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Someone Will Remember Us

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Montgomery de la Cruz
06.09.2020
22.11.2020
30
99.640
4
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
01.10.2020 4.251
 
Guten Abend ihr Lieben!


Es tut mir sehr leid, dass ich das neue Kapitel heute erst so spät posten kann, aber ich musste lange arbeiten und war danach noch mit einem Kollegen essen.

Deswegen halte ich das Vorwort schön kurz und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Eure Anja

_____________________________________

Kapitel 8: Gespräche über das Wetter


Der Montag verläuft nicht gut.

Zuerst habe ich versehentlich einen Teil meines Flanellshirts in meinem Spind eingeklemmt, die Tür hat geklemmt und Scott und Charlie haben ungefähr fünf Minuten mit dem Versuch verbracht, mich zu befreien, während jeder, der an uns vorbeigelaufen ist, gelacht hat. Dann hat mir Charlie meine Jacke zurückgegeben, zwar ohne Kotze, aber leicht eingelaufen. Und jetzt finde ich heraus, dass ich nach der Mittagspause einen Englischtest schreiben soll.

Scott erklärt mir, dass wir dieses Buch lesen und einen dummen Aufsatz darüber schreiben sollten. Zum Glück ist dieser nicht bis nächste Woche Montag fällig. In diesem Moment bin ich nur besorgt darüber, dass ich genug über das Buch weiß, um den Test zu bestehen. Wer weiß, welche Fragen sich Miss Lawrence ausgedacht hat.

Normalerweise würde mich irgendein Englischtest, der wahrscheinlich eh nichts bedeutet, nicht interessieren. Aber Mom ist gestern offiziell wieder eingezogen und sie nimmt die Rolle der „fürsorglichen Mutter“ jetzt schon zu ernst. Sie weiß, dass ich aktuell in Chemie durchfalle und dass ich kurz davor bin, auch Mathe nicht zu bestehen. Sie hat es beim Frühstück zur Sprache gebracht und ich konnte sehen, dass Dad versucht hat, sich zu beherrschen und mir nicht den Esstisch an den Kopf zu werfen.

Also setzen wir das Mittagessen aus, sitzen in der Bibliothek und versuchen, für diesen dämlichen Test zu lernen.

Scott sollte hier bei uns sein, doch er hat sich vor ein paar Minuten verpisst, um uns etwas zu essen zu besorgen. Deswegen sind jetzt nur Charlie und ich hier und Charlie muss den Test nicht einmal schreiben, da wir nicht im selben Jahrgang sind.

Doch Charlie ist derjenige, der das Buch liest und zwischendurch mit diesem merkwürdigen Ausdruck in den Augen zu mir aufblickt, als wolle er mich etwas fragen und sich aber Sorgen wegen meiner Reaktion darauf machen würde.

Ich lese Zusammenfassungen des Buches auf meinem Handy. Das ist viel einfacher, als das ganze Buch zu lesen, und ich kann mir die Namen fast aller Charaktere merken. Das sollte reichen, um den Test zumindest zu bestehen.

Gott, ich bin so verdammt hungrig. Was braucht Scott so lange?

Charlie schaut zum hundertsten Mal zu mir auf und es fängt an, mich zu nerven. Er soll das Buch lesen und die Kapitel für mich zusammenfassen. Es sind nur noch fünfzehn Minuten von der Mittagspause übrig und wir haben kaum das erste Kapitel geschafft.

