Vampire Academy- Kuss der Schatten

von Alvadas
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
Rosemarie "Rose" Hathaway
06.09.2020
25.10.2020
19
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06.09.2020 7.424
 
„Beeil dich, Rose! Wegen dir kommen wir zu spät!“, beschwerte sich Lissa bei mir und bedachte mich mit einem strafenden Blick. „Schon gut, ich bin doch schon fertig!“, maulte ich und warf das Handtuch zu Boden, mit dem ich mir eben erst die nassen Haare getrocknet hatte. Lissa stand bereits an der Tür von meinem Zimmer und tippte ungeduldig mit dem Fuß auf und ab. Sie sah wie immer tadellos aus mit ihrem glatten, Platin-blonden Haar, welches wie ein Schleier an ihr herabfiel. Sie hatte sich fein gemacht und trug ein seichtes, mintgrünes Kleid, welches exzellent zu ihren intensiven grünen Augen passte. Ich dagegen war froh, dass ich eine Hose und ein Shirt an hatte, welche nicht von letzter Woche waren! Normalerweise legte ich schon Wert auf mein Äußeres, aber an einem Sonntagmorgen durfte man nicht zu viel von mir erwarten! Hastig folgte ich Lissa, die schon auf dem Flur stand, und unbedingt zur Kirche wollte. „Warum genau musste ich heute unbedingt mit?“, fragte ich meine Freundin, während wir den Flur entlang hetzten. Solch eine Eile gebührte einer Moroi von Vasilisas Stand nicht, aber sie weigerte sich vehement zu spät zu einer Messe zu kommen oder gar eine auszulassen! Dass sie nun mich mitschleifen musste, passte ihr gar nicht, was ich sowohl an ihrem strengen Gesichtsausdruck als auch an ihren Gefühlen bemerkte, die durch unser emotionales Band zu mir herüberschwappten. „Weil wir uns für ein Zeit nicht sehen werden und da ist es nicht zu viel verlangt, dass du einmal früh aufstehst und dich pünktlich fertig machst, Rose!“, erklärte sie mir und brachte einen erneuten Tadel unter. „Ja, schuldigung!“, brummte ich als Antwort und lief mit gesenktem Kopf neben ihr her. Ich habe ja selbst Schuld! Schließlich habe ich diesem Wahnsinn ja zugestimmt!, erinnerte ich. Wir erreichten die Kirche noch rechtzeitig und schlüpften zwischen den massiven Holztoren hindurch, in das heilige Innere. Dort angekommen, schaute sich Vasilisa suchend um und als sie endlich fand, wonach sie Ausschau gehalten hatte, hellte sich ihr Gesicht auf. Ich konnte mir schon vorstellen, um was beziehungsweise um wen es ging... „Hey, Christian!“, rief Lissa aus und umarmte ihren Freund kurz aber intensiv, als wir bei ihm angekommen waren. Der Moroi mit den eisblauen Augen lächelte verwegen, bedeutete mit einem Klopfen auf den freien Platz an seiner Seite, dass sich Lissa zu ihm setzen sollte. „Tag!“, maulte ich der Höflichkeit halber und pflanzte mich neben Lissa auf die Bank. Christians Blick verdüsterte sich, als er mich entdeckte. „Ich dachte, es war ein Scherz, als du sagtest, dass sie heute auch kommt!“, meinte er zu Lissa. „Sie kann dich hören und hat schlechte Laune, also Vorsicht!“, erwiderte ich zischend. Es reichte ja wohl, dass man mich zu dieser gottverlassenen Zeit weckte! Da musste ich mir nicht auch noch Christians Geblöke antun! „Hört auf damit, alle beide!“, herrschte Lissa uns an und der Mund ihres Freundes schloss sich abrupt, anstatt eine zweifelsohne giftige Bemerkung auszuspucken. Die Messe begann und ich kämpfte so gleich gegen die aufkeimende Langeweile. Wäre Lissa nicht meine beste Freundin, hätte ich mir das Ganze sicherlich nicht angetan! So aber saß ich stumm neben ihr und tat so, als würde es mich interessieren, was der Pater vorne von sich gab. Gleichwohl streiften meine Gedanken zu dem ab, was mich hier nach erwarten würde und sofort wurde ich unruhig! Eine Mission nur mit mir und Dimitri!, dachte ich aufgeregt. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte unter der Menge das süße Gesicht meines heißen Mentors gesucht, aber da sich dies nicht gehörte, ließ ich es dabei, nur stumm für ihn zu schwärmen. Klar, er war älter als ich und eine Beziehung würde wohl nur in meinen kühnsten Träumen zu Stande kommen, aber durfte man nicht hoffen? Genau das war es doch, was man in diesem Gotteshaus predigte oder? Hoffnung auf ein Wunder! Ich schloss die Augen und versank ganz in meinen Gedanken an Dimitri! Wie ich war er ein Wächter, naja, genau genommen war er der Wächter und ich nur eine Novizin, aber das waren nur Details! Wir beiden würden nach dem Schulabschluss Lissa dienen und sie gegen die Strigoi beschützen. Weil ich....äh.... ein wenig des Unterrichtsstoffs verpasst hatte, war Dimitri eingesprungen, um mir in zusätzlichen Lehrstunden zu helfen, das Versäumte aufzuholen. Dabei hatte es mehr als einmal zwischen uns geknistert und so sehr wir auch versuchten, uns nicht hinreißen zu lassen, war dort etwas zwischen uns, was weit über das normale Mentor-Schülerin-Verhältnis hinausging! Nun würden wir einige Zeit miteinander verbringen und dabei konnte ich nicht nur praktische Erfahrung sammeln, sondern mich weiterhin in meinem Wunschdenken frönen, Dimitri würde allein mir gehören! Zwar erwartete ich nicht viel Aktion, das hatte mir Dimitri zu Beginn klar gemacht, aber es war besser als nichts!
