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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
3
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Dieses Kapitel
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04.10.2020 3.351
 
Hallo ihr Lieben,


heute habe ich Kapitel 9 für euch im Gepäck. Ich arbeite im Moment an Kapitel 24, sodass ich mittlerweile genug vorgearbeitet habe, dass ich euch ab sofort drei Kapitel pro Woche hochladen kann.

Aus diesem Grund hat sich mein Upload-Plan ein wenig verändert. Ich werde ab sofort sonntags, mittwochs und freitags ein Kapitel posten. :-)

Ich wünsche euch jetzt viel Spaß mit dem neuen Kapitel und noch einen schönen Sonntag.

Liebe Grüße

eure Anja

_______________________________________


Kapitel 9: Betrunkene Geständnisse


Natalie scheint nicht die Finger von mir lassen zu können. Wir liefern für alle um uns herum eine ziemliche Show ab.

Sie reibt sich hart an mir, zwar nicht zu hart (sie will nicht, dass die anderen denken, sie wäre leicht zu haben), aber hart genug, dass ich merke, dass sie wahrscheinlich will, dass ich sie später ficke.

So wie die Dinge sich entwickeln, werde ich es vielleicht tun.

Winston ignoriert mich.

Er hat gesagt, dass er nicht vorhätte zu kommen, aber hier ist er und hängt mit den Spinnern ab.

Er steht auf, um sich einen Drink zu holen, also stehe auch ich auf und hole mir einen Drink. Er geht auf die Tanzfläche, also ziehe ich Natalie auf die Tanzfläche. Er setzt sich auf die Tribünen, also setze ich mich ebenfalls auf die Tribüne.

Ich versuche angestrengt, ihn dazu zu bringen, mich zu beachten. Das habe ich schon die ganze Nacht lang getan, aber er schenkt mir nicht einmal eine Sekunde seiner Aufmerksamkeit. Ich mache ihm jedoch keinen Vorwurf, ich weiß, dass ich nichts anderes verdiene.

Aber wenn er mir nur die Chance geben würde, mich zu entschuldigen, es diesmal richtig zu machen… Ich würde diesmal das Richtige sagen. Ich schwöre, dass ich es würde.

Ich würde ihm die Wahrheit über diese Nacht sagen.

Natalie flüstert mir etwas ins Ohr, während sich ihre Hüften gegen meine bewegen, aber ich beachte sie nicht. Meine Aufmerksamkeit habe ich schon an jemanden vergeben.

Er sitzt wieder auf der Tribüne mit Ani und Clay auf seiner rechten und Alex auf seiner linken. Die vier unterhalten sich, lächeln und haben Spaß. Er wirkt so glücklich und es tut weh zu wissen, dass er mich nicht braucht, um sich zu amüsieren.

Dann kommt Ani auf die Beine und zieht Clay mit sich auf die Tanzfläche. Alex und Winston bleiben allein zurück.

Sie sind nur als Freunde hier, sage ich mir. Freunde, nicht mehr.

Alex ist nicht mal schwul, ich muss mir wegen ihm keine Sorgen machen.

Aber ich sehe, wie Alex ihn ansieht, so wie ich ihn hätte ansehen sollen, bevor es zu spät war.

Erneut zeigt Winston seine Zähne. Er trägt ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als er loslacht, während er zusieht, wie Ani versucht, Clay zu überreden, mit ihr zu tanzen.

Ein langsames Lied beginnt zu spielen und Natalie bewegt sich, um mehr Abstand zwischen uns zu bringen. Sie legt ihre Hände auf meinen Schultern ab und blickt mir ins Gesicht. Jetzt wird es unmöglich sein, Winston zu beobachten.

Ich schenke ihr ein Lächeln und lege meine Hände auf ihre Hüften. Ich ziehe sie näher zu mir, sodass ihr Kinn auf meiner Schulter ruht. Zumindest wird sie so nicht sehen können, dass ich meine Augen auf jemand anderes geworfen habe. Es kann ihr nicht wehtun, wenn sie es nicht weiß.