„Was?“ Ich stöhne auf und lege mein Handy auf den Tisch. Ich werde jede Ausrede nutzen, um mit dem Lesen aufzuhören, meine Augen beginnen zu brennen. Charlie sieht weg und ich kapiere es, er wäre gerne überall, nur nicht hier. „Schön, streich das Lesen. Ich muss nicht jedes kleinste Detail wissen.“

Nervös schüttelt Charlie den Kopf und räuspert sich. „Nein, das ist es nicht. Es ist…“ Er legt das Buch zwischen uns auf den Tisch und seufzt. „Ich meine, lass uns ehrlich sein, ich könnte eine Seite pro Sekunde lesen und wir würden es immer noch nicht durch alle elf verbliebenen Kapitel schaffen.“

Ich runzele die Stirn, während ich versuche zu kapieren, was er meint. „Sagst du mir… dass ich aufgeben soll?“

Ich lehne mich in meinem Stuhl vor und Charlie blickt schnell weg. Ich hätte nie damit gerechnet, dass Charlie derjenige sein würde, der mich aufgibt. Scott? Vielleicht, ich meine, er musste sich schon mit so viel Scheiße von mir befassen, dass ich mittlerweile die Tage herunterzähle, bis er mich anblafft.

Aber Charlie? Er soll mich nicht infrage stellen, er soll mein Freund sein und mir helfen.

„Erinnerst du dich an… alles, das Freitag passiert ist?“, erkundigt er sich in einem Versuch, das Thema zu wechseln. Aber gut, ich würde liebend gerne über alles andere als dieses elende Buch sprechen.

Ich zucke die Achseln. „Ziemlich. Ich meine… nicht an alles alles. Aber ich erinnere mich an genug, weißt du?“

Charlie wirkt, als wäre ihm unbehaglich und als würde er bereuen, es angesprochen zu haben, aber jetzt hat er meine volle Aufmerksamkeit und ich will wissen, worauf er hinauswill.

„Warum fragst du?“

Charlie fährt mit einer Hand durch seine Haare und atmet lange aus. „Du hast Freitag nur etwas zu mir gesagt. Und ich kann seitdem nicht wirklich aufhören, daran zu denken.“

Ich hebe eine Augenbraue. Was könnte ich bloß gesagt haben, dass Charlie so unruhig und unbehaglich macht. Charlie, der Typ, der gesehen hat, wie mir Kotze am Kinn hinabtropft. Mehr als einmal. Ich habe in seiner Gesellschaft ein paar ziemlich krasse Dinge gesagt und getan. Was also könnte ich gesagt haben, dass ihn so unbehaglich werden lässt?

„Du hast mir von Natalie erzählt und wie sie dir einen geblasen hat“, meint Scott und ich schnaube. War ich zu explizit? Habe ich ihn peinlich berührt?

„… okay?“

„Und dann hast du etwas gesagt…“, meint Charlie leise. Er räuspert sich, setzt sich aufrechter hin und sieht mir direkt in die Augen. „Du meintest, dass es sich nicht so gut angefühlt hat, als wenn… ein Kerl –“

„Halt die Klappe“, sage ich und schneide ihm das Wort ab. Ich werfe einen Blick durch die Bibliothek, doch niemand scheint uns zu beachten. „Halt verdammt nochmal die Klappe.“

Charlie sieht verblüfft aus. Zu wissen, dass manche Kerle Blowjobs geben, sollte ihn nicht schockieren, er sollte daran gewöhnt sind.

„Ich… wir waren am Freitag alle ziemlich neben der Spur“, schwafele ich und versuche, Charlies nächste Worte zu übertönen. „Wahrscheinlich habe ich nur versucht, einen Witz zu machen. Darüber, dass du eine Schwuchtel bist oder sowas.“

Charlie sieht nicht so aus, als würde er mir ein Wort glauben, doch er nickt trotzdem. „Richtig“, sagt er und er zwingt sich zu lachen. „Ja, natürlich.“

Es macht mich nicht gleich schwul, dass ich einen Blowjob von einem Kerl zugelassen habe. Winston sieht ohnehin wie ein Mädchen aus, also zählt es sowieso nicht.

Es ist nicht so, als würde ich allgemein auf Typen stehen, nur auf einen.

Und das zwischen uns ist vorbei. Es hat keinen Zweck, darüber nachzudenken. Ich kann wieder dazu übergehen, Mädchen zu vögeln.