Normalerweise gäbe es keine Exkursion an einem Sonntag, aber eine königliche Moroi-Familie in der Nähe von Missoula wollte ein Fest feiern und hatte um Unterstützung gebeten. Die Schule hatte reagiert und einen ihrer Besten geschickt, Dimitri! Dieser hatte gleich daran gedacht, mich mit zu nehmen, aus Lehrgründen natürlich! Doch ich hegte den vagen Verdacht, dass er mich nicht nur mitnahm, weil er mir was beibringen wollte, sondern... weil er einfach nur in meiner Nähe sein wollte! Schläfst du etwa?, dieser Ruf, zusammen mit der mentalen Ohrfeige von Lissa, schreckte mich aus meinen Gedanken hoch. Rasch öffnete ich meine Augen wieder, orientierte mich, wo ich war, und schaute stur gerade aus. Ich spürte Lissas Seitenblick, aber sie war viel zu fromm, um gleich hier in der Kirche eine Szene zu machen! Glück gehabt!, seufzte ich innerlich und lehnte mich wieder zurück, dieses mal aber darauf bedacht, wach zu bleiben. „Und wie der heilige Vladimir prophezeite, wird das Kind aus Mond und Schatten erwachen und hinabfahren auf unsre Welt, um Erlösung und Verderben gleichermaßen zu bringen! Es wird alles und doch nichts sein! Weder etwas haben, noch etwas missen! Es wird aus dem Ganzen eine Hälfte und aus zwei eines machen! Im Glanze seiner Dunkelheit wird es erleuchten und was für immer war, wird nicht mehr sein und was nicht sein kann, wird ewig währen! Nur ein reines Herz in der von Schatten geküssten Finsternis wird uns bewahren und uns auf dem Pfad des Lichtes zurück bringen!“, rief der Pater mit lauten Worten auf. Es folgte ein allgemeines: Armen! aus der Menge und selbst ich brabbelte schnell ein paar Silben hervor. „Man, Pater Andrew sollte weniger vom Messwein kosten!“, murmelte ich mehr für mich, als für jemand anderen. Trotzdem schien Lissa es gehört zu haben! „Es geht um die Prophezeiung vom Mondkind, Rose! Das hatten wir mehr als einmal im Unterricht!“, erklärte sie mir flüsternd. „Deshalb kam mir das so bekannt vor!“, meinte ich und hörte gleich darauf das amüsierte Schnauben meiner Freundin. Sie glaubte mir keine Sekunde lang, dass ich wusste, worum es in der heutigen Messe ging, und sie hatte Recht damit!
Als alles vorbei war, gingen wir hinaus, und Lissa umarmte mich vor der Kirche. „Stell bitte keinen Unsinn an, ja?“, bat sie mich eindringlich. „Hey, um mich muss man sich keine Sorgen machen! Da sieht es bei dir ganz anders aus!“, erwiderte ich und schaute an Lissa vorbei zu Christian, der hinter ihr stand und uns zusah. Mit einem stummen Blick nahm ich ihm das Versprechen ab, auf sie aufzupassen. Er nickte einmal, er hatte verstanden! „Ich werde dich vermissen, Rose!“, seufzte Vasilisa und ließ mich langsam los. „Es sind doch nur zwei Tage, Liss! Höchstens! Wahrscheinlich bin ich morgen Abend wieder hier! Du wirst kaum merken, dass ich nicht da bin!“, antwortete ich aufmunternd. „Okay...“, kam es zaghaft von Lissa und ich spürte, wie sich um mich sorgte. „Komm schon, Liss! Es ist Rose! Die wird doch mit allem fertig! Und selbst wenn nicht, ist da doch immer noch Wächter Belikov bei ihr!“, versuchte Christian seine Freundin zu beruhigen. „Das Dream-Team ist am Start!“, verkündete ich mit einem Lächeln. „Aber nur, wenn Sie sich beeilen, Rose!“, erklang eine männliche Stimme mit leicht russischem Akzent hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um und entdeckte Dimitri. Der große Wächter mit dem glatten, braunen Haar, welches ihm bis auf die Schultern fiel er und er sich wie so oft im Nacken zusammengebunden hatte, musterte mich aus seinen dunklen, braunen Augen. „Äh, ich bin schon bereit, Genosse!“, meinte ich und salutierte vor ihm. „Ihr Gepäck?“, fragte mich mein Mentor. Ich konnte mir ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen, denn auch wenn ich ein Morgenmuffel war und vor allem sonntags nicht gerne aufstand, hatte ich es bereits am Samstag geschafft, meine Sachen zu packen und es bei der Garage der Akademie deponiert. „Schon erledigt!“, kam es von mir. Dimitri quittierte meine Aussage mit einem wohlwollenden Kopfnicken, dann sah er kurz zu Lissa und Christian hinüber, bevor er sich wieder mir zuwandte. „Können wir dann?“ „Ja!“, entgegnete ich, winkte den beiden Moroi zum Abschied zu und folgte Dimitri weg von der Kirche. In der Garage schnappte ich mir meine Tasche und sah noch, wie Dimitri auf die Beifahrerseite eines silbernen Toyotas zuhielt. Ja, er lässt mich fahren!, frohlockte ich und hopste zum Auto, so aufgeregt war ich. „Ladys First!“, sagte Dimitri und hielt mir die Tür offen. Mein Gehopse stoppte jäh, als ich begriff, das Dimitri einfach nur aufmerksam sein wollte, und mir nicht das Steuer überlassen würde. Zähneknirschend setzte ich mich und wartete darauf, dass Dimitri zustieg. „Ich könnte auch fahren!“, brummte ich eine Spur beleidigt, als der Toyota aus der Garage rollte und zum Tor fuhr. „Aber wir sind doch das Dream-Team, oder nicht? Ich fahre und sie sitzen da und machen nichts! Das ist das Team aus meinen Träumen!“, sprach Dimitri und legte für meinen Geschmack ein wenig zu viel Sarkasmus in den Unterton.