Ich sehe, wie Alex‘ Lippen sich bewegen, doch ich kann seine Worte nicht hören. Ich wünschte, ich wüsste, worüber sie sich unterhalten. Es würde mir helfen festzustellen, als was sie zusammen hier sind.

Aber andererseits brauche ich gar keine Worte. Es reicht schon, ihnen zuzusehen.

Ich spüre, wie mein Magen sich zusammenzieht und verknotet, während ich beobachte, wie sich Alex‘ Hand langsam immer weiter und weiter auf Winstons zubewegt.

Ich halte den Atem an.

Winston scheint nicht bewusst zu sein, wie nah sich ihre beiden Hände sind. Mir allerdings schon.

Und dann streichen Alex‘ Finger gegen Winstons. Ein Teil von mir will dort hinübergehen, Winston hochheben und soweit von Alex wegtragen, wie es meine Beine zulassen. Aber ein anderer Teil von mir will, dass Winston selbst auf Abstand geht. Irgendetwas, das mir zeigt, dass er noch nicht bereit ist, sich auf etwas Neues einzulassen.

Warum bin ich so besessen von ihm? Langsam wird es peinlich.

Doch ich schaue zu, als Winston hinunter auf ihre sich leicht berührenden Finger blickt und er seine Hand näher zu Alex‘ bewegt. Ich schwöre, ich könnte mich auf der Stelle übergeben.

Ich konnte ihn nicht mit zum Homecoming-Ball nehmen, also hat er jemanden gefunden, der es konnte. Jemanden, der ihn nicht zwingen würde, sich zu verstecken und herumzuschleichen. Jemanden, der sich nicht dafür schämen würde, mit ihm anzugeben.

Weil er genau das haben sollte. Er verdient es, dass man mit ihm angibt.

Ich muss meinen Blick von ihm losreißen. Es tut weh. Es tut verdammt nochmal weh.

Ich neige den Kopf hinunter und ziehe Natalie sogar noch enger an mich, als ich den Geruch ihres Shampoos einatme. Sie riecht überhaupt nicht wie er, aber es ist besser als nichts und langsam werde ich ruhiger.

„Was bist du heute so anhänglich?“, zieht sie mich auf und lacht, als sie sich zurückzieht.

„Mhm“, mache ich. Ich packe ihre Hüften noch fester, doch es fühlt sich nicht richtig an.

Sie hebt eine Augenbraue, ihr gefällt sichtlich, worauf ich hinauswill, und dann neigt sie ihren Kopf noch oben und küsst mich.

Es ist nur ein Kuss.

Nichts Besonderes, nichts Ungewöhnliches.

Nur ein weiterer Kuss.

Ich ziehe mich zurück, ehe sie wahrnehmen kann, dass ich nicht so sehr bei der Sache bin wie sie. Mädchen können diesen Scheiß sogar schneller erkennen, als du selbst.

Meine Augen flackern fast automatisch zur Seite und mein Herz bleibt stehen.

Oh, also jetzt beschließt er, hierher zu sehen?

Aber dann bin ich mir nicht mal sicher, ob er zu mir geschaut hat oder ob ich es mir eingebildet habe, da er sich wegdreht. Er hätte etwa tausend andere Dinge anschauen können und doch will ich glauben, dass er stattdessen mich angesehen hat.

Doch ich habe meine Chance vermasselt.

Und Winston bestätigt das nur, als er aufsteht und Alex die Tribüne herunter folgt.

Schön für ihn.

Wirklich. Ich freue mich für ihn.

Ich will, dass er glücklich ist, auch wenn das bedeutet, dass ich mich wie Scheiße fühlen muss.

***


Na und wenn sie zusammen gegangen sind?

Viele Leute brechen zusammen auf nach Hause.

Meistens verschwinde ich zusammen mit Scott und Charlie, aber das bedeutet nicht, dass ich die Nacht beende, indem ich sie ficke.

Aber ich halte auch nicht Händchen mit ihnen in der Öffentlichkeit.