***


„Zuerst Chemie, dann Mathe und jetzt auch noch Englisch?“

„Ich weiß. Tut mir leid“, murmele ich, weil es nichts gibt, was ich sonst sagen könnte. „Ich gebe mein Bestes.“

„Monty… deine Lehrerin sagt, dass du nur eine Frage beantwortet hast. Eine. Wie kann das bedeuten, dass du „dein Bestes gibst“?“, sagt meine Mom.

Sie nimmt das alles echt viel zu ernst, aber mir ist es lieber, wenn sie mich ein paar Minuten lang anschreit, als dass mein Dad anfängt, mir Lektionen darüber zu erteilen, wie viel er für diese Familie geopfert habe.

Ich kenne mittlerweile praktisch seine komplette Lebensgeschichte von den vielen Malen, die er mir eine Lektion erteilen musste.

Ich sitze am Esstisch, habe die Arme auf der Tischplatte verschränkt und mein Kinn auf ihnen abgelegt.

In Ordnung, also vielleicht habe ich nur eine Frage beantwortet, aber ich habe trotzdem mein Bestes gegeben. Es ist nicht meine Schuld, dass die Testfragen so kompliziert waren.

„Sie erzählte mir, dass du nicht einmal den Namen des Hauptcharakters richtig geschrieben hast“, sagt meine Mom jetzt und ich verdrehe die Augen.

Ich habe mir um Wichtigeres Gedanken machen müssen, als über irgendeinen fiktionalen Kerl, der sich rund um die Uhr selbst bemitleidet.

Charlie könnte etwas ahnen, aber er weiß eigentlich nichts. Zumindest nichts Genaues.

Ich weiß, dass meine Mom müde ist. Sie muss vergessen haben, was ich heißt, Teil dieser Familie zu sein. Jeder ist erschöpft und angespannt davon, das Spiel so lange aufrechtzuerhalten. Sie alle versuchen so sehr, dafür zu sorgen, dass es funktioniert. Und hier sitze ich und vermassle alles.

„Wenn dein Dad es herausfindet–“, sagt sie leise und schüttelt den Kopf.

„Nun, das wird er nicht, oder?“, zische ich. „Es sei denn, du erzählst es ihm.“

Ich spreche es nicht aus, aber sie versteht, was ich zu sagen versuche: Sobald sie es ihm erzählt, wird sie dafür verantwortlich sein, das Schauspiel der „perfekten Familie“ zerstört zu haben.

Ich sehe sie mit erhobenen Augenbrauen an und sie seufzt. Sie hat keine weiteren Argumente mehr in petto.

Endlich lässt sie mich nach oben in mein Zimmer gehen, nach einem Vortrag darüber, dass ich mich mehr anstrengen solle. Ich habe kein einziges Wort aufgenommen.

Ich schlage die Tür hinter mir mit einem lauten Knall zu, damit sie weiß, dass ich einen Scheiß darauf gebe, was sie zu sagen hat. Sie ist nicht meine Mom, das war sie eine lange Zeit lang nicht.

Mein Zimmer ist ein Chaos. Aber nicht eines mit zerbrochenen Möbelstücken, die überall herumliegen. Eher eins, das entsteht, wenn man zu beschäftigt ist, um überhaupt daran zu denken, aufzuräumen.

Mein Schreibtisch, den mir mein Dad als Entschuldigung dafür gekauft hat, dass er die Bierflasche über meinen Kopf zerschmettert hat, ist mit Hausaufgaben bedeckt, die ich niemals erledigen werde. Ich werfe einen kurzen Blick auf sie und blicke nicht zurück, als ich hinüber zu meinem Bett gehe.

Ich verlasse das Bett jeden Morgen mit zerwühlten Laken, aber immer, wenn ich nach Hause komme, ist es ordentlich gemacht. Ich schätze, das ist ein Vorteil davon, dass Mom zurück ist.