„Und... was erwartet uns auf dieser Party?“, brach ich nach einiger Zeit das Schweigen zwischen Dimitri und mir. Wir hatten vor einer Stunde Missoula passiert und somit knapp die Hälfte unserer Fahrzeit absolviert! „Auf der Feier, meinen Sie?“ „Ja, sagte ich doch! Auf der Party! Was erwartet uns?“, wiederholte ich meine Frage. Dimitri schüttelte leicht den Kopf, als wäre meine Aussage inhaltlich nicht ganz richtig gewesen. „Es ist eine Feier, keine Party!“, bestand er dann darauf. Ich runzelte die Stirn. „Das sind doch zwei Namen für dieselbe Sache! Nur das Ihrer aus einem vorherigen Jahrhundert stammt!“, meinte ich und sah zu, wie sich wieder dieser Hauch eines Lächelns auf dem Gesicht des Wächters bildete. Leider war Dimitri zu gewissenhaft, um mal einen längeren Blick zu mir zu riskieren, sodass ich das Beinahme-Lächeln nur von der Seite bewundern konnte. „Vielleicht mag es in Ihrer Generation so gennant werden, Rose, aber in meiner gibt es einen generellen Unterschied zwischen Party und Feier!“, sagte er ruhig. Als ob wir nicht dieselbe Generation wären..., dachte ich mir meinen Teil. So viel älter bist du nun auch nicht, egal, wie erfahrener du auch sein magst! „Dann schießen Sie mal los, Sensei!“, forderte ich ihn auf, eine seiner berühmten Lehrreden zu halten. „Wir helfen bei der Sicherung einer Verlobungsfeier aus! Es wird sicherlich etwas lockerer zugehen, aber dieses Event dient nicht des Amüsements, sondern der gesellschaftlichen Präsentation!“, schilderte er mir seine Sicht. Ich zog nur die Augenbrauen hoch, als ich das hörte. „Amüsement? Wer zur Hölle benutzt den noch dieses Wort?“, wollte ich von ihm wissen. Dimitri seufzte leise, doch ich hörte es trotzdem. „Einen Dollar für Ihre Gedanken, Genosse!“, schmunzelte ich, bevor ich darüber nachdenken konnte, was ich da sagte. Dimitri aber nahm es mir nicht übel und warf nur einen raschen Seitenblick zu. „Glauben Sie mir, Rose, Sie wollen sicherlich nicht wissen, was ich über Sie denke!“, seufzte er schwer. „Wieso? Ist es so schlecht?“ Darauf sagte Dimitri nicht, aber das Anspannen seiner Kiefermuskulatur sagte mir, dass er gerade um seine Selbstbeherrschung rang. Eine Tatsache, die mir einen Schwarm Schmetterlinge durch meinen Bauch fliegen ließ! Er muss sich immer noch zusammenreißen, um mich nicht zu begehren!, frohlockte ich und musste unweigerlich grinsen. Aber um beim Thema zu bleiben, räusperte ich mich und drängte die nicht jugendfreien Gedanken in den hintersten Winkel meines Verstands. Naja... vielleicht nicht so weit hinten, dass man sie nicht mehr wiederfand, aber... ich müsste mich strecken, um wieder an sie heran zukommen! „Es wird also nicht ein ausgelassenes Amüsement, sondern mehr etwas... zeremonieller?“, hakte ich nach. Dimitri nickte. „Beide Teile der Verlobten gehören einer königlichen Familie an! Wir sind zu den Vodas unterwegs. Der älteste Sohn, Nicholas, hat der ältesten Tochter eines Zweigs der Ivashkovs einen Antrag gemacht, Tamara!“, erzählte mir Dimitri und ich war verblüfft, dass er bereits die Namen des zukünftigen Brautpaars kannte! „Es werden also beide Familien heute anwesend sein!“, schlussfolgerte ich daraus. „Ja, und noch eine Schar ausgesuchter Gäste, die nicht minder einflussreich sei werden! So eine Feier ist immer ein guter Anlass, um neue Beziehungen zu knüpfen!“ „Oder anzugeben!“, fügte ich hinzu. „Auch das, ja!“, musste mir Dimitri zustimmen. „Nicht zu vergessen, die vielen Angestellten, das Catering und alle anderen Moroi, die dort sein werden...“, kam es von dem Wächter und ich blinzelte mehrmals. „Wie viele Zivilisten können wir den erwarten?“, fragte ich verdutzt. Bisher hatte Dimitri immer von einer kleinen Feier geredet und nicht von einer Massenveranstaltung! Das klang aber nun deutlich anders! „So zwischen sechzig und achtzig, würde ich schätzen!“ „Was? Zwischen sechzig und achtzig Moroi? Und wir fahren dort zu zweit hin?“, ächzte ich ungläubig. Dimitri schenkte mir ein gefährliches Lächeln. „Unterschätzen Sie mich nicht, Rose! Und auch sich selbst sollten Sie nicht unter Wert verkaufen! Zusammen zählen wir bestimmt für dreieinhalb Wächter!“, meinte er und hätte ich ihn nicht besser gekannt, hätte ich geglaubt, er hätte sich gerade an einem Scherz versucht. „Was ist mit den Wächtern, die uns angefordert haben?“, fragte ich, auch wenn ich ein Gefühl bekam, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. „Sicherlich werden viele der hochrangigen Gäste ihre eigenen Wächter mitbringen, aber die Anzahl derjenigen, welche die Hauptaufgabe der Bewachung übernehmen, ist überschaubar.“ „Und das ist in Zahlen?“ „Die Vodas haben zwei Wächter, ihr Sohn einen eigenen. Dazu kommen drei Wächter von den Ivashkovs plus der, ihrer Tochter!“, zählte mir Dimitri auf und rechnete stumm mit. Sieben Wächter, mit uns neun, beziehungsweise zehn und ein halber, wenn es nach Dimitri geht!, kam ich zu dem Ergebnis. „Das ist nicht viel!“, äußerte ich mich. „Nein, nicht wirklich, aber es wird reichen!“, antwortete Dimitri seelenruhig. „Wieso?“, hakte ich nach. „Weil es das muss!“, war die schlichte Antwort darauf. Okay..., dachte ich nur und lehnte mich in meinen Sitz zurück, um diese Erkenntnis zu verdauen. Es war keine Überraschung mehr für mich, warum die Wächter nach Hilfe gefragt hatten, aber unerklärlich, wieso die Schule nur Dimitri und mich schickte! Als würden wir zwei einen Unterschied machen, wenn es um eine so große Zahl geht!, überlegte ich. Unter Wert verkaufte ich mich nicht, aber die letzte Zeit hatte mir deutlich vor Augen geführt, wie viel ich noch zu lernen hatte! Ich mochte gut sein, ja, vielleicht sogar überragend, wenn man mir das Eigenlob mal erlaubte, aber... Es konnte trotzdem verdammt schnell vorbei sein! Wieder musste ich an Spokane denken... und an Mason. Ich schloss die Augen und versuchte, die Bilder zu verdrängen, die vor meinen Augen aufblitzten. In einem Moment stand der junge, stets lustige Kerl noch in der Tür und im nächsten Moment hatte ihm der Strigoi das Genick gebrochen, als wäre es ein Zahnstocher, und ihn zur Seite geworfen. Es war alles so schnell gegangen, dass ich nicht einmal die Zeit gehabt hatte, um zu reagieren! Alles was mir geblieben war, war ihn zu rächen!, dachte ich, aber das hatte mir den Schmerz nicht erträglicher gemacht! Unbewusst griff ich mir in den Nacken, wo die beiden frischen Molnija-Tätowierungen meinen Nacken zierten. Ich wusste nicht, ob es schon einmal vorgekommen war, dass ein Novize diese wie ein Kreuz aus Blitzen aussehenden Zeichen vor seiner eigentlichen Ernennung zum Wächter erhalten halte. Falls doch, waren es bestimmt nicht viele! „Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Rose?