Warum muss alles so verwirrend sein?

Ich laufe durch die leeren Flure und versuche angestrengt, nicht hinzufallen oder zu stolpern.

Scott hätte mich vermutlich nach meinem zweiten Drink aufhalten sollen. Oder meinem dritten oder vierten, wenn wir schon dabei sind.

Doch er ist wütend geworden, als ich ihm gesagt habe, dass er sich verpissen soll, und ich habe es ignoriert, um mit Natalie zu tanzen.

Natalie hat es nicht wirklich interessiert, ob ich mich wie er Arschloch verhalten habe oder nicht, solange ich mich ihr gegenüber anständig benehme. Ich merke jetzt schon, dass sie darüber nachdenkt, wie sie mich „ändern“ kann. Süß.

Der Einzige, den ich da drinnen tolerieren kann, ist Charlie.

Er hat sich genauso verhalten wie sonst, als hätte das Gespräch, das wir ein paar Stunden vorher geführt haben, nie stattgefunden.

Ich mache mir mental eine Notiz, mich bei Charlie zu bedanken, sobald ich wieder nüchtern bin. Nicht, indem ich tatsächlich „Danke“ sage, aber er wird wissen, was ich meine. Ich werde mir etwas überlegen, sobald der Alkohol aus meinem Körper verschwunden ist.

Scott könnte mich mal schonen.

Ich arbeite hart und versuche, jede Sekunde dieses verdammten Tages jeden zufriedenzustellen (oder zumindest versuche ich es). Er könnte mir wenigstens diesen einen Tag freigeben.

Ich halte mich haltsuchend an der Wand fest. Ich denke nicht, dass ich betrunken bin, dazu habe ich zu wenig getrunken, aber es fühlt sich so an.

Was auch immer Diego mir gegeben hat, muss ziemlich harter Scheiß gewesen sein. Keineswegs wie der Orangensaft, den die Lehrer uns ausschenken.

Mit jedem Schritt, den ich mache, streife ich an der Wand entlang. Vielleicht gehe ich nicht mehr komplett aufrecht, aber immerhin werde ich nicht hinfallen.

Ich höre ein leises Brummen, das vom Ende des Korridors kommt.

Und mit jedem Schritt, den ich darauf zugehe, wird das Geräusch deutlicher und ich kann fast die Worte verstehen.

„Der Pfeilgiftfrosch…“, ertönt es dumpf hinter der Tür des Klassenzimmers und ich halte an.

Leicht öffne ich die Tür und stecke den Kopf hinein. Das Licht im Raum ist ausgeschaltet, aber das Video auf dem Bildschirm erleuchtet ihn mit einem sanften blauen Licht.

Er sieht so hübsch aus mit dem blauen Licht auf dem Gesicht.

Es sieht so aus, als würde er sich eine Naturdokumentation ansehen. Er sitzt mit baumelnden Beinen auf einem Tisch und schwingt diese vor und zurück, während er das Video auf dem großen Bildschirm verfolgt.

Ich habe angenommen, er befände sich inzwischen vor Alex auf den Knien.

„Hey.“

Scharf dreht er sich mir zu. Er erkennt, dass ich es bin und wendet sich danach wieder seiner Dokumentation über Frösche zu.

Richtig. Er ist wütend auf mich.

Ich öffne die Tür weiter und gehe hinein. Er sagt nichts, beachtet mich nicht einmal.

Ich schließe die Tür hinter mir mit einem leisen Klick und gehe langsam zu ihm hinüber. Noch immer sieht er mich nicht an.

Ich seufze und setze mich neben ihn auf den Tisch, leicht an der Kante, sodass meine Schuhspitzen immer noch den Boden berühren.

Der Mann in der Dokumentation fängt an, über den Frosch und sein Leben im Winter zu erzählen und ich kann nicht anders, als mich zu fragen, wer jemals Spaß daran haben könnte, sich diesen Scheiß anzusehen.

„Was guckst du dir an?“, erkundige ich mich, weil die Stimme des Mannes beginnt mir auf die Nerven zu gehen und ich irgendwie ein Gespräch in Gang bringen muss.