Unterbewusst greift meine Hand unter das Kopfkissen, um das tröstliche Gefühl meiner Schulmannschaftsjacke zu suchen. Ich finde nichts.

Ich runzele die Stirn. Ich habe sie nicht weggelegt, seit Tagen hat sie versteckt unter meinem Kopfkissen gelegen.

Ich setze mich auf und hebe meine beiden Kopfkissen hoch, aber dort ist die Jacke auch nicht.

Scheiße.

Vielleicht ist sie ein wenig heruntergerutscht?

Ich komme auf die Beine, werfe die Bettdecke vom Bett und taste die komplette Matratze ab, aber ich finde sie nicht.

Die Jacke ist verschwunden.

Ich habe nicht nur ihn verloren, sondern auch das Einzige, das mich an ihn erinnert.

Langsam gerate ich in Panik und versuche mich zu erinnern, wann ich sie das letzte Mal gesehen habe.

Ich bin sicher, dass sie heute Morgen, bevor ich zur Schule aufgebrochen bin, noch da war –  unter dem Kopfkissen.

In einem verzweifelten Versuch, irgendeinen Hinweis darüber zu finden, wo sie steckt, schaue ich mich in meinem Zimmer um. In meinem Augenwinkel blitzt etwas Blaues auf und meine Augen landen auf einem Punkt unter dem Tisch und ich konzentriere mich darauf.

Ich packe den Stuhl, der unter dem Tisch steht, und ziehe ihn zurück. Da liegt sie. Meine Jacke. Ordentlich gefaltet, als wäre sie gewaschen worden.

Nein, das würde sie nicht tun.

Doch, was würde sie.

Ich hebe sie an mein Gesicht und als ich einatme, kann ich nur Waschmittel riechen, das nach Lavendel duftet.

Und das ist es. Das ist das Ende.

Weg.

Ich kann keinen Terz deswegen machen, dass Mom eine scheinbar schmutzige Schulmannschaftsjacke gewaschen hat. Ich kann nicht zugeben, dass sie das Einzige zerstört hat, das mich bei Versand gehalten hat.

***


Miss Lawrence scheint ein besonderes Interesse an mir entwickelt zu haben, seit sie mich bei meiner Mom verraten hat.

Sie ist eine dünne, blonde Frau mit Brille, die sie alle fünf Sekunden nach oben schieben muss, weil sie zu groß für ihr Gesicht zu sein scheint. Sie sieht nicht viel älter aus als ich, sie könnte leicht als Highschool-Schülerin durchgehen.

Was der Grund dafür ist, dass – als sie mich am Ende des Unterrichts bittet, noch zu bleiben – all die anderen Jungen anfangen, hinter ihrem Rücken Grimassen zu schneiden.

Sie fragt mich, ob ich Hilfe bei meinem Aufsatz brauche, wie ich das Buch finde und ob ich genug schlafe.

Nein, ich komme gut mit meinem Aufsatz voran (habe ihn noch nicht einmal angefangen) und das Buch ist in Ordnung (keine Lüge, auch wenn der Hauptcharakter ein Arschloch ist). Was den Schlaf angeht… ich nicke, aber die dunklen Ringe unter meinen Augen verraten mich.

Die erste Nacht ohne die Jacke unter meinem Kopfkissen. Ich habe versucht, mir einzureden, dass es immer noch dieselbe Jacke ist, dass sie nur ein wenig anders riecht, aber das hat nicht wirklich geholfen.

Ich gebe ihm die Schuld dafür, dass er mich so schwach und erbärmlich hat werden lassen.

Sie versucht mich dazu zu bringen, mich mit ihr über das Buch zu unterhalten, aber ich zeige kein Interesse und schaue immer wieder auf die Uhr. Schlussendlich versteht sie den Wink mit dem Zaunpfahl und lässt mich gehen.