“, fragte Dimitri mich sanft und ich musste mehrmals blinzeln, als ich meine Augen wieder öffnete. „Ja... und nein...“, erwiderte ich kryptisch, hatte aber das unbestimmte Gefühl, dass Dimitri mich verstand. Dort war etwas zwischen uns, etwas, das man nicht in Worte oder Schubladen fassen konnte! Es war mehr als die reine Beziehung, die wir haben sollten, und selbst mehr als die romantischen Schwärmereien, die wir füreinander hegen mochten! Es war so, als kannten wir einen Teil des anderen besser als dieser selbst! „Ich kann ihnen nicht versprechen, dass es leichter wird mit der Zeit, aber es es wird erträglicher! Nicht viel, aber immerhin ein wenig!“, sprach er. Ich nickte nur. Noch immer fiel es mir schwer, über Masons Tod zu sprechen. Noch immer plagten mich so manche Nacht Albträume und ich machte mir Vorwürfe, dass ich anders hätte handeln, besser hätte sein müssen, um diese Tragödie zu verhindern. Das Perverse daran war, dass meine Mutter, die berühmte Wächterin Janine Hathaway, einmal von einer ähnlichen Situation berichtet hatte und ich ihr vor versammelter Klasse die Fehler ihres Vorgehens aufzeigen hatte wollen. Damals hatte sie gesagt, dass es da draußen nun einmal anders zuginge, als im Klassenraum! An diesem Tag hatte ich es als ein Versuch der Ausrede interpretiert und belächelt, nun aber wusste ich, was sie damit gemeint hatte! Das Schwerste an der Tatsache, dass die Theorie aus meinen Kursen mit der harten Realität kollidiert war, war, dass ich in den ruhigen Momenten meines Lebens darauf zurücksah und mir jeden Fehlers bewusst wurde, den ich getan hatte. Und es waren eine ganze Menge gewesen! Sie alle sagten zu mir, dass ich vorbildlich gehandelt hätte!, erinnerte ich mich an den Zuspruch meiner Freunde und der anderen Wächter. Aber im Endeffekt habe ich nichts anders gemacht, als zu überleben und aus Wut zwei Strigoi zu töten! In meinen Augen hatte das nichts mit der Arbeit eines Wächters zu tun! Ich schielte zu Dimitri hinüber und für einen kurzen Moment stellte ich mir vor, wie es wohl gewesen wäre, wenn er an meiner Stelle in diesem Keller in Spokane festgehalten worden wäre. Ihm wäre sicherlich etwas eingefallen, wie er alle lebend dort rausgeholt hätte!, dachte ich und wusste es aber sofort besser. Einem Wächter wie Dimitri Belikov wäre ein so grober Schnitzer wie die Entführung durch eine Gruppe Menschen nicht passiert! So etwas geschah nur Anfängern, Amateuren, Novizen! „Also gut! Schluss mit diesen trübsinnigen Gedanken!“, hörte ich Dimitri neben mir reden. „Das Haus, zu dem wir unterwegs sind, ist eine Art Showroom. Können Sie
sich etwas unter diesem Begriff vorstellen?“, fragte er mich. Ich nahm mir die Zeit, gründlich darüber nachzudenken, bevor ich antwortete. „Ist damit ein Haus gemeint, welches nicht ganzjährig oder saisonal bewohnt wird, sondern nur gewissen Anlässen vorbehalten ist?“, fragte ich und Dimitri nickte anerkennend. „Vollkommen richtig! Dieses Haus wird kaum bewohnt, ich bin mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt genug Schlafzimmer für die ganze Familie Voda besitzt! Dafür wird es sicherlich einen großzügigen Saal und viele andere Attraktionen geben, welche den Gästen gefallen werden“, meinte er. Ich ächzte, denn ich verstand, worauf er hinaus wollte. „Das bedeutet, dass es für uns nicht einfach sein wird, alles im Auge zu behalten, oder?“ „Nicht so leicht, wie wir es gerne hätten!“, stimmte mir Dimitri zu und auch aus seiner Stimme vernahm ich einen Spur Verdruss. „Also, Rose, wie würden Sie vorgehen, wenn Sie so ein Gelände bei so einem Anlass zu sichern hätten?“, stellte Dimitri mich auf die Probe. Wieder überlegte ich erst, bevor ich antwortete. „Zu erst würde ich mir die Gegebenheiten des Geländes einprägen... Liegt das Haus an einen See oder in einem Wald? Wie viele Zufahrten gibt es? Ist es von einem Zaun umschlossen, wenn ja, wie sicher ist dieser? Gibt es andere Schutzeinrichtungen? Vielleicht Zauber, Kameras, Sensoren? Oder muss alles von Wächtern kontrolliert werden?“, sprach ich meine Gedanken laut aus. „Sehr gut? Fahren Sie fort!“, lobte mich Dimitri, was mir einen wolligen Schauer durch meine Adern jagte. Selbst die düstere Kälte meiner Gedanken, die ich eben noch gehegt hatte, verschwand für einen Augenblick dadurch! „Wichtig ist zu wissen, wo die Hauptaufenthaltsplätze sein werden! Dort muss mindestens ein Wächter, besser sogar zwei postiert werden! Danach würde ich eine doppelte Sicherheitszone einrichten, die recht simpel gestrickt ist! Die eine Zone konzentriert sich darauf, niemanden hinein zu lassen, die andere darauf, dass niemand den Schutz verlässt!“, spann ich den Faden weiter. „Worauf muss Ihr Hauptaugenmerk liegen?“, fragte mich Dimitri. „Kommt drauf an... Bei dieser Menge an Schützlingen würde ich eher darauf achten, dass alle da bleiben, wo sie sicher sind, aber... Sie sagten etwas davon, dass einige Gäste ihre eigenen Wächter mitbringen werden! Das bedeutet Unterstützung für uns, auch wenn nur beschränkt!“, überlegte ich laut. „Erklären Sie mir das genauer! Was meinen Sie mit beschränkt?“ „Na, bei großen Institutionen wie dem Königshof oder auf der Akademie, gibt es bereits ein gewisses Sicherheitssystem! Ankommende Wächter müssen sich dort nur einfügen! Oft es das sogar gar nicht nötig, sodass sie Zeit für etwas anderes haben! Aber bei dieser Party... ich meinte Feier, wird das nicht gehen! Niemand kann sagen, wann einer der Gäste gehen wird und geht er, geht auch sein Wächter! Ich kann sie also nicht komplett in mein Sicherheitssystem einbinden!“ „Vollkommen richtig! Nur weiter so!“, überschwemmte mich Dimitri mit seinem Lob. Normalerweise war er damit recht sparsam, sodass ich nicht anders konnte, als dümmlich zu grinsen und mit hochrotem Gesicht da zu sitzen. „Wie Sie es bereits sagten: Das Standardvorgehen für so ein Event würde vorsehen, die Gäste im Auge zu behalten, aber bei dem schlechten Wächter/Moroi-Verhältnis ist das nicht zu schaffen! Deshalb konzentriert sich das Hauptsicherheitsteam darauf, das Gelände abzusichern. Diejenigen Wächter, die mit ihren Dienstherren angereist sind, werden natürlich auch mit diesen wieder gehen, aber bis dahin werden sie ein Auge auf diese und die anderen Moroi haben!“, erklärte er mir und führte gleich meine Gedanken weiter aus. „Es wird nicht einfach werden, oder?