Winston zuckt die Achseln. „Es lief schon, als ich herkam.“

Weshalb ist er so ruhig? Weshalb stört es ihn nicht, dass ich hier bin und mit ihm rede, wenn ich ungefähr eine Million andere Dinge tun könnte?

„Mhm“, brumme ich und lecke über meine Lippen. Ich habe keine Ahnung, was ich zu ihm sagen soll.

Ein „Es tut mir leid“ reicht nicht. Er schaut mich nicht einmal an, er interessiert sich mehr für den Frosch als für mich.

Dann seufzt er tief und – ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen – sagt er: „Was machst du hier, Monty? Solltest du nicht bei deinem „Date“ sein?“

Er spricht das Wort „Date“ aus, als könnte er überhaupt nicht glauben, dass ich Natalie als meine Verabredung mitgebracht habe. Ist er… eifersüchtig?

Vielleicht ist es doch noch nicht vorbei.

Ich ignoriere seine Frage, weil – sollte es wirklich noch eine Chance für uns geben… – ich keine Zeit damit verschwenden will, indem wir über Natalie reden. Er will, dass Natalie verschwindet? Erledigt. Sie verschwindet. Sie existiert nicht mehr für mich.

Los geht’s.

„Nach dem Spiel ist dieser Typ auf mich zugekommen. Hat mich eine Schwuchtel genannt und meinte, ich sähe aus wie einer dieser Twinks, die darauf abfahren, anderen einen zu blasen“, erzähle ich und schaue – genau wie Winston – auf den Bildschirm. Ich würde eher diese beschissene Dokumentation ansehen statt ihn. Ich bin sicher, ihm geht es genauso.

Winston nickt langsam, als würde er meinen Worten keine Beachtung schenken, aber ich beachte es nicht. Er muss wissen, was in dieser Nacht passiert ist.

„Ich bin so scheiße wütend geworden“, sage ich und Winston schnaubt, als überrasche es ihn nicht. „Und dann kamen Natalie und ein paar andere Cheerleader auf uns zu und luden uns zu einer Party in ihrem Haus ein. Ich wollte nicht verdächtig wirken…“ Ich hole tief Luft, um Winston einen Augenblick zu geben, es in sich aufzunehmen. Vielleicht auch, weil ich hoffe, dass er etwas sagt. Aber nicht einmal ich glaube den Mist, der aus meinem Mund kommt.

Ich habe so lange versucht, mich davon zu überzeugen, dass ich ihn ignoriert habe, um meinen Ruf nicht zu gefährden. Aber mein Ruf ist gar nicht in Gefahr, ich suche nur nach Ausreden.

„Ich weiß, es ist keine Entschuldigung dafür, dass ich dich zurückgelassen und dir nicht geschrieben habe, aber –“

„Aber was?“, sagt Winston ruhig und blickt zur Seite, um kurz Blickkontakt herzustellen. „Es tut dir leid? Ich sollte dir einfach vergeben und es auf sich beruhen lassen?“

„Das sage ich doch gar nicht!“ Frustriert seufze ich auf und reibe mit einer Hand über mein Gesicht. „Kannst du mir nicht einfach zuhör–“

„Ich… ich versuche einfach so sehr, dich zu verstehen“, unterbricht Winston mich und ich schließe den Mund. Er nimmt mir meine beschissene Ausrede auch nicht ab. „Aber egal, was ich tue, es scheint nie gut genug für dich zu sein.“ Er atmet tief ein und dreht seinen Kopf, um mich anzusehen. „Du behandelst mich wie Scheiße und trotzdem schaffe ich es, mir einzureden, dass es irgendwie meine Schuld ist. Dass ich etwas falsch gemacht habe. Es ist so verdammt anstrengend, zu versuchen, mit dir mitzuhalten und ich… ich kann das einfach nicht mehr.“

Ich hätte nie gedacht, dass er derjenige sein würde, der es beendet. Ich habe einfach angenommen, dass er immer in der Nähe bleiben, dass er immer da sein würde, bis zu dem Tag, an dem ich beschließen würde, es zu beenden.