Ich bete zu Gott, dass Scott nicht ohne mich gegangen ist.

Nein, als ich die Treppen hinunterlaufe, sehe ich ihn an meinem Spind stehen und mit einem brünetten Mädchen reden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich bei ihm ankomme, ist das Mädchen bereits wieder verschwunden.

„Wer war das?“, frage ich und grinse ihn an. Er macht sich nicht die Mühe, mich zu fragen, wo ich gewesen bin, und er grinst zurück, während wir uns auf dem Weg zu den Ausgangstüren machen.

Es sieht so aus, als wäre er endlich über seine Ex hinweggekommen und ich könnte nicht zufriedener sein. Ich kann mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ehrliches Interesse an einem Mädchen gezeigt hat. Ich habe schon angefangen zu glauben, dass er letzten Endes schwul sein könnte.

„Dein Date fürs Homecoming“, meint Scott und klingt amüsiert, während wir die Tür aufdrücken und hinaustreten.

Verwirrt runzele ich die Stirn. „Was?“

„Natalie“, sagt Scott. „Sie hat an deinem Spind auf dich gewartet, als ich kam. Sie wollte wissen, ob du schon ein Date für Homecoming hast.“

Was stimmt denn nicht mit den Leuten, dass sie mir einmal einen blasen und dann anhänglich werden?

Ich erwidere nichts. Homecoming? Daran habe ich noch gar nicht wirklich gedacht. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht einmal vor hinzugehen.

„Mach dir keine Gedanken“, sagt Scott und wirft einen Arm über meine Schulter, als wäre er stolz auf sich, dass er meinen Verkuppler gespielt hat. „Du musst dir nur überlegen, was du anziehen wirst. Ich habe alles geklärt, du musst nur daran denken, sie um acht Uhr abzuholen.“

Ich sage immer noch nichts. Aber vielleicht könnte das eine gute Sache sein.

Die Leute würden mich mit einem Mädchen zusammen sehen und jegliche Mutmaßungen würden sich in Luft auflösen.

Es scheint der perfekte Plan zu sein.

Aber Scott wartet immer noch auf eine Antwort und hört langsam auf zu lächeln. „Was? Habe ich etwas falsch ge–“

„Halt die Klappe“, befehle ich ihm und grinse ihn an. Das könnte funktionieren. Vielleicht muss ich nur das richtige Mädchen finden und ab da wird sich alles zusammenfügen. Es konnte nicht schade, es zu versuchen. „Ich werde sie um acht Uhr abholen.“

Scott lacht unbefangen und seine Hand wandert von meiner Schulter auf meinen Kopf und er verwuschelt meine Haare. „Das ist mein Junge.“

„Verpiss dich“, sage und schubse ihn von mir weg. Und schlussendlich lachen wir auf dem ganzen Weg bis zu meinem Auto.

***


Ich scheine mich in Miss Lawrence‘ Klassenraum besser konzentrieren zu können als in meinem eigenen Schlafzimmer.

Der Trainer hat uns strikte Anweisungen gegeben, vor dem Homecoming-Spiel morgen auf direktem Weg nach Hause zu fahren und zu entspannen, aber selbst, wenn ich nach Hause gehen würde, würde ich mich nicht entspannen können.

Nicht mit meinem Dad in der Nähe.

An diesem Morgen bin ich die Treppe heruntergekommen, um meine Mom mit einem frischen Bluterguss auf der rechten Wange in der Küche vorzufinden, als sie Pancakes machte.

„Die Schranktür war offen und ich bin direkt in sie hineingelaufen, ich Dummchen“, hat sie mir mit einem angespannten Lachen am Ende erzählt, als ich mich an den Tisch gesetzt habe

Wir beide haben gewusst, dass es eine Lüge ist, aber ich habe nur genickt und still mein Frühstück gegessen, während Estela sich immer noch oben in ihrem Zimmer für die Schule angezogen hat.