“, fragte ich, als ich mir den schieren Arbeitsaufwand versuchte vorzustellen, der auf so eine kleine Gruppe an Wächtern zukommen würde. „Nein, aber leicht ist nur selten etwas an diesem Job, nicht wahr?“ Ich nickte. Nein, fast nichts ist leicht daran, ein Wächter zu sein!, musste ich ihm still zustimmen. Nach diesem Gespräch dauerte es nicht mehr lange und Dimitri nahm eine Ausfahrt, die uns über ein paar gewundene Routen zu einer Einfahrt führte. Erst war ich überrascht, als ich ein massives Eisentor entdeckte, welches zwischen zwei Steinsäulen hing, musste dann aber feststellen, dass dieses Tor lediglich zum Schein aufgestellt worden war. Ja, man musste es öffnen, um mit dem Wagen den kiesigen Weg hinaufzufahren, aber seitlich der Steinsäulen gab es nur eine dichte, kaum mannshohe Hecke, welche das Gelände sicherte. Das ist nichts, was einen Strigoi abhalten würde!, schätzte ich die Lage ein. Das Tor stand bereits offen und es wunderte mich nicht, dass auch keine Wache hier stand. Ich sah schräg aus dem Fenster, hinauf zum Himmel. Noch war es dunkel, aber nicht mehr bald und das erste Rot des nahenden Tages würde sich offenbaren! Dimitri lotste den Toyota bis zum Haus, was wie zu erwarten sehr schnittig aussah. Es war am Rande eines kleinen Laubwaldes errichtet worden und fügte sich mit dem hölzernen Unterbau, der weiß gekalkten Fassade und dem rötlich braunen Ziegeln wunderbar in die Idylle ein. Auf mich machte es den Eindruck eines Ferienhauses und wenn ich richtig verstanden hatte, was Dimitri gesagt hatte, dann war es auch nicht viel mehr als das! Vor dem Haus gab es einen lang gezogenen Garten, der einmal um das Haus zu führen schien. Auch hier gab es weit und breit keinen Zaun oder gar eine Mauer! Dimitri stellte unser Auto in eine Reihe weiterer Fahrzeuge ab, die rechts vom Haus geparkt waren. Als der Motor verstummte, machte er aber keine Anstalten, die Tür zu öffnen, sondern blickte mich an. In Erwartung einer weiteren Predigt blieb ich ebenfalls noch sitzen. Umso verblüffter war ich, als er auf einmal in die Tasche seines langen Mantels griff und einen silbernen Pflock herausholte. „Hier! Der ist für Sie!“, meinte er nur und reichte ihn mir mit dem Griff voran. „Wirklich?“, fragte ich ungläubig, meine Hand schwebte unschlüssig wenige Millimeter über dem Pflock. Selbst aus dieser Entfernung bildete ich mir ein, bereits das kühle Metall auf meiner Haut spüren zu können. Ein leichtes, erwartungsvolles Kribbeln lief durch meine Fingerspitzen meinen Arm hinauf. „Natürlich! Dies ist in erster Linie ein richtiger Auftrag und keine reine Lehrmaßnahme! Sollte etwas passieren und ich hoffe, das wird es nicht, müssen Sie vorbereitet sein!“ Ich musste ihn einfach anstarren, wie er dort so saß und mit mir redete! Er wirkte vollkommen gelassen, aber seine Worte passten nicht zu seiner Stimmung! Sollte etwas passieren..., ging ich seine Aussage noch einmal durch. Ich wusste genau, was er damit meinte! Die Bilder der toten Bedicas drängten sich mir wieder auf, aber ich schnitt sie ab, indem ich den Pflock ergriff und an mich nahm. „Danke!“, antwortete ich, denn ich wusste diesen Vertrauensbeweis durchaus zu schätzen! „Stellen... stellen Sie einfach nichts unüberlegtes an, ja?“, kam dann doch noch die Predigt von meinem Mentor. Es kostete mich einiges an Überwindung nicht einfach mit den Augen zu rollen. Als würde es jedes Mal in einem Fiasko enden, wenn man mich aus meinem Zimmer ließe!, dachte ich. In mindestens der Hälfte der Fälle ist doch immer alles gut gelaufen! Nun stiegen wir gemeinsam aus, holten unsere Taschen aus dem Kofferraum und gingen zur Eingangstür des Hauses. Der Geruch von frisch gemähtem Gras ereilte mich und ich genoss ihn, solange ich konnte! Wahrscheinlich hatte man den Rasen erst vor kurzem so flach gemäht, während er die meiste Zeit sonst wachsen konnte, wie er es wollte! Dimitri und ich hielten auf die Tür zu, die einen altmodischen Klopfring aus Gusseisen besaß. Wir mussten nicht einmal anklopfen, denn ehe wir die Tür erreicht hatten, öffnete sich diese auch schon für uns. „Ah, da seid ihr ja endlich! Schön, dass ihr gekommen seid!“, begrüßte uns ein älterer Wächter. Er trug bereits die Ausgeh-Uniform, bestehend aus einem schicken, weißen Hemd und dem dazu passenden, schwarzen Anzug. Er lächelte uns milde an und breitete die Arme aus, als Dimitri vor trat. Wird das jetzt eine Umarmung?, wunderte ich mich erstaunt, denn Dimitri war kein Fan solcher großen Sympathiebekundungen, schon gar nicht im Dienst! Aber sie umarmten sich nicht, sondern Dimitri reichte dem Ann seine Hand, der diese mit beiden Armen ergriff. „Bastian! Lange nicht mehr gesehen!“, sagte Dimitri und der Mann lachte auf. „Lange? Es müssen mindestens zehn Jahre vergangen sein! Das letzte Mal, als ich dich sah, hattest du gerade deine Prüfung absolviert!“ Ich horchte auf. Es hörte sich so an, als kannten sich die beiden Herren länger! Ich musterte unseren Gastgeber eingängig. Er war um die Fünfzig Jahre, hatte sich aber dafür noch gut gehalten! Seine kurzen grauen Haare wirkten noch kräftig und waren leicht nach oben gegelt. Seine blauen Augen schauten wach aus seinem kantigen Gesicht. Weiße, feine Narben an seiner Nase verkündeten davon, dass dieser Wächter bereits den einen oder anderen Kampf hinter sich gebracht hatte! „Und wen hast du uns da mit gebracht, Dimitri?“, fragte der Wächter namens Bastian und schaute neugierig an Dimitri vorbei zu mir. „Das ist Rose Hathaway! Meine beste Schülerin!“, stellte mich Dimitri mit einem Schmunzeln vor. Meine Brust schwoll an vor Stolz, als ich das hörte und ich schüttelte dem älteren Herren die Hand. „Oh, Hathaway! Doch nicht etwa die Tochter von Janine?“ Mein Stolz verblasste zusehends bei der Erwähnung meiner Mutter. „Ja, Rose Hathaway! Es freut mich, Sie kennen zu lernen!“,