„Was kannst du nicht mehr?“, will ich wissen. Ich will, dass er es ausspricht, dass er genau erklärt, was er beenden will. Den Sex? Die Auseinandersetzungen?

Er schnaubt und schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht. Das“, sagt er und deutet auf den Abstand zwischen uns. „Was auch immer das ist.“

Was auch immer. Das alles ist ein „Was auch immer“ für ihn.

Alles. Er will alles beenden. Nicht nur die Auseinandersetzungen und den Sex, alles. Die heimlichen Treffen, zusammen aufzuwachen, fettiges Essen zu essen, während der Fußballkanal im Fernsehen läuft…

Alles.

Langsam nicke ich und schürze die Lippen. „Ja… Okay.“

Ich schaue zu Boden und seufze.

Also, was jetzt?

Gehe ich einfach? Sehe ihn nie wieder? Spreche nie wieder mit ihm? Tue so, als würde ich ihn nicht kennen, wenn ich ihn in der Schule sehe? Tue so, als wäre er nicht das Erste, das ich morgens und das Letzte, was ich nachts sehe?

„Okay“, wiederholt er und blickt hinunter auf seine Beine.

Aber keiner von uns rührt sich.

Ich will ihn schütteln, ihn an den Schultern packen und schütteln. Warum tut er mir das an? Ich will ihn fragen, was ich tun muss, um es wieder gut zu machen. Aber ich bekomme gar nicht die Chance dazu, weil Winston bereits auf die Beine kommt.

„Ich sollte zurück zu Alex gehen“, sagt er und weicht meinem Blick aus.

Natürlich ist er lieber bei dem Kerl, der sich nicht dafür schämt, seine Hand in der Öffentlichkeit zu halten. Das sollte mich nicht überraschen.

Ich sollte ihn bitten, zu bleiben. Er muss wissen, dass ich will, dass er bleibt.

Ich will nicht, dass diese „Sache“ zwischen uns vorbei ist, dazu bin ich noch nicht bereit. Aber er ist schon darüber hinweg und es hat keinen Sinn, ihn mit mir zusammen hinunterzuziehen.

„Ja“, sage ich und komme ebenfalls auf die Beine. „Natalie wartet wahrscheinlich auf mich.“

Idiot. Idiot. Idiot.

Winston wirft mir ein knappes Nicken zu und deutet mit einer Hand zur Tür, als wolle er mich vorgehen lassen.

Langsam drehe ich meinen Körper um und halte dann inne.

Scheiß drauf. Ich habe mir geschworen, ihm die Wahrheit zu sagen. Was habe ich denn ohnehin zu verlieren?

„Ich habe gelogen“, sage ich schnell und Winston sieht mit diesen haselnussbraunen Augen zu mir auf.

Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen und ein stummes „Wovon sprichst du?“, bildet sich auf seinem Gesicht.

Aber nun sind die Worte raus und ich kann mich und ihn nicht weiter anlügen.

„Die Nacht, in der ich… dich im Stich gelassen habe“, fange ich an und muss wegsehen, weil er so hoffnungsvoll aussieht. Ich will sein Gesicht nicht sehen, wenn ich ihn ein weiteres Mal enttäusche. „Ich habe es nicht getan, weil ein Typ mich eine Schwuchtel genannt hat. Ich meine, ja, klar war ich angepisst, aber ich wusste, dass er es nur gesagt hat, weil er wütend über die Niederlage war…“

Ich wage es aufzusehen und ich kann erkennen, dass Winston ein Lächeln unterdrückt. „Warum hast du es dann getan?“

Er verschränkt die Arme vor der Brust und wirkt amüsiert, als hätte er nie damit gerechnet, dass ich sowas sagen würde. Ja, da sind wir schon zu zweit.

Der Typ mit dem Pferdeschwanz hat mich eine Schwuchtel genannt und das war es, das mich ausrasten lassen hat.