Miss Lawrence blickt zwischendurch zu mir herüber, um zu prüfen, wie ich zurechtkomme.

So langsam komme ich hinter das Buch. Es könnte sogar interessant sein, wenn ich nicht einen Aufsatz über es schreiben müsste.

Ich schaffe es, zwei Kapitel zu beenden und schaue dann hoch auf die Uhr. Dann stehe ich auf und packe das Buch in meinen Rucksack. Schweigend bedanke ich mich mit einem Nicken bei Miss Lawrence dafür, dass ich in ihrem Klassenraum bleiben durfte, während ich eben dieses verlasse, und sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln.

Wäre sie keine Lehrerin, wäre ich sicher, dass sie versucht hat, mit mir zu flirten. Ich mache ihr aber keine Vorwürfe.

Auf dem Weg hinaus aus dem Gebäude halte ich bei den Toiletten an. Alles ist ruhig und still, während ich die Seife mit warmem Wasser von meinen Händen spüle.

Es stellt sich jedoch heraus, dass ich selbst dann nicht sicher bin, wenn die Schule leer ist.

Die Tür zu den Toiletten geht mit einem Quietschen auf und er tritt herein. Ich blicke auf, aber sobald ich erkenne, wer es ist, drehe ich mich ruckartig weg.

Er muss auch länger geblieben sein, um zusätzliche Arbeiten zu erledigen.

Er geht nicht zu den Pissoirs, sondern direkt zum Waschbecken und dreht den Wasserhahn auf.

Meine Hände sind nun sauber und ich sollte zur Tür gehen.

Leicht drehe ich meinen Kopf und sehe auf seine Hände. Es sieht so aus, als hätte er schwarze Tinte über seinen ganzen Körper verschüttet. Er reibt seine Hände zusammen, aber die Tinte scheint nicht zu verschwinden und er nimmt eine große Menge Seife in seine Hände.

„Hast du ein Date fürs Homecoming?“, will ich wissen und überrasche damit sowohl ihn als auch mich, als ich nach den Papiertüchern greife.

Scharf dreht er sein Kopf zu mir und hebt die Augenbrauen. „Was?“

Mittlerweile sind seine Hände rot vom heißen Wasser, das über sie fließt, aber die Tinte bleibt, wo sie ist.

„Homecoming“, sage ich lässig, als würden wir über das Wetter reden. „Hast du ein Date?“

Seine Lippen kräuseln sich langsam nach oben und in meinem Bauch setzt ein flatterndes Gefühl ein, während ich beobachte, wie seine Zunge nervös über seine Unterlippe fährt. „Fragst du mich, ob ich dein Date fürs Homecoming sein möchte?“

Und was würde es über mich aussagen, wenn ich mit einer Schwuchtel zum Homecoming-Ball gehen würde?

Ich schnaube und sein Lächeln verschwindet mit einem Wimpernschlag.

„Richtig“, sagt er kalt und wendet seine Aufmerksamkeit wieder seinen sich aneinanderreibenden Händen zu. „Nein, tatsächlich habe ich geplant, zuhause zu bleiben. Bälle sind nicht wirklich mein Ding.“

Ich nicke, als würde es mich interessieren, tut es aber nicht.

Ich hätte den Mund halten sollen, Stille wäre weniger peinlich gewesen als das hier.

Meine Hände sind mittlerweile komplett trocken. Es macht keinen Sinn, länger hier zu bleiben, als ich muss.

Ich werfe das Papiertuch in den Mülleimer und wende mich der Tür zu.

„Was ist mit dir?“, ruft Winston und ich bleibe stehen. „Hast du ein Date?“

Er klingt ein wenig genervt, aber ich ignoriere es. „Ja“, sage ich und versuche mir einzureden, dass es das gleiche ist, als wenn einer der anderen Jungs mich nach meinem Date fragen würde. Typen reden über solche Dinge, kein Grund, zu viel darüber nachzudenken.