erwiderte ich mit einem gezwungenen Lächeln. „Die Freude ist ganz meinerseits, Rose! Ich bin Bastian Savanne! Ich habe mal mit deiner Mutter zusammen gearbeitet!“, meinte er und lachte wieder freudig auf. „Man, ehrlich... Bis zu diesem Tag hatte ich es nie für möglich gehalten, dass so eine kleine Person so viel Wumms haben kann!“ „Ja... das... höre ich öfters!“, sagte ich nur. Bastian nickte gedankenverloren, dann aber hellte sich seine Miene wieder auf. „Aber genug davon! Lasst uns reingehen und uns über den Haufen Arbeit unterhalten, der auf uns wartet!“ „Yuhu...“, murmelte ich leise und folgte den beiden Männern hinein. Das Haus war von innen modisch und sehr schick eingerichtet. Der weite Flur war komplett weiß und besaß nur hier und da ein kleines Accessoire in Form eines Sideboards oder eines Spiegels. Links führte eine Wendeltreppe hinter einer Glasfront ins nächste Stockwerk, während wir zu dritt durch eine breite Öffnung ohne Tür schritten. Dahinter gab es ein weites Wohnzimmer, welches sich über beide Etagen zog. Unten war es ein einziger, großer Raum, in dessen Mitte eine Sofagarnitur stand. An der Wand hing ein protziger Flatscreen-Fernseher und in der Ecke befand sich eine teuer aussehende HiFi-Anlage. Vom Wohnzimmer aus konnte man durch eine breite Terrassentür hinaus in den Garten treten oder aber über eine weitere Wendeltreppe auf die Galerie hinaufgehen, von der aus man den gesamten Raum überblicken konnte. Eine weitere Tür brachte uns in einen angrenzenden, kurzen Flur. Ich sah mich aufmerksam um und versuchte mir den Grundriss des Gebäudes einzuprägen, so wie Dimitri es mir beigebracht hatte. Das muss eine Küche sein!, vermutete ich, als wir an einer offenen Tür vorbeikamen. Ob man dort wirklich kochen konnte, bezweifelte ich, denn es fehlte an den nötigen Einrichtungen! Lediglich eine Spüle war hinter einem blechernen Tresen eingebaut, der wie aus einer Bar aussah. Ich schätzte, dass man sich hier amüsieren und etwas trinken konnte! Vielleicht würde auch ein Teil des Cateringservice hier stattfinden! Unterdessen waren Bastian und Dimitri weiter gegangen und ich bemühte mich, wieder aufzuschließen. Am Ende fanden wir uns in einem kleineren Raum wieder, der etwas weniger teuer eingerichtet war, als der Rest des Hauses. Das Gewusel an Angestellten und Dienstleistern, die dabei waren, als für die Feier herzurichten, war beeindruckend! Ich sah mehrere Moroi in Kellneruniform und einige Köche, die für das leibliche Wohl der Feiernden verantwortlich waren. „Hier ist der Backstage-Bereich des Hauses und den Angestellten vorbehalten!“, schilderte Bastian und zeigte auf die verschiedenen Türen. „Hier gibt es das Essen, die Drinks für die Bedienungen zum Ausschenken, hier könnt ihr euch ausruhen und umziehen!“, sagte er und nickte dann zur letzten Tür. „Dort ist unser Meetingroom!“, erklärte er und schritt schon durch die Tür. Wir wurden bereits von sechs weiteren Wächtern erwartet, die es sich um einen Tisch bequem gemacht hatten. Einige von ihnen saßen auf Hockern, andere lehnten an den Wänden oder an den Fenstern. Manche hielten Gläser oder einen Teller mit etwas Essbarem, aber sie alle schauten zu uns auf, als wir hereinkamen. „Hey, Leute! Die Verstärkung ist da!“, rief Bastian aus und präsentierte Dimitri und mich. Ich sah mir die einzelnen Wächter der Reihe nach an, die uns knapp zu nickten. Vermutlich kannte Dimitri die meisten, wenn nicht sogar alle von ihnen! Er verfiel in seinen Profi-Modus, wie ich ihn immer gerne nannte. Dort war er immer etwas wortkarg, gab nur knappe Anweisungen und konzentrierte sich eher auf den Informationsgehalt, als an die Nettigkeit seiner Worte! Es waren vier Männer und zwei Frauen anwesend, welche die gesammelte Mannschaft der beiden Familien Voda und Ivashkov darstellten. Mit Dimitri und mir waren wir nun zu neunt! „Wächter Belikov muss ich wohl nicht vorstellen...“, begann Bastian und wies auf meinen Mentor, dann zeigte er auf mich. „Und das hier ist Rose Hathaway, seine beste Schülerin!“ Es freute mich, dass er das Lob von Dimitri weiterreichte und es kostete einiges an Überwindung, nicht schon wieder dümmlich grinsend aus der Wäsche zu gucken. Stattdessen eiferte ich Dimitri nach, hielt die Hände nahe am Körper und nickte den Anwesenden nur knapp zu. „Hathaway? Wie Janine Hathaway?“, fragte ein Mann rechts von mir auf einem Hocker. „Das ist meine Mum!“, erwiderte ich ruhig, auch wenn es mich grämte, dass man mich immer über meine Mutter definieren musste. „Und du bist die beste Schülerin von Wächter Belikov?“, wollte eine der beiden Frauen wissen. Sie hatte sich das Haar kurz geschnitten, sodass nur noch ein schwarzer Flaum auf ihrer Haut zu sehen war, was ihr aber sehr gut stand! Sie musterte mich aus ihren lindgrünen Augen. Ich zuckte nur mit den Schultern. „Das sagte er zu mindestens!“, gab ich zurück, ohne gleich überheblich zu wirken. „Das kommt sicherlich, weil sie seine einzige Schülerin ist, oder?“, lachte ein anderer Mann auf, der an der Wand hinter mir lehnte. Ich öffnete schon den Mund, um etwas zu entgegen, bis mir einfiel, dass er Recht hatte. Verdammt... ich bin wirklich seine einzige Schülerin!, stellte ich fest, was das Kompliment von Dimitri deutlich relativierte! Es war nicht schwer, die Beste zu sein, wenn die Konkurrenz fehlte! Ich schloss meinen Mund wieder, ohne etwas gesagt zu haben, was für allgemeine Erheiterung sorgte. Selbst Dimitri blickte schmunzelnd zu mir. Es war Bastian, der die Arme hob und wieder für Ruhe sorgte. „Kommt schon! Seid nicht so unfair! Ihr wisst doch alle noch, wie es war, als wir noch jung waren!“, sprach er und zwinkerte mir aufmerksam zu. Dankbar schaute ich zurück. „Nun gut! Widmenden wir uns unserer Aufgabe!“, verkündete der ältere Wächter und trat an den Tisch. Erst jetzt bemerkte ich den Grundriss, der dort in Papierform lag und das Haus samt Gelände darstellte. Bei der Einsatzbesprechung hielt ich mich zurück und beobachtete lediglich, wie sich die erfahrenen Wächter verhielten. Es zeigte sich, dass Bastian ein beachtenswerter Taktiker war und die Lage voll im Griff hatte! „Wir werden mobile Überwachungskameras anbringen! Hier, hier und hier!“, erklärte er und tippte auf die entsprechenden Punkte auf der Karte. „Zwei von uns werden mit Tablets darauf zugreifen können und so die Gegend im Auge behalten!“ Nun stieg Dimitri mit ein und es war bewundernswert, was für eine Autorität er ausstrahlte! Er gehörte bei weitem nicht zu den ältesten der anwesenden Wächter und doch hörte ihm jeder zu, als wäre er hier der Chef! „Wir bilden drei Teams, von denen zwei jeweils einen der Tabletträger bekommen! Team eins bewacht die Front mitsamt Einfahrt und die Ostseite. Team zwei Nord- und Westseite! Team drei patrouilliert zwischen Garten und Haus hin und her und sorgt für etwas Bewegung zwischen den einzelnen Teams!“, wies er an. „Damit uns nicht langweilig wird!“, fügte Bastian lachend hinzu. Dann wurden die entsprechenden Teams aufgeteilt. Bei neun Wächtern kam jedes Team auf drei Mitglieder! Leider kam ich nicht mit Dimitri in ein Team, der die Leitung von Team zwei übernahm, sondern wurde in das dritte Team gesteckt. Zusammen mit der Frau von eben, Theresa, und einem Mann namens Dylan würde ich zusammenarbeiten!
