ich durch. „Okay... dann scheint ja alles in Ordnung zu sein!“, meldete Bastian. „Ja, da seit es!“, bestätigte ich und ließ die Sendetaste wieder los. Mich zog es nach draußen in die warme Sonne. Vielleicht lag es an der Behaglichkeit, vielleicht aber auch an dem Wissen, dass nur wenige Moroi hier anzutreffen waren! Ich schlenderte über den Rasen und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. „Was ist los, Rose?“, vernahm ich Dmitris Stimme hinter mir und zuckte ertappt zusammen. „Nichts!“, rief ich, nachdem ich mich zu ihm umgedreht hatte. Der Wächter musterte mich mit einem prüfenden Blick, als wüsste er ganz genau, dass etwas nicht stimmte! Ich bemühte mich um eine heitere Miene und lächelt ein an. „Ich wollte nur schnell das Terrain checken!“, log ich. Dimitris Mundwinkel zuckte und ein leises Grollen entrann seiner Kehle. „Lassen Sie das!“, herrschte er mich an. „Was?“, fragte ich verblüfft. „Das Terrian zu sonderien?“ „Zu versuchen, mich anzulügen!“, erwiderte der Wächter grimmig. „Ich... weiß nicht, was ich sagen soll...“, meinte ich ehrlich. „Die Wahrheit! Schon über dem Funk habe ich gehört, dass Sie etwas belastet! Erzählen Sie mir davon!“, forderte er mich auf. Ich trat peinlich berührt von einem Fuß auf den anderen. Es zu sehen war schon unangenehm, aber von dem heimlichen Stelldichein des Verlobten mit der Wächterin zu reden, war noch viel unangenehmer! „Muss ich? Es ist alles okay, ehrlich! Nichts gefährliches oder so! Alle sind sicher!“, versuchte ich, dem Gespräch auszuweichen. Dimitri kam einen Schritt näher und beugte sich leicht zu mir vor. „Sehe ich so aus, als würde ich mir gerade Sorgen um die Sicherheit aller machen?“, fragte er mich. Ich runzelte die Stirn. „Naja, das tun Sie doch immer!“, antwortete ich. „Jetzt aber nicht! In diesem Moment gibt es nur eine Person, um die ich mich sorge und die lügt mich
an!“, stellte Dimitri fest. „Kommen Sie, Rose! Wir sind hier untere uns! Oder vertrauen Sie mir nicht mehr?“, fragte er spitz. Ich seufzte. „Gut...“, murmelte ich und berichtete stockend von dem Fund, den ich oben im Büro gemacht hatte. „Ich weiß... es war nicht richtig zufügen, aber...“, stammelte ich. „Sie wollen die beiden nicht in Schwierigkeiten bringen!“, brummte Dimitri als Antwort und ich nickte erleichtert. Dimitri verstand mich und das tat gut! „Sie haben richtig gehandelt, Rose! Es geht uns nichts an, was unsere Klienten treiben oder mit wem! Außer natürlich es schädigt die Integrität des Teams!“, erklärte er ruhig. „Naja, aber was hätte ich sonst tun sollen?“, wollte ich von ihm wissen. „Nichts! So etwas klärt man nicht, währenddessen... Aber... man sollte es auch nicht unerwähnt lassen, verstehen Sie? Eine Liebschaft während des Dienstes kann einem viel kosten und nicht nur Ihnen! Wenn man nicht in der Lage ist, seinen Pflichten nach zukommen, schwächt man sich und das gesamte Team! Im schlimmsten Fall kann das alle töten, den Klienten mit einbegriffen!“ „Und jetzt? Soll ich Theresa nachher darauf ansprechen?“, fragte ich. Dimitri schmunzelte. „Nein, ich denke, das wird nicht nötig sein, Rose! Sie sind eine Novizin und nicht dafür verantwortlich, wie das Team der Vodas oder Ivashkovs geführt wird! Ich werde... Bastian in einem ruhigen Moment davon erzählen und ihn bitten, sich der Sache anzunehmen. Ohne Ihren Namen dabei zu erwähnen, versteht sich!“ „Danke!“, stieß ich erleichtert aus und entspannte mich ein wenig. Noch immer hing mir die unangenehme Sache nach, aber nun mit der Bestätigung durch Dimitri, dass ich nichts anderes hätte tun können, und dem Versprechen, dass man sich darum kümmern würde, konnte ich damit abschließen! „Komisch ist es trotzdem! Und unnötig!“, sagte ich ehrlich. Dimitri ging an mir vorbei und bedeutet mir mit einem Wink, ihm zu folgen, Nebeneinander schritten wir her und genossen den warmen Stich der Sonne auf unserer Haut. „Die Welt steckt voller solcher komischer und unnötiger Dinge, Rose! Versuchen Sie nicht, so etwas verstehen zu wollen, ansonsten werden Sie nur wahnsinnig! Seien Sie einfach sicher, dass Sie mit Ihrer eigenen Art zu leben zufrieden sind, und alles andere kann Ihnen egal sein!“, kam es von Dimitri.
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