Aber meine Zweifel darüber, ob es eine gute Idee gewesen ist, mich mit Winston zu treffen, haben schon vorher angefangen.

Daran zu denken, mich mit ihm zu treffen, besonders an diesem Ort. Ich habe gedacht, dass ich bereit dazu wäre, ihn mit ihm zu teilen. Aber es hat mich schwindelig werden lassen, ich habe mich kaum aufs Spiel konzentrieren können.

Ich habe mich noch nie zuvor so gefühlt. Er weiß nicht einmal die Hälfte von dem, was ich für ihn empfinde.

„Ich…“ Meine Stimme verliert sich und ich frage mich, ob er versteht. „Es macht mir verdammt nochmal Angst. Diese Sache zwischen uns.“

Ich halte inne und Winstons Gesicht wird weich, als würde er langsam begreifen.

Nervös lache ich, weil ich wirklich nicht weiß, was ich noch sagen soll. Ich erzähle ihm einfach alles, das ich auf dem Herzen habe, und es liegt nicht nur am Alkohol.

„Ich will nur den Sommer zurück“, seufze ich verzweifelt und bedecke mein Gesicht mit meinen Händen. „Es war so… einfach damals. Ich musste mir über nichts Sorgen machen außer darum, wann ich dich das nächste Mal sehen würde. Aber jetzt ist alles am Arsch. So kompliziert.“

„Das muss es nicht sein“, meint Winston, bevor ich wieder anfangen kann, zu schwafeln.

Ich nehme meine Hände vom Gesicht und er ist nun viel näher. Alex wartet auf ihn, aber er ist hier bei mir. Und das muss etwas bedeuten.

„Aber das ist es“, wiederhole ich. „Es ist am Arsch. Ich kann nicht so sein, wie du mich gerne hättest. Ich kann dich nicht auf einen Ball ausführen, ich kann deine Hand nicht vor allen anderen halten und ich kann nicht –“

Aber ich schaffe es nicht, meinen Satz zu beenden, weil es ihn nicht interessiert. Nichts davon interessiert ihn.

Tut es nicht. Weil er weiß, wie kaputt ich bin, und er küsst mich.

Er tritt vor und bringt mich zum Schweigen, indem er seine Lippen auf meine presst. Es ist kein Kuss wie die, die wir schon mal miteinander geteilt haben. Er ist nicht stürmisch oder aggressiv. Er ist leicht und einfach so, wie er gerade sein muss.

Er hebt seine Hände an mein Gesicht und hält mich still, während sich sein Mund mit meinem bewegt.

„Du stinkst verdammt nochmal nach Alkohol“, murmelt er gegen meine Lippen und ich lächle vor mir hin.

Ich greife nach seinen Hüften und ziehe ihn wieder an mich. Das ist eine Million Mal besser, als Natalie zu küssen, ihre Hüften und Lippen sind nichts im Vergleich zu seinen.

Jetzt küsst er mich etwas aggressiver und ich antworte darauf, indem ich in seine Unterlippe beiße. Eine seiner Hände wandert an meiner Schulter herab, in die er seine Fingernägel hineingräbt, als er ein leises Stöhnen ausstößt.

Ich will nicht, dass es aufhört, während ich ihn so nah an mich gepresst halte, wie ich kann – mit meiner Zunge in seinem Mund und seiner Hand, die meine Schulter drückt. Und er schmeckt genauso, wie ich es will, wie er selbst. Gott, ich will ihn niemals mit einem anderen teilen.

Sanft drücke ich ihn von mir und betrachte sein Gesicht. Seine roten, geschwollenen Lippen warten darauf, dass ich sie wieder küsse. Und das will ich, aber nicht hier.

Ich habe so lange hierauf gewartet, ich will es nicht überstürzen oder etwas falsch machen.

Seine haselnussbraunen Augen brennen sich abwartend in meine und in dieser Sekunde weiß ich, dass es nicht Alex sein wird, mit dem er heute Nachricht nach Hause geht.
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