„Natalie“, sage ich und spreche den Namen versuchsweise aus, als wäre er fremd.

„Ein Mädchen“, kommentiert Winston und als ich auf seine Hände schaue, reibt er sie härter gegeneinander als vorher, doch es scheint zu funktionieren.

„Natürlich ist es ein Mädchen“, sage ich und es interessiert mich nicht, ob er bemerkt, dass ich beleidigt bin. Na und selbst, wenn ich vorher ein paar Mal mit ihm geschlafen habe? Ich war geil, er war verfügbar. Es ist nicht so, als hätte ich etwas mit ihm getan, das ich nicht auch mit einem Mädchen hätte tun können.

„Na dann, viel Spaß“, meint Winston leise und ich hasse es, dass es ihn nicht zu stören scheint. Warum kann er nicht wütend auf mich sein? Warum kann er nicht irgendwas tun, das es mir leichter machen würde, ihn zu vergessen?

„Werde ich haben“, sage ich und damit gehe ich hinaus und lasse ihn zurück.

***


Wer auch immer gedacht hat, dass es eine gute Idee wäre, direkt nach einem Footballspiel einen Ball zu halten, hat eindeutig niemals selber Football gespielt.

Charlie lässt mich eine seiner Krawatten ausleihen, da ich keine eigene besitze und dann fahre ich zu mir nach Hause, um mich fertig zu machen, bevor ich Natalie abholen muss.

Ich stehe vor dem Spiegel, während ich versuche, mich zwischen den beiden Krawatten zu entscheiden, die ich in den Händen halte. Sie sind beide schlicht, eine schwarz und die andere dunkelblau.

„Nimm die dunkelblaue“, befiehlt Charlie mir, als ich sie an meinen Hals halte. „Die schwarze trage ich nur zu Beerdigungen.“

Nun, dann ist das geklärt.

Er sitzt auf dem Sessel und hält sich eine Wärmflasche an die Stelle seines Arms, an der sich seine Muskeln wund anfühlen. Die schwarze Krawatte werfe ich zurück zu ihm.

„Also… Natalie?“, will er wissen, als die Krawatte in seinem Schoß landet und ich muss gegen meinen Willen grinsen.

Ich habe es geschafft, mich nach dem Spiel mit ihr zu unterhalten. Es war das erste Mal seit der Party, dass wir miteinander gesprochen haben.

Ich erinnere mich nicht mehr an viel von ihr aus der Nacht, aber es stellt sich heraus, dass sie eigentlich ganz in Ordnung ist.

Sie gehört zu den Cheerleadern, ist nach dem Spiel auf mich zugekommen und hat mich vor allen anderen auf die Wange geküsst. Sollte vorher jemand Zweifel an meiner Sexualität gehabt haben, wären diese auf jeden Fall aus der Welt geschafft worden.

Sie ist klug, hübsch und sympathisch. Die perfekte feste Freundin.

Die perfekte Tarnung.

Nein. Das ist jetzt vorbei.

Wir haben es beendet.

„Sie scheint nett zu sein“, sagt Charlie gedankenverloren und ich frage mich, worauf er hinauswill, weil es sich nicht wie ein einfaches Geplauder anfühlt.

„Ist sie“, gebe ich zu, während ich die gefaltete Krawatte in meine Jackentasche stecke.

„Sieh mal, ich versuche nur zu sagen, dass… falls du jemals Beziehungstipps brauchen solltest…“

Ich schnaube und hebe amüsiert eine Augenbraue. „Was? Dann soll ich zu dir kommen?“, ziehe ich ihn auf. „Was weißt du schon über Mädchen?“

„Ich rede nicht von Mädchen“, sagt er schnell, als wolle er die Worte herauskriegen, bevor er es sich anders überlegen kann.

Ich versteife mich. Meine Hand bleibt in meinen Haaren und das Lächeln auf meinem Gesicht verwandelt sich in ein Stirnrunzeln. Ich bleibe stehen und blicke mich weiterhin im Spiegel an.