„Nun, wer sich noch nicht umgezogen hat, sollte das jetzt tun! Checkt eure Ausrüstung und achtet auf den Funk, verstanden? ich will regelmäßige Statusberichte hören!“, schärfte uns Bastian ein und alle nickten und bejahten dies. Die Versammlung löste sich auf und ich folgte Dimitri nach neben an, wo wir uns umziehen konnten. Dort gab es zwei schmale Schlafzimmer, die für die übernachtenden Wächter gedacht waren. Ich schlüpfte in das eine und wechselte mein Schuloutfit gegen die weiße Bluse und den schwarzen Anzug, die ich mitgebracht hatte. Ehrfürchtig schaute ich in den kleinen Spiegel und betrachtete mich darin. Ich musste sagen, dass mir diese Uniform gut stand, auch wenn es für meinen Geschmack etwas zu förmlich war! „Bereit, Rose?“, erklang Dimitris Stimme durch die Tür und ich schreckte hoch. „Ja! ich komme!“, rief ich zurück und trat hinaus auf den Flur. Selbst Dimitri hatte sich umgezogen und auf seinen langen Ledermantel verzichtet, in dem er wie ein Cowboy aussah! Auch ihm stand der schwarze Anzug ausgesprochen gut und ich brauchte einen Moment, bis ich wieder zu Atem kam, als ich ihn so sah! Zum Glück war ich nicht die einzige, die geschockt war, denn auch Dimitri musste schlucken, während sein Blick auf mir ruhte. Wie so oft hatte ich mir mein seidiges, langes Haar hochgesteckt, sodass man meinen Hals mitsamt Nacken sehen konnte. „Sie sehen gut aus!“, flüsterte er, als hätte er Angst, die Worte laut auszusprechen. „Danke... Sie auch!“, erwiderte ich verlegen. Dimitri kam zu mir herüber. Seine Hände glitten wie von selbst zu meiner Anzugjacke und rückte sie minimal zurecht. Ich glaubte, dass er es getan hatte, um mich einfach berühren zu können, selbst wenn es nur meine Kleidung war. Dann reichte er mir einen schwarzen Kasten mit einem Ohrstecker daran, welcher das Funkgerät war. „Hier!“, meinte er. „Danke!“, erwiderte ich und versuchte, mir das Funkgerät anzustecken. Dimitri trug seines bereits, auch wenn der Ohrstöpsel noch lose an seinem Hals baumelte. Als Erstes zog ich das Kabel an der Innenseite meiner Jacke hoch und legte den Stöpsel wie er über den Kragen. Dann bemühte ich mich, das eigentliche Funkgerät hinten an meinem Gürtel zu befestigen. „Warten Sie... ich helfe Ihnen!“, kam Dimitri noch ein Stück näher und plötzlich lag seine Hand auf meiner. Ich musste den Atem anhalten, als der schwache Geruch seines Rasierwassers mich erreichte. Verstohlen sog ich den Duft ein und füllte damit meine Lungen, während ich es zuließ, dass er mir das Funkgerät abnahm und es an meinen Gürtel steckte. Natürlich war Dimitri zu beherrscht, um diese Situation auszunutzen, aber ich spürte seine stoßweise Atmung, die mir verriet, dass er wenigstens mit dem Gedanken zu kämpfen hatte, meinen Po zu berühren. Das verbuche ich mal als einen Sieg!, dachte ich und als Dimitri wieder zurücktrat, war ich in wenig enttäuscht darüber, dass er es bereits so schnell geschaffte, mir zu helfen. „Danke!“, wiederholte ich. „Gern geschehen!“, gab Dimitri zurück und wir sahen uns beide in die Augen, ohne etwas zu sagen. „Wir... wir sollten jetzt gehen! Es gibt viel zu tun!“, beendete Dimitri unseren Moment und schweren Herzens nickte ich. Du bist nicht hier, um zu schmachten, sondern weil es einen Auftrag gibt!, rief ich mir ins Gedächtnis und schaltete auf Arbeitsmodus um. Wir gingen zurück in den Raum mit dem Tisch und stellten uns zu unseren Teamkameraden. „Jeder weiß, was er zu tun hat?“, fragte Bastian noch einmal in die Runde. Ich nickte, wie der Rest der Wächter. „Dann los! Es bleiben noch knapp zwei Stunden, bevor die Party steigt!“, meinte der ältere Wächter. Bei der Erwähnung des Begriffs Party musste ich einfach zu Dimitri schauen und ihn angrinsen. Er begegnete meinem Blick mit einer stoischen Miene, als wüsste er nicht, worum es ging. Aber hinter seiner Fassade aus professioneller Gelassenheit sah ich einen kurzen Wink von Humor aufflackern! Das werde ich ihm bei Gelegenheit noch aufs Brot schmieren!, dachte ich mir, in der Erwartung, dass Dimitri dieses bereits kommen sah. Nun aber musste ich mich auf die Aufgabe konzentrieren! Das Gelände rund um das Haus war groß und nicht gerade übersichtlich! Jedes der drei Teams hatte eine Handvoll Überwachungskameras erhalten, die angebracht und eingestellt werden mussten! Da ich mit meinem Team keinen speziellen Außenbereich zugewiesen bekommen hatten, gingen wir einfach herum und sahen uns nach den besten Positionen der Kameras um. „Wie wäre es dort?“, fragte ich, nachdem ich hinaus in den Garten gegangen war. Wir hatten uns nach Norden orientiert, wo der Wald hinter dem Haus begann. Man konnte sehen, dass die Wildnis von Montana nur schwer im Schach zu halten war! Natürlich war auch hier der Rasen gemäht, aber viele der Büsche und kleinen Sträucher schienen nicht zum eigentlichen Flair der Begrünung zu gehören und waren vermutlich wild gewachsen! Ich ging weiter auf die Stelle zu, wo ich die erste Kamera anbringen wollte. Es war eine junge Birke, die alleine dort stand, der erste Vorbote des nahenden Waldes. Ich wog die Kamera abschätzend in der einen Hand, während ich die Birke betrachtete. Das Problem, welches ich hatte, war zu entscheiden, ob ich eher die Außenansicht des Waldes oder doch eher einen Blick auf den Garten haben wollte! Ich drehte mich um und sah zurück zu Haus. Es war bestimmt zehn bis zwölf Meter entfernt, während der Wald bereits in fünf Metern begann! Ein Blick auf den Garten ist wohl sinnvoller!, erachtete ich und klemmte die Kamera mithilfe zweier Kabelbinder an den Stamm der Birke fest, sodass sie nach innen, zum Gelände der Vodas hinwies. „Dann erzähl mal, Rose... Wie ist es so, die Schülerin von Belikov zu sein?