„Geht es um das, was ich dir auf der Party gesagt habe?“, erkundige ich mich mit einem nervösen Lachen in dem Versuch, es abzutun. „Ich habe dir bereits gesagt, dass –“

„Ich weiß, was du gesagt hast, Monty“, fällt Charlie mir ins Wort und ich bin angepisst.

Was glaubt er, wer er ist, dass er mich unterbrechen, infrage stellen und so tun könnte, als würde er es besser wissen?

„Ich bin keine verfickte Schwuchtel“, sage ich leise durch zusammengebissene Zähne. Ich kann mich nicht im Spiegel ansehen und sehe auf meine Füße.

„Ich behaupte nicht, dass du eine bist“, meint Charlie und er klingt so… selbstbewusst. Als würde er wirklich glauben, was er sagt. „Ich denke nur, dass du dich vielleicht selbst belügst. Genauso wie alle anderen um dich herum. Aber du verletzt nicht nur… wer auch immer der andere Kerl ist. Du verletzt auch dich selbst. Vertrau mir, ich weiß, wie das ist.“

Aber ich bin nicht wie er. Er hat nicht das Recht, mir Ratschläge zu geben.

„Ich muss los“, sage ich.

Die Luft im Zimmer erstickt mich und ich kann nicht mehr atmen. Wenn ich nur eine einzige Sekunde länger hierbleibe, fühlt es sich an, als würde mein Kopf explodieren.

Ich belüge mich selbst? Nein. Aber lüge ich alle anderen an? Gott, er kennt nicht einmal die Hälfte.

„Monty!“, ruft Charlie mir nach, aber ich habe sein Zimmer bereits verlassen und schlage ihm die Tür vor der Nase zu.

Ich kann nicht atmen, als ich die Treppe hinuntergehe.

Ich kann nicht atmen, als ich im Flur meine Schuhe anziehe.

Ich kann nicht atmen, als ich nach draußen trete.

Erst, als ich allein wieder in meinem Auto sitze, spüre ich, dass ich wieder atmen kann.

Ich atme ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Mein Atem wird schwerer und schneller, bis mir schwindelig ist.

Ich weine nicht. Das passiert schlicht und ergreifend nicht.

Aber tatsächlich fühlt sich meine Wange nass an, als ich sie berühre.

Grob wische ich sie mit meinem Handrücken trocken, aber ich fühle mich immer noch nicht besser.

„Scheiße“, sage ich leise.

Also weiß Charlie es. Und er denkt nicht, dass ich ein Freak bin.

Er denkt nicht, dass ich eine Schwuchtel bin.

Er verurteilt mich nicht und behandelt mich nicht anders.

Er ist einfach Charlie und will mir helfen.

Ich weiß nicht, was ich denken soll. Mir ist so schwindelig.

„Scheiße.“ Ich lache und kann bereits fühlen, dass meine Augen sich wieder füllen. Das wird langsam lächerlich.

Aber es ist nicht lustig. Es hat vor langer Zeit aufgehört, lustig zu sein.

Ich bin eine verfickte Katastrophe.

Und Charlie mag es nichts ausmachen, Winston mag es nichts ausmachen und ich bin sicher, dass es auch Scott nicht kümmern würde, wenn er es wüsste. Aber meinen Dad würde es. Footballscouts würde es etwas ausmachen. Vielen Menschen würde es etwas ausmachen.

„Scheiße!“, brülle ich und schlage mit meinen Handflächen auf das Lenkrad.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Scheiße! Und mit jedem Wort treffen meine Hände auf das Lenkrad, jeder Schlag härter als der letzte. Und ich mache weiter, bis sich meine Hände taub anfühlen und ich sie nicht mehr spüren kann.

Ich wünschte, ich könnte dasselbe mit dem Rest meines Körpers tun.
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