“, fragte mich Theresa, nachdem ich zu ihr zurückgekehrt war. Zusammen mit Dylan schlenderten wir weiter und suchten die nächste Stelle. „Ziemlich in Ordnung!“, schätzte ich ab. Die Wächterin hob fragend eine Augenbraue an. Sie wirkte noch recht jung auf mich, auch wenn dieser Eindruck sicher täuschte! Vermutlich war sie in Dimitris Alter, auf jeden Fall nicht allzu weit entfernt davon! „Naja... er ist ein erfahrener Wächter und auch ein guter Lehrer! Ich kann mich glücklich schätzen, ihn als Mentor zu haben, da er mir eine Menge beibringt!“, führte ich meine Antwort aus. „Aber...?“, stellte Theresa die entscheidende Frage. „Nichts aber... Hmm... gut... manchmal, da ist er etwas... streng... aber naja... es ist kein leichter Job, oder?“, stammelte ich vor mir her, in der Absicht, sowohl Dimitris Ruf zu wahren, als auch bei der Wahrheit zu bleiben. „Nur wenn man von den Besten lernt, kann man zu einem von ihnen werden!“, kam es brummend von Dylan, der gerade eine weitere Kamera anbrachte. „Ich kann nur nicht verstehen, warum er dich mitgebracht hat! Das hier kann schnell sehr böse werden! Da möchte ich ungern eine unerfahrene Novizin in meinem Rücken haben!“, sprach Theresa ihre Sorgen freimütig aus. Ich zuckte zusammen, aber biss mir noch rechtzeitig auf die Zunge, bevor böse Worte über meine Lippen kommen konnten. Bleib ruhig, Rose!, redete ich mir ein. Sie will dich sicherlich nur provozieren! „Du musst dir keine Sorgen machen! Sollte es böse werden, findest du mich sicherlich vor dir, im Kampf mit den Strigoi!“, erwiderte ich schnippisch und bemühte mich um denselben ruhigen Ton, den Dimitri gerne an den Tag legte. „Ach, meinst du?“, wollte Theresa wissen, während Dylan leise kicherte. „Lass sie in Ruhe, Theresa! Lieber habe ich eine Novizin bei mir, als niemanden!“, sagte der Mann mit den kurzen, braunen Haaren. Ihm sah man sein Alter an, welches knapp unter den Vierzigern sein musste! Anders als Theresa, die mich bei jeder meiner Bewegungen kritisch beobachtete, als warte sie nur auf einen Fehler von mir, kontrollierte er die Umgebung nach den besten Plätzen für die Kameras. Sein Gang war locker, aber ich bemerkte, wie er seine Fußsohlen immer mit einem kleinen Tasten absetzte, als wollte er sich der Festigkeit seines Untergrunds vergewissern. Dylan bemerkte, wie ich ihn dabei anstarrte, und wandte sich mit einem schwachen Lächeln zu mir um. „Du musst entschuldigen!“, begann er und kratzte sich am Hinterkopf. „Ich habe mal in einem Kampf das Gleichgewicht verloren und wäre beinahe drauf gegangen! Da habe ich mir angewöhnt, immer etwas vorsichtiger aufzutreten!“, erklärte er. „Oh, das muss ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein!“, ahnte ich und der ältere Mann nickte. „Ja, kann man wohl sagen! Ich war damals erst wenige Wochen Wächter, hatte die Ernennungszeremonie gerade hinter mich gebracht, als ich zu einem Einsatz geschickt wurde. Ich habe viel hoch oben in Alaska gearbeitet und dort einen Club beschützt, in dem Moroi gerne abstiegen! Einige Strigoi hatten sich in den Club eingeschlichen und zwei Moroi entführt, die wir verfolgten! Ich entfernte mich von den üblichen Straßen und wollte einen der Strigois von hinten überrumpeln, trat dabei aber auf eine dünne Schicht Eis über einem Loch. Bis zum Knie bin ich eingebrochen und habe mir den Knöchel verstaucht! Der Strigoi hörte mein Gejammer und hätte mich fast getötet, wenn ein Kollege von mir ihn nicht aufgehalten hätte!“, schilderte er seine Geschichte. „Krass!“, kommentierte ich wirklich berührt. „Ja, so ist das Leben! Manchmal hat man einfach nur Glück! Aber wenn du einen Rat von mir willst: Ob Glück oder nicht, lerne daraus, wenn du kannst!“ Ich nickte dankbar. „Den Rat werde ich mir merken, danke!“ „Haben wir nun genug gelehrt? Oder wollt ihr noch die eine oder andere Lektion
durchgehen?“, fragte Theresa genervt. „Es gibt noch ein paar Kameras zu verteilen und Routen zu planen!“ Dylan zuckte mit den Schultern und folgte der giftigen Wächterin, was ich ihm gleich tat. Eine halbe Stunde später hatten wir alle Kameras positioniert und eingestellt. Da wir kein Tablet hatten, konnten wir die Bilder nicht überprüfen, aber Dimitri sagte mir über Funk, dass alle Kameras gut aufgestellt worden seien. Den Rest der Zeit marschierte ich durchs Haus und den Garten, um mir meine späteren Routen einzuprägen. Überall wurden die letzten Vorbereitungen getroffen und viele Moroi waren unterwegs, um innen alles herzurichten oder außen im Garten riesige Sonnensegel aufzuspannen. Man erwartete wohl, dass die Feier bis spät in den Sonnenaufgang gehen würde! Aber sollte es so sein, wäre mir das Recht!, überlegte ich. Schien die Sonne, waren die Moroi am sichersten, denn die Strigoi konnten den warmen Strahlen nicht standhalten!